Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Geschichte, was den Inhalt von Hasbro´s My Little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum.

Kapitel 17: Mit allen Ehren

Ein Frühstück bei Fluttershy war auf jeden Fall ein Erlebnis. Nicht nur, weil man von einer der aufmerksamsten und zuvorkommendsten Gastgeberinnen bewirtet wurde, die man sich vorstellen konnte, oh nein. Rogue hätte bereits ihre reine Anwesenheit genügt, um diesem Morgen einen besonderen Platz in seinen Erinnerungen zu reservieren.

Ihre ständige Sorge um sein Wohlbefinden ließ ihn sich zu Beginn etwas unbehaglich fühlen, da er eine solche Behandlung einfach nicht gewohnt war. Er war es eigentlich, der sich immer um die Ponys in seiner Umgebung kümmerte, der versuchte, ihnen zu genügen und sie sich wohl fühlen zu lassen. Einmal auf der anderen Seite zu stehen, derjenige zu sein, der unter die Fittiche genommen wurde, war eine neue und nichts gänzlich unangenehme Erfahrung für ihn. Schließlich gab er seine natürlichen Widerstände auf und gab sich einfach der treuen Umsorgung der jungen Stute hin.

Doch die Gastfreundschaft des gelben Pegasus war nicht einmal der eigentliche Höhepunkt des Frühstücks. Es begann als leises Rascheln in den Ecken und Winkeln von Fluttershys Wohnzimmer, als der Duft des getoasteten Brotes langsam durch den Raum zu schweben begann.

Es war ein junger Waschbär, der sich als erster aus dem Haufen Stroh neben ihrem Küchenschrank erhob. Er gähnte ausgiebig, kratzte sich das graue Fell und blickte sich verschlafen im Wohnzimmer um. Dann watschelte er gemütlich Richtung Ausgang. Als er an Rogue vorbeiging, rieb er sich völlig unbekümmert an dessen Hinterbein, weniger aus Zuneigung, als vielmehr um sich eine juckende Stelle an seinem Rücken zu kratzen. Der junge Hengst starrte das kleine Tier überrascht an und ließ es geschehen. Der Waschbär setzte seinen Weg fort, sprang auf den unteren Teil der Eingangstür und war mit einem weiteren Satz nach draußen verschwunden.

Rogue blickte ihm verblüfft nach, bis Fluttershy ihm eine dampfende Tasse frischen Kaffees auf den Tisch stellte.

„Möchtest du Zucker und Milch dazu? Ich habe auch noch etwas frische Sahne da."

Leises Getrippel ließ ihn aufsehen. Ein paar braune Schatten huschten über die kleinen Laufstege über der Decke. Ein einzelnes, spitzes Gesicht schob sich über die Kante des Brettes über ihm und schnupperte mit zuckenden Schnurrhaaren in den Raum hinein. Kleine, dunkle Augen fixierten ihn, dann war es wieder verschwunden.

„Schwarz, viel Zucker, bitte.", antwortete Rogue automatisch, während sein Blick immer noch den leisen Geräuschen über seinem Kopf folgte. Aus den Vogelhäuschen an den Wänden waren die ersten zirpenden Laute ihrer Bewohner zu vernehmen.

Er riss sich aus der Betrachtung des langsam erwachenden Wohnzimmers los und nahm seine Kaffeetasse in beide Hufe. Der Duft des frischen Muntermachers drang ihm in die Nüstern und verdrängte die letzten Fetzen seiner Müdigkeit, bevor er auch nur einen Schluck genommen hatte.

Fluttershy schmierte eine dicke Schicht Honig auf eine Toastscheibe und schob sie ihm entgegen.

„Hier, bitte sehr."

Rogue nickte ihr dankend zu und nahm einen großen Bissen. Das Weißbrot war knusprig und ein paar Krümel fielen auf den Boden. Sofort flatterten ein halbes Dutzend kleiner, farbenfroher Vögel herbei und pickten die Holzdielen sauber. Er biss noch einmal ab und beobachtete fasziniert, wie die Vögel nach den Krumen pickten, noch bevor sie auf den Boden gefallen waren.

Etwas kleines, leichtes landete auf seinem Rücken. Er drehte verwundert den Kopf und sah direkt in die schwarzen Augen eines braunen Flughörnchens, das ihm seltsam vertraut vorkam.

„Bandit!", rief er freudig überrascht aus. Er gab seinem kleinen Freund einen freundschaftlichen Schubser mit der Schnauze „Wo hast du dich den rum getrieben?"

Das Tierchen sah in aus missmutig zusammengekniffenen Augen an und strich sich mit einem seiner kleine Vorderkrallen über die Schnauze.

„Huh? Was ist los? Bist du wieder sauer auf mich?"

Bandit verschränkte seine Pfoten vor der hellbraunen Brust. Dann ließ er eine piepsende Schimpftirade auf den grauen Hengst los, die dieser zwar nicht verstand, über deren Inhalt er sich aber kaum Illusionen hingeben konnte.

Der junge Hengst zuckte etwas zurück, als sein kleiner Freund seine Wut auf ihn entließ. Als das Flughörnchen sich langsam wieder beruhigte, nickte Rogue langsam.

„Ok, ok, du hast recht. Ich habe versprochen, dass ich nicht mehr vergesse, dich zu füttern und ich habe mein Versprechen gebrochen. Dafür gibt es keine Entschuldigung." Er schloss schuldbewusst seine Augen und atmete tief durch. „Keine Entschuldigung. Aber vielleicht eine Erklärung." Er dreht sich, so dass er seitlich zum Frühstückstisch stand und Bandit es leichter hatte, hinüber zu hüpfen. Das Tierchen verstand den Wink und sprang neben seinen Teller. Dort stellte es sich auf seine Hinterbeinchen und betrachtete den jungen Hengst vor sich misstrauisch, aber aufmerksam.

Rogue senkte seinen Kopf und seufzte leise. „Hör´ zu Bandit: Es war keine böse Absicht dahinter, dass ich dich vergessen habe. Ich habe dir versprochen, für dich zu sorgen, bis ich dich nach Hause bringen kann und normalerweise stehe ich zu meinem Wort. Aber ich habe keine Erfahrung damit, wie man mit Tieren umgeht. Ich hatte noch nie eines. Und gerade jetzt...", er stockte für einen Augenblick. „... gerade jetzt ist vielleicht der schlechteste Zeitpunkt, es zu lernen. Ich kann verstehen, wenn du wütend auf mich bist. Ich habe nicht gerade gut auf dich Acht gegeben." Er verharrte in seiner Geste der Demut, unsicher darüber, wie er fortfahren sollte. Doch dann kam ihm eine Idee. Er hob seinen Kopf und blickte zu Fluttershy, die sie beide mit großen, neugierigen Augen betrachtete.

„Aber ich kenne jemanden, der sich unendlich besser damit auskennt, verirrte Tiere wie dich zu versorgen." Er begegnete ihrem Blick, hielt ihm stand, auch wenn alles in ihm danach verlangte, vor Schuld verlegen wegzusehen. Er war im Begriff seine Verantwortung weiter zu schieben, sie abzuladen, ungefragt und ungebeten, auf die Schultern eines Ponys, die eine solche Behandlung von ihm nicht verdient hatte. Seine Gewissheit, dass sie nicht ablehnen würde, nicht um seinetwillen, sondern für Bandit´s Wohlergehen, machte es nur umso schwieriger. Er wünschte sich, mehr als alles andere, er hätte sie wenigstens vorher fragen können.

Sie würde ja sagen, dessen war er sich sicher. Das wenige, was er bisher über Fluttershy herausfinden konnte, machte ihn sicher in dieser Überzeugung. Und sie würde ihm deshalb nicht einmal böse sein. Sie würde ohne einen Vorwurf, ohne einen zweiten Gedanken die Fürsorge für das kleine Flughörnchen übernehmen, würde seine Verantwortung auf ihre Schultern nehmen, ohne zu klagen, oder auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, es ihm vorzuhalten.

Selbst wenn sie Morgen mit ihnen auf große Fahrt ging, würde für all die vielen Tiere hier gesorgt sein, dessen war Rogue sich sicher. Alles was er tat, war, noch ein bisschen mehr Last auf ihren zarten Schultern zu verteilen.

Nach alledem, was sie für ihn getan hatte, kam er sich mehr als schäbig vor, ihre Freundlichkeit auf eine solch niedrige Art und Weise auszunutzen. Er stahl sich aus einer Verantwortung, die er nie hätte übernehmen dürfen, der er nie hatte gerecht werden können, auf ihre Kosten.

Aber es war das Beste für Bandit. Er konnte nicht mehr die Fürsorge für seinen kleinen Freund übernehmen, so sehr er es auch wollte. Ihm fehlte das Wissen, die Erfahrung und letztlich auch die Zeit. Sein kleiner Freund wäre bei Fluttershy und bei jedweden Ersatz, den sie auserkor, wesentlich besser aufgehoben, als bei ihm. Er konnte ja nicht einmal dafür sorgen, dass Bandit regelmäßig gefüttert wurde. Welche Ansprüche hatte er dann schon?

„Es tut mir Leid, Bandit. Verzeih´ mir bitte." Er stieß seinen kleinen Freund noch einmal mit seinen Nüstern an, eine Geste der Vertrautheit, von der er sich sicher war, sie nicht verdient zu haben. Er spürte das weiche, warme Fell auf seiner Schnauze, als er über den Bauch des kleinen Tierchens strich. Bandit trat einen Schritt zurück. Rogue war sich nicht sicher, ob er es aus Ablehnung tat, oder weil ihn seine Aktion überrascht hatte. Einen Moment lang verharrt Bandit auf seinen Hinterbeinen, während seine kleinen, schwarzen Augen zwischen Fluttershy und Rogue hin und her sprangen. Der gelbe Pegasus hatte den Disput zwischen den beiden sorgenvoll verfolgt. Als sie den Blick des Tierchens auf sich gewahr wurde, lächelte sie aufmunternd. Sie hatte alles verfolgt, doch sie urteilte nicht. Ihre Geste war neutral, teilte dem Flughörnchen lediglich mit, dass es willkommen war.

Rogue schloss seine Augen.

Geh´ zu ihr, Bandit.

War es sein Herz oder sein Verstand, der sich das wünschte? Er wusste es nicht.

Das lächelnde, einladende Gesicht von Fluttershy auf der einen Seite. Rogues gesenkter Kopf, die Ohren schuldbewusst angelegt, auf der anderen Seite.

Der junge Hengst schreckte unwillkürlich zurück, als kleine, aber feste Krallen seine Schnauze umfassten. Er öffnete seine Augen und sah Bandit, das kleine Flughörnchen, das sich entschlossen an sein Gesicht schmiegte. Es hielt ihn fest, krallte sich in das Fell seiner Wangen und zog ihn in eine so feste und innige Umarmung, wie es ihre unterschiedlichen Körpergrößen nur zuließen. Das Rettungspony schluckte schwer und legte einen Vorderlauf um seinen kleinen, braunen Freund, zog ihn enger zu sich.

Die kleinen Krallen kitzelten Rogue an seinen Nüstern, aber er ignorierte es. Bandit sagte nichts, dass er verstehen konnte, aber Rogue wusste in diesem Augenblick, dass nichts, was er getan oder unterlassen hatte, für seinen kleinen Freund eine Rolle spielte. Was auch immer zwischen ihnen gestanden hatte, es war vergeben und vergessen. Rogue hatte ihn enttäuscht, Ein ums andere Mal, hatte seine Versprechen gebrochen, ihn im Stich gelassen, mehr als einmal. Aber dennoch schenkte ihm dieses kleine Tier noch einmal sein Vertrauen, verließ sich auf ihn, mehr als auf jeden anderen.

Er hielt seinen Freund in seiner Umarmung. „Es tut mir Leid. Es tut mir Leid." Es war alles, was er sagen konnte. Was nicht über seine Lippen kam, war die unendliche Dankbarkeit, die er empfand. Er hatte einen Fehler begangen, aber anstatt furchtbare Konsequenzen nach sich zu ziehen, anstatt einen Faden aus Selbstverurteilung und Schuldzuweisung zu spinnen, schaffte er es endlich, sich selbst in der einfachen Vergebung des kleinen Tiers, seines Freundes zu vergessen.

Es schien so nebensächlich, so unbedeutend, neben dem, was sonst noch auf seiner Seele lastete, aber es war ein Anfang. Der Anfang, den er so dringend gebraucht hatte.

Bandit strich ihm mit seiner kleinen Nase über die Schnauze und trat einen kleinen Schritt zurück, um Rogue aus seinen dunklen Augen einen Augenblick zu betrachten. Dann machte er einen Satz auf ihn zu, griff in die kurz geschnittene, blonde Mähne und kletterte sie empor, um sich auf seinen Kopf zu setzten.

Rogue musste leise lachen, als die kleinen Klauen sein Fell kitzelten. Er hatte fast vergessen, dass er trotz allem, was passiert war, einen wahren, treuen Freund dort draußen hatte.

Sein Blick glitt zu Fluttershy. Die Stute hatte die Szene zwischen den beiden Freunden stumm betrachtet, ohne sich einzumischen. Ihre großen, blauen Augen waren auf das kleine Flughörnchen gerichtet und sie kicherte, als sie sah, wie es sich in die blonde Mähne des jungen Rettungsponys vergrub. Es war ein leiser Laut, wie fast alles, was Fluttershy von sich gab, aber darin mit schwang die pure, ungehemmte Freude darüber wie sich Pony und Tier miteinander vertrugen.

Ihre Blicke trafen sich. Ihre glitzernden Augen hefteten sich für einen Moment an die seinen, die ihnen so sehr ähnelten. Diesmal war keine rosafarbene Mähne im Weg, hinter der sie sich normalerweise versteckte. Nur diese tiefen, blauen Brunnen, in denen man sich so leicht verlieren konnte, die einen weiter und weiter zogen, hinab, bis zu dem süßen Geheimnis an ihrem Grund...

Celestia steh´ mir bei.

Er könnte sie hier und jetzt küssen, einfach so. Es war ein so kurzer Weg zu ihr, nur ein kleiner Schritt und seine Lippen würden sich schon fast auf den ihren wiederfinden. Diese gelbe Stute war in ihrer Unschuld so unglaublich verführerisch, so begehrenswert, so unwiderstehlich. Sie war schön, ohne Frage. Sogar atemberaubend, wenn sie für einen Moment ihre Schüchternheit vergaß. Doch ihre wahre Anziehungskraft lag in ihrem Wesen, in dem reinen, unschuldigen Licht, das sie ausstrahlte.

Er sehnte sich danach.

Er sehnte sich zurück nach seiner eigenen Unschuld, nach seinem ungezwungenem Optimismus, seiner Leichtfertigkeit, seinem ungebrochenem Vertrauen, nach reiner, unverfälschter Fröhlichkeit und unenttäuschter Hoffnung. Sehnte sich danach, wieder einfach ein Pony zu sein.

Aber es wäre nicht fair. Nicht fair Darling gegenüber, die im fernen Manehattan auf ihn wartete. Nicht fair Applejack gegenüber, solange sie das komplizierte Durcheinander ihrer Beziehung nicht geklärt und reinen Tisch gemacht hatten, auf die eine oder andere Art und Weise. Und es wäre nicht fair Fluttershy gegenüber. Dieser wundervollen Stute, die nur allzu willentlich bereit schien all seine Sünden, seinen Schmerz und seine Verantwortung auf sich zu laden. Nicht weil sie es musste. Sondern weil sie es wollte. Dies ließ ihn nur umso mehr davor zurückschrecken. Fluttershy würde erkennen, wie dringend er es, wie dringend er sie brauchte. Und sie würde es wahrscheinlich geschehen lassen. Sie würde seine Sünden tragen, ohne Urteil, ohne Vorwurf. Nur um seiner selbst willen.

Das war mehr, als er ertragen konnte. Er hatte den Ponys in seiner Umgebung, in dem engen Zirkel um sich selbst, schon genug Schaden zugefügt. Unter keinen Umständen war er bereit sich auch nur mit einem Gramm mehr zu verschulden. Und hundertmal mehr weigerte er sich dieses liebliche Wesen, diesen kanariengelben Pegasus auszunutzen, nur weil es ihm selbst Linderung verschaffen würde. Er hatte genug Fehl daran getan ihr ungefragt die Verantwortung für seinen Freund zuschieben zu wollen.

Also ließ er den Moment ungenutzt verstreichen, wie so viele Momente vor ihm. Rogue senkte die Augen und brach den Blickkontakt ab. Auf dem leeren Teller vor ihm pickte ein kecker kleiner Spatz gerade die letzten Krümel auf. Der Vogel drehte seinen Kopf und sah das junge Rettungspony aus seinen dunklen Augen enttäuscht an, fast als wolle es ihm vorwerfen beim Essen nicht genug gekleckert zu haben. Dann spreizte er die Flügel und flog aus der Tür nach draußen.

„Uhm, ich hoffe jetzt ist alles wieder gut zwischen dir und deinem kleinen Freund."

Rogue blickte wieder hoch und nickte dann langsam. Glücklicherweise schien die gelbe Stute nichts davon mitbekommen zu haben, was gerade in seinem Geist vorgegangen war.

„Ja, ich denke schon. Ich habe mich falsch verhalten, aber ich glaube Bandit hat mir verziehen. Ich muss in Zukunft besser aufpassen. Vielen Dank, dass du dich um ihn gekümmert hast."

Sie lächelte. Es schien als würde der Raum heller werden. „Hab´ ich gerne gemacht. Ich finde es toll, dass du dich um ihn kümmerst. Und er scheint dich auch schon recht lieb gewonnen zu haben. Jedes Pony sollte einen Begleiter haben. Alleine kann man nicht glücklich werden."

Der junge Hengst dachte an eine verwahrloste Hütte und den einsamen Tod eines alten Marineoffiziers. „Ja, da hast du recht. Ich glaube..." Er wurde unterbrochen, als ihn Bandit ungeduldig am Ohr zupfte.

„Mmh? Was ist?"

Sein kleiner Freund deutete auf die leuchtende Scheibe der Sonne, die ihre hellen Strahlen durch die hölzernen Kreuze der Fenster schickte. Rogue stutzte einen Augenblick lang, bis er verstand, was ihm das Flughörnchen zu sagen versuchte. Es gab keine Uhr in Fluttershy's Hütte, und als ein Stadtfohlen war es Rogue nicht gewöhnt die Zeit am Sonnenstand abzuschätzen. Dennoch dämmerte ihm, worauf Bandit aus war.

„Die Beerdigung!" Es hatte ihm den ganzen Vormittag im Kopf herum geschwebt, aber es hatte nur einer kanariengelben Pegasusstute bedurft, um es ihn vollends vergessen zu machen. Seine Hufe trampelten einen unruhigen Rhythmus auf den Holzdielen, als er in Panik ausbrach.

„Wie spät ist es? Ich muss mich noch waschen! Und ich sollte Pinkie bei der Trauerrede helfen! Wir haben das Prozedere noch nicht durchgesprochen! Sie hat mich um Hilfe gebeten, weil sie keine Ahnung hat, wie man die Ehrenformation für einen Kameraden aufstellt! Ohww, ich Idiot! Hätte ich mich gestern nicht so betrunken, wäre das alles nicht passiert!"

Er hielt in seinem unruhigen Tänzeln inne und schlug seine Stirn so heftig gegen den Frühstückstisch, dass das Geschirr darauf klirrte. „Dumm! Dumm! Dumm! Verdammt, wie konnte ich das nur vergessen!"

Als sein Kopf ein weiteres Mal gegen das harte Holz schlagen wollte, waren dort plötzlich erstaunlich starke Hufe, die ihn festhielten. Er war zu überrascht, um sich zu wehren, als Fluttershy ihn zwang sie anzusehen.

„Hör mir zu!"

Ein weiteres Mal starrte er in die blauen Augen der Stute, diesmal so nahe, dass er sein eigenes Spiegelbild darin erkennen konnte. Doch anstatt der unauslotbaren Tiefen, in der er sich zuvor verloren hatte, blickte er nun in diamantharte Saphire, die ihn durchdrangen, ihn durchbohrten, so unnachgiebig, dass er unwillkürlich davor zurückschreckte. Doch die Hufe hielten ihn fest, sanft, aber unnachgiebig.

„Beruhige dich. Es ist in Ordnung."

Er wehrt sich gegen ihren Griff, versuchte zu entkommen. Es war nicht in Ordnung, es war bei weitem nicht in Ordnung! Pinkie hatte ihn um Hilfe gebeten um Sugar Coat, einen gefallenen Kameraden, unter die Erde zu bringen und er war drauf und dran, das Ganze zu vermasseln, weil er zu lang mit einer Stute vertrödelt hatte! Das war nichts, was er irgendwie wieder gut machen konnte, das war einfach nur seine Schuld!

Sie spürte, wie sein Widerstand wuchs, wie er versuchte sich aus ihren Hufen zu befreien. Er wollte ihr nicht wehtun, aber er kämpft dennoch gegen sie, versuchte sich von ihr loszureißen, so sanft er nur konnte.

Als er drauf und dran war ihr zu entschlüpfen, als sie ihn nicht mehr halten konnte, tat sie das einzige, was ihr übrig blieb – sie schlang ihre Vorderhufe um seinen Hals, zog ihn in eine feste Umarmung, so dass er ihr nicht mehr entkommen konnte. Sie spürte, wie er sich unter ihrer plötzlichen Nähe versteifte, wie sein Widerstand nachließ. Sie drückte noch einmal fester zu.

„Es ist in Ordnung. Es ist nicht deine Schuld. Es ist meine. Bitte glaube mir. Bitte..."

Rogue stand wie vom Donner gerührt. Alles in ihm drängte nach draußen, fort von hier, hin zum Chief, hin zu seinem Versprechen, seiner Pflicht, zu retten, was zu retten war. Er hatte sein Wort gegeben und war drauf und dran es zu brechen. Aber da war sie, so nahe, um seinen Hals geschlungen, mit nur einer Bitte auf ihren Lippen.

Und dann verstand er es. Warum sie ihn versuchte aufzuhalten, mit allen Mitteln. Warum sie sich ihm letztlich sogar um den Hals schlang, ihn letztlich anflehte nicht zu gehen. Diese herrlichen blauen Augen hatten ihn durchschaut, vielleicht vom ersten Moment an.

Pinkie Pie war der Chief der freiwilligen Feuerwehr in Ponyville und damit verantwortlich für alles, was unter ihrem Kommando geschah. Rogue hatte gesehen, wie sie mit dieser Verantwortung umging. Aber sie war nichts desto trotz `nur´ eine ehrenamtliche Kraft, eine Zuckerbäckerin, die alles in ihrer Freizeit in die Hufe nahm. Sie sollte nicht die furchtbare Last tragen, eines ihrer Ponys zu Grabe zu tragen. Sie sollte sich nicht schuldig dafür fühlen, dass das Schicksal so hart zugeschlagen hatte. Pinkie wollte Verantwortung übernehmen, wollte ein echter Chief sein, wollte ihren Ponys beistehen, im Guten wie im Schlechten. So war sie einfach.

Aber es war nicht fair.

Rogue wusste, das Pinkie Besseres verdient hatte, als die undankbare Aufgabe einen gefallenen Kameraden unter die Erde zu bringen. Er hatte gesehen wie sehr sie darum kämpfte, ihrer Rolle gerecht zu werden, wie sehr sie sich darum bemühte die Truppe zusammenzuhalten, auch nach allem was passiert war, auch nach allem, was in ihr selbst vorging. Rogue hatte sie als eine so wundervolle Stute kennengelernt, so selbstbewusst, so optimistisch und offen, dass es manchmal fast schon wehtat. Sie jetzt in jetzt in einer solchen Situation zu wissen, unverschuldet, unvorbereitet... Er wollte ihr helfen. Er war ein manehattaner Rettungspony und hatte auch in seinen jungen Jahren schon so vieles erlebt, was auf dem Land praktisch unvorstellbar war. Er litt nicht weniger als alle anderen darunter, was sich an diesem Sonntag zugetragen hatte, aber er sollte verdammt nochmal die Erfahrung und Routine haben, irgendwie damit umzugehen, anders als diese unbeschwerte pinke Stute. Er hatte genug Last auf seinen Schultern, um auch diese Verantwortung zu tragen, ohne dass sie zu sehr ins Gewicht fiel. Er konnte es auf sich nehmen, zusammen mit allem anderen was ihn belastete. Wie viel schlimmer konnte es schon werden?

„Bitte, Rogue, vertraue mir. Pinkie ist stärker als du denkst. Vertraue ihr. Du musst sie nicht beschützen."

Aber er wollte es. Er wollte sie alle beschützen, Applejack, Pinkie Pie, Twilight, Rarity, sogar Rainbow Dash. Und auch sie, Fluttershy. Sie waren zu wundervoll, zu einzigartig, zu wertvoll. Und er war nur ein einfaches Rettungspony. Er konnte es ab. Er würde schon irgendwie klarkommen.

Sie wollte ihn nicht gehen lassen, weil sie wusste, dass er so dachte. Sie wollte ihn davor bewahren sich noch tiefer in seine selbstgewählte Rolle des Aufopferns zu werfen und sich dabei noch mehr selbst zu verletzen.

Er stand dort, in Fluttershys Hütte, ihre Hufe um ihn geschlungen, wie vom Donner gerührt. Er spürte wie seine Beine zu zittern begannen und als er sprach, musste er jedes Quäntchen an Selbstbeherrschung aufbringen, um seine Stimme davon abzuhalten zu brechen.

„Ich weiß. Ich weiß, dass sie stark ist und ich weiß, dass sie es auch ohne mich schaffen wird. Ich weiß, dass ich sie nicht beschützen muss und es wahrscheinlich sogar nicht kann. Aber... aber es wird ihr wehtun. Es wird schmerzen und... und es wird einfach furchtbar für sie werden. Ich wünschte nur ich... ich könnte... es ihr irgendwie abnehmen."

Er schloss die Augen und ließ seinen Kopf sinken, lehnte ihn gegen das weiche Fell an Fluttershys Hals.

„Ich muss ihr helfen. Das ist... das ist was ich kann. Ich muss... Ich muss es einfach."

Er spürte ihre Vorderläufe um seinen Hals, spürte die wundervolle Wärme ihrer Umarmung. Ein Teil von ihm wollte nachgeben, wollte sich einfach fallen lassen, wollte einfach vergessen, loslassen. Er brauchte es so sehr, wollte es mehr als alles andere. Ihre Umarmung versprach Erlösung, Vergebung und ein Ende des Wahnsinns, zu der sein Leben geworden war.

Aber er war noch nicht bereit dazu. Es gab noch immer zu viele Dinge, die auf ihm lasteten und ihn vor sich herjagten, um ihn sich jetzt bei ihr ausruhen zu lassen. Er wusste, er brauchte eine Pause, einen Moment des Innehaltens, um wieder klar denken zu können und mit seinem Leben klarzukommen. Aber er wusste auch, dass dieser Moment noch nicht gekommen war. Er musste noch ausharren, durchhalten und stark sein. Für sich und für Sie alle.

Er löste sich von ihr, gerade als sie ihre Flügel um ihn legen wollte. Die weichen, empfindlichen Spitzen strichen gegen seine Flanke, fuhren seinen Körper entlang mit einer Berührung, die weicher und vielleicht sogar intimer war als ein Kuss. Er erschauderte.

„Ich... ich danke dir für alles, Fluttershy. Ich... ich... Danke."

Dann dreht er sich um und ging zur Tür hinaus. Bandit hockte auf seinem Rücken und seine kleinen Krallen packten seine kurze Mähne fester, als er auf dem Weg hinunter zur Brücke Geschwindigkeit aufnahm. Seine Hufe klapperten einen schnellen Rhythmus auf den hölzernen Bohlen, dann knirschte nur noch der Kies unter seinen Beinen.

Er nahm einen schnellen Galopp auf, ließ seine Läufe arbeiten, um sie von den letzten Resten der Müdigkeit zu befreien. Es war ein beruhigendes Gefühl, wie sein Körper auf so gewohnte Art und Weise reagierte. Seine Atmung beschleunigte sich, als seine Muskeln nach mehr Sauerstoff verlangten und bald fühlte er das Kitzeln auf seinem Pelz, als sich seine Schweißdrüsen an die Arbeit machten. Ponyville war nicht weit entfernt, aber es war genug, um in einem kurzen Spurt den Kopf wieder klar zu bekommen.

Am Anfang war es immer wie eine Prüfung. Die Muskeln schmerzten, das Herz pumpte und sein Atem ging wild und aufgeregt. Es brauchte ein oder zwei Kilometer, dann fand er seinen Rhythmus und er stellte sich auf das Laufen ein. Dann pumpten seine Hinterläufe praktisch mühelos, beruhigte sich sein Atem und er meinte praktisch ewig so laufen zu können. Es waren Momente wie dieser, in denen er es liebte ein Erdpony zu sein. Er hatte kein Horn um diffizile Magie zu wirken und keine Flügel, um den Himmel zu durchstreifen. Aber er hatte starke Beine und eine Ausdauer, die ihn praktisch überall hin tragen konnte.

Während er lief, glitten seine Gedanken unwillkürlich zurück zu der kleinen Hütte hinter ihm und der kanariengelben Stute, die er darin zurückgelassen hatte. Als er gestern in den angenehmen Nebel aus Alkohol zu der Hütte gestolpert war, hatte er schon gedacht, dass sein Leben kompliziert war. Was war es dann jetzt, im Licht des neuen Tages? Er kam sich immer mehr wie ein unfreiwilliger Passagier auf einer Achterbahnfahrt vor, ein stetes Auf und Ab. Er folgte notgedrungen den Gleisen, ohne eigene Kontrolle oder Einfluss auf seinen Pfad.

Der Gedanke war beängstigend. Er wusste, wie wichtig Kontrolle war. Er wusste, so hektisch und unübersichtlich die Situation um ihn herum auch werden wurde, dass es an ihm war, die Übersicht zu behalten, die Ruhe zu bewahren und zu tun was nötig war. Aber dies war kein Notfall, kein verletztes oder krankes Pony, dem er zu Hilfe eilen musste. Das war das Katastrophengebiet zu dem sich sein eigenes Leben entwickelt hatte und er bekam es einfach nicht auf die Reihe. Man verließ sich auf ihn, aber er konnte sich nicht einmal mehr selbst vertrauen. Was war das bei Fluttershy gewesen? Was war wirklich geschehen? Sie hatte praktisch offen zugegeben ihn mit Absicht zurückgehalten zu haben, aber warum? Hatte sie versucht ihre Freundin zu beschützen, oder ihn? Oder beides? Warum? Er wollte doch nur helfen. Hatte sie vielleicht Recht? Musste Pinkie diese Prüfung ohne ihn bestehen?

Egal, wie sehr wir uns anstrengen, egal wie gut wir sind... es gibt nicht immer ein Happy End.

Trotter hatte das gesagt. Vielleicht war das eine Lektion, die Chief Pinkie Pie lernen musste.

Aber diese Erkenntnis erklärte nicht alles, was in Fluttershys Hütte passiert war. Er brauchte Zeit, er brauchte Ruhe, um alles auseinander zu dividieren, um Ordnung in das Chaos zu bringen, das seinen Geist beherrschte. Er lief und lief, aber als er die Grenzen von Ponyville erreichte, war er von einer Antwort noch immer weit entfernt.


„Nein, es ist nicht egal, wie ihr euch aufstellt! Der Chief hat eine genaue Liste der Größe nach erstellt und wir werden uns daran halten! Sprinkels, dein Hemd ist falsch geknöpft, lass´ dir von jemanden helfen... Lyra, übernimm das. Macht euch fertig, es geht gleich los!"

Carrot Top schob sich durch die unruhige Menge der Feuerwehrponys vor der Wache und versuchte ihr Möglichstes, um Ordnung in das Chaos zu bringen. Dabei sah sie sich immer wieder suchend nach der pinken Mähne des Chiefs um. Pinkie hatte ihr heute Morgen zwar eine Liste mit detaillierten Anweisungen gegeben, die die Karottenfarmerin seit dem wieder und wieder mit den Feuerwehrponys durchgegangen war, aber Pinkie selbst war danach wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Carrot Top begann sich Sorgen zu machen. Es war fast zehn Uhr und sie wollten bald starten.

Wie der Rest der ehrenamtlichen Brandbekämpfer trug sie ein dunkelblaues Hemd mit goldenen Knöpfen und dem aufgestickten Feuerwehrabzeichen auf dem rechten Vorderlauf. Es war selten, dass die freiwillige Feuerwehr Ponyvilles sich in Schale schmiss, um geschlossen bei einer Parade mitzumarschieren. Früher hatte Carrot sich auf jede Gelegenheit gefreut, zusammen mit ihren Kameraden das Hemd anzuziehen und mit Fahnen und Musik durch die Straßen zu laufen. Manchmal beim Sommersonnenfest oder auch bei der Sommerernteparade, es war immer toll gewesen, jubelnde Ponys zu beiden Seiten der Straße, bunte Wimpel und Luftschlangen und überall nur lächelnde Gesichter. Aber heute... heute würde niemand lächeln.

Sie half Dust Devil dabei, ihren Kragen zu richten, die gedankenverloren auf ihre Hufe starrte. Es gab Carrot einen Stich ins Herz die brauen Pegasusstute so zu sehen. Sie fragte sich ein weiteres Mal, ob es wirklich die richtige Entscheidung gewesen war, sie bei der Trauerparade mitlaufen zu lassen, statt sie am Grab warten zu lassen, wo sie sich vielleicht besser von ihrem Freund... von ihrem speziellen Pony verabschieden konnte. Aber sie hatte darauf bestanden und niemand hatte gewagt ihr zu widersprechen.

Die langsam aufkeimende Liebe zwischen den beiden in ihrer Mitte war ein offenes Geheimnis bei den Ehrenamtlichen gewesen und mit viel wohlwollendem Getuschel und Scherzen zur Kenntnis genommen worden. Alle hatten sich gefreut, dass gerade die Feuerwehr zwei Herzen zueinander hatte finden lassen.

Die Karottenfarmerin strich ihr sanft über die hellgraue Mähne und schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln, um ihr Mut zuzusprechen, als sie aufsah. Dusty's großen, purpurnen Augen sahen feuchtglitzernd zu ihr hoch. Es flossen keine Tränen daraus, aber im Gesicht der Stute war der Schmerz über ihren Verlust dennoch so tief eingegraben, dass es Carrot fast das Herz brach, nur hineinzusehen. Sie hielt einen Moment inne und seufzte tief, um sich selbst zu beruhigen, so nahe brachte sie diese ganze Tragödie selbst an den Rand eines Tränenausbruchs.

„Er hätte es sich so gewünscht, oder?"

Carrot Top zuckte leicht zusammen, als sie die leise, raue Stimme von Dusty hörte. Sie war früher so fröhlich gewesen, so voller Energie. Jetzt klang sie leblos, wie ausgehöhlt. Die Farmerin riss sich zusammen.

Sie stellte sich neben die zusammengesunkene Stute und ließ ihren Blick über die Feuerwehrponys gleiten, die sich vor der Scheune der Feuerwache versammelt hatten. Die gut zwei Dutzend Stuten und Hengste brachten langsam Ordnung in ihre Reihen, während sie sich nervös an den Hemden zupften, sich unsicher umsahen und manchmal traurig die Köpfe schüttelten. Der Feuerwehrwagen, die ´Princess´, war auf Hochglanz poliert worden und die vier Zugponys rückten gerade die Riemen zurecht, damit sie nicht scheuerten und die Uniform zerknittern konnte. Statt der Schlauchhaspe war hinten ein einfacher Karren mit erhöhter Ladefläche angehängt. Seine traurige Ladung war unter der blauen Flagge Equestrias verborgen. Zwei gestickte Alicorns, das eine weiß, das andere dunkelblau, umkreisten darauf eine Scheibe die einerseits die goldene Sonne, auf der anderen Seite den silbernen Mond zeigte. Carrot erschauderte, als sie daran dachte, was mit dieser Flagge geschehen würde, wenn Sugar Coat zur letzten Ruhe gebettet worden war. Sie dankte der Sonne und dem Mond, dass diese Pflicht nicht an ihr war.

„Ich weiß es nicht.", hörte sie sich selbst flüstern. Langsam wendete sie sich Dusty zu, die sie mit offenem Mund ungläubig anstarrte. Als die Stute gerade Luft holte, um sie entsetzt zu fragen, was sie damit meinte, legte sie ihr sanft einen Huf auf den Mund und hielt so ihre Worte zurück.

„Ich glaube, er wollte mit dir zusammen sein. Mehr als alles andere. Ich glaube, er wollte dich lieben, jeden Tag, jede Nacht bis ans Ende eurer Tage. Er wollte es nicht weniger als du es wolltest. Oder jeder hier es euch gewünscht hätte. Nein, ich glaube nicht, dass er wollte, dass wir seinen Sarg auf den Wagen laden, die Fahne über ihm ausbreiten und du hinter ihm her zum Friedhof gehen musst. Aber dort... in dieser Gasse... hat er sich zwischen ein Monster und eine Stute mit ihrem Fohlen gestellt. Weil es seine Pflicht war, in der Not zu helfen. Weil es das richtige war... und weil er ein gutes Pony war. Das alles..."

Sie machte eine kurze Geste mit dem Vorderlauf, welche die Ponys, den Wagen und alles drum herum mit einschloss.

„... das alles ist für uns. Damit wir uns bei ihm dafür bedanken können. Und...", sie schluchzte kurz auf, als die Trauer ihr langsam die Kehle hochstieg. „... und uns von ihm verabschieden." Sie konnte es nicht mehr zurückhalten. Sie schlang ihre Vorderläufe um die junge Stute. „Es tut mir Leid! So unendlich Leid!", schluchzte sie und zusammen begannen sie bitterlich zu weinen.


Als Rogue an der Feuerwache ankam, waren scheinbar bereits alle versammelt und bereit zum Abmarsch. Ein weiteres Mal verfluchte er sich still dafür, dass er erst so spät eintraf. Fluttershy hatte es gut gemeint, aber... Er schüttelte den Gedanken ab. Es galt zu retten, was zu retten war. Er sah sich hektisch nach dem Chief um. Aber Pinkie Pie war nirgendwo zu entdecken. Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend suchte er nach bekannten Gesichtern in der Menge. Schließlich fand er die zweifarbige Mähne von Lyra in der Formation und rannte auf sie zu.

„Lyra! Lyra! Wo ist der Chief?", rief er ihr atemlos entgegen.

Als sie ihren Namen hörte, sah sich die mintgrüne Einhornstute neugierig um, bis sie ihn auf sich zu sprinten sah.

„Rogue! Wo warst du? Wir haben schon auf dich gewartet!", begrüßte sie ihn.

Er kam vor ihr zum Stehen und tänzelte unruhig auf der Stelle. „Hast du Pinkie irgendwo gesehen?", wiederholte er seine Frage noch einmal.

Lyra stutzte kurz, dann schüttelte sie den Kopf. „Ich habe sie zuletzt heute Morgen gesehen, als sie Carrot Top die Anweisungen für die Aufstellung und die Trauerfeier gegeben hat. Seit dem..." Sie hob die Stimme. „Hat jemand von euch den Chief gesehen?"

Die Feuerwehrponys um sie herum schüttelten die Köpfe.

„Carrot Top? Wo ist Carrot Top?", fragte Lyra laut in die Runde.

„Ich... ich bin hier.", erklang eine verschnupft klingende Stimme hinter den Reihen der Ponys. Carrot drängte sich nach vorne, die Augen gerötet, als hätte sie gerade heftig geweint.

„Carrot, hast du den Chief irgendwo gesehen? Es soll gleich losgehen. Da kommt schon die Musik." Lyra deutete mit einem Huf auf ein paar Ponys, die mit ihren Instrumenten gerade um die Ecke der ehemaligen Scheune bogen.

Die Karottenfarmerin machte einen sorgenvollen Gesichtsausdruck und blickte sich hektisch um. „Sie ist immer noch nicht hier?", fragte sie überrascht.

Unruhiges Gemurmel machte sich unter den Ponys breit, als sie merkten, dass ihr Chief offensichtlich verschwunden war.

Verdammt, da haben wir den Salat..., dachte Rogue düster. Er konnte sich gut vorstellen, was passiert war. Pinkie mochte zwar wirklich, mit jeder Faser ihres Herzens, ein guter Chief sein wollen, aber es gab es gab für jedes Pony eine Grenzen, wenn die Kräfte versagten und man einfach nicht weiter machen konnte. Pinkie schien mit Sugars Beerdigung diese Grenze erreicht zu haben. Sie hatte alles mit bewundernswerter Stärke gemeistert, die ganze blutige Mordnacht, die schrecklichen Folgen im Lazarett und die undankbare Aufgabe des Aufräumens. Doch jetzt schien es, als wäre sie eingeknickt.

Rogue ließ den Kopf hängen.

Es konnte ihr niemand verübeln, wenn sie jetzt einen Moment Schwäche zeigte und von diesem weiteren, schweren Gang zurücktrat. Diese Stute hatte schon genug durchgemacht, genauso wie so viele andere hier. Er wünschte nur, er wäre früher hier gewesen, hätte noch vorher mit ihr sprechen können. Vielleicht hätte er... irgendwie... die richtigen Worte gefunden... ihr genug Halt geben können, diesen letzten emotionalen Kraftakt zu meistern und unter diese ganze Tragödie einen Schlussstrich zu ziehen.

Jetzt gab es eine Feuerwehr, die ohne ihren Chief marschieren musste und einen Chief, der sich dafür wahrscheinlich den Rest seiner Tage Vorbehalte machen würde.

Rogue knirschte mit den Zähnen. Das ist nicht fair!

Er zermarterte sich das Hirn, suchte verzweifelt nach einer Lösung, einer Ausrede, irgendetwas, um ihr aus der Patsche zu helfen, um sie nicht das Gesicht verlieren zu lassen. Währenddessen schwoll das beunruhigte Gemurmel der Feuerwehrponys um ihn herum an, als sie selbst langsam ihre Schlüsse zogen.

„Sie wird nicht kommen, oder?"

„Ich... kann das nicht glauben."

„Sie ist doch noch unser Chief, oder?"

„Was für einen Sinn hat das Ganze dann noch?"

„Vielleicht... vielleicht sollten wir einfach nach Hause gehen."

Denk´ nach, denk´ nach, verdammt nochmal! Seine Gedanken rasten, gingen jede Möglichkeit durch, während ihm sein schlechtes Gewissen schmerzhafte Tritte versetzte.

Und dann hatte er die Lösung. Es war ganz einfach. Er musste nur das tun, wovon Fluttershy ihn versucht hatte abzuhalten. Sich selbst in die Bresche werfen.

„Hört mir zu!", rief er laut aus, um das unruhige Gemurmel um ihn herum zu übertönen. Langsam wurde es still und alle Blicke wendeten sich ihm zu. Er schluckte schwer und trottete hinüber zum Feuerwehrwagen. Ein kurzer Satz, dann stand er auf dem Kutschbock, wo ihn alle sehen konnten. Er atmete tief durch und ordnete seine Gedanken. Das würde übel werden.

„Der Chief wird nicht kommen." Sofort erhoben sich ungläubige Stimmen, aber Rogue schnitt ihnen das Wort ab. „Und zwar aus dem einfachen Grund, dass ich als einziger hauptamtlicher Angehörige des Central Medical Service Manehattans und damit des Fire Department Manehattans entschieden haben, dass..." Er schloss die Augen, sammelte Kraft für das Folgende.

I thank whatever God´s may be for my unconquerable Soul.

„Ich bin hier." Die Stimme hinter ihm war so leise, dass er sie im ersten Moment gar nicht erkannte. Er wirbelte herum und da stand sie, über ihm, auf den Leitern der Princess.

Chief Pinkie Pie.

Ihr Uniform war mit messerscharfer Kante gebügelt, die Knöpfe poliert, dass sie im Licht des jungen Tages blitzten. Ihre verrückte, pinke Mähne war durch ein marineblaues Band zusammengehalten, so dass die weiße, golden verzierte Mütze des Feuerwehrchiefs darauf gerade saß. Sie ließ ihren Blick aufmerksam über die versammelten Ponys schweifen, die unwillkürlich Haltung annahmen. Dann widmete sie sich Rogue. „Was wollten Sie sagen, Herr Rettungspony?"

„Habelahabla..." Der junge Hengst versuchte seine Zunge wieder unter Kontrolle zu bringen. Hatte er vorher schon schnell gedacht, erreichten seine Gedanken jetzt Lichtgeschwindigkeit.

„Ich, äh,... du – Sie, äh,... Chief,...also ich... ich habe entschieden, dass... dass... dass wir der Tradition nach Sie mit den anderen Würdenträgern vom Rathaus abholen, bevor wir zum Friedhof marschieren. Ähm, aber letztlich hat natürlich der Chief das letzte Wort. Genau."

Vor Verlegenheit hochrot sprang Rogue vom Wagen herunter und trat von der Paradeaufstellung zurück. Pinkie verfolgte ihn noch einen Moment lang mit ihrem Blick, dann räusperte sie sich leise und warf den Feuerwehrponys ein aufmunterndes Lächeln zu.

„Packen wir es an!"

Wieder ging ein Raunen durch die Menge, aber diesmal aus Freude. Schnell stellten sich die Ponys in geordneten Reihen auf. Die Zugponys drehten den Wagen in Marschrichtung, während der Chief heruntersprang und mit ernster Miene auf das Rettungspony zutrat. Rogue wich einen Schritt zurück und senkte unwillkürlich den Kopf.

„Hören Sie zu, Chief, ich wollte nicht... ich meine,... ich dachte...", begann er stotternd, aber Pinkie schnitt ihm das Wort ab.

„Willst du die Fahne tragen, Rogue?"

„Es tut mir L... was?"

Sie schritt zurück zum Wagen und ergriff mit den Zähnen eine Stange, die zwischen den Sitzbänken lag. Sie zog sie heraus und hielt sie Rogue entgegen. Verdutzt nahm er sie ihr ab. Das mit goldenen Troddeln verzierte Stück Stoff an ihrem Ende war noch aufgerollt, so dass es nicht auf der Erde schleifte.

„Hier, da hast du sie. Du musst vorne weg marschieren... aber das weißt du sicherlich. Es gehört noch ein Geschirr dazu, damit du sie aufrecht halten kannst. Ich hole es schnell."

Er versuchte ihr noch hinterher zurufen, aber durch die Stange in seinem Mund konnte er nur undeutlich nuscheln. Als er begriff, dass es nutzlos war, seufzte er tief und gab Acht, dass die Spitze der Fahnen nicht den Boden berührte.

Fluttershy hatte also doch recht gehabt. Er hatte sich umsonst Sorgen gemacht. Pinkie Pie war schließlich aufgetaucht und hatte offensichtlich alles im Griff. Er kratzte verlegen mit einem Huf in der trockenen Erde, während ihm noch einmal durch den Kopf ging, was er fast getan hätte, um sie zu schützen. Pinkie war ein guter Chief, der seine Kameraden nicht im Stich ließ. Er hatte ihr irgendwie einfach nicht vertrauen wollen. Wäre sie nicht genau im richtigen Augenblick aufgetaucht, wäre er es gewesen, der sich vor allen zum absoluten Idioten gestempelt hätte. Er blickte zum wackelnden Schwanz des aufgeweckten Ponys, das einzige, was man von ihr im Wagen gerade sah.

Der Ärger über sich selbst ließ ihn fest aufstampfen. Er musste endlich über seinen eigenen Schatten springen und anfangen, Applejacks Freundinnen zu vertrauen! Wenn er seiner Cousine vertraute und ihrem Urteil, warum dann nicht auch den Ponys, die ihr offensichtlich ans Herz gewachsen waren?

Pinkie kam mit einem kompliziert aussehenden Gestell aus Riemen im Mund zu ihm zurück. Sie half ihm dabei es anzulegen, etwas, von dem Rogue keinerlei Ahnung hatte, obwohl er die Vorrichtungen bei den Umzügen in Manehattan schon mehrere Male in Aktion erlebt hatte. Als er stillhielt, damit sie die letzten Gurte festziehen konnte betrachtete er ihr Gesicht. Sie war konzentriert bei der Arbeit, biss sich mit den Zähnen auf die Zungenspitze, während sie die Spannung der Riemen überprüfte.

Aber da war, kaum zu erahnen, ein leichtes Lächeln auf ihren Lippen.

„Fertig! Probier´ es gleich aus!"

Rogue tat wie ihm geheißen und steckte die Fahnenstange in den kleinen Köcher, der rechts von seinem Rumpf herunterhing. Ein kleiner, metallener Haken fixierte den Schaft nach oben, so dass er nicht umfallen konnte, er sich aber dennoch leicht vom Träger herausziehen ließ. Rogue schüttelte sich vorsichtig, um die Stabilität zu testen, aber die Konstruktion hielt. Als er sich sicher war, dass alles bombenfest war, wippte er mit dem Oberkörper vor und zurück. Der aufgewickelte Stoff der Fahne begann um den Schaft zu kreisen und entrollte sich. Bunte, bestickte Bänder waren an dem schweren Tuch befestigt, Freundschaftsabzeichen vieler anderer freiwilliger Feuerwehren aus allen Teilen Equestrias. Und das Banner selbst...

Der Apfel mit dem keck aufgesetzten Feuerwehrhelm leuchtete in der Sonne. Die Axt und die Löschdüse waren mit feinen Stichen meisterlich in das Gewebe gewirkt worden, ohne auch nur die kleinste Einzelheit, sei es die Maserung des Holzes, oder die Wickelung um das Schlauchende, auszulassen. In goldenen Lettern stand darunter: Den Prinzessinnen zur Ehr: Dem Nächsten zur Wehr.

Rogue sah hoch zu dem wippenden Stück Stoff, gebannt von dem sich bauschenden Falten und der Botschaft, die sie verkündeten. Dem Nächsten zur Wehr. Den anderen Ponys zu helfen. Ihnen in der Not beizustehen. Sich mutig zwischen sie und die Gefahr zu stellen, sei es Feuer oder Unglück. Es war ein schönes Motto.

Er drehte sich zu Pinkie um und wollte ihr gerade für diese Ehre danken, als er sah, dass die Stute nicht mehr neben ihm stand. Er sah sich kurz um und entdeckte sie am Ende der Kolonne, neben den Anhänger der Princess. Die Abmarschordnung stand bereits, und von der Musiktruppe war ein dissonantes Durcheinander zu hören, als die Ponys ihre Instrumente stimmten. Er vergewisserte sich noch einmal, dass der Schaft der Fahne fest saß und ging dann zum Chief hinüber.

„Ist alles in Ordnung, Chief Pinkie?", fragte er sie, als er bei ihr war.

Die Erdstute zuckte leicht zusammen und drehte sich schnell zu ihm um.

„Ja! Ja, alles in Ordnung! Ich... ich wollte nur noch einmal nach dem Rechten sehen." Sie blickte noch ein letztes Mal zu der blauen Fahne auf dem Wagen hoch, unter der sich der Sarg von Sugar Coat abzeichnete. „Nur noch einmal nach dem Rechten sehen.", flüsterte sie, mehr zu sich selbst, als zu Rogue.

Dann wirbelte sie herum, so schnell, dass ihr fast die Mütze vom Kopf flog und galoppierte an Rogue vorbei an die Spitze der Feuerwehrponys. Das Rettungspony beeilte sich ihr zu folgen.

„Alles aufgepasst! Es geht los!"

Das Durcheinander in der Kapelle verstummte. Der Tambourmajor, ein sandfarbenes Einhorn mit beeindruckendem Schnauzer, zählte leise an. Und dann begann der Marsch.

Rogue ging mit der Fahne voran, der Chief nur einen Schritt hinter ihm. Die Feuerwehrponys folgten in drei dichten Reihen hinter ihnen, die Gesichter ernst, die Hufe im Gleichschritt. Dahinter kam die Kapelle mit ihren hohen, roten Hüten, auf denen Federn wippten. Schließlich zogen vier Ponys die Princess mit dem Sarg. Und so, begleitet von den traurigen Trompeten des ´Vergissmeinnicht´, gingen sie nach Ponyville.


Sie schlossen sich ihnen an, einer nach dem anderen. Ihr Zug wuchs, während sie durch die Straßen marschierten. Die Ponys standen am Straßenrand, sahen ihnen still dabei zu, wie sie vorüber zogen. Und dann folgten sie ihnen.

Rogue sah Fluttershy, Twilight, Rarity und Sweetie Belle zusammen mit Rainbow Dash an der Bibliothek warten. Auch Applejack stand dort, zusammen mit der ganzen Applefamilie aus Ponyville. Granny Smith hatte sich ein schwarzes Halstuch umgebunden und AJ trug ein dunkles Band um ihren Hut.

Die Band spielte ´Fallen Leaves´, als sie auf dem Ruheacker des Dorfes ankamen. Auf dem Hügel am Rande von Ponyville, das von dem alten, schmiedeeisernen Zaun eingegrenzt wurde, tat sich zwischen den aufragenden Steinen ein frisches Grab auf. Die Erde daraus war mit Grassoden verdeckt worden und ein hölzernes Podium daneben errichtete worden, auf dem ein Rednerpult stand. Daneben stand Mr. Waddle, ein altes, blaugraues Erdpony mit dicker Brille, das der Gemeinde als Begräbnishelfer diente. Er fummelte nervös an seinem dunklen Kragen mit dem weißen Viereck in der Mitte herum und strich sich die wenigen, ihm verbliebenen Haarsträhnen über seinen blanken Kopf.

Rogue trat auf das Podest und stellte sich an dessen Rand auf. Während Pinkie Pie und die Bürgermeisterin sich neben ihm positionierten, zog er mit den Zähnen die Fahne aus der Halterung an seinem Rumpf und klemmte sie sich zwischen seinen linken Vorderlauf und seinen Hals, so wie er es schon einige Male bei den Paraden in Manehattan gesehen hatte. Eine leichte Brise fing das Tuch des Banners und bewegte es sanft hin und her.

Der Feuerwehrwagen hielt auf dem schmalen Kiesweg, der sich durch die Reihen der Gräber schlängelten, an. Jetzt erst sah Rogue, wie viele Ponys sich dem letzten Geleit angeschlossen hatten. Obwohl schon so viele Ponyville den Rücken gekehrt hatten, war der kleine Friedhof doch voll von Einwohnern des Dorfes. Er zweifelte nicht daran, dass kaum einer zurückgeblieben war. Die Kapelle war verstummt. Die einzigen Leute, die die Stille durchbrachen, waren das Knirschen von Hufen auf dem Kies, das Singen der Vögel und das allgegenwärtige Lied der Zikaden in der brütenden Sonne.

Sechs der Feuerwehrponys traten neben den Anhänger. Auf ein geheimes Zeichen drehten sie sich zum Sarg um.

Der Trompeter begann zu spielen.

Der Laut der einsamen, traurigen Trompete hallte rein und klar über den Friedhof auf dem Hügel.

Die sechs Ponys zogen den Sarg von der Ladefläche auf ihre Rücken.

Der Ton der Trompete schwoll an und ebbte wieder ab, so sanft und weich wie die Wellen am Strand des endlosen Ozeans.

Langsam, im Gleichschritt, setzten sie sich in Bewegung. Erst knirschte der Kies unter ihren Hufen, dann war da nur noch grünes Gras.

Eine einzelne, glasklare Note, mit langem Atem geblasen.

Sie kamen am Rand der Grube zum Stehen.

Die Trompete hallte über den kleinen Hügel, hinaus ins Tal, über das Dorf, die Felder, die Parks und bis in die fernen Wälder.

Vorsichtig setzten sie den Sarg ab.

Die Trompete verklang.

Die Stille kehrte wieder zurück und es schien, als würde jedes Pony den Atem anhalten. Es gab plötzlich keinen Platz mehr für Illusionen: Sie waren hier, um eines der Ponys, das so schrecklich aus ihrer Mitte gerissen worden war, zur Ruhe zu betten. Sie würden ihn nie wieder sehen; würden nie wieder mit ihm lachen oder schlechte Witze austauschen; sie würden ihn nie wieder auf der Straße grüßen können, oder sich beim Einkaufen mit ihm unterhalten, oder ihm in der Taverne einen Drink ausgeben; Sie würden nie wieder Hearth´s Warming Eve mit ihm feiern können, oder die Summer Sun Celebration, oder das Running of the Leaves; Ihnen würde sein Lachen fehlen, seine Stimme, seine guten Ratschläge, sein manchmal etwas seltsamer Sinn für Humor. Für immer.

Es war die Bürgermeisterin, die den Bann brach, der sie alle befallen hatte, als sie ans Pult trat. Sie rückte die Brille auf ihrer Schnauze zurecht und sammelte sich einen Augenblick. Dann begann sie zu den Ponys zu sprechen.

„Wir sind ein kleines Dorf. Wir kennen uns, wir sehen uns fast täglich. Wir begrüßen uns mit Namen und kennen praktisch jedes Gesicht auf den Straßen. Wir sind eine kleine Gemeinschaft, in der jeder weiß, was der andere arbeitet, was er in seiner Freizeit macht, was seine kleinen Eigenheiten sind. Wir wissen Bescheid.

In unserer Mitte gibt es Ponys, die Bäcker sind, oder Maurer, oder Wetterpegasie, oder Buchverkäufer. Ponys, die scheinbar nicht anders sind, als wir anderen auch. Doch es gibt eines das sie von uns unterscheidet: Sie haben sich freiwillig dazu verpflichtet uns beizustehen, wenn wir in Not geraten. Sie legen Hammer und Säge beiseite, hängen die Schürze an den Nagel, schließen ihr Geschäft zu, wann immer sie die Glocke zur Pflicht ruft, sei es Tag oder Nacht. So schnell ihre Hufe sie tragen eilen sie herbei, durch Regen und Schnee, bei klirrender Kälte oder brütender Hitze. Sie löschen Brände, pumpen Keller leer und halten die Straßen frei. Sie sind da wenn wir sie rufen, wenn wir sie brauchen. Sie retten, löschen, schützen, bergen. Sie stellen sich schützend vor uns wenn Gefahr droht. Sie tun dies freiwillig, unentgeltlich. Sie sind die Freiwillige Feuerwehr von Ponyville.

Heute sind wir alle hier zusammengekommen, um einem von ihnen das letzte Geleit zu geben.

Über unser Dorf, unsere Gemeinschaft ist ein dunkles Schicksal hereingebrochen, unvermittelt, unerwartet. Viele wurden verletzt und einige fielen ihm sogar zum Opfer. Jeder Verlust, jede geschlagene Wunde ist eine Tragödie für sich und wiegt gleich schwer für uns. Wir, die wir aus dieser Katastrophe unverletzt hervorgegangen sind, bleibt nur die Toten zu betrauern und den Verletzten alles Gute zu wünschen. Und uns bei den Helden zu bedanken.

Helden wie Sugar Coat." Sie hielt einen Moment lang inne und ließ ihre Worte wirken. Nach einigen Sekunden fuhr sie mit ihrer Rede fort.

Rogues Gedanken drifteten ab, als Mayor Mare von dem Leben Sugar Coats zu berichten begann. Es war keine böse Absicht – Er hatte Würdenträger einfach einmal zu oft ihre Reden schwingen gehört. Sie würde sagen, wie aufrecht und gut er gewesen war, wie beliebt und ehrlich, dass er vermisst werden würde und natürlich, wie er sich heldenhaft zwischen das Monster und die Stute mit ihrem Fohlen gestellte hatte. Rogue glaubte, dass die reife Stute auch tatsächlich meinte, was sie sagte, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass es ihre Aufgabe war, hier zu stehen. Es war eine Formalität, auch wenn sie es ernst meinte. Er hatte ein wenig Mitleid mit ihr.

Es musste eine undankbare Aufgabe sein, eine Laudatio am Grabe eines Ponys zu halten, weil es von einem erwartet wurde. Den schmalen Grat einzuhalten, das Opfer von Sugar zu würdigen, aber die anderen Opfer nicht zu vergessen. Den Ponys Mut zuzusprechen, ohne sich in Parolen und leeren Phrasen zu verirren. Und dabei ständig zu wissen, dass es nur zwei Arten von Ponys gab, die wirklich etwas zu sagen gehabt hätten: die Familie des Toten, die einen Angehörigen verloren hatten – und die Feuerwehr, die einen Kameraden verloren hatte.

Rogue sah zu dem Sarg unter der blauen Flagge Equestrias. Er wünschte wirklich, er hätte irgendwie die Gelegenheit gehabt, Sugar Coat besser kennen lernen zu können. Einfach nur, um seinen Verlust besser würdigen zu können. Der Hengst war nur eines von vielen Gesichtern gewesen, dessen er sich flüchtig von seiner Lehrstunde erinnerte. War er es gewesen, der den Witz mit dem Papagei im Eisschrank gemacht hatte? Er wusste es nicht mehr. Aber er hatte herzlich darüber gelacht. Wie wäre es gewesen, sich mit ihm zu unterhalten? Wäre er auch so neugierig über die Feuerwehr in Manehattan gewesen wie die anderen? Hätte er vielleicht von dieser süßen Pegasusstute erzählt, die er bei den Übungen kennengelernt hatte? Hätte das Schicksal anders gespielt... hätten sie Freunde sein können?

Jetzt lag er kalt und tot in einem Sarg. Ein Held.

Rogue stellte sie vor, an seiner Stelle gestanden zu haben. Er stellte sich vor durch das tintenschwarze Ponyville zu galoppieren, während furchtsame Schreie und schreckliches Knurren überall zu hören waren. Ein Schatten in einer Gasse, fremd und dunkel. Jenseits davon... Eine Stute und ihr Füllen. Die Mutter hatte sich schützend vor ihr Junges gestellt, die Todesangst in den Augen, aber dennoch entschlossen nicht einen Schritt zu weichen. Ein Moment des Zögerns, der Entscheidung...

Hätte er diesen Mut aufgebracht? Ein ´Ja´ erschien natürlich, ja selbstverständlich. Einer Mutter beizustehen, die ihr Füllen verteidigte? Selbstredend!

Aber Rogue hatte an ähnlicher Stelle gestanden. Er hatte sich bereits einmal den Schatten entgegengeworfen, selbstlos, zum Schutz anderer. Und er hatte diese Erfahrung beinahe ebenfalls mit den Leben bezahlt. Das Bild der kurz vor seinem Gesicht zusammenschnappenden Kiefer würde ihn wahrscheinlich für den Rest seines Lebens in Träumen verfolgen. Er hatte schließlich einfach nur ums Überleben gekämpft, jenseits allen Heldenmutes. Er begann zu zittern, wenn er nur daran dachte.

Vielleicht unterschied ihn das von einem Helden: Er wusste nicht, ob er noch einmal den Schritt in die Nacht hinaus wagen würde, jetzt, da er wusste, was ihn erwartete.

„Psst! Rogue!"

Die leise Stimme schreckte ihn aus seinen Gedanken auf. Überrascht drehte er sich um und war mehr als erstaunt, Pinkie Pie zu sehen. Die pinke Stute versteckte sich hinter einem Grabstein auf der Rückseite des Podiums und winkte ihm aufgeregt zu. Verwirrt sah er zurück zum Podest. Der Chief hatte gerade noch hinter Mayor Mare gestanden, die sich immer noch in ihrer Rede erging. Die Ponys auf dem Friedhof standen in einem Halbkreis um das Grab und das Podium und schienen den Ausführungen der Bürgermeisterin aufmerksam zu folgen. Wie hatte es Pinkie geschafft sich unbemerkt davonzuschleichen?

Während er darauf achtete, dass die Fahne aufrecht blieb, schob er sich langsam nach hinten. Schließlich wendete er den Kopf soweit er konnte nach unten, hin zum Chief.

„Pinkie! Was ist los? Du bist gleich dran!", flüsterte er aufgeregt.

Die Erdstute nahm die weiße Mütze vom Kopf und drehte sie unruhig zwischen ihren Hufen, während sie seinem Blick auswich.

„Ich... ich kann das einfach nicht, Rogue. Ich weiß, dass es meine Pflicht ist, als Chief, aber... ich kann das einfach nicht. Ich kann mich nicht dahinstellen und sagen, wie richtig es war, das Sugar sich geopfert hat und dass er ein Held ist und das wir stolz auf ihn sein können und all das. Es hätte einfach nie passieren dürfen! Die Freiwillige Feuerwehr sollte Spaß machen und wir sollten alle eine gute Zeit haben, während wir Ponys helfen. Es... es... sollte doch keiner dabei sterben!" Sie atmete tief durch, um ihre Tränen zurückzuhalten. Sie hatte schon genug geweint. „Ich bin nicht bereit dafür. Ich bin ein schlechter Chief. Ich kann es einfach nicht."

Sie sah noch einen Moment lang auf die Mütze in ihren Hufen, dann reichte sie sie ihm langsam.

„Es ist zu wichtig und ich würde es nur vermasseln. Du... du weißt, wie man ein richtiges Feuerwehrpony ist. Ich weiß, dass ich das nicht von dir verlangen darf, aber du könntest die richtigen Worte finden. Du könntest ihnen wieder Mut geben. Dir werden sie folgen. Ich bin... ich bin nur Pinkie Pie."

Sie hielt ihm die Mütze des Chiefs entgegen und sah ihn aus ihren großen, blauen Augen flehentlich an.

Er starrte das kleine Stück Stoff mit dem Goldblech einen Moment lang an. Langsam streckte er seinen freien Huf aus und nahm sie vorsichtig entgegen. Als er sie ihr abnahm, atmete Pinkie erleichterte auf.

Der weiße Stoff der Mütze war makellos. Der Schirm war zu einem schwarzen Spiegel gewienert, das blanke Goldmetall des Mützenschildes funkelte in der Sonne. Wie oft hatte er sich schon vorgestellt, diese Mütze zu tragen? Ein Pony zu sein, zu dem andere aufblickten, der ´Alte´, der Kommandant, der immer wusste, was zu tun war, wie man es richtig machte, der alles schon gesehen hatte und sich von nichts aus dem Konzept bringen ließ. Kein ´Junge´ mehr. Er hielt es, hier in seinen Hufen.

Sie hat dich förmlich darum angefleht. Du tust ihr damit sogar einen Gefallen.

Weiche Federn, die über seinen Körper strichen, so sanft, dass er es kaum spürte...

Rogue klemmte die Mütze für einen Moment unter seinen Vorderlauf und trat auf drei Beinen auf Mr. Waddle zu. Der alte Hengst sah überrascht zu ihm auf, als ihm das Rettungspony unvermittelt die Fahnenstange in die Hufe drückte. Einen Moment lang kämpfte er mit dem ungewohnten Gewicht, dann hielt er sie aufrecht. Nervös schob er sich seine Brille wieder zurecht und sah sich neugierig um. Aber Rogue war bereits von der Rückseite des Podiums gesprungen.

Er trat auf das pinke Pony zu, das ihn verwirrt ansah. Dann nahm er den Schirm der Mütze zwischen die Zähne und setzte sie ihr vorsichtig auf den Kopf. Er rückte sie noch etwas zurecht, achtete darauf, dass sie gerade saß und nahm dann Haltung an.

„Chief Pinkie Pie, ich danke Ihnen für ihre Zuversicht in meine Fähigkeiten, aber ich muss leider ablehnen. Es gibt ein Pony, das weitaus besser geeignet ist als ich diesen Posten auszufüllen. Obwohl ich ihr in Erfahrung überlegen bin, hat sie sich bei bietender Gelegenheit als ein Pony von außergewöhnlicher Führungskraft und als Organisationstalent bewiesen. Diese Stute behielt im Angesicht drohender Gefahr und auch schwierigster Umstände die Übersicht und handelte besonnen und verantwortungsvoll. Sie erfüllte ihre Aufgaben stets gewissenhaft und war ein Vorbild an Courage und Einsatzbereitschaft. Die ihr untergebenen Ponys blicken zu ihr auf und folgen nur zu gerne ihrer Führung. Ich könnte sie nie auch nur im Ansatz ersetzen."

Als er sah, dass sie ihn immer noch verständnislos anstarrte, beugte er sich vor und legte seinen Vorderlauf um sie.

„Es gibt mindestens zwei waschechte Feuerwehrponys in Ponyville. Eines liegt dort drüben in einem Sarg. Das andere steht mir gegenüber. Das hier ist deine Aufgabe und ich könnte mir niemanden vorstellen, der besser dafür geeignet wäre als du. Wenn es jemanden gibt, der diesem ganzen Unglück etwas Gutes abgewinnen kann und Sugar Coat in den wunderbaren, lebendigen Farben für uns alle beschreiben kann, die ihn ausmachten, dann bist du es. Sie mich an: Ich bin nur ein einfaches Rettungspony, das schon zu viel in seinem jungen Leben gesehen hat. Ich schlafe schlecht und habe nachts Alpträume, weil mich meinen eigenen Fehler immer wieder einholen. Was sie jetzt brauchen, was sie sich mehr als alles andere wünschen, ist ein großes Herz. Und du hast das größte, wundervollste, das ich kenne."

Er trat zurück und schob ihr die widerspenstige pinke Strähne zurecht, die sich vor ihr Gesicht geschlichen hatte.

„Ich stehe hinter dir, Pinkie und wenn ich kann, fange ich dich auf. Aber ich vertraue dir. Du bist der einzig wahre Chief Pinkie Pie."

Sie sah ihn einen Moment lang aus feuchten Augen an, dann wischte sie sich energisch über das Gesicht. Sie schniefte noch einmal, dann schoss sie in die Höhe, Entschlossenheit in ihrem Blick.

„Danke, Rogue, das... das habe ich jetzt wirklich gebraucht. Noch einmal – Danke."

Er zwinkerte ihr lächelnd zu. „Dafür sind Freunde doch da."

Sie kicherten kurz gemeinsam. Die Stute wischte sich noch ein letztes Mal über ihr Gesicht, dann kletterten sie zusammen zurück auf das Podium.

Rogue nahm die Fahne von Mr. Waddle entgegen, der sie ihm mit einem grumpigen Laut reichte und stellte sich wieder auf. Die Bürgermeisterin war gerade dabei, ihre Rede zu beenden.

„...und so bleibt mir nicht mehr viel zu sagen, außer: Ponyville hat einen seiner Besten verloren. Es ist an uns diese Lücke zu füllen und uns für immer an ihn zu erinnern."

Die hellbraune Stute trat vom Pult zurück und nickte Pinkie Pie zu, dass die Reihe jetzt an ihr war. Die Erdstute schluckte noch einmal schwer und warf einen kurzen Blick zu Rogue. Das Rettungspony zwinkerte ihr aufmunternd zu.

Sie trat langsam an das Pult und räusperte sich nervös. Ihr Blick glitt über die versammelten Ponys, die sie erwartungsvoll ansahen. Sie fand die vertrauten Gesichter ihrer Freundinnen in der ersten Reihe. Fluttershy, Rarity, Rainbow Dash, Twilight und Applejack, sie waren alle hier. Und als sie noch einen Moment lang zögerte, lächelten sie ihr alle vertrauensvoll zu. Sie gab das Lächeln dankbar zurück.

„Sugar Coat war ein gutes Pony...", begann sie.


Sie packten die Stricke, die unter den Sarg gelegt worden waren und zogen an. Die Holzkiste wurde angehoben und sie traten vor.

Ein Brummen erklang aus der Kapelle, ein kurzer, dissonanter Laut, der sich in eine langsame, traurige Melodie verwandelte.

Man hatte Rogue erzählt, es wäre eine Tradition, die älter war als die Institution der Feuerwehr, ja sogar älter als Equestria. In den alten Tagen, als die Stämme noch getrennt lebten und es keine Prinzessinnen gab, die sie einten, gab es für die Erdponys kaum eine Möglichkeit, mit den anderen Stämmen zu sprechen. Die Pegasie lebten unerreichbar weit in den Wolken und die Einhörner abgeschottete in ihren Türmen. Aber der Dudelsack war ein Instrument, dessen Töne weit und fern zu hören waren, dessen Schwingungen mit dem Wind getragen wurden und bis hoch in die höchsten Wolken und bis hinter die dicksten Mauern drangen. Wolken brannten nicht und die Türme aus Stein ebenso wenig. Die ersten, die sich dem hungrigen Inferno entgegenstellen mussten, das drohte ihre Holzhütten zu verschlingen, waren Erdponys gewesen. Und starb ein Pony dabei, spielten sie das Lied an seinem Grab, damit die anderen Stämme von dem Schicksal der unter ihnen erfuhren und wussten, das einer gegangen war, der mutiger gewesen war, als sie es jemals sein würden. Und weil es immer Feuer gab und immer Ponys, die bereit waren, sich ihm entgegenstellten, wurde das Lied weitergegeben, von Generation zu Generation, unverändert.

Sie ließen ihn herab in sein Grab, während der einsame Pfeifer ´Amazing Grace´ spielte, so wie sie es immer getan hatten. Damit alle, nah und fern, wussten: Hört! Hört alle! Es geht einer von uns. Hört! Hört alle! Einer geht, der mutig war und kühn! Hört! Hört alle!Es geht einer, der sich zwischen euch und das Feuer gestellt hat. Hört! Hört alle! Er starb für mich und für dich. Er war ein gutes Pony.

Mit einem sanften Laut setzte der Sarg auf, die Seile hingen durch und wurden aus dem Grab gezogen. Die Feuerwehrponys traten zurück.

Die Klänge des Pfeifers hallten weiter über das Grab, als sich die Ponys anstellten, um dem Toten persönlich die letzte Ehre zu erweisen und eine Schaufel Erde oder Blumen auf sein Grab zu werfen. Rogue rollte die Fahne umständlich auf – man brauchte anscheinend etwas Übung dafür – und steckte sie sich dann zwischen die Riemen an seinem Rumpf. Es war etwas unbequem, aber es würde reichen.

Er sprang vom Podium herab und fand sich praktisch Augen in Auge mit Twilight wieder. Die Einhornstute blickte ihn überrascht an, dann lächelte sie.

„Rogue! Du und Pinkie Pie haben das wirklich toll hingekriegt."

Rarity trat neben sie und nickte zustimmend. Sie trug einen ausladenden, schwarzen Hut, von dem ein feiner, dunkler Schleier herabhing, den sie sich um den Hals geschlungen hatte.

„Darling, es war einfach ergreifend. Wir danken dir, dass du Pinkie dabei geholfen hast. Die Uniformen, die Fahnen, die Musik – So schrecklich das Ganze auch ist, aber so sollte ein Held verabschiedet werden!"

„Da hat se´ recht!", rief Applejack und gesellte sich zu ihnen. „Wo is´ eigentlich deine Uniform, Cousin? Bin mir sicher, dasde´ ne´ gute Figur drin machen würdest."

Rogue schüttelte den Kopf. „Als ich dich nach Ponyville gebracht habe, habe ich mit vielem gerechnet, aber nicht, das ich zu einer Beerdigung komme. Ich habe sie einfach nicht eingepackt."

Rarity machte eine abwinkende Geste mit ihrem Huf. „Hätte ich das gewusst! Ich hätte dir im Hufumdrehen etwas Passendes gezaubert. Ach, wo hatte ich nur meinen Kopf... es ist eine Schande, dass ausgerechnet du hier ohne Uniform mitmarschieren musstest." Sie maß ihn einen Augenblick lang von Huf bis zum Scheitel. „Vielleicht findest du die Zeit noch einmal bei mir vorbei zusehen. Uniformen sind ein faszinierendes Gebiet der Schneiderei, das ich viel zu selten in Angriff nehmen kann. Ich würde mich freuen."

Das junge Rettungspony nickte ihr dankend zu, dann wurde sein Gesicht wieder ernst. „Aber ihr solltet nicht mir danken. Chief Pinkie hat das Ganze von vorne bis hinten organisiert und geplant. Ich... ich bin nicht einmal dazu gekommen ihr zu helfen.", fügte er kleinlaut hinzu.

„Na sei es drum, s´ ja alles gut gegang´!", sagte Applejack und deutete mit ihrem Huf in die Menge. „Da is´ sie! Lasst uns hingehn´ und ihr gratuliern´."

Rogue folgte ihrem Zeig und sah Pinkie, wie sie mit etwas Blauen im Mund auf eine Gruppe Ponys zutrat, die am Kopfende des Grabes standen. Er kannte die Ponys nicht, nur ein einzelnes Gesicht war ihm vertraut. Es war Dust Devil.

Sofort stoppte er und hielt die anderen zurück. Die Stuten blickten ihn verwundert an. Rogue bemerkte es nicht einmal, er verfolgte Pinkies Schritte wie gebannt.

„Sie bietet der Familie die Fahne an.", flüsterte er.

„Oh! Darüber habe ich gelesen!", schnappte Twilight aufgeregt. „Es ist Brauch die Fahne, die über dem Sarg des Toten ausgebreitete wird, zusammenzufalten und zur Familie zu bringen, in der Regel der Mutter. Wenn sie sie annimmt, heißt es, dass sie versteht, dass ihr Sohn oder ihre Tochter nicht umsonst gestorben ist und sein Opfer nicht vergebens war." Ihr Ton war dozentenhaft, doch als sie begriff, was sie gerade gesagt hatte, klappten ihre Ohren traurig ein und sie blickte ernst auf die Szene, die sich vor ihnen abspielte.

Die Laute des Dudelsacks erfüllten noch immer die Luft mit ihrem vollen, traurigen Klang. Sie würden weiterspielen, bis das letzte Pony das Grab verlassen hatte.

Pinkie Pie trat vor die Mutter, eine dunkelbraune Erdstute in mittleren Jahren, die bitterlich weinte und ein Taschentuch vor ihre Schnauze hielt. Ein Hengst stand neben ihr und hielt sie fest. Er sah dem Chief mit vor Schmerz erstarrter Miene entgegen. Pinkie nahm ihre Mütze ab und klemmte sie sich unter ihren Vorderlauf. Dann beugte sie sich vor und hielt der Mutter die zusammengefaltete Fahne entgegen.

Die Stute war so aufgelöst, dass sie gar nicht verstand, was von ihr verlangt wurde. Sie erzitterte unter den unablässigen Tränen, die ihr über das Gesicht rannen. Pinkie stand dort wie erstarrt, hielt ihr das Tuch entgegen, ohne auch nur einen einzigen Muskel zu rühren.

Es war der Vater, der sie schließlich erlöste. Er nahm die Fahne entgegen, unbewegt, nur mit einem Nicken in Richtung des Chiefs. Pinkie Pie setzte sich auf ihr Hinterläufe und ließ den Kopf hängen. Und dann begann sie zu sprechen.

„Es ist ihr schwerster Gang.", flüsterte Rogue den anderen zu. Sie waren zu weit entfernt, um zu hören, was der Chief zu den Eltern sagte und es ging sie auch nichts an. „Das kann ihr niemand abnehmen. Das ist ihre Pflicht. Nichts wiegt so schwer wie dieser Weg. Es muss furchtbar für sie sein."

Die sechs Ponys, Rogue und der Rest von Pinkie's Freundinnen, die sich noch zu ihnen gesellte hatten, starrten stumm und voll Mitleid auf die Familie und den Chief.

Eine graue Pegasusstute trat auf die kleine Familie zu. Ein hellviolettes Einhornfohlen mit blonder Mähne blieb schüchtern an ihrer Seite. Pinkie trat einen Schritt beiseite und ließ die beiden durch. Der Pegasus rieb sich unsicher mit dem Huf über den Vorderlauf und mied den Blick der Eltern. Sie sprach ein paar Worte zu ihnen, dann schob sie sanft das Füllen nach vorne. Das junge Pony starrte verlegen auf seine kleinen Hufe, dann blickte es auf zu der weinenden Mutter.

Noch immer verschluckte die Musik des einsamen Pfeifers jedes Wort das dort drüben gesprochen wurde, aber die traurige Stute senkte ihr Taschentuch, hinter der sie ihr tränenüberströmtes Gesicht verborgen hatte. Und dann, zuerst zögerlich, doch dann nur umso bestimmter, drückte sie das kleine Fohlen an sich, schlang ihre Vorderhufe um es und weinte in die kleine, weiche Mähne. Weinte um ihren verlorenen Sohn, der sein Leben gegeben hatte, um dieses kleine Leben zu beschützen und zu bewahren. Ihr Ehehengst strich ihr beruhigend mit seiner Schnauze über die Wangen. Auch das kleine Fohlen weinte und schlang seine kleinen Hufe um den Hals der Stute. Die Mutter des Füllen zögerte noch einen Augenblick, dann schloss sie sich dem Kreis an und schlug ihre Flügel um die beiden Ponys, die ihr ihren Retter geschenkt hatten, den Helden, der sowohl sie als auch ihr Fohlen gerettet hatte.

Der Chief trat zurück und betrachtet das Ganze mit einem glücklichen, aber tränenerfüllten Lächeln.

Twilight räusperte sich leise. „Lasst uns hier warten, bis es vorüber ist. Sie soll wissen, dass wir für sie da sind."

Sie nickten und warteten.