Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Geschichte, was den Inhalt von Hasbro´s My Little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum.

Kapitel 16: Fluttershys Lächeln

„Yeah!" Rainbow Dash stieß sich vom Boden ab und machte mit Hilfe eines Flügelschlags einen kunstvollen Salto. „Endlich! Jetzt kommt Bewegung in die Sache! Worauf warten wir noch?"

Sie sah sich erwartungsvoll nach ihren Freundinnen um. Ihr freudiger Gesichtsausdruck verblasste jedoch schnell wieder, als sie die Mienen der anderen Ponys sah. Rarity, Applejack, Pinkie Pie und Fluttershy mieden ihren Blick und schauten verlegen und unsicher auf ihre Hufe.

„Oww, kommt schon! Habt ihr Twilight nicht gehört? Equestria ist in Gefahr! Wie könnt ihr da noch zögern?"

Die Freundinnen blickten sich gegenseitig unsicher an. Twilight stellte sich neben Rainbow und erhob ebenso das Wort.

„Ich weiß, dass das alles jetzt sehr plötzlich kommt. Nach dem, was wir alle eben erst durchgemacht haben, ist es nicht leicht eine solche Entscheidung zu treffen. Wir alle sind... verletzt und zutiefst erschüttert und ich bin mir sicher, dass euch gerade ebenso wenig der Sinn nach Abenteuer steht wie mir. Aber ihr müsst verstehen, wie sehr die Zeit jetzt drängt! Der Schaden, den die Dürre bereits angerichtet hat, wird mit jedem Tag, den sie weiter anhält größer! Und mit jedem Tag wird es wahrscheinlicher, dass etwas davon permanent wird, selbst, wenn der Regen zurückkommt! Jeden Tag wird die Gefahr größer, dass noch etwas aus dem Everfree Forest kommt. Nicht nur hier, sondern überall an seinen Grenzen!" Sie verstummte einen Augenblick. Als sie weiter sprach, schwang etwas Flehendes in ihrer Stimme mit. „Ich brauche euch. Euch alle. Ich kann es nicht alleine.", sagte sie leise.

Es war Rarity, die als erste sprach: „Twilight, bitte verstehe mich nicht falsch. Ich war immer da, wenn Land und Ponys mich brauchten. Zudem bin ich deine Freundin und ich denke du weißt, dass du dich immer auf mich verlassen kannst, egal um was es auch geht. Aber ich kann jetzt hier nicht einfach fort. Sweetie Belle braucht ihre große Schwester, sie braucht mich an ihrer Seite, um über das Ganze hinweg zu kommen. Es tut mir leid, aber ich kann nicht. Ich hoffe, du verstehst das."

Die lavendelfarbene Stute nickte traurig. Sie konnte Raritys Beweggründe gut nachvollziehen.

„Ich weiß nicht, was ich machen soll." Alle Köpfe drehten sich zu Pinkie Pie. Das pinke Erdpony rieb sich verlegen mit einem Huf über den Vorderlauf. „Ich will gerne mit euch wieder auf Reisen gehen. Bestimmt wird's wieder so lustig wie die letzten Male. Aber ich weiß nicht, ob es gerade das Richtige wäre. Wir müssen noch Sugar Coat beerdigen und... und was ist, wenn in der Zwischenzeit etwa passiert, wenn wir weg sind? Die anderen Feuerwehrponys... sie brauchen mich doch, oder?" Sie blickte sich unsicher um, wie um eine Bestätigung zu erhalten. Ihr Blick blieb schließlich an Rogue hängen. Das junge Rettungspony hatte sich von dem überraschenden Zauber Twilights wieder erholt und verfolgte die Szene von etwa abseits des Kreises. Als er Pinkies Blick auf sich spürte, lächelte er sie aufmunternd an.

„Aber auf mich kannste´ zähl´n." Applejack war entschlossen einen Schritt vorgetreten. Mit ernstem Gesicht schob sie ihren Stetcolt in den Nacken. „Celestia weiß, dass Apple Bloom mich jetzt braucht un´ ich nix lieber tät, als für se´ da zu sein. Aber s´ geht hier um mehr als um mich un´ meine Schwester. Wenn´s in unser´n Huf´n liegt, das ganze zu beend´n un´ dafür zu sorg´n dass sich das Gestern nich ´ wiederholt, weder hier, noch sonst wo, dann sach´ ich, sin´ wir kein´ Biss´n Heu wert, wenn wir´s nich´ tun." Sie ließ ihre Worte einen Moment lang wirken, dann ging sie zu Rarity hinüber, die noch immer neben dem Tisch saß und ihrem Blick auswich.

„Rarity, du has´ recht damit, dass unsere klein´ Schwestern uns jetzt brauch´n. Aber wenn wir jetzt nichts unternehm´n, kommts vielleicht noch schlimmer. Für uns un´ für andere. Was würdeste´t tun, wennde erfährst, dass jemand das alles hätt´ verhindern könn´, aber nix gemacht hat? Se´ brauch´n uns bei sich, aber sie brauch´n uns auch, damit das alles n´ Ende hat."

Rarity errötete leicht vor Verlegenheit. „Ich... ich weiß es nicht. Ich muss zuerst mit Sweetie Belle sprechen.", sagte sie leise.

Applejack nickte, fürs erste zufrieden mit ihrer Antwort.

„Uhm, ich... ich komme auch mit." Fluttershys Stimme war gerade laut genug, um die Aufmerksamkeit der anderen Ponys zu erregen. Sie saß wieder auf ihren Hinterläufen und ihre großen, blauen Augen huschten zwischen ihren Freundinnen hin und her. „Wenn wir es beenden können, bevor... bevor noch mehr Ponys zu Schaden kommen und der Wald weiter leidet, dann... also, dann denke ich, dass wir das tun sollten. A-Außerdem scheint sich Twilight ja sicher zu sein, dass wir dort die Lösung finden. Ich werde sie begleiten." Sie senkte den Kopf und ihre hellrosane Mähne fiel ihr über das Gesicht. „Uhm, und... ich fände es toll, wenn ihr alle mitkämt. Also, wirklich alle. Mhm, natürlich nur wenn es geht." Ein scheuer Blick zwischen den Strähnen heftete sich für einen Sekundenbruchteil an Rogue, dann war er verschwunden.

„Huh?", fragte der junge Hengst sich selbst. Für einen Moment hatte es so ausgesehen, als würde Fluttershy ihn ebenso damit meinen wie alle anderen. Er klopfte sich vorsichtig mit dem Huf gegen den Kopf, wie um die Räder in seinen Verstand anzustoßen. Twilights Zauberspruch musste ihm wohl immer noch zusetzen.

Twilight trat in die Mitte des Kreises. „Ich danke euch allen. Dafür, dass ihr an mich glaubt und mich begleiten wollt. Pinkie, Rarity, ich mache euch keinen Vorwurf, wenn ihr sagt, dass ihr uns nicht begleiten könnt. Ich respektiere eure Entscheidung und bin euch deshalb nicht böse. Aber ich bitte euch, überlegt, ob ihr euch nicht doch noch uns anschließen wollt. Ihr würdet uns allen fehlen, soviel ist sicher." Sie strich sich mit dem Huf nachdenklich über das Kinn. „Es muss noch vieles vorbereitet werden, bevor wir aufbrechen können. Aber die Zeit drängt. Ich denke, wenn ich alles richtig organisiere, können wir Übermorgen starten. Ich muss noch eine Reiseroute ausarbeiten und einen geeigneten Pass finden, der uns ins alte Land bringen kann. Die Vorräte müssen eingekauft werden, in Abhängigkeit der wahrscheinlichen Länge der Expedition, eine Ausrüstungsliste erstellt..." Sie hielt inne und wandte sich einem Bücherregal zu. In schneller Folge zog sie Band um Band heraus, betrachtete kurz den Titel und ließ sie dann achtlos beiseite purzeln. „Spike! SPIKE! Bring Feder und Papier! Wir müssen Listen machen! Viele Listen! Und bring mir den großen Bogen aus dem Keller, für die Masterliste! Spike!"

Die Küchentür flog auf und der kleine violette Drache stürmte herein, bekleidet mit einer gerüschten Kochschürze, auf der eine rotes Herz prangte. „Was? Was ist? Ich war gerade mit dem Karottenauflauf beschäftigt."

„Vergiss das Essen und hol´ die Schreibutensilien! Wir haben viel Arbeit vor uns." Twilight nahm sich kurz Zeit, um ihm ein warmes Lächeln zu zuwerfen, während sie sich weiter durch die Regale arbeitete. „Ich glaube, wir haben es, Spike. Wir haben endlich eine heiße Spur."

Twilights Assistent blieb einen Moment wie erstarrt im Türrahmen stehen. Dann leuchtete ein breites Grinsen auf seinem Gesicht auf. „Wirklich! Das ist toll! Wa... warte, ich hole den Auflauf aus dem Ofen, dann bin ich gleich bei dir!" Er huschte zurück in die Küche.

„Was ist mit dir Rogue?", fragte Twilight, ohne von dem Buch aufzusehen, dessen Index sie gerade überflog.

Der junge Hengst hob überrascht den Kopf. „Wie? Was soll mit mir sein?", fragte er sie.

Die Stute hielt weiter ihren Blick auf die Seiten des Buches gerichtet, die sich in violetten Schimmer wie im Schnelldurchlauf durchblätterten. „Du hast noch nichts gesagt. Ob du uns begleiten willst." Ihre Stimme klang ruhig, sachlich. Aber sie mied seinen Blick noch immer.

„Ich... bin kein Element der Harmonie. Ich bin nur ein einfaches Rettungspony aus Manehattan. Wie sollte ich euch denn schon helfen?"

„Das is´ nich´ wahr!" Applejack trat hinter ihm hervor und baute sich vor ihm auf. „Du bis´ das beste Rettungspony, das Ponyville un´ Manehatt´n je geseh´n hat!" Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. „Un´ wag´s ja nich´, nochmal was andres´ zu behaupt´n!" Dann wurden ihre Züge wieder weicher und ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Un´ du bis´ mein Cousin. Un´ vor allem – bis´ du mein Freund. Selbst wenn de´ nur n´ Buchhalter wärst, wüsst´ ich sonst kein´, bei den wir Mädel´s besser aufgehob´n wär´n als mit dir. Un´ das isses´, warum Twilight un´ ich dich gern´ dabei hätt´n." Sie kicherte kurz. „S´ natürlich noch´n netter Bonus, dasde´ uns zusammenflick´n kannst, wenn was schief geht. Stimmt´s Twilight?"

Die lavendelfarbene Einhornstute warf AJ einen unsicheren Blick zu, rang sich dann aber zu einem zutimmenden Nicken durch. „Das stimmt. Wir hatten auf unseren bisherigen Abenteuern immer das Glück, das niemand ernsthaft verletzt worden ist. Aber es wäre gut zu wissen, dass wir einen Profi dabei haben, wenn dennoch etwas passiert."

Rogue schluckte schwer. Ein paar höchst unwillkommene Bilder der gestrigen Nacht huschten durch seinen Verstand. Er wollte sich nicht einmal vorstellen, dass eine der Stuten in diesem Raum einmal ernsthaft auf seine Hilfe angewiesen war.

„Also? Was sachst du? Biste dabei?" Seine Cousine beobachtete ihn aufmerksam, ein hoffnungvolles Lächeln im Gesicht.

Rogue zögerte.

Sein Verstand sagte ihm, dass es Wahnsinn war, sich darauf einzulassen. Nicht nur für ihn, sondern auch für die anderen Ponys im Raum. Sie alle hatten ein zutiefst traumatisches Erlebnis hinter sich, das nicht einmal vierundzwanzig Stunden hinter ihnen lag. Und jetzt waren sie im Begriff sich Hals über Kopf in ein Abenteuer zu stürzen, aufgrund einer kryptischen Prophezeiung einer mysteriösen Macht von Celestia weiß woher und einem verdammten Kinderreim.

Sein Blick glitt zu Twilight, die jetzt das Buch vor sich zu dem Tisch in der Mitte des Raumes schweben ließ, um es für spätere Studien parat zu haben. Bevor sie den nächsten Band aus dem Regal zog, warf sie ihm einen kurzen Seitenblick zu. Der Blickkontakt war nicht länger als der mit Fluttershy, aber dennoch konnte er mühelos die unausgesprochene Bitte der Stute darin erkennen.

Sie griffen hier nach Strohhalmen. In mehr als einer Hinsicht. Es war einerseits eine entfernte Hoffnung eine Antwort auf die Ursache der Dürre zu bekommen. Diesen Alptraum für alle Ponys in Equestria und alle Wesen jenseits seiner Grenzen zu beenden, bevor er sich zur Katastrophe ausweitete. Doch hier, hier in diesem kleinen Hausbaum, zwischen diesen sechs Stuten, ging es nicht nur darum. Es war der Strohhalm, nach dem sie griffen, um nicht auseinanderzufallen. Um ein Ziel zu haben, auf das sie sich konzentrieren konnten, um nicht unentwegt an das denken zu müssen, was hinter ihnen lag.

Ihm kamen die Worte von Lyra wieder in den Sinn, die sie zu ihm in der Krankenhausküche gesagt hatte: Es hilft, wenn man etwas zu tun hat, ein Ziel. Hält die Gedanken beieinander. Das ist wichtig.

Es stimmte. Ein Ziel war wichtig. Es hielt einen davon ab, sich selbst verrückt zu machen. Hielt einen davon ab, auf seine Freunde lozugehen, nur weil gerade kein anderer in der Nähe war und alles, was sich in einem angesammelt hatte, heraus wollte. Oder es in sich hinein zu fressen, bis man anfing, sich selbst zu hassen.

Es war nur ein Strohhalm, aber es war besser als nichts.

Was ist mit dir?, fragte ihn eine leise Stimme in seinem Kopf. Ja, was war mit ihm? Er betrachtete die Probleme immer noch von außen, wie ein Unbeteiligter. Aber das war nicht richtig. Er war mittendrin. Nicht nur im Zentrum der Geschehnisse, sondern auch als Teil... Ein scharfer, bittersüßer Stachel der Euphorie durchzuckte ihn, als er daran dachte... als Teil dieses Kreises aus Freunden. Der Schmerz, der sie alle so plötzlich heimgesucht hatte, verband sie vielleicht als Leidengenossen, aber da war mehr. Sie hatten ihn bei sich aufgenommen, hatten ihn in ihren engen Kreis gelassen, ihn zu einem Stück des größeren Ganzen werden lassen.

So sprach sein Herz. Es war nur sein Verstand, der sich weigerte, das zu akzeptieren. Es ist Wahnsinn! Keines dieser Ponys ist gerade dazu in der Lage eine Reise ins Unbekannte anzutreten! Sie können es nicht schaffen und am allerwenigsten du selbst! Wir werden bei der kleinsten Kleinigkeit auseinander brechen! Halt sie davon ab! Sag ihnen, wie lächerlich das Ganze ist! Stimm sie um!

Es war an ihm, sich zu revanchieren, für die Schulden, die er bei ihnen gemacht hatte. Für Applejack, die ihn so selbstverständlich in ihre Familie eingelassen hatte. Für Twilight, die ihm trotz einer Dummheit verziehn hatte. Für Pinkie Pie, die ihn als erstes, fremdes Pony hier einen Freund genannt hatte. Für Fluttershy, die ihm nie anders als mit, wenn auch verhaltener, Freundlichkeit begegnet war. Für Rarity, die ihn kaum kannte und ihn trotzdem so rückhaltlos willkommen geheißen hatte. Selbst für Rainbow Dash, die ihn auf so offensichtliche Art und Weise nicht mochte und dennoch den Kreis für ihn geöffnet hatte. Er hatte eine Schuld an Vertrauen abzutragen. Vertrauen darauf, da sich die Bande zwischen diesen Freunden, zwischen seinen Freunden, als stärker erweisen würde, als alles, was sie auseinander zu treiben versuchte. Ob von Innen oder Außen.

„Wenn... wenn ihr mich dabei haben wollt, dann komme ich mit euch." Er wollte es laut sagen, entschlossen, wie ein echter Hengst. Aber seine Zweifel, so sehr er sie auch zu unterdrücken versuchte, ließen seine Stimme brüchig werden.

Dennoch schlang Applejack freudig ihre Vorderläufe um seinen Hals und umarmte ihn fest.

„Oh, danke, Rogue! Du wirst seh´n s´ wird toll werden! Wir zusamm´ auf groß´m Abenteuer! Da wirst du was zu erzähl´n hab´n, wenn..." Er bemerkte, wie sie kurz zögerte. „...wenn de´ nach Manehatt´n zurückkommst."

Er drückte sie seinerseits und verdrängte die widerstreitenden Gefühle, die ihr letzter Satz in ihm auslöste. „Ja, ganz bestimmt, Applejack."

„Sehr gut. Es freut mich, dich dabei zu haben, Rogue." Twilight schenkte ihm ein kurzes Lächeln und schob dann ein weiteres Buch auf den Stapel, den sie sich später vornehmen würde. Anschließend drehte sie sich um. „Wir treffen uns morgen Mittag wieder hier. Bis dahin müsste ich die Einzelheiten ausgearbeitet haben und euch einen detaillierten Plan vorlegen können. Überlegt euch bis dahin bitte, was ihr für die Reise alles benötigt. Und ruht euch etwas aus. Es wartet noch viel Arbeit auf uns!" Sie hob den Kopf. „Spike! Wo bleibst du? Wir müssen anfangen!"

Damit waren sie entlassen. Sie verließen die Bibliothek. Seltsamerweise schien keines der Ponys vor der Tür sonderlich erpicht darauf zu sein schnell nach Hause zurückzukehren. Sie standen auf der Straße vor Twilights Hausbaum und warfen sich gegenseitig unsichere Blicke zu. Schließlich trat Rarity zu AJ heran.

„Applejack, wenn es nicht zuviel verlangt ist, würde ich dich gerne darum bitten, dass Sweety Belle noch etwas mit den anderen auf der Farm bleiben darf. Ich habe zwar schon einen Brief an unsere Eltern abgeschickt, aber es werden wahrscheinlich noch einige Tage vergehen, bis sie uns antworten oder selbst hierher kommen können. Ich möchte die drei Kleinen jetzt ungern auseinander reißen. Ich weiß, wie viel ihnen ihre Freundschaft bedeutet. Und ich denke, es wäre auch gut, sie eine Weile von Ponyville und dem was ihnen dort geschehen ist, fernzuhalten. Natürlich nur, wenn es dir keine Umstände macht." Sie blickte verlegen zur Seite, ein ungewohnter Anblick bei der sonst so selbstbewussten Stute. „Und vielleicht können wir uns ein wenig unterhalten, du und ich. Ich würde das sehr begrüßen."

AJ nickte und legte ihr einen Huf auf die Schulter. „Du un´ deine kleine Schwester sin´ uns willkomm´ solang´ du willst, Rarity. Da mein´ Huf drauf!" Die Erdstute tat so, als spuckte sie in ihre Huffläche und hielt sie dem weißen Einhorn entgegen.

Rarity hob zögernd ihren Vorderlauf. Ihr Gesicht zierte ein gezwungenes Lächeln, während ihre Augen Applejacks Huf fest im Blick behielten. Sie gab ich sichtlich Mühe, ihrem Ekel nicht nachzugeben, doch schließlich obsiegte er. Sie ließ ihren Vorderlauf wieder sinken, ohne einzuschlagen. „Dein Wort genügt mir." stieß sie zwischen den Zähnen hervor.

Auch Applejack ließ ihren Huf wieder sinken und zuckte mit den Achseln. „Kein Problem. Wir seh´n uns heute Abend?"

„Ja, Darling! Ich bringe noch ein paar Sachen vorbei, wenn es nichts ausmacht!", Rarity war sichtlich erleichtert, dass die Farmerin ihr ihre Zurückhaltung nicht übel nahm.

„Sicher. Wir essen um Sieben." Sie nickte ihrer Freundin freundlich zu und wandte sich um zum Gehen.

Rogue verabschiedete sich von den anderen Ponys und folgte ihr. Applejack legte ein strammes Tempo vor, so dass er kurz galoppieren musste, um sie einzuholen. Als er neben ihr angekommen war, verlangsamte er seinen Schritt wieder und lief neben ihr her.

„Das war ein bisschen gemein von dir.", sagte er, seine Augen weiter nach vorne auf den Weg gerichtet. Sie warf ihm einen Seitenblick zu.

„Meinste´ das mit Rarity?"

Sie schritten einige Sekunden wortlos nebeneinander her, bis AJ leise seufzte.

„Hast´ wahrscheinlich recht. S´ wahr nich´ wirklich fair von mir."

Wieder schwieg sie einen Moment, dann erhob sie noch einmal das Wort, wütend diesmal. „Aber ich bin nich´ aus Stein gemacht, verstehste´? Ich mach´ mir nich´ weniger Sorg´n um Apple Bloom als sie um Sweety Belle, aber trotzdem muss ich das Buhpony spiel´n un´ sag´n wies´ is´! Ich will nich´ weg! Ich will die Farm nich´ alleine lass´n, die Familie, meine kleine Schwester, die mich jetz´ so dringend braucht!"

Sie atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen.

„Aber s´ is´wie s´ is´. Wir spring´n wieder mal inne´ Bresche un´ rett´n Equestria un´ ganz´n Rest. Ich schwör´, da gibt's Tage wie dies´n, da verfluch´ ich dreimal, dass ich eins´ der Elemente sein muss, das kannste mir glaub´n." Sie klang verbittert, als sie das sagte.

Rogue suchte nach den richtigen Worten, um ihr zu antworten. Er wollte ihr Mut zusprechen, sie beruhigen, sie einfach nur in seine Hufe nehmen, um ihren Schmerz zu lindern, so wie sie es mit ihm getan hatte, dort auf der Farm, in der Küche. Doch bevor er auch nur einen Ton herausbrachte, rief ihn eine atemlose Stimme hinter ihm.

„Rogue! Rogue, warte!"

Er drehte ich um und sah Pinkie Pie, die auf sie zu galoppierte, so das ihre offene Einsatzjacke hinter ihr wie ein Umhang wehte.

Die pinke Stute kam vor ihm zum Stehen und atmete mehrmals tief durch.

Rogue sah sie besorgt an. „Alles in Ordnung, Pinkie?", fragte er. Seltsam, wie eine einzige Nacht das eigene Denken verändern konnte. Sah er heute ein Pony laufen, dachte er sofort, es wäre etwas schlimmes passiert.

„Es tut mir leid, dich noch einmal zu stören, Rogue, aber..." Sie blickte verlegen zur Seite und zögerte.

Dem jungen Hengst ging in dieser Sekunde auf, wie sehr sie sich verändert hatte. Er hatte es bereit in der Bibliothek bemerkt, aber der krasse Unterschied zwischen dem aufgeweckten, fröhlichen Pony, das er als Chief der Feuerwehr hier kennengelernt hatte und dem, das er hier vor sich sah, wurde ihm erst in diesem Moment vollständig bewusst. Alles andere hatte er als eine Reaktion auf den Schrecken, den Pinkie wie alle anderen hier ausgesetzt worden war, abgetan. Jetzt realisierte er zum ersten Mal, wie tief ihre emotionalen Wunden wirklich reichen mochten. Von der unerschütterliche, optimistischen Stute, die ihn so herzlich hier willkommen geheißen hatte, war so wenig geblieben, dass er sie auf den zweiten Blick kaum wiedererkannte. Ihre Mähne, dieser luftig, fluffige Ball, der aus Zuckerwatte gemacht zu sein schien, war nicht mehr der leblose Fluss glatter Strähnen, die er in seiner Umarmung in der Bibliothek gefühlt hatte, aber dennoch wirkten sie seltsam farblos, als wäre ihr Glanz aus der Welt verschwunden. Er wusste nicht genau warum, aber dieser Anblick gab ihm einen schmerzhaften Stich ins Herz.

„Was ist es, Pinkie? Heraus mit der Sprache." Er versuchte seine Stimme ruhig zu halten, ihr einen aufmunternden Tonfall zu verleihen, aber die Dringlichkeit darin gewann die Oberhand.

Wie nahe wir doch jetzt alle dem Rand der Klippe sind, dachte er bei sich, als er sich selbst reden hörte. Oder vielleicht sitzen wir bereit bereits zusammen unten im Loch und es ist zu dunkel, als das wir uns gegenseitig sehen könnten.

„Ich... ich wollte dich nur fragen, ob du mir helfen kannst, alles für Sugar Coats Beerdigung zu organisieren. Ich weiß immer noch nicht, wie man einen Kameraden verabschiedet und jetzt, da Twilight damit beschäftigt ist, die Reise vorzubereiten, dachte ich... dachte ich..." Sie strich mit ihrem Huf durch den Staub der Straße. Dann blickte sie durch die Strähnen ihrer Mähne zu ihm auf.

In diesem Moment erinnerte sie ihn so sehr an Fluttershy, dass er sich einen Moment lang fragte, ob sie beide die Rollen getauscht hatten.

Und dann bemerkte er, dass das vielleicht tatsächlich der Fall sein mochte.

Es gab Dinge, die das Schlimmste in einem Pony zum Vorschein bringen konnten. Und Dinge, die das Beste in einem ans Tageslicht brachten. Und irgendwo in der Mitte... im Niemandsland der Seele... zwischen dem, was man sein wollte und dem, was man an sich selbst zutiefst verabscheute... lag das Pony, das man wirklich war. Jene Entität zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Vorwärtsstreben und Selbstaufgabe, die letzte Bastion des Selbst, das Equinox.

Pinkie Pie und Fluttershy ähnelten zwei Seiten einer Waagschale. Rogue glaubte einen kurzen Blick auf das Innerste des gelben Pegasus erhascht zu haben, als sie auf Rainbow Dash losging. Eine Festung aus Stahl, bis auf die Zähne bewaffnet, in ihrem Kern unerbittlich, uneinnehmbar.

Doch das war nicht, was Fluttershy sein wollte. Statt dessen nahm sie sich zurück, vergrub sich in ihrer Schüchternheit, vielleicht aus Angst, die anderen zu verdrängen, sie zu verschrecken. Es brauchte viel, um sie aus ihrer selbst gewählten Schale heraus zu locken.

Und Pinkie Pie... wie leicht hatte sie seine Sorgen hinweg gelacht. Sie war ihm gestern so unerschütterlich vorgekommen, so stark, so konzentriert auf das, was sie tun musste. Lyra hatte gesagt, dass sie es gewesen war, die die Truppe trotz aller Widrigkeiten zusammen gehalten hatte. Rogue zweifelte keinen Moment daran. Doch als er sie in der Bibliothek wieder gesehen hatte... und nun hier...

Er begriff, dass vor ihm vielleicht der Kern von Pinkie Pie stand. Unsicher, verhalten und introvertiert. All das, was die Stute nicht sein wollte, aber dennoch war, wenn man alles andere fort nahm.

Er fühlte sich schuldig, sie so zu sehen. Es war, als hätte er sie unter der Dusche erwischt, oder in einer ähnlich kompromittierenden Situation. Sie war entblößt, nicht auf physische, sondern auf psychische Weise.

Und das führte ihn direkt in ein Dilemma.

Er blickte zwischen seiner Cousine und dem Chief hin und her. Applejack haderte mit ihrem Schicksal, zerrissen zwischen der Verantwortung ihrer Familie gegenüber und ihrem Pflichtbewusstsein als Element der Harmonie. Dagegen stand Pinkie Pie, eine Kameradin, eine Vorgesetzte, die ihn direkt um seine Hilfe bat.

So sehr er es sich auch anders wünschte, er konnte ihnen nicht beiden gleichzeitig helfen. Er suchte verzweifelt nach einem Grund, Pinkie Pie zu vertrösten, aber er fand nur Argumente gegen Applejack. Je eher Sugar Coat ein ordentliches Begräbnis bekam, umso früher würde der Chief wieder anfangen zu funktionieren. Würde sich die Feuerwehr wieder auf sie verlassen können. Fand Pinkie Pie vielleicht wieder zu ihrem alten Selbst zurück. Würde sich der Kreis der Freunde wieder vervollständigen.

Aber Applejack war seine Familie. Sie war seine Cousine und nicht weniger, sondern mehr, als sein Freund. Brauchte sie ihn weniger als Pinkie Pie?

Er verstand, dass der Chief auf eine etwas verrückte Art und Weise zu ihn aufblickte. Er hatte bisher geglaubt, dass sie nur von ihm lernen wollte und bis zu einem gewissen Grad stimmte das auch. Doch nun suchte sie auch Bestätigung von ihm, nahm ihn als Maßstab dafür her, wie sie auf das zu reagieren hatte, was sie als ihr persönliches Desaster betrachtete.

Rogue war nicht bereit dafür. Er wusste, er hatte Fehler begangen. Sein später Einfall, Twilight den Lichtzauber zu empfehlen, war nur ein kleiner Teil davon. Wenn seine Gedanken zurück glitten, an die Vorhölle der Dorfhalle, fielen ihm tausend Handgriffe ein, die er vergessen hatte, die er hätte besser ausführen hätte können, die er vermieden hatte, obwohl sie so leicht gewesen wären. Hier ein tröstendes Wort, dort ein beruhigendes Streicheln. Einfache Dinge, die dennoch so viel mehr bewirken konnten, als der kalte Kuss einer Spritze. Er hatte funktioniert, nicht weniger, nicht mehr. Nicht gut, nicht schlecht. Er hatte versucht, das Pony zu sein, das man von ihm erwartete. Aber ein Vorbild? Schwerlich.

Triage, hallte es in seinem Geist. Das kleinste, notwendige Übel. Ihm wurde schlecht, als er daran dachte. Er hatte genug Ponys abgeurteilt, hatte über sie entschieden, wie ein mitleidloser Gott, dass es ihm für den Rest seines Lebens reichte. Er wollte nie wieder so unmittelbar für das Wohl und Wehe eines Ponys verantwortlich sein.

Doch nun stand er direkt zwischen seiner Familie und einer Freundin. Applejack brauchte ihn. Pinkie Pie brauchte ihn.

Triage. Er schloss seine Augen. Er traf eine Entscheidung.

„Applejack, es tut mir leid." Er biss die Zähne zusammen, so schwer gingen ihm die Worte von den Lippen. Er konnte keine richtige Entscheidung treffen. Nur eine Angemessene.

„Ich helfe dir, unseren Kameraden in allen Ehre unter die Erde zu bringen." Er neigte seinen Kopf vor dem Chief, Pinkie Pie. Eine Geste des Respekts, den sie sich so redlich verdient hatte.

Applejack beobachtete die Szene ein Moment lang, bevor sie sprach. Ihr Blick glitt zwischen Pinkie Pie und Rogue hin und her.: „S´ okay.", sage sie schließlich leise. Die Enttäuschung in ihrer Stimme war unverkennbar. „S´ okay. Mach´ nur." Sie drehte sich zum Gehen.

„Warte, AJ!" Die Stute zögerte einen Moment, bevor sie sich noch ein letztes Mal umwandte.

Er trat auf sie zu, so dass sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber sahen. „Lass mich ihr helfen, AJ. Es ist nicht nur ihr Wunsch... es ist auch meiner. Ich bitte dich, sei mir nicht böse. Es nicht wichtiger, als das, was... was wir uns zu sagen haben..." Er kämpfte damit, die richtigen Worte zu finden. Er seufzte schwer. Die Pflicht wiegt schwerer als ein Berg, der Tod leichter als eine Feder. Woher stammte doch diese Weisheit? „...aber dies ist auch wichtig und es muss jetzt geschehen. Lass mich ihr helfen. Ich bitte dich."

Die Erdstute sah ihm einen Moment lang ins Gesicht, wägte seine Worte ab. Dann wandte sie sich um, trottete davon, in Richtung ihrer Farm. Über die Schulter hinweg rief sie ihm ihre letzten Worte zu: „S´ Okay, Rogue. Tu´ was de´ tun musst. S´ vielleicht das Beste. Wir alle ham´ unsre´ Pflicht´n ."

Sie ging davon und ließ ihn zurück.

Er blickte ihr nach, auch noch, nachdem sie hinter der Ecke der Häuser verschwunden war.

Pinkie trat neben ihn, schenkte ihm ein unsicheres Lächeln. „Vielen Dank, das du mir helfen willst. Ich weiß nicht, ob ich es ohne dich schaffen würde." Sie folgte seinem Blick, die leere Straße hinunter. „Es wird doch alles wieder in Ordnung kommen, zwischen dir und Applejack?", fragte sie besorgt. Die Schuld in ihrer Stimme war unverkennbar.

Er verharrte noch einen Moment in seiner Stellung, dann wandte er sich der pinken Stute zu und setzte ein aufmunterndes Lächeln auf. Diese kleine Geste kostete ihn nicht wenig an Überwindung. „Aber sicher, Pinkie! Wir sind Cousin und Cousine. Mach dir keine Sorgen, sie versteht es, ganz bestimmt."

Tat sie das? Verstand Applejack wirklich, warum er ihre Freundin ihr vorgezogen hatte? Oder wanderte sie dort alleine, machte sich ihre eigenen Gedanken, verletzt darüber, dass er hier stand und nicht an ihrer Seite?

Er legte traurig die Ohren an. Er würde versuchen, es wieder gut zu machen, irgendwie, irgendwann. Aber jetzt galt es, seine Pflicht zu erfüllen, ein Feuerwehrpony unter die Erde zu bringen und einen Chief zurück auf seine Hufe. Applejack verstand, was die Pflicht von ihr selbst verlangte und er konnte nur hoffen, dass sie auch seine Aufgaben respektierte.

Hatte er einen Fehler begangen, als er Pinkies Bitte nachgekommen war? Hätte er den Familienbanden nachgeben sollen, dem alten Spruch: ´Blut ist dicker als Wasser?´ Hatte sein Verstand entschieden, oder sein Herz? Er wusste es nicht mehr.

Als sie sah, wie sein ernster Blick unwillkürlich wieder in Richtung der Farm glitt, dachte Pinkie fieberhaft darüber nach, wie sie Rogue von Applejacks Abschied ablenken konnte. Ob nahe an der Kante, oder am Boden des Loches, sie wäre nicht Pinkie Pie gewesen, wenn ihr nicht etwas eingefallen wäre. „Hast du Hunger? Ich kann uns noch etwas machen, wenn du magst!" Auf vertrautem, sicheren Terrain angelangt, war Pinkies Stimme angefüllt von der selben, atemlosen Aufgeregtheit, wie Rogue sie zuerst kennengelernt und die er so schmerzlich an ihr vermisst hatte. Als er zu ihr aufblickte, sah er zum ersten Mal seit gestern Nacht ein ehrliches, freudiges Glitzern in ihren blauen Augen.

Das war Pinkie Pie, wie sie sein sollte, wie sie sein wollte. Ein Pony, dessen ganzes Sein darin bestand, andere zum Lächeln zu bringen. Sie sich wohlfühlen zu lassen, ihre Sorgen hinfort zu waschen, ihnen Glück zu schenken und sei es nur für einen Abend, eine Stunde, einen Augenblick. Sie war so einfach zu Frieden zu stellen, so einfach glücklich zu machen. Sie erhob keine Ansprüche, stellte kein Hindernisse in den Weg. Man musste sich nur selbst überwinden und sie würde es einem zurückzahlen, hundertfach.

Er fragte sich, warum noch kein Hengst vorgetreten war, um diese wundervolle Stute für sich zu beanspruchen. Sie war jede Anstrengung wert, eine vollkommene Blüte, wunderschön und wahrhaft einzigartig, wie es sie nur einmal gab.

Er rieb sich fest mit dem Huf über das Gesicht. Langsam, langsam, ermahnte er sich selbst. Er würde sich nicht hier und jetzt Hals über Kopf in Pinkie Pie verlieben. Er musste klar denken. Sie waren beide emotional verletzt und verwundbar. Das sie freundlich zu ihm war, hieß nicht, dass dort irgendwelche Gefühle für ihn waren. Und dass er sich zu ihr hingezogen fühlte, bedeutete ebenso wenig. Sonne und Mond, das Ganze war ohnehin schon zu verwirrend für ihn! Da war Applejack, seine Cousine, die er nicht aus seinem Kopf bekam. Da war Twilight, diese hoch intelligente Stute, der er so verzweifelt versucht hatte zu helfen, weil er sich selbst in ihren Problemen erkannte. Da war Fluttershy, dieses süße Geheimnis, deren Anblick alleine ihm ein Kribbeln im Bauch bescherte. Deren Schüchternheit ihm einen so herrlichen Stich ins Herz versetzte, gerade, weil er sich so gut in sie hinein versetzen konnte. Und Pinkie Pie...

Und Darling?, fragte ihn eine innere Stimme vorwurfsvoll. Und Darling, die Krankenschwester, die, so weit er wusste, geduldig in Manehattan auf ihn wartete. Die so wundervoll nach der Stärke ihrer Uniform roch, und jenseits davon... nach Kirschen. Und an die er so lange keinen Gedanken ´verschwendet´ hatte. Sie schien so fern, so abseits, dass sie zu einem anderem Leben zu gehören schien.

Und auf eine gewisse Art und Weise stimmte das auch. Sein Leben hatte sich verändert, seit er in dieses kleine Dorf gekommen war. Er hatte sich verändert. Seine Erkenntnisse, die plötzlichen Momente der Klarheit, war nur Höhepunkte eines schleichenden Prozesses, einer Entwicklung, die vielleicht oft schmerzhaft, aber dennoch nicht weniger heilend war.

Er wurde sich darüber im Klaren, dass diese Evolution weit davon entfernt war, abgeschlossen zu sein, aber sie zu leugnen, wäre eine Lüge gewesen. Pears... Applejack... die Reise... Twilight... Pinkie Pie... die Schattenwölfe... selbst Fluttershy und Rainbow Dash... sie hatten ihn verändert. Er war nicht mehr das Pony, das vor wenigen Tagend halb gebrochen in das Dorf getrottet war. Er war auf so verschiedene Weise mehr, im Guten wie im Schlechten, mit wundervollen Erinnerungen ebenso angefüllt, wie mit schrecklichen.

Er hatte in dieser Woche mehr gelebt, als in jedem Jahr, an das er sich seit dem erinnern konnte. Es machte nichts aus, dass es ein Auf und Ab war, ein Wechselbad der Gefühle. Er fühlte und hier und jetzt war es genug, um sich endlich, endlich wieder lebendig zu fühlen.

„Was immer du anzubieten hast, Pinkie. Ich bin am verhungern!" Buck it all! Er war hier, er war am Leben und jeder Alptraum, der ihn verfolgte, musste bis in die Nacht auf ihn warten. Er würde sich bei Applejack entschuldigen, irgendwann, irgendwo, nur nicht heute. Er würde Pinkie Pie zeigen, wie man ein Feuerwehrpony unter die Erde brachte, mit allem Ehren. Um die Tradition zu ehren - und um die Geister, die ihnen vorangegangen waren, zu beruhigen - würde er sich anschließend so voll laufen lassen, wie es nur eben ging, mit jedem Feuerwehrpony, das bereit war, ihm zu folgen. Und morgen würden sie Sugar Coat die letzte Ehre erweisen und den kalten Leib in ruhige Erde betten, wo er selig schlafen konnte, ohne eine Glocke, die ihn zur Pflicht rief. Wo er seinen Frieden fand, beruhigt, das beste, was in ihm war, gegeben zu haben.

Er dankte Celestia dafür, dass er Pinkie nicht beibringen musste, was das bedeutete. Sie hatte es auf schmerzliche Weise selbst herausgefunden. Aber er konnte ihr erzählen, wie man es ausdrückte. Und wie man damit umging.


Heute hielt die Nacht keinen Schrecken bereit. Der Mond hing so voll und hell am Firmament, das selbst die Lampen am Wegesrand nur eine Verzierung waren. Dazu leuchteten die gelben Augen von Lunas Nachtwache in jedem der wenigen Schatten, die sich noch zwischen den Häusern hielten. Die geschlitzten Pupillen der Wachen mochten noch ungewohnt für die meisten Bewohner von Equestria sein, aber Rogue nickte ihnen dennoch grüßend zu, wann immer ihrer gewahr wurde. Er hatte geholfen, zwei der am schwersten verletzten Ponys in den Himmelswagen der Nachtprinzessin zu laden, während diese so furchterregenden Ponys aufmerksam Wache über sie hielten. Sie mochten anders aussehen, ja, sich sogar anders verhalten als die Wachen der Garde Celestias, die er am Tage gesehen hatte. Aber er hatte auch gesehen, wie sie genauso mitfühlend und vorsichtig mit ihrer verletzen, empfindlichen Fracht umgegangen waren, als würden sie ihre Herrin selbst eskortieren. Alleine dafür verdienten sie seinen Respekt und seine Hochachtung. Sie mochten nicht in schimmernden Panzer gekleidet sein, sondern in die Farben der Nacht, sie mochten nicht edle Federn am Rumpf tragen, sondern lederne Flügel, aber trotzdem standen sie hier ihre Wacht, unermüdlich, aufmerksam und unauffällig.

Es war ein Teil Spaß, ein Teil Anerkennung für Rogue, sie zu grüßen, wenn er sie sah. Er verstand, dass er sie niemals bemerkt hätte, hätten sie es darauf angelegt. Aber er wusste, was es bedeutete, sich die Nacht für andere um die Ohren zu schlagen. Und er wusste, was ein einfaches ´Danke´ bedeuten konnte.

Er war, zugegebenerweise, ein bisschen angetrunken.

Er hatte Pinkie dabei geholfen, die Vorbereitungen für die Beerdigung zu treffen und die aufgeweckte Stute hatte in mehr als nur einer Hinsicht ihre Fähigkeit bewiesen, ein Event praktisch aus dem Nichts zu organisieren. Er hatte kaum mehr als die Ideen liefern müssen, da war Pinkies Zimmer im Sugar Cube Corner schon ein Bienenstock emsiger Aktivität gewesen. Er hatte sich kaum über ihre hausgemachten Muffins hergemacht, als die Einladungen bereits geschrieben waren, eine Band organisiert und der Ablauf an alle Feuerwehrponys verteilt war. Nachdem sich die meisten der Kameraden versammelt hatten, waren sie zum örtlichen Äquivalent des Dew Point weiter gezogen, einer kleinen, ansonsten ruhigen Taverne des Dorfes. Dort hatten sie auf Sugar Coat getrunken, mehr als einmal. Und wenn sie ihre Krüge in seinem Namen erhoben, tranken sie auch auf sich selbst und auf alle anderen, die es überstanden hatten, auch wenn sie sich das nicht sagten. Sie feierten, trotz allem, gerade wegen allem, das passiert war. Rogue sah mehr als nur ein Pony verloren in sich selbst sitzen, versunken in Erinnerungen an das, was so unvermittelt über sie alle hereingebrochen war. Doch er sah sie auch aufsehen, sah sie lächeln, als ihre Kameraden auf sie zu kamen und ihnen zu riefen. Er sah, wie sie aufstanden und tanzten, wie sie für einige unendlich wertvolle Momente vergaßen, was gewesen war und sich einfach nur dem Augenblick hingaben. Er sah sich selbst, wie er mit Lyra und Bonbon tanzte und sich so unendlich über den glücklichen Ausdruck in den Augen des grünen Einhorns freute, wenn sie ihre genesene Partnerin ansah. Er drehte sich im Rhythmus der Musik mit Pinkie Pie, hielt sie in seinen Hufen, lachte mit ihr und sang mit ihr zusammen voller Inbrunst den Refrain des Liedes: My beautiful lady, my beautiful lady. Oh, oh, oh my sunshine girl, my girl oh, oh, oh.[1] Und ihnen beiden standen dabei die Tränen in den Augen.

Und dann war er draußen und die Kühle der Nacht umfing ihn. Er hatte genug getrunken, genug getanzt, genug gefeiert. Sein Kamerad, Sugar Coat, wo immer er jetzt gerade auch war, würde ihm ein zufriedenes Nicken schenken. Er hatte ihn nie kennengelernt, aber er würde es verstehen. Dass die Ponys, die ihn so geliebt hatten, nicht dem Tod trauerten, sondern das Leben feierten. Und sich für immer an ihn erinnern würden.

Hinter ihm klang noch immer laut die Musik der Party durch das verlassene Dorf, die noch immer im vollen Gange war. Es war reine Erholung gewesen, sich für ein paar Stunden dem Strudel aus Musik, tanzenden Ponys und schäumenden Applecider hinzugeben, aber schließlich hatte er genug gehabt. Er wollte nicht soviel trinken, dass er anfing, sich dämlich zu benehmen.

Immer schön aufhören, wenn´s gerade am schönsten ist, dachte er zu sich selbst. Sehr erwachsen von dir, Rogue. Ups! Er war aus dem Tritt gekommen und schwankte etwas. Er kicherte leise, während er seinen Weg fortsetzte. Immer schön einen Huf vor den anderen, so ist´s brav. Wie oft hatte er so schon schwankenden Ponys auf die Ambulanz expediert, wenn sie im Suff gestolpert waren und sich verletzt hatten? Mehr als er zählen konnte. Es funktionierte auch bei ihm jetzt ausgezeichnet.

Er hob den Kopf und sah sich um. Wohin war er eigentlich unterwegs? Er war am Rand von Ponyville angekommen, aber ein ganzes Stück entfernt von dem Weg, der zu Sweet Apple Acres führte. Er stand etwas erhöht und konnte im hellen Licht des Mondes mühelos die charakteristische, große Scheune von Applejacks Farm und die umliegenden Felder ausmachen. Dahinter ruhten still die endlosen Weiten der Apfelbäume in silbernes Licht getaucht. In der anderen Richtung zog sich ein dunkles Band bis auf ein, zwei Kilometer an das Dorf heran. Das mussten die fernsten Ausläufer des Everfree Forest sein. Ihm lief ein unwillkürlicher Schauer über den Rücken, als er erkannte, wie nahe Ponyville doch diesem unheilvollen Forst war.

Dann erregte ein Licht an seinen Grenzen seine Aufmerksamkeit. Neugierig streckte Rogue den Hals und kniff seine Augen zusammen, um besser erkennen zu können, woher es stammte.

Es sah aus wie ein großer, dicker Baum, in dem die Lichter hingen. Oder waren es Fenster? Noch ein Hausbaum? Wer mochte so nahe am Everfree Forest leben? Etwas regte sich in Rogue´s Erinnerungen. Hatte nicht irgendjemand da etwas erwähnt?

Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Fluttershy!

Er klopfte sich mit dem Huf gegen den Kopf. Er hatte vergessen, sich den Verband von ihr wechseln zu lassen. Er wendete seinen Kopf und sah auf die Bandagen um seinen Rumpf. Der ordentliche Verband, der bei seinem Erwachen noch so jungfreulich gestrahlt hatte, war bereits etwas ergraut und die Lagen durcheinander geraten. Dashs Angriff und seine Arbeit den Tag über hatten ihre Spuren darauf hinterlassen. Er sollte tatsächlich noch gewechselt werden, bevor er zu Bett ging. Er musste für die Reise fit sein und das letzte, was er gebrauchen konnte, war eine Infektion.

Er sah wieder zu Flutterhys kleiner Hüte in der Ferne. Nun, noch brannte Licht, also war die Stute wahrscheinlich noch auf, auch wenn es schon spät war. Er zuckte mit den Schultern. Warum nicht? Fragen kostete nichts.


Gehüllt in den angenehmen Nebel aus Alkohol, war der Weg durch die nächtlichen Felder ein entspannender Spaziergang für Rogue. Durch die viele Bewegung, die er den Tag über gehabt hatte, waren die Schmerzen in seiner geprellten Flanke fast verschwunden und er konnte den kleinen Ausflug tatsächlich genießen. Das nächtliche Zirpen der Zikaden begleitete ihn durch die hell erleuchtete Nacht und die Hitze des Tages war nur eine ferne Erinnerung.

Er trat durch eine Baumgruppe und auf eine kleine Brücke, die einen Bach vor der Hütte überspannte. Das Gewässer war zu einem schmalen Band zusammengeschrumpft, das schlammige Bachbett in der Sonne gebacken und rissig. Das Gras der umliegenden Wiesen hatte bereits das trockene Aussehen des Spätsommers angenommen, aber der kleine Garten vor dem Häuschen war noch immer grün und die bunten Köpfen von Blumen reckten ihre Köpfe in das unerwartete Licht der Nacht. Als Rogue näher kam, erkannte er, das der gelbe Pegasus mitnichten in einem Hausbaum wie Twilight Sparkle wohnte. Es sah nur aus der Entfernung so aus, denn das ganze Dach war mit dickem, saftigen Klee bewachsen, der sich offensichtlich erfolgreich gegen das Verdorren zur Wehr gesetzt hatte. Zwischen den Giebeln wuchsen Sträucher aus dem Kraut und verstärkten noch den Eindruck, dass die Hütte weniger gebaut, als eher natürlich gewachsen war. Sie stand hier anscheinen schon so lange, dass sie ein Teil ihrer Umgebung geworden war. Ohne das Licht aus den Fenstern, das ihm den Weg wies, hätte er es nie gefunden.

Er ging die kleines Steigung hinauf, bis zu der zweigeteilten Tür. Er strich sich die kurze Mähne nach vorne und hob dann den Huf, um zu klopfen.

In diesem Moment erlosch das letzte Licht im Haus.

Er hielt inne, bevor sein Huf das Holz der Tür berührte. Zauberhaft, dachte er ironisch. Er überlegte einen Moment lang, ob nicht dennoch klopfen sollte, aber er brachte es nicht übers Herz. Er sah hoch zu den dunklen Fenstern, wo sich der gelbe Pegasus wahrscheinlich gerade ins Bett gelegt hatte. Er trat einige Schritte zurück, damit er das Fenster, hinter dem zuletzt das Licht erloschen war, besser sehen konnte. Dann schickte er ihr einen stillen Gruß hindurch. Schlafe sanft, und träume süß, Fluttershy. Er verharrte noch einen Augenblick lang, dann drehte er sich um zum Gehen.

Sein Huf trat ins Leere.

Einen Moment lang kämpfte er mit dem Gleichgewicht, aber ein zweiter Huf glitt an der Böschung des kleinen Hügels ab, auf der Fluttershys Hütte stand. Rogue fiel Kopf voran in einen Strauch, der dort gepflanzt war.

Krach!

„Au!"

Leider hielten die schmalen Zweige seine Rutschpartie nicht auf. Der junge Hengst stemmte seine Hufe in die Erde und versuchte seinen Fall zu bremsen.

Etwas sehr hartes, sehr hölzern klingendes kollidierte mit seiner Stirn.

Pompf!

„AUHH!"

Jetzt rutschte er rücklings den Hügel hinunter. Etwas benommen wedelte er mit den Hufen und versuchte sich an irgendetwas festzuhalten. Er hob den Kopf und sah auf. Er schlitterte geradewegs auf einen Pfahl zu, der am Fuße der Steigung in die Erde gerammt war.

„Oh-oh..." Das war alles, was er noch heraus brachte, bevor er mit gespreizten Hinterläufen in die Stange hinein rutschte.

Poing!

Dann wurde es wieder ruhig um Fluttershys Hütte.

Rogue lag am Fuße des kleinen Hügels auf dem Rücken. Die Sterne über ihm bildeten eine funkelnde Decke, wie sie in ihrer Klarheit nur selten über Equestria zu sehen war. Leider konnte er diesen überwältigenden Anblick gerade nicht wirklich würdigen, da er damit beschäftigt war, seine Vorderläufe auf empfindliche Teile seiner unteren Anatomie zu pressen. Und damit, sich nicht zu übergeben.

Er rollte sich herum und versuchte seinen Blick zu fokussieren. „Au... Au... Au."

Mit einem gepeinigten Grunzen erhob er sich mühsam vom Boden. Unsicher auf drei Beinen stehend, einen Vorderlauf immer noch gegen seine schmerzenden Unterseite gepresst, kämpfte er gegen den Schwindel an, der ihn plötzlich erfasste. Er schwankte einen Augenblick lang und musste alle vier Gliedmaßen auf den Boden stellen, um stehen zu bleiben. Dann, als der Schwindel langsam abebbte, streckte er vorsichtig seinen Kopf zwischen seinen Vorderläufen hindurch, um den Schaden zu begutachten. Er musste einen Hinterlauf heben, um etwas von dem Mondlicht daran zu lassen. Es schien noch alles dran zu sein.

Ein tiefes, kehliges Knurren hinter ihm, aus der stygischen Finsternis des Schattens eines Baumes heraus.

Rogue erstarrte in seiner äußerst unvorteilhaften Position, als wäre er plötzlich zu Stein geworden. Seine Schmerzen und auch der letzte Schleier des benebelnden Alkohols waren fort, davon gewischt von der Welle aus Furcht und Panik, die sein Herz so plötzlich packte, als wolle sie es zerquetschen.

Langsam, vorsichtig, senkte er seinen Hinterlauf wieder auf die Erde.

Das Knurren hinter ihm erklang erneut, noch drohender. Und näher.

Er sprang.

Die einzige Richtung, in die er fliehen konnte, war zurück, den Hügel hinauf. Die Seite, auf der er hinunter gerutscht war, war sehr steil und seine Hufe glitten sofort ab, als er aufkam. Verzweifelt versuchte er mit den Hinterläufen Halt zu finden und sich weiter nach oben zu arbeiten, aber er konnte sich nur gerade so auf der abschüssigen Schräge halten, ohne wieder hinunter zu rutschen. Sein letztes Momentum ausnutzend, warf er sich flach auf den Bauch und griff mit den Vorderläufen nach etwas, irgendetwas, an dem er sich hochziehen konnte.

Vergebens. Hilflos rutschte er zurück zum Fuße des Hügels, wo sein Verderben bereits auf ihn wartete. Idiot! Idiot! Idiot! Marschierst besoffen zum Everfree Forest, als wäre Gestern nie passiert!

Er rollte sich auf den Rücken, um sich zumindest noch irgendwie mit den Hufen zur Wehr zur setzten. Da sah er es zum ersten Mal.

Die Gestalt erhob sich riesig vor der hellen Scheibe von Luna´s Mond über ihm, schien sie fast auszulöschen. Kalt leuchtende Augen blitzten auf ihn hinab und eine Pranke, groß genug, um ihn mühelos zu zerquetschen, war zum Schlag erhoben. Messerscharfe Krallen glitzerten im silbernen Licht der Nacht daran. Celestia, Luna, Nein! Sie fuhr hernieder, auf seine Brust, presste ihm schmerzhaft die Luft aus den Lungen.

Er versuchte sich zu wehren, die erdrückenden Last von seinem Rumpf zu treten, doch noch irgendwie zu entkommen, aber der Druck war zu stark.

Ein Maul, die gebleckten Fangzähne so lang wie sein Unterschenkel, näherten sich seiner Kehle. Der stinkende Atem des Monsters blies ihm ins Gesicht und ließ ihn trotz seiner Todesangst würgen.

Der Druck auf seine Brust war zu viel. Er konnte nicht mehr atmen. Sein Körper schaltete noch einen Gang hoch, pumpte alles an Adrenalin in seine Muskeln, um nur einen einzigen Atemzug zu tun. Sein Herz schrie in seiner Brust.

Es war nicht genug. Sein Gesichtsfeld verengte sich, als er im Todeskampf auch noch den letzten Sauerstoff in seinem Blut verbrannte.

„Aufhören! Runter von ihm! Du erdrückst ihn!"

Plötzlich war die Last auf ihm verschwunden. Keuchend atmete er durch, sog gierig die kühle Luft der Nacht ein. Sie hatte sich noch nie so köstlich in seinen Lungen angefühlt wie jetzt. Wieder erfasste ihn Schwindel, schlimmer noch als zuvor. Ein tiefes Loch tat sich unter ihm auf, versuchte ihn in die dunklen Abgründe der Bewusstlosigkeit zu reißen. Er kämpfte dagegen an, versuchte wach zu bleiben.

„Rogue? Rogue, hörst du mich?"

Er versuchte zu antworten, aber Gehirn schien gerade keine Befehle an seinen Mund weiterleiten zu wollen. Es war wohl ganz auf damit beschäftigt, einfach nur zu atmen.

„Oh, das ist nicht, gut, das ist nicht gut." Die Stimme kam ihm entfernt bekannt vor. Wo hatte er sie schon einmal gehört?

„Rainbow! Es ist Rogue! Es geht Ihm nicht gut! Du musst mir helfen, ihn ins Haus zu bringen!"

Das Flappen von Flügeln. Dann eine zweite Stimme, die ihm ebenfalls bekannt vorkam.

„Ist... ist er tot?" Da war Besorgnis in der zweiten Stimme, nicht weniger als in der ersten.

„Nein, er scheint nur bewusstlos zu sein. Er atmet noch. Hilf mir, ihn nach drinnen zu tragen!"

Hufe umschlungen ihn. Er versuchte sich zu wehren, versuchte aus ihrem Griff zu entkommen. Er brauchte nur etwas Zeit, um sich zu erholen, das war alles. Wenn er sich doch nur nicht so schwach fühlen würde...

„Er bewegt sich! Das ist ein gutes Zeichen, oder Fluttershy?"

„Bleib ganz ruhig, Rogue. Wir haben dich. Du bist in Sicherheit."

Er bemerkte, wie er hoch gehoben wurde, den Boden unter seinen Hinterläufen verlor. Das plötzliche Gefühl zu schweben ließ ihn erneut in Panik ausbrechen.

„Halt still! Verdammt, warum wehrt er sich?"

„Das ist nur eine natürliche Reaktion, Rainbow. Lass ihn nicht los!"

Nach einer gefühlten Ewigkeit bekam er wieder Boden unter die Hufe. Er versuchte zu stehen, sackte aber auf der weichen Unterlage zusammen. Er versuchte seine Augen zu öffnen, aber seine Sicht war verschwommen und unklar. Ein gelber Fleck bewegte sich vor seinem Blickfeld.

„Hol´ mir bitte ein feuchtes Tuch aus der Küche, Rainbow."

Das Schlagen einer Tür. Ein beruhigendes Streicheln über seine Stirn.

„Was machst du nur, Rogue? Mitten in der Nacht zu Huf zu mir hinaus zu kommen...", flüstere die erste Stimme ihm leise ins Ohr.

„Hier! Ich habe nur ein Küchentuch gefunden, aber ich habe es nass gemacht!"

„Danke, das wird reichen."

Feuchte Kühle auf seiner Stirn. Er erschauderte unwillkürlich, aber es tat ihm gut. Stockend begannen sich die Zahnräder in seinem Kopf wieder zu drehen.

Eine sanfte Berührung auf seiner Brust. Der vorsichtige Druck von Hufen, die ihn abtasteten.

„Äh, Fluttershy? Das ist glaube ich kaum der richtige Zeitpunkt ihm eine Massage zu verpassen."

„Schhh! Ich sehe nur nach, ob etwas gebrochen ist."

Die behutsamen Hufe glitten seinen Körper entlang, tasteten kundig seine Rippen, sein Brustbein, übten sachten Druck auf seinen Bauch aus.

Alles geschah auf eine so sanfte, zartfühlende Art und Weise, das Rogue sich unwillkürlich entspannte. Die Berührung schien eine Wärmen auszustrahlen, die seine natürlichen Widerstände hinfort wusch und ihn sich entspannen ließ.

Als Fluttershy – Das war der Name der ersten Stimme, erinnerte er sich – ihre Hufe fortnahm, blieb dennoch etwas von dieser Wärme in ihm zurück.

Er schlug die Augen auf, diesmal, um zu sehen, um zu erkennen.

Es war des besorgte Gesicht des gelben Pegasus, das ihn begrüßte.

„Hi.", sagte er leise.

Sie lächelte sanft. „Hallo, Rogue."

Er blieb liegen, zu schwach, um sich zu erheben. Doch nicht nur, weil sein Körper endlich die ungedeckten Schecks der letzten Tage einlöste. Er fand sich auch einfach nur gefangen in dem wundervollen Anblick von Fluttershy, die lächelte.

Helden haben ganze Meere durchschwommen, furchtbare Monster bezwungen und Unmögliches vollbracht, nur für ein solches Lächeln. Und sie schenkt es dir, weil du nachts betrunken in ihrem Vorgarten ausgerutscht bist.

Das herrliche Gefühl in seiner Brust wurde jedoch nur allzu schnell von seinen Erinnerungen eingeholt. Er erschauderte.

Und weil dich deshalb fast ein Monster gefressen hat, weil du nämlich ein Idiot bist. Und sie sich einfach freut, dass du deine Dämlichkeit diesmal nicht hast mit dem Leben bezahlen müssen.

„Ist er wieder da? Ist alles in Ordnung mit ihm?" Rainbow landete neben ihrer kanariengelben Freundin und warf dem Hengst, der auf der weichen Couch in Fluttershys Wohnzimmer lag, einen neugierigen Blick zu.

„Soweit ich es fühlen konnte, ist nichts gebrochen.", antwortete Fluttershy. Sie sah Rogue an. „Hast du Schmerzen beim Atmen?"

Der junge Hengst nahm versuchsweise einen tiefen Atemzug. Er verspürte noch das Phantom des erdrückenden Gewichts auf seinem Brustkorb, aber die Schmerzen blieben aus. „Ich glaube, ich bin okay."

„Du bist ein Idiot!", herrschte ihn Rainbow unvermittelt an. „Entweder war es verdammt mutig oder verdammt idiotisch von dir zu Huf hier heraus zu kommen. Und ich wette meine Flügel, dass es pure Dummheit war. Mag sein, dass die Schattenwölfe durch den Vollmond sich kaum aus dem Wald trauen, aber als Erdpony so nahe an die Grenze zu kommen, ist einfach nur...", Sie holte tief Luft und verschränkte die Vorderläufe vor der Brust. „Dämlich! Dämlich! Dämlich!", stieß sie hervor und bei jedem Dämlich! zuckte ihr Kopf nach vorne, um die Anschuldigungen gegen Rogue noch mehr Nachdruck zu verleihen.

Der junge Hengst legte schuldbewusst die Ohren an und ließ seinen Kopf sinken.

„Rainbow!"

„Was? Es ist doch so! Hätte Meister Petz nicht draußen Wache gestanden, hätte er genauso gut in einen Schattenwolf laufen können! Du hast selbst gesagt, dass sie jetzt ums Haus schleichen könnten, wenn sie sich nicht vor ihm fürchten würden!"

„Rainbow, hör auf!"

„Wer ist Meister Petz?"

Die Frage ließ die beiden Stuten in ihrem Streit innehalten. Es war Fluttershy, die ihm schließlich antwortete. Sie strich verlegen mit ihrem Huf über den Holzboden ihrer Hütte und hatte ihr Gesicht wieder hinter der Flut ihrer hellrosanen Mähne versteckt.

„Meister Petz ist ein Freund von mir. Er war es, der dich draußen angegriffen hat. Bitte sei ihm nicht böse, er hat nur versucht uns zu beschützen. Er ist sehr alt und sieht nicht mehr so gut, auch wenn er noch genauso gut hören und riechen kann, wie in seiner Jugend. Ich bin mir sicher, dass er von dir abgelassen hätte, sobald er erschnüffelt hätte, dass du ein Pony bist. Ich habe seinem Volk, den Bären, schon oft geholfen, deshalb hat er sich bereit erklärt, die Waldgrenze zu Ponyville vor den Schattenwölfen zu beschützen. Sie... uhm, also die Schattenwölfe... haben Angst vor den Bären. Ich... ich möchte das eigentlich nicht, aber ich konnte das neue Alphaweibchen nicht dazu überreden zurück in den Wald zu gehen. Sie finden hier immer noch mehr Nahrung, als in den Tiefen des Everfree Forests. Und so lange sie hier in der Nähe sind, besteht die Gefahr... besteht die Gefahr, dass der Hunger sie doch wieder nach Ponyville treibt. Trotz des Lichtes." Sie atmete tief durch und ließ ihren Kopf hängen. Auf Rogue machte sie den Eindruck, als würde sie resignieren.

„Ich habe alles versucht, um dem Rudel zu helfen. Aber die Nahrung ist für alle Tiere knapp. Ich hoffe einfach nur... dass sie ihre Jungen trotz allem durch bringen. Genau wie alle anderen." Sie sah auf, ihr Blick glitt zur Tür. „Die Wacht von Meister Petz und seinen Gefährten ist keine Lösung, aber es verhindert...", sie erschauderte. „... dass man sich gezwungen sieht, entschlossenere Maßnahmen zu ergreifen, um die Ponys im Dorf zu beschützen. Deshalb möchte ich so gerne auf die Reise gehen und das alles endlich beenden. Damit es endlich wieder Frieden gibt und die Tiere in den Wald zurückkehren können."

Eine bedrückte Stille machte sich im Zimmer breit, als Fluttershy sich leise ihren Sorgen hingab.

Schließlich war es Rainbow, die das unangenehme Schweigen brach.

„Also... warum bist du überhaupt hierher gekommen?"

Rogue war überrascht von dem Tonfall, in dem sie die Frage stellten. Die cyanblaue Stute war ihm bisher mit nicht weniger als Misstrauen oder kaum verhaltener Aggression gegenüber getreten. Doch jetzt schwang in ihrer Stimme zum ersten Male echte Neugier, wenn auch harsch vorgetragen.

„Ich... ähm, also, das klingt jetzt bestimmt blöd, aber ich wollte eigentlich nur auf das Angebot von Fluttershy eingehen, mir den Rumpfverband wechseln zu lassen."

Er warf noch einmal einen bedeutenden Blick auf die Binden um seinen Körper. Sein nächtliches Abenteuer hatten nicht mehr viel davon übrig gelassen.

Fluttershy sah auf und schlug schuldbewusst ihre Huf vor den Mund. „Das habe ich total vergessen! Es tut mir leid, Rogue, ich wäre selbstverständlich zu dir gekommen, wenn ich nach Einbruch der Nacht noch daran gedacht hätte! Oh, das ist alles meine Schuld!" Sie eilte zu ihm und begann damit die schmutzigen Bandagen von seinem Körper zu entfernen.

„Sieh nur, es ist soviel Dreck in die Wunden gekommen! Ich hätte sie fester wickeln müssen!" Sie schob den jungen Hengst auf ihrem Sofa in eine bequemere Lage, ohne das er sich groß dagegen wehren konnte. „Rainbow, setzt bitte Wasser am Herd auf und hole meinen Verbandskasten aus dem Schlafzimmer. Hast du dir deine Spritzen im Krankenhaus abgeholt, Rogue?"

Das Rettungspony konnte nur bejahend nickend, während Fluttershy bereits herumwirbelte, um ihm ein Kissen vom Boden aufzuheben und es ihm unter den Kopf zu schieben.

Rainbow stand noch immer auf ihrem Fleck und starrte ihn an. War das ein leichtes Lächeln, was ihre Lippen umspielte? „Du hast recht, das ist tatsächlich ziemlich blöd."

„Rainbow, das Wasser! Ich gehe die Verbandstasche schon selber holen. Los jetzt!" Der kanariengelbe Pegasus scheuchte ihre Freundin nach draußen um Wasser zu holen, bevor sie mit einem kurzen Flappen ihrer Flügel die Treppe empor flog.

Rogue sah ihr noch einen Moment lang hinterher, dann hatte er zum ersten Male die Gelegenheit sich in aller Ruhe in Fluttershys Heim umzusehen. Er lag auf einer bequemen Couch in dem, was wahrscheinlich das Wohnzimmer des Pegasus darstellte. Der ausgetretene, aber gepflegte grüne Holzboden war zum großen Teil von einem flauschigen Teppich eingenommen, der in einfachen, erdenen Farben gehalten war. Ein großer Teil einer Wand wurde von einem gemauerten Kochherd eingenommen, dessen offene Ofenklappe Blick auf das knisternde Feuer ließ. Töpfe und Pfannen waren ordentlich an Haken aufgehängt, von gewissenhaften Hufen blank geputzt. Große Bogenfenster würden den Raum im Tageslicht hell erstrahlen lassen, während jetzt warme Lampen das silberne Licht des Mondes vertrieben. Farbenfrohe Gardinen waren aufgehängt, verziert mit den bunten Mustern aus Blumen und Blättern. Die Holzwände und Balken zeigten filigrane Schnitzereien von ebenso floralen Motiven.

An sich war es also nichts Besonderes in der Inneneinrichtung von Ponyville, wie Rogue es bisher gesehen hatte. Aber auf den zweiten Blick offenbarte sich Fluttershys Wesen in jeder Ecke des Raumes.

Kleine Treppen und Stege spannten sich unter der Decke, verschwanden in Löchern, gerade groß genug für ein Eichhörnchen, oder eine Maus. Jede Ecke war mit Kissen, einer Decke oder Stroh ausgestopft und in fast allen von ihnen verriet ein hervorragender Schweif oder ein Schnauze die Anwesenheit eines Bewohners. An den Wänden hingen Vogelhäuschen und in den Hufleisten zeigte sich das ein oder andere Mauseloch. In der plötzlichen Stille hörte Rogue das vielfältige Schnurren, Piepsen und sogar Schnarchen von vielen Tieren, die in diesem Augenblick in diesem Raum schliefen. Und natürlich der Geruch. Es war eine abgeschwächte, unaufdringlichere Version des Aromas von Applejacks Farm, wie der Geruch nach frischen Sägespänen und warmen Fell. Ein heimeliger Geruch, in dem man sich wie in eine warme Decke wickeln konnte...

Der obere Teil der Eingangstür flog auf und Rainbow stürzte herein, einen Eimer in den Vorderhufen. Rogue verspürte einen kurzen Schauer, der durch den Raum ging, als die Tiere für einen Moment aus ihrem Schlaf geschreckt wurden. Ohne groß nachzudenken hob er einen Huf vor den Mund und bedeutete Rainbow Dash ein ´Schhh´

Die Stute warf ihm einen überraschten Blick zu, dann blickte sie sich im Raum um. Sie stutzte kurz, dann nickte sie ihm bestätigend zu und goss das Wasser in einen großen Topf, den sie auf den Herd stellte.

Fluttershy kam aus dem ersten Stock zurück, eine fliederfarbene Tasche mit einem herzumsäumten Kreuz darauf um den Hals. Sie sah zu Rainbow, die den Topf rüttelte, wahrscheinlich im Bemühen, das Wasser schneller zum Kochen zu bringen. Die cyanblaue Stute unterdrückte ein Gähnen und starrte wieder auf das Wasser.

„Rainbow, wenn du magst, kannst du wieder zurück ins Bett. Ich komme hier schon alleine zurecht. Danke für deine Hilfe."

Die regenbogenfarbene Mähne flog durch die Luft, als Dash wild ihren Kopf schüttelte. „Ich bin nich´ müde!" Es folgte ein weiteres, diesmal weniger unterdrücktes Gähnen. Die Stute schmatzte laut und sah zwischen Fluttershy und Rogue hin und her. „Na gut, ein bisschen schon." Sie fixierte den jungen Hengst auf der Couch. „Ich behalte dich im Auge." Ihr Huf deute zuerst auf ihre Augen dann auf ihn. Es sollte wohl eine einschüchternde Geste sein, aber sie verlor etwas an Kraft, als die Stute ein weiteres Mal gähnen musste. Als sie realisierte, das sie heute keine Boden mehr wettmachen konnte, grunzte sie missmutig, wandte sie sich um und huschte die Treppe hinauf.

Als sie verschwunden war, konnte Rogue ein leises Kichern nicht mehr unterdrücken. Fluttershy legte ihm sofort einen Huf auf die Brust und sah mit einem besorgten Blick die Treppe hinauf. Er verstummte sofort und blickte sie überrascht an. Nach einem Moment atmete sie leise auf und wandte sich ihm wieder zu.

„Lach´ bitte nicht über sie, Rogue. Rainbow ist sehr stolz und es würde sie nur verletzten."

Er stutzte kurz, dann nickte er ernst. „Entschuldige bitte. Ich schätze, ich kenne euch einfach noch nicht gut genug, um jede Eigenart zu verstehen." Er versuchte es mit einem schelmischen Grinsen. „ Aber ich arbeite daran."

„Ja... ja, das ist nett." Sie vergrub ihren Kopf in der Verbandstasche und zog einige Päckchen sterilen Mulls hervor. Sie legte sie auf einem kleinen Beistelltischen neben der Couch bereit. Dann glitten ihre Augen zu dem Herd, wo das Wasser darauf wartete, heiß zu werden.

Rogue folgte ihrem Blick und langsam formte sich in seinem Geist eine Vorstellung von dem, was sie vor hatte. Sofort schlich sich eine verlegene Röte auf seine Wangen.

„Fluttershy... du... du musst das nicht tun. Wenn du mir einen Lappen gibst, kann ich das bestimmt auch selbst erledigen."

Die Stute stand neben ihm am Sofa. Als sie erkannte, dass er verstand, was sie im Begriff war mit ihm zu tun, errötete sie heftig. Sie senkte in tiefster Verlegenheit ihren Kopf und legte die Ohren an. „I-Ich d-dachte nur... e-es ist so schwierig, e-es selbst zu m-machen..." Blaue Augen schauten zu ihm auf, vor Wangen so rot wie Tomaten. „U-und ich habe es schon e-einmal gemacht... bei dir... Ich dachte... v-vielleicht würde es dir nichts ausmachen..." Sie hielt es nicht mehr aus. Beschämt wandte sie ihren Kopf ab.

Meere durchschwimmen, Monstern besiegen, Unmögliches vollbringen... Helden hätten mehr für ein Lächeln von ihr vollbracht. Alles was er tun musste, war sich selbst zu überwinden.

Er streckte seinen Huf aus, berührte sie sanft an ihrem Kinn. Behutsam, fast zärtlich, brachte er sie dazu, ihm wieder in die Augen zu sehen. Einige Strähnen ihrer Mähne fielen ihr ins Gesicht, aber er konnte dennoch ungehindert in diese tiefen, blauen Brunnen sehen, die ihn so erwartungsvoll entgegen blickten.

„Ich vertraue dir."

Er ließ sie los und schloss die Augen. Es würde es für sie beide leichter machen.

Er hörte sie, wie sie sich an die Arbeit machte. Das metallische Klirren des Topfes. Das Plätschern von Wasser, das aus einem Lappen gewrungen wurde.

Dann die feuchte, warme Berührung auf seinem Körper.

Er zuckte zusammen, bevor er sich beherrschen konnte, so sehr er sich auch darauf vorbereitet hatte. Er fühlte, wie auch sie zurück zuckte, erschreckt von seiner Reaktion. Er zwang sich dazu zu entspannen, völlig ruhig zu liegen und sie nicht ein weiteres Mal zu verschrecken. Zögernd, ängstlich fast, setzte sie ihren Weg fort. Sein Gesicht, feuchte, heiße, tupfende Küsse. Die den Staub seines letzten Kampfes aus seinem Fell wuschen. Seinen Hals, in langen, festeren Bahnen. Er erschauderte unter ihrer Berührung, als sie sein Fell gegen die Wuchsrichtung strich, aber es war keine unangenehme Erfahrung. Im Gegenteil, er wendete leichte den Kopf um ihr leichteren Zugang zu seiner kurz geschnittenen Mähne zu ermöglichen. Sie bemerkte sein Bedürfnis und bald fuhren ihre Hufe behutsam seine Haarwurzeln entlang. Er konnte ein kurzes Keuchen nicht unterdrücken.

Sofort verharrten ihre Hufe „Habe ich dir weh getan.?"

Er schüttelte seinen Kopf, sorgsam darauf bedacht, den Kontakt mit ihr nicht abzubrechen. „Nein! Alles in Ordnung!", presste er zwischen dem Kissen hindurch, in das er sein Gesicht vergraben hatte.

Sie griff nach seinem Vorderlauf, fuhr ihn sanft entlang, Strich um Strich umrundete sie ihn. Erst an seinen Hufspitzen wurde sie etwas heftiger, rieb fest dagegen. Er kämpfte darum, sie ihr nicht einfach aus Reflex zu entziehen. Doch nachdem sein natürliches Bedürfnis verflogen war, fühlte er jede ihrer Bewegungen nur um so intensiver.

Ihre warme Berührung verflog und für einen furchtbaren Moment dachte er, sie wäre schon fertig. Doch dann ein zarter Kuss auf seiner Brust, warm und einladend. Er drehte sich etwas, um ihr leichteren Zugang zu gewähren. Sie streichelte in behutsamen Kreisen das krause Fell zwischen seinen Vorderläufen. Das leise Plätschern von Wasser.

Noch einmal zuckte er leicht zusammen, als ihre heiße Berührung das Fell in der Nähe seiner Wunden tränkte. Doch diesmal blieb ihre Bewegung stetig, unbeirrt fuhr sie die langen Male unter seinem Körperhaar nach. Er erzitterte unter der Vorahnung des Schmerzes, von dem er glaubte, er würde so unausweichlich kommen. Doch während sie fortfuhr und die Pein ausblieb, beruhigte er sich wieder. Ihre Hufe glitten seine Rippenbögen entlang, sorgsam, methodisch. Hatte sich jemals irgendetwas so gut angefühlt?

Sie glitt über seinen Rücken, mit mehr Druck, schrubbte ihn. Er biss die Zähne zusammen, vergrub sich tiefer in das Kissen, um ja keinen Laut von sich zu geben. Er fühlte die Feuchtigkeit an seinem Körper hinunter rinnen. Es brachte ihn fast um den Verstand.

Und dann spürte er ihre heiße Berührung an seiner Flanke.

Er startete durch wie eine Rakete. In einem Moment lag er noch entspannt auf der Couch, kein Augenzwinkern später stand er auf seinen vier Hufen, um hundertachtzig Grad gedreht. Schwer atmend sah er Fluttershy an, die mit einem Schwamm im Mund seinen Blick überrascht erwiderte.

„Ich bin sauber!" rief er laut aus, die Augen weit aufgerissen.

Sie spuckte den Schwamm zurück in den Eimer mit dem dampfend heißen Wasser. „Alles in Ordnung, Rogue? Ich war eigentlich noch nicht fertig..."

„Nein, nein, alles gut! Alles wunderbar! Vielen Dank für deine Hilfe! Ich sollte jetzt gehen! Ähm... dringend!"

Fluttershy ließ traurig die Ohren hängen. „Uhm, es tut mir leid, wenn es dir unangenehm war. Ich kann gut verstehen, warum es dich verlegen macht. Kann... kann ich dir wenigstens noch einen neuen Verband anlegen?"

Rogue zögerte. Er wollte hier heraus, wollte unbedingt fort von dieser süßen Versuchung namens Fluttershy, bevor er etwas sagte oder tat, was er wahrscheinlich bereuen würde. Aber er wollte alles andere, als sie vor den Kopf zu stoßen. Es war schließlich nicht ihre Schuld, das er... so auf sie ansprach.

Ihre großen, blauen Augen betrachteten ihn aufmerksam. Eine unausgesprochene Bitte stand darin geschrieben.

Das war zu viel für ihn. Er seufzte leise und ergab sich in sein Schicksal. „Also gut. Bringen wir es hinter uns."

Ihr wunderbares Lächeln erblühte wieder auf ihrem Gesicht. Schnell wühlte sie noch einmal mit ihrer Schnauze in der Verbandstasche und brachte eine weiße Tube zum Vorschein. Sie drückte etwas von der nach Kampfer riechenden Paste auf einen Huf aus und begann dann damit, sie vorsichtig auf Rogue´s Wunden zu streichen. Fast sofort spürte er, wie die Stellen auf der Haut unter seinem Fell taub wurden.

„Ähm, weißt du Rogue, ich denke nicht, das es gut wäre, wenn du heute Nacht noch nach Sweet Apple Acres zurück laufen würdest. Es ist ein gutes Stück zu gehen und es ist alles andere als sicher."

Er stand steif auf seinen vier Hufen und hielt still, während sie mit seinem Rumpf beschäftigt war. „Aber ich dachte, dieser Bär bewacht die Waldgrenze?" Er unterdrückte ein Gähnen. „Dann sollte mir doch eigentlich nichts passieren."

Sie begann damit, den Verbandsmull geschickt um seinen Rumpf zu wickeln. „Oh, Meister Petz sorgt sicherlich dafür, das die Schattenwölfe sich nicht heraustrauen. Aber es gibt noch andere gefährliche Tiere als sie. Aber darum geht es gar nicht."

Er drehte seinen Kopf, um sie neugierig anzusehen. Seine Augenlider waren plötzlich sehr schwer geworden. „Huh? Worum dann?"

Sie warf ihm einen kurzen, schuldbewussten Blick zu, dann konzentrierte sie sich wieder auf ihre Arbeit, während sie so leise antwortete, das er sie kaum verstand. „ Uhm, die Salbe, mit der ich dich eingerieben habe... nun, sie wirkt antibakteriell, schmerzstillend und..." Das letzte Wort war so leise, das er es nicht mehr verstand.

„Und was? Was war in der Tube, Fluttershy?" Er wollte wütend werden, aber er hatte schon Probleme damit, aufrecht stehen zu bleiben. Er schwankte leicht und war kurz davor einzuknicken.

Fluttershy bugsierte ihn ohne viel Gegenwehr zurück auf die Couch. Er wollte noch aufbegeheren, aber statt eines Protestes kam nur ein weiteres Gähnen aus seinem Mund.

„Sie macht auch sehr schläfrig, das ist alles. Nur eine kleine Nebenwirkung. Jetzt schlaf´ gut, Rogue und wir sehen uns morgen." Sie schob ihm wieder das Kissen unter denn Kopf und breitete eine Decke über ihm aus. Er war eingeschlafen, noch bevor sie ihm zum Abschied sanft über die kurze Mähne strich.


Er erwachte am nächsten Morgen, weil etwas auf seiner Brust saß und rhythmisch dagegen klopfte. Verschlafen öffnete er die Augen und blickte geradewegs in das misstrauische Gesicht eines weißen Kaninchens. Das kleine Tier stand auf seinen Hinterbeinen und hatte herausfordernd die Vorderbeinchen vor der Brust verschränkt. Seine große Hinterpfote klopfte einen ungeduldigen Rhythmus auf Rogues Fell.

„Äh, guten Morgen?", begrüßte er das Kaninchen etwas verwirrt.

Das weiße Tier betrachtete ihn noch einen Augenblick lang, dann schnellte seine Vorderpfote nach vorne, griff etwas von Rogues Fell an seinem Kinn, hielt es feste und zog daran. Mehr aus Überraschung, ließ sich der junge Hengst den Kopf auf die Brust ziehen, bis er sich Augen in Auge mit dem Kaninchen wiederfand. Sein Kinnfell noch immer festhaltend, ballte es betont langsam seine freie Pfote zu einer Faust. Und die ganze Zeit fixierten ihn diese kleinen, dunklen Augen, blitzten ihn gefährlich an.

Rogues Augenbraue wanderte langsam nach oben. Drohte ihm dieses Karnickel etwa? Und wenn, aus welchem Grund?

Vom Kopf der Treppe im ersten Stock kamen Geräusche. Die Köpfe der beiden, Pony und Kaninchen ruckten gleichzeitig herum.

Fluttershy glitt elegant die Stufen herab, leise eine Melodie summend. Sie hatte sich eine weiße Blüte in die Mähne gesteckt und sah im hellen Licht des jungen Morgens, das durch die großen Fenster fiel, einfach hinreißend aus. Rogue lächelte unwillkürlich, als er sie sah.

Das Kaninchen zog ihn an seinen Fell zurück in die Wirklichkeit. Es warf ihm einen geradezu mörderischen Blick zu und schwenkte drohend seine kleine Faust vor Rogues Auge. Dann hüpfte es von seiner Brust auf die Couch und begann damit, unschuldig sein Fell zu putzen, so als könnte es kein Wässerchen trüben.

„Guten Morgen, Rogue! Hast du gut geschlafen? Wie ich sehe, hast du bereits Freundschaft mit Angel geschlossen." Sie sah auf das weiße Kaninchen, das sich neben ihm noch immer seiner Körperpflege hingab.

Der junge Hengst folgte ihrem Blick. „Angel.", stellte er tonlos fest.

„Möchtest du Frühstück, Rogue? Wir müssen nicht auf Rainbow warten, sie schläft immer etwas länger."

Er warf einen kurzen Blick auf eine geschnitzte Kuckucksuhr an der Wand. Es war kurz nach Acht. Die Beerdigung würde nicht vor Zehn Uhr starten.

Er zuckte mit seinen Schultern. „Gerne."

Sie nickte und machte sich fröhlich daran, für sie beide etwas zu Essen herzurichten.

Rogue blieb noch etwas auf der Couch liegen und beobachtete fasziniert, wie die gelbe Stute den Ofen wieder anheizte, Wasser aufsetzte, etwas Toast zurecht schnitt und Honig aus dem Schrank holte.

Breakfast at Flutterhy´s. Wow, dachte er nicht wenig fasziniert.

Schließlich erhob er sich. „Kann ich dir helfen?"

Sie sah auf und ein Lächeln blitzte auf ihrem Gesicht auf. „Aber sicher. Da drüben ist die Kaffeemühle."

Meere durchschwimmen, Monster besiegen, Unmögliches vollbringen, ging es ihm durch den Kopf, während er sich daran machte, die Bohnen für den Kaffee zu mahlen.

Er war kein Held. Aber er glaubte langsam, er währe dennoch bereit, all das zu tun und noch mehr, für diesen einen, wundervollen Ausdruck in ihrem Gesicht. Für Fluttershys Lächeln.

[1] The Baits – Sunshine Lady