Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Geschichte, was den Inhalt von Hasbro´s My Little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum.

Kapitel 15: Reise, Reise

Als Rogue langsam durch die Straßen von Ponyville trottete, fiel ihm sofort die Veränderung in dem kleinen Dorf auf. Die wenigen Ponys, die auf der Straße unterwegs waren, wirkten gehetzt und unruhig, eilten ihren Besorgungen nach, als hätten sie selbst jetzt, am helllichten Tag, Angst sich im Freien aufzuhalten. Die meisten Geschäfte hatten geschlossen, ein oder zwei waren sogar so weit gegangen ihre Fensterläden zu vernageln. Lunas Nachtwache war durch Celestias Garde abgelöst worden und zeigte Präsenz auf der Straße. Sie sollten den Bewohnern eigentlich ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, eine gut gemeinte Geste der Regentin. Tatsächlich erinnerten die patrouillierenden Soldaten die Einwohner Ponyvilles nur an die Dringlichkeit der Gefahr, die über ihnen allen schwebte. Rogue sah mehrere Ponys ihre Karren mit Gepäck beladen und aus dem Dorf herausfahren, während ihre Blicke ängstlich der sich stetig senkenden Sonne folgten. Abgesehen von den schweren Schritten der Gardisten, den eiligen Hufen der wenigen Passanten und einem gelegentlichen Klappern von Wagenrädern, lastete eine bedrückende Stille über dem kleinen Dorf. Selbst die Vögel blieben stumm, als wären auch sie zu geschockt, um ihre Stimmen zu erheben. Das Rettungspony ließ den Kopf hängen, während er seinen Weg in Richtung Krankenhaus fortsetzte.

Fluttershy hatte recht. Die gestrige Nacht hatte tiefe Wunden geschlagen. Und nicht alle davon waren sichtbar.

Es standen noch immer einige der Wagen vor der Eingangstür des Hospitals, die gestern als improvisierte Ambulanzen gedient hatten. Rogue ging an ihnen vorbei. Ein Schaudern durchfuhr ihn, als er sah, dass jemand Sägemehl auf die Ladeflächen gestreut hatte. Er konnte sich gut vorstellen, warum.

Der Eingangsraum des Krankenhauses war überraschend ruhig, als er eintrat. Vier Ponys warteten still und in sich gekehrt darauf, dass die Schwester sie in einen Behandlungsraum rief. Eine Krankenschwester, die Rogue nicht kannte, inspizierte einige Kisten mit medizinischen Vorräten, die neben dem Tresen abgestellt worden waren und hakte den Bestand an einer Liste ab. Schwester Redheart stand hinter dem Empfang und sah einige aufgeschlagene Akten durch. Lyra, in voller Feuerwehrmontur, war neben ihr und machte sich offensichtlich Notizen. Sie sah kurz auf und lächelte, als sie Rogue erkannte. Das mintgrüne Einhorn entschuldigte sich bei der Krankenschwester und ging auf das Rettungspony zu, um ihn zu begrüßen.

„Hallo, Rogue! Schön dich auf den Beinen zu sehen. Wie geht es dir?"

Er schenkte ihr ein kurzes Lächeln. „Den Umständen entsprechend." Dann runzelte er die Stirn. „Es ist so ruhig hier. Nach gestern... hätte ich eigentlich mit mehr Betrieb gerechnet."

Lyra nickte ernst. „Das Schlimmste haben wir überstanden. Die schwerverletzten Patienten sind inzwischen fast alle nach Canterlot oder Stalliongrad verlegt worden." Sie schloss die Augen und schüttelte langsam ihren Kopf. Rogue konnte an ihren Bewegungen erkennen, wie müde die Stute war. „Das war noch einmal ein richtig schweres Stück Arbeit. Einige der Verletzten waren noch nicht richtig stabil, als wir sie zum Bahnhof gebracht haben. Die Universität in Canterlot hat zwar einige Ärzte und Schwestern geschickt, aber wir hatten auch so alle Hufe voll zu tun. Deine Hilfe hat uns wirklich gefehlt, Rogue."

Er seufzte traurig und ließ seine Ohren hängen. „Es tut mir Leid, Lyra. Ich hätte nicht einschlafen dürfen." Da war es wieder. ´Es tut mir Leid´. Als würden diese Worte irgendetwas verändern. Als würden sie etwas erklären. Als wären sie eine magische Formel, die die Dinge wieder ins Lot bringen konnte. Ein Haufen Pferdemist.

Lyra hob abwehrend einen Huf und schüttelte wild ihren Kopf. „Nein, nein, so war das nicht gemeint! Das war kein Vorwurf, Rogue! Celestia, du warst heute morgen in der Dorfhalle so fertig, dass ich dachte, du schläfst im Stehen ein! Nach dem, was du gestern alles durchgemacht hast... was du fertig gebracht hast..." Sie lächelte ihn aufmunternd an. „Ich meine, du hast schließlich die ganze Organisation in der Dorfhalle geschmissen. Ich habe von Tropical Spring gehört, wie es dort zuging, bevor wir beide dort aufgetaucht sind. Sie sagte, es war das reinste Chaos."

Das Rettungspony warf ihr einen verwirrten Blick zu. Seine Arbeit in der Verletztensammelstelle war nur eine entfernte, verwischte Erinnerung für ihn, getrübt durch den Schleier aus Erschöpfung und Entsetzen. Einige wenige, konkrete Augenblicke blitzten aus dem diffusen Nebel hervor, wie der Anblick der schwarzen Säcke hinter der Hecke. Aber er konnte sich beim besten Willen nicht mehr an Einzelheiten erinnern.

„Habe ich das?", fragte er schwach.

Lyra blickte ihn besorgt an. „Erinnerst du dich nicht mehr daran? Du hast die Feuerwehrponys zu Teams zusammengestellt und zusammen mit Schwester Tenderheart die Aufnahme neuer Patienten geregelt. Du hast dafür gesorgt, dass wir Medikamente aus dem Krankenhaus bekommen und sie uns einen Arzt schicken. Und dann hast du selbst Huf angelegt und überall angepackt, wo es nur ging! Hast du das vergessen?"

Der Holzboden war rutschig von Blut, das langsam darauf tropfte. „Verdammt, besorgt uns Sand oder Sägespäne, irgendwas!", schrie er und drückte weiter auf die spritzende Arterie.

Jetzt wusste er, warum er draußen bei den Wagen erschaudert war. Er war es, der die Idee dazu gehabt hatte.

„Ich schätze, ich wollte es einfach vergessen." Er atmete einmal tief durch. „Es ist auch nicht so wichtig. Alle Ponys haben gestern großartiges geleistet, vor allem die Freiwillige Feuerwehr. Übrigens muss ich mich noch bei dir bedanken, Lyra. Du hast mir gestern sehr geholfen."

Die mintgrüne Stute kicherte kurz. „Du? Du willst dich bei Mir bedanken?", fragte sie belustigt. Dann wurde sie schnell wieder ernst. „Ich habe zu danken. Dass du dich gestern um Bon Bon gekümmert hast. Du erinnerst dich bestimmt an sie, als wir auf der Party zusammen am Tisch saßen. Sie ist von diesem komischen Kälteatem der Schattenwölfe voll erwischt worden. Die Ärzte sagen, dass, wenn wir sie zu schnell bewegt hätten, sie das vielleicht umgebracht hätte." Sie blickte verlegen zur Seite. „Sie... sie bedeutet mir sehr viel. Vielen Dank, Rogue."

Er starrte sie einem Moment lang überrascht an. „Gerne geschehen.", brachte er schließlich hervor.

Er hatte noch nie gut mit Komplimenten oder Dank umgehen können. Er räusperte sich nervös und wechselte das Thema.

„Ähm, was machst du hier eigentlich noch, Lyra? Du siehst aus, als könntest du ein paar Stunden Schlaf gebrauchen."

Wie als Bestätigung gähnte die Einhornstute herzhaft und rieb sich über die müden Augen. „Wir versuchen anhand der Meldelisten herauszufinden, ob wir noch Ponys vermissen. Ich gleiche die Daten der Patienten ab, die hier eingeliefert worden sind und erfasse ihren Verbleib. Die anderen sind unterwegs und kontrollieren die Häuser. Es ist nicht leicht den Überblick zu behalten, weil viele Ponys Angst haben und das Dorf verlassen. Wir wollen nicht, dass jemand durch das Raster fällt. Ich habe mich für die Arbeit hier gemeldet, damit ich nach Bon Bon sehen kann." Sie blickte sich kurz um. „Willst du einen Kaffee? Ich kann gerade einen gebrauchen"

Das Rettungspony nickte. „Dazu sage ich nicht nein."

Sie ging wie selbstverständlich am Tresen vorbei in die Notaufnahme. Der lange Gang mit den vielen Türen war wie leergefegt. Ein paar frisch bezogene Tragen standen verlassen auf dem Flur. Sie führte ihn zu einer kleinen Küche, die auch als Aufenthaltsraum für das Pflegepersonal diente. „Milch und Zucker?", fragte sie ihn, während sie zwei Tassen aus einer großen Thermoskanne füllte.

„Schwarz, mit viel Zucker, danke." antwortete er automatisch und setzte sich an den Tisch. Die Überreste eines hastigen Frühstücks waren darauf verteilt. In dem Korb in der Mitte waren noch ein paar Brötchen und Plunderteile übrig. Rogue zögerte einen Augenblick, dann zuckte er mit den Achseln und bediente sich. Er hatte die letzten zwei Tage praktisch nichts gegessen und sein Magen knurrte.

Dankend nahm er den dampfenden Becher von der Stute entgegen. Er nahm einen vorsichtigen Schluck und genoss die süße Wärme des Kaffees in seinem Magen.

„Braucht ihr noch Hilfe bei der Überprüfung?", fragte er sie.

Lyra setzte sich ihm gegenüber und nahm ihrerseits einen Schluck. Dann nickte sie. „Sehr gerne. Wir sind gerade etwas knapp an Ponys. Pinkie hat ein paar der Kameraden nach Hause geschickt." Sie senkten ihren Blick. „Manche von uns vertragen es besser als andere, was wir alle gestern gesehen haben. Was wir durchmachen mussten. Oder vielleicht haben es einige von uns einfach noch nicht vollständig realisiert. Ich weiß es nicht."

Rogue schluckte den Bissen des süßen Gebäcks in seinem Mund hinunter und warf der mintgrünen Stute einen besorgten Blick zu. „Wie geht es dir dabei?", fragte er sie.

Lyra sah erschreckt auf und zögerte einen Augenblick, bevor sie antwortete. „Bon Bon ist in Sicherheit und auf dem Weg der Besserung. Dieses Wissen hält mich am Laufen. So lange ich noch die Augen offen halten kann, kann ich auch helfen. Was gestern passiert ist..." Sie verstummte für einen Moment. „Es hilft, wenn man etwas zu tun hat, ein Ziel. Hält die Gedanken beieinander. Das ist wichtig."

Langsam nickt Rogue. Sie hatte recht. Man brauchte etwas, auf das man sich konzentrieren konnte. Es half nichts auf der Stelle zu stehen. Ihm fiel ein Sprichwort der Pegasie ein: ´Wenn du eine Bruchlandung hinlegst, flieg sofort weiter, wenn deine Flügel dich tragen.´ Blieb man am Boden, fand man vielleicht nie mehr die Kraft wieder abzuheben.

Er schnaubte abfällig über seine eigenen Gedanken. Es war bei weitem einfacher gesagt, als getan. Wem machte er hier etwas vor?

„Ich soll noch eine Spritze gegen Tetanus bekommen. Oder was immer auch die Studierten in mich reinjagen wollen. Dann bin ich mit von der Partie."

Lyra schenkte ihm ein dankbares Lächeln. „Freut mich, das zu hören. Ich mache das mit deinen Impfungen klar, dann meldest du dich bei Golden Harvest im Spritzenhaus. Sie organisiert alles, während der Chief sich ausruht." Sie schüttelt langsam ihren Kopf. „Wir mussten Pinkie praktisch mit Gewalt dazu zwingen eine Pause zu machen. Das arme Ding. Sie hat uns gestern alle zusammengehalten. Aber als wir Sugar Coat gefunden haben, hat sie das ziemlich mitgenommen. Ich hoffe es geht ihr etwas besser, wenn sie aufwacht." Sie schob abwesend ihre Kaffeetasse zwischen den Hufen hin und her. „Er war eines von uns Feuerwehrponys, weißt du? Hat sich zwischen einen Schattenwolf und eine Stute mit ihrem Fohlen gestellt. Dieses verdammte... Monster hat ihm den Hals gebrochen. Celestia sei dank ist den beiden nichts passiert." Lyra verstummte für einen Augenblick. „Eigentlich sollten wir lieber Luna danken. Schließlich war es ihr Vollmond, der die Schattenwölfe letztlich vertrieben hat."

„Ja, ich weiß. Luna sei dank.", stimmte Rogue ihr zu und spülte die letzten Reste des Plunders mit dem Kaffee hinunter. Er erwähnte nicht, dass Pinkie mitnichten in ihrem Bett lag und sich erholte. Wahrscheinlich brauchte sie die tröstende Gesellschaft ihrer Freundinnen jetzt mehr als alles andere.


„Hallo? Jemand zu Hause?" Rogue klopfte noch einmal fest mit dem Huf gegen die Tür des Hauses.

Er hatte sich, wie Lyra ihm gesagt hatte, am Spritzenhaus eingefunden, nachdem ihm Schwester Redheart ein überraschend großes Sortiment an Spritzen in den Allerwertesten verabreicht hatte. Golden Harvest war alleine in der Feuerwache gewesen. Die sandfarbene Erdstute mit der orangenen Mähne und den drei Karotten als Cutie-Mark hatte ihn freundlich begrüßt und händigte ihm eine kleine Karte von Ponyville aus, in der sie die Häuser angestrichen hatte, die er kontrollieren sollte. Die Aufgabe war einfach – Er sollte nachsehen, ob jemand zu Hause war, ob es den Ponys gut ging und falls sie jemanden vermissten, den Namen notieren.

Er hatte bereits gut die Hälfte der kleinen Kreuze auf der Karte abgearbeitet, ohne einen Namen auf seiner Liste eintragen zu müssen. Er war jedes mal erleichtert, wenn er einem Haus den Rücken kehren konnte, ohne mehr zu tun, als es auf dem Plan abzuhaken. Doch als er sich sich der kleinen Hütte am Rand des Dorfes genähert hatte, machte sich ein Gefühl von düsterer Vorahnung ihn ihm breit.

Das helle Strohdach des kleinen Hauses war mit in der Sonne gebackenem Moos bewachsen und hing in der Mitte leicht durch. Die Fensterläden waren verschlossen und die dunkelgrüne Farbe, in der sie gestrichen worden waren, blätterte langsam ab. Der Vorgarten war von Unkraut überwuchert. Die schiefen Überreste eines Bohnengerüsts erhoben sich aus dem hohen Gras. Der Postkasten am windschiefen Gartenzaun quoll geradezu über von Briefen und Zeitungen, bei denen es sich – Rogue hatte einen geübten Blick dafür – hauptsächlich um Werbung und Kataloge handelte.

Doch der Weg zur Haustür war frei und ausgetreten. Der einzige Hinweis darauf, dass diese alte Hütte wirklich bewohnt war.

Als er noch einmal klopfte, sprang die in ihrem Rahmen verzogene Tür auf. Quietschend öffnete sie sich in das halbdunkel des kurzen Flures dahinter.

Rogue erkannte den Geruch, der durch die geöffnete Tür drang, sofort. Er hatte ihn schon oft gerochen. Er zögerte einen Moment lang, dann trat er aus der heißen Sonne in die dunkle Kühle des Hausflures.

Die Fliesen unter seinen Hufen waren zum größten Teil gesprungen, als sich das Haus langsam unter der Last seiner Jahre gesenkt hatte. Im Eingangsbereich konnte man noch ihre ursprüngliche, weiße Farbe erkennen, bevor der Schmutz sie in ein undeutbares Braun verwandelte. Eine schmale Spur, wie ein Pfad, blankgeputzt von Hufen, schlängelte sich durch den Flur. Vorbei an den Bergen, die sich an den Wänden erhoben. An den Bergen von Müll.

Neben Rogue war eine alte, hölzerne Garderobe. Westen, Jacken und Hütte stapelten sich darauf, hingen dicht an dicht. Auf den meisten von ihnen war eine dicke Staubschicht, nur ein oder zwei waren penibel sauber gehalten. Dahinter erhob sich eine Wand aus Zeitschriften, bis hoch zu Decke. Vergilbt und alt, aber wohlgeordnet, wölbte sie sich gefährlich über seinem Kopf.

Ein Schuhregal, grau vom Staub. Gummistiefel, so alt, dass das Material Risse bekommen hatte. Was die Hufschuhe an Farbe gehabt hatten, war längst verblasst. Dann Briefe. In Paketen geschnürt, ungeöffnet. Dicht gepackt wie eine Backsteinmauer. Eine Klappleiter, die auf den Dachboden führte. Jede Stufe vollgepackt mit Bündeln aus Katalogen.

Er trat einige Schritt vor, wich vorsichtig den sich um ihn auftürmenden Haufen aus. Links, eine Küche. Der Geruch nach vergammelten Essen und abgestandenen Fett drang daraus hervor, verdrängte fast den anderen, alles überlagernden Geruch. Er schenkte ihr keine Beachtung. Er wusste, was er darin finden würde. Er machte sich lediglich Gedanken, was ihn vielleicht darin finden könnte. Rechts, das Wohnzimmer. Der Pfad schlängelte sich vorbei an Gletschern aus leeren Schachteln und unsortierten Zeitungen. Der Teppich, der den Holzboden bedeckte, war so stockfleckig und vergilbt, dass seine ursprüngliche Farbe nur noch zu erahnen war. Das Zentrum des Raumes bildete ein altes, schmutziges Sofa, dessen Bezug bis auf die Federn durchgesessen war. Ein kleiner Beistelltisch war gerammelt voll mit leeren Weinflaschen und gebrauchtem Geschirr. Der Geruch war hier stärker als im Flur. Rogue sah sich um. Aber er entdeckte nichts auffälliges, nichts, was er nicht erwartet hätte. Er ging wieder auf den Flur.

Das Bad war einmal weiß gefliest gewesen, wie der Hausflur. Nun war es ein braunes Loch. Vergilbte Wäsche hing über der Badewanne. Rogue wollte keinen genaueren Blick auf die Toilette werfen.

Der letzte Raum. Das Schlafzimmer. Es war etwas geordneter als der Rest der Wohnung, obwohl die Spuren der Vernachlässigung unleugbar waren. Ein paar Kleidungstücke und Kisten mit Büchern stapelten sich am Boden bis auf Kopfhöhe, vor Schränken, deren Spiegeltüren blind waren vom Staub. Säulen aus Pappkartons lehnten sich schief gegen die Wände mit altersgrauer Tapete.

Die Laken des Bettes waren ein Fleckenteppich aus braun und gelb. Die Mitte glänzte speckig. Der Geruch war hier am stärksten. Leere Cider- und Weinflaschen lugten unter dem Bettgestell hervor.

Der Nachttisch stach aus dem Raum hervor. Die niedrige, dunkle Holzkonstruktion war überraschend sauber und frei von jeglichem Müll. Drei Bilderrahmen standen drauf. Ein einzelnes Buch lag daneben.

Rogue schob sich an den Kleiderstapeln vorbei bis neben das Bett. Seine Kiefernmuskeln traten hervor, als er angespannt die Schwarzweiß-Aufnahmen auf dem Nachttisch betrachtete.

Das erste Foto war so alt, dass es in einem ovalen, schwarzen Rahmen gehalten wurde. Die Linsen der damaligen Zeit konnten nur das Zentrum der Aufnahme scharf halten und so war es gängige Praxis gewesen, eine Schablone darüber zu legen, die die verwischten Ecken abdeckte. Das Bild zeigte einen erwachsenen Hengst, der ein strenges, hochgeschlossenes Hemd und Jacket mit einem altmodichen, so genannten ´Vatermörder´-Kragen trug. Sein Gesichtsausdruck war verschlossen und finster. Vor ihm stand ein kleines Füllen ihm Matrosenhemd, das fröhlich in die Kamera lächelte.

Das zweite Bild war etwas weniger vergilbt, aber leicht unscharf, wie eine Momentaufnahme. Es zeigte ein gutes Dutzend junger Hengste und ein paar Stuten in der Uniform der equestrianischen Küstenwache an Bord eines Segelschiffes. Die Ponys standen vor dem Aufgang zum Achterdeck und grinsten stolz. Am Rand, etwas abseits, stand ein voll ausgewachsener Hengst mit einer Offiziersmütze auf dem Kopf in Hab-Acht-Stellung. Langsam kroch das Begreifen in Rogues Verstand.

Das letzte Bild. Der Hengst mit der Offiziersmütze war plötzlich gealtert. Mit dem traurigem Grinsen des Abschieds hielt er eine Plakette in die Kamera, während ihm ein offensichtlich hoch dekoriertes Pony den Huf schüttelte. Die Szene war im Hafen fotografiert worden. Im Hintergrund konnte man ein Segelschiff erkennen. Jeder Zweifel war ausgeschlossen. Rogue erkannte den Hengst nun ohne jeden Zweifel.

Ein letztes Indiz, ein letztes Puzzleteil. Das Buch lag auf dem Nachttisch, das rote Band des Lesezeichens eingebettet irgendwo in der Mitte der Lektüre. Die vergoldeten Lettern prangten auf dem Einband, glitzerten in der langsam untergehenden Sonne, die durch das schmutzige Fenster jenseits des Bettes fiel.

´Der alte Hengst und das Meer´ - von Ergot Hemmingway

Rogue kannte den Geruch, den diese Haus aus jeder Pore verströmte. Er hatte ihn schon oft gerochen. Der Geruch nach schmutziger, zu oft getragener Kleidung. Nach altem, kaltem Schweiß, der nicht fortgewaschen wurde. Nach zu viel schalem Alkohol. Nach Alter, nach Vernachlässigung. Nach Selbstaufgabe.

Es war der Geruch eines gescheiterten Lebens.

Er war in Ol´ Junks Haus. Des alten Hengstes, dessen Leichnam er so kalt auf die Straßen von Ponyville hatte abkippen lassen. Als wäre er ein Stück Müll. Etwas, das niemand mehr gebrauchen konnte.

Sein Blick glitt zurück auf die gerahmten Bilder auf dem Nachttisch. Dann streiften sie die Bündel der verstaubten, zerknitterten Kleidung und die staubbedeckten Bücher. Die Flecken auf Bett, Wänden und Boden. Die grauen Spinnweben zwischen allem.

Etwas war schief gegangen in Ol´ Junks Leben. Einmal war er ein aufrechter Offizier der equestrianischen Küstenwache gewesen, hatte Ponys unter seinem Kommando gehabt, war respektiert und geachtet worden. Er trug Verantwortung, man vertraute ihm. Und dann... hatte sich alles verändert. Er war zu alt geworden, wahrscheinlich. Und von einem Moment auf den anderen war er nur noch Ausschussware. Zu alt, zu gebrechlich, um seinen Zweck zu erfüllen.

Die Ponys waren eine gesegnete Rasse. Nicht aufgrund ihrer Herkunft, ihres Charakters, ihrer Regenten oder ihrer Geschichte. Was die Ponys unter den vielen intelligenten Rassen von Equia[1] herausstechen ließ, war etwas, das sie eigentlich für selbstverständlich hielten – Ihr Cutie-Mark. Tauchte es einmal auf der Flanke eines Ponys auf, war der Lebensweg vorgezeichnet. Auch wenn es mit seinem besonderen Talent seinen Unterhalt nicht bestreiten konnte, wusste es dennoch immer, was sein wahres Schicksal war. Wofür es geboren wurde. Was sein Wesen ausmachte. Ob als Beruf oder nur als Hobby, ein Pony war glücklich, wenn es dem Zeichen auf seiner Flanke folgte, ein Leben lang. Andere Rassen, Greifen, Ziegen, Esel, suchten ebenso wie junge Pony-Fohlen nach ihrer Bestimmung und fanden sie doch oft nie mit Gewissheit. Ein Pony brauchte nur einen Blick auf seine Flanke zu werfen, um sich sicher zu sein.

Doch manchmal entpuppte sich dieser Segen ebenso als Fluch. Das Cutie-Mark drückte ein tiefes, inneres Bedürfnis aus, einen Teil der Persönlichkeit, den man unmöglich verleugnen oder unterdrücken konnte. Seinem besonderen Talent nicht nachgehen zu können war nach einiger Zeit unangenehm. ´Es juckte einen in den Hufen´. Man wurde unruhig und unkonzentriert. Später verfiel man langsam in eine Depression, die sich immer weiter vertiefte, abgelöst von manischen Phasen die zunehmend verzweifelter wurden. Und schließlich, am Ende der Spirale, stand der Wahnsinn. Schizophrenie und Stupor.

Für Ponys, die ein aktives, körperliches Cutie-Mark hatten, wurde dies im Alter, oder nach einschränkenden Verletzungen, zu einem ernstzunehmenden Problem. Meist konnten sie sich fangen, indem sie auf ihre ´sekundären´ Talente, die sie sich im Laufe ihres Lebens angeeignet hatten und an denen sie Freude fanden, konzentrierten. Viele fanden Halt in ihren Familien und Freunden. Andere fanden eine Seite ihres Talentes, der sie immer noch gerecht werden konnten.

Doch manchmal... manchmal kam es vor, das ein altes Pony nichts von alledem hatte. Ein Hengst, der nach langen Jahren, in denen er seinem Herzen gefolgt war, plötzlich von den Ponys, die seine Familie geworden waren, ausgestoßen wurde. Die ihn mit einer schimmernden Plakette in den Hufen beiseite warf. Wie etwas, das man nicht mehr brauchte. Wie Müll.

Er hatte hier alleine gelebt, isoliert, abgespalten vom Rest des Dorfes. Wahrscheinlich hatte er nach außen hin eine annehmbare Fassade präsentiert, hatte sich gewaschen und ordentlich frisiert, bevor er einkaufen gegangen war. Er hatte sich wahrscheinlich dafür geschämt, dass er nicht mehr die Kraft aufbringen konnte, sein eigenes Haus in Ordnung zu halten. Er hatte es genossen, sich normal unter den anderen Ponys zu bewegen, die nichts von dem Trümmerberg wussten, der sein eigentliches Leben war. Und dann, eines Abends, als er auf dem Weg zu einer Party war, wo er alleine ein paar Drinks genießen konnte – er hatte sich sicherlich selbst eingeschärft nüchtern zu bleiben, um nicht unangenehm aufzufallen, hatte vielleicht gehofft, dass sich jemand mit ihm unterhalten würde, jemand, dem er von der guten alten Zeit erzählen konnte, als sein Leben noch in Ordnung war, als er noch Freunde, Kameraden und Selbstachtung hatte – war er von etwas aus dem Schatten angesprungen worden. Das Ding musste ihn nicht einmal berühren. Vielleicht war es der unnatürliche, kalte Atem gewesen, oder einfach nur der plötzliche Schreck, der sein schwaches Herz zum Stehen gebracht hatte. Wahrscheinlich war das letzte was er fühlte, das kalte, klamme Gefühl in seiner Brust. Und vielleicht ein Gefühl der Erlösung. Und dann war es vorbei.

Rogue stand in dem Müllberg des Schlafzimmers vor dem Nachtschrank, der wie ein Altar für das vergangene Lebens von Ol´ Junk war. Des einzigen, echten Lebens das dieser gehabt hatte. Das Leben, bevor er langsam gestorben war, Jahre lang. Der junge Hengst schüttelte langsam und traurig den Kopf. Vielleicht bildete er sich das alles nur ein. Vielleicht steckte etwas ganz anderes dahinter. Vielleicht...

Wem machte er etwas vor? Er spürte, das er richtig lag. Er streckte den Huf aus und zog die Schublade am Nachttisch auf.

Rogue atmete tief durch, als er aus dem Schatten des Hauses in die Sonne trat. So heiß ihre Strahlen auch waren, er genoss ihren Kuss auf seinem Fell nach der bedrückenden Enge des Hauses. Einen Moment lang verharrte er in dieser Stellung, dann glitt sein Blick zurück zu der kleinen, vernachlässigten Hütte hinter ihm.

Für einen kurzen Augenblick kam ihm der verrückte Gedanke, die Hütte in Brand zu stecken. Einfach ein Streichholz zu nehmen und es fallen zu lassen. Sie würde brennen wie Zunder. Und alles, den Müll, die Schande und das langsame Sterben von Ol´ Junk in anonyme Asche verwandeln. Das Geheimnis, sein Versagen, das der alte Offizier so sorgsam versteckt gehalten hatte, würde für immer zwischen ihm und Rogue bleiben. Niemand musste davon erfahren.

Der Moment verging und Rogue drehte sich um, trottete zurück ins Dorf. Er biss fester auf das kleine Paket, das er aus dem Haus mitgenommen hatte.

Das ist alles, was ich für dich tun kann, dachte Rogue. Ich sorge dafür, dass du damit begraben wirst.

Die Orden von Ol´ Junk aus der Schublade des Nachtischchens klimperten lustig gegen die Messsing-Plakette in dem Karton. Die drei Fotos leisteten ihnen stumme Gesellschaft.

Und ich werde niemals so enden wie du: Allein.


Er gab das Paket in der Pathologie des Krankenhauses ab, dort, wohin man die schwarzen Säcke schließlich gebracht hatte. Der junge Arzt stellte kein Fragen und nahm das Paket entgegen. Wahrscheinlich war Rogue heute nicht sein erster Besucher mit einer so ungewöhnlichen Bitte.

Als er den Rest der Karte abgearbeitet hatte und zum Rapport ins Spritzenhaus zurückgekehrt war, machte sich Rogue nachdenklich auf den Weg nach Sweet Apple Acres. Er wusste nicht, wohin er sonst sollte. Während er durch die fast verlassenen Straßen des Dorfes trottete, kreisten seine Gedanken um das Schicksal des alten Hengstes, der einen so einsamen, würdelosen Tod gestorben war.

Es war ein ernüchternder Fakt, dass auch hier, in diesem intakten, friedlichen Dorf, das Ponyville bis vor kurzen gewesen war, ein Pony so durch die sozialen Netze rutschen konnte. Dass es für Jahre allein blieb, verlassen und gerade einmal so eine dünne Fassade aufrecht erhielt, wo doch schon ein genauerer Blick gereicht hätte, die ganze Illusion zu durchschauen.

Aber es hatte niemanden interessiert. Niemand hatte sich für Ol´ Junk interessiert. Er war nur ein weiteres Gesicht gewesen, ein alter Hengst, den man auf der Straße grüßte und schon einen Augenblick später wieder vergessen hatte. Keine Pinkie-Partys für Ol´ Junk. Ab und zu ein Drink abseits in der Ecke, wenn er dazu eingeladen worden war, für jemanden anderen zu feiern. Die Höhepunkte seines sozialen Lebens in Ponyville.

Ponys waren Herdentiere. Sie mochten, alle für sich, Individuen sein, mit eigenen Wünschen, Zielen und Hoffnungen. Aber es war die Gesellschaft von anderen Ponys, die sie gedeihen ließ. Ohne andere Ponys... war man selbst kein Pony mehr.

Das war es, was Rogue am Schicksal des alten Küstenwachen-Offiziers so mitnahm. Er erkannte sich auf schmerzliche Weise selbst in dem einsamen, zurück gezogenen Leben und Sterben des pensionierten Hengstes wieder.

Er schüttelte langsam seinen Kopf. Nein, das war nicht ganz richtig. Ol´ Junk war lange Jahre glücklich gewesen. Es war nicht seine eigene Entscheidung gewesen, seine Aufgabe, seine Bestimmung hinter sich zu lassen, sondern es war wie ein Unglück über ihn hereingebrochen. Er hatte seine zunehmende Isolation nicht selbst gewählt, sondern war langsam von seinem zusammenbrechenden Leben an der Rand gedrängt worden. Letztlich musste seine Scham über das eigenes Versagen, sich selbst nicht mehr unter Kontrolle bringen zu können, so groß gewesen sein, dass er sich der Gesellschaft anderer Ponys für nicht mehr würdig befand. Und sich schließlich selbst aufgab.

Rogue hingegen – Er hatte selbst gewählt. Es war kein plötzlicher Moment der Erkenntnis gewesen, oder eine wirklich bewusste Entscheidung. Seine Einstellung war in ihm herangereift, langsam, mit der fortschreitenden Erfahrung seiner jungen Jahre, bis sie so selbstverständlich für ihn war, wie ein Naturgesetz. Er hatte enge Kreise um sich gezogen, die eigentlich nur ihn und seine Familie mit einschlossen. Und ließ er ein Pony diese selbst errichteten Mauern überwinden, ließ er es an sich heran...

Wir haben uns auseinander gelebt, Rogue."

...konnte es ihm das Herz brechen. Sein Schritt wurde langsamer, bis er schließlich auf der Straße am Dorfrand stehen blieb und sich sein Blick nach innen wandte.

Grace.

Sie hatte sich langsam in sein Leben geschlichen. Sie waren zuerst Freunde gewesen bevor... es mehr wurde. Er dachte zurück an die Nacht, als sie nach einer Party zusammen auf dem Flur der Wohnung lagen und sich eine Decke teilten, weil es nur noch diese eine gab. Sie hatten sich bis zum Morgengrauen unterhalten, zusammen gelacht und geflüstert, als die anderen Ponys sich müde beschwerten. Rogue hatte eigentlich keine Ahnung, wie man mit einer Stute umging und so behandelte er sie so, wie er es mit jedem anderen Freund machte. Es war okay, denn sie wusste ebenso wenig mit den Hengsten anzufangen. Sie wussten nur, das sie sich mochten und so begann ein lustiger kleiner Tanz, angefüllt von versteckten Zweideutigkeiten, süßen Missverständnissen und furchtbarer Verlegenheit. Sie umkreisten sich mehrere Monate lang, abwartend, beobachtend, jeder erfüllt von der Angst zurückgewiesen zu werden. Er wusste nicht mehr, wer von ihnen beiden den entscheidenden Schritt getan hatte. Vielleicht waren es sie sogar beide gewesen, ein Schritt aufeinander zu, ein Treffen in der Mitte...

Manches begriff man nur, wenn man liebte und wenn die eigene Liebe erwidert wurde. Die Luft hatte einen anderen Geschmack, die Sonne eine andere Farbe. Musik klang anders, lauter, schöner. Eine Zeit lang war es einfach wunderbar, schlicht und ergreifend. Er hatte sie geliebt wie das Meer den Mond lieben musste. Wie die Blumen die Sonne. Sie an seiner Seite zu wissen, war wie eine warme Decke gewesen, in die er sich hüllen konnte, wenn er sich traurig oder allein fühlte. Sie bei sich zu spüren, so nah, dass ihre wunderbare schwarze Mähne sein empfindliches Bauchfell kitzelte, ihren Duft einzuatmen, berauschte ihn. Sie mochte es, wenn er zärtlich an ihren Ohren knabberte.

Sie konnten sich nur selten sehen. Rogues Schichtdienst und ihr Studium ließen nur wenig Gelegenheit gemeinsam Zeit zu verbringen. Anfangs war das kein Problem. Sie waren beide sehr unabhängig und meinten, diese Eigenschaft auch am anderen zu schätzen. Doch vielleicht steckte etwas anderes dahinter. Im Rückblick erkannte Rogue, dass dort immer noch eine unterschwellige Angst zwischen ihnen beiden gestanden hatte, die, obwohl sie sich so lange so nahe waren, verhindert hatte, dass sie endlich zusammenwuchsen. Die sie letztlich auseinander trieb.

Die Angst davor, doch noch zurückgewiesen zu werden.

Die Trennung hatte ihn nicht zerstört, wie er es befürchtet hatte. Die ersten Wochen waren schlimm gewesen, aber dann – War es eigentlich wie immer gewesen. Sein Leben hatte sich nicht verändert, ging weiter seinen gewohnten Gang. Anstatt sie ein-, zweimal die Woche zu sehen, sah er sie nur noch alle paar Monate. Wenigstens konnte er sehen, wie es ihr ging. Er vermied es, genauer über alles andere nachzudenken. Es schmerzte zu sehr.

Auf der Kreuzung in Ponyville drehte sich Rogue um und sah zurück in das Dorf, dort, wo hinter den gepflegten Strohdächern sich Ol´ Junks Hütte versteckte.

Er hatte sich geweigert darüber nachzudenken. Sie waren kein Paar mehr, aber er hatte Grace all die Zeit, bis heute, in seinem Herzen behalten. Er hatte gedacht, es wäre eine schöne Erinnerung, die es wert war bewahrt zu werden. Doch jetzt...

Es war an der Zeit sich einzugestehen, dass er sie immer noch liebte. Und dass diese Liebe nichts mehr in seinem Herzen verloren hatte. Dass er sie, so schmerzlich es auch war, daraus verbannen musste. Das wunderbare Gefühl in seiner Brust, an dem er sich so verzweifelt gewärmt hatte, selbst nachdem ihre Beziehung bereits Vergangenheit war, hatte sich längst zum Ballast entwickelt, ein verlorener Anker, der ihn festhielt, an sich fesselte. Ol´ Junks Schicksal hatte ihm vor Augen geführt, was es bedeutete, allein zu sein. Das wollte er nicht, niemals.

Es war an der Zeit für sein Herz weiterzuziehen.


Rogue wollte gerade seinen Weg zur Farm fortsetzten, als er hörte, dass jemand seinen Namen rief. Neugierig drehte er sich um und sah Applejack, die die Straße hinunter auf ihn zu galoppierte.

„Rogue, warte!" Die junge Stute kam schwer atmend vor ihm zum Stehen.

„AJ! Alles in Ordnung? Ist etwas passiert?", fragte er sie besorgt.

Sie atmete tief durch und schüttelte den Kopf. „Nah, du musst nur mitkomm´. Wir treff´n uns nochmal inner´ Bibliothek. Twilight hat n´ paar Sachen rausgefund´n un´ du solltest dabei sein."

Er warf ihr einen unsicheren Blick zu. „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist."

Sie zögerte kurz, dann schenkte sie ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Keine Angst, ich hab´ mit Rainbow ma´ Tacheles geredet, als de´ raus bist. Brauchst keine Angst vor ihr zu ham´, se´war danach zahm wie´n Lamm. Komm einfach."

Rogue blieb noch immer stehen. „Ich habe keine Angst vor ihr..." Naja, vielleicht ein bisschen, gestand er sich selbst ein. „...aber ich würde euch nur ablenken. Ich will mich nicht zwischen dich und deine Freundinnen stellen, AJ."

Die Stute schüttelte energisch ihren Kopf, dass blonder Zopf nur so durch die Luft flog. „Quatsch! Du stellst dich zwischen niemand´n! Rainbow is´ ausgeflippt un´ dasse dich angegriff´n hat is´ einfach unverzeihlich! Du has´ gestern Celestia weiß wie viel´ Ponys gerettet un´ se´ geht auf dich los, als wärste an allem schuld!" Als sie sah, dass er noch immer zögerte, trat sie eine Schritt auf ihn zu, so dass sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber standen. „Bitte, Rogue. Mir zuliebe."

Der junge Hengst gab auf. „Also gut. Ich bin ohnehin gespannt, was Twilight recherchiert hat. Die meisten Neuigkeiten scheine ich ja verschlafen zu haben."

Sie lächelte glücklich. „Komm mit, die ander´n wart´n schon!"

Sie gingen Seite an Seite die Straße zurück ins Dorf.

Schließlich räusperte sich Rogue. "So... du warst das, die mich in Twilights Bett verfrachtet hat.", stellte er fest.

Applejack kicherte. „Tut mir leid. Ich hab´ dich da neb´n der Trage schlaf´n seh´n un´ gewusst, dassde´ deine Ruhe brauchst. Die Bibliothek war einfach am nähst´n. Twi´ hatte nichts dageg´n, also hab´ ich dich hingeschafft."

Das Rettungspony warf ihr einen überraschten Blick zu. „Hatte sie nicht? Was war mit Spike?"

„Der hats gar nich´ mit bekomm´ dassde da geschlaf´n hast, soweit ich weiß. Er hat inner Küche gekocht um die Helfer zu versorg´n. Als´n ich n´ zuletzt geseh´n hab´, schlief er friedlich inner groß´n Salatschüssl´. Wieso fragst du?"

Er blickte verlegen auf seine trottenden Hufe. „Ich weiß nicht. Ich habe einfach das Gefühl, der kleine Kerl kann mich nicht besonders gut leiden."

Applejack überlegte, während sie weitergingen. „Ich denk´ er wollte Twilight irgendwie beschütz´n.", sinnierte sie. „Du... has´ dich ja auch ein bisschen verdächtig gemacht." Sie warf einen kurzen Blick zur Seite. „Ich schätze, du has´ ihm genuch Munition dafür geliefert."

Rogue nickte nur.

„Aber keine Angst. Du has´ gestern ne´ Menge Punkte gesammelt bei den Ponys hier." Sie wandte ihm den Blick zu. „Wir sin´ alle sehr stolz auf dich, Rogue."

Er antwortete nicht und hielt den Blick weiter gesenkt. Er schluckte schwer, als er sich überwinden musste, seine nächste Frage zu stellen. „AJ, unsere... Vereinbarung... sie... steht noch, oder?", fragte er leise. Er fühlte, wie ihm die Hitze in die Wangen stieg.

Sie zögerte kurz und ihr Blick bekam etwas überraschtes. „Aber sicher, Sugarcube, Warum auch nicht?"

Ja, genau, warum auch nicht..., fragte er sich selbst. Irgendwie hatte er gehofft... dass... vielleicht...

Hoffen und Harren hält manchen zum Narren, erinnerte er sich eines alten Sprichworts. Er war der Narr in der ganzen Geschichte.

Applejack lächelte ihn an. „Ich freu´ mich auf jed´n Fall, dass des´ dir anders überlegt hast un´ noch hierbleibst. Ich könnt dich jetzt kaum gut´n Gewiss´ns auf´m Weg nach Manehatten schick´n."

„Wa... Was? Nein, ich meinte... ich dachte...", stotterte Rogue überrascht. Er hatte von einer gänzlich anderen Vereinbarung gesprochen.

„Ja? Was ist, Rogue?"

Er ließ die Ohren hängen. „Nichts. Es ist nichts." Feigling!, schalt er sich selbst. Schnell wechselte er das Thema „Geht es allen aus der Familie gut?"

Jetzt war es an Applejack die Ohren hängen zu lassen. "Big Mac hat n´ paar Kratzer abbekomm´, als er n´ paar Ponys vonner Party geholf´n hat. S´ is´ aber nix ernstes. Mehr Sorg´n mach´ ich mir um Apple Bloom."

Rogues Kopf ruckte nach oben. „Ist der Kleinen etwas passiert? Ist sie verletzt worden?", fragte er bestürzt.

AJ schüttelte traurig den Kopf. „Nein, verletzt is´ se´ nich´. Einer von dies´n Schattenwölf´n ist auf sie und die ander´n Crusaders los. Scoots hat nen´ mit ihr´m Roller abhäng´n könn´, Celestia sei Dank. Aber die Drei war´n zu Tode erschreckt. Kann man ihn´ auch kaum verdenk´n."

Ihr Ausdruck nahm etwas finsteres an und sie knirschte mit den Zähnen. „Wenn ich das verdammte Ding inne Hufe bekomm´ hätt´, das hinter ihn´n her war..." Sie ließ den Rest ungesagt.

Sie gingen einen Moment lang schweigend nebeneinander her, bis Rogue wieder sprach. „Denkst du, sie wird damit zurechtkommen?"

Die junge Stute blieb einige Sekunden stumm, bevor sie bedrückt seufzte. „Sie is´n starkes Fohl´n un´ ne´ echte Apple. Als Ich heut´ morgen nach ihr geseh´n hab´, steckte ihr der Schreck noch innen Knochen, aber s´ ging ihr soweit gut. Was se´ jetzt braucht is´ ihre Familie, Ruhe un´ ihre Freundinnen. Wir ham die drei für´s erst aufe Farm gebracht, damit se´ zusamm´ bleib´m könn´. Ich denk´, das wird ihn´ allen gut tun."

Rogue sah sie einen Moment lang an. „Warum bist du nicht bei ihr?", fragte er gerade heraus.

Sie zögerte kurz, dann hob sie den Kopf blickte in die Richtung, wo Sweet Apple Acres hinter den Häusern des Dorfes außer Sicht lag.. „Nirgendwo wär´ ich jetzt lieber.", flüsterte sie, mehr zu sich selbst, als zu ihrem Cousin. Noch einmal seufzte sie schwer. „Ich kann nich´. Ich werd´ hier gebraucht." Sie sah Rogue an. „Das is´ die Kehrseite der Medaille, wenn man n´ Element der Harmonie is´. Die Ponys verlass´n sich auf ein´. Ich hab´ Verantwortung un´ der werd´ ich gerecht. Auch wenn´s mir manchmal nicht schmeckt."

Das junge Rettungspony nickte. „Ja, das kenne ich gut." Er konnte die Verbitterung nicht ganz aus seiner Stimme verbannen.

Mittlerweile waren sie an ihrem Ziel angekommen. Der große, grüne Hausbaum mit seinen vielen Giebeln und Erkern erhob sich vor ihnen.

„Das sin´ wir.", bemerkte Applejack überflüssigerweise. Sie öffnete die Tür und trat ein.

Auf in die Höhle des Löwen, dachte Rogue und folgte ihr.


„Das seid ihr ja endlich!" Twilight ließ ihre Lesebrille beiseite schweben und erhob sich. Rogue sah sich neugierig in dem großen Hauptraum der Bibliothek um. Alle sechs Stuten waren anwesend. Selbst Spike kam gerade aus der Küche, eine dampfende Kanne mit Tee in den kleinen Krallen. Er trug sie zu dem großen Tisch in der Mitte des Zimmers, wo Rarity sie ihm abnahm und ein paar Tassen damit füllte. Die weiße Einhornstute sah wesentlich besser aus, als noch am frühen Nachmittag. Ihre wunderschöne, purpurne Mähne war anständig frisiert und glänzte wieder gepflegt. Fluttershy nahm ihr dankend eine Tasse ab und blies vorsichtig auf das heiße Getränk. Rainbow Dash lag auf einer Fensterbank ein Stockwerk höher auf dem Rücken und hatte mit missmutigem Gesichtsausdruck die Vorderläufe hinter ihrem Kopf verschränkt. Als sie sah, dass Rogue und Applejack zur Tür hereinkamen, grunzte sie abfällig und wandte ihr Gesicht ab, sagte aber nichts. Pinkie Pie saß noch ebenso in der Nähe der Tür, wie der junge Hengst sie zuletzt gesehen hatte, als hätte sie sich nie vom Fleck gerührt. Doch sie hatte den Feuerwehrhelm abgenommen und ihre Jack aufgeknöpft. Auch ihr nervöser, huschender Blick war verschwunden. Sie sah betreten auf ihre mit Gummistiefel bewehrten Hufe und sah nur kurz auf, als die beiden eintraten.

„Was will der denn hier?", fragte Spike flach und sah Rogue an. Applejack warf ihm sofort einen bösen Blick zu. „Fang´ du nich´ auch noch an!", grollte sie zu dem kleinen Drachen.

Spike warf seine Arme in die Höhe. „Schon gut, schon gut. Ich hole noch ein Gedeck." Grummelnd verschwand er in der Küche.

Twilight blickte ihrem Nummer-Eins-Assistenten einen Moment lang hinterher, dann räusperte sie sich. „Danke, dass ihr alle noch einmal zu mir gekommen seid. Es gibt ein paar neue Erkenntnisse, die ich gerne mit euch teilen würde." Sie schluckte schwer. „Und... und einige andere Dinge, die ihr erfahren solltet."

Rogue verließ die Seite von Applejack und setzte sich neben Pinkie auf seine Hinterläufe. Er nickte ihr kurz zu. „Chief.", grüßte er sie respektvoll.

Die pinke Stute wendete ihm ihr ausdrucksloses Gesicht zu. Dann blitzte ein kurzes Lächeln darauf. „Rogue.", erwiderte sie flüsternd. Er gab das Lächeln zurück und konzentrierte sich dann wieder auf Twilight.

Auch die lavendelfarbene Stute hatte eine Verwandlung zum Besseren durchgemacht. Ihre Bewegung, als sie in ihren Unterlagen blätterte, ließen die Fahrigkeit und Nervosität missen, die sie beim letzten Mal gezeigt hatte.

„Ich werde noch einmal alle Fakten präsentieren, die ich zum jetzigen Zeitpunkt zusammengetragen habe. Einiges wird euch vielleicht schon bekannt vorkommen, aber es ist wichtig, die Daten in ihrem Kontext zu sehen." Ihre Stimme war ruhig, konzentriert und sicher, als sie fortfuhr. „Vom jetzigen Kenntnisstand aus ist es wahrscheinlich, dass der erste Angriff der Schattenwölfe bereits vor zwei Tagen, also am Samstag erfolgte. Chilly Puddle, eine Erdstute, die als Landschaftgestalterin hier in Ponyville arbeitet, wird seitdem vermisst. Wir wissen noch nichts genaueres, aber laut ihren Freunden unternahm sie bei gutem Wetter gerne ausgedehnte Nachtspaziergänge, die sie bis an den Rand des Everfree Forest führten. Seit Sonntagmorgen weiß niemand etwas über ihren Verbleib. Es ist wahrscheinlich, dass sie am irgendwo in der Nähe der Apfelhaine von Sweet Apple Acres oder Fluttershys Haus aus dem Wald heraus angegriffen wurde."

Applejack und Fluttershy warfen sich einen unsicheren Blick zu. Zu hören, dass sie anscheinend schon so lange in unmittelbarer Gefahr schwebten, jagte ihnen eine Schauer über den Rücken.

„Der Umstand des gestrigen Angriffs auf das Dorf ist wahrscheinlich mehreren Faktoren geschuldet, die unmittelbar mit der Natur unserer Angreifer zusammenhängen. Ich konnte zwar relativ schnell die Spezies benennen, mit der wir es zu tun haben, aber genauere Informationen über sie zu erhalten gestaltete sich als schwierig. Ich musste ziemlich tief graben und ein paar wirklich alte Dokumente aus Canterlot anfordern, bevor ich auf verwertbare Unterlagen stieß. Nach der Untersuchung des toten Körpers eines der Tiere..." Rogue bemerkte eine Bewegung aus den Augenwinkeln. Rainbows Flügel flappten kurz nervös auf, dann lag die Stute wieder still, den Blick immer noch aus dem Fenster gewandt. „...bin ich mir nun sicher, dass es sich um die Gattung ´Canis Lupus Umbra´, oder einfach ´Schattenwolf´ handelt. Über diese Unterart der Wölfe ist kaum etwas bekannt, da sie laut meiner Quellen nur in den tiefsten Tiefen des Everfree Forest auftreten, sogar noch jenseits der Ruinen des Palastes der königlichen Schwestern, irgendwo zwischen dem Sattelgebirge und dem Blackwater-See." Sie deute mit einem Zeigestock auf eine Karte, die mit Reissnägeln an der Zimmerwand befestigt war. Das angedeutete Gebiet lag weit ab aller Siedlungen, eingequetscht zwischen den hohen Gipfeln des Gebirges und der blauen Fläche eines ausgedehnten Sees. Inmitten des weglosen Grüns des Everfree Forests.

Twilight trat um den Tisch herum und stellte sich vor ihren Freundinnen auf. „Was wir wissen ist, dass sie stark hierarchisch gegliederte Rudel bilden, Fleischfresser sind und nur Nachts jagen. Sie können eine Atem ausstoßen, der so kalt ist, dass er ihre Beute paralysiert, so dass sie hilflos ist. Durch ihre nocturnale Natur sind sie sehr lichtempfindlich und jagen hauptsächlich mit Geruchs- und Gehörsinn. Dazu gesellt sich ein Umstand, der Fluttershy aufgefallen ist, als sie mit mir den Körper untersucht hat." Twilight zeigte mit ihrem Huf auf den kanariengelben Pegasus, die unwillkürlich unter der plötzlichen Aufmerksamkeit zusammenzuckte. Sie räusperte sich nervös und senkte den Blick. „Uhm, ich... also... mir ist aufgefallen... das..." Sie kam nicht weiter, als Twilight sie schon unterbrach. „Sie wird euch sagen, dass das Exemplar, das wir zusammen begutachtet haben, offensichtlich unterernährt war. Und mit ´Unterernährt´ meine ich ´kurz vor dem Verhungern´. Zuerst traten diese Daten in keinen Zusammenhang mit dem Angriff, bis ich auf eine Fußnote stieß, die anmerkte, dass diese Spezies normalerweise ´stark territorial veranlagt ist´". Sie hielt einen Moment inne und wartete offensichtlich auf eine Reaktion ihrer Zuhörer. Als diese sie nur freundlich, aber verständnislos ansahen, rieb sie sich kurz mit Huf über das Gesicht. „Ok, ich muss wohl noch etwas weiter ausholen. Ihr erinnert euch doch noch bestimmt, was ich euch damals über den Everfree Forest erzählt habe, oder?" Stille im Raum.

„Oww, also gut! Der Everfree Forest hat als einziger Landstrich in Equestria sein eigenes, unabhängiges Wettersystem, das nicht von den Pegasie kontrolliert wird. Seit Beginn der Dürre hat es nicht einen einzigen Tropfen über dem Wald geregnet. Er ist genauso von diesem Wetterphänomen betroffen wie wir. Und wie alle anderen Staaten, mit denen wir in Kontakt stehen, wie das Königreich der Greifen, Germaney und Elkistan. Selbst die Zebranationen verzeichnen einen Rückgang der Niederschläge, auch wenn sie bei ihnen nicht vollständig ausbleiben. Aber der Punkt ist, dass sich das Klima innerhalb des Waldes verändert, genau wie bei uns."

Twilight klopfte mit ihrem Huf auf den hölzernen Boden, um ihren Standpunkt zu unterstreichen. „Die Veränderung ihres natürlichen Lebensraumes hat dieses Rudel von Schattenwölfen bis nach Ponyville getrieben. Ihr nagender Hunger, der Lärm der Party und vor allem die Dunkelheit des abnehmenden Mondes ließ sie den Wald verlassen und hier auf die Jagd gehen. Nicht mehr und nicht weniger."

Neben Rogue sackte Pinkie Pie in sich zusammen. Schnell schlang er seine Hufe um sie, damit sie nicht zu Boden fiel. Er fing sie und hielt sie aufrecht, während ihre pinke Mähne wie ein Wasserfall über seine Vorderläufe floss. „Es ist meine Schuld. Meine.", flüsterte sie leise. Er hielt sie fest in seinen Hufen und strich ihr sanft über das Haar, das so plötzlich jede wunderbare Locke verloren hatte und glatt von ihrem Kopf herunterfiel. Die anderen bemerkten es nicht, denn bei Twilights Erklärung war ein gedämpfter Aufruf des Unglaubens durch die Stuten gegangen.

„Was soll das heißen, sie hatten nur Hunger?"

„Das war´n keine Tiere... das war´n Monster!"

„Ich... ich kann das nicht glauben, Darling. Es muss etwas anderes dahinter stecken!"

„Sie... uhm, sie hat recht." Fluttershys Stimme war nur ein Flüstern in den Tumult, aber sie brachte dennoch alle anderen zum verstummen. Sie erschauderte einen Moment lang, als alle Blicke im Raum sich ihr zuwandten. Sie wandte schüchtern ihren Blick ab, sprach aber unbeirrt weiter. „Sie hatten nur Hunger. Es war keine böse Absicht, dass sie uns angegriffen haben, sondern nur ihr Instinkt. Sie... sie kennen uns nicht und wissen nicht, dass wir ihnen geholfen hätten, wenn wir es gewusst hätten. Sie kennen keine Ponys, sie wissen nichts von unserer Vereinbarung mit den Tieren. Sie wollten einfach nur überleben. Es... sie haben Junge im Wald, die auf Fleisch warten. Sie wollen ihre Kinder durchbringen, koste es was es wolle." Sie schloss ihre Augen und schluchzte auf. „So wie jeder von uns es tun würde, wenn er dazu gezwungen werden würde. Es tat ihr leid, als ich ihr davon erzählt habe." Dicke, glitzernde Tränen kullerten ihre Wangen hinunter, als sie traurig ihren Kopf senkte.

Rainbow landete neben ihr. Sie hatte sich von der Fensterbank in die Luft erhoben, aufgewühlt von den Erkenntnissen, die Twilight ihnen unterbreitet hatte. Sie zögerte einen Augenblick, unsicher in den Gefühlen, die Fluttershys Erklärung in ihr ausgelöst hatten. „Hast... hast du es... sie deshalb freigelassen?", fragte sie vorsichtig.

Die kanariengelbe Stute sah auf. In ihren Augen glitzerten noch die Tränen, doch der Blick den sie ihrer cyanblauen Freundin zuwarf, war kalt wie Stahl.

„Was hätte ich tun sollen?" Ihre Stimme war leise, doch so entschlossen, dass es jedem im Raum einen unwillkürlichen Schauer über den Rücken jagte. „Hätte ich sie dir überlassen sollen? Eine Mutter, die ihre Jungen beschützt? Damit du sie..." Sie zögerte einen Moment lang, sammelte Kraft, um ihre ganze Abscheu in die folgenden Worte zu legen. „Damit du sie ebenfalls töten kannst?" Sie spuckte Rainbow die letzten Worte entgegen, als wären sie Gift. „Eine Mutter, die nur an ihre Welpen dachte? Die hilflos in unseren Hufen lag? Dachtest du, ich würde das zulassen? Du hast ihr Alphaweibchen getötet. Warum hat sie nicht aufgegeben, als sie blutend am Boden lag? Warum ist sie immer und immer wieder aufgestanden, obwohl du sie schon ´besiegt´ hattest?"

Sie starrte Dash mit ihrem eisernen Blick an, bis diese furchtsam einen Schritt zurücktrat. Dann wandte sie sich den anderen im Raum zu. „Was gestern passiert ist... so schrecklich es auch ist... so viele Ponys darunter auch zu leiden hatten..." Sie sackte in sich zusammen, so schwer wiegte die Enthüllung auf ihren zarten Schultern. „Es war nur ein Missverständnis. Ein furchtbares Missverständnis. Es steckte keine Boshaftigkeit dahinter, oder ein fremder Wille. Die Schattenwölfe wollten einfach nur überleben, wie jedes andere Lebewesen." Sie schluchzte aufgewühlt, vergrub ihr Gesicht hinter ihren Hufen. „Ich wünschte nur, ich hätte es früher gewusst. Ich wünschte, all... all diese Ponys hätten nicht sterben müssen. Oh, Celestia, vergib uns..." Ihre kleine Gestalt erschauderte, als sie sich ganz ihren Tränen hingab.

Stille breitete sich im Raum aus, unterbrochen nur vom leisen Schluchzen Fluttershys. Rogue hielt noch immer Pinkie in den Hufen, hielt sie fest, während sie sich ebenso an ihn klammerte.

Das war es also gewesen: Der Hunger und die Verzweiflung hatten die Wölfe ins Dorf getrieben. Er hatte Fluttershy gehört und er verstand, was in ihr vorging. Doch zugleich musste er sich fragen, ob es auch jene ebenso verstanden, die direkt unter dem Angriff zu leiden hatten. Die verletzt worden worden waren, oder noch schlimmer, das Leiden oder den Tod ihrer Anverwandten ertragen mussten. Er wusste, dass in jenen Herzen kein Platz war für Vergebung oder Verständnis. Selbst Applejack und Rarity, die nicht den endgültigen, unvorstellbaren Preis hatten zahlen müssen, wie so viele andere, blickten skeptisch auf die gelbe Pegasusstute, die in der Bibliothek leise ihre Tränen vergoss.

„Und es ist vielleicht nur der Anfang." Twilights Stimme war leise, doch in der Stille des Raumes schreckte sie dennoch jedes Pony auf.

„Was willst du damit sagen?", flüsterte Rarity entsetzt.

„Versteht ihr es denn nicht? Begreift ihr nicht, was das bedeutet? Die Schattenwölfe sind bei weitem nicht die einzige gefährliche Spezies im Everfree Forest! Wenn die Dürre so starke Auswirkungen auf den Wald hat, ist der Lebensraum von Manticoren, Timberwölfen, Hydras und vielen mehr bedroht!" Sie klopfte mit dem Huf auf den Boden, um ihrer Aussage Nachdruck zu verleihen. „Und wie die Schattenwölfe werden sie nicht im Wald bleiben, wenn sie nichts mehr zu fressen finden."

Die sechs anderen Ponys sahen sich gegenseitig fassungslos an, als sie endlich die volle Tragweite der Situation begriffen. Die Vorstellung, der dunkle, geheimnisvolle Forst vor den Toren des Dorfes könne noch gefährlichere Übel ausspucken, ließ sie vor Angst erstarren.

„Was... Was könn´ wir dageg´n unternehm´?", fragte Applejack schließlich.

Twilight zuckte zurück. Es war offensichtlich, dass sie sich vor dieser Frage gefürchtet hatte.

„Das ist das Problem." Sie schloss ihre Augen und atmete tief durch. „Ich habe euch nicht die ganze Wahrheit über meine Arbeit in Canterlot erzählt. Ich habe euch nicht erzählt, wie es dort zugeht, zu was... wir uns gezwungen sahen, um endlich Ergebnisse zu erzielen."

Sie trat einige Schritte vor und ließ sich schwer auf ihre Hinterläufe fallen.

„Ihr wisst bestimmt alle aus den Zeitungen, dass die Erforschung der Dürre von Celestia und Luna zur Staatssache erklärt worden ist. Nicht nur die Prinzessinnen selbst, sondern auch das Wetterministerium, das Ministerium für Jahreszeiten, das Ministerium für Industrie und Forschung und das Royal College, sowie die meisten anderen Universitäten Equestrias suchen seit mittlerweile drei Monaten nach der Ursache für die Probleme und arbeiten gemeinsam an einer möglichen Lösung. Das unnatürlich Verschwinden der Wolken und das Ausbleiben natürlichen Niederschlags außerhalb von Equestrias sind ein gänzlich neues Phänomen, das in diesen Ausmaßen weder dokumentiert wurde, noch Celestia oder Luna bekannt ist. Deshalb heißt es von offizieller Seite, dass man mit Hochdruck arbeitet und einer Lösung auf der Spur ist. Dass es nur Zeit braucht, bis das Problem gelöst wird."

Sie schlug ihren Blick nieder und strich verlegen mit ihrem Huf über den Holzboden. „Das erste ist wahr. Alle Ponys arbeiten in Canterlot bis zur Erschöpfung daran, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Aber das zweite – ist eine Lüge."

In der Stille waren einige bestürzte Laute des Unglaubens zu vernehmen. Schließlich war es wieder Applejack, die als erste sprach. „Was soll das heiß´n? Das Celestia und Luna die Ponys belüg´n? Ihre kleinen Ponys?"

Rogue sah seine Cousine überrascht an. Sicher, zu hören, dass die Regentinnen ihnen nicht die volle Wahrheit sagten, war bestürzend, aber nichts im Vergleich zu den Implikationen, die dies mit sich brachte. Das Gespräch, das er zwischen Spike und Twilight belauscht hatte, machten die Enthüllungen für ihn zu keiner Neuigkeit, aber er hatte nie wirklich über das volle Ausmaß der Konsequenzen nachgedacht. Wenn das alles stimmte – und er hatte keinen Grund Twilights Worten nicht zu glauben – stand es schlimmer um Equestria, als selbst notorische Pessimisten es vermuteten.

Twilight schüttelte bei Applejacks Worten energisch den Kopf. „Nein, Nein, so ist das nicht! Sie wollen uns beschützen! Celestia hat gesagt, dass die Ponys Hoffnung brauchen, damit sie weitermachen können. Damit sie zusammenhalten und nicht den Mut verlieren sich gegenseitig zu helfen. Wenn sie wüssten, wie aussichtslos die Lage erscheint... würde Chaos ausbrechen! Die Ponys würden vergessen, wie wichtig die Gemeinschaft für uns alle ist. Sie würden vielleicht anfangen, Lebensmittel und Wasser zu horten, würden sie anderen Ponys vorenthalten, aus Angst, selbst nicht mehr genug zu haben! Das kann sie nicht zulassen!"

AJ zögerte einen Moment, als ihr Bedürfnis nach Ehrlichkeit und ihr Vertrauen in die Regentin einen inneren Kampf ausfochten. Dann klopfte sie bestimmt mit dem Huf auf. „Ich... Ich kann das nich´ gutheiß´n, Twilight. S´ falsch die Ponys zu belüg´n! Auch für Celestia un´ Luna!" Sie wandte sich an die anderen. „So sin´ wir nich´! S´ mag sein, dasses´ gut gemeint ham, aber so sin´ die Ponys nich´! Wir wer´n uns immer helf´n, grade wenn´s schlecht steht! So is´ immer gewes´n un´ so wird's immer sein! Hab´ ich nich´ Recht?" Als niemand ihrer Freundinnen sofort antwortete, wandte sie sich zu Rainbow Dash um. Die cyanblaue Stute war zurück auf die Fensterbank geflogen und sah auf sie hinunter. „S´ stimmt doch, oder Rainbow?"

Der Pegasus blickte verlegen zur Seite. „Ich würde einen Huf und eine Schwinge für euch geben, das wisst ihr.", sagte sie leise. „Aber ich weiß nicht, ob das für alle Ponys gilt."

Applejack starrte sie einen Moment lang an, dann blickte sie sich der Reihe nach im Kreis um. Alle mieden ihren Blick, blickten statt dessen auf ihre Hufe, den Boden, nirgendwohin. Schließlich blieb sie an ihrem Cousin hängen. „Rogue, was sagst´n du dazu?"

Das junge Rettungspony hatte Pinkie losgelassen, als er sich sicher war, dass sie sich genug gefangen hatte um wieder auf ihren eigenen Beinen zu stehen. Dennoch war er neben ihr stehen geblieben und hatte der tieftraurigen Stute beruhigend über den Rücken gestrichen um ihr weiter emotionalen Halt zu geben. Als Applejack ihn ansprach, hob er den Kopf und sah zwischen ihr und Rainbow hin und her. Dann seufzte er schwer.

„Es tut mir leid, Applejack, aber Dash hat recht. Es gibt da draußen genug Ponys, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Denk nur an die Budcider-Brauerei und daran, wie sie mich über den Tisch gezogen haben. Es mag vielleicht nicht die Mehrheit sein, aber sie könnten als schlechtes Beispiel vorangehen." Er warf einen unsicheren Blick auf Twilight. „Außerdem, wenn es wirklich so schlimm ist, wissen wir nicht wohin das ganze noch führen wird." Er blickte zurück zu seiner Cousine. „Was würdest du tun, wenn du vor der Wahl stündest deine Familie zu ernähren oder einen gänzlich Fremden? Wie weit wärst du bereit zu gehen?"

AJ hielt seinem Blick einen Moment lang stand, dann wandte sie sich ab und schnaubte wütend.

Twilight trat vor und legte der Farmerin einen Huf auf die Schulter. „Ich habe euch ins Vertrauen gezogen, Applejack. Was wir hier besprechen, darf diesen Raum nicht verlassen." als die Erdstute nicht antwortete, setzte das Einhorn nach. „Bitte, als eine Freundin bitte ich dich: Behalte Stillschweigen darüber."

Applejack blieb noch einen Moment lang still, bevor sie antwortete. Ihre Augen waren zu schmale Schlitzen geworden, aus denen ihre grünen Augen blitzten. „S´ schmeckt mir nich´. S´ schmeckt mir ganz un´ gar nich´. Aber ich werd´ nix sage´n wenn ich nich´ gefragt werd´. Aber ich werd´ nich´ lüg´n!" Noch einmal klopfte sie fest mit ihrem Huf auf den Boden, um ihren Standpunkt zu verdeutlichen.

„Das verlangt auch niemand von dir. Ich danke dir vielmals." Twilights Stimme war dankbar und warm, aber die Erdstute dreht sich nur um und setzte sich wieder an den Rand der Versammlung.

Die lavendelfarbene Einhornstute räusperte sich nervös und fuhr fort. „Wie gesagt, alle Stellen arbeiten mit Hochdruck daran, das Wetterphänomen zu ergründen. Aber selbst nach Monaten der Anstrengungen und Entbehrungen sind unsere Erkenntnisse sehr begrenzt." Sie hielt einen Moment lang inne. „Sehr, sehr begrenzt." Sie trat wieder um den Tisch herum und blätterte in einigen Papieren.

„Wir wissen, dass die zunehmende Austrocknung nichts mit den hohen Temperaturen oder der Sonnenstrahlung zu tun hat. Letztere sind eine Folge des ausbleibenden Regens und der fehlenden Feuchtigkeit. Auch das Wasser selbst hat sich nicht verändert, soweit wir es beurteilen können. Es verschwindet einfach, wohin wissen wir nicht. Alle Teile von Equia, mit denen wir in Verbindung stehen, berichten von dem gleichen oder ähnlichen Vorkommnissen. Tatsächlich scheint das Ausbleiben des Regens sich hauptsächlich auf unsere Hemissphäre zu konzentrieren, da weit entfernte Staaten, wie die Zebranationen, zwar einen Rückgang der Niederschlagsmenge verzeichnen, aber kein komplettes Fehlen. Forschungsexpeditionen, die wir ausgesandt haben, sind sich noch uneins darüber, ob dieser Umstand mit der Entfernung oder mit der andersartigen Wettermagie zusammenhängt, die dort praktiziert wird. Leider konnte Zecora uns hier nicht viel weiterhelfen, da sie sich auf Alchemie spezialisiert hat und nur allgemeines Wissen über die Regentänze ihres Volkes besitzt.

Der einzige wirklich greifbare Fakt, den wir entdeckten, war eine Veränderung des magischen Feldes, das Equia bedeckt. Die Abweichung zu älteren Messungen sind nur marginal, aber dennoch deutlich. Es scheint zu fluktuieren und zwar innerhalb eines bestimmten Rahmens, wobei die zeitliche Distanz fix ist, die maximale Amplitude sich jedoch stetig wandelt. Wir haben versucht eine Formel zu finden, die diese Abweichungen erklärt und sind auf eine faszinierende..." Sie hielt inne, als sie merkte, dass sie alle nur verständnislos ansahen.

Es war Rarity, die es als erste aussprach: „Darling, bitte auch für die einfachen Ponys."

Twilight atmete tief durch. „Also gut. Das magische Feld um Equia ist normalerweise ziemlich stabil. Es verändert sich nur sehr langsam, über Jahrzehnte, sogar Jahrhunderte hinweg. Es ist bis auf wenige Ausnahmen homogen, also gleichmäßig. Ausnahmen sind zum Beispiel der Everfree Forest, die Neun Steine in Germaney oder Shambala, die Hauptstadt von Meru, dem Königreich der Lamas. Alle diese Orte haben ein ihnen eigenes Wettersystem: Der Everfree Forest ist von der Arbeit der Pegasie unabhänging und normalerweise feuchter als der Rest von Equestria. Die Neun Steine halten seit Beginn der Aufzeichnungen ein stetiges Tiefdruckgebiet, das sich der Arbeit der dortigen Wetterponys standhaft widersetzt. Über Shambala ist leider wenig bekannt, da die Lamas Fremden nur selten den Zutritt erlauben. Aber der Abenteurer Heimreit Harrer beschrieb in seinem Buch, dass ´das Klima für die dortige Höhe ungewöhnlich mild und beständig´ war." Sie stellte entschlossen ihre beiden Vorderhufe auf den Tisch. „Über dem Everfree Forest ist kein Tropfen Regen gefallen. Die Neun Steine sind zum ersten mal seit Ponygedenken in Sonnenlicht gebadet. Und dem Brief nach, den König Kuzco an Celestia geschrieben hat, ist auf den Höhenzügen um seine Stadt seit drei Monaten kein Schnee mehr gefallen. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass nicht die Veränderung des magischen Feldes selbst die Ursache für die Dürre ist, sondern seine stete Schwankung, die etwa alle zwölfeinhalb Stunden ihren Höhepunkt erreicht!" Die lavendelfarbene Stute sah auf die Aufzeichnungen, die sich unter ihr auf dem Tisch gesammelt hatten. Frustriert wischte sie sie vom Tisch.

„Aber diese Erkenntnis ist vollkommen wertlos, weil wir nicht die Ursache der Schwankungen bestimmen können! Wir haben alles versucht – Horoskopie, Weissagung, Techni-Thaumaturgische Laborarbeit, Omnifeldlehre, selbst die Quanten-Slipstream-Theorie... wir haben sogar aus Kaffeesatz lesen lassen! Könnt ihr euch das vorstellen? Dabei hat Cobalt Blue schon vor fünfzig Jahren..." Sie fuhr sich mit einem Huf über das Gesicht. „Aber ich schweife ab. Wir waren mit unserem Wissen am Ende. Ganz einfach. Drei Monate vergeblicher Forschung, ohne einen huffesten Beweis oder auch nur einer Theorie, die einer oberflächlichen Betrachtung stand hielt. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie frustrierend das ist. Und dann hatte Starry Wisdom eine Idee."

Ihr Gesicht nahm einen abwesenden Ausdruck an, als sie daran zurückdachte. „Ich weiß nicht, welche Quellen er benutzt hat und in welch verbotenen Texten er stöberte. Er ist der Studienleiter der Universität und hat Zugang zu den meisten verschlossenen Bereichen der dortigen Bibliothek. Eines Tages tauchte er zum täglichen Treffen des Forschungsausschusses auf und legte uns einen rudimentären Plan vor. Er sagte, wenn wir selbst nicht die Antworten finden könnten, müssten wir jemanden fragen, der sie kennt. Das war das erste Mal, dass ich von dem Ming-Tet hörte."

Sie sah auf. „Könnt ihr euch noch erinnern, als der dieser riesige, dreiköpfige Hund nach Ponyville gekommen ist? Der Cerberus? Er ist der Bewacher des Tors zum Tartarus, einem Gefängnis, das die bösartigsten Kreaturen beherbergt, die vor Urzeiten Equia unsicher gemacht haben. Das Ming-Tet, oder nur die Ming, sind das Gefängnis selbst. Sie gingen mit Celestia ein Abkommen ein, dass sie für alle Zeiten die Mauern, Zäune und Wächter dieses Kerkers sein würden. Nur ein einziges Tor blieb offen, bewacht vom Cerberus, damit neue Schrecken dorthin verbannt, und, sollte es den je passieren, Geläuterten die Freiheit geschenkt werden könne. Die Ming sind auf eine besondere Art... anders als alle Rassen, die wir kennen, die sie dazu prädestinierte. Und die sie jetzt interessant für uns machte."

Sie schloss die Augen und zitierte aus dem Gedächtnis. „Die Ming sind Kreaturen aus Fels und Stein, ewig und unvergänglich. Sie kennen kein ´Werden´ und kein ´War´, nur das ´Sein´. Die Zeit ist nicht ihr Verbündeter, nicht ihr Feind, nur etwas, das sie von außen betrachten, unberührt. Und weil sie außerhalb stehen, sehen sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft."

Ihre violetten Augen blitzten auf, als sie sie wieder öffnete. „Der Plan war also ganz einfach: Wir kontaktieren die Ming und fragen sie nach der Ursache unserer Probleme. Wenn sie die Zukunft bereits kannten, wussten sie auch die Lösung. Es gab ein paar Dozenten, die sich aufgrund der Kausalität und möglicher Zeit-Paradoxon Sorgen machten, aber laut der Quellen, die Starry Wisdom vorlegte, unterlagen die Ming nicht solchen Problemen. ´Von der Zeit unberührt´. Es gab noch einige philosophische Diskussionen darüber, ob wir einer Rasse, die angeblich keinen Unterschied zwischen ´Vergangenheit´ und ´Zukunft´ kannte, unsere Frage überhaupt richtig unterbreiten konnten. Aber der Studienleiter führte an, dass das Wissen um die Gegenwart alleine schon ausreichte. Schließlich war das Problem, vor das wir gestellt wurden, die Ming zu erreichen. Es war natürlich ausgeschlossen, dass ein Pony in den Tartarus ging, um sie selbst zu fragen. Wir machten uns an die mühselige Arbeit, einen Kontaktzauber zu entwickeln, der bis zu ihnen vordringen konnte. Und dort machte ich meinen ersten Fehler."

Twilight ließ traurig ihren Kopf hängen, als sie fortfuhr. „Eines Tages fragte ich Starry Wisdom, warum wir nicht Prinzessin Celestia zu Rate zogen. Sie war es den Aufzeichnungen nach gewesen, die den ersten Kontakt zu den Ming hergestellt hatte. Die meisten Unterlagen, die wir zu Rate zogen, waren von ihr selbst verfasst worden! Ich weiß nicht, ob ich die erste war, die ihn das fragte, aber er wich der ganzen Sache sehr gekonnt aus. Celestia und Luna waren neben ihren nötigsten royalen Pflichten vollauf damit beschäftigt mit ihrem Wissen jedem zur Seite zu stehen und gleichzeitig ihre eigenen Gestirne nach Ungewöhnlichkeiten abzusuchen. Starry Wisdom sagte, der Kontakt zu den Ming sei nur ein Nebenprojekt, dass die Professorenschaft verfolgen würde."

Sie seufzte schwer und schuldbewusst. „Ich habe mich von ihm einlullen lassen. Mein Instinkt sagte mir, das wir die Prinzessinnen zu Rate ziehen sollten, aber... er hat es mir ausreden können. Ich hatte meine Zweifel, meine Verdachtsmomente... aber ich war zu stolz darauf, von diesen weisen, intelligenten Ponys als gleichberechtigt behandelt zu werden, als dass ich sie verfolgt hätte." Verbitterung schlich sich in ihre Stimme, als sie den letzten Satz aussprach. "Ich habe die Hufe still gehalten und wie ein braves Pony alles gemacht, was er mir sagte. Obwohl ich es eigentlich besser gewusst habe."

Das lavendelfarbene Einhorn versank in Schweigen, bedrängt von ihren schmerzlichen Erinnerungen.

Es war Rarity, die schließlich fragte: „Was ist dann passiert?"

Twilight schreckt aus ihren Gedanken auf. „Es... wir kamen zu einer Lösung.", sagte sie nach kurzem Zögern. „Wir hatten berechnet, dass wir mit genug Kraft und einem starken Fokus die weltliche Barriere durchbrechen und direkt mit den Ming kommunizieren können müssten. Ich... Ich war dieser Fokus."

Ihr Blick wurde glasig, als ihr Geist zurückkehrte an den Ort des Rituals vor mehr als einer Woche. „Zunächst verlief alles nach Plan. Die Kraft der zwölf Einhörner potenzierte sich durch die Ritualanordnung wie berechnet. Ich stand im Zentrum und kanalisierte die Energie, wie Starry Wisdom es mir aufgetragen hatte. Wir schufen eine geistige Verbindung zu den Ming, eine kleines Loch in den Tartarus." Sie erschauderte, als sie sich erinnerte.

„Wir nahmen Kontakt auf. Sie... sie sprachen durch mich. Der Studienleiter stellte seine Frage und dann... als sie antworteten... ging alles schief." Sie schwieg einen Moment lang, bis sie fortfuhr. „Etwas versuchte sich durch das Loch zu drängen. Etwas furchtbares, schreckliches, bösartiges." Sie schloss die Augen, als sie fühlte, wie ihr die Tränen auf die Wangen traten. „Versteht Ihr? Ich war der Fokus! Die Verbindung... Sie endete bei mir, in mir drin! Ich habe es flüstern gehört, in meinem Kopf, in meinen eigenen Gedanken..." Ihre Stimme senkte sich zu einem Wispern. „So schreckliche Dinge..." Ihr Blick war leer, gefangen in dem Alptraum, den sie nun noch einmal durchlebte.

Stille breitete sich in der Bibliothek aus, als alle wie gebannt an den Lippen von Twilight hingen. „Ich musste... ich musste es beenden." fuhr sie atmenlos fort. "Irgendwie. Ich spürte, dass es kurz davor war durchzubrechen. Ich versuchte es aufzuhalten, aber... es war zu stark. Ich brach den Zufluss der Magie ab. Drehte ihn zu wie einen Wasserhahn."

Sie schüttelte ihren Kopf, als wolle sie die Erinnerungen abwehren, die auf sie einströmten.

„Ich war in Panik. Ich habe nicht Nachgedacht! Als meine Konzentration nachließ, als der Fokus brach, flutete die Magie zurück in den Ritualraum. Es... es war niemand mehr da, der ihr eine Form oder Richtung geben konnte. Ich... ich war nicht mehr da. Ich stand zwar noch immer in der Mitte des Kreises, beschützt durch die mächtigsten Formeln, die das Royal College aufzubieten hatte, aber ich hatte die Verbindung bereits abgebrochen. Die Kraft floss wild die Ley-Linien entlang, zurück zu ihrem Ursprung."

Ihre schönen, großen Augen blickten schwer auf ihre Freundinnen, müde von dem Grauen, das sie gesehen hatten. „Ein volle magische Rückkopplung. Wilder, thaumaturgischer Fallout. Sie hatten sich nicht annähernd so gut geschützt wie mich. Ich... ich bin froh, dass mein Schutzkreis implodierte und ich bewusstlos wurde."

Sie senkte ihren Blick und versteckte schamvoll ihr Gesicht hinter den Strähnen ihrer Mähne. „Als ich in meinem Gästezimmer im Palast aufwachte, stand Celestia neben meinem Bett. Ich weiß nicht, wie lange sie über mich gewacht hat. Als ich die Augen aufschlug, sagte sie kein Wort, sondern ließ eine ganze Horde von Ärzten und Schwestern auf mich los. Nachdem sie jede vorstellbare Untersuchung mit mir angestellt hatten, jagte die Prinzessin sie aus dem Raum. Ich habe sie noch nie so wütend erlebt. Sie wurde nicht laut, oder unfreundlich, aber ihre Stimme... sie war so kalt wie Eis. Doch am schlimmsten waren der Ausdruck in ihren Augen. Sie sah auf mich herab... so enttäuscht." Twilight schluchzte leise und rieb sich mit einem Huf über das Gesicht.

„Sie fragte mich, was in dem Turm passiert ist. Warum ich sie nicht über Starry Wisdoms Vorhaben informiert habe. Also erzählte ich ihr die ganze Geschichte."

Die Stute verharrte einen Moment lang, dann schlug sie die Vorderläufe über ihr Gesicht und brach in unkontrolliertes Weinen aus. „U...und dann kam das schlimmste.", stieß sie zwischen ihrem Schluchzen hervor. „Ich hatte mit allem gerechnet. Das ich nicht mehr ihr besonderer Student sein könne, oder das sie mich verbannt, vielleicht in den Tartarus selbst. Aber... aber statt dessen... hat... hat sie mir verziehn! Einfach so! Sie... sie sagte, es wäre nicht meine Schuld gewesen! Dass Starry Wisdom es hätte besser wissen müssen! Dass sie,... oh, gosh,... dass sie trotz allem stolz auf mich wäre, weil ich alles versucht habe, um ihren kleinen Ponys zu helfen! Und... und... und..." Sie brachte kaum mehr ein Wort heraus. „Und dann... dann umarmte sie mich und sagte, dass sie mich lieb habe!" Twilights Weinen ging in ein verzweifeltes Lachen über. „Könnt ihr euch das vorstellen?Nach allem, was ich getan habe, sagt sie, dass sie mich immer noch lieb hat! Womit habe ich das verdient? Womit habe ich DAS verdient? Ich betrüge, verrate sie hinter ihrem Rücken und dennoch vergibt sie mir!"

Fluttershy war bei ihr, als die Hinterläufe der Einhornstute nachgaben. Sie entfaltete ihre weichen, warmen Flügel und schlug sie um die jetzt so zerbrechlich wirkenden Gestalt ihrer Freundin. Twilight brach in ihrer Umarmung zusammen, grub ihre Hufe in das gelbe Fell des Pegasus, trommelte schwach auf ihren Rücken ein. „Wie kann sie es wagen? Wie kann sie es wagen? Ich verdiene das nicht, nichts von alledem! Oh, Celestia, vergib mir..."

Und dann, nach und nach, wie auf der Kreuzung der Straßen im Dorf, als das Blut unschuldiger Ponys in den Staub tropfte, kamen sie, eine nach der anderen. Rarity erhob sich von ihrem Sitzkissen. Rainbow Dash ließ einmal ihre Flügel flappen und landete neben ihr. Pinkie Pie blickte von der Betrachtung ihrer Gummistiefel auf und trat einen Schritt vor. Applejack war sofort an ihrer Seite.

Sie schlossen Twilight in ihren Kreis, hüllten sie ein, in die warme, beruhigende Gegenwart ihrer Körper, ließen sie fühlen, dass dort jemand für sie da war, sich um sie sorgte, egal, was geschehen war. Dass sie niemals alleine sein würde, dass sie nicht alleine bestehen müsste. Dass jemand ihren Schmerz teilte und half ihn leichter zu tragen. Dass sie Freunde hatte.

Es war wieder wie an dieser schicksalhaften Kreuzung inmitten des Dorfes. Rogue sah diesen Kreis aus Freundschaft und sein Herz schlug leichter in seiner Brust. Und dann... dann winkte ihm Applejack, sich ihnen anzuschließen.

Er zögerte. Verunsichert durch eine innere Stimme, die ihm sagte: Du gehörst nicht dazu. Das ist nicht dein Kreis. Du gehörst nicht dazu.

Die Stimme mahnte ihn, in einem vernünftigen, rationalem Ton. Die Stimme seines Verstandes.

Glücklicherweise wurde sie leiser, ja verstummte fast, als er seinem Herzen folgte und in den kleinen, warmen Kreis eintauchte. Sie schwand, als er die warme, freundliche Berührung der Hufe und Schwingen auf sich spürte, die ihn ohne Vorbehalt, ohne Zögern willkommen hießen. Sich um ihn legten, als wäre er immer da gewesen. Und während es in seiner Brust vor Freude wild pocht, weinte auch Rogue. Um Twilight, Fluttershy und Pinkie Pie. Um Ol´ Junk, Snow White und Sugar Coat. Um Pear und seine Mutter. Um Scootaloo, Sweety Belle und Apple Bloom. Um jedes Pony unter seinen Hufen, um jeden Zettel, jede Nummer. Und er weinte um sich selbst.

Dieser eine Moment war magisch, durch und durch. Doch es war nur ein Moment und er ging vorüber. Langsam, zögernd, lösten sie sich voneinander und traten zurück.

„D-Danke, Mädels... das habe ich jetzt wirklich gebraucht." Twilight schniefte und wischte mit dem Vorderlauf über ihr Gesicht, bis Rarity ihr ein Taschentuch reichte. Sie schnäuzte sich laut hinein und wischte sich die letzte Feuchtigkeit aus den Augenwinkeln.

„Ich... ich... danke, euch allen." Ihre Stimme war noch etwas rau vom Weinen, aber dennoch kicherte sie leise. „Gosh, ich habe ganz vergessen, wo ich stehen geblieben bin." Sie wollte Rarity das benutzte Tuch zurückgeben, aber die weiße Einhornstute lehnte dankend ab. „Ähm,... behalte es doch, Darling."

„Wie bist du wieder zurück nach Ponyville gekommen?", fragte Rainbow Dash. Die Stute hatte sich auf ihren Bauch sinken lassen und die Vorderläufe vor sich verschränkt.

Twilight seufzte leise und fuhr mit ihrer Erzählung fort. „Celestia hat mich zurückgeschickt. Sie sagte, dass ich nach so einem traumatischen Erlebnis dringend Ruhe und die Gesellschaft meiner Freunde brauchen würde. Ich wollte zuerst nicht fort, es gab noch so viel zu tun. Aber sie bestand darauf. Und sie hatte Recht damit. Ich habe es zuerst nicht bemerkt, wollte es nicht bemerken, aber der Vorfall hat mich tief erschüttert. Niemand gab mir die Schuld daran... niemand außer mir selbst."

Sie blickte betreten auf ihre Hufe. „Ihr seht, wie es mittlerweile in Canterlot zugeht. Starry Wisdom ist ein sehr ehrgeiziges Pony und ich habe die Vermutung, dass er unbedingt derjenige sein wollte, der als erster mit einer brauchbaren Lösung aufwarten kann. Deshalb hat er die Gefahren unterschätzt. Aber es steckt noch mehr dahinter, als seine eigene Agenda. Uns sind die Optionen ausgegangen, schlicht und einfach. Wir greifen nach Strohhalmen, weil es das einzige ist, was uns noch geblieben ist. Wenn man einen Blick auf die Hochrechnungen wirft, ist es kaum verwunderlich, dass wir alles, wirklich alles versuchen."

Pinkie hob den Kopf. Sie zögerte einen Augenblick, als fürchte sie sich die Frage zu stellen. „Wie... schlimm wird es noch werden?"

Twilight blickte sich einen Moment lang unsicher um, als würde sie abwägen, ob sie es ihren Freunden erzählen sollte. Schließlich atmete sie tief durch. „Wir rechnen mit einer ernstzunehmenden Nahrungsmittelverknappung zu Beginn des Herbstes. Die Versorgung der Bevölkerung, vor allen in den Ballungszentren, wird von dort an zunehmend schwieriger werden. Spätestens zum Jahreswechsel werden unsere Reserven aufgebraucht sein. Wenn die Verhandlungen über Nahrungsmittellieferungen von den Zebras erfolgreich verlaufen, können wir vielleicht alle Ponys über den Winter bringen. Aber wenn es im Frühling immer noch keinen Niederschlag gibt, bricht alles zusammen."

Eine bedrückende Stille breitete sich in der Bibliothek aus. Die Ponys sahen sich gegenseitig bestürzt an. Rainbow sprach als erste aus, was sie alle dachten: „Wir sprechen hier vom Ende Equestrias, oder?"

Twilight nickte stumm.

Der cyanblaue Pegasus schlug fest ihren Vorderlauf auf ihre Huffläche. „Das kann doch nicht wahr sein! Was sitzen wir dann noch hier herum und verschwenden unsere Zeit? Tun wir was dagegen!"

„Hast du mir nicht zugehört? Was sollen wir denn unternehmen? Die besten Köpfe suchen seit drei Monaten nach einer Lösung und haben nicht das geringste vorzuweisen!"

„Was ist mit den Elementen der Harmonie?", fragte Rarity. „Vielleicht können sie dieses magische Feld wieder ins Gleichgewicht bringen."

Das lavendelfarbene Einhorn schüttelte den Kopf. „Das war einer unserer ersten Ansätze. Aber wir können die Magie der Elemente nicht auf das ganze Feld anwenden, dafür ist es zu groß. Wenn die Veränderungen eine zentralen Ursprung hätten, wäre es vielleicht möglich, aber da wir nicht in der Lage sind ihn zu bestimmen, scheidet diese Option aus."

„Was haben die Ming denn geantwortet?", fragte Pinkie Pie leise.

Twilights Kopf ruckte nach oben. „Was?", fragte sie verwirrt.

Die pinke Stute trat einen Schritt vor. „Du hast gesagt, dass Starry Wisdom seine Frage stellte und sie antworteten, bevor alles schief ging. Was haben sie gesagt?"

Twilight schüttelte wieder ihren Kopf. „Irgend etwas Unzusammenhängendes. Ich glaube, der Studienleiter hat sich geirrt. Sie müssen die Frage tatsächlich falsch verstanden haben. Warte, ich habe es mir hier irgendwo notiert." Sie hob einige Papiere vom Boden auf und blätterte sie flüchtig durch. Dann zog sie einen einzelnes Blatt aus dem Wust hervor.

Sie räusperte sich. „´Bist du vor Liebe krank, vor Sorge stumm, kleines Pony, wendt dich um.´" Sie warf den Zettel auf den Tisch. „Vollkommen wertlos."

„Warte. Das kenne ich!" Sechs Köpfe wandten sich um. Rogue fand sich plötzlich im Zentrum der Aufmerksamkeit wieder. Er schluckte nervös. Seine Kehle fühlte sich auf einmal sehr trocken an.

Twilight ging auf ihn zu und kniff ihre Augen zusammen. „Was weißt du darüber? Woher kennst du es?"

„Es... es ist ein Kinderreim. Urgroßmutter Apple Seed hat ihn mir beigebracht, als ich noch ein ganz kleines Fohlen war." Er sah zu Applejack. „Du müsstest sie doch auch kennen, oder nicht?"

Die Erdstute überlegte angestrengt. „Nee, ich glaub nich´, dass ich se´ mal getroff´n hab´. Aber ich hab´ schon von ihr gehört. Sie hat in Stalliongrad gelebt, nich´? Das älteste Pony von Equestria."

Rogue nickte. „Das stimmt. Soweit ich weiß, hat es bisher niemand an ihre Hunderneunzehn herangeschafft. Aber sie hat sich nach ihrem hundertachtzehnten Geburtstag die Hüfte gebrochen. Dannach... kam sie alleine nicht mehr zurecht. Meine Mutter hat sie zu uns nach Manehattan geholt, um für sie zu sorgen. Meine Güte, ist das lange her. Ich glaube, ich muss damals fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein." Ein leichtes, verlegenes Lächeln zierte seine Lippen, als er sich zurück erinnerte. „Ich bin abends immer zu ihr ins Bett gekrochen und habe mir etwas von ihr erzählen lassen. Ich weiß nicht, wie sie es angestellt hat, aber sie hat immer nach Plätzchen gerochen. Und nach Marmelade. Erdbeer- Marmelade." Sein Gesicht hatte einen verträumten Ausdruck angenommen.

Er hüstelte leise, als er merkte, dass ihn die Nostalgie davongetragen hatte. „Wie dem auch sei, von ihr habe diesen Reim schon einmal gehört. Das, was die Ming gesagt haben, war nur der erste Vers."

Die Ponys im Raum beugten sich erwartungsvoll nach vorne. Rogue biss sich auf die Lippen.

„Also? Wie geht es weiter?", fragte Twilight angespannt.

„Ähm, lasst mich mal sehen, das ist wirklich lange her. ´Zwei Gipfel wie Brüder sind...´. Nein, das stimmt so nicht. ´Zwei Gipfel wie Brüder beieinander...´ Mist, das ist auch nicht richtig. Mir fällt es schon noch ein..."

„Dafür haben wir keine Zeit!", schrie Twilight frustriert auf. Plötzlich erglühte ihr Horn in dem violetten Glanz ihrer Magie.

Rogue machten eine Satz zurück. „Warte!"

Doch es war bereits zu spät. Ein Strahl löste sich von Twilights Horn und traf ihn auf der Brust. Rogue erschauderte, als ihn die Magie einhüllte, ihn umschloss und schließlich in ihn drang. Es fühlte sich an, als würden Tausende kleiner Ameisen über sein Fell krabbeln und ihn kitzeln. Für einen Moment war es fast lustig, aber dann, wie auf ein geheimes Kommando... bissen sie alle zu. Er wollte noch protestieren, aufschreien, aber dort, wo sich sein Verstand befinden sollte, war nur ein violetter Wirbel, der sich drehte und drehte und ihn mit sich in seine Tiefen riss...

„Twilight!", rief Applejack entrüstet aus und eilte zu ihrem Cousin, der scheinbar bewusstlos zusammen gebrochen war, noch immer in eine leichte violette Aura von Magie gehüllt. Sie hatte ihn noch nicht ganz erreicht, als eine starke Kraft sie am Schweif packte und zurückhielt. Der magische Griff der Bibliothekarin hatte sie fest gepackt. Die Erdstute wirbelte herum und starrte ihre Freundin wütend an. „Was soll das? Biste´ verrückt geworde´n, Twilight? Was has´ du mit ihm gemacht?"

Das Einhorn war neben den Tisch in der Mitte des Raumes getreten und öffnete gerade ein Tintenfass. „Sei nicht dumm, Applejack. Es ist nur ein Erinnerungszauber. Es wird ihm nicht schaden."

Die Farmerin stampfte fest mit ihren Hufen auf dem Boden. „Das is´ keine Entschuldigung! Du hättest ihn wenigstens frag´n könn´!"

Twilight leckte eine Schreibfeder an und machte sie bereit für Notizen. „Du weißt, worum es geht. Und jetzt still, der Zauber beginnt zu wirken."

Applejack warf ihr noch eine letzten, finsteren Blick zu, dann wandte sie sich dem am Boden liegenden Hengst zu. Als sie schon glaubte, er würde sich nicht rühren, begann Rogue zu sprechen.

Sie wusste nicht, was sie mehr erschreckte: Twilights überstürzte, unerwartete Aktion, oder dass ihr Cousin plötzlich mit der Stimme eines kleine Fohlens sprach:

„Bist du vor Liebe krank, vor Sorge stumm,

kleines Pony, wendt´ dich um.

Zwei Gipfel dort wie Brüder stehn´,

Dorthin musst du jetzt geh´n.

Tausend Stufen geht es hinauf,

sieh´ nicht zurück, lauf nur, lauf.

Vier Wächter stehen dort, sind stumm,

Schenkst du was her, stimmt es sie um.

Vergiss nicht, dort gibt es keinen süßen Klee,

nur Steine, Eis und ew´gen Schnee.

Doch dem, der an seinen Umhang hat gedacht,

Noch kein Frösteln etwas ausgemacht.

Durch die Höhle, tief und weit,

Mach kein Licht, sonst ist´s vorbeit.

Nun wasche dich, sei wie geleckt,

denn vor dem Alter zeig´ Respekt!

Tritt leise vor, schau auf dein Tun,

Wenn ihre Blicke auf dir ruh´n.

Nun ist es Zeit, es ist soweit,

Für die Frage ist sie bereit.

Und dann artig still, sonst hörst du nicht,

was der Apfelbaume zu dir spricht.

Jetzt dank recht schön und geh´ zurück,

Ihr Wissen bringt dir sicher Glück!

So, kleines Pony, verzage nicht,

So lang´ sie steht, scheint dir ein Licht."

Nachdem er die letzten Worte ausgesprochen hatte, erlosch der magische Schimmer um Rogue. Es dauerte noch einen Moment, dann schlug er die Augen auf. Er schüttelte seinen Kopf aus und blickte sich verwirrt um. „Was ist gerade passiert?" Er schlug entsetzt seine Hufe vor den Mund. Seine Stimme war hoch und quietschig, fast wie die eines jungen Fohlens!

Applejack trat neben ihn und half ihm zurück auf seine Hufe. Als er sicher stand, warf sie einen bösen Blick zu dem lavendelfarbenen Einhorn, das angestrengt auf das Blatt Papier vor sich starrte. „Twilight, verdammt! Du has´ gesacht, dasses´ ihm nich´ schadet!"

Die Einhornstute ließ ihre Notizen zurück auf den Tisch sinken und eilte zu der Karte von Equestria, die an der Wand hing. „Das mit seiner Stimme gibt sich gleich wieder. Nur eine kurze Nachwirkung.", sagte sie geistesabwesend, während sie die Zeichnung aufmerksam studierte.

„S´ tut mir leid, Rogue. Ich weiß nich´, was in se´ gefahr´n is´. Alles okay bei dir?", fragte Applejack ihn besorgt.

„Ja. Ja, ich..." Er räusperte sich und klopfte sich gegen den Hals. Seine Stimme schlug um, wie bei einem Pubertierenden, als er fortfuhr. „Ich glaube schon. Was... was ist passiert?" In seinem Kopf war alles durcheinander. Er hatte Schwierigkeiten sich zu erinnern, wo er war. Oder was er hier machte. Die Puzzleteile fielen nur langsam zurück an ihren Platz.

„Se´ hat nen´ Zauber gewirkt, der dich hat an das Gedicht erinnern lass´n."

Er starrte sie verständnislos an. „Huh?", war alles, was er heraus brachte.

„Twilight! Schau´ ihn dir an! Was..." Applejack brach ab, als sie sah, dass das Einhorn auf sie beide zustürmte. Sie wollte sich noch schützend vor ihren Cousin stellen, doch die aufgeregte Stute war schneller. Sie nahm seinen Kopf in beide Hufe und zog ihn zu sich hinunter.

Und dann drückte sie ihm einen Kuss auf die Lippen.

„Huh?" Diesmal klang der Laut etwas gedämpft, durch die Lippen, die sich auf die seinen pressten.

So plötzlich der Kuss gekommen war, so schnell war er auch wieder verschwunden und ließ nur die flüchtige Erinnerung an seine samtene Weiche zurück. Twilight schlang ihre Hufe um seinen Hals und sprang freudig auf und ab. „Danke! Danke! Danke, Rogue! Ich hab´s rausgefunden! Ich weiß, was die Ming uns sagen wollten! Dank dir hab´ ich es herausgefunden!"

Fünf Ponys starrten sie mit offenen Mündern an, als Twilight mit Rogue in ihren Vorderläufen einen Freudentanz aufführte.

Und dann war sie fort, davongewirbelt und stand in entschlossener Pose zwischen ihren Freundinnen. Ihre tiefvioletten Augen blitzten auf. „Ich weiß jetzt was zu tun ist! Ich weiß, wohin die Ming uns führen wollten! Das Gedicht kann sich nur auf die Zwillingsgipfel beziehen! Wir müssen ins alte Land, zu der Wiege der Ponys. Dorthin, woher die drei Völker kamen, bevor sie zusammen Equestria gegründet haben. Seid ihr dabei?"

Rogue blickte mit großen Augen seine Cousine an, die noch immer mit offenem Mund da stand. „Huh?", war alles, was er heraus brachte.

[1] Ich benutze ´Equia´ als Bezeichnung für die ganze Welt von MLP:FiM, während ´Equestria´ nur der Name des Staates ist, der von Celestia und Luna regiert wird. -Anm. des Autors