Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte, was den Inhalt von Hasbro´s My little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum.
Kapitel 20: Sturm und Drang
Er wusste nicht, woher sie gekommen war. Vielleicht war sie die ganze Zeit über im Schatten gestanden, oder war auf dem dunklen Deck umhergewandert, wo er sie nicht sehen konnte. Vielleicht war sie auch gerade eben erst durch die Luke nach oben gekommen. Es war keine Nacht, in der man leicht Schlaf fand, keiner von ihnen.
Rogue lehnte noch immer gedankenverloren an der Reling und betrachtete die Sterne, als er das leise Geräusch von Hufen auf den hölzernen Planken des Schiffes hinter sich hörte. Die Schritte waren sacht und ungleichmäßig, als würde das Pony, zu dem sie gehörten, zögern, ob es ihn stören sollte oder nicht.
Wer wird es sein?, fragte er sich im Stillen. Nur Applejack hatte seine Geschichte mit Pear gekannte, für alle anderen war sie sicherlich vollkommen überraschend gewesen. Das also steckte hinter diesem Rettungspony, das den langen Weg aus Manehattan gekommen war. Das sich heimlich, still und leise in ihr Leben gestohlen hatte, bis sie es in ihrer Mitte wiederfanden.
Applejack, die mich mit ihrem sorgenvollen Blick fragen wird, wie es mir geht? Pinkie Pie, die trotz allem versucht, mir vielleicht ein kleines Lächeln abzugewinnen? Rarity, die sich bei mir bedanken will, das ich mich um ihre kleine Schwester gekümmert habe? Vielleicht Fluttershy... bei diesem Gedanken ging ihm ein warmes Gefühl vom Scheitel bis zur Sohle ...die ihn mit sanften, tröstenden Worten die Last von seinen Schultern zu nehmen versuchte? Oder ist es vielleicht...
„Hallo, Rogue." sagte Twilight leise.
Er wendete seinen Kopf und sah die Stute einen Moment lang ausdruckslos an, bevor er sie mit einem Nicken begrüßte. Ihr Name war auf seiner Liste sehr weit unten gewesen.
Das Einhorn trat neben ihn, legte ihre Vorderläufe auf die Reling und sah hinaus auf das sternenbedeckte Firmament, genauso, wie Rogue es gerade eben getan hatte. Der junge Hengst sah sie noch einen Moment lang an, unsicher darüber, ob er etwas erwidern sollte. Schließlich schwieg er und schloss sich statt dessen ihrer Betrachtung des Himmels an.
Bandit saß noch immer auf Rogues Kopf. An den leichten Bewegungen der kleinen Krallen in seiner Mähne konnte das Rettungspony spüren, das das kleine Tierchen sich gemächlich seinem Fellputz hingab.
Das Luftschiff wiegte sich sanft in der nächtlichen Brise. Die Luft war erfüllt vom satten Geruch des Sommers, dem Duft nach Heu, nach Blumen und trockener Erde, der von unten zu ihnen aufstieg. Das Deck unter ihnen knarrte leise, wie ein hölzerner Riese, der sich im Schlaf bewegt.
Zwischen den beiden Ponys an der Reling hing die Stille zentnerschwer. So viele Worte hingen in der Luft, unausgesprochen und dennoch fast greifbar. Rogue schloss seine Augen und atmete tief durch. Twilight war gekommen, um zu reden, über irgendetwas. Sicherlich über eines der vielen Dinge, die ihnen allen durch den Kopf gingen. Aber sie fand keinen Anfang. Er wollte es ihr leicht machen, wollte das Schweigen brechen, das mit jedem verstreichenden Herzschlag schwerer wurde. Aber die Stille der Nacht und der Frieden, den das glitzernde Tuch am Himmel in ihm ausgelöst hatte war zu verlockend und angenehm. Er wollte nur noch einen Moment dieses Gefühl genießen, bevor er sich wieder den schroffen Kanten der Realität stellen musste. Nur noch einen Moment...
„Ich habe es nicht gewusst.", brachte sie schließlich hervor.
Sie setzte dazu an, weiter zu sprechen, aber Rogue unterbrach sie.
„Sag´ es nicht."
Twilight sah ihn überrascht an, schwieg dann jedoch. Dann sah sie wieder hinaus, in die Dunkelheit. Wieder senkte sich Stille zwischen die beiden.
Jetzt war an ihm, zu sprechen. Rogue wusste das. Er zögerte es hinaus, mied es wie die wunde Stelle, die es war. Doch letztlich gab er nach, wie man auch eine Wunde nicht in Frieden lassen konnte. Man kratzte daran, drückte und erforschte sie, in der dummen Verwunderung, wann es zu schmerzen beginnen würde.
„Ich will es nicht mehr hören: `Es tut mir leid´. Es ist so ein dummer Satz. Er ändert nichts. Man spricht ihn einfach nur aus, in dem Glauben, das es dem Anderen dann besser gehen würde. Aber tatsächlich tut man das nur, damit es einem selbst besser dabei geht. Also bitte spar´ es dir."
Er runzelte seine Stirn, als er darüber nachdachte, was er gerade gesagt hatte. Es hatte härter geklungen, als er es beabsichtigt hatte. Twilight war in der Absicht zu ihm gekommen, ihm auf irgendeine Art Trost zu spenden und sich mit ihm zu unterhalten. Es gab keinen Grund, sie so anzugehen. Und, wenn man ihre Geschichte betrachtete, war sie vielleicht die Stute, die ihn von allen am besten verstehen konnte.
Er suchte schnell nach etwas, das er sagen konnte, um seine schroffe Reaktion abzuschwächen. Das erste was ihm in den Sinn kam, war...
„Schuld ist ein furchtbares Gefühl nicht wahr?", sinnierte er. „Es ist immer da, sitzt einem im Nacken, bohrt und stochert und sorgt dafür, das wir sie nie vergessen. Sie lässt uns nicht schlafen, raubt den Appetit und vergiftet jede Freude, die wir empfinden. Und weißt du, was das schlimmste ist?"
Die violette Einhornstute schüttelte langsam ihren Kopf.
„Wenn niemand mit dem Huf auf einem zeigt. Wenn niemand hinter deinem Rücken darüber flüstert, niemand sie dir zuschiebt oder bei dir ablädt. Wenn du alleine es bist, der davon überzeugt ist, das du Schuld bist. Zu wissen, wie leicht du sie abschütteln könntest. Man müsste nur... loslassen, die Schultern zucken und weitergehen. Die Lektion als gelernt betrachten und sie abhaken."
Er sah wieder hinauf zu dem atemberaubenden Sternenhimmel über ihnen. „Wenn wir doch nur unser Herz davon überzeugen könnten, das es so einfach ist."
Twilight schwieg einen Moment lang, während sie über das Nachdachte, was er gesagt hatte. Schließlich räusperte sie sich. „Aber es liegt nicht nur daran, nicht wahr?", fragte sie ihn leise.
Er sah fragend zu ihr hinüber.
Sie bettete ihren Kopf auf ihre Vorderläufe und starrte nachdenklich ins Nichts. „Wenn wir unsere Schuld hinter uns lassen, ist es so, als hätten wir nie einen Fehler begangen. Es ist so, als würde man einfach behaupten, dass es nie passiert ist. Es geht nicht nur darum seine Lektion zu lernen. Es geht auch darum sie... zu verinnerlichen."
Sie schwieg für einen Moment, dann sprach sie weiter. „Schuld prägt sich in unsere Herzen. Vielleicht tut sie deshalb so weh." Sie schloss ihre Augen. „´Eine große Schuld braucht eine große Seele. Die kleinen zermalmt sie´. Ich weiß nicht mehr, wo ich das gelesen habe. Aber ich fürchte meine Seele ist zu klein für meine Schuld."
Wieder war es einen Moment lang still zwischen ihnen beiden, dann fuhr Twilight fort, ohne ihre Augen zu öffnen. „Man kann Schmerzen teilen, Leid und Sorgen. Und sie werden damit weniger, wie ein schweres Gewicht, das sich auf mehrere Rücken verteilt. Aber Schuld bleibt. Sie wird nicht leichter, sie wird nicht weniger, man kann sie nicht teilen. Ich glaube, das letztlich das der Grund ist, warum wir auseinanderbrechen. Warum... unsere Freundschaft... nicht mehr das ist, was sie einmal war."
Sie blickte auf und sah zu dem Hengst an ihrer Seite. Ihre Augen schimmerten feucht, aber auf ihren Lippen lag ein seliges Lächeln. „Oh, Rogue, ich wünschte wir hätten uns vor alle dem hier kennen gelernt. Wären Freunde geworden, ohne das uns irgendetwas bedrückt. Das Band einer unberührten Freundschaft ist ein so wundervolles Gefühl. Sie lässt die Tage heller erscheinen, das Gras grüner und die Luft frischer. Freunde an deiner Seite geben dir das Gefühl, alles, wirklich alles erreichen zu können, wenn sie zusammenstehen. Man kann sich alles mitteilen, alles sagen, ohne Vorbehalt, ohne Furcht und ohne Bedauern. Ich habe so viel in Ponyville über Freundschaft gelernt, habe sie sogar studiert. Doch das wichtigste von allem war die Erkenntnis, das Freundschaft aus dem Herzen kommt, nicht aus dem Kopf. Man kann sie nicht lernen wie ein Buch, man muss sie leben, erleben, damit sie zu einem kommt." Sie verstummt für einen Augenblick. „Hast du Freunde in Manehattan?", fragte sie.
Er hatte geahnt, das diese Frage kommen würde. Und die Antwort, die ehrliche Antwort, war...
„Nein."
Nein, er hatte in Manehattan niemals etwas gehabt, das sich mit den Stuten hier in Ponyville vergleichen ließ. Sowohl, was er von ihrer Freundschaft gesehen, als auch selbst erfahren hatte. Twilight hatte von einem Bund gesprochen, einem imaginären Band, das Ponys untereinander verband. Er hatte erst begonnen, sich diese zarten Ausläufer entlang zu tasten, die sich langsam zwischen ihnen webten. Und er hatte nicht einmal im Ansatz zu begreifen angefangen, was es letztlich bedeutete. Doch es war genug, um in ihm ein Gefühl der Sehnsucht wach werden zu lassen, einen Drang tiefer in dieses wundervolle Gefühl einzutauchen. Was Twilight beschrieb, musste wundervoll sein, wenn man es in vollem Umfang genießen konnte. Aber all das stand bereits auf Messers Schneide.
Und es gab nichts, was er dagegen tun konnte.
Die violette Stute nickte verstehend. „Eigentlich ist es seltsam.", sagte sie. „Ich habe selten jemanden getroffen, der so nett und hilfsbereit ist wie du. Allein wenn man bedenkt, wie ich dich nach der... Sache... in der Bibliothek behandelt habe..." Sie zögerte kurz. „Ich habe mich nie bei dir bedankt, oder?"
Er winkte ab. „Es war meine Wiedergutmachung, dafür, das ich dich und Spike belauscht habe. Du musst dich nicht bei mir bedanken."
Sie kicherte leise. Es war ein schönes Geräusch. „Fluttershy hat mir schon gesagt, das du auch noch recht bescheiden bist." Sie wurde wieder ernst. „Es hat mir sehr geholfen, weißt du?"
Er schloss die Augen. Ja, das Gedicht. Diese kleinen, eng geschriebenen Zeilen. Papier und Druckerschwärze. Und doch so viel mehr...
„Out of the Night that covers me...", begann er flüsternd.
„Black as the Pit from pole to pole...", fiel Twilight ein, ohne zu Zögern.
„I thank whatever gods may be...", fuhren sie gemeinsam fort, das ganze Gedicht hindurch.
„For my unconquerable soul.In the fell clutch of circumstance
I have not winced nor cried aloud.
Under the bludgeonings of chance
My head is bloody, but unbowed.Beyond this place of wrath and tears
Looms but the Horror of the shade,
And yet the menace of the years
Finds, and shall find, me unafraid.It matters not how strait the gate,
How charged with punishments the scroll.
I am the master of my fate:
I am the captain of my soul."
„I am the Captain of my Soul.", wiederholte das Einhorn noch einmal, nachdem sie geendet hatten. „Dieser Teil gefällt mir am besten. Es ist gut daran erinnert zu werden, das man selbst es ist, der das Steuer in der Hand hat, egal wie wild einen das Leben herumstößt. So düster das Gedicht auch erscheinen mag, es strotzt dennoch nur so vor Kraft und Stärke. Ein wirklich schönes Stück Poesie."
Rogue nickte nur. Das Gedicht hatte ihm immer wieder Kraft gegeben, hatte ihn Mut fassen lassen, wo er ansonsten verzagt hätte. Aber etwas anderes, wichtigeres schwirrte durch seine Gedanken. Er stellte die Frage so wie sie ihn beschäftigte.
„Wie geht es weiter, Twilight?"
Die Stute stutzte kurz wegen des plötzlichen Themenwechsels. Schließlich schloss sie ihre großen, purpurnen Augen und schüttelte sacht den Kopf.
„Ich weiß es nicht. Ich wünschte, ich hätte eine Idee, einen Ansatz..." Sie zögerte einen Moment lang, dann seufzte sie schwer und fuhr fort. „Prinzessin Celestia hat mich vor zwei Jahren nach Ponyville geschickt, um die Magie der Freundschaft zu erforschen. Ich weiß, das sie mehr damit im Sinn hatte, als eine wissenschaftliche Abhandlung von ihrer treuen Studentin. Ich bin mir sicher, sie wusste, das Luna in der Gestalt von Nightmare-Moon zurückkehren würde und leitete alles in die Wege, damit die Elemente der Harmonie mit mir als Zentrum wiederentdeckt und eingesetzt werden konnten. Aber das ist nicht alles. Ich denke, neben all dem so kalt erscheinendem Kalkül, wollte sie einfach nur, das ich Freunde finde. So ist sie einfach. Sie sorgt sich so sehr um ihre kleinen Ponys und hat doch so selten Gelegenheit, sie wirklich glücklich zu machen." Sie öffnete ihre Augen und sah wieder hoch zu dem glitzernden Sternenhimmel, so als würde sie etwas suchen. „Ich wünschte, ich könnte sie um Rat fragen. Ich wünschte, ich könnte einfach... einfach..." Sie seufzte schwer und ein melancholisches Lächeln umspielte ihre Lippe.
„Was ist es Twilight? Warum kannst du die Prinzessin nicht um Rat fragen?"
Sie schüttelte ihren Kopf, ohne ihn anzusehen. „Noch nicht Rogue. Ich werde es dir sagen und auch den anderen, aber... nicht jetzt. Bitte, vertraue mir. Ich bin mir sicher, das ich das Richtige tue." Ihre großen, runden Augen suchten die seinen. „Bitte... vertraue mir."
Er sah in diese Purpurnen Tiefen und fühlte, wie sich sein Kopf langsam in einem bestätigenden Nicken auf und ab bewegte.
Er wollte ihr vertrauen. Vertrauen war in einer Freundschaft essentiell. Twilight war die natürliche Anführerin dieser Gruppe, das Zentrum, im wahrsten Sinne des Wortes, das beherrschende Element. Und doch hatte sie gerade jetzt, in einer Zeit, als all dies scheinbar auf dem Spiel stand, Geheimnisse vor ihm und den anderen.
Die kleine, unangenehme Stimme in seinem Hinterkopf meldete sich wieder zu Wort. Was auch immer sie verheimlichte, es war wichtig und ihr Schweigen war mehr als verdächtig.
Er sah sie an, sah in ihr hoffnungsvolles, bittendes Gesicht. Sie war Twilight Sparkle, treuer Student ihrer Majestät, Prinzessin Celestias, sie war das Element der Magie und sie war die Anführerin, die ihrer Freundinnen durch schon so viele Abenteuer geführt hatte. Aber das alles war nicht wichtig in diesem Moment. Was zählte, war: Sie war seine Freundin. Und sie bat ihn um so einen einfachen Gefallen.
Er legte ihr einen Huf auf die Schulter. „Also gut. Ich vertraue dir."
Die Stimme in seinem Hinterkopf wollte nicht verstummen, aber sein Herz hatte entschieden.
Rogue war langsam im Begriff ein Gefühl dafür zu bekommen, was es bedeuten musste, sich auf einer Kreuzfahrt zu befinden.
Es war sterbenslangweilig.
Die ´Idle Barter´ schwebte gemächlich ihrem Ziel entgegen und wenn auch die Aussicht von ihrem Deck auf die unter ihnen vorbeiziehende Landschaft atemberaubend war, verlor es dennoch recht schnell an Unterhaltungswert, wenn es die einzige echte Ablenkung an Bord war. Die Mannschaft ging ihrem Tagesdienst nach und widmete sich der für einen Laien undurchschaubaren Aufgabe das Schiff mittels der verwirrenden Takelage auf Kurs zu halten, während die Offiziere in ihren dunkelblauen Uniformen die Arbeit überwachten, aufmerksam Ausschau hielten, oder mit kompliziert aussehenden Gerätschaften wahlweise den Horizont, die Sonne oder die immer näher kommenden Berge anpeilten.
Für die Passagiere gab es ansonsten nichts zu tun, als der langsam dahinziehenden Landschaft nachzublicken, der Mannschaft im Weg herumzustehen und sich letztlich der Langeweile hinzugeben.
Sicherlich hatte die erzwungene Tatenlosigkeit auch ihr Gutes: Rogue fand endlich die Gelegenheit, seine neuen Freundinnen besser kennen zu lernen.
Letztlich, nachdem er lange genug den Ausblick genossen, müßig der Arbeit der Mannschaft zugesehen und seine Gedanken hatte schweifen lassen, zog es ihn wie in einer unvermeidlichen brownschen Bewegung in den Offizierssalon.
Er war nicht der Erste. Pinkie saß zusammen mit Applejack, Fluttershy und Rainbow Dash bereits an einem der wenigen Tische und spielten ein Partie Karten, um sich die Zeit zu vertreiben. Kaum hatte sie ihn gesehen, winkte das pinke Pony ihn aufgeregt an ihren Tisch. „Rogue! Komm, spiel´ mit uns, es sind noch Plätze frei!"
Das Rettungspony zögerte nur kurz, dann trotte er näher und ließ sich auf eine der Bänke neben Rainbow nieder. Die Stute warf ihm einen kurzen Seitenblick zu und rückte etwas von ihm ab, vornehmlich, um ihm Platz zu machen, aber sicherlich auch, um ihre immer noch bestehenden Ressentiments ihm gegenüber zu verdeutlichen. Innerlich seufzte Rogue. Er hatte gehofft, dass, nach dem, was zwischen ihm und Twilight alles geklärt worden war, Dash ihr misstrauisches Verhalten einstellen würde. Anscheinend war dies nicht der Fall. Aber vielleicht hatten sich die Neuigkeiten ja auch noch nicht zu ihr herumgesprochen.
Pinkie teilte ihm Karten aus, ungeachtet der Tatsache, dass das Spiel im vollem Gange war. Rogue nahm sie auf und sortierte sie geübt. „Was spielen wir?", fragte er überflüssigerweise, eigentlich nur um etwas zu sagen. Das Layout der Karten war ziemlich unverwechselbar.
„Uno!", rief Pinkie triumphierend und beantwortet damit sowohl seine Frage und legte gleichzeitig ihre vorletzte Karte von ihrem Huf auf den Tisch.
Rainbow gab einen grummelnden Laut von sich und warf eine ´Aussetzen´-Karte auf den Stapel, womit Fluttershy an der Reihe war.
Die kanariengelbe Stute hatte sich förmlich hinter ihrem aufgefächerten Blatt verschanzt und warf nur gelegentlich einen scheuen Blick über ihre Karten, um zu sehen, was gerade auf dem Haufen in der Mitte gelandet war. Rogue fragte sich langsam, ob sie immer so war, selbst wenn sie nur von ihren vertrauten Freunden umgeben war. Oder war er der Anlass dafür, dass sie, kaum das er den Raum betreten hatte, sich wie eine Schildkröte in ihren Panzer verkroch?
„Uhm, E-Es tut mir leid, Applejack, aber wenn... wenn du nichts dagegen hast, würde ich gerne...", flüsterte sie leise und trennte langsam eine der Karten von ihrem Blatt.
Das Farmerpony rollte die Augen und gab einen ungeduldigen Laut von sich. „Darn´, Shy! Raus damit! Ne Karte, oda´ n´ Stück Holz!"
Fluttershy zuckte merklich zusammen und legte dann schnell eine +2 auf den Stapel. Damit musste Applejack, die als nächstes an der Reihe war, zwei Karten aufnehmen. Der scheue Pegasus warf ihr einen unsicheren Seitenblick zu und bereute es sicherlich schon, ihre Karte ausgespielt zu haben. Die Erdstute lächelte aber nur und legte ihrerseits eine +2 auf den Stapel und sah dann mit einem dicken Grinsen zu Pinkie, die damit vier Karten auf einmal nehmen musste.
„Ow...", war das einzige, was das pinke Pony von sich gab, als es die Karten in ihr schon so geschrumpftes Blatt einordnete. Damit war ihr schon fast sicherer Sieg noch einmal vereitelt worden.
Die Runde ging weiter und Rogue kam schnell wieder in den recht vertrauten Trott des Spieles. Er hatte es bereits öfters mit Trotter und seinen anderen Kameraden auf der Wache gespielt, in den ruhigen Stunden, wenn alle Arbeit erledigt und keine Notrufe eingegangen waren. Es war ein eigentlich einfaches Spiel, mit wenigen Regeln, aber alles andere als stupide. Man musste Planen, man musste Bluffen und man musste sein Gegenüber gut einschätzen können, damit einem der Sieg nicht in letzter Sekunde wieder aus den Hufen gerissen wurde, wie es bei Pinkie der Fall gewesen war. Sicherlich gehörte auch eine gehörige Portion Glück dazu – schließlich war man letztlich immer auf gute Karten angewiesen.
Trotter war immer ein schwieriger Gegner gewesen, genauso wie Smoke. Sie konnten eine ganze Partie mit einem Hufvoll Karten dasitzen, scheinbar weitab von jeder Chance auf Gewinn – und dann, wenn ihre Zeit gekommen war, durchstarten. Eine Karte folgte der nächste und jeder Angriff auf sie wurde kaltlächelnd weitergegeben, bis er letztlich wieder bei einem selbst ankam. So schnell Uno auch gespielt werden konnte, meist war es dann doch die Geduld, die einem zum Ziel verhalf.
Rogue legte mechanisch seine Karten ab, während er an seinen alten Mentor und die Jungs auf der Wache dachte. Was mochte sie gerade tun? Vielleicht saßen sie in diesem Augenblick genauso beisammen und spielten Karten, lachten und erzählten sich die neuesten Geschichten. Vielleicht waren einige von ihnen aufs Dach der Feuerwache gegangen und saßen im Schatten des aufgestellten Baldachins, um die Hitze erträglicher zu machen. Vielleicht hatte einer den Grill aufgestellt und saftige Heuburger brutzelten neben Grillkartoffeln und jungem Gemüse. Vielleicht saßen sie auch gerade auf dem Bock, schwitzten unter ihren Helmen und fuhren durch die in der Hitze brütende Stadt, hin zu einem Feuer, oder einem Pony in Not...
„N´ Bit für deine Gedank´n.", weckte ihn seine Cousine aus seinen Überlegungen, während sie eine Karte aufnahm, weil sie keine passende Farbe hatte.
„Mhm?", merkte er auf und wurde etwas rot, als er bemerkte, wie er wieder abgeschweift war. Schnell steckte er einige Karten um, damit es so aussah, als wäre er bei der Sache. „Es ist nichts, ich habe nur gerade an meine Arbeit gedacht."
Applejack warf ihm noch einen kurzen Blick zu, dann nickte sie Pinkie zu, dass sie dran war.
„Hast du Heimweh?", fragte ihn die pinke Stute beiläufig. Trotz ihres unschuldigen Tons linste sie neugierig an ihrem Blatt vorbei zu ihm.
Rogue machte den Mund auf, um ihr frei heraus zu antworten, doch dann merkte er, das ihm sowohl ´Ja´, als auch ´Nein´ gleichzeitig auf der Zunge lagen.
´Ja´, weil er sie tatsächlich vermisste, die Gesichter seiner Kameraden, die er schon seit fünf Jahren praktisch täglich sah. Seine gewohnte Arbeit, die so vertrauten kleinen Dinge, wie den Geruch der Wache, die so belanglosen Gespräche mit den Kollegen, das Essen, gemeinsam gekocht, mal gut und mal weniger... das Klingeln der Glocke, das vertraute Gewicht des Wagens und der wilde Galopp durch die Straßen. Der Kaffee am Krankenhaus. Das Zählen des Materials, so routiniert und verhasst es ihm auch immer gewesen war. Das Geräusch des Spindes, wenn man nach einem langen, harten Tag die Weste hinein hing und die Tür hinter sich zuschlug. Das Lachen und das Scherzen der Ponys im Dew Pond, wo man sich den Staub aus der Kehle hinunterspülte...
`Nein´, weil... weil...
Hier stockten seine Gedanken und er wusste keine einfache Antwort.
Verlegen legte er eine Karte auf den Stapel, als er merkte, das er dran war.
„Nein.", brachte er schließlich hervor. Pinkie sah ihn noch einen Moment lang ernst an, dann lächelte sie und widmete sich wieder ihrem Blatt.
Rogue sortierte gedankenverloren seine Karten um, ohne sie wirklich in Ordnung zu bringen. Er hatte mit ´Nein´ geantwortet und er wusste, dass dies letztlich die Wahrheit war. Jetzt versuchte er herauszufinden, warum.
Er vermisste Manehatten, das stimmte. Aber es war kein echtes Heimweh. Er vermisste das Vertraute, das Alltägliche, seine gewohnten Abläufe und seine Selbstsicherheit, die ihm seine Erfahrung gegeben hatte. Aber der Ort selbst weckte seltsamerweise keine nostalgischen Gefühle ihn ihm. Es war nicht so, das er die hohen Häuserschluchten, die gepflasterten Wege und das rege Treiben auf den Straßen nicht gemocht hatte. Aber ein Gefühl der Sehnsucht, des Verlustes blieb aus. Letztlich war das ihm nie wichtig gewesen. Sein Herz hing an etwas anderem.
Er sah sich in der kleinen Runde des Tisches um. Pinkie Pie knabberte an einer Salzstange, während sie die Karten in ihrem Huf aufmerksam betrachtete. Rainbow hatte ihre Zunge konzentriert zwischen die Zähne geklemmt und versuchte anscheinend mit reiner Willenskraft ihr Blatt zu verändern. Fluttershy lugte vorsichtig hinter ihren Karten hervor und versteckte sich sofort wieder, wenn sie einen Blick auf sich ruhen spürte. Applejack schlürfte langsam aus ihrem Becher und betrachtete eher gelangweilt das Bild eines Pegasus in Marineuniform an der Wand.
Es war nichts weltbewegendes, auch wenn es die Elemente der Harmonie waren, die hier an einem Tisch saßen, wenn auch nur partiell. Es waren einfach nur ein paar Freunde, die zusammen Karten spielten.
Aber Rogue dämmerte langsam, warum seine Antwort doch so entschieden ausgefallen war. Als er gestern Abend mit Twilight Sparkle gesprochen hatte, war es ihm bereits in den Sinn gekommen, ein kurzer, erhellender Moment der Klarheit, den er in dem Augenblick, als er ihn hatte, nicht einmal als solchen wahrnahm. Der Moment war langsam in ihm gereift, wie eine Frucht, die so viele Dinge benötigt, um zu voller Süße zu gelangen.
Die Stuten hatten ihn in ihren Kreis aufgenommen, ohne zu fragen, ohne Vorbehalte, ohne Einschränkungen. Es mochte noch ein wenig Reibung an den Eckpunkten geben, was zum Beispiel das Verhalten von Rainbow Dash anbelangte, aber sie hatten ihn so herzlich in ihrer Mitte willkommen geheißen, wie es die Umstände nur zuließen. Dennoch war er sich immer ein wenig Fehl am Platze vorgekommen, so als könne er sein eigenes Glück nicht wahrhaben. Oder als würde er nicht vollends hineinpassen. Er kam sich bisher vor wie ein Füllstück, ein Teil eines Mosaiks, das man nachträglich eingefügt hatte, ohne wirklich ins Gesamtbild zu passen.
Was ihm gefehlt hatte, was ihn das Bild vervollständigen lassen konnte, war eine Aufgabe, ein Zweck innerhalb dieser Gemeinschaft. Es reichte nicht, das er einfach auch da war. Er benötigte eine Daseinsberechtigung, wenn auch nicht in den Augen der Anderen, dann in seiner Eigenen.
Er wurde gebraucht.
Letztlich schrumpfte alles auf diese einzige, klare Einsicht zusammen. Deshalb war er tausendmal lieber hier als in Manehattan. Sie brauchten ihn. Sie wollten ihn als Freund, als Sanitäter, als einen Gefährten, der mit ihnen den schweren Weg ging, der sich vor ihnen erstreckte. Aber sie brauchten ihn aus einem anderen Grund. Wahrscheinlich waren sie sich selbst nicht darüber ihm klaren und hätten sie es gewusst, würden sie es weit von sich weisen.
Und er brauchte sie. Es war am Anfang schwer es sich einzugestehen, vor allem, wenn man so lange alleine zurecht gekommen war, wie er. Aber mit seiner Einsicht kam auch die zunehmende Klarheit über seine eigene Situation. Und die Dankbarkeit über die überwältigende Freundlichkeit der Stuten. Was er sich immer gewünscht hatte... was ihm immer gefehlt hatte...
Am Ende des Tages wünschen wir uns immer jemanden, der sagt: ´Ich brauche dich.´ Es war das schönste Kompliment, das man jemanden machen konnte.
Er wusste nicht, wie sie gewesen waren, bevor all die schlimmen Dinge über sie hereingebrochen waren. Sie mochten ein Ganzes gewesen sein, vollendet und wunderschön. Aber jetzt... brauchten sie etwas, das ihnen vorher nicht gefehlt hatte.
Sie brauchten eine feine Ader aus Gold, die die Teile wieder zusammenfügte.
„Hey, pass auf! Du bist dran!"
Er sah auf und legte eine weitere Karte auf den Stapel. Er lächelte, das erste, echte, unverfälschte Lächeln in so langer Zeit. „Uno."
Rainbows Kopf zuckte nach oben. „Was? Du hast nur noch eine Karte?" Sie sah ihn einen Moment lang aus misstrauisch zusammengekniffenen Augen an, dann tauchte sie blitzartig mit dem Kopf unter den Tisch.
„Äh, kann ich dir irgendwie helfen? Hast du was verloren?", fragte Rogue sie verwundert.
Dash kam langsam wieder unter dem Tisch hervor, mit einer leichten Verlegenheitsröte auf dem Gesicht. „Nein, alles gut.", winkte sie ab.
Fluttershy legte eine Richtungsänderung auf den Stapel. Der cyanfarbene Pegasus ging sofort an die Decke. „Gosh, Shy! Er hat nur noch eine Karte! Du hast ihm den Sieg praktisch geschenkt!"
Die kanariengelbe Stute zuckte unter dem plötzlichen Ausbruch zusammen und griff aus reinem Reflex nach der Karte, die sie gerade abgelegt hatte. Aber die Regeln waren klar: Wenn die Karte erst einmal lag, galt sie.
Rainbow warf einen vernichtenden Blick auf ihre Freundin, die sich mit einem quietschenden Laut hinter ihren Karten versteckte.
Das Rettungspony seufzte und nahm eine Karte vom Stapel. „Nicht meine Farbe.", kommentierte er und passte.
„Hallo, Leute! Was spielt ihr da?"
Die Köpfe am Tisch ruckten herum zu dem Pony, das sie angesprochen hatte. Es war Twilight, die gerade zur Tür hereingekommen war. „Kann ich mitspielen?"
Pinkie lächelte fröhlich. „Na klar! Setz´ dich!"
Das Einhorn nahm zwischen ihr und Rainbow Platz und ließ sich von der pinkfarbene Stute Karten austeilen.
Applejack schob ihren Hut in den Nacken und lehnte sich auf der Bank zurück. „Weiß´ eigntlich´ einer von euch, wo Rarity steckt?"
Twilight, Rogue und Rainbow schüttelten ihre Köpfe, aber Pinkie sah einen Moment lang von ihrem Blatt auf. „Ich habe sie zuletzt vor einer guten Stunde zusammen mit dem Kapitän unter Deck gehen sehen."
Eine unangenehme Stille breitete sich am Tisch aus. Twilight und Applejack warfen sich kurz einen ernsten Blick zu. „Weißt du, wohin sie gegangen sind?", fragte die lavendelfarbene Stute Pinkie.
Die Erdstute hob kurz die Augenbrauen und spähte unschuldig über den Rand ihrer Karten hinweg. „Sie haben sich über die Luftwacht unterhalten. Naja, eigentlich hat Kapitän Fairway viel darüber erzählt und Rarity hat nur zugehört. Ich glaube sie sind zu seinem Quartier gegangen. Warum?"
Applejack setzte zu einer Antwort an, aber Twilight unterbrach sie. „Wir sollten uns alle daran erinnern, das Rarity eine erwachsene Stute ist, die ihre eigenen Entscheidungen treffen kann. Außerdem ist sie, vor allem anderen, eine Lady mit guten Manieren." Sie warf einen warnenden Blick in die Runde, das Thema fallen zu lassen.
Die Blicke in der Spielrunde gingen fast gleichzeitig wieder hinunter auf die Karten. Scheinbar auf ihre Blätter konzentriert sagte niemand etwas.
Schließlich räusperte sich Applejack. „S´ nur so, dasser verd... dasser recht nett anzuschaun´ is´."
Die Stuten nickten, ohne aufzusehen.
„Seine Uniform sieht toll an ihm aus.", warf Rainbow Dash ein.
Twilight murmelte etwas.
„´Schuldigung, das ham´ wir nich´ verstandn´, Sugarcube."
Die Einhornstute sah nicht auf, sondern konzentrierte sich auf ihre Karten. Trotzdem konnte sie nicht verstecken, das ihre Wangen rot brannten. „Ich mag seine Mähne.", flüsterte sie verschämt, aber hörbar.
Pinkie warf eine Karte in die Mitte und grinste breit. „Na, ich weiß, was Rarity und mir an ihm gefällt! Sie hat es mir gestern Abend verraten, als ihr schon eingeschlafen wart. Es..."
„Pinkie!", fuhr Twilight dazwischen, bevor das Erdpony mit weiteren Details herausplatzen konnte.
Das Partypony zog einen Schmollmund. „Was denn? Sie hat mir kein Versprechen abgenommen, es nicht zu verraten! Außerdem ist wohl kaum ein Geheimnis, schließlich..."
„Pinkamena Pie! Wir sprechen nicht über... die Vorlieben von Freunden, die nicht anwesend sind!", sprach Twilight streng und warf ihrer Freundin einen vorwurfsvollen Blick zu. Pinkie gab einen missmutigen Laut von sich, schwieg aber und rutschte enttäuscht in ihrem Stuhl nach unten.
Rogue warf einen kurzen Blick auf Fluttershy, die sich noch mehr als zuvor hinter ihrem aufgefächerten Blatt verbarg. Er erhaschte einen kurzen Blick auf die furiose Röte, die sich über ihr wunderschönes Gesicht ausgebreitet hatte und fühlte unwillkürlich mit ihr. Es machte ihn selbst nicht wenig verlegen, die Stuten so über den Kapitän reden zu hören. Sicherlich, er war wirklich gutaussehend, er strahlte Selbstbewusstsein und Souveränität aus wie ein Leuchtturm und seine Umgangsformen waren jenseits jeglicher Kritik, aber...
Die kleine Stimme in seinem Hinterkopf meldete sich wieder einmal. Du bist eifersüchtig, stimmt´s?, fragte sie ihn mit neckender Stimme.
Er hätte gerne mit einem klaren ´Nein´geantwortet, aber letztlich würde es darauf hinausgelaufen, sich selbst zu belügen. Er stellte sich einen Moment lang vor, dass er es wäre, über den die Stuten sich so unterhielten. Es sprach eine einfache, animalische, männliche Seite in ihm an. Und die Vorstellung war alles andere als unangenehm.
Gleichzeit wurde er sich allerdings im Klaren darüber, was es bedeutete, das sie ihn Zeuge dieser Szene werden ließen. Sie zogen ihn ins Vertrauen – auf eine unterschwellige, unbewusste Art und Weise – indem sie einfach ihre Empfindungen über ein so persönliches Thema teilten. Es war ein gutes Gefühl. Doch es kam mit einer schmerzhaften Spitze. Das sie ihre Bewunderung für den Kapitän so unverhohlen von sich gaben musste gleichzeitig auch bedeuten, das sie ihn nicht auf eine solche Art und Weise betrachteten. Nicht so, sondern lediglich als... Freund.
Obwohl sein rationales Selbst damit zufrieden war, ja sich sogar über das Vertrauen freute, blieb da doch eine Spur der Enttäuschung in ihm zurück, die nicht vergehen wollte.
Er versenkte sich wieder in den Anblick seiner Karten in seinem Huf. Er fühlte eine unerklärliche Erleichterung darüber, das Fluttershy nichts zu diesem Thema gesagt hatte. Sicherlich war dies nicht anders zu erwarten gewesen, war diese Thema doch sicherlich zu peinlich für das scheue und freundliche Pony. Aber dennoch hatte er sich unwillkürlich innerlich angespannt, in der fast ängstlichen Erwartung auch aus ihrem Mund Worte der Bewunderung für den strahlenden Kapitän zu hören. Alleine der Gedanke daran bereitete ihm Bauchschmerzen.
Sie spielten schweigend weiter reihum ihre Karten, eine nach dem anderen. Es war klar, das niemand mehr mit dem ganzen Herzen dabei war.
Es war schließlich Applejack, die das aussprach, was die meisten insgeheim dachten. „Soll´n wir uns Sorg´n mach´n?"
Twilight blickte auf und biss sich nachdenklich auf die Lippe. Es war offensichtlich, das sie sich unsicher darüber war, wie sie die Situation behandeln sollte.
AJ kratzte sich hinter dem Kopf und fuhr fort: „S´ nich´ so das ich´s ihr nich´ gön´ würd´, aber ich will nich´ das se´ nen´ Fehler macht, den sie später bereut."
Die Einhornstute legte geistesabwesend eine Karte auf den Stapel. Sie wirkte nachdenklich, so als würde sie im inneren verschiedene Argumente gegeneinander abwägen, ohne zu einem eindeutigen Ergebnis zu kommen. „Vielleicht sollten wir... sollten wir...", begann sie unschlüssig. Von der Entschlossenheit, mit der sie ihre Freundin vorher verteidigt hatte, war wenig geblieben. Zweifel hatten sich in ihre Stimme eingeschlichen.
Und dort war er, der Bruch. Die Kluft, der sich zwischen den Freundinnen aufgetan hatte. Unsicherheit machte sich breit, wo vorher nur Vertrauen und Zuversicht geherrscht hatten. Die Sorge um das Wohl des Anderen war noch immer da, unverändert, aber die Einstellung zueinander war in Unordnung geraten. In diesem Moment ging Rogue auf, wie falsch die gesamte Situation doch war. Jeder der Freunde hatte dasselbe schreckliche Erlebnis durchgemacht und eigentlich hätte sie das noch stärker zusammenschweißen sollen, als dies ohnehin schon der Fall gewesen war. Aber es war, wie Fluttershy gesagt hatte: Sie klammerten sich aneinander, aus Gewohnheit, aus Furcht. Doch gleichzeitig trieben sie auseinander, verloren denn inneren Zusammenhalt, das Vertrauen, den Kern ihrer Freundschaft. Nicht, weil sie den Schrecken nicht ertragen konnten, denn gerade ihre Verbundenheit hätte ihnen darüber hinweg geholfen, besser als alles andere. Sondern weil jede für sich allein in ihrem Schmerz fühlte und sie auf so unterschiedliche Art und Weise darauf reagierten. Sie bewegten sich auf unbekannte Pfaden und es musste ihnen gerade im Angesicht des frischen Traumas vorgekommen sein, als würden sie ihre alten Freundinnen nicht wieder erkennen.
Vielleicht war es zumindest in diesem Augenblick ein Segen, dass er ihnen nicht so nah war, wie es die Stuten untereinander gewohnt waren. Er war noch immer so neu in diesem Kreis, dass er das große Ganze von Außen kritisch betrachten und den Kern des Problems erahnen konnte.
Es war kein Grund stolz auf sich selbst zu sein. Fluttershy hatte ebenso das Problem erkannt, ohne auf seine wenig beneidenswerte Objektivität angewiesen zu sein. Sie hatte alleine mit ihrem Einfühlungsvermögen und ihrer Intuition geschafft, wozu keine ihrer Freundinnen in der Lage schien.
Rogue linste verstohlen über den Rand seiner Karten, um dem kanariengelben Pegasus einen unauffälligen Blick zuzuwerfen.
Vielleicht konnte er und sie... zusammen...
Er bemerkte, wie eine verlegene Hitze sich in ihm breit machte, als er darüber nachdachte.
Er schüttelte seinen Kopf und versuchte das unwillkommene Gefühl loszuwerden, das sich in seine Gedanken schlich und sie durcheinander wirbeln ließ.
Es mochte sein, das er mit seiner Vermutung über die Ursache des Bruchs richtig lag, aber das bedeutete noch lange nicht, das er eine Lösung dafür hatte. Celestia wusste, er war kein Experte auf dem Gebiet der Freundschaft. Twilight mochte es sein, aber sie betrachtete das ganze zu klinisch, zu steril, um in dieser Angelegenheit von Nutzen zu sein. Fluttershy hingegen...
Sie war einfühlsam, mitfühlend und mit ihrer behutsamen Art geradezu prädestiniert, das richtige zu sagen und zu tun, um dieses Problem zu lösen, auch wenn ihr der objektive Blick fehlte.
Sie war vielleicht die Hilfe, die er brauchte.
Pinkie hob den Kopf. „Rarity!", rief sie erfreut aus und winkte aufgeregt. Alle Köpfe am Tisch wandten sich der Tür zu, wo die herrlich weiße Einhornstute gerade die Tür hinter sich schloss.
Sie strahlte über das ganze Gesicht, als sie sich zu ihren Freunden umdrehte.
„Oh, da seid ihr ja alle! Ich habe mich schon gefragt, wo ich euch finde!"
Alle betrachteten sie stumm, lediglich Pinkie schob ihr einen Stuhl zurecht, als die Fashionista elegant zu ihrem Tisch schritt. Sie setzte sich und warf einen verträumten Blick in die Runde, scheinbar ohne sich der unangenehmen Stille bewusst zu sein, die von den Anderen Besitz ergriffen hatte.
Ein kurzer Austausch besorgter Blicke, dann räusperte sich Twilight. „Nun, ähm, wie war dein Treffen mit dem Kapitän, Rarity?" Sie versuchte es beiläufig klingen zu lassen, aber die spürbare Anspannung in ihrer Stimme machte denn Versuch zunichte.
Raritys Lächeln wurde noch etwas breiter und ihre Augen strahlten. „Es war einfach wunderbar! Kapitän Fairway ist ein so hervorragender Erzähler! Ich könnte Stunde um Stunde damit zubringen, seinen Geschichten aus fremden Ländern und aufregenden Abenteuern zu lauschen. Wusstet ihr, das er schon in fast jedem bekannten Land war? Es muss wundervoll sein, so viele verschiedene Orte und Kulturen zu sehen. Es ist schlichtweg... inspirierend. Alleine durch seine Berichte habe ich ein gutes Dutzend Ideen für neue Kollektionen in meinem Kopf! Ich bin so froh, dass ihr mich doch noch überredet habt, euch zu begleiten. Alleine seine Bekanntschaft macht es die Reise wert." Sie strich sie verspielt durch die Mähne „Ein wahrer Gentlecolt bis in die letzte Spitze seiner Mähne. Er wollte und wollte einfach nicht mein Angebot annehmen, ihm eine Uniform zu schneidern. Er würde in etwas Hochgeschlossenem, Strengem einfach hinreißend aussehen!" Sie kicherte leise. „Aber ich bekomme ihn schon noch dazu."
Twilight nickte mechanisch mit dem Kopf. „Oh. Ja, das ist schön zu hören." Sie sah sich hilfesuchend im Kreis ihrer Freundinnen um, die jedoch alle plötzlich ein reges Interesse an ihren Karten zeigten. Sie rollte kurz mit den Augen und seufzte leise.
„Ähm, Rarity?", fragte sie unsicher.
Die weiße Einhornstute sah auf. „Ja? Was ist, Liebes?"
Twilight kratzte verlegen mit ihrem Huf über die Tischplatte und mied den Blick ihrer Freundin, während sie im Geiste versuchte, die Frage richtig zu formulieren. Schließlich musste sie aber einsehen, dass der direkte Weg der wahrscheinlich beste Weg war.
„Na ja, es ist so..." Sie rieb sich verlegen mit dem Huf am Hinterkopf. „Wir... also wir alle... äh, wir f-fragen uns..." ihre Stimme verlor sich im Stottern und eine furiose Röte bemächtigte sich ihrer Wangen. Schließlich kniff sie die Augen zusammen und stieß den Satz schnell zwischen ihren zusammengebissenen Zähnen hervor. „WirwollenwissenobdumitdemKapitänflirtest!"
Im Offizierssalon hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Selbst das Schiff selbst schien den Atem anzuhalten, als das allgegenwärtige Knarzen und Knarren für einen Moment aussetzte. Die Ponys am Tisch sahen Twilight alle mit großen, überraschten Augen an, dann wandten sich ihre Köpfe Rarity zu, die erstarrt und mit vor Entsetzen offenem Mund in ihrem Sitz saß.
Bevor auch nur einer von ihnen etwas sagen konnte, hörten sie aus der Ecke des Salons das Geräusch eines zuschlagende Buches. Wieder drehten sich die Köpfe wie an Schnüren gezogen und plötzlich wurden sie sich der Anwesenheit eines weiteren Ponys bewusst, das bis zu diesem Zeitpunkt still und halb versteckt hinter der hohen Lehne eines Ledersofas anscheinend friedlich gelesen hatte. Der Kopf des ersten Offiziers erschien hinter der Sitzgelegenheit, als er aufstand. Er warf einen kurzen Blick in die vor Schock erstarrte Runde und nickte dann freundlich. „Ich lasse sie dann mal alleine.", sprach er nonchalant und verließ mit sorgsam gemessenen Schritten den Salon. Jedes übrige Augenpaar im Raum folgte ihm. Erst das leise Klicken der Tür im Schloss schien die Freunde aus ihrem Bann zu befreien.
Twilight hielt sich einen Huf vor das Gesicht. „Oh, Gosh.", flüsterte sie, mehr zu sich selbst, als zu allen anderen.
Rarity bewegte in stummen Unglauben noch ein paar Mal den Kiefer auf und ab, scheinbar unfähig die passenden Worte zu finden. Doch dann klappte sie entschlossen den Mund zu. Ihre Augenbrauen senkten sich gefährlich.
„Wie kannst du es wagen?", hauchte sie zwischen ihren Lippen hervor.
„Wie kannst du es wagen?" brach es aus ihr heraus, laut und vorwurfsvoll.
Sie sprang auf und trat vom Tisch zurück, so als wären die dort sitzenden Ponys, ihre Freunde, eine Bedrohung.
„Wie könnt ihr es wagen? Ihr alle? Wie könnt ihr es wagen, mich derart bloßzustellen? Selbst wenn es stimmen würde, was geht es euch an? Was geht es euch an? Sagt es mir!" Sie blitzte herausfordernd in die Runde.
Twilight ließ sich von ihrem Sitz gleiten und machte einen Schritt auf die wütende Einhornstute zu. „Rarity, das war keine Absicht! Wir machen uns nur Sorgen um dich! Wir wollte nicht...!" Sie wurde jäh von der zornigen Stimme ihrer Freundin abgeschnitten.
„Aber ihr habt! Ich bin noch nie in meinem Leben so blamiert worden! Ob ich mit dem Kapitän flirte? Fragt man so etwas eine Dame? Eine Freundin?"
Twilight wich von dem heftigen Ausbruch wieder einen Schritt zurück, so das mit ihrem Stuhl hinter sich zusammenstieß.
„Rarity, bitte! Es steckte keine böse Absicht dahinter! Wir machen uns nur Sorgen, weil alles so schnell zu gehen scheint. Du kennst dieses Pony doch praktisch kaum. Wir wollen doch nur das du keinen Fehler begehst, den du später bereust! Wir sind alle derzeit etwas verwirrt und..."
„Verwirrt? Oh, ich denke ich weiß sehr gut, was hier vor sich geht.", stieß die weiße Stute in gefährlich ruhigen Ton hervor.
Sie blickte sich wieder in der Runde um und für einen Moment bekam ihr Ausdruck etwas zutiefst verletztes.
„Ist es das was ihr über mich denkt? Ist es das? Ich... ich hätte niemals geglaubt..." Sie wich noch einen Schritt zurück, doch diesmal war es mehr wie eine Flucht, als die Vorbereitung auf einen Sturmangriff.
„Rarity, bitte bleib! Lass uns bitte...", setzte Twilight in flehenden Tonfall an, aber die weiße Stute warf sich bereits herum und galoppierte aus dem Raum.
„Rarity, nein!" Pinkies hohe Stimme überschlug sich fast, als sie ihrer Freundin hinterherrief. Sie sprang von ihrem Stuhl und versuchte ihrer Freundin zu folgen, nur um von den starken Hufen Applejacks aufgehalten zu werden. „Lass mich los! Ich muss zu ihr! Sie darf so nicht gehen!"
„Easy, Pinkie. Ich weiß, du meinstes´ gut, aber se´ wird nich´ mit sich red´n lass´n. Se´ braucht´n bisschen Zeit, um wieda´ runterzukomm´. Glaub´ mir."
Pinkie wehrt sich noch einen Augenblick lang vergeblich gegen den festen Griff der Apfelfarmerin, dann erschlaffte sie. Sie vergrub ihr Gesicht in der Schulter ihrer Freundin und schluchzte leise.
„Wir haben es vermasselt, oder? Sie wird uns doch jetzt nicht hassen, oder? Wir haben es doch nur gut gemeint, oder? Sie wird es verstehen, nicht wahr?" Ihr Stimme war so hoffnungsvoll, so naiv und doch verzweifelt, das es einen Stachel des Pein in Rogues Herz trieb. Applejack strich ihrer Freundin beruhigend über den Rücken und flüsterte ihr ins Ohr. „Se´ fängt sich wieder, Pinkie. S´ wird alles wieder gut."
„Versprich es mir!" Die pinke Stute klang nun tatsächlich wie ein Fohlen. Wie ein junges Pony, dessen ganze Welt aus den Fugen geraten war und das sich an dem wenigen festklammerte, was ihm noch geblieben war. Ein Pony, das verzweifelt das Licht am Grundes des Loches sucht.
Applejack blickte sich hilfesuchend in der Runde ihrer Freundinnen um. Aber betretenes Schweigen war alles, worauf sie traf.
„Ich... kann´s nicht."
Einsamkeit.
Rogue hatte ein seltsam gespaltenes Verhältnis zur Einsamkeit.
Er war ein Pony, das ganz wunderbar mit sich selbst klar kam. Es machte ihm nichts aus, seine freien Tage alleine zu Haus zu verbringen oder spazieren zu gehen, um sich in der anonymen Masse der Manehattener Großstadt zu verlieren. Er konnte einen ganzen Tag hinter einem Buch vergraben verbringen ohne das ihm in den Sinn gekommen wäre, die Zeit sei verschwendet gewesen.
Einsamkeit bedeutete Ruhe, es bedeute eine Verschnaufpause, einen Moment des Durchatmens, bevor man sich wieder in den unberechenbaren Trubel der Gesellschaft anderer stürzte. Es bedeutet zurücktreten zu können, ans Ufer zu schwimmen und sich aus dem Strom zu nehmen. Sich an den sandigen, warmen Strand zu legen und die Wellen vorbeiziehen zu lassen. Nur sich selbst genügen zu müssen.
Aber es bedeutete auch, das niemand da war, wenn man die letzte Seite umblätterte und das Abenteuer zu ende war. Es bedeutete, im Park zu stehen und einen wundervollen Sonnenuntergang über der Manehattener Bucht zu beobachten ohne sich mit jemanden darüber freuen zu können. Es bedeutete Lachen, das unerwidert in den Wänden seiner kleinen Wohnung verhalte. Essen, mit Sorgfalt und Freude zubereitet, von dem die Hälfte im Mülleimer landete, weil man immer zu viel kochte. Es bedeutete nur sich selbst zu haben.
Rogue mochte die Einsamkeit nicht. Aber er suchte dennoch immer wieder danach, wie eine schlechte Angewohnheit. Und manchmal brauchte er sie einfach.
So fand er sich schließlich ziellos durch das Unterdeck streifend wieder, allein.
Das Orlopdeck war nur mäßig durch kleinen, weit verteilten Fenster zu beiden Seiten beleuchtet und größtenteils in Zwielicht getaucht. Wo das helle Licht des Tages durch die Fensterscheiben drang, tanzte Staub in der Luft. Diese tiefe Deck diente hauptsächlich als Vorratslager für Material und Werkzeuge. Rollen mit Segelstoff und Ballonseide waren sauber in Regale gepackt und festgezurrt, Kisten mit Nägeln, Schrauben und Bolzen ordentlich aufgereiht und verkeilt. Tau lag in großen Schlaufen auf dem Boden, neben Säcken mit Putzstein und kleinen Teerfässern. Hierher schien es normalerweise kaum ein Pony zu verschlagen.
Er ließ sich auf eine Rolle mit Schiffstau fallen, das ihm zumindest leidlich bequem aussah und schnaufte kurz durch.
Er hatte es vermasselt.
Er war sich ziemlich toll vorgekommen, als er ach so rational das Auseinanderdriften der Freundschaft beobachtet, beurteilt und analysiert hatte. Er hatte sogar als großer Denker bereits einen Ansatz zur Lösung parat gehabt. Er würde diese Freundschaft retten, dieses Abenteuer zu einem erfolgreichen Abschluss bringen und ganz Equestria retten. Ha!
Dummerweise war dann die Realität dahergekommen und hatte ihn gründlich zurück auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.
Er hatte kein einziges, verdammtes Wort herausgebracht.
Er hatte praktisch von dem Moment an, als Twilight ihren Mund aufmachte, gewusst, das es schief gehen würde. Es war ein Gefühl gewesen, als würden tausend kleine Ameisen über seinen Rücken marschieren und etwas böses im Schilde führen.
Und gleichzeitig verschwand jeder sinnvolle Gedanke in seinem Kopf durch die Hintertür.
Er hatte hilflos mitansehen müssen, wie das Unheil seinen Lauf nahm. Twilight, die sich bei jedem Satz unwohler fühlte. Das betretene Schweigen der Anderen. Rarity, zornig und zugleich zutiefst verletzt. Er hatte wie ein Idiot daneben gesessen und es einfach geschehen lassen.
Bandit war von seinem Kopf geklettert und knabberte probierend an einem der Tauenden. Er schien aus irgendeinem Grund gefallen daran zu finden und zerrte es ein Stück aus dem Haufen heraus. Rogue begann gedankenverloren damit es mit dem Huf auf dem Boden herumzurollen, was das kleine Tierchen dazu veranlasste, keckernd über das Seil zu springen.
Es war nicht genug, es zu verstehen. Er musste bereits sein, auch aktiv etwas dagegen zu unternehmen.
Aber das war leichter gesagt, als getan.
Er wusste, das sie ihn als ihren Freund akzeptierten. Er wusste, dass sein Wort in der Gruppe Gewicht hatte. Er wusste, hätte er etwas gesagt, wäre er aufgestanden und hätte etwas gesagt, hätten sie ihm zugehört. Was er nicht wusste, war, was er sagen sollte.
Er verstand die Rollen innerhalb dieser Gemeinschaft auf einem grundlegenden, intuitiven Level. Pinie war der Spaßvogel, der Clown der Gruppe. Rainbow der Kumpel auf den man sich immer verlassen konnte. Rarity die Perle, die ihren Glanz gerne teilte. Applejack der Freund, der einem immer ins Gesicht sagte, was er dachte. Fluttershy war das große, weiche Herz der Gruppe. Und Twilight war die unbestrittene Anführerin. Er selbst... er hatte gedacht, er könnte eine Art Schmiermittel sein, das alle Teile etwas besser funktionieren lässt. Das hörte sich zwar alles andere als heroisch an, aber er wäre damit zufrieden gewesen.
Sein Huf stoppte das Tauende.
Zeit seines Lebens waren Freunde für ihn so etwas wie eine Option gewesen. Ein Möglichkeit, die man dankend annahm, wenn sie sich erbot, aber auch nicht mehr. Es war eine Art Bonus. Aber nicht unabdingbar. Er war zufrieden damit dabei sein zu dürfen, auch wenn er nicht auffiel.
Jetzt war das anders. Er wollte dazugehören. Er wollte Teil des Ganzen sein, nicht nur ein Beisteher. Er wollte... gebraucht werden.
Er hatte gedacht gefunden zu haben, was ihm eine echte Daseinsberechtigung in dieser Gruppe gab, jenseits des bloßen Wohlwollens der Anderen. Etwas, mit dem er sich selbst davon überzeugen konnte, ein vollwertiges Mitglied des Kreises zu sein.
Aber das Desaster im Offizierssalon hatte im klargemacht, dass er es nicht alleine fertigbrachte. Verdammt, wer wusste noch nicht einmal genau, woran es gelegen hatte, das es ihm so plötzlich die Sprache verschlug. Er war sich plötzlich so unsicher vorgekommen, so machtlos, so... ängstlich.
Ja, er hatte Angst gehabt. Angst, das falsche zu sagen. Angst es falsch anzupacken, es noch schlimmer zu machen. Angst, das Zutrauen und die Sympathien zu verspielen, die ihn in diesem Kreis hielten. Es war eine irrationale, dumme Furcht gewesen, die von ihm Besitz ergriffen hatte. Er hatte genug Vertrauen in seine Freunde gefasst um zu wissen, dass sie ihm keinen auch noch so unbeholfenen Versuch übel genommen hätten. Aber die Angst blieb. Ein kleiner, unsicherer Rogue tief in ihm drin zittert vor der bloßen Möglichkeit, zurückgewiesen zu werden. Es war ein alter, halb vergessener und doch so vertrauter Teil von ihm. Es war ein kleines Fohlen, das mit Tränen in seinen Augen auf den Hinterbeinen saß und sich fragte, warum ihn die anderen nicht mitspielen ließen. Was er falsch gemacht hatte, oder was falsch an ihm war, dass sie ihn abwiesen. Es war ein naiver, kindlicher Teil von ihm und er schämte sich seiner zutiefst. Vor allem, weil er noch immer solche Macht über ihn ausübte.
Bandit ließ das Ende des Taus plötzlich los und spitzte die Ohren. Er erhob sich auf seine Hinterbeine und schnupperte prüfend in der Luft. Er warf dem trübseligen Pony vor ihm noch einen kurzen Blick zu, dann huschte er davon in die Schatten zwischen den Regalen.
„Hey! Wo willst du hin? Komm zurück!" Rogue erhob sich von seinem leidlich bequemen Lager und versuchte seinen kleinen Freund im Blick zu behalten. Das Tierchen huschte zwischen den Kisten hindurch unter eines der Regale.
„Bandit, ich habe jetzt keine Lust auf Spielchen. Komm hierher!" Das Kratzen kleiner Krallen auf dem Holz der Planken machte ihn aufmerksam. Es bewegte sich von ihm weg, Richtung der kleinen Tür, die sich bugwärts an das Deck anschloss. Die Luke stand einen Spalt breit offen und ließ einen schmalen Streifen Licht zwischen die links und rechts gestapelten Fässer fallen. Eine kleiner brauner Schatten huschte durch die enge Öffnung.
Rogue rollte mit den Augen und trotte zu der angelehnten Tür. Er war noch ein paar Schritt entfernt, als er mehr aus den Augenwinkeln, als wirklich bewusst, einen zweiten kleinen Schatten durch die Luke huschen sah.
Er blieb einen Augenblick stehen und runzelte die Stirn. Langsam setzte er sich wieder in Bewegung und näherte sich, diesmal vorsichtiger, der Tür. Er hörte eine Stimme dahinter, die leise sprach.
„Schön langsam. Ich habe für alle etwas dabei. Du! Du hast schon genug! Du musst lernen, mit anderen zu teilen! Hier, das ist aber das letzte für dich."
Zögernd drückte er die Tür mit der Hufspitze auf.
Die Wand des Decks trennte einen kleinen Raum von der gewölbten Innenseite des Bugs ab. Es war wahrscheinlich eine Art Abstellkammer, soweit eine solche in dem begrenzten Raum an Bord eines Schiffes existieren konnte. Loses Material, rostiges Werkzeug, Bürsten und Eimer, kleine Holzreste und staubige Lappen hingen in Netzen von der Decke. Kleine verlotterte Kisten waren unordentlich auf dem Boden verteilt und schmutzige Säcke waren in einem schiefen Haufen aufeinander geschmissen worden. Im Vergleich mit dem sonst fast penibel sauber gehaltenen Schiff wirkte dieser Raum wie ein vergessener Winkel. Das einzige Licht kam aus einem staubigen, schmalen Fenster zur Linken, auf der anderen Seite verwehrte ein großer Schrank jeden Strahl der Sonne.
Auf dem Boden in der Mitte des Raumes, beschienen von dem hellen Rechteck in dem der Staub tanzte, saß eine kanariengelbe Pegasusstute. Als die Tür sich öffnete zuckt ihr Kopf nach oben und ihr Vorderlauf schob ein kleines Bündel unter ihren Körper. Ihre Lippen formten ein überraschtes ´O´.
Bandit saß vor ihr auf den Hinterbeinen und warf Rogue über die Schulter einen genervt wirkenden Blick zu.
Fluttershy hielt seinem Blick einen Moment lang stand, dann sah sie verschreckt weg, während eine verlegene Röte auf ihre Wangen trat.
Rogue blieb unsicher in der Tür stehen. „Was machst du hier?", fragte er.
Ihrer Röte vertiefte sich um eine Note. „N-Nichts.", flüsterte sie in verhuschtem Tonfall.
Das Rettungspony trat vorsichtig in den Raum um die schreckhafte Pegasusstute nicht aufzuscheuchen. Auch wenn der Ort nicht dazu passte, erinnerte sie ihn doch gerade mehr als jemals zuvor an einen zarten, wunderschönen Vogel, den jede unbedachte Bewegung, jeder Laut aufschrecken und davonfliegen lassen konnte.
Der Platz in der Kammer war begrenzt und so musste er nahe an sie heranrücken, um sich auf seinen Bauch niederlassen zu können. Er wollte alles andere als sie bedrängen, aber dennoch war er nahe genug bei ihr, um über das muffig-staubige Aroma des Gerümpels den warmen Duft ihres Körpers wahrnehmen zu können. Es war alles andere als unangenehm. Zu seinem Erstaunen duldete sie seine Nähe, ohne auch nur der Form halber beiseite zu rücken. Er sah sich noch einmal kurz in der Kammer um, warf einen Blick auf Bandit und zählte zwei und zwei zusammen.
„Wen fütterst du hier?", fragte er sie im freundlichen Tonfall.
Fluttershy´s Blick zuckte bei der Frage zurück zu ihm. Für einen Augenblick sah sie so aus, als wolle sie es abstreiten, dann, als wolle sie aufspringen und einfach davonlaufen, aber nichts von beidem geschah. Statt dessen schob sie das kleine Bündel, eine zusammengefaltete Stoffserviette aus der Messe, wieder vor sich. Sie schob die Stofflagen mit dem Huf auseinander und enthüllte einen kleinen Krumen Brot, das darin eingeschlagen war.
Es raschelte plötzlich in den Ecken und Winkeln des kleinen Raumes.
Rogue´s Kopf fuhr herum und um ein Haar wäre er aufgesprungen. Doch als sich das erste, spitze braune Gesichts unter dem Stapel von Säcken zeigte, entspannte er sich wieder.
Angelockt vom Futter, krochen sie aus ihren Verstecken: zunächst nur zwei, drei, dann waren es fünf, dann neun und schließlich huschte ein gutes Dutzend kleiner, dunkeläugiger Mäuse auf dem staubigen Boden umher. Soweit es ging, hielten sie Abstand zu dem Hengst und auch Bandit, der ein gutes Stück größer war als sie. Sie schnappten sie mit kleinen, flinken Vorderpfoten die Krümel von der Serviette, die wie ein Tischtuch vor ihnen ausgebreitet war und mümmelten mit aufmerksam aufgestellten Ohren die Überbleibsel der Mahlzeit. Es war sicher ein lustiges Bild, aber es war etwas anderes, was Rogue´s Blick gefangen nahm.
Fluttershy war leicht nach unten geneigt, die lange, dichte Strähne ihrer rosafarbenen Mähne floss von ihrer Schulter herunter und ließ ausnahmsweise ihre großen, kristallklaren Augen frei. Ihre Lippen umspielte ein leichtes Lächeln, so warm und glücklich, das es alleine ausgereicht hätte, diesen Ort aufzuhellen.
Für einen Moment, kurz und kostbar, stellte Rogue sich vor, sie würde ihn einmal so betrachten. Es war eine Vorstellung, obwohl naiv und ohne Hoffnung auf Erfüllung, die sein Herz schneller schlagen ließ und eine angenehme Hitze in ihm entfachte. Und, was noch schlimmer war, die er nicht aus seinem Kopf vertreiben mochte, auch als er sich zwang, wieder dem Treiben auf dem Boden zuzusehen.
„Ich konnte einfach nicht widerstehen.", sagte Fluttershy leise, das Gesicht immer noch dem Boden zugewandt. „Ich weiß, das sie nicht gewünscht sind. Aber ihre Familie hier an Bord ist zu klein, um einen echten Schaden anzurichten. Es fällt nicht auf, wenn sie sich hier und da etwas stibitzen. Sie müssen stehlen und sich verstecken, immer und vor jedem. Trotzdem sind sie glücklich hier, haben sie mir gesagt." Sie warf ihm einen furchtsamen Blick zu. „Du wirst uns doch nicht verraten, oder?"
Rogue schüttelte langsam seinen Kopf. „Nein, natürlich nicht.", sagte er ernst.
Ein Lächeln blitzte auf ihrem Gesicht und ein kurzer Stich ging durch seine Brust.
Stille kehrte zwischen ihnen beiden ein und gab ihm Gelegenheit sich daran zu erinnern, was außerhalb dieses ruhigen Fleckens vor sich ging.
War es so etwas wie Schicksal, das seine Hufe hierher geleitet hatte? Seine Stimmung war düster gewesen, als er das träge Zwielicht des Unterdecks durchschritten hatte. Es hatte nur einige Momente mit dem sanften Pegasus gebraucht, um ihn alles vergessen zu lassen. Und mehr noch... etwas von der Zuversicht, die ihn nach seinem Versagen bei Raritys Abgang scheinbar vollkommen verlassen hatte, war zurückgekehrt. Vielleicht konnte er doch... vielleicht war es möglich, das... vielleicht mit ihrer Hilfe...
Er machte den Mund auf. Klappte ihn wieder zu. Er holte Luft. Er stieß sie wieder aus. Er setzte an. Er blieb stumm.
Rogue strich sich verzweifelt mit dem Huf durch die Mähne. Verdammt, was war mit ihm los? Er musste es ihr nur sagen. Er musste sie nur um Hilfe bitten. Das war Wichtig.
Für einen Augenblick war er versucht es sein zu lassen, den Moment verstreichen zu lassen und es auf eigenen Huf zu probieren. Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit war vergangen und das Gefühl seines Versagens momentan nur eine ferne Erinnerung. Es schien wieder möglich seinen alten Plan weiter zu verfolgen und die zerbrochenen Teile mit einer feinen Ader aus Gold zusammenzufügen. Er wusste immer noch nicht wie, aber es schien wieder in Reichweite. Wenn er sich nur genug anstrengte, dann...
Der Augenblick verflog und mit ihm seine Illusionen. Er konnte es nicht alleine. Das hatte er von Anfang an gewusst. Er brauchte Hilfe. Ihre Hilfe. Er musste sich nur überwinden.
Er sah auf und seine Entschlossenheit schmolz wie Schnee in der Sonne. Wie konnte er sie fragen? Seine Kehle schnürte sich allein bei der Vorstellung zu. Er fühlte sich wie Schulfohlen, dass das Erste mal eine Füllen um ein Date bat. Wie dämlich war das? Er war erwachsen und es ging um nichts, aber auch gar nichts romantisches. Wieso brachte er also kein Wort heraus? Er hatte sich doch vorher ganz normal mit ihr unterhalten. Aber das Bild ihres Lächelns vor seinem geistigen Auge wollt nicht verschwinden.
„Rogue?"
Er schreckte auf.
„J-Ja?"
„Ist alles in Ordnung mit dir? Du bist ganz rot um Gesicht."
Jetzt fühlte er sich, als wolle er jeden Augenblick die Flucht ergreifen. Er fühlte sich ertappt, bloßgestellt. Er wusste, dass das Unsinn war, gerade vor Fluttershy. Aber sein Herz schlug dennoch so schnell, das er es bis in die Ohrenspitzen fühlte.
„I-Ich...", begann er stotternd.
Sag´ es!, schrie ihn die Stimme in seinem Kopf an. Sag´ es! Sag´ es!
„I-Ich..."
Seine Augen huschten im Raum umher, verzweifelt auf der Suche nach Halt...
Sein Blick fiel auf ihr Gesicht.
Augen, so tief wie ein Brunnen. Blau und klar und rund vor Sorge und Mitgefühl. Er hielt sich daran fest, fand für einen Moment halt und... sprang.
„Fluttershy, ich... ich brauche deine Hilfe."
Sie sah ihn noch einen Moment lang an und ein unentschlüsselbarer Ausdruck huschte über ihr Gesicht. Dann lächelte sie sanft und fragte: „Aber gerne. Wie kann ich dir helfen?"
Der Knoten in seinem Hals verflog und hinterließ nicht mehr als ein raues Kratzen.
„Es geht um Rarity. Oder besser gesagt, es geht um uns alle." Er kratzte sich verlegen mit dem Huf über den Vorderlauf. „Fluttershy, es geht nicht mehr so weiter. Das heute in der Messe hat mehr als genug gezeigt, dass es Probleme zwischen eu... zwischen uns allen gibt, die wir dringend besprechen müssen. Wir bewegen uns alle derzeit auf sehr dünnem Eis und es ist nur eine Frage der Zeit, bis alles zusammenbricht. Vielleicht... vielleicht hat es bereits begonnen. Ich..." Er schnaufte tief durch. „Ich brauche deine Hilfe, um diesen Freundeskreis zu retten. Ich kann es nicht alleine." Seltsam, so schwer diese Worte auch auszusprechen waren, er fühlte sich leichter, als sie seine Lippen verlassen hatten. „ Ich glaube, das d-du und Ich zusammen v-vielleicht... vielleicht... können wir uns etwas überlegen, damit das nicht passiert. Etwas, das die Dinge wieder ins Lot bringt."
Die Pegasusstute ließ ihren Kopf sinken.
„Es ist schlimm, nicht war? Zu sehen, wie sich Freunde gegenseitig langsam fremd werden." Sie faltete Ihre Flügel um ihre Brust, wie um sich selbst warm zu halten. „Es tut mir weh, Rogue. Es tut mir weh, hier, ganz tief drin." Sie neigte ihren Kopf, bis ihr Kinn auf der Stelle ruhte, wo ihr Herz schlug und schloss die Augen.
„Ich möchte, das es wieder so ist wie früher. Ich möchte, das wir uns wieder so freuen, so miteinander lachen können, wie wir es gewöhnt waren. Ich möchte es so sehr." Sie schniefte traurig.
Nichts in der Welt hätte Rogue in diesem Augenblick lieber getan, als zu ihr hinüber zu gehen und sie fest in seine Hufe zu nehmen. Sie zu Umarmen, fest zu halten und ihr damit das Wenige an Trost zu spenden, zu dem er fähig war. Aber er konnte es nicht. Eine Angst, klein und verrückt, hielt ihn zurück. Die Angst, sie könnte es nicht wollen. Die Angst sie könnte, für einen Moment nur, zurück zucken. Die Angst, sie könnte es missverstehen. Der Gedanke daran lähmte ihn, verdammte ihn, sie in ihrer Traurigkeit allein zu lassen. Nach außen hin kalt, wo doch sein Innerstes beim Anblick alleine brannte wie ein Lauffeuer.
„Glaubst du, das es Dinge gibt, die man nicht ändern kann?", fragte sie. „Egal wie sehr man sich anstrengt? Die einfach passieren, ihren Lauf nehmen und von keinem Pony aufgehalten werden können?" Sie hob ihren Kopf, suchte seinen Blick, fragend, hilfesuchend. „Meinst du, das es Schicksal ist, was uns zugestoßen ist? Wir dachten, dass wir immer zusammenstehen würden, Freunde für immer. Doch jetzt... i-ich sehe nicht, wo wir etwas falsch gemacht haben. Es ist... einfach passiert."
Nein!
Oh, Celestia, wie schrie sein Innerstes. Er hatte geglaubt, gehofft, so sehr, das Fluttershy trotz allem, noch immer das bewahrt haben mochte, was allen anderen verloren gegangen war. Doch es schien, als hätte sie zuletzt auch verzweifelt.
Nein!
„Nein." Er war selbst überrascht, wie entschlossen seine Stimme klang. „Nein." wiederholte er noch einmal.
Seine Gedanken rasten. Er konnte nicht zulassen, das sie, sein Anker, seine Hoffnung sich verlor. Er... er brauchte sie. Sie konnte, sie durfte nicht aufgeben.
Er stolperte auf seine Hufe, suchte Halt auf dem hölzernen Deck des Schiffes.
„Ich kann... ich will nicht an ein solches Schicksal glauben."
Er hatte so sehr gehofft, das er sich auf sie verlassen konnte. Er hatte so sehr geglaubt, das sie mit ihrer Zuversicht, ihrem Mitgefühl und Einsicht seinen Pfad leiten würde.
„Es würde bedeuten, dass wir hilflos sind, unfähig, umher geworfen wie ein Treibgut in den Wellen."
Er wusste, er kämpfte einen verzweifelten Kampf. Er konnte es nicht alleine. Sie war seine einzige Hoffnung.
„Ich kann und ich will nicht daran glauben."
Es kann, es darf nicht sein. Wenn sie ihren Glauben nicht mehr hatte, wie konnte er sich seinen bewahren? Wie konnte er es ihr begreiflich machen?
„I am the Master of my Fate.", flüsterte er. Die Worte, mittlerweile so wohlbekannt, verströmten Kraft, Zutrauen.
„I am the Master of my Fate.", sprach er lauter. Er konnte nur hoffen, das etwas davon auf sie über ging.
„Ich habe mein Schicksal in meinen Hufen. Ich bestimme es, mit dem was ich tue oder was ich lasse."
Es war nur ein schwacher Moment für sie. Jeder konnte ihn haben, auch sie. Er musste daran glauben. Es kam darauf an, ihr darüber hinweg zu helfen. Er fasste sich Mut und legte ihr seine Hufe auf die Schultern. Ihr Fell fühlte sich wie Seide unter seiner Berührung an. Er war gesprungen, doch er fühlte sich jetzt mehr, als würde er schweben. Die Worte, seine Zuversicht, generierten sich wie im Fluss. Noch während er sprach, spürte er, wie sein schon verloren geglaubter Mut zurückkehrte. Er musste Stark sein, für sie beide. Er... wurde gebraucht.
„Lass uns nicht verzweifeln, Fluttershy. Wir können es schaffen, vielleicht nicht alleine, aber gemeinsam. Wir können den Anstoß geben der nötig ist, damit sich alles wieder richtet. Bitte, glaube daran." Es war seltsam davon zu sprechen, obwohl ihn doch selbst noch Zweifel plagten. „Sie... Wir alle wollen es. Wir brauchen nur einen Schubs in die richtige Richtung. Hilf mir dabei. Damit alles wieder so wird wie früher. Ich bitte dich."
Sie zuckte nicht unter seiner Berührung zurück, versteifte sich lediglich für einen Augenblick, als wäre sie überrascht von seinem Vorstoß. Er blickte ihr tief in die Augen und diesmal erwiderte sie es ohne Verlegenheit. Er konnte seinen Huf nicht davon abhalten zu zittern, so sehr zerrte die Aufregung an ihm. Er versuchte zu ignorieren, wie nahe er ihr war, wie kurz die Distanz zwischen ihren Gesichtern war, aber es gelang ihm nicht ganz.
Sie sah ihn aus großen Augen an, überrascht und ein wenig erschreckt. Der Moment zog sich hin, in dem sich keiner von beiden bewegte.
Was muss ich sagen, damit du mir glaubst?, fragte er sich verzweifelt. Was muss ich muss tun?
Es blieb noch eine Möglichkeit...
Ihr Lippen waren keinen Hufbreit voneinander entfernt. Es genügte ein leichtes Vorbeugen, nur eine kleine Bewegung, nur ein Moment des Mutes, der Gedankenlosigkeit, des Wahnsinns im Augenblick...
Er wollte es. Er wollte es so sehr. Vergessen waren Grace, Darling und Applejack. Sein Universum schrumpfte zusammen auf ihn und die liebliche Stute vor ihm, bis nur sie beide existierten. Der Abstand zwischen ihnen schloss sich und schließlich...
„Ja..."
Für einen verrückten, selbstvergessenen Moment glaubte er, sie hauche ihm ihre Zustimmung zu. Doch dann fand sein Blick ihre Augen und sein Selbst wieder die Realität. Der Moment verging und er verstand, was sie meinte.
„Ja, du hast recht! Wir... wir können es schaffen!" Sie richtet sich auf und der Abstand zwischen ihren Gesichtern wurde größer. „Ich meine, wir sind immer noch Freude, oder? Wir.. wir müssen uns nur daran erinnern wie es war... wie wir früher waren. Wir haben irgendetwas auf dem Weg verloren und wir müssen es nur wiederfinden." Das Lächeln auf ihrem Gesicht wurde dünner und verschwand, um einem sorgenvollen Gesichtsausdruck Platz zu machen. „A-Aber was könnte das sein?" Ihr Blick huschte zu Rogue. „Mhm, hast... hast du eine Idee?"
„Wa-Was?" Rogue hatte nicht zugehört. Er hatte die letzten Sekunden damit zugebracht, sich aus der kleinen Fantasiewelt zu lösen, in die er irgendwo während der letzten zwei, drei Minuten abgedriftet war.
Es war schon wieder passiert. Er war nur eine Haaresbreite davon entfernt gewesen, Fluttershy einen verrückten, süßen, zweifelsfrei verhängnisvollen und doch so sehnsüchtigen Kuss genau auf diese herrlichen Lippen zu geben. Seine Vorstellung ließ ihn allein beim Gedanken daran erstarren. Zu lebensnah konnte er sich ihre Überraschung, ihr plötzliches Zurückzucken, ihr Verwirrung und den verletzten Ausdruck auf ihrem Gesicht ausmalen. Nur ein Augenzwinkern entfernt – und er hätte alles fortgeworfen, seine Hoffnung, gemeinsam dieses Problem zu lösen, die Freunde wieder zusammenzuführen und vielleicht Equestria zu retten. Das Verrückte war, dass er trotzdem nicht aufhören konnte, daran zu denken. Es kreiste in seinem Verstand, lachte ihn höhnisch aus, verspottete ihn. Er war ein Wolkenkopf, ein Träumer, der sich in seinen eigenen Fantasien verloren hatte. Doch obwohl er darum wusste, obwohl er verstand, dass das, was in seinem Kopf vorging niemals Realität werden konnte, hielt sich hartnäckig dieser kleine, gegen jede Rationalität resistente Gedanke in seinem Kopf. Der mit einem kleinen Hut aus Aluminiumfolie auf dem Kopf langsam vor und zurück wippte und dabei leise flüsterte: ´Es kann immer noch geschehen. Es kann immer noch geschehen.´
„Ich weiß es nicht." Zeit. Er musste Zeit gewinnen. Eine kurze Pause, um wieder mit sich selbst klar zu kommen. Er schalt sich selbst für seine Schwäche. Was war er für ein Freund? Für Fluttershy und die Anderen? Er versuchte zu helfen, aber alles, woran er denken konnte, war, wie sich ihre Lippen auf den seinen anfühlen würden. Er dachte an Applejack. Wohin hatte ihn sein Herumturteln mit ihr gebracht? Ein Kuss im Lager vor dem Wald... und eine Ewigkeit, in der er sich fragen würde: Was wäre wenn? Was, wenn sie es trotz allem versucht hätten? Was wenn sie sich erlaubt hätten, das, was sie füreinander fühlten, was sie sich eingestanden hatte, dort an diesem weit entfernten Morgen, auszuleben? Was, wenn es nicht bei diesem Abschiedskuss geblieben wäre? Was wäre wenn? Alle Gründe, warum sie es dabei belassen hatten, waren immer noch nachvollziehbar und gültig und dennoch...
Was blieb, war das Gefühl einer verpassten Chance und eine gewisse Zurückhaltung seiner Cousine gegenüber, ein Spalt im Vertrauen, der vorher nicht vorhanden gewesen war. Er wusste nicht, ob es nur ihm so ging, denn AJ ließ sich dies betreffend nichts anmerken. Vielleicht war es nur sein Geist, der mit diesem Kapitel einfach nicht abschließen wollte.
Doch eines war sicher: Er wollte um nichts in der Welt eine solche Kluft zwischen sich und der freundliche Stute vor ihm entstehen lassen, in der er sich auf so vertraute Art und Weise wiederfand.
Er schloss die Augen und legte für sich selbst einen kleinen Schwur ab: Wenn diese Abenteuer bestanden war, würde er nach Manehattan zurückkehren und es ernsthaft mit Darling probieren, komme was wolle. Er würde sie ausführen, mit ihr tanzen gehen. Dann würde er mit ihr am Ufer des Hudcolt-Rivers spazieren gehen und ihr alles erzählen. Seine Reise nach Ponyville, die Sache mit Applejack, den Überfall, das Abenteuer im Alten Land und Fluttershy. Dann würde er sie nach Hause bringen. Und wenn sie ihn dann noch haben wollte... Er würde die Freundschaft mit den Elementen immer in Ehren halten und ihnen treu bleiben, als Freund. Aber er musste einen Weg wählen. Und jetzt, hier, gab es nur eine Option.
Ja. Ja, vielleicht konnte er so über die Runden kommen. Ein Ziel vor Augen und alle Schritte dorthin nach und nach. Er musste es zumindest versuchen. Doch sein Herz wollte nicht aufhören ihn einen Dummkopf zu schelten.
„Vertrauen.", stieß er hervor. Jetzt, da er sich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte, fühlte er sich ausgelaugt, leer.
„Vertrauen.", wiederholte er müde. Es war, als wäre eine große Last von seinen Schultern genommen worden, als wäre eine Pflicht von ihm abgefallen, die unbequem und schwierig gewesen war, aber erfüllt war. Es sollte ein Moment der Freiheit werden, aber es bleib nur ein fader Beigeschmack von Enttäuschung in ihm zurück. „Letztlich fällt alles darauf zurück. Wir haben das Vertrauen zueinander verloren. Das ist der Grund, warum alle auseinanderdriften. Das ist der Grund, warum es überhaupt zu so etwas wie im Offizierskasino kommen konnte." Waren es seine Schlussfolgerungen, oder hatte Fluttershy nicht bereits so etwas gesagt? Er wusste es nicht mehr.
Die Pegasusstute nickte langsam. „Ja, das stimmt. Wir hätten Rarity vertrauen sollen. Dann wäre es gar nicht so weit gekommen" Sie blickte auf ihre Hufe, nachdenklich.
Die Frage schwebte unausgesprochen im Raum? Was tun?
Rogue wusste keine Antwort darauf. Das Gefühl der Resignation, das von ihm Besitz ergriffen hatte, breitete sich aus. Er hatte eine Entscheidung zum Besseren, zum sicheren Erhalt der Gruppe getroffen und so sollte es gut sein. Aber er hatte den Eindruck, tief in sich drin, als hätte er einen Fehler begangen. Und er konnte dieses Gefühl einfach nicht abschütteln.
Irgendwie hatte er geglaubt, dass sich alles von selbst erledigen würde, wenn er Fluttershy ins Vertrauen zog. Das sie auf eine magische Art und Weise einfach wissen würde, was zu tun wäre. Im Rückblick kam ihm das sehr dumm vor – hätte sie es gewusst, hätte sie schon längst entsprechend gehandelt.
Letztlich fand er sich wieder allein. Es war an ihm, in seiner Verantwortung, eine Antwort, eine Lösung zu finden.
Er schüttelte den Kopf. Nein, das war nicht richtig. Er fühlte sich nur gerade alleine. Er hatte eine Entscheidung getroffen, die so privat und so wichtig war, wie sie nur sein konnte. Sie war offensichtlich gewesen und notwendig, aber das änderte nichts an ihrer Bedeutung. Und es gab niemanden, mit dem er darüber sprechen konnte, niemanden, mit dem er seine Bedenken teilen konnte, niemanden, der im zusprechen konnte... außer...
Er sah auf.
Vertrauen, dachte er. Warum gab es kein Element des Vertrauens?
Es war von so integraler Bedeutung für eine Freundschaft. Welches Element stand dafür ein? Ehrlichkeit, Freude, Loyalität, Großzügigkeit, Freundlichkeit, alles waren wichtige Bestandteile des großen Ganzen. Doch was hielt alles zusammen? Magie war das Ergebnis hinter dem Doppelstrich, aber nicht das Netz, das alle verknüpfte. Vertrauen war der Schlüssel, war das Bild, das die Puzzleteile letztlich ergaben. War Vertrauen Magie? Rogue wusste es nicht. Es war eine gute Frage die er Twilight stellen konnte, aber hier und jetzt brachte sie ihn nicht weiter.
Er konnte es sich nicht länger erlauben seinen eigenen Hirngespinsten nachzujagen. Er konnte nicht leugnen, das diese kanariengelbe Stute ihn mit einer Macht anzog, gegen die er sich kaum zu wehren vermochte. Er konnte nichts dagegen tun. Er wollte ihr nahe sein, mehr als alles andere. Es ging etwas von ihr aus, das ihn anzog wie ein Magnet Eisen. Etwas, dass sich nach und nach seiner bemächtigte und ihn mehr und mehr vereinnahmte. Es sollte beängstigend sein, so die Kontrolle über sich selbst zu verlieren, aber tatsächlich war es es ein gutes Gefühl, warm und einladend.
Und er glaubte langsam zu verstehen was dieses Gefühl war.
Aber es konnte nicht sein. Er wehrte sich gegen die Erkenntnis, leugnete sie, schob sie weit von sich. Es sich einzugestehen war gleichbedeutend damit, dass bisschen Kontrolle über sein Leben aufzugeben, das er sich erarbeitet hatte. Es war ein Kampf, jedes Mal, allein wenn er sie sah. Ihre Gravitation zog an ihm, unnachgiebig und unentrinnbar. Wenn er nachgab, würde er stürzen, verbrennen in ihrem hellen Schein und...
Er hatte Angst. Am Ende stand die Angst. Er wusste nicht wovor genau er sich fürchtete, aber er konnte das dumpfe Gefühl der Beklemmung nicht leugnen, das von ihm Besitz ergriff, wann immer er kurz davor war aufzugeben, sich fallen zu lassen und einfach seinen Gefühlen nachzugehen, wenn er sie sah.
Und er hatte es satt. Er wollte keine Angst mehr haben. Er wollte sich mehr schlecht in ihrer Gegenwart fühlen, weil er fürchtete etwas falsch zu machen. Er wollte sich nicht mehr fragen müssen, ob er sich noch auf sich selbst verlassen konnte. Er musste ein Wand zwischen ihnen errichten, das geistige Äquivalent einer Gummizelle, das ihn davon abhielt etwas verrücktes zu tun.
Aber darin fand sich das Dilemma: Wie konnte er sie gleichzeitig von sich schieben, auf Abstand zu ihr gehen, während er sie gleichzeitig ins Vertrauen zog? Er brauchte eine enge Verbindung zu Fluttershy um die Herausforderung, die vor ihnen stand, zu bewältigen. Und um nichts in der Welt wollte er sie verletzten. Wie konnte er das alles unter einen Hut bringen?
Er wollte seinen Kopf unter seinen Hufen begraben, so unlösbar war dieses Problem. Es schien wie die Quadratur des Kreises. Er konnte ihr nicht gleichzeitig fern bleiben und ihr vertrauen...
Ein Gedanke, eine Erinnerung streifte seine Gedanken. Seine Ohren stellten sich auf. Vielleicht ging es doch. Der Gedanke war so kalt und leidenschaftslos gewesen, das er unwillkürlich dabei fröstelte. Er untersuchte ihn vorsichtig, betrachtete ihn von allen Seiten, wie einen Eiskristall, dessen Spitzen rasiermesserscharf waren.
Es konnte funktionieren. Nein, es würde funktionieren. Dafür kannte er sich selbst zu gut. Aber allein so darüber nachzudenken, ließ ihn vor sich selbst erschrecken.
Er biss die Zähne zusammen und sammelte seinen Mut. Er würde das richtige tun. Es mochte sich falsch anfühlen... aber es war das richtige. Er hielt an diesem Gedanken fest.
Er musste die Dinge klar stellen, für sich und für sie.
Vertrauen, kreiste es in seinem Kopf. Alles hängt hängt davon ab.
Er leckte sich nervös die Lippen. Sein Herz begann sein wohlvertrautes Stakkato in seiner Brust. Wie konnte er es ihr sagen, wie konnte er sie fragen?
„Fluttershy?" Die Frage kam nur zögernd über seine Lippen, voll von Unsicherheit und Zweifeln. Es war alleine seine Entschlossenheit, die sie trotz seiner Verlegenheit über seine Lippen brachte.
Die Stute sah auf, neugierig, was er sagen wollte. Ihr Blick alleine reichte aus, um ihn erröten zu lassen.
Vertrauen ist das Zentrum, die Mitte des Netzes.
Wenn er es aussprach, würde es kein Zurück geben. Er würde alle Brücken, die seine überhitzte Fantasie zwischen ihnen beiden errichtet hatte, abbrechen und verbrennen. Wenn er sie so ins Vertrauen zog, würde nur Freundschaft zwischen ihnen bleiben und nicht mehr. Sein Verstand stieß ihn vorwärts, aber die Stimme in seinem Herzen schrie auf wie eine gequälte Seele.
Sie wandte sich ihm zu. „Ja? Was ist Rogue?"
Das war es. Der Moment der Wahrheit. Es war kein Kuss, der sie überzeugen würde, keine verrückte, dumme Tat in der Hitze des Augenblickes. Kein Spruch, keine Zeile aus einem Gedicht, so inspirierend es auch sein mochte. Es war Wahrhaftigkeit. Er würde ihr sein Vertrauen schenken, vollständig und aufrichtig, würde sich bedingungslos in ihre Hufe begeben und sich offenbaren. Und das Netz zuziehen, wenn alles gut ging. Und von dort aus konnten sie es weiter spinnen, von Pony zu Pony, bis zuletzt die Bande wieder geknöpft sein würden.
Trotz all der Entschlossenheit, die er in sich spürte, konnte er nicht anders, als verlegen wegzusehen, als er begann.
„Es wartet jemand in Manehattan auf mich." Er sprach es einfach aus, die Worte verließen seine Lippen so leicht, als wäre es etwas alltägliches, das Wetter, oder wo man zu Mittag gegessen hatte. Man hätte keinerlei Hinweis darauf hören können, wie viel Kraft es ihn kostet die Worte zwischen seinen Zähnen hervor zu pressen.
„Sie ist eine Krankenschwester in einer der Kliniken, die wir regelmäßig anfahren. Ich hätte niemals gedacht, dass sie sich für mich interessiert, bis sie mich angesprochen hat." An diesem Punkt konnte er nicht mehr verhindern, das seine Wangen in einem saftigen Tomatenrot glühten.
„Ich bin kein Pony, dem so etwas alltäglich passiert. Ich... ich glaubte einmal mein ´besonderes´ Pony gefunden zu haben, aber..." Er stockte. Einen Moment schwankte er, ob er das Fluttershy wirklich erzählen wollte. Aber letztlich kam er zu dem Schluss, das diese Geschichte nicht ohne Grace erzählt werden konnte. Er schloss seine Augen und versuchte das Knäuel aus Gefühlen in seiner Brust genug zu entwirren, um es auszusprechen.
„...wir... wir liebten uns. Daran besteht kein Zweifel. Es war... wundervoll, die schönste Erfahrung, die ich in meinem Leben gemacht habe. Wir teilten so vieles: Hoffnungen und Träume, Sorgen und Ängste, unsere Pläne für die Zukunft." Er hielt inne. Die Erinnerung war schmerzhaft, selbst jetzt noch. „Aber letztlich funktionierte es nicht. Sie hatte keinen Respekt vor mir. Vor dem was ich täglich leistete. Ich arbeitete und war zufrieden damit meine Sache gut zu machen, während sie ständig danach strebte mehr zu werden, ihren Master im Studium zu machen und die Beste in allem zu sein, was sie anpackte." Er hielt inne und musste ein ein wenig schmunzeln, trotz der bitter-süßen Erinnerung. „Sie war, vor allem anderen, sehr, sehr ehrgeizig."
Sein Lächeln erstarb. "Und ich habe sie nicht zu schätzen gewusst. Wie sie sich immer wieder Zeit für mich nahm, trotz ihrer Ziele, die sie nie aus den Augen verlor. Wie sehr sie die wenige Zeit, die wir miteinander verbringen konnten genoss und wertschätzte. Wie sehr sie sich auf mich verließ und was für eine Stütze ich für sie war. Was für eine wunderbare Stute sie war und wie sehr ich sie bewunderte, in allem was sie tat. Sie war so stark und selbstständig nach außen hin und so zart und verletzlich in ihrem Inneren." Er verharrte für einen Moment im warmen Gefühl der Nostalgie, im Ansturm der Gefühle, die ihn, auch nach all der Zeit, noch immer mühelos gefangen nahm.
„Ich bin schwach, Fluttershy. Tief in meinem Innersten bin ich hilflos und unsicher." Er senkte den Blick, strich verlegen mit dem Huf über die Bohlen des hölzernen Decks. „Ich habe die meiste Zeit meines Lebens Angst: Angst, davor was die Anderen über mich denken könnten. Davor etwas falsch zu machen und mir deshalb selbst Vorwürfe zu machen. Als Trottel dazustehen. Nicht vor mir selbst bestehen zu können. Abgelehnt zu werden. Obwohl ich mir selbst so sehr wünsche einfach nur dazu zu gehören.
Als ich Grace nahe kam, sah ich, wie unsicher sie in ihrem Innersten war. Ich sah meine Chance für sie da zu sein, stark für sie zu sein, eine Schulter auf die sie sich stützen konnte, ein offenes Ohr, um ihre Sorgen zu teilen. Gebraucht zu werden. Und dafür sich an ihrem Ehrgeiz ein Beispiel zu nehmen. Zu versuchen, immer der Beste zu sein."
Er atmete tief durch. „Eine Zeit lang ging es gut. Wir ergänzten uns gegenseitig. Es war die glücklichste Zeit in meinem Leben. Aber letztendlich zeigte sich, was uns trennte. Sie setzte ihren persönlichen Erfolg vor unsere Beziehung. Und anstatt sie zu unterstützen, ihr über ihre Hürde hinwegzuhelfen, vor der sie stand, für die sie bereit war das ´uns´ zu opfern, war ich selbstsüchtig und fühlte mich zurückgewiesen und vernachlässigt. Hätte einer von uns nachgegeben und einfach nur eingestanden, dass..." Rogue verstummte. Die Erinnerung an die Trennung von der Stute, die er einst so bedingungslos geliebt hatte wie nichts anderes auf dieser Welt, raubte ihm die Worte aus seinem Mund. Es dauerte eine Minute, bis er heiser weitersprechen konnte.
„´Wir haben uns auseinandergelebt´, sagten wir zueinander. Und versuchten zu verstecken, dass wir immer noch so viel füreinander empfanden. Es war, als würde man sich ein Stück aus seinem Innersten herausschneiden, willentlich und bei vollem Bewusstsein. Eine furchtbare Erfahrung. Ich dachte, das ich nie wieder für jemanden so empfinden könnte, wie für sie." Er legte eine kurze Pause ein. Das was er jetzt sagen würde, erforderte Kraft, Kraft, die er erst sammeln musste.
„Und dann, als ich mich schon fast mit meinem Leben als Single abgefunden hatte, nachdem ich mir mein Körbe bei so mancher Stute abgeholt hatte und das ein oder andere Date im Sande verlief..." Er stockte kurz. Sein Blick huschte zu Fluttershy, die ihn voll des Mitgefühl ansah. Darin fand er die Stärke fortzufahren.
„Nachdem ich dachte, das ich einfach uninteressant für Stuten bin, kam Darling daher und machte mir eindeutige Avancen. Zu sagen, das ich hin und weg war, wäre eine Untertreibung. Sie ist eine..." Er kam ein wenig ins Stottern und die Röte auf seinen Wangen vertiefte sich. „Sie ist ein echter Hingucker und ich hätte nie gedacht, dass sie sich für... für mich interessieren könnte."
Er zog die Maschen des Netzes enger. Es schmerzte, aber er war bereits zu weit gegangen, um noch einen Rückzieher zu machen
„Ich hätte mich gerne länger mit ihr beschäftigt, aber ich musste Applejack zurück nach Ponyville bringen. Anfangs war ich entschlossen, so bald als möglich nach Manehattan zurückzukehren. Nicht nur wegen Darling, sondern auch w-wegen... wegen der Sache mit Pears." Er sah auf und begegnete Fluttershy´s Blick. Für einen Moment fürchtete er, sie wisse nicht, was er meinte. Aber als er sah, wie das Mitleid in ihren Augen aufflammte, wusste er, das sie sich noch an seine Geschichte erinnerte. Davon ermutigt, fuhr er fort.
„Wie gesagt kenne ich Applejack bereits aus unserer Zeit als Fohlen. Es war eine unglaubliche Überraschung sie wieder zu treffen. Wir standen uns damals so nahe, bevor sie so plötzlich nach Ponyville zurückkehrte. Und als ich sie dann als meine Patientin zurück begleitet habe..." Glänzten seine Wangen schon vorher puterrot, mussten sie jetzt ein Leuchtsignal ausstrahlen.
„...es führte eines zum anderen. Ich... ich mag ihre gerade, direkte Art, ihre Kompromisslosigkeit, ihre Selbstsicherheit. Sie ist so vieles, was ich gerne sein würde. Und sie... sie... scheint Dinge in mir zu sehen, die auch ihr gefallen." Er sah auf, begegnete den Blick der Pegasusstute mit ernstem Gesicht. „Wir haben starke Gefühle füreinander, ich und AJ. Wir beide wissen das, ich und sie. Aber wir wissen nicht, ob es unserer gemeinsamen Zeit in Manehattan und der Zeit unserer Reise geschuldet ist, oder nur..." wieder stockte Rogue. Wie konnte er ausrücken, was genau zwischen ihm und Applejack abgelaufen war? Letztlich spottete es jeder Beschreibung. „Wir haben uns geküsst, einmal." Er verbarg sein Gesicht hinter seinem Huf, so peinlich war ihm dieses Geständnis. „Aber wir wissen beide, dass das, was vielleicht hätte sein können, nicht sein kann. Wir... Wir..." Er versuchte den Entschluss, den sie beide getroffen hatten in sinnvolle Worte zu packen. Aber nachdem er einige Sekunde damit gekämpft hatte, sah er ein, das es keine einfachen Worte gab, die es beschreiben konnte. „Wir haben uns darauf geeinigt, das wir gute Freunde bleiben wollen." Ein einfacher Satz, der alles zusammenfasste. Es war so einfach und doch so kompliziert.
Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Er war am Moment der Wahrheit angekommen, am Knackpunkt der Geschichte. Alles, was er gesagt hatte, lief letztlich darauf hinaus. Ohne sein nächstes Geständnis wäre alles nur sinnloses Gebrabbel gewesen. Doch diese Urgenz machte es dennoch nicht um ein Gramm leichter, als er langsam ansetzte:
„Wa- was mich zu dir bringt." Er konnte sich nicht dazu durchringen aufzusehen, um ihrem Blick zu begegnen. Er starrte seine Hufe an, als wäre darauf die Lösung zu all seinen Problemen geschrieben. Aber dennoch konnte er sie sich mehr als lebhaft in seinem Geist vorstellen: Wie sie auf ihre Vorderläufe gestützt vor ihm saß, ihr Mund zu einem lautlosen ´Oh´ geformt, während sie still und zurückhaltend seinen Worten harrte, die blauen Augen weit aufgerissen.
„S-Seit ich dich g-getroffen habe..."Er bemerkte, wie er stotterte. Er atmete noch einmal tief durch, um sich zu beruhigen. "Seit ich dich getroffen habe, gehst du mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich weiß, das du das bestimmt von vielen Hengsten hörst, aber du bist wunderschön und deine Schüchternheit macht... macht dich nur noch umso begehrlicher. Du hast eine weiche, wunderbare Schale, aber tief darunter bist du hart wie Eisen, stark wie eine Eiche. Es mögen nicht viele in dir sehen, aber ich habe es gespürt, als du Rainbow Dash entgegen getreten bist. Ich... ich bewundere das an dir. Und dabei bist du so fürsorglich, zuvorkommend und unvoreingenommen und..." Er konnte nicht mehr. Seine Stimme versagte in einem Krächzen. Er wusste, dass er sich gerade wie ein Idiot benahm, aber er konnte einfach nicht anders. Die Worte flossen aus seinem Mund, unaufhaltsam und wahr.
„...und ich bin mehr als froh dich meine Freundin nenne zu können."
Mit einem letzten, schmerzhaften Ruck zog er das Netz zusammen.
Es war nicht sie gewesen, nach der er gefischt hatte. Er hatte sich selbst an Land gezogen, hatte sich selbst einfangen. Das war die Mauer, die er zwischen ihnen errichten musste, um bei Verstand zu bleiben: Vertrauen. Er hatte ihr alles anvertraut, hatte sich ausgequetscht bis auf den letzten Tropfen. Twilight und die anderen hatten ihm dort im Offizierssalon so selbstverständlich mitgeteilt, was sie über den Kapitän dachten, hatten ihm einfach so vertraut, als Freund. Und nicht mehr. Es war heilsam gewesen, wenn auch nicht angenehm. Es hatte ihn auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht. Für alle, nur nicht für sie.
Das hatte er jetzt nachgeholt.
Es fühlte sich immer noch falsch an, tief in ihm drin. Er fühlte sich, als hätte er etwas Heiliges dazu missbraucht, seinen eigenen Zwecken zu dienen. Aber er wusste auch, das es funktioniert hatte: Er hatte etwas aufgebaut, das sich mit dem, was sein Innerstes sich wünschte, nicht vereinbaren ließ: Ein geteiltes Geheimnis, ein Band des Vertrauens, wie es nur Freunde teilen konnten. Nur Freunde und nicht mehr. Ein Band, das ihn aus purer Verlegenheit davon abhalten würde, etwas Dummes zu tun. Und alles was er dafür hatte tun müssen, war ihr sein Vertrauen zu schenken. Beim Gedanken daran schämte er sich vor sich selbst.
Er blickte auf, die Ohren betreten an seinen Kopf angelegt. Und sah in ihr Gesicht.
Purer Schrecken war darauf gezeichnet. Ihre Augen waren weit aufgrissen, so das sich der pure Unglaube darin widerspiegelte. Ihre Lippe bebten und Feuchtigkeit trat an ihren Wangen empor.
Rogue´s Herz rutschte tiefer.
Nein, nein, nein! Ich... habe alles vermasselt. Sie hat es nicht verstanden...
„Warum?", haucht sie.
Er konnte nicht anders als sie verständnislos anzusehen.
Sie brach ihren atemlosen Augenkontakt mit ihm ab und sah unschlüssig auf dem Boden umher, wo nur noch wenige Brotkrumen übrig waren.
„Warum?", fragte sie noch einmal und es schien, als meinte sie es mehr zu sich selbst, als zu ihm.
Schließlich sah sie zu ihm auf, ihr eines Auge schüchtern versteckt hinter ihrer Mähne. „Wa- Warum tust du das Rogue? I-ich..." Dann glitt ihr Blick wieder zu ihren Hufen, als würde sie resignieren. Ihre Stimme war kaum hörbar, als sie fortfuhr. „Du musst es mir nicht sagen. Ich weiß, das es dich viel Kraft gekostet hat, dass alles auszusprechen. Ich... wollte einfach... einfach nur wissen... ob..." sie verlor sich in einem Flüstern, das so leise war, dass er es selbst seine gespitzten Ohren nicht mehr vernehmen konnten.
„Was wolltest du wissen?" Die Worte verließen seinen Mund, bevor er auch nur darüber nachgedacht hatte. Er wünschte sofort, er könnte sie wieder einfangen.
Es dauerte einen Moment, bevor sie antwortete. Sie sah nicht auf. „Warum setzt du dich so sehr für uns ein? Warum... warum möchtest du dich so dringend für uns opfern?"
Er schreckte zurück, als er das letzte Wort hörte. Hatte sie ihn durchschaut? Wusste sie, was für ein falsches Spiel er hier getrieben hatte, mit ihr, gegen sich selbst?
Aber es war kein Vorwurf in ihrer Stimme. Sie klang so sanft und mitfühlend wie immer. Er schloss die Augen und atmete tief durch. Sie verdiente eine ehrliche Antwort auf ihre Frage.
„Ich möchte ein besseres Pony sein, Fluttershy. Und wenn ich nicht selbst stark sein kann, dann möchte ich es zumindest für andere sein. Es ist dieses dumme, kleine Bild in meinem Kopf, das jedes Pony von sich selbst hat. Das Bild, von dem wir uns sagen, dass wir es sind, dass wir es sein möchten. Ich möchte stark sein, für dich, für die anderen. Und dafür... dafür bin ich bereit alles zu opfern."
Sie nickte. Ein letztes Schniefen, dann hob sie langsam den Kopf. Ein Lächeln war auf ihr Gesicht getreten, traurig, aber wahrhaftig.
„Ja. Das kann ich verstehen.", sagte sie.
Er spürte, das sie das wirklich konnte. Umso mehr schämte er sich des falschen Spiels, das er mit ihr getrieben hatte. Das falsche Spiel, aus all den richtigen Gründen. Darauf musste er vertrauen. Letztlich musste er auch sich selbst vertrauen.
Rogue fühlte körperlich ausgelaugt, als er durch die von Gaslaternen erhellte Düsternis des Unterdecks in Richtung seines Quartiers schritt. Das lange Sitzen in dem engen Raum hatte seine Gelenke steif werden lassen und seine Hinterläufe waren eingeschlafen. Als sie schließlich aufgestanden waren, knackte sein Körper wie eine heiße Schüssel Popcorn.
Seltsamerweise war er in seinem Kopf gleichzeitig überraschend wach. Sie hatte dort unten viel diskutiert, mit Ideen um sich geworfen, sie auseinandergenommen und von allen Seiten betrachtet, um sie anschließend zu verwerfen oder für später aufzuheben. Es war wie das Zusammensetzen eines großen Puzzles. Aber nicht alle Teile passten und manchmal mussten sie einfach hoffen, das die fehlenden Teile von selbst an ihren Platz fielen.
Aber letztlich war dennoch ein Plan daraus geboren worden. Sie wussten nun, was sie zu tun hatten, wie sie das Ganze anpacken konnten und das alleine nahm ihnen beiden eine Last von den Schultern, der sie sich vorher kaum bewusst waren. Sie trennten sich mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen und einer kurzen, erleichterten Umarmung. Sie hatten wieder Hoffnung. Und das war das Wichtigste.
Er öffnete die Tür zu der kleinen Kabine und war etwas überrascht, den ersten Offizier Worthwhile darin vorzufinden. Der Hengst lag entspannt in seiner Hängematte und las ein Buch, das er bequem auf seinem Bauch balancierte. Seine beiden Vorderläufe hinter den Kopf geschlagen, sah er müßig auf, als Rogue den kleinen Raum betrat. Die Beiden begrüßten sich mit einem Nicken.
Es war etwas seltsam für das Rettungspony, den anderen Hengst ohne seine Offiziersjacke zu sehen. Bisher hatte er bereits geschlafen, wenn Worthwhile sein Bett aufsuchte und bis auf seinen nächtlichen Ausflug hatte er ihn nie ohne seine Uniform gesehen. Der marineblaue Frack verlieh im am Tage eine Aura der Unnahbarkeit und des Respekts, die es schwierig machte, ihn sich ohne vorzustellen. Jetzt in dieser entspannten Pose, wirkte er wie ein ganz anderes Pony.
Rogue ließ noch einmal seine Halswirbel durchknacken, dann legte er sich auf sein Bett, ohne die Decke zurückzuschlagen. Es war eigentlich noch etwas zu früh, um sich schlafen zu legen, aber sein Körper sehnte sich nach der weichen Umarmung der Matratze. Er bettete seinen Kopf auf das Kissen und spürte, wie er sich langsam entspannte.
Seine Muskeln gaben sich der ersehnten Ruhe hin, aber gleichzeitig wollte sein Geist das genaue Gegenteil. Er war aufgewühlt, nicht nur wegen der Erfolge, die Fluttershy und er erzielt hatten, sondern auch wegen der vielen Dinge, die davor zwischen ihnen passiert waren. Er wusste, es war ein verwirrendes und alles anders als fruchtbares Gebiet, wohin seine Gedanken ihn treiben wollten. Er sollte er seine Nacht darüber schlafen, bevor er sich auf dieses unsichere Terrain begab. Er versuchte abzuschalten, an etwas anderes zu denken. Es gab vieles, über das er nachdenken sollte, aber wenig, was ihm beim Einschlafen helfen konnte.
Wenn er die Augen schloss, blitzten Farben wie Feuerwerk vor dem Hintergrund seiner dunklen Lidern auf. Kreise und Streifen, verschwommene Nachbilder. Er hörte das Klopfen seines eigenen Herzens, das Rauschen seines Blutes. Fetzen des Gespräches mit Fluttershy trieben wie wie Öl auf der Oberfläche seines Bewusstseins. Er wälzte sich herum, unruhig und ruhelos.
Ohne es zu wollen fand er sich im Zweifel mit sich selbst. Hatte er das richtige getan? Es dachte, es wäre recht und gut gewesen. Und es hatte letztlich zum gewünschten Erfolg geführt. Warum wollte ihn dennoch das Gefühl nicht verlassen, dass er falsch behandelt hatte? Es war wie ein Knoten tief in seiner Brust. Ein Knoten, den er nicht zu lösen vermochte, der sich fester zog, je mehr er versuchte, seine Existenz zu leugnen.
Er öffnete die Augen und starrte auf die polierten Planken der Kabinenwand. Langsam krümmte er sich zusammen, zog das Kissen unter seinem Kopf näher an seinen Körper, bis er wie ein Embryo auf der schmalen Koje lag.
Er hatte alles richtig gemacht. Das wusste er. Warum fühlte sich dennoch alles so falsch an?
Er zwang sich seine Augen wieder zu schließen. Nicht jetzt, befahl er sich selbst. Nicht jetzt.
Aber wann hatte er schon auf sich selbst gehört? Seine verräterischen Gedanken setzten sich fort, kreisten um ihn, lachten über seine lächerlichen Versuche sie zurück zu drängen. Der Schlaf wollte nicht kommen.
Er drehte sich um und sah auf das Pony, das so entspannt in seiner Hängematte lag.
„Worthwhile?" Seine Stimme klang heiser, als er den ersten Offizier ansprach.
Der Hengst sah von seiner Lektüre auf und blickte ihn überrascht an. „Ja, bitte?"
Rogue räusperte sich kurz. Zum einen, um seine belegte Stimme zu reinigen, zum anderen um etwas Zeit zu gewinnen. Er hatte seinen Kabinenkameraden nur angesprochen, um seinen quälenden Gedanken zu entkommen. Jetzt wusste er nicht, was er sagen sollte.
„Was lesen sie da?", flüchtete er sich in Smalltalk.
Worthwhile sah zurück zu seinem Buch und drehte es mit seinem Huf um, so als müsste er erst selbst nachsehen. „Captain Honor Mareington: Der letzte Befehl." Er lächelte unsicher und etwas ertappt. „Trotz des Titels ist es recht unterhaltsam."
Rogue hob seinen Kopf vom Kissen. „Sie lesen Science-Fiction?", fragte er ungläubig.
Der Offizier hob eine Augenbraue. „Sicher. Kennen sie die Romanreihe?"
Das Rettungspony nickte aufgeregt. „Ja, tatsächlich." Er kramte in seinen Erinnerungen, um sich an den Plot der langen Serie zu erinnern. „`Der letzte Befehl´ müsste das Buch sein, wo sich das Königreich Manticore und die Republik Haven gegen die Solar League Navy verbünden." Er überlegte kurz und fügte schließlich hinzu: „Interessant für den Metaplot, aber nur wenig über die Hauptprotagonistin. Viel Politik, wenig Aktion. Ich fand ihn relativ langweilig, aber er ist wichtig für die folgenden Romane."
Worthwhile klappte das Buch zusammen und legte es neben sich in die Hängematte. „Sie haben die Reihe bereits ausgelesen?"
Rogue schmunzelte. „Natürlich. Mein Vater hat sie alle."
Der Offizier runzelte die Stirn. „Wieviel Romane gibt davon?"
Das Rettungspony überlegte kurz. „Zusammen mit den Nebenstorys aus dem selben Universum? Ich glaube, es waren so an die sechzig."
Worthwhile´s Kinnlade klappte herunter. „Sechzig?", fragte er schwach.
Rogue konnte ein Kichern nicht unterdrücken. „Keine Sorge. Meiden sie einfach alle, die Tycoon Flint geschrieben hat und sie sind auf der sicheren Seite. Er hat keine Ahnung, wie man spannende Raum-Kämpfe schreibt." Er dreht sie auf den Bauch, um sich bequemer mit dem anderen Hengst unterhalten zu können. „Um ehrlich zu sein hätte ich kaum gedacht, das sie sich für so etwas begeistern könnten."
Der erste Offizier rieb sich verlegen über den Hinterkopf. „Da sind sie genauso überrascht wie ich. Ich hatte eigentlich nie viel für diese Art von Romanen übrig. Die meisten Science-Fiction-Werke sind mir zu... abgehoben. Einfach zu viel Science-fiction, wenn sie verstehen, was ich meine."
Rogue nickte nachdenklich. „Sie spielen darauf an, das sich Sweety Weber sich in ihrem Romanuniversum sehr an den maritimen Gegebenheiten und Traditionen orientiert?"
„Ja, genau. Die physikalischen Gegebenheiten und die erdachte Technologie ergeben eine taktische Konstellation, die der Realität in der Marine sehr nahe ist. In der Luftfahrt noch mehr als in der ´nassen´ Navy." Worthwhile überlegte kurz, dann schmunzelte er. „Fair wusste schon ganz genau, womit er mich ködern konnte."
Das Rettungspony war einen Moment lang verwirrt, bis er sich einen Reim auf den Namen machen konnte. „Fair?", fragte er. „Sie meinen den Kapitän?"
Der Offizier nickte. „Ja. Er hat mir den ersten Roman zum Geburtstag geschenkt. Um ehrlich zu sein, las ich ihn nur, um ihm einen Gefallen zu tun. Aber nach der Beschreibung des ersten Übungsgefechtes hatte er mich." Er schloss die Augen und ein leichtes Lächeln zierte seine Lippen. „Mareington´s Manöver war... brilliant. Weber hat die taktischen Gegebenheiten vorher ausführlich dargelegt, aber ich wäre nicht im Traum darauf gekommen, was sie letztlich durchgezogen hat. Einfach genial."
Rogue runzelte die Stirn. "Mhm, gut, das ist... überraschend."
Worthwhile sah auf. „Warum?", fragte er.
Das Rettungspony zögerte einen Augenblick. „Nuuuuun,...", begann er gedehnt. „Es sieht nicht gerade danach aus, als würde der Kapitän und Sie sich... gut verstehen.", antwortet er vorsichtig.
Der erste Offizier war einen Moment lang still, während er sein Gegenüber einfach nur nachdenklich betrachtete. Schließlich schob er sich in der Hängematte herum, um etwas aufrechter zu sitzen. „Es... es ist kompliziert.", sagte er schließlich.
Ein kalter Schauer rann Rogues Rücken hinunter. „Mit ´kompliziert´ kenne ich mich aus.", sagte er ohne jedes Amüsement in der Stimme.
Worthwhile sah einige Sekunden lang aus dem kleinen Fenster. Als er fortfuhr, wendete er den Blick nicht davon ab. „Ich bin sehr wohl im Klaren darüber, wie wir nach außen wirken mögen. Ihre... Bedenken zeigen es mir einmal mehr als deutlich auf. Aber ich versichere ihnen, dass der erste Eindruck täuscht." Er zögerte kurz. „Oder auch der zweite und dritte. Es ist... es ist wie gesagt kompliziert."
´Kompliziert´. Es war ein tolles Wort. Es konnte alles bedeuten. Von dem Kopf einer Steuererklärung bis hin zu einer Millionen Worten, die ein Hengst und eine Stute nicht in der Lage sahen sich einzugestehen.
„Ich verstehe, dass es für Außenstehende so erscheinen mag, als wären Fair und ich wie Feuer und Wasser. Aber das ist nur ein Teil des Ganzen. Um die Wahrheit zu sagen, kann ich mir keinen besseren Freund vorstellen als ihn." Er wandte sich Rogue zu und lächelte, als er dessen verwirrten Gesichtsausdruck sah. „Wir kenne uns seit dem ersten Tag auf der Kadettenschule. Wir waren Stubenkameraden, er und ich. Und bei Celestia, es gab wohl kaum ein ungleicheres Paar als uns. Sehen sie, ich komme aus einer bodenständigen Erdponyfamilie. Ich musste mir meinen Platz an der Akademie hart erkämpfen. Fair dagegen... seine Familie hat Einfluss. Sein Pfad als Offizier war praktisch schon vorgezeichnet. Sie hätten ihn sehen sollen, als er an diesem ersten Tag in unser Zimmer kam. Seine Knie zitterten so sehr, das er es kaum über die Schwelle schaffte. Ich habe es erst als schlechten Scherz aufgefasst, dass man mich mit so einem schwachen und mitleiderregenden Pony zusammengeworfen hatte, aber..." Worthwhile zögerte, als müsste er darüber nachdenken, was er als nächstes sagte. „Sie sind ein Feuerwehrpony, oder Rettungspony, was auch immer. Das heißt, sie verstehen vielleicht, was ich meine. Vom ersten Moment an wird einem an der Akademie eingehämmert: Kameradschaft geht über alles. Unabhängig vom Rang, vom Alter, von der Dienststellung, Kameradschaft hält alles zusammen. Egal ob man sich mag, ob einem das Pony neben einem gefällt oder nicht, ob man an dasselbe glaubt, ob es stark oder schwach, mutig oder feige ist, man ist Kamerad. Man muss sich auf seinen Kameraden verlassen können. Man zählt auf ihn. Man teilt sein letztes Wasser mit ihm, sein letztes Brot und alles andere. Denn wenn es soweit ist und es um Leben und Tod geht, ist dass das mindeste, worauf man sich verlassen muss."
Rogue wusste tatsächlich wovon er sprach. Es war ein Gebot der Notwendigkeit, ein Gesetz, das aus der gefährlichen Arbeit geboren wurde, die man verrichtete. Alleine war man praktisch hilflos. Niemand war ein Superpony. Es war das Team, das alles ausmachte, dem man vertrauen musste. Wenn man sich in Gefahr begab, lag das ganze Vertrauen in dem einem Pony, das hinter einem stand und nicht zögern würde mit dir den Platz zu tauschen.
„Also war ich ein guter Kamerad. Ich verteidigte ihn gegen andere, die... nicht so kameradschaftlich dachten wie ich. Ich sorgte dafür, das er fit wurde, auch wenn es für uns beide zu einer Qual wurde. Ich passte auf ihn auf und er... auf mich." Worthwhile schüttelte langsam den Kopf. „Ich wüsste nicht, wie ich die Matheprüfung im zweiten Jahr bestanden hätte, wenn er nicht gewesen wäre." Er sah zu Rogue. „Trotzdem war es niemals einfach für ihn. Sehen sie, ein Offizier in der königlichen Luftwacht zu sein, bedeutet mehr, als gute Noten in Mathematik, Navigation und Sport zu haben. Die vornehmliche Aufgabe dieser Erziehung ist es, Führungspersönlichkeiten hervorzubringen. Denn das ist es, was ein Offizier tut – Er führt Ponys. Mit Worten und Taten, mit Charisma und gutem Beispiel. Und genau dort versagte Fair auf beinahe schon peinliche Weise. Er war ein guter Kamerad, er half wo er konnte und ließ sich nichts zuschulden kommen. Aber ließ sich mehr von der Masse treiben, als das er versuchte, wirklich über sich herauszuwachsen. Es fehlte ihm an... Inspiration." Worthwhiles Blick schweifte ab, so als würde er in die Ferne blicken. Natürlich gab es so etwas wie eine Ferne in der engen Kabine nicht. „Obwohl ich sein Freund bin, weiß ich wenig über seine Familie. Er hat sie mir niemals vorstellt. Selbst die Semesterferien verbrachte er normalerweise in der Akademie oder bei mir zu Hause, wenn ich ihn dazu überreden konnte. Aber ich denke... obwohl sein Vater einer der angesehensten Admiräle der Luftwacht ist, hatte er niemals jemanden, zu dem er wirklich hatte aufsehen können. Wahrscheinlich hatte Admiral Fairway selten Zeit für ihn..." Die Stimme des Offiziers verstummte plötzlich, als hätte er etwas ausgeplaudert, das sich nicht gehörte. Er räusperte sich nervös. „Sei es wie es sei, auch wenn Fair´s Noten stets gut waren, litt seine Beurteilung stets unter seinem Mangel an Führungswillen. Ich schlug mich ganz gut und hätte im gerne geholfen, aber das ist nichts, was man einem Pony in Nachhilfestunden beibringen könnte. Und dann beging ich den größten Fehler meines Lebens." Worthwhile schmunzelte unwillkürlich, was seine Worte Lügen strafte. „Eine Freundin schenkte mir einen dieser unsäglichen Abenteuerromane über mutige Kapitäne, verwegene Piraten und wilde Seegefechte. Ich und sie kannten uns noch nicht all zu lange und... aber ich schweife ab. Ich gab Fair das Buch, um ihn etwas aufzumuntern."
Der Hengst schlug die Vorderläufe hinter seinen Kopf und lächelte sanft. „Er lass es in einer Nacht durch. Den Rest der Woche war er noch stiller und gedankenverlorener als sonst. Und als das nächste Mal gefragt wurde, wer der Kadettenführer sein wollte – trat er vor. Es ist ein undankbarer Posten: Es sieht so aus, als würde man nur rumkommandieren, aber tatsächlich ist es wesentlich komplizierter. Man muss für jeden Mist geradestehen, den die anderen bauen, muss mehr und länger arbeiten als alle anderen, die Aufgaben verteilen, hinterher sein, das sie ordentlich erledigt werden... zusätzlich zu allen Aufgaben, die ein Kadett ohnehin schon hat. Die Anderen machten es ihm nicht gerade leicht. Er holte sich die eine oder andere Schelte ab, meist für die Dinge die nicht in seiner Macht lagen. Aber er biss sich durch. Und als man wieder fragte – meldete er sich erneut. Und danach noch einmal. Und jedes Mal wurde er besser. Er verteilte die Aufgaben gerecht, sorgte dafür, das jeder genug Zeit für sein Studium hatte und ließ sich von den Sticheleien und kleinen Grausamkeiten der anderen Kadetten nicht aus der Ruhe bringen. Schließlich musste es sich auch der letzte von uns eingestehen – er machte seine Sache gut. Und nach und nach hörten sie auf ihn, folgten ihm bereitwillig und ohne zu murren. Daran wuchs er – Nicht an seinem eigenen Erfolg oder seinen immer positiveren Beurteilungen. Er wuchs mit dem Grad der Anerkennung, der Zustimmung, die er von den Ponys unter sich erfuhr. Am Anfang des letzten Semesters, als wir zurück an die Akademie kamen, war der alte Fair nur noch ein ferne Erinnerung. Ich weiß nicht mehr genau, wann es anfing, aber wir nannten in damals bereits unseren ´Kapitän´. Oh, Captain, mein Captain..."
Der Hengst verstummte, aber die letzten Worte hingen verträumt in dem kleinen Raum nach, den sie sich teilten.
Rogue saß, die Ohren gespitzt, auf seinem Bett, gespannt, wie die Geschichte weitergehen sollte. Aber der erste Offizier sah nur gedankenverloren an die Decke, ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen. Es schien, als wäre er zu seinem Ende gekommen.
„Sie bewundern ihn, nicht wahr?", fragte Rogue leise.
Worthwhile nickte nur langsam. „Natürlich. Wer tut das nicht? Ich vielleicht sogar ein wenig mehr als andere, schließlich weiß ich, wie bescheiden seine Anfänge waren. Er hat... sich einfach entschieden, ein anderes, ein besseres Pony zu sein und sich nur mit reiner Entschlossenheit und Willenskraft an sein Ziel gebracht. Wenn das nicht Bewundernswert ist, dann weiß ich nicht, was es sonst sein soll."
Das Rettungspony nickte. Würde es nicht ersten Hufes aus dem Mund des Offiziers kommen, hätte er es als eine schöne Geschichte abgetan, als ein hübsches kleines Märchen. In der Realität waren die Dinge scheinbar ungleich schwieriger. Ein besseres Pony... Er wünschte sich, er hätte die Zielstrebigkeit, es einfach so geschehen zu lassen.
„Dennoch scheinen sie nicht immer einer Meinung zu sein.", bemerkte er.
Worthwhile sah auf. „So vortrefflich die Tugenden des Kapitäns auch sein mögen, sie... haben ihre Schattenseiten." Er seufzte kurz und Rogue merkte, das er es in dem selben resignierten Tonfall tat, wie zwei Tage zuvor an Deck des Schiffes. Es schien, als wäre Worthwhile sehr vertraut mit dieser Art des Seufzers. „Es scheint zuweilen schwer, zu unterscheiden, ob Fair ein hervorragender Kapitän ist... oder nur ein hervorragender Schauspieler. Als das Getue mit dem Herumschwingen, die Posen, das ´Yo, ho!´-Gerede... Die Ponys an Bord kennen ihn nur so und glauben, dass wäre, was er ist. Er ist ihr verwegener, mutiger Kapitän, mit allem drum und dran, einschließlich Augenklappe." Er zögerte einen Augenblick. „Nun, zumindest hat er Letztere schon länger nicht mehr getragen." Er sammelte sich kurz, dann fuhr er fort: "Verstehen sie mich nicht falsch. Fair hat mir an Bord der Idle Barter niemals einen Grund gegeben an ihm zu zweifeln. Er scheint auch in meinen Augen alles zu sein, was er darzustellen versucht, aber... es bleibt... tief in mir drin doch ein Zweifel, ob es nicht doch eine Fassade ist, die eines Tages zusammenbricht." Er ließ resigniert seinen Kopf hängen. „Oder es ist nur in meinem Kopf. Vielleicht ist es nur eine schlechte Angewohnheit von ihm, wie jeder gute Freund eine zu haben scheint und die einen dennoch verrückt macht. Kennen sie das?"
Rogue lächelte falsch und winkte selbstgefällig ab. „Ja... natürlich. Furchtbar." Tatsächlich hatte er niemals einen Freund gehabt, der im nahe genug stand, als das seine Eigenheiten ihm ernstlich auf die Nerven gehen konnten. Er log aus reiner Verlegenheit.
Worthwhile schmunzelte und nickt zustimmend. Dann wurde er wieder ernster. „Deshalb bin ich hier. Er war mir immer ein guter Kamerad und ein noch besserer Freund. Ich hoffe, dass dieser Tag niemals kommen wird, aber wenn die Maske von Kapitän Fairway zerbrechen sollte... fange ich ihn auf."
Stille senkte sich nach der entschlossenen Ansprache des ersten Offiziers über die kleine Kammer. Es war Worthwhile, der sie schließlich brach. „Es ist schon spät. Wir sollten nun schlafen."
Rogue nickte abwesend und wickelte die dünne Decke um sich, während der Hengst in der Hängematte das Licht löschte. Er hatte noch über vieles nachzudenken, bevor der Schlaf kommen würde.
Am nächsten Morgen war es an Rogue seinen Teil des Plans in die Tat umzusetzen. Es kostete überraschenderweise kaum Mühe das Offizierskasino mit Erlaubnis des Kapitäns für sie zu blocken. Kapitän Fairway warf ihm nur einen einzigen, verstehenden Blick über den Rand seiner morgendlichen Tasse Kaffee zu und gab seine Zustimmung. Rogue fragte sich, wie sehr die Gerüchteküche an Bord schon brodelte. Es war sicherlich ein offenes Geheimnis, dass es die Elemente der Harmonie waren, die die Idle Barter transportierte und die Unstimmigkeiten, oder vielmehr der Streit zwischen ihnen, hatte sich kaum verstecken lassen.
Als nächstes bat er den Smutje, einen dunkelbraunen Erdhengst mit einem seltsamen, kantigen Akzent, der wie ein Akrobat durch die winzige Kajüte des Schiffes wirbelte, das Mittagessen für den Freundeskreis diskret und unauffällig separat zu servieren. Der Smutje blinzelte ihm nur verstehend zu und versprach zudem noch, für einen ordentlichen Vorrat an Tee in etwas zu sorgen, was er einen ´Samowar´ nannte. Rogue bedankte sich herzlich und zog sich zurück, bevor er von einem der in der Küche herumwirbelnden Pfannkuchen getroffen wurde.
Schließlich schrieb er mit Kreide ein großes `Wichtige Besprechung. Bitte nicht stören!" an die Tür des Offizierskasinos und machte sie so weit auf, das man die Nachricht nicht lesen konnte, bis die Tür geschlossen wurde. Und dann versuchte er herauszufinden, was es mit der seltsamen, dampfenden Maschine auf dem Beistelltisch des Salons auf sich hatte.
Er war gerade bei einem ´Heureka!´-Erlebnis, das heißes Wasser aus dem kleinen Zapfhahn an der Seite des Apparates kam, als Twilight, gefolgt von Applejack und Rainbow Dash zur Tür hereinkamen. Die Stuten sahen sich etwas unsicher um, als wüssten sie nicht genau, was sie hier zu suchen hatten, nahmen aber nacheinander Platz auf der gemütlichen Sofareihe des Kasinos. Sie verteilten sich scheinbar willkürlich darauf, aber ob absichtlich oder unterbewusst hielten sie alle einen gewissen Abstand zueinander. Das sie kaum ein Wort miteinander wechselten, verstärkte nur das seltsam beklemmende Gefühl, das sofort im Raum herrschte.
Rogue kämpfte noch mit dem Teewasser, als Pinkie Pie neugierig ihren Kopf zur Tür herein steckte. Sie sah sich kurz um und hüpfte zielstrebig auf ein Tablett mit zuckerüberzogenen Zimtschnecken zu, dass das Rettungspony bisher noch gar nicht bemerkt hatte. Der Smutje hatte sich seine unausgesprochene Bitte um eine gute Behandlung offensichtlich zu Herzen genommen.
Zuletzt kam Rarity an. Nun, zunächst eigentlich nur ihr Hinterteil. Oder um genauer zu sein: Ihre scheltende Stimme als aller erstes.
„Fluttershy, sag mir endlich, was das zu bedeuten hat! Ich verstehe nicht, was du von mir willst! Nein, ich bin dir nicht böse. Aber sage mir bitte was du von mir willst! Wie bitte? Darling, du musst lauter sprechen, ich verstehe dich nicht."
Schließlich wurde die weiße Stute mit sanfter Gewalt und sicherlich endlosen Entschuldigungen vollständig ins Zimmer geschoben. Sie sah sich überrascht im Raum um und wurde sich der darin wartenden Ponys gewahr. Sie zuckte sichtlich zusammen, bis sie ihre Fassung wieder fand und in einer Geste aus Hochmut und Verachtung ihren Kopf nach oben warf. Sie wandte sie zum gehen um, nur um einer Pegasusstute zu begegnen, die sich mit allen Gliedern, einschließlich gespreizter Flügel, gegen die nun geschlossenen Tür stemmte. Rarity zögerte einen Moment dann zeigte sie mit einem Huf auf die Tür.
„Tritt bitte beiseite, Darling. Das ist keine Gesellschaft, die ich im Augenblick schätze."
Fluttershy atmete schwer und ihre Augen waren vor Furcht weit aufgerissen, aber sie behauptete ihre Position. Gerade so.
Die Schneeweiße Einhornstute warf einen perplexen Blick auf ihre kanariengelbe Freundin, dann runzelte sie ärgerlich die Stirn und klopfte entschlossen ihren Huf auf den Boden.
„Fluttershy! Tritt auf der Stelle bei Seite!"
Der scheue Pegasus kniff die Augen zusammen und erzitterte. Aber sie blieb an Ort und Stelle.
Rarity betrachtete das Martyrium ihrer Freundin einen Moment lang unentschlossen, dann wandte sie sich ab. „Nun gut, sei es drum. Das bedeutet nichts.", sagte sie in Richtung der anderen Ponys und trotte, um Eleganz bemüht, zum entferntesten Sessel der Sitzgruppe. Fluttershy atmete erleichtert auf.
Rogue zwinkerte ihr aufmunternd zu. Sie quittierte es mit einem dankbaren Lächeln.
Das Rettungspony war stolz auf die unverfängliche Selbstverständlichkeit, mit der er ihre Geste aufnahm. Vielleicht war er tatsächlich auf dem richtigen Weg... Er stellte das Teegedeck auf den kleinen Beistelltisch in der Mitte und goss jeder der Stuten etwas Tee in die Tasse. Schließlich nahm er selbst Platz und nickte zufrieden. Alles war bereit. Soweit war alles nach Plan gelaufen.
Als er langsam den ersten Schluck von dem angenehm aromatischen Getränk aus seiner Tasse nahm, gratulierte er sich selbst zu der meisterhaften Leistung, die Fluttershy und er vollbracht hatten: Alle Freunde zusammen, ungestört und in entspannter Atmosphäre. Just according to the plan...
Leider war auch genau dies der Augenblick, in dem er sich eines entscheidenden Fehlers im ganzen Konstrukt bewusst wurde: Fluttershy und er hatten immer davon gesprochen, das `jemand´ den Grund des Zusammenkommens erklären musste. ´Jemand´ musste aussprechen, worum es dabei ging, und wie sie vorhatten, die Probleme anzupacken. `Jemand´ - Rogue hatte sich wie selbstverständlich darauf verlassen, dass das kanariengelbe Pony mit ihrer Einfühlsamkeit und ihrer wesentlich länger bestehenden Freundschaft das in die Hufe nehmen würde. Aber ein einziger Blick in ihr gleichzeitig erschrecktes, wie hoffnungsvolles Gesicht machte ihm mehr als klar, das er damit mehr als falsch gelegen hatte.
Aww, Buck...
Die Verantwortung, von der er sich praktisch frei gesehen hatte, fiel wie ein zentnerschweres Gewicht auf seine Schultern. Schwer genug, das er seine Tasse mit einem hörbaren ´Kling´ auf die Untertasse fallen ließ. Das Geräusch war in dem stillen Raum laut genug, das sich alle Augen sofort auf ihn richteten.
Seine Augen huschte von einem Pony zum anderen. Sie alle warteten, warteten auf Ihn. Er schluckte schwer.
Du schaffst das, Rogue. Sag Ihnen einfach, was du mit Fluttershy besprochen hast.
Sie hatten lange geredet, dort unten in dem vergessen Winkel des Schiffes. Und sie hatten beide geglaubt, zum Kern der Sache vorgestoßen zu sein. Fluttershy mit ihrer Einfühlsamkeit und ihrer Erfahrung mit jeder der Stuten und Rogue mit seiner rationalen, objektiven Art. Es schien alles so selbstverständlich zu sein, so einfach. Aber jetzt, unter dem aufmerksamen Blick der Stuten...
Hatten sie sich getäuscht? Was wenn alles nur Hirngespinste waren? Er konnte nicht in den Kopf, nicht in das Herz dieser Ponys blicken. Woher wollte er wissen, was wirklich darin vorging? Wie konnte er sich anmaßen, sie zu verstehen, nein, mehr noch, sie zu durchschauen?
Er befand sich hier auf dünnem Eis, ein einziger falscher Schritt konnte alles noch viel schlimmer machen. Und er hörte es unter sich knacken.
Verdammt, was machte er hier? Er war kein Psychologe, er war einfach nur ein Rettungspony und das hier war einfach zu viel für ihn. Er hatte sich schon einmal zu viel zugetraut und...
…und ein Fohlen hatte dafür mit dem Leben bezahlt.
Er schloss die Augen. Nein, er war nicht der Richtige dafür. Nicht er, er am aller wenigsten. Es hing zu viel davon ab, es war zu wichtig, als das er noch einmal...
...das Falsche sagen...
...das Falsche denken...
...das Falschen annehmen...
…das Falsche verstehen...
Er senkte seinen Kopf. Nein, er konnte es nicht tun. Er würde einfach...
Was tun? Daneben stehen und es geschehen lassen?, schalt ihn die Stimme in seinem Hinterkopf.
Nein, das wollte er nicht. Aber...
Aber was? Willst du darauf warten, das andere es für dich erledigen? Sie dir Fluttershy an. Sie wird es nicht tun. Sie verlässt sich darauf, das du stark genug bist. Sie glaubt an dich!
Ich... kann es nicht.
Warum? Warum kannst du es nicht?
Pears... Pears hat an mich geglaubt. Ich habe es in seiner Stimme gehört. Aber... aber das hat ihn nicht davon abgehalten... ihn nicht...
Und statt dessen lehnst du dich einfach zurück und lässt es geschehen?
Ich konnte es ihm nicht ausreden... ich konnte es ihm nicht ausreden...
Aber du hast es versucht. Du hast es wenigstens versucht, verdammt noch mal! Aber jetzt stehst du einfach nur daneben, siehst zu und rührst keinen Huf!
Aber was ist, wenn ich versage? Wenn ich die falschen Worte wähle, oder es einfach nicht richtig...
Was ist, wenn du nichts tust? Was wenn du die Gelegenheit verstreichen lässt? Was ist, wenn du dich ewig fragen musst: ´Was wäre wenn?"
Aber wenn ich anfange, wenn ich das Wort ergreife... alles wird an mir hängen. Ich werde die Verantwortung tragen. Alles wird von mir abhängen. Nur ein Fehler und...
...und was? Das Fohlen fällt? Es ist bereits gefallen, Rogue. Das weißt du genau. Nichts was du tun oder lassen könntest, kann das ändern. Aber hier und jetzt – kannst du etwas verändern.
Ich habe Angst.
Natürlich hast du Angst. Mutig zu sein, bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Es bedeutet seine Angst zu überwinden. Ein besseres Pony zu sein, weil man es will. Weil man es sein muss.
...ein besseres Pony.
Er sah auf. Er hatte keine Eingebung, keine plötzliche Inspiration, keinen genialen Gedankenblitz. Die Worte in seinem Mund formten sich mühsam, jedes für sich ein Kampf für sich.
„Ich... ich weiß nicht, was ich sagen soll, damit alles gut ausgeht. Ich bin nicht wirklich gut darin, über Freundschaft, über das Band zu philosophieren, das Ponys untereinander verbindet. Vielleicht... vielleicht weil ich bisher kaum Erfahrung darin habe, was es bedeutet, einen echten Freund zu haben." Er blickte beschämt zur Seite. „Ich dachte immer, ich wäre mit mir selbst recht gut aufgehoben. Und ich nannte andere meine Freunde, auch wenn ich sie kaum kannte. Auch wenn ich kaum etwas mit ihnen teilte. Applejack war vielleicht die erste..." er sah zu ihr und begegnete ihrem warmen, freundlichen Blick. „...und die einzige, bevor ich euch kennenlernte. Jede von euch hat mich letztlich so herzlich und unvoreingenommen akzeptiert...", er zögert kurz, dann revidierte er seine Worte. „Nein, nicht akzeptiert, sondern wirklich aufgenommen. Selbst solche...", er warf einen Blick auf Rainbow. „...mit denen es schwierig ist. Aber selbst dort fühlte ich mich nie wirklich zurückgewiesen. Sie waren da, wenn ich sie wirklich brauchte." Er suchte den Blick der cyanblauen Stute. Ihre kirschroten Augen betrachteten ihn herausfordernd, aber abwartend. Er hieß es als gutes Zeichen.
„Ich habe eine schwierige Zeit hinter mir und es wäre gelogen, wenn ich sagte, es wäre alles ausgestanden. Aber dennoch habt ihr mir so viel Vertrauen und Zuversicht geschenkt, das ich mich trotz allem als euer Freund gefühlt habe. Und es immer noch tue." Sein Blick zuckte zu Fluttershy. Als sie ihm aufmunternd zunickte, fühlte er die Kraft in sich aufsteigen, die er für den nächsten Schritt brauchte.
„Ich glaube es ist Zeit, das ich etwas von dem Guten, das ihr mir gegeben habt, zurückgebe." Er räusperte sich, vornehmlich um den Kloß aus seinem Hals zu entfernen, aber auch, um einen Augenblick zu gewinnen, in der er seine nächsten Worte wählen konnte.
„Wir alle wissen, dass es um die Freundschaft in unserem Kreis derzeit nicht gut bestellt ist. Das wurde bereits mehr als einmal ausgesprochen und wir alle fühlen es. Ihr vielleicht noch mehr als ich." Er blickte sich in der Runde um. Jedes Pony begegnete ihm mit stiller Zustimmung. Selbst Pinkie Pie, die gerade die letzte Zimtschnecke in ihren unerschöpflichen Schlund zog, nickte ernst. „Wir... wir wissen, was der andere fühlt. Wir wissen, was der andere durchgemacht hat. Wir haben es uns bereits gesagt. Aber..." Er atmete tief durch. Das war der Moment der Wahrheit. Der Moment in dem sich zeigen sollte, ob er richtig lag... oder es wieder einmal vermasselt hatte.
„Aber wir haben niemals, zu keinem Zeitpunkt, uns wirklich gegenseitig dabei geholfen, diese Probleme aus der Welt zu schaffen. Wir alle haben gelitten. Wir alle haben unsere Wunden davon getragen. Aber... aber wir haben uns nur darauf konzentriert, was uns zugestoßen ist, nicht den anderen. Wir waren so in unseren eigenen Problemen vertieft, das wir nicht gemerkt haben... das wir nicht wahrhaben wollten, das auch die anderen leiden, genauso wie wir selbst. Und das..." Er blickte scheu auf seine Hufe. Die Zuversicht, mit der er vorher gesprochen hatte, verschwand aus seiner Stimme wie das letzte Sandkorn das den schmalen Hals des Stundenglases passierte. Seine Stimme war leise und heiser, als er fortfuhr. „Das ist der Grund, warum ich glaube, das ihr... das wir nicht mehr so eng zusammenstehen können wie früher." Er sah furchtvoll auf. Seine Ansprache hatte ihn das letzte Quäntchen an Selbstvertrauen gekostet, das er aufzubringen vermochte. Tief in sich drin atmete er erleichtert auf, das er diese Prüfung hinter sich gebracht hatte. Aber gleichzeitig hielt er in der Realität gespannt seinen Atem an, ob die anderen zu dem selben Schluss wie er kommen würden.
Er hatte gerade noch Zeit ein verschüchtertes „I-ich kann mich n-natürlich auch irren und..." hinterher zuschieben, bis ihn die drückende Stille im Raum verstummen ließ.
Celestia und Luna, so muss sich Fluttershy die ganze Zeit über fühlen, dachte er zu sich selbst, während er das Urteil des Kreises abwartete. Seine Augen wollten sich einfach nicht von seinen eigenen Hufen lösen. Zu sehr fürchtete er sich aufzusehen und in vorwurfsvolle, verletzte Gesichter zu blicken, oder, noch schlimmer, belustigtes Kichern und mitleidiges Schmunzeln.
Als er schließlich doch den Mut fand seinen Kopf zu heben, sah er statt dessen die besorgten, unsicheren Blicke der Stuten, die sich gegenseitig ansahen.
„Er hat recht." Es war Twilight, die zuerst sprach. Sein Herz schlug einen Schlag leichter, als sie es tat.
Sie stand von ihrem Sessel auf und stellte sich entschlossen in den Kreis. Ihre Mine war ernst, aber eine leichte Andeutung eines Lächelns umspielte ihre Lippen. Ein Lächeln voller Hoffnung. „Alle was wir bisher getan haben, ist uns einzugestehen, was uns weh tut. Aber... aber haben wir wirklich versucht, uns dabei zu helfen? Ich meine... haben wir uns tröstende Worte gespendet, wie wir es früher getan haben? Oder einen Rat, oder ein gutes Beispiel, oder eine Umarmung, die wir auch wirklich so gemeint haben?"
Sie zeigte mit dem Huf auf Rogue. „Seht ihn euch an! Wir kenne uns alle so lange, wir alle haben so vieles miteinander durchgestanden... wir dachten wir kenne uns so gut, wir verstehen uns, wir vertrauen uns... aber gerade unsere jüngster Freund, den wir gerade erst kennengelernt haben... er bringt die ganze Sache auf den Punkt. Haben wir uns wirklich so sehr verloren? Ist... ist so wenig übrig, das all unsere Erfahrung so wenig bedeutet?" Sie sah auffordernd in die Runde. Die Stuten blickten verlegen bei Seite. „Ist es wirklich so weit mit uns gekommen?" Sie blickte ihre Freundinnen einzeln an, so lange, bis jede von ihnen den Kopf schüttelte.
Rogue hob langsam den Kopf. Twilights Zuspruch bedeutete ihm viel. Auf gewisse Weise war es nicht gerade schmeichelhaft, aber durchaus zutreffend, schließlich war er nur...
Bevor er seinen Gedanken beenden konnte, wandte sie sich ihm zu. „Oder ist sein Herz so groß? Er... kennt uns nur so wenige Zeit. Aber andererseits... scheint er uns doch besser zu kennen als wir uns selbst."
Rogue zuckte zurück. Halt! Das stimmte nicht! Er hatte nicht... es war nicht seine Schuld... Er schüttelte entschlossen seinen Kopf. „Es war Fluttershy! S-Sie hat... sie versteht euch viel besser als ich! Ich kenne euch kaum! Ich habe nur geholfen!" stieß er in einem plötzlichen Ausbruch hervor. Er bemerkte erst gar nicht wie sehr es nach einer Schuldzuweisung klang, bis die Worte seinen Mund verließen.
Er erstarrt einen Moment lang in purem Schrecken. Das war es also? Er lieferte Fluttershy ans Messer, wenn es zum Moment der Wahrheit kam?
Twilights Worte waren alles andere als anklagend, aber seine Verteidigung war zu schnell, zu instinktiv gekommen, als sie als bloße Verwirrung abzutun. Celestia, konnte er wirklich so gemein sein? Ihr... ihr die Schuld zuzuweisen, wäre alles falsch gelaufen? Gerade ihr?
...ein besseres Pony. Wohl kaum.
Eine Woge des Selbstabscheus schlug über Rogue zusammen. Er hätte vor sich selbst ausgespuckt, wäre er alleine gewesen. Er hörte kaum zu, als Twilight fortfuhr.
„Unsere Probleme sind so offensichtlich. Aber wir haben nicht daran gedacht, das die Lösung es auch ist! Rogue, es geht nicht darum..." Sie sah, wie das Rettungspony verdrossen auf den Boden starrte und zögerte. Sie blickte hilfesuchend zu Fluttershy auf. Das Pegasuspony sah sie durch die Strähnen ihrer Mähne verschüchtert an. „Wir müssen erkennen, das wir nicht die einzigen sind, denen weh getan wurde.", flüstert die schüchterne Stute. „Es geht darum, das wir den Schmerz teilen. Wir sind nicht alleine, sondern wir teilen etwas."
„Aye, das is´ richtich´.", stieß Applejack hervor. Sie erhob sich von dem bequemen Sofa. „Wir ham´ alle unsre Gründe warum wir nich´ ganz bei uns sin´, aber wenn man über sein´ Tellerrand guckt, dann isses doch nich´ so verschied´n." Sie sah sich um. „Darn´, is´ne Schande, das s´ nich´ ich s´ bin der´s als erstes ausspricht, aba´, wir ham uns nich´grad´ viel geholf´n, oda?" Sie sah zu Rainbow, die seltsam verdrossen in ihren Schoß blickte. „Dash, ich weiß, dassde´ dir mächtig was vorwirfst, weil de´ eines von den Schatt´nwölfen getötet hast. Un´ ich weiß nich´ genau, was ich dazu sag´n soll, aba das eine will ich das des weißt: So schwer´s auch is, un´ so furchtbar noch dazu, aba ich hät´ das selbe getan, bevor´s mich selbst erwischt. Oda noch schlimmer, meine kleine Schwester." Die Erdstute klopfte mit dem Huf auf den Boden. „Mehr noch: bevor´s n´anders Pony erwischt, mach´ ich mir lieber selbst die Hufe schmutzig." Sie sah zu Fluttershy. „Sorry, ´Shy, ich versteh, was sie getrieb´n hat, aber Applebloom is´ mir keins von denen wert. Nich´ wenn se´ inner Nacht komm´ un´ unschuldige Ponys jag´n. So isses´."
Fluttershy blickte verschüchtert auf ihre Hufe, aber als sie sprach, klang ihre Stimme überraschend klar und fest. „Es war niemals falsch, das wir uns verteidigt haben. Ich wünschte einfach nur, wir hätten vorher einen anderen Weg finden können." Sie fixierte Rainbow. „Es... es war grausam von dir, das du sie getötet hast. Grausam... grausam." Sie schniefte und klare, reinen Tränen rollten ihre Wangen herab. Aber sie hielt ihren Blick aufrecht. „Aber ich kann dir verzeihen. Ich weiß, das du es nicht wolltest. Sie wollte ihre Welpen beschützen – du die Ponys, die dir am Herzen liegen. Für keinen von euch kam ein Aufgeben in Frage. Daran... daran ist nichts falsches."
Rainbow Dash hatte ihr Haupt gesenkt, so das ihre wilde, regenbogenfarbene Mähne über ihr Gesicht hing. Als Fluttershy zu ihr sprach. hob sie langsam ihren Kopf. Tränen glitzerten in ihren Augen. „Fluttershy...", hauchte sie. „Fluttershy, es tut mir so leid. Ich wollte nie... ich konnte nicht..."
Wie ein gelber Blitz war die Stute bei ihrer Freundin und schlang schützend die Flügel um ihren Leib. „Schh..", hauchte sie, währen die blauen Schultern in ihrer Umarmung erzitterten. „Schhh... es ist alles gut, alles gut..."
Twilight sah zu Rarity auf, deren Gesicht bei dem Anblick der sich umschließenden Stuten einen weichen, verträumten Ausdruck angenommen hatte.
„Wir haben es niemals böse gemeint.", gab die Bibliothekarin ihr zu verstehen.
Rarity schreckte auf und fixierte Twilight. Einen Moment lang hielt sie ihren harten Blick aufrecht, dann wich der strenge Ausdruck in ihrem Gesicht dem des Verzeihens. „Es gibt keinen Grund sich zu entschuldigen, Darling. Der Fehler liegt auf meiner Seite. Ich dachte einfach... ich war so von mir selbst eingenommen..." Sie seufzte leise. „Ich sah einfach nur mich selbst und dachte, ihr wäret einfach eifersüchtig auf mich. Das Element der Großzügigkeit? Ich bin, offen gestanden, eine Schande diesen Titel zu tragen. Kapitän Fairway ist ein wunderbares Pony, ohne Frage. Und ich freue mich sehr darauf die Bekanntschaft zwischen ihm und mir zu vertiefen, wenn dies alles vorbei ist. Aber hier und jetzt..." Sie schwenkte ihren Huf im Kreis. „...sehr unangemessen. Und noch schlimmer: sehr selbstsüchtig. Es war unfair, euch gegenüber und auch ihm. Ihr wolltet es mir sagen, aber ich war zu stolz... und... und zu verwirrt, um darauf zu hören. Ihr habt es nur gut mit mir gemeint und meint es jetzt noch. Das ist mehr als ich nach meinem unverzeihlichen Benehmen noch erwarten kann." Sie setzte ihren Huf auf die Brust und verbeugte sich vor ihren Freunden. „Ich entschuldige mich dafür. In aller Aufrichtigkeit."
Sie richtete sich auf und fixierte Twilight mit einem leisen Lächeln. „Womit du am Zuge bist, Darling."
Das lavendelfarbene Pony zuckte zurück und zögerte. Rarity ging auf sie zu, stellte sich neben sie und stieß sie auffordernd mit ihrer Schnauze an. „Sieh´ dich um, Twilight. Niemand von uns zweifelt an dir. Nur du selbst bist es, die sich noch Vorhaltungen macht. Was immer dort in Canterlot geschehen ist, wir mögen es nicht gänzlich verstehen. Aber wir glauben an dich." Sie sah in die großen, violetten Augen der Stute und suchte nach der Wahrheit darin. „Was immer du glaubst, das Prinzessin Celestia über dich denkt, was immer du fürchtest, wie du in ihren Augen fehl gegangen bist, vertraue mir, wenn ich sage: Ich habe gesehen wie sie dich ansieht. Und das ich weiß: Sie liebt dich, ohne Bedingung, ohne Vorsatz. Als währst du ihr eigen Fleisch und Blut. Nichts was du tun könntest, könnt euch jemals wirklich entzweien. Denn es..." Das Einhorn zögerte einen Augenblick, dann fuhr sie fort. „Es ist der selbe Blick, den Applejack hat, wenn sie Apple Bloom ansieht. Oder ich Sweetie Belle."
Twilight sah langsam auf. In ihren Augen blitzte Schmerz, tief und schwer. „Aber ich habe sie so sehr enttäuscht..." Rarity drückte ihren Huf gegen die Lippen ihrer Freundin. „Es ist nicht wichtig. Sie wird immer für dich da sein, immer..." Sie verstummte, als Twilight ihre Hufe um sie schlang und laut aufschluchzte. „Es tut mir leid! So leid!" Rarity erstarrt überrascht für einen Moment, dann strich sie sanft über die bebenden Schultern der Stute. „Alles gut, Twiligth. Alles gut."
Die lavendelfarbene Stute hielt sie in ihren Hufen, drückte sie fest an sich. „Ich habe einen Fehler gemacht. Vergib´ mir. Vergib´ mir.", flüsterte sie.
Rogue merkte langsam auf. Er wusste, dass er auch diesmal, auf seine unnachahmliche Art und Weise, Mist gebaut hatte. Aber die Szenen der Versöhnung gingen dennoch nicht spurlos an ihm vorbei. Mit grimmiger Zufriedenheit betrachtet er die sich in den Hufen liegenden Ponys.
Wenigstens hat das irgendwie geklappt. Er sah zu Fluttershy, die sich mit Rainbow in den Hufen lag und Tränen der Erleichterung vergoss. Letztlich hat sie doch die richtigen Worte gefunden, im Gegensatz zu meine dummen Geschwafel. Er wandte sich zum Gehen um, um das traute Zusammensein der Stuten nicht weiter zu stören. Er war hier nur das fünfte Rad am Wagen.
Pinkie Pie und Applejack versperrten ihm den Weg.
Er blieb abrupt stehen und starrte die beiden erschreckt an. Natürlich, die beiden waren übrig geblieben. Er hatte gehofft, das sich auch diese Paar finden würde, sich die Last von Seele reden würde, um den Erfolg, der sich so schal in seinem Mund anfühlte, komplett zu machen. Statt dessen sahen sie ihn an. Und er wusste nicht, was an Trost er ihnen spenden konnte. Wenn er nur einen Moment davon abkommen könnte, wie sehr er sich von sich selbst verraten fühlte, wie sehr er es bereute auch nur im Affekt Fluttershy zu beschuldigen...
Er atmete tief durch. Nein, er durfte sich jetzt nicht in Selbstvorwürfen verlieren. Wenn er ein wenig zum Erfolg beitragen konnten, musste er sich zusammenreißen und gute Miene zum guten Spiel machen, so miserabel er sich auch innerlich fühlte. Er sah auf.
„Pinkie Pie... Applejack... ich... ich weiß..." Er kam nicht weiter, als sich beide Ponys gleichzeitige auf ihn stürzten, ihre Hufe um seinen Hals schlangen und ihn fest an sich drückten. Für einen Moment zuckte er zurück, wehrte sich dagegen.
„Nein! Das ist nicht... ich sollte..."
„Schh... S´ alles in´ Ordnung, Rogue. Wir sin´ okay. Du brauchst dir keine Sorg´n um um´s zu mach´n. Wir sin´ für dich da. Du kannst los lass´n."
„Es ist okay, Rogue. Du hast mir schon vorher geholfen. Was passiert ist, ist schlimm, aber es ist gut, jetzt ist alles gut. Solange wir uns haben... ist es gut. Lass´ los. Es geht nicht nur um uns, es geht auch um dich."
Er kämpfte gegen sie an, versuchte sich zu befreien.
„Nein!", schluchzte er, „Ich habe alles falsch gemacht! Es ist meine Schuld, meine, nicht... ihre... nicht eure...nur meine... meine..." Sie erstickten seine Stimme unter der Wärme ihrer Körper, unter der weichen Umarmung ihrer Hufe und den Tränen, die ihre Wangen hinab liefen. Und auch Rogue weinte, weinte wie ein Fohlen. So lange, bis sich ihrer aller Tränen vermischten und es keinen Unterschied mehr gab zwischen seinem, ihrem, ihrer aller Schmerz.
Es gab danach noch so viel was zu sagen war, so vieles was sie miteinander teilten. Was jeder von ihnen von ihnen fühlte war nicht in ein, zwei, nicht in ein dutzend oder einhundert Sätze zu pressen. Es gab an diesem Tag noch viele Umarmungen, noch viele Tränen, aber es gab auch Lachen und Schmunzeln und Kichern. Und vor allem gab es eines: Rogue erkannte, das nicht er das goldene Band zwischen den zerbrochenen Teilen war. Sondern das es genau alles andere war: Das neue, was sie untereinander teilten. Das, was sie vorher entzweit hatte, band sie nun zusammen. Sie verstanden plötzlich wieder, das es nur ihre Gemeinsamkeit war, die sie stark machte. Das sie nicht alleine waren, so sehr sie sich vorher auch so gefühlt hatten. Das der Schmerz in ihnen nicht ihnen alleine gehörte, sondern von all den anderen geteilt wurde. Sie hatten wiedergefunden, was sie scheinbar vergessen hatten: Sie waren nicht alleine. Es gab da draußen Ponys die ähnliches, gleiches erlebt hatten. Und die deshalb verstanden, was sie fühlten.
Und so knüpften sie die Bande neu. Nur, wie ein Knochen, der einst gebrochen, ein wenig stärker als zuvor.
Es wäre falsch zu sagen, das sich damit ihre persönlichen Probleme in Luft auflösten. Jede Wunde blieb bestehen, so tief und schmerzhaft wie sie vorher war. Aber nicht länger trieb sie dieser Schmerz auseinander, sondern aufeinander zu. Und sie alle wussten nun: Es gab dort immer jemanden, mit dem sie ihre Pein teilen konnten.
Und welches Fohlen weiß nicht: Geteilter Schmerz – ist halber Schmerz.
Es war schon dunkel, als sie alle gemeinsam auf das Deck des Schiffes traten, um ein wenig frische Luft zu schnuppern. Die schneebedeckten Kuppen der hohen, unerforschten Berge glitten unter ihnen hinweg und eine willkommene Frische erfüllte die Luft. Mehrere Feuer brannten in offenen Schalen auf dem Deck und erleuchteten den Ballon und die Segel in warmen Schein. Die Mannschaftsponys saßen auf Taurollen und Fässern und prosteten sich zu. Es sah aus, als wären sie mitten in eine Party geplatzt, von der sie nichts wussten.
Als sie alle auf Deck getreten waren, hallte eine wohl bekannte Stimme über das Schiff. „Da sind sie! Habe ich euch zu viel versprochen, meine Ponys? Jede eine Schönheit, so frisch wie der junge Morgen. Benehmt euch! Wir haben nicht weniger als die Elemente der Harmonie für euch aufgetrieben." Kapitän Fairway sprang vom Achterdeck hinunter direkt vor die Gruppe. Er schenkte jedem von ihnen ein blitzenden Lächeln, dann verbeugte er sich tief. „Fürchtet euch nicht, meine Damen, mein Herr! An Bord der Idle Barter wissen wir uns zu benehmen! Aber es ist seit jeher Brauch, das ein jeder Matrose einen Tanz frei hat, heute am Tag der Taufe!" Hinter ihm johlte die Mannschaft wild auf und stieß ihre Krüge gegeneinander. „Ein Tanz! Ein Tanz! Ein Tanz!"
Die Stuten zögerten, überwältigt von der plötzlichen Aufmerksamkeit. Als der Kapitän das bemerkte, trat er einen Schritt vorwärts und raunte vertraulich: „Ich verbürge mich für meine Ponys. Es sind alles anständige Matrosen und alles was sie wollen ist ein lustiger Tanz mit unseren schönen Gästen. Nicht mehr und nicht weniger." Überraschenderweise war es Rogue, dem er zu zwinkerte. „Die Offiziere natürlich nicht ausgenommen. Nun, was sagen sie?"
Twilight sah sich unschlüssig in der Runde um. Sie hatten einen harten, emotional aufwühlenden Tag hinter sich... „Es wäre uns allen eine Ehre.", sagte sie mit abenteuerlustigen Lächeln, als die die zustimmenden Gesichter ihrer Freundinnen sah.
Selbstverständlich war es Kapitän Fairway, der als erstes vortrat. „Dann darf ich um diesen Tanz bitten, Miss Rarity?"
Die weiße Stute kicherte verlegen, dann nahm sie den Huf entgegen. Einer nach dem andern traten die männlichen Offiziere vor und sicherte sich ihre Stuten. Applejack bekam das erste Bootspony, einen kräftigen Erdhengst, der sie aufmunternd anlächelte. Pinkie hielt sich nicht lang auf und schnappte sich einen farbenfrohen Hengst aus den Reihen der Mannschaften.
„Uhm, wenn sie nichts dagegen haben, ich bin noch für diesen Tanz frei." Rogue drehte sich überrascht um. Leutnant Mellow, die Kommandantin der Marineinfanterie, gab sich Mühe ihre Verlegenheit zu verstecken und eine ausdruckslose Mine zu bewahren, aber die leichte Röte auf ihren Wangen verriet, dass sie nicht nur aus Höflichkeit handelte.
„Äh, sicherlich! Natürlich!", stammelte Rogue und versuchte seine eigene Verlegenheit zu verstecken. Aus reiner Verzweiflung bot er ihr seinen Ellbogen an und führte sie zu den anderen Paaren, die bereits auf dem Deck warteten.
Einen Moment lang standen sie alle still, gespannt darauf, was folgen würden.
Eines der älteren Ponys drückte die Ziehharmonika zusammen und eine langer Ton rollte über das Deck.
Dann klang eine klare Stimme über die Musik.
[1]Safe and sound at home again, let the waters roar, Jack.
Safe and sound at home again, let the waters roar, Jack.
Zusammen stimmten alle Ponys des Schiffes in den Gesang ein und der Tanz begann.
Long we've tossed on the rolling main, now we're safe ashore, Jack.
Don't forget yer old shipmate, faldee raldee raldee raldee rye-eye-doe!
Der Tanz war langsam, mehr ein Walzer als alles andere. Die Musik der Ziehharmonika stoppte bei jeder Strophe, um beim Refrain wieder einzusetzen.
Since we sailed from Plymouth Sound, four years gone, or nigh, Jack.
Was there ever chummies, now, such as you and I, Jack?
Selbst für einen ungeübten Tänzer wie Rogue dauerte es nicht lange im Takt des eindrücklichen Rhythmus aufzugehen. Zudem machte es ihm Leutnant Mellow mit ihren flinken Hufen sehr einfach.
Long we've tossed on the rolling main, now we're safe ashore, Jack.
Don't forget yer old shipmate, faldee raldee raldee raldee rye-eye-doe!
Als er merkte, das er der Stute vor ihm kaum auf die Hufe treten konnte, entspannte sich Rogue langsam.
We have worked the self-same gun, quarterdeck division.
Sponger I and loader you, through the whole commission.
Der Kanon war sehr eindringlich und er konnte ihn bereits mitsingen:
Long we've tossed on the rolling main, now we're safe ashore, Jack.
Don't forget yer old shipmate, faldee raldee raldee raldee rye-eye-doe!
Applejack wirbelt an ihm vorbei und warf ihm ein glückliches Lächeln zu. Er konnte nicht anders, als es zu erwidern.
Oftentimes have we laid out, toil nor danger fearing,
Tugging out the flapping sail to the weather earring.
Er wendete seinen Kopf hin und her, um den Kapitän zu erhaschen.
Long we've tossed on the rolling main, now we're safe ashore, Jack.
Don't forget yer old shipmate, faldee raldee raldee raldee rye-eye-doe!
Da wirbelte er mit Rarity in den Hufen über das Deck, ein Beispiel an Eleganz und Esprit.
When the middle watch was on, and the time went slow, boy,
Who could choose a rousing stave, who like Jack or Joe, boy?
Der verträumte Ausdruck auf dem Gesicht von Rarity sprach für sich. Sie war, mehr als sie alle, versunken in ihrem eigenen Traum, während sie in seinen Hufen lag.
Long we've tossed on the rolling main, now we're safe ashore, Jack.
Don't forget yer old shipmate, faldee raldee raldee raldee rye-eye-doe!
Kapitän Fairway hatte scheinbar nur Augen für sie. Mit warmen Lächeln hielt er sie fest und wiegte sich zusammen mit ihr im Takt.
There she swings, an empty hulk, not a soul below now.
Number seven starboard mess misses Jack and Joe now.
Dennoch traf sich sein Blick mit Rogue für einen Moment. Als hätte er den Augenblick perfekt abgepasst, nur darauf gewartet.
Long we've tossed on the rolling main, now we're safe ashore, Jack.
Don't forget yer old shipmate, faldee raldee raldee raldee rye-eye-doe!
Sein Lächeln verbreitete sich fast unmerklich und er nickte dem Hengst leicht zu.
But the best of friends must part, fair or foul the weather.
Hand yer flipper for a shake, now a drink together.
Einen Augenblick lang konnte sich Rogue des Eindruck nicht erwehren, das letztlich alle, vom Geständnis beim Abendessen, über den Streit mit Rarity, bis hin zur endgültigen Versöhnung zwischen ihnen allen, ein einziger, perfekt von ihm geplanter Hufstreich war.
Long we've tossed on the rolling main, now we're safe ashore, Jack.
Don't forget yer old shipmate, faldee raldee raldee raldee rye-eye-doe!
Der Tanz endete und ebenso die Vermutung von Rogue. Niemand konnte so etwas bis ins kleinste Detail vorplanen. Es gab zu viele Variablen, zu viele Wenn´s und Aber´s, als das...
Kapitän Fairway verbeugte sich tief vor Rarity und küsste – fast schon ungehörig nah – ihren Huf. Aber darüber... warf er einen kurzen Blick zu Rogue. Und er lächelte noch immer.
Es war nicht das Lächeln eines Bösewichts im Angesicht seines Triumphs, sondern das wissende Lächeln eines großzügigen Siegers. Rogue war so sehr darin gefangen, das er fast verpasste sich bei seiner Tanzpartnerin zu bedanken. Die weiße Einhornstute schien mehr als bereit auch den nächsten Tanz mit ihm zu begehen, aber er entschuldigte sich und nahm statt dessen auf einer Taurolle am Rande der Tanzfläche platz. Umgehend wurde ihm ein Lederbecher mit einem auffordernden Nicken in den Huf gedrückt. Das Getränk darin dampfte leicht und verbreitete ein sanftes Aroma nach Vanille und Rum. Er kostet vorsichtig davon. Es schmeckte überraschend süß und gut und der Alkohol wärmte seinen Magen gegen die kalte Nacht. Er nickte dem Spender dankend zu und nahm noch einen Schluck
Der Ziehharmonikaspieler schlug eine neue Melodie an. Schneller diesmal. Und eine Violine stimmte ein.
[2]As I went down to Wattle Dare,
At the hour of twelve at night,
Who should I see but the Spaneish mare,
Washing her hoof by candle-light.
First she washed them, then she dried them
Over a fire of amber coal,
In all my life I ne'er did see
A mare so sweet about the soul.
Die Paare hatten durchgetauscht, bis auf Rarity, die noch immer ihre Hufe zum selben Takt wie der Kapitän schwang. Leutnant Mellow hatte sich das erste Bootspony angelacht. Twilight dreht sich lachend mit einem der jungen Mannschafter, während Pinkie den ersten Offizier gegen alle Widerstände nach vorne zerrte.
Whack fol the toora, loora laddi-o
Whack fol the toora loora lay
Die Wärme in seinem Bauch breitet sich mit jedem Schluck mehr aus. Die Lederbecher machten auch unter den Tänzern ihre Runden. Rogue wippte lächelnd im Takt der Musik mit.
As I went back through Wattle Dare
At the hour of half-past eight
Who should I see but the Spaneish mare
Brushing her mane outside the gate.
First she brushed it, then she combed it,
On her hoof was a silver comb.
In all my life I ne'er did see
A mare so fair since I did roam.
Es passte doch letztlich alles zusammen: Eine lange notwendige Aussprachen, die tränenreiche, versöhnende Aussprache – und das Fest um alles zu feiern.
Whack fol the toora, loora laddi-o
Whack fol the toora loora lay
Celestia und Luna, sogar die Musik passte. Lebendig und aufwühlend, eindringlich und zum mitsingen geeignet. Genau richtig, um die schwierigen Stunden zu vergessen, sich zu versöhnen und gemeinsam zu feiern.
As I came back through Wattle Dare
As the sun began to set
Who should I see but the Spaneish mare
Catching a moth in a golden net.
When she saw me then she fled me
Lifting her petticoat over her knee
In all my life I ne'er did see
A maid so shy as the Spaneish Mare-y.
Alles ein wenig zu zufällig, zu perfekt, zu sehr passend, um sich bequem zurückzulehnen und es einfach zu genießen.
Whack fol the toora, loora laddi-o
Whack fol the toora loora lay
Aber offensichtlich ohne jeden bösen Hintergedanken. Nur... ein kleines bisschen zu sehr gewollt.
I've wandered north and I've wandered south
By Stonybatter and Patrick's Close
Up and around by the Gloucester Diamond
And back by Napper´s house.
Old age has laid her hoof on me
Cold as a fire of ashy coals
But where o where is the Spaneish mare-y,
Neat and sweet about the soul?
Der Kapitän beendete seinen Tanz mit Rarity mit einer eleganten Verbeugung. Er griff sich einen ihm dargebotenen Becher und nahm einen tiefen Zug. Wieder sah er zu dem Rettungspony. Rogue hob seinen Krug und prostete ihm zu. Kapitän Fairway lächelte und hob seinen Becher.
Worthwhile musste sich keine Sorgen machen, dessen war sich das Rettungspony nun sicher. Was immer Fair gewesen war – wen immer der erste Offizier auch als seinen anfänglichen Stubenkameraden kennengelernt hatte, es war vergangen. Sei es Maske, eine Fassade, oder sonst etwas, Kapitän Fairway war alles, was an Bord dieses Schiffes war. Es war sein Herz, seine Existenz, nicht weniger als der Körper, den er so gerne von den Rahen schwang. Er würde nicht eher zerbrechen, als noch einzige Seele hier am Leben war. Er war genauso brilliant und bewundernswert wie sie von ihm dachten. Nicht mehr und nicht weniger. Er war, was seine Pony in ihm sahen. Er hatte sich zum Kapitän seines eigenen Schicksals gemacht.
„Wenn de´ jetz´ sachst´, dassde´ dich auch noch in ihn verkuckt hast, fang´ ich´s schrei´n an.", flüsterte ihm seine Cousine ins Ohr. Er schreckte auf und sprühte eine feuchte Wolke Grog auf das Deck. Als er sich von seinem Schrecken erholt hatte, sah er seine Cousine verschmitzt an. „Wer könnte so einem Hengst schon widerstehen?", sagte er ernst, kicherte aber, kaum das er es ausgesprochen hatte.
„Willste´ noch´n bisschen guck´n, oder deine Cousine zum Tanz auffordern?", fragte sie herausfordernd.
Rogue verbeugte sich tief. „Würde die Dame mir die unendliche Freude des nächsten Tanzes gewähren?", brachte er in seiner besten Imitation des Canterlot- Akzentz hervor.
AJ kichert wie ein Schulfohlen, dann hakte sie sich bei ihm ein. „Sie würd´"
Er führte sie zu den anderen Tänzern. Der Tanz auf zwei Hufen war normalerweise entweder für eher förmliche Ereignisse reserviert, oder wenn sich zwei Pony recht nahe waren... oder sich nahe kommen wollten. An Bord diese Schiffes schien es jedoch geradezu obligatorisch zu sein. Er versuchte seine Hufe an möglichst neutralen Punkten auf ihr zu platzieren. Als sie seinen stillen Kampf sah, nahm sie sanft seine Hufe in die Ihren und führte sie an ihre Schulter und Hüfte. Er sah sie dankbar an. Dann spielte die Musik auf und er nächste Tanz begann.
[3]Johnny is a handsome lad
And asked me for to wed.
And I would marry Johnny
But me father up and said,
"I am sorry to tell you, daughter,
What your mother never knew,
But Johnny is a son of mine
And so is kin to you."
Es war gut, das er keinen Becher im Huf hatte und keinen Grog in seinem Mund. Einer der Tänzer um sie herum hätte sicherlich eine unangenehme Überraschung erlebt. Es war auch so schlimm genug. Er kam aus dem Tritt und legte sich fast der Schnauze nach hin. Einzig Applejacks hielt ihn mit einem kräftigen Zupacken aufrecht.
The colt that I will marry will be handsome, strong, and tall,
And he will sing my praises and be at my beck and call.
The colt that I will marry will keep me satiated,
And every night in bed I'll pray that we are not related.
Er fing sich langsam, aber das Lied setzte natürlich noch einen drauf. Selbst AJ war leicht errötet und hatte schüchtern den Blick gesenkt. Die Sea Shantys waren für ihre augenzwinkernde, etwas derbe Art berühmt und berüchtigt.
William is a handsome lad
And so is Pat O'Brian.
So too is Mickey Grady
And his younger brother Ryan.
But father was a busy man.
His seed so far did spread.
He told me they're my brothers all.
So safe my maidenhead.
Rogue mied den Blick seiner Cousine und versuchte die Röte aus seinem Gesicht zu verscheuchen. Eigentlich hoffte er nur, das Stück wäre bald vorbei.
The colt that I will marry will be handsome, strong, and tall,
And he will sing my praises and be at my beck and call.
The colt that I will marry will keep me satiated,
And every night in bed I'll pray that we are not related.
Von allen Liedern, die an Bord der Schiffe gesungen werden... fluchte er still. Und natürlich musste er gerade mit Applejacks tanzen. Vielleicht hatte er sich geirrt, als er Fluttershy beruhigt hatte. Vielleicht lenkte doch ein unbekanntes, bestimmendes Schicksal jeden Ihrer Schritte. Und eines war klar: Es mochte ihn nicht besonders.
Ye never saw a lass so sad
And sorry as I was.
The lads in town were all my kin
And me father was the cause.
If I should die a single maid
For that adulterer's sport,
I think I'll go to mother for
His wanderings to report.
Er wagte einen prüfenden Blick auf das Gesicht seiner Cousine. Wenn es ihr zu unangenehm war, konnte er den Tanz einfach abbrechen und sie...
Sie sah ihn an und der Schalk blitzte aus ihren Augen. Als sie seinen überraschten Gesichtsausdruck sah, lachte sie laut. „Sei´ kein Frosch! S´ is´ doch lustig, oder nich´?"
"Now, daughter, didn't I teach you
To forgive and to forget?
Himself he sowed his wild old oats,
But that you needn't fret.
Your father may be father
To all the lads but still,
He's not the one that sired you
So marry who you will."
Als er die Pointe des Liedes hörte, konnte er tatsächlich nicht anders, als zu lachen. Er verstärkte seinen Griff um seine Partnerin und tanzte mit neuem Elan durch die letzten Zeilen.
The colt that I will marry will be handsome, strong, and tall,
And he will sing my praises and be at my beck and call.
And since my mother twiddled with a sailor come from sea,
I'll find myself a handsome lad who'll not be kin to me.
Vielleicht dachte er zu viel nach. Vielleicht nahm er vieles viel zu ernst. Vielleicht war es an der Zeit sich ein wenig mehr fallen zu lassen...
The colt that I will marry will be handsome, strong, and tall,
And he will sing my praises and be at my beck and call.
The colt that I will marry will keep me satiated,
And every night in bed I'll pray that we are not related.
...in die warme Umarmung seiner Freunde.
Am nächsten Morgen genossen sie alle zusammen ein spätes, reichhaltiges Frühstück im Offizierskasino. Es war noch spät geworden an diesem Abend und auch wenn sie einige der Offizier und Mannschaften früh verabschiedet hatten, da die Pflicht sie früh aus den Betten holen würde, feierte der Rest noch bis tief in die Nacht. Sie tanzten, sangen und amüsierten sich gemeinsam auf dem leicht schaukelnden Deck des behäbigen Schiffes. Rogue hatte schließlich den Mut gefunden die hübsche Offizierin der Marineinfanterie von sich aus zu einem Tanz zu bitten und auch die Gelegenheit gefunden mit jeder der anderen Stuten – und dem einen oder anderen Hengst - über das hölzerne Deck zu wirbeln, bis sie alle erschöpft, aber glücklich der Mannschaft dabei halfen, die Lichter zu löschen und die Überreste der Party fortzuräumen. Es gab wahrscheinlich kein Pony, das gestern nicht mit einem Lächeln auf dem Gesicht eingeschlafen war.
Sie sahen auf, als Leutnant Worthwhile an ihren Tisch trat und sich vornehm räusperte. „Der Kapitän wünscht die Anwesenheit seiner Gäste auf dem Kommandodeck. Selbstverständlich erst, wenn sie ihre Mahlzeit beendet haben." Er verbeugte sich förmlich und trat ab.
Sie sahen sich einen Moment lang überrascht an, dann stopften sie sich die Reste von ihren Tellern hastig in den Mund. Rarity warf ihnen einen vorwurfsvollen Blick zu und weigerte sich schlicht einen solchen Mangel an Tischmanieren nachzugehen. Aber ihre Kaffeetasse leerte sich dennoch überraschend schnell, so das sie sich gemeinsam beeilen konnten, auf Deck zu kommen.
Der Wind hatte aufgefrischt und blies kalt und schneidend über das Deck der Idle Barter. Kapitän Fairway begrüßte sie, persönlich das Steuerrad in der Hand, während ein Mannschaftspony ihm eine Tasse mit dampfenden Tee reichte. Sein marineblauer Mantel flatterte im Wind und ließ ihn... nun, einfach heroisch wirken. „Guten Morgen, meine Damen, mein Herr! Wenn sie über den Bug sehen, sehen sie das Ziel unserer Reise. Die Zwillingsgipfel!"
Tatsächlich hatte Rogue zunächst keine Ahnung, was er meinte. Die Takelage und der große Schwebekörper des Ballons verdeckten viel der Sicht, aber über den Bugsprit hinaus sah er vor allem eines: Eine riesiges Massiv aus Schnee, Eis und Felsen, die wie eine Mauer vor ihnen aufragte. Nur ein schmaler Streifen blau war darüber zu sehen und dahinter, etwas links des Hauptmastes... zwei Gipfel.
Twilight trotte zu dem kleinen Kartentisch neben dem Rosenkompass und betrachtete die Karte, die sie dem Kapitän zur Navigation überlassen hatte nachdenklich. Sie glich die Zeichnungen mit der Wirklichkeit ab und nickte zufrieden. „Das könnte es tatsächlich sein." Dann sah sie zurück auf die Karte. „Aber die Gebirgskette vor uns ergeben keinen Sinn. Ihre Form ähnelt der in der Karte, aber sie sind nicht annähernd als so hoch eingezeichnet." Sie sah zum Skipper. „Können wir darüber hinwegfliegen?"
Fairways selbstsicheres Lächeln wich einem nachdenklichen, ersten Blick. Er übergab das Steuerrad und kramte ein kompliziert aussehendes Messinginstrument aus dem Kartentisch. „Hart Steuerbord.", befahl er und trat an die Reling. Das Steuerpony bestätigte mit einem „Aye, hart Steuerbord." und drehte das Ruder. Langsam schwang das Schiff herum.
Jetzt, da sie eine fast ungehinderte Sicht auf das Gebirge vor sich hatten, wurde ihnen erst richtig bewusst, wie zwergenhaft sie im Vergleich dazu wirkten. Die schroffen, weißen Abhänge erstreckten sich fast endlos hinauf in den wolkenlosen Himmel.
Kapitän Fairway peilte den obersten Grat an, verstellte das Instrument etwas und peilte erneut. Schließlich las er die Anzeige darauf ab. Er wiegte es nachdenklich in seinen Hufen hin und her.
„Wenn es nur um eine Überquerung ging, würde ich nach einem sicheren Pass suchen." Er warf einen langen Blick zuerst nach links über das Heck, dann wiederholte er das ganze über den Bug. Schließlich fuhr er fort. „Aber es könnte Tage dauern, einen zu finden. Wir wissen ja nun, das wir uns nicht gänzlich auf die Karten verlassen können und es gibt in unserem Sichtbereich keine Anzeichen auf eine Vertiefung in der Bergkette. Selbst wenn wir es versuchen, bringt uns jede Meile weiter vom direkten Kurs ab. Eine Meile, die wir auf der anderen Seite wieder zurückfliegen müssen." Er wandte sich Twilight zu. „Wir können es schaffen, der Grat liegt nicht außerhalb unsere maximalen Operationshöhe, aber nahe daran. Es ist nicht ohne Risiko. Aber Aye, ja es ist machbar."
Die lavendelfarbene Einhornstute runzelte die Stirn. „Was würde sie raten, Kapitän?"
Ein verwegenes Lächeln erblühte auf Fairways Gesicht. „Mir wurde gesagt, das ihre Mission einem gewissen Zeitdruck unterliegt. Wir könnten eine gute Woche verlieren, wenn wir nach einem geeigneten Pass suchen. Ich sage: Versuchen wir es. Die ´Idle Barter´ ist ein starkes Schiff mit einer guten Mannschaft. Wenn wir es nicht schaffen – schafft es keiner."
Twilight nickte langsam. Die schwere Entscheidung war ihr aufs Gesicht geschrieben. Aber sie schreckte nicht davor zurück. Nicht mehr. „Dann versuchen wir es."
Kapitän Fairway zögerte nicht seine Befehle zu geben. „Steuer zurück auf Hauptkurs. Seitensegel reffen und alle Taue nachziehen. Der Maschinenraum soll seine Hintern in Bewegung setzten, wir brauchen mehr Auftrieb, alles was der Ballon hergibt! Mister Worthwhile!" Der erste Offizier salutierte zackig. „Geben sie Wetterschutzkleidung an die Mannschaft und unsere Gäste aus, es wird kalt da oben werden. Alle Hufe an Deck! Ich will meine Ponys in den Rahen und in jedem Huf ein Seil sehen!" Er warf einen prüfenden Blick über die Reling nach oben, am Ballon vorbei. „Celestia sei dank, auch hier keine einzige Wolke und vor allem kein Sturm. Aber die Pegasie sollen sich trotzdem für Wetterdienst bereithalten. Man weiß ja nie..."
An Bord explodierte die Geschäftigkeit geradezu. Ponys eilten hin und her, zogen sich Mäntel, Schals und Mützen über, während sie an Tauen zogen, die Takelage hochkletterten, oder loses Material an Deck verstauten. Einzig das Kommandodeck war ein Pol der Ruhe, wo der Kapitän einen vorsichtigen Schluck aus seiner Tasse nahm, während er gleichzeitig ein wachsames Auge auf das geordnete Chaos unter sich hatte. Seine Offiziere waren mittendrin, scheuchten die Ponys an die Arbeit und wachten über jeden Hufstrich. Worthwhile erklomm wieder die Treppe nach oben, nachdem er seine Befehle weitergegeben hatte und verteilte warme Kleidung an Rogue und die Stuten.
Das Rettungspony streifte sich das gefütterte, schreiend gelbe Ölzeug über und war schnell dankbar für die zusätzliche Schicht, auch wenn sie etwas kratzte. Die Temperatur war bereits vorher empfindlich kalt gewesen, jedoch sank sie schnell auf ein wirklich eisiges Niveau, als das Schiff an Höhe gewann.
Zwei Pegasie, die nur einen Schal um ihren Hals gewickelt hatten und Schutzbrillen über den Augen trugen, salutierten vor dem Kapitän. „Bitte das Kommandodeck betreten zu dürfen, Sir!" Fairway erwiderte den Gruß. „Erlaubnis erteilt, meine Herren. Nehmen sie sich etwas Tee und geben sie mir ihre fachmännische Meinung."
Die Pegasie nickte sich zu, dann trat der ältere von beiden an die Reling, während der andere zwei Tassen einschenkte. Es dauerte kaum zwei Minuten, dann bekam Fairway seine Meldung. „Klarer Himmel, keine Bewölkung. Wind: Sechs komma drei aus West, Süd-West. Der Grat macht mir Sorgen, Herr Kapitän."
Fairway nahm einen Schluck und sah auf. „Warum, Matrose?"
Der Pegasus deutete auf die Rand des Gebirges. „Es lässt sich ohne Wolken unmöglich abschätzen, wie die Windverhältnisse dahinter sind. Wir könnten in eine Stream-Schicht geraten, die darüber hinwegfegt. Wir sollten die obere Luftschicht sondieren."
Der Kapitän nickte Worthwhile zu. „Veranlassen sie das."
Der erste Offizier salutierte abermals und wandte sich dem Achterdeck zu. „Wetterballon fertig machen!", rief er laut aus.
Die Freunde beobachteten das geschäftige Treiben mit neugierigen Augen. Alles machte den Eindruck einer gut geölten Maschine, eines Apparates, in dem jedes Zahnrädchen seinen Platz hatte und säuberlich in das andere übergriff. Zum ersten Mal begannen sie wirklich zu verstehen, was es bedeutete, dieses große Schiff in der Luft zu halten.
Ein kleiner Ballon, eine Sprote im Vergleich zu dem farbenfrohen Wal, der sie in der Luft hielt, stieg vom Bugsprit auf. Schnell verschwand er hinter seinem wesentlich größeren Bruder außer Sicht. Worthwhile hielt eine genaues Augen auf die Ponys die am Bug standen und die Leine sicherten. Sie waren die einzigen, die noch Sichtkontakt zu dem Wetterballon hatten.
„Dreißig Faden, Abweichung sechs Knoten. Vierzig Faden. Fünfzig. Sechzig Faden, Sechs komma fünf Knoten." ratterte der erste Offizier routiniert die Zeichen der Ponys hinunter.
„Kapitän!", rief Rainbow Dash plötzlich aus.
Vom dringenden Tonfall der Pegasusstute alarmiert, ließ Fairway seine Tasse zur Seite schweben und klirrend auf den Kartentisch fallen. „Was ist, Miss Rainbow?"
„Sehen sie! Der Schnee!" Sie deutete mit einem Huf auf den Grat des Gebirges, das in der klaren Luft nun fast zum greifen nah erschien. Ein weißer, glitzernder Schleier stieg von der Kante her auf.
„Der Wind bläst ihn auf." flüsterte der Pegasushengst des Schiffes.
„Wind schwenkt!" rief Worthwhile aus.
Ein Ruck ging durch das Schiff. Die Ponys ohne Seebeine kämpften um ihr Gleichgewicht.
„Auftrieb verringern! Segel reffen!" Eine Ausdruck entschlossener Konzentration war auf das Gesicht des Kapitäns getreten.
„Was ist los? Wo liegt das Problem?", verlangte Twilight zu wissen.
Fairway bedeutet ihr mit einem Huf zu schweigen. Er sah zum Ballon auf, dann zum Kompass und dem immer näher kommenden Gebirge. „Wind?", verlangte er zu Wissen.
„Immer noch West, Süd-West. Sieben Knoten. Aber wir haben zusätzlich Aufwind, fast neun Knoten", antworte der Pegasushengst sofort.
„Wetterballon?"
„Siebzig Faden, Abweichung zwölf Knoten, Ost-Ost!", Worthwhile mussten rufen, um sich verständlich zu machen. Das Heulen des Winden schwoll von Sekunde zu Sekunde an.
„Es saugt uns rein, Kapitän!", rief der Pegasus und hielt sich an einem Tau fest, als eine heftige Böe über das Deck wehte.
„Können sie uns Zeit verschaffen?"
„Ich werde mein möglichstes versuchen, Kapitän!" Der Pegasus winkte seinem Kameraden, breitete seine Flügel aus und ließ sich mit dem nächsten Windstoß vom Deck wehen.
„Rainbow! Was ist los?", rief Twilight und bedeckte ihre Augen vor dem Sturmwind. Nicht weniger war es, das jetzt das Schiff beutelt und schüttelte. Die Pegasusstute trabte aufgeregt auf der Stelle. „Wir sind in eine Luftverwirbelung geraten! Der Wind bläst entgegen unsere Richtung über den Grat und saugt die darunterliegende Luftschicht an! Unsere Luftschicht! Wir werden nach oben gezogen! Und da muss ein echter Sturm herrschen!"
„Warum haben wir ihn vorher nicht bemerkt? Wo kommt er her?"
„Ich weiß es nicht, Twilight! Es gibt keine Wolken, an denen man es sehen könnte! Es muss etwas mit dem verrückten Wetter zu tun haben."
Rainbow sah zu den zwei Pegasie, die neben den Schiff herflogen und gegen den Wind kämpften. „Ich muss ihnen helfen! Wenn wir nicht den Aufwind verlieren, reißt uns der Stream über dem Grat in Stücke!"
Sie startete durch und hinterließ nur ein regenbogenfarbenes Abbild ihrer Mähne auf dem Deck, das schnell verblasste.
Worthwhile stemmte sich gegen die Böen, die seinen Mantel wild um ihn flattern ließen und kämpfte sich zu ihnen vor. „Es ist besser, wenn sie jetzt unter Deck gehen! Es ist hier nicht mehr sicher für sie!"
Twilight stemmte ihre Hufe fester in das Holz des Decks. „Sie brauchen jeden Huf, jedes Horn und jeden Flügel an Deck! Sagen sie uns, was zu tun ist, dann helfen wir ihnen!"
Der erste Offizier zögerte einen Moment und warf einen Blick über das Deck unter ihnen. Überall waren Ponys dabei hastig Taue festzuziehen, während sie sich gegen den Wind stemmten.
„Also gut!" Er musste mittlerweile schreien, um sich verständlich zu machen. „Die Erdponys gehen runter und halten sich an das Bootspony. Wir müssen die Segel einholen, bevor sie uns zerreißen! Einhörner zu mir, sie machen die Knoten! Pegasie... ich kann sie da nicht rausschicken, aber halten sie am Bugsprit ihre Flügel in den Wind und melden sie da jede Richtungsänderung!" Sie alle nickten und verteilten sich.
Rogue stürzte zusammen mit Applejack und Pinkie Pie die Treppe hinunter aufs Achterdeck. AJ machte schnell den Hengst aus, mit dem sie am Vorabend getanzt hatte und führte sie durch die Sturmböen, die an ihnen zerrten, zu ihm. Das Deck bockte mittlerweile wild unter ihnen und sie hatten ihre liebe Not voranzukommen.
„Wir soll´n helfen! Was könn´ wir tun?", schrie Applejack gegen den Sturm an.
Der Hengst warf ihnen ein Tau zu. „Zieht! Zieht, wie ihr noch nie zuvor gezogen habt!"
Rogue nahm das Seil in festen Biss und straffte es. Seine Hufe stemmten sich in das Deck. Neben ihm taten AJ und Pinkie Pie dasselbe. Worthwhile galoppierte vorbei. „Miss Rarity! Lösen sie den Knoten dort!", rief er und deutet mit dem Huf darauf.
Ein blaue Aura wickelte sich um das Tau.
„Und jetzt: Pull!"
Der Knoten löste sich. Das Seil knarrte und ein Ruck durchfuhr es. Mit brutaler Gewalt riss es an Rogues Gebiss. Seine Huf schlitterten, suchten Halt. Vor ihm kämpfte Applejack darum, auf den Hufen zu bleiben. Hinter ihm ächzte Pinkie.
„Pull!"
Sie stemmten ihre Hufe in das Deck. Der Zug am Seil war unglaublich. Rogue konnte es im Wind singen hören, so gespannt war es.
„Pull!"
Er ließ nicht nach. Der Sturm zerrte an ihnen, wirbelte die Aufschläge seines Wettermantels schmerzhaft in sein Gesicht. Ein Schritt zurück. Jede Böe riss wie ein Riese an dem Tau.
„Pull!"
Noch ein Schritt. Seine Mütze löste sich, wirbelte einen Augenblick durch die Luft und war dann fort. Eis sammelte sich in seiner Mähne. Und nicht nur dort. Die Bretter des Decks wurden schlüpfrig, als plötzlich Schnee um sie wirbelte.
„Brahmsegel hissen! An die Rahen, ihr Hunde!", schalt der Ruf des Kapitäns über das Deck. Das Bootpony schaute ungläubig zum Kommandodeck. „Hat er den Verstand verloren? Warum das Brahmsegel?...", Er sah nach Backbord und seine Augen wurden groß. „Knoten! Knoten!", schrie er und sprang zum Tau, um auch noch seine Kraft in die Waagschale zu werfen. Worthwhile deutete Rarity die Richtung und sie schlang das Seil fest um einen Steg.
„Was passiert hier? Was hat der Kapitän vor?", rief Rogue dem Bootspony zu, dass das Taueende mit einem weiteren Doppelschlag sicherte.
„Er hat uns seitlich zum Wind gedreht und das Brahmsegel hissen lassen, mein Sohn.", gab dieser von sich. „Wir segeln seitlich zum Sturm. Und wir steigen. Beim Barte Celestias, er jagt sie über einen der Gipfel!"
„Aber ich dachte wir können nicht höher steigen!", schrie Rogue gegen den Sturm an.
Das Bootspony sah auf. „Können wir auch nicht. Aber auf dem Gipfel ist der Stream nicht so stark wie daneben."
Er sah über das Deck hin zu der weiß-grauen Wand, die sich vor ihnen erhob. Sie waren so nahe, das sie den ganzen Horizont ausfüllte. Seine Miene versteinerte. „Wir werden es nicht schaffen." Er hob die Stimme und schrie: „Bindet euch fest! Bei Celestia, bindet euch irgendwo fest! Wir gehen runter!" Er warf Rogue ein Seilende zu und knüpfte sich selbst eines um die Hüften.
Rogue hatte schon einmal dem Tod ins Angesicht geblickt. Als sich der Schattenwolf über ihm erhob, praktisch nur scharfe, blitzende Zähne in der Dunkelheit, bereit seine Kehle zu zerreißen, dort auf der staubigen Straße in Ponyville. Es hatte sich seltsam kalt anfühlt, entrückt, leidenschaftslos. Keine Wut um das unnachgiebig Schicksal. Keine Angst vor dem Schmerz, dem Tod und der Ungewissheit danach. Das einzige Gefühl war Bedauern gewesen. Bedauern darüber, das er die anderen nicht mehr warnen konnte. Das er, obwohl er den ultimativen Preis zahlen sollte, versagt hatte.
Er war kein Held. Er sah dem Tod nicht mutig ins Auge und spuckte ihm verachtend ins Gesicht. Da war nur ein leichter Anflug von Resignation. Er akzeptierte sein Schicksal. Denn damals wie heute gab es nichts, absolut nichts, was er dagegen tun konnte. Außer dieses lächerliche Seil um seinen Leib zu schlingen und sich der Hoffnung hinzugeben, es würde ihn davor bewahren an der Bergseite zerschmettert zu werden und anschließend wer weiß wie viele tausend Ellen in die Tiefe zu stürzen. Es war der Schock, die plötzliche Erkenntnis, sterblich zu sein. Sie legte sich wie eine mitfühlende, dämpfende Decke um ihn, sperrte alles andere aus.
Er sah auf. Auf der linken Seite kam die Felswand unaufhaltsam näher, war bereits so dicht, das er einzelnes Geröll und das glitzern der Sonne auf dem Schnee sehen konnte. Sie bewegten sich vorwärts, versuchten dem unverrückbaren Massiv zu entkommen, aber sie wurden unaufhaltsam dagegen gedrückt. Vor ihnen stürzte der Gipfel ab, den sie zu erklimmen versuchten, niedrig genug um darüber zu schlüpfen, aber immer noch so weit entfernt, so weit...
Der Bugsprit war eine nach vorne ragender Mast, an dem die Stagsegel aufgezogen werden konnten. Er war das am weitesten nach vorne ragende Teil des Schiffes, sogar noch außerhalb des Schatten des Ballons. Und dort, auf der Hälfte des hölzernen Rundes, die Flügel gespreizt und um Halt kämpfend... war Fluttershy.
Sie war hinausgeklettert, trotz des Windes, der an ihr zerrte, trotz der Gefahr, jederzeit von einer Böe davon geweht zu werden. Sie umklammerte den Mast mit ihren Hinterläufen und hielt sich mit den Vorderläufen an den Tauläufen fest, so gut es ging, um aufrecht zu bleiben. Mit ihren Flügeln fühlte sie den Wind und schrie ihre Messungen den Ponys zu, die am Bug waren. Keines hörte sie noch.
Poch, Poch.
Eine Trommel in seiner Brust, stark und schnell.
Poch, Poch.
Seine Hufe auf dem Deck, stark und schnell.
Poch, Poch.
Das Heulen des Windes verebte. Das gequälte Knarzen der Planken und Balken, das Surren der Taue und die Schreie der Ponys um ihn blieben zurück. Alles was er hörte war das Stakkato seines Herzschlages das mit dem Galopp seiner Hufe in Einklang war. Alles schrumpfte zusammen auf das und die Entfernung zwischen ihm und dem Pegasus. Selige Ignoranz umfing ihn, als er alles hinter sich zurück lies und nur dem kräftigen, lebendigen Geräusch in seiner Brust folgte. Endlich kein Zögern, keine Gedanken, kein Zweifeln. Nur ein Ziel.
Er sah nicht, wie die Wand aus Eis und Fels so nahe kam, das man nur seinen Huf ausstrecken musste, um sie vom Deck aus mit dem Huf aus zu berühren. Er sah nicht den violetten Schein von Magie über das Holz des Schiffes kriechen, über die Taue, den Ballon. Bis es jeden Nagel, jeden Strang und jede Faser einhüllte. Und als die Idle Barter gegen den Berg prallte, sprang er.
Twilights Magie hüllte das Schiff in einen schützenden Kokon, umgab es mit einer unnachgiebigen Schicht aus Energie. So ausgefeilt war ihr Zauber, dass er nicht nur nicht nur die Kraft absorbierte, die der Aufprall auf die Hülle ausübte, sondern sie in die entgegengesetzte Richtung ableitete. Die Idle Barter prallte mit der selben Wucht von der Felsflanke ab, mit der sie darin aufgeschlagen wäre.
Aber die Hast, in der die verzweifelte Magie gewirkte wurde, forderte ihren Tribut. Twilight hatte in Ermangelung eines anderen Konzepts den Zauber auf die Idee des Luftschiffes gewirkt, seine geplante, mystische Form, wie sie sich durch seine Erbauung, seinen Zweck und Verwendung selbst definierte. Daran war nichts falsches. Es fixierte den Rumpf des Schiffes wie in Beton gegossen.
Aber die Besatzung und vieles der Ladung war nicht an dieses Konzept gebunden. Hätte Twilight mehr Zeit gehabt, wäre sie mehr mit den nautischen Prinzipien und okkulten Verbindungen, die diese alte Gewerbe definierten, hätte sie anders gehandelt. Aber im Angesicht der sicheren Schiffsbruchs folgte sie einfach ihrem Instinkt.
Ein unnachgiebiger Gegenstand traf auf ein Unverrückbares Hindernis. Sämtliche Energie übertrug sich sofort in die Gesamte Besatzung, die nicht das Glück hatte, Teil der Gleichung zu sein. Es gab einen Ruck, der jeden von den Hufen schleuderte. Lose Taue, Kisten und Fässer flogen wie Geschossen über das Deck. Und die Ponys mit ihnen.
Dann drehte sich die Energie um, sandte der Zauber eine Schockwelle in die entgegengesetzte Richtung und stieß den Rumpf des Schiffes vom Felsen alles wirbelte in die umgedrehte Richtung.
Der erste Schlag ließ Fluttershy den Halt auf dem Mast verlieren. Schmerzhaft trieb sich das Seil der Tauführung in ihren Rücken, zwang sie mit sich. Der zweite Ruck löste die Verbindung und sie... flog. Flog an dem gegenüberliegenden Tau vorbei, das sie hätte retten können. Sie streckte in einer letzten, verzweifelten Geste ihren Huf danach aus...
Aber das Bewegungsmoment, das der zweite Stoß dem Schiff gegeben hatte, konnte sich nicht mehr auf sie übertragen. Sie schien in der Luft festzuhängen, während die Idle Barter wie ein Gummiball von der Bergflanke abprallte.
Alles an Bord, was der Zauber nicht umhüllt hatte, musste den mitleidslosen Gesetzen von Kraft und Gegenkraft gehorchen.
Nur Rogue war die Ausnahme.
Sein Körper war abgesprungen, als sich das Deck unter ihm bewegte. Ein mächtiger Satz, der ihn wie ein Geschoss über die Back fliegen ließ.
Poch, Poch.
Fluttershys Augen waren vor Entsetzen weit aufgerissen, während sie sich langsam um ihre eigene Achse drehte. Sie war so verängstigt, dass sie nicht einmal daran dachte, ihre Flügel zu benutzen. Die Sonne, so hell und strahlend, so unschuldig trotz der Katastrophe, die sich unter ihrem Schein abspielte, blitze auf ihrer Iris. Ein Schatten fiel darauf.
Der Aufprall war hart. Er fegte sie geradezu aus der Luft, riss sie mit sich, addierte ihr Bewegungsmoment zu seinem. Sie waren bereits weit draußen, jenseits des rettenden Schiffes...
Festes Segeltuch umfing sie wie ein weiches Kissen. Sie rutschten daran hinunter, Hals über Kopf, ein Durcheinander von Hufen und Flügeln. Dann stoppte der Fall in einer Tasche des Segels. Das gereffte Stagsegel hatte sie beide gerettet.
Sie hörten nur ihren eigenen, keuchenden Atem und fühlten nur das eisverkrustete Tuch und das warme Fell und die Federn des Anderen, die sie umfingen. So blieben sie liegen und wunderten sich beide, das sie immer noch am Leben waren.
„Du hast mich gerettet.", stieß Fluttershy atemlos hervor. Dann gab sie einen leisen Schmerzenslaut von sich, als Rogue ihr aus versehen in den Bauch trat.
„Oh! Celestia, das tut mir leid!", beeilte sich dieser zu sagen und stellte schnell seine Versuche ein sich aus der feuchtkalten Umklammerung des Segels zu befreien.
„A-Alles in Ordnung. Mir ist nichts passiert.", sagte Fluttershy.
Sie lagen immer noch in einem wilden Haufen übereinander. Das Segel gab bei jeder Bewegung nach, ohne irgendeine Form von Halt zu geben. Letztlich fand sich Rogue tatsächlich doch in den Hufen von Fluttershy wieder – so schlecht die Umstände auch waren. Die Tasche um sie war so eng, das ihre Körper allein von der Schwerkraft aneinander gedrückt wurden. Ihre Köpfe waren keinen hufbreit von einander entfernt und sie stießen sich gegenseitige ihren heißen, keuchenden Atem in die Gesichter. Ihr beider Fell war feucht, vom Schnee und ihrem eigenen Schweiß, genug um es in der kalten Luft dampfen zu lassen.
„Du hast mich gerettet.", wiederholte sie noch einmal leise.
Rogue lag auf ihr und blickte in diese tiefen, unendlich klaren blauen Augen, die ihn groß und rund ansahen. Er sah sie an und spürte, wie ihm heiße Tränen die Wangen hinab liefen, hinunter zu seinem Kinn, um von dort aus in ihre Mähne zu tropfen.
Es war nicht genug. Er hatte sich so sehr angestrengt und alles versucht, aber es war nicht genug. Er hatte geglaubt, sie weit genug von sich weg geschoben zu haben. Weit genug, damit er sie auf Abstand halten konnte... nur um sich wieder in ihren Hufen wieder zu finden.
„I-ist alles in Ordnung mit dir? Rogue?"
Die Tränen wollten nicht versiegen, aber ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Ein ehrliches, glückliches Lächeln. Und bevor er lange darüber nachdenken konnte, bevor sich sein Verstand wieder einschaltete, um ihn mit endlosen Zweifeln und Dummheiten zu bombardieren, gab er seinem Herz nach. Er zog die Stute unter ihm zu sich, hielt sie fest und drückte sie so fest und innig, als wolle er sie niemals wieder loslassen. Sein Herz donnerte noch immer, aber nicht mehr vor Furcht oder Anstrengung, sondern aus purer Freude. Aus Freude darüber, wie sich ihre Brust aufgeregt hob und senkte. Wie sich ihr Herzschlag anhörte. Wie sich ihr klammes, warmes Fell und Federn anfühlten. Auch wie die Stute in seinen Hufen sich für einen Augenblick versteifte, wie sie einen leisen Laut der Überraschung von sich gab. Und wie sie sich langsam entspannte, den angehaltenen Atem ausstieß und zunächst zögerlich, doch dann umso lebhafter seine Umarmung erwiderte.
„Danke.", flüsterte sie ihm ins Ohr. „Danke."
Er wünschte, dieser Moment würde für immer dauern. Die Zeit sollte stillstehen, das Universum anhalten, die Existenz einfrieren. Es wäre nicht schlimm. Es war ein perfekter Augenblick.
Und wie jeder Augenblick musste er vergehen. Die Zeit floss, das Universum drehte sich weiter und ihre fortgeführte Existenz war alles andere als gesichert. Außerdem kehrte sein Verstand aus der Ecke zurück, in der er sich angesichts seines scheinbar unabwendbaren Todes verkrochen hatte und fragte ihn, was zum Kuckuck er da gerade machte.
„Tu-tut mir leid. I-ich...ich..."stotterte er und versuchte von ihr abzurücken. Es gab ein weiteres, kurzes Durcheinander, dann konnte er sich von ihr herunter schieben. Erleichtert fiel er neben ihr in das Segel, erleichtert, aber dennoch enttäuscht. Er dampfte noch mehr als zuvor.
Glücklicherweise hatte er keine Zeit, sie wieder einmal für seine fehlende Selbstbeherrschung zu schelten, da gerade wichtigere Probleme anstanden. Er versuchte sich in dem Tuch aufzurichten. „Wir müssen hier raus und zu den anderen.", sagte er zu ihr.
Der Wind warf das das Segel auf und mit ihnen die Ponys, die darin lagen. Fluttershy stieß einen unterdrückten Schrei aus. Als die Böe vorrüber war, pendelten sie langsam wieder aus, aber der Sturm draußen ließ ihnen dennoch keine Ruhe.
Rogue spreizte seine Hinterbeine breit auseinander und fand etwas Halt. Er streckte seinen Oberkörper und versuchte an den Rand der Segeltasche zu gelangen. Aber das feste Tuch war feucht und an einigen Stellen bereits gefroren. Es schien unmöglich aus eigener Kraft herauszuklettern. „Fluttershy! Versuch, ob du auf meinen Rücken klettern kannst, um raus zukommen!"
Die Pegasusstute nickte und begann behutsam auf ihn zu steigen. Es war alles andere als ein leichtes Unterfangen. Jeder Windstoß schaukelte sie wild durch und es gab nichts, woran sie sich wirklich abstützen konnten. Zweimal kullerte Fluttershy von ihm herunter, als sie die Hufe bereits nach dem Rand der Tasche ausstreckte.
„Ich glaube nicht, das ich das schaffe, Rogue. Ich verliere da oben sofort das Gleichgewicht."
Rogue dachte fieberhaft nach. „Dann müssen wir versuchen, das Segel aufzureißen!" Seine eigene Worte umgehend in die Tat umsetzend verbiss er sich in das grobe Tuch und zerrte wild daran. Das Eis schmerzte auf seinen Zähnen, aber er verstärkte trotzdem seinen Biss. Das feste Segeltuch wollte aber nicht nachgeben.
„Hast du irgendetwas Spitzes dabei, Fluttershy?" Die Stute sah sich ratlos auf dem Boden der Tasche um, während er die Taschen seines Ölzeugs durchsuchte. Leider förderte er außer Fusseln und einem Bonbon mit Antiquitätscharakter nichts zu tage. Verzweifelt ließ er sich zurück sacken.
„Wir kommen hier nicht raus.", gab er tonlos von sich.
„Warte, ich glaube ich habe eine Idee!", rief die Pegasusstute.
Rogue setzte sich wieder auf. Fluttershy deutete mit ihrem Huf auf die ´Wand´ ihres Gefängnisses. Ein kopfgroßer Flicken war in das Segeltuch eingenäht worden.
„Er verdeckt bestimmt ein Loch! Wenn wir ihn abreißen können, schaffen wir vielleicht es weit genug aufzureißen, damit wir hindurch passen!"
Rogue nickt wild. „Versuchen wir es!"
Jeder von ihnen packte eine Seite des Flickens und begann heftig daran zu zerren. Der Segelmeister hatte gute Arbeit geleistet und seine Stiche eng beieinander gesetzt, um keine Schwachstelle im Segel zu hinterlassen, aber den vereinten Versuchen zweier Ponys hielt sein Werk nicht lange stand. Der Flicken riss ab und offenbarte ein Hufteller großes Loch im Tuch. Noch einmal bissen sie beide zu und zogen. Der Sturm verschluckte das Geräusch des reißenden Stoffes, als das Loch sich vergrößerte.
Dann erwischte ein Windstoß die Tasche. Doch anstatt sie ein weiteres Mal durchzuschütteln, bauschte sich die ganze Tasche auf, als die Luft durch das Loch drängte. Rogue verlor das wenige an Halt, das er hatte und wurde einfach umgeworfen, nicht viel besser als Fluttershy. Ihre Tasche verwandelte sich in ein wildes Trapez, auf dem sie hilflos durcheinandergewirbelt wurden. Im einen Moment trug sie die Macht des Windes auf dem Segel nach oben, dann plötzlich verschwand die Kraft und sie fielen wieder in das durchhängende Tuch.
Aber viel schlimmer war noch, dass die Macht des Sturm das Segel weiter aufriss. Ein langer Spalt klaffte auf einmal zwischen den beiden Ponys, der nach draußen und vor allem nach unten führte. Sehr weit nach unten.
Rogue fand sich plötzlich auf einer vereisten Rutschbahn wieder, an deren Ende nur ein langer Fall auf ihn wartete. Er versuchte seine Hufe gegen das Tuch unter ihm zu stemmen, halt an den Seiten zu finden, aber es war vergebens. Er rutschte nach draußen.
Es war ein schreckliches Gefühl. Das jähe Ende des Segeltuchs unter ihm. Der eiskalte Wind, der ihn mit plötzlicher Gewalt ins Gesicht schlug. Der unnachgiebige Sog der Schwerkraft, die ihn nach unten zog. Er wurde sich mit unnatürlicher Klarheit jedes einzelnen der vielen Meter freier Luft unter ihm bewusst, konnte den Abgrund unter seinen strampelnden Hufe für einen Moment fühlen, als wäre er ein Teil von ihm.
Ein Schrei, geboren aus den dunkelsten Tiefen seiner Instinkte, seiner Urängste, drängte sich durch seine Kehle. Er war so laut und schrill, dass er nicht hörte, wie er sich mit dem entsetzten Schrei von Fluttershy vermischte. Er sah nur die kleine, gelbe Gestalt zwischen den zerrissenen, flatternden Enden des Segeltuch, die immer kleiner wurde, als er abstürzte.
Und dann wurde sie wieder größer. Er schrie weiter, doch diesmal kam sein Entsetzten nicht aus seinem Unterbewusstsein, sondern war ein Schrei des Unglaubens, als die Stute sich durch das Loch fallen ließ, ihm nach. Furcht ganz anderer Art durchzuckte ihn. Applejack hatte erzählt, was für eine schlechte Fliegerin Fluttershy war. Es war blanker Selbstmord für sie, sich in einen solchen Sturm zu stürzen. Er wollte ihr sein ´Nein!´ entgegen brüllen, wollte sie allein mit der Macht seiner Stimme oder seiner Gedanken, seines reinen Wunsches davon abhalten, aber es war bereits zu spät.
Die Pegasusstute legte Flüge und Hufe eng an ihren Körper und streckte ihre Gestalt. Sie fiel schneller als er, viel schneller. Die Böen zerrten an ihr, warfen sie hin und her, aber sie schaffte es irgendwie sich zu stabilisieren und die Abweichung auszugleichen. Und dann war sie einfach da, hielt in fest, fester noch, als er sie dort oben in dem Segel gehalten hatte. Sie spreizte ihre Flügel ab und der Wind fing sich darin. Ein brutaler Ruck ging durch sie bei hindurch und sie schrie gequält auf. Rogue drückte sich an sie, duckte sich so nahe an ihren Körper, wie er nur konnte, um dem Wind nicht noch mehr Angriffsfläche zu bieten. Ihr schönes Gesicht verzog sich vor Schmerz und Anstrengung, als sie begann mit den Flügeln zu schlagen. Ihr gemeinsamer Fall wurde langsamer.
Eine Sturmböe riss sie beide herum. Sie schrien nun gemeinsam. Ihre Flügel wirbelten, versuchten das unkontrollierte Trudeln zu stoppen, aber sie konnte nicht. Sie waren zu schwer.
„Lass mich los!", schrie Rogue in den Sturm.
„Nein!"
„Lass mich fallen!"
„Nein, niemals!"
„Wir sterben beide, du Idiotin! Lass mich los und rette dich!"
Sie schluchzte auf, verzweifelt und am Ende ihrer Kräfte.
„Nein!"
Es gab nur noch eine Möglichkeit. Er drückte sein Hinterteil von ihr ab, so das er genug Platz hatte, seine Knie unter ihren Bauch zu schieben. Er musste nur seine Hinterbeine durchdrücken. Sie würde ihn nicht halten können. Sie bemerkte, was er vor hatte und verstärkte ihren Griff verzweifelt.
„Es tut mir leid, Fluttershy."
Er wünschte sich nur er könnte ihr noch einmal in die Augen sehen. Aber das war unmöglich. Er fühlte wieder die Leere in sich, diese seltsame Distanz, die von ihm Besitz ergriff. Das Entsetzen und die Angst waren fort. Er fühlte sich ruhig, so ruhig wie schon lange nicht mehr.
Sie schrie auf, ein Laut purer, psychischer Qual, als er sich aus ihren Hufen drückte.
Ein Regenbogen zuckte an ihnen vorbei. Ein Blitz aus all den Farben des Lichts wirbelte um sie. Etwas dünnes, unnachgiebiges schnitt schmerzhaft in Rogue Rücken, dann prallte Fluttershy auf ihn. Wieder gab es einen Ruck, der sie noch fester aneinander presste, dann fielen sie nicht mehr.
„Ich hab´ sie!", schrie Rainbow Dash nach oben und zog das Ende des Seils fest, mit dem sie die beiden recht kompromisslos zusammengebunden hatte. „Zieht sie hoch!" Sie salutiert neckisch vor den beiden, dann war sie schon wieder fort und flog mit dem Sturm um die Wette.
Rogue fand sich ein weiteres Mal hilflos in der innigen Umarmung des kanariengelben Pegasus wieder. Er versuchte noch damit klarzukommen, wie nahe er dem Tod diesmal von der Schippe gesprungen war, als er bemerkte, wie die Stute zittert.
„Es ist gut, Fluttershy. Sie haben uns. Es ist vorbei.", versuchte er sie zu trösten.
Sie wehrte sich plötzlich, warf wild ihren Kopf herum, praktisch das einzige Körperteil das sie bewegen konnte. Rogue zuckte zusammen, überrascht von der heftigen Reaktion.
„W-wie konntest du nur?", rief sie laut aus. Ein Ton, den er noch nie bei ihr gehört hatte, war in ihre Stimme getreten.
Wut.
„Wie konntest du nur?", schrie sie ihn wieder an. Er konnte nichts anderes tun, als beschämt seinen Kopf zur Seite zu drehen.
Sie bekam einen Vorderlauf frei und verpasste ihm einen schwachen Schlag gegen seine Seite. Er kniff die Augen zusammen und ließ es über sich ergehen.
Sie fuhr damit fort auf ihn einzuprügeln, ihn zu fragen, was er sich dabei gedacht hatte, bis ihre Schläge in eine hilflose Umarmung und ihre Stimme in ein Schluchzen überging.
„Tu´das nie wieder, Rogue. Versprich es mir. Bitte.", presste sie atemlos zwischen ihren bebenden Lippen hervor.
Er legte seine Wange an die Ihre, spürte ihren aufgeregten Atem und das wilde Schlagen ihres Herzens. „Ich verspreche es."
Zusammen, gezogen von kräftigen Hufen, schwebten sie dem Deck der Idle Barter entgegen.
„Wir sind noch nicht über den Berg!", rief Kapitän Fairway aus und riss am Ruder.
Es stimmte. Sowohl auf metaphorische Art und Weise als auch in der Realität. Die Idle Barter bewegte sich im relativen Windschatten einer der höheren Gipfel des Bergmassivs und flog parallel zur Felswand. Aber vor ihnen flachte die Bergspitze wieder ab. Der Wind dahinter war so stark, das er den Schnee auf der Flanke aufwirbelte wie eine weiße Wand. Die Pegasie kreisten im schnellen Flug um das Schiff und glätteten die Windströmungen so gut es ging, aber dennoch war es ein rauer Ritt.
Rogue half Fluttershy aus dem Seil, mit dem sie an Bord gezogen worden waren und eilte dann zusammen mit ihr auf das Kommandodeck, wo sich auch der Rest der Freundinnen wieder versammelte hatte.
„Wenn es so schlimm ist, wie es aussieht, schaffen wir es nicht über den Grat. Der Stream direkt darüber ist zu stark. Selbst wenn das Schiff es aushält, würde es uns einfach zurück blasen." erklärte Fairway gerade Twilight, als die beiden eintrafen.
Die lavendelfarbene Stute warf einen besorgten Blick auf ihr immer näher kommendes Verderben.
„Ich kann unsere Struktur verstärken, ähnlich wie ich es beim Kontakt mit der Felswand gemacht habe." Sie zögerte kurz. „Natürlich etwas besser diesmal. Ich kann eine Blase erzeugen, die das ganze Schiff umschließt, aber das macht es auch anfälliger für den Wind. Und ich kann es nicht lange aufrecht erhalten." Sie verstummte einen Augenblick lang, dann fügte sie leise hinzu: „Wenn es überhaupt funktioniert."
Der Zauber war ähnlich dem, den ihr Bruder anwendete um Canterlot zu beschützen, wenn es in Gefahr war. Sie kannte den theoretischen Aufbau der Formel und hatte ihn bereits einmal benutzt, um ihre Bibliothek abzuschotten, aber das hier war eine ganz andere Sache. Der Schutzzauber war ein spezielles Privileg des Captains der Garde und korrespondierte mit dem Talent von Shining Armor, was auch der Grund war, warum er ihn so stark und langanhaltend wirken konnte. Und die Idle Barter war kein festes Gebäude oder eine Stadt, sondern ein bewegliches Objekt. Das machte alles wesentlich komplizierter.
Kapitän Fairway ließ ein hartgesottenes Lächeln auf sein Gesicht treten. „Nun, besser es funktioniert, denn zurück können wir nicht mehr und auch über den Gipfel drüber scheidet aus. Jetzt gibt es nur noch einen Kurs: Geradewegs rein in den Sturm!"
„Aber was ist mit dem Stream? Wir müssen eine Möglichkeit finden, uns über die Kante zu bringen.", stellte Twilight fest.
„Mein Auftritt!", rief Rainbow und baute sich in ihrer Mitte auf. „Hör´ zu Twilight: Ich erzeuge eine Windhose direkt hinter der Strömungskante der Bergwand. Das sollte sollte ein Loch im Stream erzeugen, groß genug, um das Schiff durch schlüpfen zu lassen. Die Wetterpegasie können die Verwirbelungen handeln, die noch übrig bleiben." Sie klopfte entschlossen mit dem Huf auf das Deck. „Ich bringe euch da rüber, ohne das Rarity ihren Tee verschüttet!"
Die Fashionista ließ gekränkt ihre Tasse sinken. „Es ist sehr kalt hier oben, falls ihr es noch nicht bemerkt habt!"
„Wieso ziehst du dir dann nicht etwas warmes an, wie die anderen?", fragte Dash sie herausfordernd.
Rarity warf stolz ihren Kopf zurück. „Gelb ist nicht meine Farbe."
„Genug. Wir haben gerade andere Sorgen.", fuhr Twilight dazwischen. Sie wandte sich an Rainbow. „Gut, wir machen es so. Aber bitte, sei vorsichtig. Es ist sicherlich gefährlicher, als du uns glauben machen willst."
Das cyanblaue Pegasuspony winkte ab. „Gefahr ist mein zweiter Vorname."
„Ui, das wusste ich noch gar nicht!", rief Pinkie aus. „´Rainbow Danger Dash´... das hört sich toll an!"
Applejack rollte die Augen. „Sie hat einen Scherz gemacht."
Pinkie ließ die Ohren hängen. „Oww..."
Rainbow startet durch und ließ die Freundinnen hinter sich zurück.
„Suche sie sich etwas zum Festhalten, meine Damen.", knurrte Fairway grimmig. „Egal wie gut Miss Dash ist, das wird ein Höllenritt werden.", dann übergab er das Steuerrad und sprang auf die Reling, die über dem Achterdeck thronte. Der Wind bauschte seinen Mantel auf und die Böen zerrten heftig an ihm, aber er trotzte ihnen. Die Mannschaft hielt in ihrer fieberhaften Arbeit einen Moment lang inne und sahen neugierig zu ihm hoch. Als er sicher war, die Aufmerksamkeit eines jeden zu haben, sprach der Kapitän mit klarer, lauter Stimme, die leicht über das Heulen des Sturm auf dem gesamten Deck zu vernehmen war.
„Jetzt gilt es meine Ponys! Seht ihr das vor uns? Der steile Abhang, wo Gipfel in Grat übergeht? Seht ihn nicht auch Fänge und Zähne? Klauen und finster blickenden Augen?" Fairway kniff die Augen zusammen und hob seinen Huf über die Augen, so als hielte er Ausschau. „Aye, ich sage euch: ich sehe sie! Das blutrünstige Monster, der Schrecken eines jeden Schiffes seit Alters her... Charypdis es ist, die unersättliche! Sie saugt und schluckt und giert und heute sind wir es, an denen sie sich laben will!" Er sah auf seine Mannschaft herab, die erstarrt zu ihm hoch sah. „Doch was ist das? Warum sehe ich keine Angst in euren Augen?"
Weil du dich nichts umdrehst, dachte Rouge ohne jeden Sarkasmus. Er hatte genug Angst für zehn.
„Kein Pony an Bord dieses Schiffes, das den Tod fürchtet? Kein schlotternder Huf auf dem Deck, kein flatternder Flügel am Bug, kein zitterndes Horn auf sorgenvollem Kopf?" Er klopfte sich fest mit dem Huf auf die geschwellte Brust. „Ihr macht mich stolz, meine Ponys. Stolzer als ein Vater auf seine Fohlen und Füllen sein kann. Odysseus und seine Ponys wankten und schwankten, zitterten und rauften sich ihre Mähne und wählten schließlich Scylla als das kleinere Übel. Aber nicht die Ponys der Idle Barter, oh nein! Was andere vor uns getan haben, ist uns an Ehr´ zu klein! Hier wird Keiner zaudern, Keiner zögern! Flinker Huf und schneller Flügel, schlaues Horn und mutige Seel´, wir legen dem Biest das Zaumzeug auf und segeln auf ihm an unser Ziel!"
Die Ponys an Deck reckten ihre Hufe in die Luft schrien dem Kapitän, ihrem Kapitän, ihre Begeisterung entgegen. Sie eilten zurück an ihre Arbeit und arbeiteten noch härter, noch schneller. Und über den heulen des Windes, der sich nun tatsächlich wie das brüllen eines Ungeheuers anhörte, schwoll ein Gesang an...
An die Taue, an die Segel, an die Arbeit fauler Tropf,
Weg der Näher von der Nadel, weg der Smutje von dem Topf!
Her Schiffsfohlen, halt den Schritt,
Heut´ hilft selbst der Captain mit!
Kapitän Fairway lachte und sprang vom Kommandodeck hinunter in ihre Mitte. Sein Horn erglühte in goldenen Schein, hob das Seil vom Deck auf und zog es straff. Die Ponys eilten herbei und reihten sich hinter ihm ein.
Wir lassen Scylla Scylla sein und reiten auf Charybdis heim!
Wir lassen Scylla Scylla sein und reiten auf Charybdis heim!
In der Mitte ihrer Freunde erhob Twilight ihre Stimme:
„Hört ihr das? Es ist kein Ungeheuer!
Nach uns ruft das Abenteuer!"
,sang sie mit aufgeregter Stimme.
„Einmal mehr ist es an der Zeit,
Wir steh´n zusammen, Seit an Seit!"
Von unten Antwortete ihr der Chor der Mannschaft:
Wir lassen Scylla Scylla sein und reiten auf Charybdis heim!
Wir lassen Scylla Scylla sein und reiten auf Charybdis heim!
Das Bootspony sprang auf dem Achterdeck auf ein Fass und wies die Mannschaft an:
Pullt ihr Hunde, Tau und Leine,
Hoch mit euch, ich mach euch Beine!
Schwingt die Hufe, schneller noch,
setzt die Knoten dort ins Loch!
Wir lassen Scylla Scylla sein und reiten auf Charybdis heim!
Wir lassen Scylla Scylla sein und reiten auf Charybdis heim!
Twilight zog ihren Kreis enger.
„Wir sind den schweren Weg gegangen,
Mussten hoffen, beten bangen.
Fast schien es, als wären wir entzwei,
Doch nun sind wir von Zweifeln frei."
Wir lassen Scylla Scylla sein und reiten auf Charybdis heim!
Wir lassen Scylla Scylla sein und reiten auf Charybdis heim!
Ein altes Pony der Mannschaft beugte sich zu einem seiner jungen Kameraden herab:
Viele hat sie schon gefressen,
Sie mit Fell und Mähne aufgegessen!
Die umstehenden Ponys lachten, als der junge Matrose ein ängstliches Gesicht machte und sangen laut:
Selbst Odysseus war da Angst und bang,
Doch wir legen ihr das Zaumzeug an!
Wir lassen Scylla Scylla sein und reiten auf Charybdis heim!
Wir lassen Scylla Scylla sein und reiten auf Charybdis heim!
Die lavendelfarbene Stute sah ihren Freunden einen nach dem anderen an.
„Last uns sein wie dieses Boot:
Ob in Sturm und Wind und großer Not,
Zu keiner Zeit wollen wir verzagen,
unsere Freundschaft stets im Herzen tragen."
Wir lassen Scylla Scylla sein und reiten auf Charybdis heim!
Wir lassen Scylla Scylla sein und reiten auf Charybdis heim!
Der Kapitän erhob wieder seine Stimme und spornte seine Mannschaft an, als die Winde heftiger an dem Schiff zu zerren begannen. Sie waren fast an der Kante.
Wir rufen nicht nach unserer Mutter!
Galeone, Frachter, Kutter,
verschlungen war mit Pony und Maus,
Doch an uns beisst sie sich die Zähne aus!
Wir lassen Scylla Scylla sein und reiten auf Charybdis heim!
Wir lassen Scylla Scylla sein und reiten auf Charybdis heim!
Twilight setzte zu einer weiteren Strophe an, als Pinkie ihr entsetzt die Schnauze zuhielt.
„Oh, Gosh, Twilight, weißt du nicht,
Das man so keine Schwüre spricht!
Sechs sind hier, wie du hast oft geschrieben..."
Sie legte eine dramatische Pause ein. Der Wind hob zu einem ohrenbetäubenden Malstrom an. Das Schiff schob sich das letzte Stück aus dem schützenden Schatten des Berggipfels hinaus.
„...aber die Freunde sind mittlerweile sieben.", flüsterte Pinkie.
Damit endete das Lied. Der Sturm schlug zu.
„Oh, Gosh...", murmelte Rainbow. Jeder Laut wurde ihr sofort vom Mund fortgerissen.
Der Wind hinter dem Grat war kein Sturm mehr, sondern ein ausgewachsener Hurrikan. Als sie um die Seitenwand des Gipfel geflogen war, war der Druckunterschied so gewaltig gewesen, das sie für einen Moment lang keine Luft mehr bekommen hatte. Feine Eiskristalle wurden von den Böen hochgewirbelt und verwandelten sich in winzige Dolche, die ihr in die ungeschützten Augen und die empfindliche Schnauze stachen. Sie wünschte sich, sie hätte ihre Wetterbrille mitgenommen, oder eine der Schiffspegasie nach Ersatz gefragt. Aber dafür war es nun zu spät. Sie flog praktisch blind.
Und noch schlimmer: Die wirbelnden Winde rauten ihr Fell und Gefieder auf und ließen das Eis bis an ihre Haut hinunter, wo es zunächst schmolz und dann wieder gefror. Rainbow hatte zunehmend mit Schwingenvereisung zu kämpfen.
Nicht zum ersten Mal in ihrem Leben fragte sie sich, ob sie den Mund nicht vielleicht doch ein wenig voll genommen hatte.
Sie wischte den Gedanken beiseite und knirschte entschlossen mit den Zähnen. Sie musste es schaffen, irgendwie. Ihre Freunde und alle an Bord des Schiffes verließen sich auf sie. Aufgeben war keine Option. Das war es nie.
„Festhalten!", der Ruf drang aus allen Kehlen, als der Sturm die Idle Barter wie ein Spielzeug herumwarf. Das Deck bockte und bäumte sich auf, nur um kurz danach wieder abzusacken. Alles, was zu diesem Zeitpunkt noch nicht festgebunden war, oder sich nicht verzweifelt an etwas stabilen festhielt, flog über das Deck und verabschiedete sich auf Nimmerwiedersehen in das Maul des Sturmes. Die Wetterpegasie taten ihr möglichstes einen Keil um den Ballon in den Sturm zu schneiden, aber so schnell sie auch mit den Flügeln schlugen, es sah aus, als wären sie in der Luft festgenagelt. Schließlich mussten sie aufgeben und stürzten auf den großen Schwebekörper des Schiffes, um sich verzweifelt in der Takelage festzumachen.
Twilight und ihre Freunde kämpften nicht weniger darum, nicht davon geweht zu werden. Die lavendelfarbene schlang ihre Hufe um die Reling und sicherte jedes Pony in ihrem Sichtbereich zusätzlich mit einem einfachen Klammerzauber. Der Zeit für ihren Zug war noch nicht gekommen. Sie musste auf den Kapitän vertrauen.
Der Wind saugte sie nach oben, weiter hinein in das wilde Herz des Sturmes.
Schneller, Schneller!
Sie sagte es wie ein Mantra vor sich her, um die Schmerzen auf ihrem Gesicht, in ihren zusammengekniffenen Augen, auf dem ganzen Körper beiseite zu schieben. Sie sah es nicht, aber bei jedem ihrer verschwimmend schnellen Flügelschläge löste sich Eis von ihren Schwingen. Ihr folgte ein weißer Schweif, der trotz des aufgewirbelten Schnees in der Luft gut zu erkennen war.
Sie legte noch einmal zu, zerrte sich noch ein weiteres Mal über das, was sie als ihre Grenze erachtet hatte.
Sie flog die Kreise, wie sie es schon so oft getan hatte, benutzte ihre Flügel, um einen Trichter zu formen, eine Kreisbewegung des Windes, schnell genug, dass er die umgebenden Strömungen ansaugen und so seine Kraft verstärken würde. Es war eigentlich eine einfache Übung, praktisch eines der Basistricks eines Wetterponys.
Aber die Winde am Grat waren zu stark und zu unberechenbar. Wann immer sie eine Strömung anzapfte, wirbelte eine andere ihr dazwischen oder eine starke Böe wischte alles beiseite. Und sobald sie ihre Augen öffnete, stach das Eis wie mit Nadeln hinein. Es war, hier und jetzt, unmöglich.
Rrrrig...Twänck!
Das Geräusch sauste wie ein Peitschenschlag über das Deck, übertönte sogar das Heulen des Orkans.
„Celestia und Luna, die Takelage reist ab.", flüsterte Worthwhile, der sich zusammen mit dem Steuerpony gegen das wild ausschlagende Ruder stemmte.
„Nur noch ein kleines bisschen...", stieß Twilight zwischen ihren zusammengebissenen Zähnen hervor.
Rainbow fühlte, wie der ungleiche Kampf mit dem Wind sie auszulaugen begann. Ihre Flügel schmerzten bei jedem schnellen Schlag und sie rang mit dem Sturm um die Luft in ihren Lungen. Sie hatte vielleicht noch Kraft für einen letzten Versuch, bevor... bevor...
Sie weigerte sich, diesen Gedanke bis zu ende auszuführen.
Wenn es der letzte Versuch war, würde sie alles hineinlegen. Sie riss die Augen auf und ignorierte die brennende Pein, die sich sofort in ihnen ausbreitete. Ihre Sicht verschwamm sofort, aber es genügte. Genügte, um den wirbelnden Böen zu folgen, den Spuren fliegenden Eises, den wirbelnden Schneeflocken, die vom Wind davongetragen den Strömungen folgten und sie wie... eine Karte aufzeigten.
Sie startete durch. Ein Regenbogen folgte ihrem Schweif.
„Wir schmieren ab! Ruder hart Steuerbord!", brüllte Worthwhile dem Pony neben ihm ins Ohr, um sich verständlich zu machen. Gleichzeitig zog er mit aller Kraft gegen das Steuer und kämpfte mit aller Gewalt um die Kontrolle über das Schiff.
„Befehl zurück! Fliegen sie uns geradeaus!" Kapitän Fairway war so plötzlich am Ruder, als hätte er sich aus der dünnen Luft materialisiert. Er packte an und schob es mit Hilfe seiner Kameraden in die richtige Position.
„Kapitän!", stieß der erste Offizier ungläubig hervor, folgte dem Befehl aber.
„Sie hat es endlich geschafft, mein Freund. Spüren sie es nicht? Der Wind hat sich gedreht!"
Nicht das es offensichtlich war. Das Schiff schlingerte und gierte wild von einer Seite auf die andere. Immer wieder war das laute Geräusch von reißendem Tauwerk zu hören.
„Kapitän!", rief Twilight. Furcht mischte sich in ihre Stimme.
Fairway streckte seinen Huf nach ihr aus und bedeutete ihr noch zu warten.
Das Schiff drehte sich, die Winde zerrten wie ein wildes Raubtier an seinen Flanken. Holz knirschte.
Twilights Blick huschte vom Deck zum Grat des Berges, der sich so unendlich langsam unter ihnen vorbei schob. Sie hätte schwören können, dass sie nur ihren Huf ausstrecken musste, um die scharfen Felszacken zuberühren...
„Kapitän!", jetzt war Entsetzten in ihrer Stimme.
„Noch nicht!"
Ihr Horn blitzte, sprühte Funken. Ihr Unterbewusstsein revoltierte aus reiner Verzweiflung, schickte reflexhaft Magie in die Windungen ihres Fokuses. Alleine ihre Willenskraft hielt eine Entladung noch zurück, auch wenn sie angespannt war wie eine Bogensehne.
Der Bugsprit brach. Der Mast an der Spitze des Schiffes bog sich nach oben, gefolgt von einem wirren durcheinander an loser Takelage und zerrissener Segeln und schlug gegen den Ballon.
„Jetzt, Miss Twilight!", schrie Fairway.
Das violette Licht auf Twilights Stirn explodierte.
Ein blendender Strahl purer Magie stieg über dem Deck auf, drang durch die Ballonseide des Schwebekörpers über ihr, ohne dem festen Material etwas anzuhaben und stieg über dem farbenfrohen Rund auf. Einen knappen Meter darüber erblühte die Lichtsäule wie eine Blume und breitete ihren Schein zu einer Kuppel aus, einer perfekten Kugel, die das Schiff und alles darin einschloss.
Mit einem Mal war der Wind und sein Heulen fort, ausgeblasen wie eine Kerzenflamme. Die plötzliche Stille flutete über das Deck und dröhnte in den Ohren nicht weniger als der betäubende Lärm, den sie ersetzte. Die Ponys verharrte noch einige schreckhafte Sekunden in den Zufluchten, die sie gesucht hatten, dann kamen sie langsam hervor. Einen Moment lang schwiegen sie noch, dann brandete frenetischer Jubel auf.
„Ruhe!", brüllte Kapitän Fairway. „Alle auf Posten! Wir haben es noch nicht überstanden!"
Er hatte recht.
Der Sturm, der außen noch unvermindert tobte, drückte sie gegen die Felswand jenseits des Grats, den sie gerade passiert hatten.
„Kollision!"
Die violette Kugel prallte gegen die Felsen. Instinktiv hielt sich jeder fest, aber es gab keinen Ruck. Der Zauber schluckte die Energie.
Einzig Twilight zuckte zusammen, da sie die volle Kraft des Aufpralls in ihrem Horn spürte.
Sie hingen in Luft, festgenagelt gegen die Steinwand.
„Beim Klabauterpony... immer noch zu früh." murmelte Fairway mit knirschenden Zähnen. Dann wandte er sich an den ersten Offizier. „Abblasen! Alles raus bis auf den Stabilitätsdruck!"
Worthwhile wurde noch eine Spur bleicher im Gesicht. „A-Aye, Kapitän!" Er eilte zur Reling des Kommandodecks und gab die Order weiter.
Der Herr und Meister des Schiffes drehte sich zu den Freunden um, dies sich um Twilight geschart hatten.
„Helfen sie ihr, egal wie sie es anstellen. Sie ist jetzt alles, was zwischen uns und dem sicheren Tod auf diesem Berg steht. Tun sie es!"
Kleine Klappen öffneten sich in dem Ballon, als die Mannschaft vom Deck aus bestimmte Halteseile lösten. Der Auftrieb der Idle Barter verringerte sich. Die violette Kugel knirschte gegen den Fels.
Schweiß trat auf Twilights Stirn.
Der kleine Felsdorn brach unter der einwirkenden Kraft und zersplitterte. Der leuchtende Kokon setzte auf dem Eisfeld darunter auf.
Das Einhorn erzitterte.
Langsam glitt das Schiff in seiner schützenden Hülle tiefer.
„Was... was sollen wir tun? Wir können wir ihr helfen?", stotterte Rogue und trat aufgeregt von einem Huf auf den anderen. Er hatte nicht die geringste Idee, wie sie Twilight helfen konnten. Nur ein Einhorn... „Rarity! Vielleicht kannst du...!" Er verstummte, als er sah, wie sich die Freundinnen gegenseitig ernst ansahen und dann wie auf ein geheimes Zeichen zunickten. Sie traten näher an die lavendelfarbene Einhornstuten.
„Was habt ihr vor?", fragte Rogue verdattert. Er hatte das Gefühl etwas wichtiges übersehen zu haben, etwas, das für die anderen offensichtlich war.
Das Schiff sackte weiter ab. Mit einem dumpfen Beben, der selbst auf den Planken des Schiffes zu spüren war, setzte es auf einem Felsabsatz auf. Dann setzte es seinen Kurs fort.
Es flog nicht mehr, es rollte.
Twilight gab einen leisen, gequälten Laut von sich.
Applejack sah zu ihrem Cousin auf.
„Rogue, has´ de´ den noch gar nicht´s über Freundschaft gelernt?", fragte sie.
Das Rettungspony schüttelte hilflos mit dem Kopf.
Eine nach der anderen traten die Freundinnen zu dem kämpfenden Einhorn. Sie legten ihre Hufe auf ihre Schulter und umeinander, formten einen engen Kreis.
„Rogue,...", sagte Applejack sanft.
„...Freundschaft...", fuhr Fluttershy leise fort.
„...ist...", schloss sich Pinkie Pie kichernd an.
„...Magie!", endete Rarity.
Mit jedem Wort, wuchs ein helles Schimmern um die Gruppe. Ein Schimmern, so warm und weich, so einladend und freundlich und so vertraut. Er hatte es schon einmal gesehen: Dort auf dem blutbefleckten Straßen Ponyvilles, in jener dunkelsten aller Nächte.
Und da verstand er es.
Er machte einen Schritt vor, trat in das Leuchten und sie hießen ihn in ihrem Kreis willkommen.
Er war nicht vollkommen, er war nicht perfekt, so wenig wie es die einzelnen Teile waren, aus denen er bestand. Es fehlte ein Teil, eine Spur cyan im Regenbogen. Aber er musste genügen.
Die Idle Barter rollte über die Kante. Es war ein langer Weg bis nach unten.
[1]´Don´t forget your old Shipmate´ - Traditionelles Lied der englischen Seefahrt
[2]´Spanish Lady´ - Traditionelles, irisches Volkslied
[3]´All the lads in town´ - The Merry Wives of Windsor
