Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Geschichte, was den Inhalt von Hasbro´s My Little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum.
Kapitel 18: Nur ein Kratzer
Die Beerdigung von Sugar Coat war anstrengend gewesen, sowohl emotional als auch körperlich. Die Sonne brannte unerbittlich auf das Land und Rogue war schon schweißgebadet gewesen, als er bei der Feuerwache ankam, ganz zu schweigen von dem anschließenden Marsch. Aber so erschöpft sie auch alle waren, es gab noch viel zu besprechen. Also machten machten sich Twilight, Applejack, Rainbow, Pinkie, Fluttershy und Rarity mit Rogue im Schlepptau auf den Weg zur Bibliothek. Sie waren kaum hundert Schritt gegangen, als sie ihn abfing.
„Was wolltest du den anderen sagen, als du auf die Princess gestiegen bist, Rogue?", fragte Pinkie ihn leise, so dass die anderen nichts davon mitbekamen. Sie hatte ihre Chance erkannt, als sie gesehen hatte, dass er an das Ende der kleinen Gruppe gefallen war, gedankenverloren, wie es seine Art war.
Der junge Hengst hob überrascht seinen Kopf und sah das pinke Pony an seiner Seite einen Moment lang erschreckt an. Dann wendete er sich verlegen ab und versuchte eine ausdruckslose Mine aufzusetzen.
„Ich... nichts von Bedeutung. Mach dir keine Sorgen darüber.", sagte er und hielt seinen Blick streng nach vorne gerichtet.
„Rogue..." setzte Pinkie an.
„Hör´ mir zu!", schnappte Rogue aus dem Mundwinkel, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Er hielt seinen Blick weiter starr geradeaus. „Ich weiß, du wirst mir keine Ruhe lassen, bis ich es dir gesagt habe, also bitte sehr."
Er atmete kurz durch.
„Ich bin auf den Wagen gestiegen, weil ich dachte, dass du nicht auftauchen würdest. Ich dachte, du hättest den Schwanz eingezogen und wärst verschwunden. Als könnte dir das jemand verdenken."
Die pinke Erdstute setzte wieder an. „Rogue, du..."
„Lass mich bitte ausreden.", unterbrach er sie wieder. „Ich habe mich in dir geirrt. Trotz aller guten Absichten, obwohl ich es tief in mir besser wusste, habe ich es mir erlaubt an dir zu zweifeln. Ich dachte wirklich, du würdest sie... uns da stehen lassen und es ohne dich zu Ende bringen lassen. Und... und der Gedanke brachte mich fast um, okay?" Er schüttelte kurz seinen Kopf. „Ich war drauf und dran mich dort oben hinzustellen und zu verkünden, dass ich Kraft eigener Arroganz als einziges ´echtes´ Feuerwehrpony dich nach Hause geschickt hätte, damit du dich erholen kannst. Sie sollten... sie sollten nicht schlecht von dir denken, verstehst du? Wenn jemand das Buh!-Pony sein musste, dann ich. Du bist ihr Chief und die Feuerwehr steht und fällt mit dir. Wenn sie auf jemanden wütend sein sollten, dann auf mich."
Sie gingen noch einige Moment schweigend nebeneinander her. Rogue sah noch immer nicht zu dem Chief an seiner Seite, sein Blick war nach innen gerichtet, bemüht, die richtigen Worte zu finden.
„Ja, Rogue, aber..."
„Ich bin noch nicht fertig.", setzte er ein drittes Mal dazwischen. „Du bist aufgetaucht, bist deiner Pflicht nachgekommen und zwar genau im richtigen Augenblick, bevor ich mich zum Idioten gemacht habe. Also: Ich entschuldige mich bei dir. Dafür, das ich zu wenig Vertrauen in dich hatte. Das ich geglaubt habe, du könntest sie im Stich lassen. Selbst als du bei der Beerdigung eingeknickt bist, kann ich dir keinen Vorwurf daraus machen. Was ich dort gesagt habe, meine ich auch so. Du bist der perfekte Chief. Ich wünschte nur, ich hätte vorher mit dir darüber sprechen können, dir... dir vielleicht erklären können, wie schwierig..." Er verstummte, als seine Worte versagten.
„Ich wünschte einfach nur, ich hätte es dir etwas leichter machen können.", endete er schließlich leise.
Pinkie schwieg einen Moment lang, dann antworte sie langsam: „Danke, Rogue. Danke für deine Worte und für dein Vertrauen. Es hat mir wirklich geholfen, nicht nur bei der Rede, sondern auch... später."
„Bedanke dich nicht bei mir. Fluttershy hat mich daran erinnert, wie wichtig es ist anderen zu vertrauen." Er seufzte leise. „Hör´ zu Pinkie: Ich bin kein Pony, das leicht Anschluss oder Zutrauen zu anderen findet. Ich versuche mein Möglichstes, offener zu sein und Freundschaften zu schließen, aber man kann nicht aus seinem eigenen Fell heraus, verstehst du? Ich will... Ich will wirklich... mit euch allen befreundet sein. Ich will euch vertrauen, mich auf euch verlassen können. Aber ich brauche etwas Zeit." Er dachte kurz nach. „Und manchmal einen sanften Stoß in die richtige Richtung. Fluttershy hat das heute morgen wunderbar hinbekommen."
Pinkie kicherte kurz. „Wo wir schon gerade bei ihr sind: Könntest du woanders hinschauen? Du starrst ihr schon die ganze Zeit auf die Flanken. Ich hab´ versucht es dir zu sagen, aber du hast mich immer wieder unterbrochen."
Ein Kübel Eiswasser aus dem Nichts hätte nicht annähernd das auslösen können, was Rogue empfand, als er realisierte, dass sie recht hatte. Fluttershy´s wundervolles Hinterteil war praktisch die ganze Zeit direkt vor seiner Schnauze gewesen, so nahe, das es ein Wunder war, dass ihr Schweif ihn nicht im Gesicht getroffen hatte. Er war einfach zu sehr damit beschäftigt gewesen, die richtigen Worte zu finden, so dass er seinen verdammten Augen praktisch Freigang gegeben hatte. Wer konnte es ihnen verübeln, dass sie sich gerade daran geheftet hatten. Es war nur eine Schande, dass sie erst jetzt Bilder an den Zentralrechner lieferten.
Langsam hob sich sein Blick von der atemberaubenden Rückansicht nach oben. Er fürchtete sich davor, was er sehen könnte.
Eeyup...
Da war ihr feingeschnittenes Gesicht, das ihm zugewandt war, die wallende, hellrosa Mähne, die bis auf ein Auge das meiste von ihr verbarg, die zarten Lippen, die ein rundes ´Oh´ formten und die furiose Röte auf ihren Wangen, als sie realisierte, wohin er gerade gestarrt hatte.
Oh, Buck...
Eine der grundlegendsten Interpretationen von Intelligenz war die Fähigkeit Muster zu erkennen. Insbesondere das Muster vom Zusammenhang von Aktion und Reaktion. Wenn ich A tue, passiert B. Wenn ich A wieder tue, wird auch B passieren. Ganz einfach. Der Rest war nur eine Erweiterung des ganzen. Witzigerweise ließ sich dadurch auch eine Interpretation von Wahnsinn ableiten: Obwohl ich weiß, dass B die logische Konsequenz aus A ist, erwarte ich C. Hat nicht geklappt? Versuchen wir es noch einmal... Intervall.
Ausgehend von diesem Wissen veranschlagte Rogue entweder die Intelligenz einer Ameise oder eine ernstzunehmende Form der Schizophrenie für sich. Vielleicht beides. Ja, wahrscheinlich beides.
Celestia und Luna sei dank hatte Fluttershy auf der Straße keine Szene gemacht. Sie hatte ihn einfach noch einen Moment lang angestarrt, während die Röte ihr süßen Wangen hinaufkroch, bis sie gänzlich die Farbe einer reifen Tomate erreicht hatte. Dann hatte sie sich leicht zitternd umgedreht und war einfach weitergegangen. Sie musste auch keine Szene machen. Rogue kam sich auch so schon wie das männliche Äquivalent von Urschlamm vor. Oder etwas ähnlichem, das man sich angewidert vom Huf kratzte, nachdem man rein getreten war.
Zum Thema Intelligenz und Wahnsinn: Sei es das Fehlen des einen, oder das Vorhandensein des anderen, Rogue ertappte sich dabei, das Muster zu erkennen: Wunderschöne Stute → er machte sich zum Idioten. Quod erat demonstrandum. Die Frage war nur, ob diese Erkenntnis ein Schritt in die richtige Richtung war oder eine gezielte Demütigung seines Unterbewusstseins, um ihm das ganze Elend seiner Situation vor Augen zu führen. Wahrscheinlich letzteres, denn man brauchte sich nichts vorzuspielen – Er würde begeistert wieder in die Falle tappen, sobald sie sich auftat. Also wahrscheinlich doch Schizophrenie. Jetzt stellte sich nur noch die Frage, welche Art von Geistesstörung.
Phasenhafte manische Depression? In diesem Fall hielt die Depression schon ganz schön lange an. höchste Zeit für sein Hoch.
Er schüttelte energisch seinen Kopf, um diese unnützen Gedanken zu vertreiben. Er war hier um zuzuhören und hatte bereits einen nicht unwesentlichen Teil von Twilights Ausführungen über die bevorstehende Reise verpasst, weil er über die einfache Tatsache nicht hinwegkam, dass er ein Idiot war. Punkt, Ende, Aus.
„...es ist also alles andere als leicht in das alte Land zu kommen. Die Überlieferungen aus den Erzählungen am Hearths Warming Eve schweigen sich auch in den älteren Niederschriften über den genauen Weg aus, denn die Stämme damals genommen haben. Professor Trottenheimer erforschte im Rahmen der Recherchen für sein Buch Nach dem Exudus: Die ethnische Entwicklung Equestrias zwar mehrere Pässe, die er als vielversprechende Routen deklarierte, stieß aber nie auf konkrete Beweise oder drang gar selbst bis auf das ursprüngliche Siedlungsgebiet der Ponys vor. Glücklicherweise haben wir unlängst eine Möglichkeit gefunden, die ungewisse Reise durch das Gebirge vollständig zu umgehen." Die violette Einhornstute nickte Rarity zu, die sich elegant von ihrem Sitzkissen erhob. Sie hatte ihren schwarzen Hut mit dem dunklen Schleier abgenommen und ihre perfekt gestylte Mähne wippte frei, als sie einige Schritte vortrat.
Sie räusperte sich leise. „Zunächst einmal möchte ich euch sagen, dass ich euch trotz meiner anfänglichen Zweifel auf diesem Abenteuer begleiten werde."
Ein kollektives Aufatmen war in der Bibliothek zu vernehmen, als die anderen Stuten die freudige Nachricht vernahmen. Selbst Rogue ertappte sich dabei, wie ein Lächeln auf sein Gesicht kroch. Es war gut, das die Freundinnen nicht auseinander gerissen wurden.
Als sie gerade weitersprechen wollte, wurde die weiße Einhornstute von einem pinken Blitz angesprungen, der sich ihr freudig um den Hals warf.
„Oww, ich hab´s gewusst!" Pinkie hielt ihre Freundin fest umschlungen und schaffte es gleichzeitig einen kleinen Freudentanz auf ihren Hinterläufen zu veranstalten. „Wir hätten gar nicht ohne dich gehen können, Rarity! Jetzt wird bestimmt alles gut, wo wir doch alle zusammen sind. Danke, danke, danke, dass du es dir noch anders überlegt hast!"
Rarity versteifte sich etwas und ihre großen, blauen Augen blinzelten überrascht ob des plötzlichen Angriffs auf ihren persönlichen Freiraum. Aber dann entspannte sie sich und tätschelte nachsichtig Pinkies Kopf.
„Ich hatte ein langes und recht... eindringliches Gespräch mit Applejack. Sie hat mir einige Dinge zurück ins Gedächtnis gebracht, die ich aufgrund der letzten... Entwicklungen aus den Augen verloren hatte. Auf ihre eigene, unnachahmliche Art und Weise." Sie sah zu der Farmerstute, die neben Rogue platz genommen hatte. „Noch einmal: Danke dafür."
AJ schob sich den Hut in den Nacken und schenkte ihr ein zufriedenes Lächeln. „Imma´ wieder gerne, Sweetheart!"
Pinkie Pie drückte ihre Freundin noch einmal fest, dann ließ sie los und trottete zurück zu ihrem Sitz. Die weiße Einhornstute fuhr fort. „Während meines Aufenthaltes in Canterlot, bevor wir Twilights vorletzten Geburtstag dort feierten, wurde ich dazu eingeladen ein neues Luftschiff vor seiner Jungfernfahrt zu taufen." Ihre Augen glitzerten, als sie im Geiste zu diesem Moment zurückkehrte. Der majestätische Rumpf des Luftschiffes vor ihr, als sie die an einem roten Seil befestigte Champangnerflasche in ihren Hufen hielt. Und um sie herum... die fein gekleideten Ponys von Canterlot, Reigen um Reigen. Und sie alle sahen sie an, hingen mit ihren Augen an jeder ihrer Bewegung, als sie der Flasche einen kräftigen Schubs gab...
Sie befreite sich mit einem sanften Schütteln ihres Kopfes von den Erinnerungen dieses Tages, der ihr damals so perfekt erschien. Schließlich fuhr sie fort.
„Während des folgenden Empfangs kam ich in den Genuss, den zukünftigen Kommandierenden der Brightful Spirit kennenzulernen, einen älteren Gentlecolt, der sich mir als Admiral Fairway vorstellte. Wir hatten eine sehr angenehme Konversation und schließlich versprachen wir uns, in Kontakt zu bleiben. Die Ereignisse damals... ließen mich das Ganze vergessen, weshalb ich sehr überrascht war, als ich gut einen Monat später Post von ihm erhielt." Sie strich sich gedankenverloren über ihre Mähne und lächelte. „Ich weiß nicht genau, wie er es angestellt hat, meine Adresse in Ponyville herauszufinden, da ich sie ihm nie genannt habe, aber ich fand es sehr nett, dass er mich im Gegensatz zum Rest von Canterlot anscheinend nicht vergessen hatte. Ich schrieb ihm zurück und ein paar Tage später schickte er mir einen weiteren Brief. Er ist ein echter Gentlecolt wie man ihn wohl nur noch in den älteren Semestern findet. Ich genieße es sehr mit ihm über die Post zu konversertieren." Sie hüstelte diskret, als sie bemerkte, wie sie vom eigentlichen Thema abschweifte. „Nun, wir blieben in Kontakt und ich unterhalte eine rege Brieffreundschaft mit ihm seit diesem Tag. Als Twilight bemerkte, dass die uns bevorstehende Reise recht schwierig werden würde, schickte ich ihm eine Eilnachricht und bat ihn unverbindlich um seine Hilfe. Zu meiner Überraschung stimmte er sofort zu." Sie verharrte einen Augenblick lang, als sei sie unsicher darüber, wie sie fortfahren sollte. Sie warf einen kurzen Blick zu Twilight. „Es könnte sein, dass ich... vielleicht - nur, um meinem Anliegen die nötige Dringlichkeit zu vermitteln, natürlich – einige Informationen preisgegeben habe, die wir als... als vertraulich zu behandeln vereinbart haben. A... aber Admiral Fairwell ist ein Hengst seines Wortes und wird die ganze Angelegenheit vollkommen diskret behandeln. Ich verspreche es!", beeilte sie sich zu ergänzen, als sie sah, wie Twilight besorgt ihre Stirn runzelte.
„Davon hast du mir noch gar nichts erzählt...", murmelte die violette Einhornstute etwas eingeschnappt. Letztlich aber seufzte sie nur schwer und bedeutete Rarity fortzufahren.
„Nun...", fuhr die weiße Einhornstute fort, während sie den entschuldigenden Tonfall aus ihrer Stimme zu verbannen suchte. „Er entschuldigte sich zwar, dass er aufgrund dringender Pflichten nicht selbst zu unserer Unterstützung eilen kann, aber versprach, dass er ein Luftschiff unter seinem Kommando abstellen würde, um uns morgen von Ponyville aus an jeden Ort zu bringen, den die ´Pflicht von uns verlangt´", sie kicherte leise, als sie die letzten Worte aussprach. Ihr Blick richtete sich in Ferne, mit einem leicht entrückten Ausdruck auf ihrem Gesicht. „Er kann so viel... Entschlossenheit in seine Worte einfließen lassen." Wieder schüttelte sie leicht ihren Kopf, wie sich selbst von einem Tagtraum zu befreien, einer Vorstellung, die niemals Realität werden konnte. „Wir werden weder mit der Bahn nach Stalliongrad reisen, oder zu Huf das Gebirge überqueren müssen. Wir werden morgen gegen Mittag von einem Luftschiff der königlichen Luftwache abgeholt." Obwohl sie versuchte, dieser Neuigkeit mit einem entsprechenden Unterton der Freude zu unterbreiten, klang in ihrer Stimme doch ein kleines Stück Enttäuschung mit.
„Das sind hervorragende Nachrichten, wie ich euch sicherlich nicht zu sagen brauche!" Twilight sprintete um die runde Tafel in der Mitte der Bibliothek und stellte sich neben Rarity. „Mit einem Luftschiff zu unserer Verfügung werden wir in der Lage sein, direkt zum Zwillingsgipfel zu reisen! Das spart uns Tage, wenn nicht sogar eine ganze Woche an Reisezeit! Ihr werdet sehen, wir werden die Antwort in unseren Hufen halten, bevor wir es uns versehen!" Sie sah sich freudestrahlend im Kreis ihrer Freundinnen um. „Wie steht es mit euren Reisevorbereitungen? Applejack?"
„Gepackt un´ bereit loszuleg´n. Granny hat uns n´ bissch´n was Eingekochtes gemacht, wenn´s länger dauert!"
„Rainbow?"
„Alles fertig. Du weißt, ich reise mit leichtem Gepäck."
„Fluttershy?"
„Uh...uhm, ich habe bereits jemanden gefunden, der sich um die Tiere kümmert. Also... also ich wäre auch so weit."
„Pinkie?"
„Ah, Silly Filly! Du weißt ich hab´ meinen Taschen immer gepackt, falls wir uns in ein Abenteuer stürzen!"
„Rarity?"
„Ah..., ich habe fertig gepackt!" sie blickte verlegen auf die Seite. „Es es vielleicht ein wenig viel geworden, aber da wir mit dem Luftschiff reisen, sollte es kein Problem werden."
Rogue blickte von einer Stute zur anderen, während sie ihre Statusmeldungen abgaben. In jedem der Gesichter sah er Aufregung und Freude glänzen, ehrlich und unschuldig. Es war verrückt, wenn er diesen Ausdruck mit dem verglich, den sie vor nicht einmal einem Tag getragen hatten. Fiel es ihnen wirklich so leicht, das, was geschehen war abzuschütteln? Die furchtbaren Bilder hinter sich zu lassen und einfach weiter zu machen, als wäre nichts gewesen? Warum konnte er es dann nicht? Nach allem, was er in seinem Beruf schon gesehen, erlebt hatte... warum trug nur er diese Last mit sich herum, anstatt endlich von ihr abzulassen, sie von seinen müden Schultern schütteln und so unbeschwert weiterzugehen, wie diese Stuten es ihm vormachten?
Er ließ langsam seinen Kopf sinken.
Er müsste es sein, der stark war. Er müsste es sein, der trotz allem, was geschehen war, sich zusammenreißen und weitermachen können müssen. So müsste es sein. Oder? Es stand sogar auf seiner Flanke geschrieben. Das rote Kreuz verhieß: Ich rette dich. Ich bin für dich da. Ich bin stark für dich.
Doch so wie es aussah, konnte er für niemanden hier stark sein, niemandem helfen. Er war das schwache Glied in der Kette, bereit bei der ersten Beanspruchung zu reißen. Er bewegte sich seit Pears Sturz am Rande seiner mentalen Belastungsgrenze. Es war ein Wunder, dass er dennoch all die Gräuel überstanden hatte, die seit dem nach ihm geworfen worden waren, ohne endgültig daran zu zerbrechen. Aber jedes Wunder hatte ein Ende. Es war nur eine Frage der Zeit, vor allem, wenn er sich jetzt Hals über Kopf in ein Abenteuer stürzte.
„Du? Du willst dich bei MIR bedanken?", fragte ihn Lyra belustigt.
„Du hast uns gerettet.", flüsterte Fluttershy.
„Danke, Rogue, das... das habe ich jetzt wirklich gebraucht.", sagte Pinkie Pie.
Aber er hatte anderen Ponys geholfen. Er hatte durchgehalten, so schlecht es ihm auch selbst dabei ging. Er wusste nicht, wo er noch die Kraft dafür hernahm, fühlte er sich doch die meiste Zeit nur noch wie ein leere Schale, eine ausgebrannte Hülle dessen, der er selbst einmal gewesen war. Es gab Momente des Durchatmens, Augenblicke der Freude, wie diesen Kreis, den sie hier, in dieser Bibliothek geformt hatten, er und diese sechs außergewöhnlichen Stuten. Für einen Moment, einen kostbaren, unendlich wertvollen Moment, hatte sich die dunkle Wolke um seinen Geist gelüftet und er...
...er hatte die Sonne wieder gesehen.
Vielleicht war es das, was ihn weitermachen ließ. Er sah zu Applejack, seiner Cousine, neben sich. So düster seine Gedanken gerade auch waren, er verspürte einen freudigen Stich im Herzen, als er sie lächeln sah. Er war für sie stark gewesen, hatte sie den weiten Weg aus Manehatten hergeschafft und etwas in sich entdeckt, das er schon seit Jahren vergessen glaubte.
Er sah zu Twilight und die Entschlossenheit auf ihrem Gesicht erfüllte ihn mit Zuversicht. Er war für sie stark gewesen und hatte ihr in dunkelster Stunden den Stoß gegeben, den sie gebraucht hatte. Sie hatte ihm ein Geschenk gegeben, das so wertvoll war wie kaum ein anderes: Vertrauen.
Er sah zu Pinkie Pie und das ehrliche Grinsen auf ihrem Gesicht war ansteckend. Er war für sie stark gewesen, hatte ihr in Erinnerung gerufen, was sie für kurze Zeit vergessen zu haben schien. Sie war sein erster richtiger Freund hier gewesen, ohne Fragen, ohne Vorbehalte.
Er sah zu Fluttershy und sein Herz schlug leichter. Von allen Ponys hier schien sie diejenige zu sein, die ihn am besten verstand. Sie war für ihn stark gewesen. Ein seltsames Gefühl. Er erinnerte sich daran, wie nahe er daran gewesen war, sie einfach dort, am Morgen, in ihrer Küche zu küssen. Es war eine Empfindung gewesen, die aus dem Moment geboren worden war, unangebracht und mehr als peinlich. Warum bereute er dann, es nicht getan zu haben? Er war wie Wachs in ihren Hufen gewesen, als sie sich wie ein seliger Engel ein weiteres mal angeschickt hatte seinen malträtierten Körper zu waschen. Es war nicht zu bezweifeln, dass er jede ihrer Berührungen genossen hatte, als wäre es das reinste Ambrosia auf seiner Seele. Alleine der Gedanke daran ließ ihn einen wohligen Schauder über seinen Rücken rinnen. Er hatte es abgebrochen, obwohl jede Faser seines Seins nach mehr schrie, war dazwischen gegangen, bevor er sich vollends den fürsorgenden Hufen dieser wundervollen Stute hingegeben hätte.
Es war verrückt, auf eine eigene Art und Weise. Er hatte gespürt, dass er etwas gefunden hatte, was er dir ganze Zeit so dringend gesucht hatte: Die Möglichkeit loszulassen, einen Moment der Ruhe und des Friedens, ein Augenblick des Verschnaufens. Aber er war davor zurückgeschreckt, war geflohen, weil er fürchtete...
Ein Huf berührte ihn an der Schulter und er schreckte aus seinen Gedanken hoch. „Hä? Was?"
Applejack sah ihn fragend an und zog ihren Huf zurück. „Wie weit bist du mit deinen Vorbereitungen?", wiederholte sie.
Ein verlegenes Schaudern stellte Rogues Rückenfell auf, als er bemerkte, dass er nicht genug aufgepasst hatte. Das letzte Mal war ihm das in der Schule passiert. So lange das auch her war, es fühlte sich noch genauso unangenehm an wie damals. Celestia sei dank konnte er sich noch an genug aus der vorhergehenden Konversation erinnern, um den Anschluss zu bekommen. Applejacks Frage tat ihr übriges.
Er ging schnell im Geiste alles durch, was er für eine Reise brauchen würde. Es war einfach: Er hatte bereits eine hinter sich und musste nur noch seine Vorräte aufstocken.
„Ich bin ehrlich gesagt noch nicht dazu gekommen, mich groß vorzubereiten. Aber ich brauche nur haltbare Lebensmittel." Er dachte kurz nach. „Und ich muss meine Notfalltaschen wieder auffrischen. Ich habe bei der Versorgung einiges an Material verbraucht." Er dachte einen weiteren Moment lang nach. „Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, wie ich an die erforderlichen Medikamente kommen soll. Es sollte kein Problem sein, Verbrauchsmaterialien wie Verbände und Infusionen beim Krankenhaus zu bekommen, wenn ich nett frage, aber mein Vorrat an Notfallmedikament ist praktisch erschöpft und vieles davon bekommt man nicht ohne Rezept." Ein weiterer Augenblick des Schweigens, bevor ihm noch etwas einfiel. „Abgesehen davon würde ich die mir zur Verfügung stehende Palette gerne den Anforderungen anpassen. Es wird bei uns ja wohl kaum zu einem Asthmaanfall kommen, oder?", fragte er mit einem unsicheren Lächeln in den Kreis. Leider begegneten ihm bei seiner Runde nur unverständliche Gesichter. Wenigstens Applejack zwinkerte ihm aufmunternd zu und Fluttershy schüttelte zaghaft ihren Kopf.
Twilight nickte schließlich knapp. „Kümmere dich bitte schnell darum, Rogue. Du weißt, unsere Zeit ist knapp. Ich bin mir sicher, dass Fluttershy dir helfen kann, da sie manchmal Medikamente für ihre Tiere über die Apotheke im Krankenhaus beschafft. Ich hoffe inständig, dass wir deine Hilfe in dieser Hinsicht nicht benötigen werden, aber Vorsicht ist besser als Nachsicht." Sie wendete sich wieder ihren restlichen Freunden zu. „Wir treffen uns Morgen um zehn Uhr hier wieder. Bitte sorgt dafür, dass ihr dann reisefertig und ausgeruht seid." Sie zwinkerte zuversichtlich. „Es wird ein tolles Abenteuer, das verspreche ich euch."
Weggetreten!, fügte Rogue in Gedanken hinzu. Er musste leicht schmunzeln, als die Ponys tatsächlich gehorsam ihrer Wege gingen und die Bibliothek verließen. Er schüttelte leicht den Kopf. Twilight war eine echte Anführernatur, soviel war klar. Noch immer grinsend folgte er den Stuten nach draußen.
Es war Fluttershy, die neben der Tür auf ihn wartete. Sein Lächeln erstarrte auf seinem Gesicht, als er sie nervös von einem Huf auf den anderen treten sah. Sie hatte den Kopf scheu geneigt und selbst ihr zweites Auge war kaum hinter den Strähnen ihrer rosa Mähne zu erkennen.
„So, uhm, also, wir können gleich los zum Krankenhaus... wenn du nicht vorher noch etwas erledigen musst, uhm, oder so."
Er schüttelte den Kopf, heftiger als er es wollte. „Nein, lass uns gleich losgehen."
Die Stille zwischen ihnen beiden, während sie Seite an Seite die ruhigen Straßen von Ponyville durchschritten, trieb einen schmerzhaften Stachel des Bedauerns in Rouge´s Brust. Das Letzte, was er gewollt hatte, war es, das sanfte, freundliche Pony zu verschrecken. Sie hatte sich um ihn gekümmert, ihn umsorgt und gepflegt und er hatte sich dafür mit einem Blick bei ihr bedankt, der von jede Stute nur als beschämend interpretiert werden konnte.
Er versetzte sich selbst einen emotionalen Tritt. Warum musste ihm nur immer wieder so etwas passieren? Es war ein so schöner Morgen bei Fluttershy gewesen. In ihren treusorgenden Hufen hatte er für ein paar wertvolle Stunden den drückenden Schatten auf seiner Seele vergessen können, der ihn schon viel zu lange verfolgte. Es war ein schönes Gefühl gewesen, sich einmal fallen lassen zu können, mit der Gewissheit, dass ein anderer für einen einstand, etwas, dass Fluttershy so selbstverständlich vermittelte, das man es gerne übersah.
Vielleicht war das der Grund gewesen, warum er heute Morgen diesen fast unwiderstehlichen Drang verspürt hatte, sie zu küssen. Als eine Art von Dankeschön, ein Weg auszudrücken, was er mit Worten niemals formulieren konnte. Es war gut, dass er sich zurückgehalten hatte. Sie hätte es auf tausend Arten missverstehen können. Und sein Leben war schon kompliziert genug.
Nicht dass es wirklich noch etwas ausmachte. Nach seiner unbeabsichtigten ´Begutachtung´ ihrer wohlgeformten Flanke waren jegliche dahingehende Spekulationen ohnehin vollkommen bedeutungslos. Ihrem Blick zufolge dachte sie sicherlich das Schlimmste von ihm.
Rogue hatte Zeit seines Lebens genug Gelegenheit gehabt, über sich selbst nachzudenken. Er war eigentlich ein introvertiertes, stilles Pony, ein geborener Einzelgänger. Er kam gut mit sich selbst zurecht, besser als mit den meisten Ponys, die er bisher getroffen hatte. So war er einfach. Aber das war nicht, was er sein wollte. Es hatte genug Gelegenheiten gegeben, auf die er zurückgeblickt hatte und seine eigene Zurückhaltung und Unsicherheit verflucht hatte. Es gab viele Moment in seinem jungen Leben die ihm immer noch Schauer des Unbehagens bereiteten, weil er im richtigen Augenblick nicht den Mut gefunden hatte auszusprechen, was eigentlich in ihm vorging. Wieder und wieder war er die bittere Straße des Selbstvorwurfes hinab gewandert und hatte sich selbst mit `was wäre wenn?´ und ´hätte ich doch nur´ gemartert.
Doch so wollte er nicht sein. Und so hatte er begonnen, Schritt für Schritt seine alten, schlechten Gewohnheiten aufzugeben und etwas mehr das Pony zu sein, das er sein wollte. Den schwierigen Weg zu gehen.
Es war wie beim Training: Es kostete am Anfang Überwindung. Sich selbst aufzuraffen, in Bewegung zu bringen. Und die ersten Male war es furchtbar, anstrengend und von höchstens mäßigem Erfolg gekrönt. Doch dann, mit der Zeit und genug Übung, wurde es leichter. Man wurde besser darin. Und irgendwann begann man damit es zu genießen.
Sein Beruf half ihm sehr dabei. Man konnte kein gutes Rettungspony sein, ohne seinen Patienten mit Verständnis und Mitgefühl zu begegnen. Er war gezwungen, täglich aus sich herauszugehen und ein Gefühl für die Nöte und Sorgen seiner Mitponys zu entwickeln. Er hatte es lernen müssen, wie er lernen musste die Beatmungseinheit zu bedienen, oder einen Herzinfarkt zu erkennen. Wie man ein Pony richtig barg, ohne seine Wirbelsäule zu bewegen, egal wie es lag. Oder was jedes der Medikamente in der Satteltasche ausrichtete.
Aber es war dennoch jedes Mal eine neue Herausforderung. Die Aufgabe reizte ihn, machte einen nicht unwesentlichen Teil seiner Faszination für seinen Beruf aus. Gerade weil es ihm so viel Mühe bereitete, spornte es ihn an. Es war jedes mal wie eine Hürde beim Laufen. Mit jedem Mal wurde er geschickter, erfahrener. Ein besseres Pony. Er hatte gelernt, dass er seiner Zurückhaltung nicht nachgeben durfte. Er hatte gelernt, dass ein offenes, ehrliches Gespräch immer die bessere Lösung war. Er wusste, dass es nur galt, über seinen eigenen Schatten zu springen und den Mut zu finden, zu sagen, was gesagt werden musste. Dies war der Leuchtturm gewesen, der ihn durch so viele schroffe Brandungen geführt hatte. Sein Leuchtfeuer, dem er gläubig gefolgt war und mit dem er immer gut gefahren war.
Doch als er seinen Mund öffnete, um Fluttershy zu sagen, dass es ihm Leid tat, dass er ihr auf so unflätige Weise auf die Flanke gestarrt hatte und es nur ein Versehen gewesen war und unabsichtlich geschehen war, verließ ihn seine so hart erarbeitete Zuversicht. Er sah zu dem kanariengelben Pony an seiner Seite und schon als er den Mund aufmachte, stockten seine Worte. Sie schritt neben ihm, ihre Mähne wippte leicht bei jedem Schritt und ihre großen, wunderschönen Augen waren fest auf den Pfad vor ihnen gerichtet. Er setzte mehrmals an, öffnete seinen Mund, versuchte ihr zu erklären, das es keine verwerfliche Absicht gewesen war, ihr auf die Flanke zu starren, aber jedes Mal versagten ihm die Worte.
Er verstand nicht, warum er es nicht einfach aussprechen konnte. Es war nur ein einfaches Versehen gewesen, keine böse Absicht. Sicherlich, sie war eine schöne Stute, wahrscheinlich die Schönste, der er jemals begegnet war, aber das rechtfertigte nicht sein Benehmen. Er wollte einfach nur... einfach nur...
In der Zeit zurückreisen und es ungeschehen machen, dachte er. Wie viele Ponys hatten sich das schon gewünscht? Wahrscheinlich konnte nicht einmal Magie das bewerkstelligen. Er seufzte schwer.
„Ist alles in Ordnung, Rogue?" Sie wendete ihren Kopf, um ihm ins Gesicht zu schauen, während sie weiter die Straße entlang gingen.
Zu sagen, dass die Frage ihn überraschte, wäre eine himmelschreiende Untertreibung gewesen. Er brauchte einen Moment lang, um angemessen darauf antworten zu können. „Ah... es ist nur... wegen vorhin..." stammelte er und blickte verlegen weg.
Fluttershy sah ihn einen Moment lang zwischen den Strähnen ihrer langen Mähne hindurch an, dann lächelte sie schüchtern. „Ist schon in Ordnung. Viele Hengste schauen mich so an. Es ist... kein Problem für mich."
Egal, was ihr Mund von sich gab, ihr Ton sagte, dass es doch ein Problem für sie war. Es war, als würde eine ganze Tonne an Gewicht aus Schuld auf Rogue´s Schultern landen. „Nein! Ich wollte nicht... ich meine... es ist einfach passiert! Ich wollte nicht..."
Ein einzelnes, strahlend blaues Auge blickte ihn durch den Vorhang aus rosa Haar an. Für einen Moment fixierte es ihn, dann schloss es sich, um dem wunderbaren Gesicht ein nachsichtiges Lächeln zu verleihen.
„Mach dir keine Sorgen. Ich bin dir nicht Böse."
Sie hatten während ihrer kurzen Unterhaltung nicht angehalten, sondern waren steten Schrittes weiter dem Krankenhaus entgegen gegangen. Der verspielte Bau des Hospitals kam von der Wegbiegung aus, die sie eben überquerten, gerade in Sicht.
Nichts, das Fluttershy gesagt hatte, vermochte Rogues Zweifel, was die kanariengelbe Pegasusstute anging, wirklich zu zerstreuen. Es passte zu sehr ins Konzept, klang zu sehr nach einer Ausrede, um ihn zu beruhigen. Genau das, was er von ihr erwartet hatte. Er überlegte einen Augenblick, dann stellte er eine einfache Frage: „Warum?"
Die Pegasusstute verharrte in ihrem Schritt. Ihr Gesichtsausdruck gefror für einen Moment. Rogue stand neben ihr und wendete sich ihr langsam zu. Er wurde sich plötzlich der Wichtigkeit der Frage bewusst, die er so unvermittelt gestellt hatte.
Fluttershy nahm ihren Schritt wieder auf und lächelte ihm zu. „So bin ich einfach."
Es stimmte. So war sie einfach. Aber er wurde das Gefühl nicht los, dass das nicht die ganze Wahrheit war. Und dass sie seiner Frage ausgewichen war, bestärkte ihn nur in dieser Vermutung.
Celestias Sonne war gerade im Begriff unter zu gehen, als Rogue den langen Weg von Ponyville nach Sweet Apple Acres antrat. Seine Satteltasche war bis zum Bersten gefüllt mit Medikamenten und medizinischen Vorräten mit denen es ein Leichtes sein würde, seine geleerten Notfalltaschen für die Reise vorzubereiten. Mit Fluttershy an seiner Seite war es kein Problem gewesen alles von dem schokoladenbraunen Hengst in der Krankenhausapotheke zu bekommen, was er brauchte. Er war mehr als nur sehr hilfsbereit gewesen, als die junge Pegasusstute in sein Büro geflattert kam und in ihrer üblichen Art schüchtern und leise um seine Hilfe gebeten hatte. Man musste blind und taub sein, wenn man nicht sofort erkannte, dass der Apotheker Hals über Kopf in den süßen Pegasus verliebt war. Fluttershy selbst schien davon nichts zu bemerken. Selbst als er sie zum Essen einlud, vertröstete sie ihn mit dem Hinweis auf ihre bevorstehende Reise, ohne auch nur einmal ihr unschuldig naives Verhalten aufzugeben. Hätte Rogue es nicht besser gewusst, hätte er Stein und Bein geschworen, dass sie mit ihm spielte.
Nachdem das Rettungspony alles Notwendige von seiner mentalen Liste abgehakt und verstaut hatte, verabschiedeten sie sich noch höflich von dem braunen Hengst. Zusammen waren sie vor die Tür des Krankenhauses getreten.
„Kann... kann ich dir sonst noch helfen, Rogue?"
Das Rettungspony sah auf die prall gefüllte Satteltasche an seiner Seite und ging im Geiste noch einmal alles durch. „Nein. Ich glaube, ich habe an alles gedacht."
Fluttershy starrte verlegen auf ihre Hufe, eine Geste die praktisch typisch für sie war. „Nun, dann... uhm... sehen wir uns morgen, ja?"
Er nickte. „Ja, genau. Bis morgen. Gute Nacht, Fluttershy"
„Gute Nacht, Rogue."
Er hatte ihr noch einen Moment lang nachgeschaut, während sie den Weg nach Ponyville hinuntertrottete. Dieser Ton in ihrer Stimme – war sie enttäuscht gewesen? Und wenn, warum?
Er sah ihr noch nach, als sie schon zwischen den Häusern des Dorfes verschwunden war. Schließlich wandte er sich um und ging seines Weges.
Er konnte das rote Farmhaus mit dem weißen Fachwerk schon von weitem sehen, als er vom breiten Weg durch den kleinen Zaun trat, der die Farm vom Rest des Dorfes trennte. Die untergehende Sonne malte warme Farben auf die Bäume, das Gras und den schmalen Streifen Kies, der unter seinen Hufen knirschte. Er freute sich auf ein kühles Glas Apfelsaft und auf ein Abendessen, so frugal es auch sein mochte. Auf sein durchgelegenes, aber bequemes Bett. Er freute sich auf... Zuhause.
Er blieb auf dem ausgetretenen Pfad zur Apfelfarm stehen, so plötzlich, als wären seine Hufen auf den Boden genagelt worden. Zuhause...
Er ertappte sich dabei, wie er bei diesem Begriff nicht mehr an die Matratze in seiner kleinen Wohnung in Manehattan dachte. An seinen Flecken Sicherheit im Trubel der Großstadt. Oder das Zimmer im Haus seiner Eltern.
Rogue hatte früh begriffen, dass eines seiner ursprünglichsten, eigenen Bedürfnisse das nach einem eigenen Nest war. Ein Rückzugspunkt, unantastbar, unangreifbar. So schlimm es da draußen auch werden konnte, da war immer diese Oase des Friedens und der Ruhe, in welchem Sturm man sich auch immer fand. Zuerst beschützt durch die behütende, liebende Präsenz seiner Eltern, später durch die beruhigende Gegenwart der Vertrautheit seiner eigenen vier Wände, die er sich selbst eingerichtet hatte, deren Konturen er kannte, wie die seines eigenen Hufes. Er konnte sich darin vergraben, einrollen, konnte Erholung finden und seine Gedanken von allem schweifen lassen, was ihn auch immer bedrückte. Sein Zuhause trug man im Herzen, so wahr und unverfälscht wie nichts sonst.
Er hatte sein Zuhause verloren, als er ihn die Erinnerungen an Pear selbst dorthin verfolgt hatten. Sie waren darin eingedrungen, wie eine schwärende Krankheit, die er mit sich trug und hatten seine Zuflucht vergiftet. Plötzlich war der sichere Hafen ebenso sturmumtost wie der Rest allen anderes, so, dass es ihn schließlich zur Flucht getrieben hatte. Und er konnte nicht zurückkehren in das sichere Nest seiner Kindheit. Es war nicht mehr seines. Er hatte sein Lebewohl gesagt und war nicht mehr als ein Gast darin, egal, was seine Eltern sagen mochten. Er war heimatlos geworden. Das begriff er jetzt.
Aber das kleine Zimmer in der Farm... vielleicht war es nur eine Notlösung. Vielleicht nur ein Anker in rauer See. Vielleicht nur ein warmer Platz, in einer Welt, die plötzlich so viel kälter für ihn geworden war. Vielleicht nur eine weitere Station auf seinem Weg. Schließlich hatte Pears Geist ihm selbst hier aufgelauert.
Oder vielleicht ein Ort an dem sein Herz gefunden hatte, wonach es so lange gesucht hatte. So düster die Erinnerungen an Ponyville für ihn jetzt auch waren, es schien, als könnten sie den Platz, den Sweet Apple Acres in seinem Herzen einnahm, nicht erreichen. Trotz allem... ein sicherer Hafen.
Er setzte seinen Weg fort, einen Huf vor den anderen. Was es auch war, es gab keinen Zweifel daran, dass er sich darauf freute. Und vor allem auf die weiche Matratze dort.
„Rogue! Rogue!"
Die Stimme war aufgeregt, drängend.
„Rogue! Bitte wach auf!"
Er war müde. Er hatte jedes Recht dazu. Warum gönnte man ihm nicht eine einzige Nacht ruhigen Schlafes?
„Rogue! Bitte! Bitte, es geht um Sweetie Belle! Bitte wach auf!"
Die Stimme drang langsam durch seinen schläfrigen Verstand. Sweetie Belle? Kannte er dieses Pony?
Ein Schluchzen. Die Stimme schlug um in Verzweiflung. „Wach auf! Wach auf!"
Er öffnete die Augen. Er erkannte die Stimme.
„Uh? Rarity? Was ist los?", murmelt er müde. Wie lange, seit er seinen Kopf auf die Kissen gebettet und praktisch sofort eingeschlafen war? Es konnten nicht mehr als fünf Minuten gewesen sein. Er hatte nicht einmal die Gelegenheit gehabt, ein paar ordentliche Alpträume auszubrüten.
Die weiße Einhornstute stand neben seinem Bett und war in Tränen aufgelöst. Sie schüttelte ihn noch immer mit ihren Hufen, im Versuch ihn wach zu bekommen.
„Es ist Sweetie Belle! Sie ist verletzt! Komm schnell, ich bitte dich..."
„Sweetie Belle..."
Er versuchte seine Gedanken zu ordnen. Woher kannte er nur diesen Namen? Sein Kopf schien mit einer klebrigen Masse angefüllt zu sein, durch die seine Gedanken nur mühsam voran krochen.
Rarity. Sweetie Belle. Schwestern. Ein weißes Füllen mit hellpinker und violetter Mähne. Freundin von Apple Bloom. Cutie-Mark-Crusader. Sehr süß.
Füllen.
Schwester.
Er riss die Augen auf, als die Nachricht sich erfolgreich zu seinem Verstand durchgearbeitet hatte.
Rogue strampelte die Decke von sich und sprang auf seine vier Hufe. „Wo ist sie?", rief er.
Sein Herz, so laut. Wie oft war es mitten in der Nacht geweckt worden, vom Klingeln einer Glocke? Vom sanften Schlagen des Schlafes zum Hämmern eines Einsatzes auf Leben und Tod, in weniger als einem Wimpernschlag. Eben noch süße Träume und dann plötzlich das Adrenalin, dass so unvermittelt in die Venen spritzt, das es sich wie ein kalter Wasserstrahl ins Herz anfühlt. Man gewöhnt sich an alles, an das Blut, die Gerüche, das Klagen und Wimmern. Aber niemals, niemals, gewöhnt sich der Körper daran mitten in der Nacht Höchstleistungen zu vollbringen. Sich nach zwei Stunden Schlaf an die richtige Dosierung von Medikamenten zu erinnern, berechnet nach Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Oder eben dieses Körpergewicht aus dem fünften Stock hinunter zutragen, durch ein zu enges Treppenhaus, zusammen mit der Ausrüstung. Und dann das Ganze noch bis zum nächsten Krankenhaus zu ziehen.
Aber er tut es trotzdem. Immer wieder. Wann immer die Glocke läutet. Oder ein Pony um Hilfe ruft.
Er ist immer zur Stelle, wäscht die lästigen Spinnweben aus dem Geist, lässt die Schwere aus den Muskeln verschwinden. Er lässt einen arbeiten, lässt einen erledigen, was zu tun ist. Er beschwert sich: Es ist so spät... Es ist so schwer... aber er ist immer da, wenn man ihn wirklich brauchst. Solange man ihm befiehlt, solange man die Kraft aufbringt, wird er einem beistehen.
Rogues Herz hämmerte in seiner Brust. Er war gerade aufgewacht aus einem Schlaf, der der erste wirklich ruhige, erholsame war, den er seit Tagen hatte. Er hatte ihn gebraucht, brauchte ihn immer noch, wie ein Ertrinkender das Atmen. Er war am Ende seiner Kräfte, ausgelaugt und ausgezehrt. Aber, wie ein zuverlässiger Freund, gehorchte ihm sein Körper, wie er es immer getan hatte.
Er war hellwach, als er auf seinen vier Beinen stand. „Wo ist sie?", schrie er sie noch einmal an, als sie ihm nicht sofort antwortete.
Es schien, als müsste sich die weiße Einhornstute erst aus ihrer Überraschung befreien, dass sie ihn tatsächlich wach bekommen hatte. Dann stürzte sie herum, hinaus aus seinem Zimmer in den Flur. Er folgte ihr dichtauf.
Apple Blooms Zimmer. Ein großes Himmelbett in der Mitte des Raumes. Ein blauer Schrank, eine Kommode mit großem Spiegel in der selben Farbe. Drei verängstigte Füllen auf dem kleinen, runden Teppich in der Mitte. Rarity stürmte sofort auf Sweetie Belle zu, die neben Scootaloo und Apple Bloom saß. Sie nahm ihre kleine Schwester in eine feste Umarmung, hielt sie fest in ihren Hufen. Die großen Augen des kleinen Einhorns füllten sich schnell mit Tränen.
„Rarity! Es ist nichts! Nur ein kleiner Kratzer...!", quiekte das Fohlen ängstlich.
Die Einhornstute drückte sie nur umso fester an sich. „Es ist schon gut, Sweetie Belle, alles wird gut. Rogue ist hier und wird sich dich ansehen. Es ist alles gut.", sagte sie sanft, während sie ihrer kleinen Schwester über den Rücken streichelte. Scootaloo und Apple Bloom sahen sich verwirrt und verängstigt an, selbst den Tränen nahe.
„Darf ich mal sehen?", fragte das Rettungspony und trat von hinten auf die beiden Schwestern zu. Rarity verharrte für einen Moment, dann stellte sie Sweetie Belle zurück auf den Boden. Rogue versuchte sich im freundlichsten Lächeln, das er gerade aufbringen konnte und blickte auf das junge Fohlen.
„Hey, Sweetie Belle! Lange nicht mehr gesehen. Alles in Ordnung mit dir?", fragte er das Füllen.
Das Fohlen sah ängstlich zu seiner großen Schwester, die es mit besorgten Blick beobachtete.
„Ähm, ich denke... nein?"
„Es ist auf ihrem Kopf, zwischen ihrer Mähne! Sieh es dir an!" Rarity´s Stimme war der Panik nahe.
Rogue warf ihr einen kurzen Blick zu, dann konzentrierte er sich wieder auf das Fohlen vor ihm. „Sweetie Belle, deine Schwester macht sich offensichtlich große Sorgen um dich. Ist es in Ordnung, wenn ich dich untersuche? Du darfst sofort ´Nein!´ schreien, wenn ich dir weh tue, dann höre ich auf, aber ich verspreche extra vorsichtig zu sein, okay?"
Das kleine Füllen zögerte kurz. Es war offensichtlich verängstigt, auch wenn es scheinbar keine Schmerzen hatte. Rogue ließ sich auf seinen Bauch nieder um mehr auf Augenhöhe mit dem kleinen Pony zu sein und zwinkerte ihm aufmunternd zu. „Wäre es besser, wenn deine Freundinnen bei dir wären?"
Zaghaft nickte Sweetie Belle.
Rogue winkte den beiden Fohlen zu. „Scootaloo, Apple Bloom, kommt ruhig heran."
Die zwei warfen einen kurzen, unsicheren Blick zu Rarity, dann waren sie wie der Blitz an der Seite ihrer Freundin. Sie hielten sich dicht an ihr. Es war offensichtlich, dass sie genauso viel Angst hatten wie Sweetie Belle.
„Sie wird doch wieder ok, oda´, Rogue?", fragte ihn Apple Bloom mit großen Augen.
Er nickte seiner Cousine zuversichtlich zu. "Bestimmt. Lass sie mich nur kurz untersuchen, damit ich sicher sein kann, ja?"
Er wandte sich an Sweetie Belle. „Kannst du deine beiden Vorderhufe gegen meine Pressen? So als würden wir tanzen?"
Das kleine Einhornfohlen sah sich kurz nach ihrer großen Schwester um, die zustimmend nickte, dann erhob sie sich auf ihre Hinterläufe und hielt ihre beiden Vorderhufe gegen die von Rogue. Das junge Rettungspony beobachtete aufmerksam ihre Bewegungen. Das Stehen auf den Hinterbeinen war zwar nicht schwer, aber es belastete die meisten Knochen und Muskeln im Körper. Sweetie Belle meisterte diese Aufgabe ohne Zögern oder Anzeichen von Schmerzen. Ihr Bewegungsapparat war offensichtlich intakt.
Er nickte und schenkt der Kleinen ein fröhliches Lächeln. „Sehr gut. Das war es schon fast. Ich möchte mir noch deinen Kopf anschauen, wenn du nichts dagegen hast."
Das Fohlen fasste trotz ihrer Angst langsam Vertrauen zu seiner Untersuchung und nickte zustimmend. Rogue trat näher und stellte sich wieder auf seine Hinterbeine. Langsam und vorsichtig begann er damit Sweetie Belles Hals und Nacken mit den Hufen abzutasten, drückte sanft gegen ihre elastischen Knochen und schob ihre Mähne beiseite, um die Haut darunter zu untersuchen.
Er wurde erst fündig, als er auf ihrem Kopf angekommen war. Ein sanfter Streifen teilte ihre Mähne, ein kleiner Kratzer, bereits verschorft. Er hielt in seiner Untersuchung inne und sah ihn sich genauer an.
„Sweetie Belle, du hast da eine kleine Verletzung am Kopf. Kannst du dich erinnern, woher sie stammt?"
Das Fohlen zögerte einen Augenblick. Rogue bemerkte, wie es einen weiteren, nervösen Blick auf Rarity warf. Die Einhornstute hatte ängstlich die Vorderhufe vor ihren Mund geschlagen und beobachtet die beiden mit einem unverhohlenen Ausdruck des Entsetzens auf dem Gesicht.
„Rogue? Rarity? Was´n hier los?" Applejack tauchte im Türrahmen auf, verschlafen, die Mähne wild und zerstrubbelt. Müde wischte sie sich mit einem Huf über das Gesicht.
Der junge Hengst streckte energisch seinen Huf aus, um sie zum Schweigen zu bringen. AJ riss überrascht die Augen auf, sprach aber nicht weiter.
„Uhm, ich... also... auf der Party am Sonntag..." begann Sweetie Belle zaghaft. Sie blickte verlegen zu ihren beiden kleinen Freundinnen, fast als wäre sie gezwungen ein Geheimnis verraten. Sie versankt in Schweigen, den Kopf gesenkt, die kleinen Ohren schuldbewusst angelegt. Sie erzitterte einen Moment lang auf ihren winzigen Hufen, dann brach es aus ihr heraus, wie ein Schwall, der sich nicht mehr länger zurückhalten ließ:
„Sie waren plötzlich überall! Die Schatten wurden lebendig! Sie jagten die Ponys hin und her und sie rissen die Bänke um und zerrissen die Fahnen und löschten die Lampen und sie bissen und krallten nach allem was sich bewegt!" Das kleine Fohlen vergrub ihr Gesicht in ihren Vorderläufen, als könnte es die Bilder in ihrem Kopf davon abhalten durcheinanderzuwirbeln.
„Wir haben uns unter einer der Bänke versteckt und waren ganz still, damit sie uns nicht finden. Aber dann kam diese große Kralle und schlug nach uns und wir schrien und ich weiß nicht mehr genau, aber wir sind davon gelaufen, aber es kam hinter uns her und es kam immer näher und es wollte uns fressen, wie es die anderen Ponys gefressen hat, aber es hat uns nicht bekommen, denn Scootaloo ist auf ihren Scooter gehüpft und wir hinterher und dann sind wir durch die dunklen Straßen gefahren, so schnell sie nur konnte, aber da waren immer Schatten überall und Schreie und... und..."
„Es ist gut." Rogue nahm das Fohlen zwischen seine Vorderläufe, drückte es an sich, erstickte den Strom aus furchtbaren Erinnerungen in der warmen Umarmung seines Körpers. Er hielt sie fest, nur für einen Augenblick, dann überreichte er sie Rarity. Die Einhornstute nahm ihre kleine Schwester ohne jeden Kommentar in ihre Hufe und drückte sie fest an sich, als das Fohlen dicke Tränen in ihre Mähne vergoss.
„Ich hatte solche Angst! Bitte sei nicht böse mit mir, Rarity. Ich habe mir nur den Kopf gestoßen, als das Monster die Bank weggeschleudert hat! Es ist nicht schlimm! Es tut nicht einmal mehr weh! Bitte sei nicht böse mit mir!", weinte Sweetie Belle und grub ihr Schnauze noch tiefer in die Mähne ihrer großen Schwester.
„Schhhh. Ich bin nicht böse mit dir. Ich bin nur froh, dass es dir gut geht. Und dass du immer noch bei mir bist." Rarity hielt ihre kleine Schwester in ihren Hufen, während dicke Tränen ihre Wangen hinunterliefen. Sie wollte Sweetie Belle über den Kopf streicheln, hielt jedoch inne. Sie sah zu Rogue.
„Was ist mit ihrer Verletzung?", fragte sie atemlos.
Rogue zögerte. Er hatte keinen Zweifel daran, das Sweetie Belle kaum mehr als einen Kratzer davongetragen hatte. Wäre die Verletzung tiefergehend gewesen, hätte man sie schon vorher bemerkt. Aber es ging hier gar nicht um die kleine Wunde am Kopf eines Fohlens, die ohnehin schon am verheilen war. Er sah zu seiner Cousine, die sowohl die aufgelöste Apple Bloom als auch Scootaloo an sich drückte. Die drei Fohlen hatten wahrscheinlich friedlich in ihrem Bett hier geschlafen, bevor Rarity wie auch immer den Kratzer an ihrer kleinen Schwester bemerkte. Und dann hatte sie die drei mit ihrer Panik zu Tode geängstigt. Er spürte, wie sich in ihm ein kurzer Schwall der Wut gegen dieses melodramatische Pony aufbaute. Aber es reichte ein Blick in ihre Augen, um diese Empfindung in ihm versiegen zu lassen. Was er sah, war er echte, unverfälschte Sorge, gesteuert nicht durch übersteigertes Geltungsbewusstsein, sondern durch wahre Liebe. Er fällte eine Entscheidung.
„Sweetie Belle, vertraust du mir?", Er sprach direkt zu dem Fohlen, das sich noch immer an den Hals ihrer Schwester klammerte. Langsam wendete es ihm seinen Kopf zu. Es musterte ihn für einen Moment aus ihren klaren, grünen Augen. Rogue fühlte sich einen Augenblick durchleuchtet, als würde dieser Blick bis auf die Grundfesten seiner Seele scheinen. Dann nickte Sweetie Belle. „Ja, ich vertraue dir."
Das junge Rettungpony sah sie dankbar an. „Dann spring hinten auf. Wir machen einen kleinen Ausflug. Aber du musst dich gut festhalten, ich bin ein guter Läufer." Er wandte sich der weißen Einhornstute zu. „Ich denke nicht, dass es etwas schlimmes ist, Rarity, aber ich bringe sie zur Sicherheit ins Krankenhaus. Ich denke, du möchtest gerne mitkommen?"
„Natürlich! Ich kann sie doch nicht alleine lassen!", rief sie aufgeregt.
Rogue bedeute dem kleinen Fohlen aufzusteigen und es kletterte gehorsam auf seinen Rücken. Als er spürte, wie es seine kleinen Hufe um seinen Hals schlang, erhob er sich vorsichtig.
„Uff! Du bist schwerer als du aussiehst, Sweety Belle!"
Oder ich bin einfach fix und fertig, schoss es ihm durch den Kopf.
„Applejack, kümmere dich bitte um Applebloom und Scootaloo. Ich denke, sie könnten jetzt eine heiße Schokolade vertragen." Er sah zu Rarity. „Gehen wir."
Tapp-Tapp, Tapp-Tapp, Tapp-Tapp.
Voller Galopp. Der trockene Kies spritzte unter seinen Hufen auf, als er im hellen Mondlicht lief. Sweety Belle hielt sich mit ihren kleinen Hufen an seinem Hals fest und presste ihre Hinterläufe gegen seinen Rumpf. Es kitzelte ein bisschen, wo sie gegen seinen Verband drückte, aber es tat nicht weh.
Tapp-Tapp, Tapp-Tapp, Tapp-Tapp.
Er wendete seinen Kopf etwas zur Seite und sah Rarity hinter ihm laufen, angestrengt seinen Schritt haltend. Als er bemerkte, wie schwer sie sich dabei tat, verlangsamte er seine Geschwindigkeit etwas und erlaubte ihr aufzuschließen. Ihr Blick war unbeirrbar auf ihre kleine Schwester auf seinem Rücken gerichtet.
Tapp-Tapp, Tapp-Tapp, Tapp-Tapp.
Die Lichter Ponyvilles breiteten sich vor ihm aus. Weniger, als er in Erinnerung hatte, aber dennoch warfen viele erleuchtete Fenster einen warmen Schein auf die dunklen Felder. Er hetzte vorbei an farbenfrohen Fahnen und Wimpeln, scheinbar unberührt von den dunklen Stunden der letzten Tage. Im hellen Licht von Lunas Vollmond schien das Dorf so idyllisch und ruhig wie an dem Tag, als er es zum ersten mal gesehen hatte. Der trockene Staub der Straße hatte das Blut so gierig geschluckt, dass kaum ein Hinweis zurückgeblieben war.
Tapp-Tapp, Tapp-Tapp, Tapp-Tapp.
Er ertappte sich dabei, wie er seine Routine abspulte: Manehatten war bei weitem zu groß für ein junges Rettungspony um jede Straße und jede Gasse in seiner geistigen Karte abzuspeichern. Reine Namen und Zahlen flohen dem Geist. Es waren Erinnerungen, die sich festsetzten.
Hier sprang er den Weg entlang, den er mit Pinkie Pie gegangen war, als sie ihm die Feuerwache zeigen wollte. Weit ab der direkten Route. Sie hatte einfach etwas Zeit haben wollen, um sich mit ihm zu unterhalten.
Hier hatte er sich zwischen ihr und seiner Cousine entscheiden müssen. Zwischen seinen Familienbanden und der Pflicht. Es erinnerte ihn daran, dass er Applejack etwas schuldete, nach diesem Abend mehr als zuvor. Eine Entschuldigung, mindestens.
Ein Streifen grünes Gras. Unscheinbar im gepflegten Umfeld des Dorfes, wo mit der Gießkanne nachgeholfen wurde, wo der Regen ausblieb. Aber hier war es gewesen, wo Old Junk´s regloser Körper auf seine Anweisung von der Trage gekippt worden war. Und nur wenige Meter weiter...
Der Geruch des Blutes war verschwunden, ausgetrocknet von der heißen Sonne. Aber da waren immer noch die Spuren im Staub der Straße, von aufgeregten Hufen und die dunkle Flecken von...
Tapp-Tapp, Tapp-Tapp, Tapp-Tapp.
Rogue lief durch die hell erleuchteten Straßen von Ponyville, ein Fohlen auf dem Rücken und eine Stute an seiner Seite. Und die Geister erfüllten die verlassenen Straßen mit Leben.
„Notfall! Notfall!", rief Rogue, als er die Türen zur Notaufnahme des Ponyville Krankenhauses aufstieß. Rarity folgte ihm schwer atmend, erschöpft von seiner wilden Jagd von der Farm.
Der Wartebereich war verlassen, bis auf Schwester Redheart, die überrascht hinter dem Empfangstresen aufsah, als die Ponys hereinstürmten. Sie zögerte nur einen Augenblick, dann galoppierte sie ihnen entgegen.
„Was ist passiert?", fragte sie in professionellem Tonfall.
Rogue bedeute ihr mit einem Hufwink einen Moment lang zu warten, dann wandte er sich an Rarity, die unruhig neben ihm von einem Huf auf den anderen trat.
„Bitte setz´ dich einen Augenblick in den Wartebereich. Ich sorge dafür, dass Sweetie Belle in guten Hufe ist, aber sie muss untersucht werden und wir beide wären dabei nur im Weg. Es ist das beste, wenn wir die Doktoren ihre Arbeit machen lassen. Ich verspreche, dass ich gleich wieder bei dir bin, ja?"
Die weiße Einhornstute warf noch einen kurzen, unsicheren Blick auf ihre kleine Schwester, dann nickte sie langsam. Ohne das Fohlen aus den Augen zu lassen, ließ sie sich auf einer der Wartebänke im Saal nieder.
Rogue nickte ihr aufmunternd zu und wandte sich an Schwester Redheart. „Ich würde die Übergabe gerne im Behandlungsraum machen.", sagte er und zwinkerte ihr kurz zu. Die erfahrene Krankenschwester verstand seinen Wink und zauberte ein überzeugendes Lächeln auf ihr Gesicht.
„Aber selbstverständlich." Sie drehte sie zu der weißen Einhornstute um, die sie beide aufmerksam beobachtete. „Keine Sorge, Rarity, wir kümmern uns gut um deine Schwester und ich gebe dir sofort Bescheid, wenn wir genaueres wissen."
Das Modepony warf ihr ein unsicheres Lächeln zu. „Kann ich nicht bei ihr bleiben? Ich verspreche auch nicht zu stören. Ich... ich will nur sichergehen..." Sie blickte verlegen zur Seite, bevor sie sich genug gesammelt hatte, um weiter zu sprechen. „Ich möchte einfach nur, dass alles in Ordnung mit ihr ist.", flüsterte sie.
Schwester Redheart nickte mitfühlend. „Wir lassen es dich als erstes wissen, wenn wir die Untersuchungen abgeschlossen haben." Sie blickte zu dem Rettungspony an ihrer Seite, das noch immer das ängstliche Fohlen auf seinem Rücken trug. „Ist es okay, wenn ich Rogue zu dir schicke, wenn wir fertig sind? Dann wirst du Sweetie Belle auf jeden Fall besuchen können. Ich verspreche es dir."
Rarity erhob sich zögernd von ihrem Sitz und trat auf Rogue zu. Sie strich sanft mit ihren Nüstern über die Wange ihrer kleinen Schwester auf seinem Rücken und das kleine Fohlen erwiderte die Geste mit einer festen Umarmung.
„Sweetie Belle, die Doktoren werden dich jetzt untersuchen. Ich möchte, dass du ihnen gehorchst, denn es ist nur zu deinem Besten. Wenn du brav bist, kannst du schnell zurück zu Apple Bloom und Scootaloo, deinen Freundinnen. Aber du musst machen, was die netten Schwestern und Ärzte von dir verlangen, ja? Versprich es mir!"
Sweetie Belle schniefte leise und nickte dann mit ihrem Kopf. „A... also gut. Aber es ist wirklich nicht schlimm, es ist nur..."
„Ich will davon nichts hören!", schnappte Rarity laut. „Du bist verletzt! Verstehst du nicht, was ich mir für Sorgen um dich mache? Wenn dir etwas passieren würde..." Sie brach mitten in ihrem Satz ab, als wollte sie sich selbst nicht erlauben ihre Gedanken so weit gehen zu lassen. Nach einem Moment winkte sie schwach mit ihrem Huf. „Führt eure Untersuchungen mit ihr durch. Ich... ich werden hier warten." Sie wandte sich ab und ließ sich schwer zurück auf die Bank im Wartebereich fallen.
Rogue und Redheart sahen sich einen Moment lang unsicher an, dann gewann die Schwester ihre Fassung zurück. Sie zauberte ein weiches Lächeln auf ihr Gesicht, als sie sich an das kleine Fohlen auf dem Rücken des Rettungsponys wandte. „Hey, Sweetie Belle! Wir kennen uns ja schon, also brauche ich mich nicht vorzustellen. Geht es deinem Huf wieder besser? Ich hoffe, du hast dir das mit dem Paragliding noch einmal überlegt. Was hältst du davon, wenn Rogue dich noch bis in unser Behandlungszimmer trägt? Ich bin mir sicher, dass er nichts dagegen hat." Sie drehte sich um und bedeutete ihm zu folgen. „Hier entlang."
Rogue trottete ihr gehorsam hinter. Als er gerade um die Ecke des Ganges trat, der in die Notaufnahme führte, drehte er seinen Kopf und sah zurück zu Rarity.
Die weiße Einhornstute war auf ihrem Sitz zusammengesunken und hatte ihr Gesicht in ihre Vorderhufe vergraben. Er wusste es nicht genau, aber er meinte ihr unterdrücktes Schluchzen über das laute Klacken seiner Hufe auf dem Linoleumboden zu hören, bevor er sie aus den Augen verlor.
Rogue folgte Redheart in eines der kleinen Behandlungszimmer, die von dem breiten Korridor der Notaufnahme abgingen. „Setz´ sie bitte auf die Trage. Ich sehe sie mir gleich an."
Das Rettungspony trat neben die niedrige Liege und bedeutete Sweety Belle hinüber zu hüpfen. Das Fohlen raffte sich von seinem Rücken auf und ließ sich missmutig auf die Trage kullern. Sie rollte sich sofort zusammen und versteckte ihr Gesicht in der Flut ihrer Schweifhaare. Rogue betrachtete sie noch einen Moment lang mit schwerem Herzen, dann wandte er sich an Redheart, um seine Übergabe zu machen.
„Es tut mir Leid, Schwester, dass ich sie vorbeigebracht habe, aber es erschien mir in dem Augenblick einfach das beste. Sweetie Belle hat sich am Sonntag bei der Flucht vor den Schattenwölfen irgendwo den Kopf gestoßen. Es ist nur ein Kratzer, aber als Rarity es gesehen hat, ist sie vollkommen ausger... war sie sehr besorgt." Er rieb sich betreten über den Vorderlauf. „Ich weiß, dass ihr hier immer noch viel zu tun habt, aber sie hat die ganze Farm in Aufruhr versetzt und Apple Bloom und Scootaloo Angst gemacht. Ich hielt es für das Beste für alle Beteiligten, sie da raus zu holen, damit sich die Gemüter wieder beruhigen können. Ich habe mir nicht mehr anders zu helfen gewusst. Tut mir Leid."
Redheart hatte ihm aufmerksam und mit ernster Miene zugehört. Als er geendet hatte, seufzte sie leise und schüttelte lächelnd den Kopf. „Lyra hat mir erzählt, dass du zurückhaltend bist, aber das...", sie kicherte belustigt und sah auf. „Du hast nichts falsch gemacht, Rogue. Rarity kann manchmal etwas... melodramatisch sein, dass ist so ihre Art. Und wenn sie dadurch Ärger verursacht oder sogar die Fohlen verängstigt hat, kann ich kein Problem sehen, dass du sie hier her gebracht hast. Ich werde mir Sweetie Belle einmal ansehen und ihren Impfstatus prüfen und Rarity kann sich ein wenig beruhigen und wieder zu Sinnen kommen."
Das Rettungspony sah sie überrascht an. „Lyra hat gesagt, ich sei... zurückhaltend? Ihr habt über mich gesprochen?"
Das Pflegepony trat an Emaillebecken und begann sich routiniert die Hufe zu waschen, während sie sich weiter mit dem Hengst unterhielt. „Oh, aber sicher. Du bist eines der großen Gesprächsthemen in der Klinik. ´Das Rettungspony aus der großen Stadt, das hundert Ponys im Alleingang versorgt hat.´" Sie lachte leise.
Rogue bemerkte wie ihm die Röte der Verlegenheit auf die Wangen kroch. „Pfft, das ist doch alles Unsinn...", winkte er ab. Dann zögerte er und fragte unsicher: "Ist es das, was man sich über mich erzählt?"
Redheart kicherte wieder, ein leiser, melodischer Laut, der gut zu ihrem offensichtlich sonnigen Gemüt passte. „Na, vielleicht ist das nur eine der am weitesten hergeholten Versionen. Aber dennoch... Einige von uns waren in der Versammlungshalle dabei und durften dich in Aktion erleben. Um ehrlich zu sein wurde vieles über dich gesagt, aber das Wort ´zurückhaltend´ war nicht dabei." Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. „Und was sie dort gesehen haben, gäbe auch keinen Anlass dafür, es zu sein."
Sie ging zu der Trage hinüber und strich Sweetie Belle beruhigend über den Rücken. Das Fohlen sah aus verweinten Augen zu ihr hoch „Ganz ruhig, meine Kleine. Ich schaue mir dich nur kurz an, keine Spritzen, keine kalten Stethoskope, versprochen!" Sweetie Belle nickte langsam und ließ ihren Kopf wieder auf die Trage sinken.
„Wie lange bist du schon bei den Rettungsponys?", fragte sie beiläufig, während sie sanft damit begann das kleine Füllen zu untersuchen.
Der junge Hengst versuchte noch immer die Nachricht zu verdauen, dass er anscheinend das Gesprächsthema Nummer Eins im Krankenhaus war, also brauchte er einen Augenblick, um zu antworten:
„Das sind mittlerweile fünf Jahre."
Die Schwester nickt nachdenklich. Wieder dauerte es einen Moment, bevor sie erneut eine Frage stellte. „Was genau machst du in Manehattan? Bist du für die Versorgung der Patienten zuständig? Bist du Ausbildungsleiter oder führst du eine Wache oder so?"
Rogue stutzte. „Nein, natürlich nicht. Ich bin ein Erdpony, also ziehe ich den Wagen und helfe meinem Einhornkollegen wo ich kann. Und mit so wenig Dienstzeit kann ich kaum jemanden ausbilden, geschweige denn eine Wache leiten."
Redheart´s Hufe stockten kurz, dann fuhr sie mit ihrem diffizilen Hufwerk fort, das kleine Fohlen behutsam zu untersuchen und es gleichzeitig zu beruhigen. „Er zieht den Wagen...", murmelte sie leise. Aber nicht leise genug, als dass es Rogue´s scharfen Ohren entgangen wäre.
„Ja, ich ziehe nur den Wagen.", schnappte der Hengst scharf. Schärfer, als er es beabsichtigt hatte. Redhearts Ohren zuckten schuldbewusst zurück.
Überrascht stellte Rogue fest, wie sehr ihn diese Bemerkung gekränkt hatte. Ja, eigentlich bestand seine Hauptaufgabe nur darin, die Ambulanz zu ziehen. Für alle Maßnahmen am Patienten war das Einhorn auf dem Rettungsgespann verantwortlich. Trotter war in dieser Hinsicht sehr liberal eingestellt, auch wenn es am Anfang ihrer gemeinsamen Zeit eine Weile gebraucht hatte, bis der alte Veteran Vertrauen in die Fähigkeiten seines neuen Kollegen gefasst hatte. Aber sie hatten die meiste Zeit Huf in Huf gearbeitet, als Team. Das Trotter ihm vorgesetzt war, schien dem jungen Rettungspony immer so natürlich wie der Sonnenaufgang. Er war älter, erfahrener. Dass immer Einhörner am Patienten arbeiteten, lag daran, dass ihre Magie ihnen Möglichkeiten bot, diese besser zu untersuchen und zu versorgen. Erdponys waren stark und ausdauernd. Keiner konnte das Gespann schneller zum nächsten Krankenhaus bringen, als sie. Es hatte alles seinen Sinn und seine Ordnung. Verdammt, warum ärgerte er sich trotzdem so sehr über ihren Kommentar?
„Ich bin der beste verdammte Ambulanzfahrer in ganz Manehattan...", schob er grollend hinterher. Es klang selbst in seinen Ohren wie eine Rechtfertigung.
Schwester Redheart nahm ihre Hufe von Sweetie Belle und atmete kurz durch. Noch einmal zauberte sie dieses herzliche, warme Lächeln auf ihr Gesicht und beugte sich zu dem Fohlen hinunter. „Sweetie, Schatz, ich bin gleich wieder da." Dann drehte sie sich um, ging mit forschen Schritt auf Rogue zu, hakte sie unter einem seiner Vorderläufe ein und führte ihn vor die Tür. Das Rettungspony war zu überrascht um ihr ernsthaften Widerstand zu leisten
Die Tür zum Behandlungszimmer fiel hinter ihnen ins Schloss. Rogue sah die Schwester aus großen Augen an, vollkommen im Unklaren darüber, was sie vorhaben mochte.
„Wie erkläre ich dir das?" Sie hielt sich nachdenklich einen Huf vor die Lippen. Nach einem Moment schien sie zu einem Entschluss gekommen zu sein und sah auf. „Versuchen wir es so: Wir sind ein kleines Krankenhaus, in einem kleinen Dorf auf dem Land, aber ich denke wir sind eine der besten Hospitäler in ganz Equestria. Nicht weil wir eine so moderne Ausstattung haben oder Geräte oder die Luft hier so gut ist. Es sind die Ponys, die den Unterschied machen. Ich arbeite jeden Tag mit anderen zusammen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben anderen zu helfen. Wir haben hier ein tolles Team, hervorragende Krankenschwestern, ausgezeichnete Ärzte. Jeder tut sein Möglichstes, um die Ponys, die zu uns kommen, so schnell wieder gesund zu machen, wie wir können. Wir haben viel zusammen erlebt, Gutes wie Schlechtes, Schönes und Grausames, glückliche Wendungen und Schicksalsschläge. Aber Nichts, Nichts von alle dem hätte uns auf diese Tragödie vorbereiten können. Und das bringt mich zu dir." Sie tippte ihm mit einem Huf auf die Brust. „Keiner von uns hätte das tun können, was du geschafft hast. Kein Arzt, keine Schwester, niemand. Es geht nicht darum, dass du mehr über Medizin weißt, oder über den Rettungsdienst. Es geht darum, das du aufgestanden bist und die Sache in die Hufe genommen hast, als kein anderer dazu in der Lage war. Du hast es nicht alleine gemacht, natürlich. Kein Pony kann das alleine schaffen. Aber du hast dafür gesorgt, dass alle anderen wieder auf die Beine kamen und das taten, was getan werden musste. Und das ist auf eine Art und Weise großartig, die jedem Gerücht spottet."
Sie nahm ihren Huf von seiner Brust und legte ihren Kopf leicht schief. „Ich weiß nicht genau, was man braucht, um in Manehattan Rettungspony zu werden. Aber jemanden wie dich dort vor einen Wagen zu spannen, hört sich in meinen Ohren wie eine verdammte Verschwendung an." Ihr Blick wurde weicher und sie trat einen Schritt näher. „Du hast ein Talent, Rogue. Eines, das über das bloße Cutie-Mark auf deiner Flanke hinausgeht. Nimm nur das Beispiel hier, die Sache mit Rarity und Sweetie Belle!" Sie zeigte zeigte mit ihrem Huf zuerst auf die Tür zum Behandlungsraum, dann in Richtung der Eingangshalle. „Wie viele Ponys deines Alters hätten erkannt, was wirklich hinter dem Ganzen steckt? Und vor allem: Wie sie damit umzugehen haben? Es gibt keine Ausbildung, die einem so etwas beibringen kann. Man muss es im Herzen tragen: Die Stärke zu tun, was notwendig ist. Und das Mitgefühl, um zu wissen, was zu tun ist. Du hast von beidem reichlich."
Sie bemerkte, wie er zögerte und zu einer unsicheren Erwiderung ansetzte. Es war offensichtlich, wie sehr ihn ihre Erklärung aus der Fassung gebracht hatte. Sie brachte ihn mit einem Huf gegen seine Lippen zum Schweigen.
„Ich hoffe, dass auch du das eines Tages erkennst." Damit drehte sie sich um und verschwand im Behandlungszimmer, bevor ihr Rogue noch etwas antworten konnte. Er blieb im Gang zurück, alleine und mit einer Menge zu verdauen.
Als er zurück in die Eingangshalle kam, fand er Rarity genau dort, wo er sie zurück gelassen hatte. Die weiße Einhornstute lag zusammengesunken auf einer der Bänke des Wartebereiches und starrte niedergeschlagen auf ihren sorgsam manikürten Hufe. Sie war so sehr in ihre düsteren Gedanken versunken, dass sie den jungen Hengst erst bemerkte, als er neben sie trat. Ihr Kopf schnellte nach oben und ihr Gesicht nahm einen beinahe entsetzten Ausdruck an. „Was ist mit meiner Schwester? Geht es ihr gut?" Ihre Stimme klang gefasster als vorher, aber dennoch schwang nackte Angst darin mit.
Rogue nickt langsam mit dem Kopf. „Es ist nichts schlimmes. Sie versorgen sie und sie bekommt vorsichtshalber noch eine Impfung. Du brauchst dir keine Sorgen um sie zu machen, Rarity." Er lächelte sie aufmunternd an.
Sie sah ihm einen Moment lang unbewegt an, dann begann ihre Unterlippe zu zittern. Große, runde Tränen bildeten sich in ihren Augenwinkeln und sie schluchzte unterdrückt.
„Oh, nicht doch...", murmelte Rogue, als er sah, das Rarity ein weiteres Mal ihre Fassung verlor. Zögernd streckte er seinen Huf aus und strich ihr in einer beruhigend gemeinten Geste über den Rücken. Er achtete konzentriert darauf, seine Hufe in neutralen Bereichen zu halten. Er war hier schon in genug Fettnäpfchen für jedes seiner vier Hufe getreten.
Ihr Fell fühlte sich so weich und fein unter seinem Huf an, fast als würde er eine Wolke streicheln. Trotz der späten Stunde und der wilden Jagd ins Krankenhaus saß ihre Frisur fast perfekt. Nur ein- zwei Strähnen hatten sich aus dem sorgsamen Arrangement gelöst und fielen frei über ihren Körper. Er registrierte diese kleinen Details eher unbewusst, fast beiläufig. Während er versuchte, ihr Trost zu spenden, bemerkte er, wie er zum ersten Mal genauer über das weiße Einhorn nachdachte.
Ihrem Ausbruch in Sweet Apple Acres hatte es kaum an Melodramatik gefehlt, aber das leise Schluchzen und die sanften Tränen, die sie nun in die Polster der Wartebank tropfen ließ, unterschieden sich grundsätzlich davon. Das erste war etwas, das er am besten mit ´Greinen´ umschreiben konnte, eine Art von hysterischem Anfall, der in einem das dringende Bedürfnis hervorrief die Augen nach oben zu drehen und sich unwillkürlich ´Was ist den jetzt schon wieder´ zu fragen. Jetzt jedoch...
Während er seinen Huf beruhigend über ihren Rücken gleiten ließ, kam Rogue ein beunruhigender Gedanke.
Er hatte sich immer bemüht unvoreingenommen zu sein und ein Pony nicht nach dem ersten Eindruck zu beurteilen. Er hielt eine solche Einstellung für oberflächlich, ja sogar borniert. Seine Mutter hatte ihres dazugetan: ´Beurteile ein Buch nicht nach seinem Umschlag.´ Jetzt hatte er sich selbst dabei ertappt, wie dennoch genau das getan hatte.
Rogue wäre der erste, der zugeben würde, dass er alles andere als perfekt war. Er war sich bewusst, dass ein solcher Anspruch bestenfalls dumm, schlimmstenfalls arrogant war. Es ging darum es zu versuchen, sich anzustrengen seinem Ideal näher zu kommen, so unerreichbar es auch war.
Es war anstrengend, keine Frage. Sich zurückzulehnen und sich seinen eigenen Vorurteilen hinzugeben war der leichte Weg, die vorgefertigte Meinung leidenschaftslos an einem Pony anzulegen, wie eine Schablone die eben gerade irgendwie passte. Es kostete Mühe, jemanden wirklich kennenzulernen. Man konnte überrascht werden, zum guten, wie zum schlechten. Und man mochte finden, dass das eigene Urteil grundlegend falsch gewesen war, etwas, das niemand gerne zugab.
Er erinnerte sich daran, wie er AJ´s Freundinnen kennengelernt hatte: auf der kleinen Party hinter der Scheune von Sweet Apple Acres, vor gefühlt einer millionen Jahren. Er musste zugeben, dass er mit Rarity am wenigsten anzufangen gewusst hatte. Sie hatte ihn auf Anhieb viel zu sehr an die hübschen, aufgerüschten Edelponys auf den Flaniermeilen von Manehattan erinnert, die Trotter einmal so passenderweise mit ´So künstlich wie ein Pony mit zwei Schwänzen´ umschrieben hatte. Er hatte im Einsatz ein paar Mal Kontakt mit dieser Sorte gehabt und war schließlich zu einer Meinung gekommen, die alle seine Kollegen teilten: Sie waren anstrengend, fordernd, undankbar, melodramatisch bis zur Hypochondrie, egozentrisch und vor allem extrem nervtötend. Das war eigentlich kein Vorurteil im herkömmlichen Sinne – Er hatte sich diese Meinung durch ein paar üble Erlebnisse hart und ehrlich verdient.
Rogue hatte Rarity nicht komplett mit den hochnäßigen Edelponys über einen Kamm geschert, dafür hatte er zuviel Vertrauen in die Ponykenntnis seiner Cousine, die eine solch verlogene Gesellschaft meiden würde, wie Prinzessin Celestia schlechte Publicity. Aber er hatte sich auch nicht annähernd die Mühe gemacht sie kennenzulernen, wie das bei den anderen Ponys der Fall gewesen war. Sicherlich, er hatte versucht, einen guten Eindruck bei Ihr zu hinterlassen, aber das war mehr Applejack zuliebe gewesen, als aus echtem, eigenem Antrieb. Letztlich hatte es sich doch, heimlich, still und leise, in sein Unterbewusstsein geschlichen: Er hatte Rarity´s sorgfältig manikürte Hufe gesehen, das polierte Horn, das gepuderte Fell, die langen Wimpern, den dezenten Lidschatten und die zur Perfektion gestylte Mähne und hatte sie so gleich mit einem Haufen arroganter Schranzen in eine Ecke geschoben.
Er hatte sich für besser als das gehalten.
Er konnte nicht sagen, ob es an seinen beruhigenden Hufen lag, oder daran, das sie aus eigener Kraft wieder zu sich fand, aber Rarity´s Tränen versiegten langsam. Schließlich atmete sie tief durch und begann damit, sich ihre Augen mit den Hufen trocken zu wischen. Sie hielt kurz inne und warf einen Seitenblick auf Rogue, der sie besorgt ansah. Sie kicherte unsicher, ihre Kehle noch immer rau vom Weinen. „Ich bin eine wahre Närrin.", hauchte sie mit belegter Stimme. Sie zauberte ein blütenweißes Taschentuch hervor und putzte sich zierlich die Schnauze. Sie schluchzte noch ein- zweimal, etwas, dass sie offensichtlich nicht zurückhalten konnte, dann rückte sie sich auf der Bank zurecht, bis sie eine etwas elegantere Position gefunden hatte. Sie schloss einen Moment ihre vom Weinen geröteten Augen und schien sich zu sammeln. Als sie sie wieder öffnete, brachte sie ein kleines Lächeln zustande. „Du musst wer-weiß-was von mir denken. Ich jage dich aus dem Bett, ängstige jeden fast zu Tode, einschließlich meiner Schwester..." Sie stockte kurz, gewann aber rasch die Fassung wieder. „...meiner Schwester und das alles wegen eines lächerlichen Kratzers." Ihr Blick glitt zur Seite, als ihre Gedanken abdrifteten. „Dumm, Rarity. So dumm.", flüsterte sie zu sich selbst.
Ihr Kopf zuckte ein Stück nach oben, als sie ihren Fauxpas bemerkte und wandte sich wieder dem Rettungspony an ihrer Seite zu. „Es tut mir unendlich leid, Rogue. Ich habe Sweetie Belle die Mähne gekämmt und bin dabei sozusagen darüber gestolpert. Ich... ich war einfach außer mir. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Es ist einfach... mit mir durchgegangen." Alleine die Erinnerung daran ließ dicke, runde Tränen sich in ihren Augenwinkeln sammeln. Sie schluchzte noch einmal.
„Gosh, sieh´ mich an. Ich kann einfach nicht damit aufhören." Sie versuchte es mit einem nervösen Kichern zu überspielen, aber sie musste sich dennoch schnell wegdrehen, während sie sich die Augen mit dem Taschentuch trocken tupfte.
„Die anderen sagen immer, dass ich zur Melodramatik neige, aber das ist dann doch etwas zu viel des Guten. Ich habe sicherlich für viel Aufregung gesorgt, nicht wahr? Ach, was frage ich, es ist doch offensichtlich. Ich muss mich bei Applejack entschuldigen und bei dem Personal hier. Ich habe Apple Bloom und Scootaloo doch hoffentlich nicht zu viele Sorgen bereitet?" Sie verstummte einen Augenblick, dann verbarg sie ihr Gesicht hinter einem Huf, als sie die Szene im Farmhaus noch einmal Revue passieren ließ. „Ich muss die Kleinen praktisch zu Tode erschreckt haben...", hauchte sie mit zitternder Stimme. Sie verharrte einen Moment lang in dieser Stellung, dann senkte sie entschlossen ihren Huf und riss sich zusammen. „Ich werde es wieder gut machen. Ich weiß zwar noch nicht wie, aber mir wird schon etwas einfallen."
Während die weiße Stute weitersprach, stand Rogue einfach nur da und beobachtete sie fasziniert. Es war beeindruckend. Das Einhorn schaffte es praktisch im Alleingang, sich wieder zusammen zu puzzeln. Sie war immer noch angeschlagen, das war offensichtlich, aber noch während er zusah, bemerkte er, wie sie mit jedem Satz und jeder Geste an Selbstsicherheit und Mut gewann. Alles, was sie brauchte, war jemand, der ihr zuhörte. Jemand, der da war und damit dafür sorgte, dass sie sich nicht gehenließ und wieder in dem Loch verlor, über das sie heute Abend gestolpert war.
Er nahm ihr gegenüber platz auf einer der Wartebänke und machte es sich bequem. Sie sprach gerade davon, wie sehr sie sich auf das gemeinsame Abenteuer mit ihren Freundinnen und natürlich mit ihm freute. Rouge versuchte nachzuvollziehen, wie sie auf dieses Thema gekommen war, musste aber letztlich aufgeben. Er nickte an den richtigen Stellen, lächelte und schaffte es sogar ein paar unverfängliche Beiträge zur Konversation beizutragen, aber die meiste Zeit blieb er still und hörte ihr zu.
Während Rarity sich ihre Sorgen von der Seele redete, bemerkte er überrascht, wie er sich selbst nicht weniger als die anderen auf das Abenteuer freute, zu dem sie schon morgen aufbrechen würden. Es gab noch immer diese leise, warnende Stimme in seinem Hinterkopf, eine Ansammlung all seiner Vorbehalte und Sorgen. Er war sich noch immer unsicher, ob es wirklich eine gute Idee war, sich so Hals über Kopf ins Ungewisse zu stürzen. Doch er konnte nicht leugnen, dass sein Herz vor Aufregung und Erwartung schneller und leichter schlug, wenn er an die bevorstehende Reise dachte.
Er fragte sich, ob es den sechs Stuten genauso ging. Die Katastrophe, die über Ponyville hereingebrochen war, hing noch immer so frisch in der Luft, dass man ihr hier nirgendwo entkommen konnte. Jedes Haus, jede Straße, jeder Winkel trug bittere Erinnerungen in sich, die man noch nicht verarbeiten hatte können. Selbst Rogue, der hier nur ein kurzer Gast war, verspürte den unwillkürlichen Drang dem Ganzen zu entfliehen, sich zu befreien aus dem Kreis aus furchtbaren Erinnerungen, auf die man im wahrsten Sinne des Wortes Schritt auf Schritt traf. Für die Einwohner musste es noch um ein Weiteres schlimmer sein. Man wollte Abstand gewinnen, sich selbst sammeln und dem Geist Zeit geben sich zu beruhigen. Doch der eigenen Heimat konnte man sich nicht entziehen, man trug sie im Herzen, wohin man auch ging, man ließ sie nicht einfach hinter sich, auch wenn man sie gerade nicht ertragen konnte. Aber man konnte, zumindest für eine Zeit, ihr fliehen und sei es auch nur, um die Geister eine Weile in Frieden ruhen zu lassen. Und sich darauf freuen, gestärkt und erfrischt, zurückzukehren in ein Dorf das soviel mehr dem ähnelte, welchem man sich erinnerte, geheilt von der Zeit.
War das der Grund dafür, warum es ihm heute so vorgekommen war, als hätten die Stuten bereits hinter sich gelassen, womit er immer noch so schwer zu kämpfen hatte? Er war zu sehr damit beschäftigt gewesen die vielfältigen Probleme hier zu lösen, dass er keine Zeit gehabt hatte, mehr als einen Gedanken an das vor ihnen Liegende zu verschwenden. Anstatt Abstand zu gewinnen, die Gelegenheit zu reflektieren und sich auf etwas zu freuen, war er tiefer und tiefer in die wundroten Abgründe hinabgestiegen, die diese furchtbare Nacht ins Herz des Dorfes und ihrer Gemeinde gerissen hatte.
Nein, er war nicht das schwache Glied in der Kette. Sie alle waren ob des Erlebten waidwund, verletzt bis aufs Mark. Raritys Ausbruch heute Nacht zeigte es ihm mehr als alles andere. Aber die sechs Freundinnen hatten etwas geschafft, was er sich selbst nicht erlaubt hatte: Sie hatten nach oben geblickt, vom tiefen Grund des Loches aus und die Sonne gesehen. Sie wussten ebenso gut wie er, wie steinig und schroff der Weg daraus werde würde. Doch sie hatten ihren Aufstieg bereits begonnen, während er noch immer in der Finsternis umhergeirrt war.
Er freute sich auf das Abenteuer mit diesen Stuten an seiner Seite. Es würde würde ein langer, schwieriger Weg nach oben werden, mit Rückschlägen, Schwierigkeiten und Problemen. Aber sie waren auf dem Weg nach oben, zusammen. Das verstand er jetzt.
