Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Geschichte, was den Inhalt von Hasbro´s My Little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum.

Interludium I - ´Der Blinde Fleck´

Jenseits der Berge lag das alte Land. Ein Meer smaragdgrüner Wipfel, ein riesiger Wald, tief und dunkel, dessen Bäume vom Alter groß und weise geworden waren. Er erstreckte sich so weit, das ein Pony, das auf dem höchsten Gipfel stand, gerade eben noch die fernen Ebenen erkennen konnte, wo hohes, wogendes Gras die dicken Stämme ablöste.

Dieser Wald war wild, rau und ungezähmt. Ein Urwald, wie ihn die Ponys aus Equestria nicht, oder nicht mehr, kannten. Nur den wenigen Tapferen, die sich jemals in die verwunschenen Tiefen des Everfree Forest vorgewagt hatten, musste die starke Ähnlichkeit zwischen den beiden Orten sofort auffallen. Der Geruch nach feuchtem Humus und sich zersetzender Blätter, der so viel stärker war als in den ´zivilisierten´ Wäldern des Reiches. Die seltsamen, manchmal erschreckenden Geräusche und Schreie unbekannter Tiere, die ungesehen durch das Unterholz huschten. Und das ständige, nagende Gefühl, dass man nichts an diesem Ort verloren hatte. Das man hier nicht hin gehörte, das der Wald einen hier nicht haben wollte.

Würde man den Ponys vom Stamme der ´Schwinge, Huf und Horn´ davon erzählen, würden sie sich zumindest beim letzten Teil verwundert ansehen oder vielleicht sogar laut auflachen. Es gab keinen Ort, an dem sie lieber waren als in der grünen, ewigen Umarmung des großen Waldes. Sie wussten, das er gefährlich war. Sie wussten, das selbst für sie, die schon Generationen hier lebten, unbekannte Schrecken barg. Und das sie vielleicht, eines Tages, nicht mehr aus ihm zurückkommen würden.

Aber das war kein Grund ihn zu fürchten, oder sogar zu hassen. Er gab ihnen alles, was sie zum Leben brauchten. Er umschloss sie, ihr Leben lang, wie die Hufe einer großen, grünen Mutter. Und wenn eines von Ihnen starb, kehrte es in ihren Schoß zurück.

Wenn die Ponys von Equestria das Gefühl hatten, nicht hinein zugehören, dann deshalb, weil sie es gewesen waren, die ihn verlassen hatten. Als sie hinausgingen, um ihre Häuser aus Stroh und Stein oder ihre Städte in den Wolken zu bauen. Der Wald wurde etwas Fremdes, Bedrohliches. Die Dunkelheit zwischen seinen Stämmen war nicht mehr länger Schutz vor hungrigen Blicken, sondern etwas, das man fürchtete. Die Beeren und Pilze, die Farne und Blätter erweckten Argwohn, als man vergaß, welche wohlschmeckend waren und welche krank machten. Und der Wald wurde gemieden.

Doch als die Ponys ihre Häuser und Türme und hohen Städte verließen und fortzogen, blieben nur diejenigen zurück, die zu alt, zu krank oder nicht selten zu stur waren, um sich ihnen anzuschließen. Ihre Zahl war klein und sie wurde immer kleiner, auch wenn der furchtbare Winter, der den Exudus ausgelöst hatte, endlich verging. Ohne die vielen fleißigen Hufe verfielen die Häuser und Türme und die Städte lösten sich auf. Die Ponys kehrten wie reumütige Fohlen in den Wald zurück.

Und die große, grüne Mutter zog sie fest in ihre Umarmung.

So war es gewesen, vor tausend Jahren und mehr. Der Wald sang sein ewiges Lied, nun wieder um eine Stimme reicher. Die Blätter fielen, die Stämme knarrten leise im Wind und für eine Weile war es gut.

Doch dann erklang eine neue Stimme im Chor. Ein Missklang, eine Disharmonie.

Über die Wipfel der Bäume mit ihrem sanften Rauschen...

Durch stille Täler und Hügel...

Vorbei an flüsternden Bächen und Flüssen...

Hin zu den zwei Bergen, die wie Brüder beieinander standen...

Die rauen Flanken empor, bis kein Baum mehr Halt fand...

Dort war eine Höhle, eine von vielen, die den Berg durchzogen. Der harte Fels öffnete sich jäh zu einem gähnendem Maul, weit und tief. Ein paar Meter noch brachte die Sonne, die in den Eingang schien, etwas Licht in den Bauch des Berges, doch dann verschluckte die Finsternis auch den letzten Rest ihres Abglanzes. Tiefer ging es hinein, vorbei an Steinen, die niemals den warmen Schein der Sonne gekostet hatten, wo kaltes Wasser stumm von den Wänden tropfte und jeder Laut wie ein Donnerhall klang. Die Dunkelheit war absolut und verdeckte die bizarren Formen, die das stete Tropfen in den unnachgiebig wirkenden Stein gehauen hat. Manchmal schien es, als wären die Wände geschmolzen und in fantastischen Kaskaden fließenden Felses wieder erstarrt. Ein anderes Mal begnügte sich die subtile Kraft des Wassers nicht damit zu verändern, sondern schaffte selbst neu. Türme wuchsen aus Boden und Decke, vereinten sich zu mächtigen Säulen, oder schufen sogar Vorhänge aus dünnem Gestein, hauchzart und zerbrechlich. Kristalle wuchsen in perfekten Formen aus dem grauen Gebein des Berges, ungesehen und doch farbenfroh.

Die Höhle wand sich auf und ab, wurde schmal wie eine Gasse oder so weit wie Ballsaal. Spalten klafften auf und Wände erhoben sich schroff und plötzlich. Hier sollte kein Huf leichten Schrittes gehen und die Wunder im Dunkeln in ungewolltem Licht bestaunen. Die Höhle genügte sich selbst.

Aber sie war alles andere als leblos. Blinde Geschöpfe krochen durch den angeschwemmten Sand zwischen den Felsen und erfühlten sich ihren Weg mit ungekannten Sinnen. Durchscheinende Fische schwammen träge in den finsteren Teichen unter dem Berg. Weiße Spinnen lauerten in Ritzen und Winkeln auf Beute. Sie waren so fern der hellen, weiten Oberfläche, das sie jeden Hinweis auf ihre Herkunft schon lange vergessen hatten und es ihre Art nur hier, in diesen Tunneln gab. Im lichtlosen Dunklen, zusammengepresst von Millionen Tonnen Stein, war es, als würde die Dunkelheit eine eigenes Wesen annehmen. Als wäre sie ein klammer, stiller Leib, der mit seiner erdrückenden Präsenz jeden Winkel der Höhle ausfüllte. Die Finsternis beraubte einem des Sehens, die Stille des Hörens, die feuchte, erdige Luft des Riechens und Schmeckens, bis nur noch das Tasten übrig blieb. Und alleine gelassen, fixiert auf diesen einen Sinn, füllte der Verstand die Leere mit... Monstern.

Die Schwärze war so vollkommen, das nur die fernsten, verblassten Abbilder der Netzhaut im Auge zu sehen war. Bunte Formen und seltsam verzerrte Abbilder. Bewegung, wo keine war, wo es nichts zu sehen gab. Das Tropfen des Wassers hallte manchmal durch die steinernen Kavernen, prallte von den Felsen vielfach ab, bis das Echo zur Unendlichkeit verzerrt und fremd klang. Man konnte Stunden, Tage hier herumwandern, ohne auch nur auf die Spur eines Pfades, eines Weges zu stoßen.

Doch vielleicht tat man den richtigen Schritt, folgte zufällig den richtigen Tunneln, wich steilen Abhängen und gähnenden Abgründen aus, quetschte sich durch enge, klaustrophobische Spalten und bemerkte schließlich, das die Dunkelheit nicht mehr so vollkommen war, wie vorher. Das es dort einen leichten Abglanz von Licht auf den Steinen gab und man irgendwie wieder den Huf vor Augen sah. Und wenn man dann diesem Licht folgte, erleichtert, freudig, hoffnungsvoll, wenn der Verstand das Herz schneller schlagen ließ, weil er endlich, endlich wieder sehen konnte und all die eingebildeten Ungeheuer zurück in die Tiefen des Unterbewusstseins verbannen konnte und er sich gar nicht fragte, warum das Licht nicht weiß und gleißend, sondern grün und seltsam organisch wirkte... da war es schon zu spät.

Die echten Monster hatten einen gefunden.


Das erste, das von ihr wieder erwachte, war der Schmerz. Eine Pein, die jeden Quadratzentimeter ihres Körpers zu bedecken schien. Einen Moment lang schien es ihr, als müsste sie darin vergehen, als würde das heiße Feuer der Qual das leise Fünkchen ihres Verstandes einfach verzehren. Dann verging der Moment und die Schmerzen ließen nach, brannten zu einer leisen Glut nieder, zu kleinen Nestern die üble Schrammen, kleine Schnitte und Blessuren anzeigten.

Sie spürte, wie sie zitterte, nicht nur wegen des ersten, schrecklichen Momentes ihres Erwachens, sondern auch wegen der feuchten Kälte, die sie umgab. Sie versuchte die Augen zu öffnen.

Sie spürte, wie sich ihre Lider bewegten, aber auf Widerstand stießen. Gleichzeitig schwoll der Schmerz in ihrem Gesicht an und ließ sie zusammenfahren. Vorsichtige tastete sie mit ihren Vorderläufen nach ihren Augen.

Heiße Lanzen sengender Pein durchfuhren sie, als ihr Hufe ihre geschlossenen Augen berührten. Sie stieß einen unterdrückten Schmerzenslaut aus.

Meine Augen, schoss es ihr entsetzt durch den Kopf, Was ist mit meinen Augen?

In Panik versuchte sie noch einmal, sie zu reiben, den Widerstand von ihrem Gesicht zu entfernen, der sie vom Sehen abhielt. Aber der Schmerz kehrte abermals zurück, nicht weniger heftig.

Sie krümmte sich zusammen und biss sich auf die Lippen, um nicht laut aufzuschreien. Angst lief in ihrem Verstand Amok, versuchte jeden klaren Gedanken in ihren aufgewühlten Fluten fortzureißen. Sie war blind, alleine, an eine unbekannten Ort. Sie spürte wilde Panik in sich aufsteigen und versuchte ihr möglichstes, ihr zu widerstehen. Sie musste einen klaren Kopf bewahren.

Sie lag dort einen Moment lang und versuchte sich und ihre Atmung zu beruhigen. Sollte sie nach Hilfe rufen? Vielleicht waren ihre Freundinnen in der Nähe und suchten nach ihr. Sie öffnete bereits ihren Mund und holte tief Luft, hielt dann aber inne.

Sie konnte sich noch verschwommen an den übermächtigen Luftströme jenseits des Gebirgszuges erinnern, gegen die sie angekämpft hatte. Der Sturm hatte wie mit riesigen Klauen an ihr gezerrt und gerissen, hatte sie wie ein Spielzeug hin und her geworfen. Irgendwie hatte sie es geschafft, die widerstreitenden Verwirbelungen zu einem einzigen, mächtigen Sog zu verbinden, der für einen Moment lang stark genug gewesen war, das Luftschiff und ihre Freundinnen über die Kante zu saugen. Sie erinnerte sich an das Gefühl unheimlicher Erleichterung, als der farbenprächtige Ballon der ´Idle Barter´ die Sturmkante überwunden hatte und tiefer ins Tal schwebte. Aber dann war ihr Windsystem zusammengebrochen, durcheinander gewirbelt von einer der unberechenbaren Strömungen, die um den Gipfel herum herrschten. Der Sturm hatte wieder zugeschlagen, chaotischer und wilder als zuvor, als verüble er ihr den kurzen Sieg, den sie über ihn errungen hatte. Das letzte, was sie wusste, war das schreckliche Gefühl des unkontrollierten Sturzes, ungebremst und lang. Dann... gar nichts mehr.

Sie glaubte nicht, das ihre Freundinnen in der Nähe waren. Wo immer sie sich gerade befand, es war weit weg von den ihr vertrauten Ponys... und jeder anderen Hilfe.

Wieder stieg die Panik in ihr hoch, aber es war diesmal leichter sie niederzukämpfen. Sie musste ruhig bleiben. Das war das wichtigste. Sie mochte ihre Augen nicht mehr benutzen können, aber so lange sie ihren Verstand beisammen behielt, war nicht alles verloren.

Als erstes versuchte sie wieder auf ihre Hufe zu kommen. Sie erhob sich langsam und ignorierte die Schmerzen der vielfachen Blessuren, die erneut aufflammten. Sie fühlte sich, als hätte sie ein paar Runden Hoofwrestling mit Bulk Biceps überstanden – und verloren. Prüfend schlug sie ein paar mal mit ihren Flügeln und stellte fest, das ihre linke Schwinge sich an der Spitze seltsam anfühlte. Sie hob den Flügel zu ihrem Mund und betastete ihn vorsichtig mit der Zunge. Schnell stieß sie auf mehrere abgeknickte Leitfedern und fehlende Spitzen. Erleichtert ließ sie den Flügel wieder sinken. Es würde ihre Manövrierfähigkeit beeinflussen, sie aber nicht vom Fliegen abhalten. Wenn sie wieder sehen konnte, natürlich. Sie traute sich viel zu, aber ein Blindflug an einem unbekannten Ort war nicht mutig, sondern einfach nur dumm. Vorsichtig tastete sie mit dem Huf nach ihrer noch frischen Narbe unter ihrer anderem Flügel. Die Rippen schmerzten, aber sie konnte frei atmen.

Wenn der Fall wirklich so tief gewesen war, wie sie ihn in Erinnerung hatte, musste sie unglaubliches Glück gehabt haben. Pegasie waren hart im Nehmen und ihre natürliche Magie beschützte sie oft vor den schlimmsten Folgen eines Absturzes, aber es gab für alles eine Grenze. Ihre letzte Bruchlandung unterhalb von Cloudsdale hatte ihr diese sehr deutlich gemacht. Laut der Ärztin, die sie nach der Operation im Krankenhaus begrüßte, hatte nicht viel gefehlt und die gebrochenen Knochen ihres Rumpfes hätten die Lunge durchbohrt. Sie hatte nicht alles verstanden, was das weißbekittelte Pony ihr zu erklären versucht hatte, aber es war klar gewesen, das sie noch glimpflich davon gekommen war.

Der Boden unter ihren Hufen fühlte sich feucht und kalt an, blanke Erde, durchsetzt mit glatten Steinen. Als sie ihre Flügel ausgebreitet hatte, waren ihre Federn über eine nahe Steinwand gestrichen und die Feuchtigkeit darauf hing noch immer an ihr. Sie zog prüfend die Luft durch ihre Nüstern, schmeckte aber nicht mehr als die klamme, klare Feuchtigkeit und das Aroma der Erde in ihr. Noch einmal überkam sie der unüberwindbare Drang ihre Augen zu reiben, aber ihr Huf stoppte kurz vor ihrem Gesicht. Sie wusste nicht warum sie nicht im Stande war ihre Lider zu heben, aber die Erinnerung an die Schmerzen ließ sie ahnen, das etwas ganz und gar nicht mit ihr in Ordnung war. Sie musste vorerst so zurecht kommen.

Alles, was sie wahrnehmen konnte, deutete darauf hin, das sie sich unter der Erde befand. Vor allem die Abwesenheit jeglichen Geruchs nach Pflanzen gab ihr den entscheidenden Hinweis. Auch das sie keinen spürbaren Luftzug vernehmen konnte, war ein Indiz. Sie zögerte kurz, dann hob sie einen Huf und stampfte fest damit auf. Die weiche Erde unter ihr dämpfte das Geräusch, aber das Knirschen der Steine unter ihren Hufen, das leise um sie nachhallte, bestätigte ihren Verdacht. Sie war umgeben von Fels, in einer Höhle, oder bestenfalls in einer tiefen Schlucht. Sollte ersteres zutreffen, hatte sie keine Ahnung, wie sie dorthin gelangt sein konnte. Immerhin führte einen Fall einen direkt nach unten... höchstens noch in einem Bogen. Wenn sie aber unter der Erde war dann musste etwas, oder jemand sie hierher gebracht haben.

Ein leichtes Kratzen von Hufen auf Stein, das nicht von ihr stammte. Ihr Ohren richteten sich alarmiert auf und sie erstarrte zur vollkommenen Reglosigkeit. Sie hielt sogar den Atem an, um sich nicht verraten.

Alles was sie hörte, war das laute, aufgeregte Klopfen ihres eigenen Herzens in ihrer Brust.

Da! Wieder ein leises Geräusch, so als würde sich etwas in ihrer Nähe bewegen.

Ihr ging die völlige Hilflosigkeit ihrer Situation auf. Sie wusste nicht was oder wer sich ihr dort näherte und sie konnte sich nicht einmal richtig verstecken. Sie wusste nicht, ob sie mitten auf dem Präsentierteller stand oder wohin sie sich flüchten sollte.

Sie duckte sich und versuchte sich irgendwie so klein wie möglich zu machen. Zum ersten Mal in ihrem Leben verfluchte sie ihr hellblaues Fell und ihre leuchtend bunte Mähne. Sie musste hier, zwischen den Felsen, hervorstechen wie eine falsche Feder.

Das unverkennbare Klopfen eines Hufes auf Stein. Schon sehr nahe. War es ein Pony? War sie schon gesehen worden?

Sie konnte nicht mehr länger den Atem anhalten und atmete so flach und leise wie möglich aus.

Ein Knirschen auf sandigem Boden. Kam es aus der selben Richtung wie zuvor? Sie konnte es nicht mit Sicherheit sagen. Aber es war so nahe, das sie schwören konnte, das sie nur den Huf auszustrecken brauchte, um...

Etwas berührte sie an der Schulter.

Sie konnte den plötzlichen Aufschrei nicht mehr unterdrücken, mit dem sie aufsprang. Im Nu war sie auf den Hufen, wirbelte herum und rannte... gegen eine Wand.

Der Aufprall ließ bunte Lichtblumen in der Dunkelheit hinter ihren geschlossenen Lidern erblühen und schickte sie zurück auf den kalten, harten Boden. Sie schüttelte die Benommenheit ab und drückte sie so fest gegen die Wand wie sie konnte, die Vorderhufe kampfbereit vor sich erhoben.

„Komm – komm mir nicht zu nahe!", rief sie laut und versuchte ihre Stimme kräftig und drohend klingen zu lassen, obwohl sich jedes Haar ihres Fells vor Angst sträubte. „Ich schlage zu, ich schwöre es!"

Einen Moment lang war hörte sie das aufgeregte Trappeln von Hufen vor sich und ein seltsames Sirren, das sie nicht einordnen konnte.

„Ah, oh,... ok. Ich fasse dich nicht mehr an, aber k-könntest du bitte etwas leiser sein?" Die eindeutig weibliche Stimme vor ihr klang nervös und verhuscht. Sie hatte einen weichen, zarten Klang, der sie sehr an ihre Freundin Fluttershy erinnerte, auch wenn sie sich in der Tonlage von ihr unterschied. „Bitte. Wir müssen leise sein."

Sie hielt bei den ängstlich gesprochenen Worten einen Moment inne, gab aber ihre abwehrende Haltung nicht auf. „Wo bin ich?", stieß sie die erste Frage hervor, die ihr in den Sinn kam.

„Bitte, wir müssen unbedingt leise sein! Wenn sie uns hören, dann..." Die Stimme brach ab. Es dauerte einen Augenblick, bis sie fortfuhr. „Wir sind in den Höhlen unterhalb der Zwillingsgipfels. Ich habe dich im Netz... in einer der offenen Kavernen gefunden. Du bist anschein..." Die Stimme unterbrach sich wieder.

Der Pegasie wollte zu einer erneuten Frage ansetzen, aber als sie gerade den Mund öffnete, schloss ein Huf ihn schnell wieder. Sie erschreckte sich durch die plötzliche Berührung und zuckte zurück, wodurch ihr Kopf hart mit der Felswand hinter ihr kollidierte. Sie unterdrückte ein Stöhnen und hielt inne, um zu lauschen.

Das seltsame Sirren, das sie schon vorher gehört hatte, war wieder da, wenn diesmal auch weiter entfernt. Diesmal erklang es länger und sie hatte mehr Zeit es zu untersuchen. Es klang wie ein schnelles, aufgeregtes Schaben, ein helles Flirren, das ihr irgendwie bekannt vorkam. Aber die seltsamen Wege die der Schall zwischen den Felswänden zurücklegte, konnten ihr auch einen Streich spielen.

Die Person vor ihr war im angestrengten Lauschen erstarrt. Plötzlich kam Bewegung in sie und schob die Pegasie grob vor sich her.

„Leise! Leise!", flüsterte sie eindringlich und verstärkte ihren Druck. Ihr blieb nichts anderes übrig, als Folge zu leisten. Sie wusste nicht, was hier vor sich ging, aber die Angst in der Stimme ließ sie folgsam vorwärts traben. Glücklicherweise war der Boden eben so das sie trotz ihrer Blindheit nicht stolperte.

„Duck´ dich! Kriech hier hinein!"

Sie fühlte kalten Stein an ihren Ohren entlangstreifen, als sie den Kopf senkte. Plötzlich spürte sie zu beiden Seiten feuchten Stein gegen ihre Flügel streifen. In einem jähen Anflug von Klaustrophobie zögerte sie und stemmte sich gegen die schiebende, unbekannte Gestalt hinter ihr.

„Sie sind gleich hier! Bitte!" Jetzt schwang Panik in der Stimme mit. Das Sirren in der Luft war lauter geworden. Und es kam schnell näher.

Sie kämpfte ihre Angst nieder und ließ sich auf die Knie nieder, um in den engen Spalt zu kriechen. Feuchte Erde blieb an ihr kleben und ein kaltes Rinnsal benetzte ihren Flügel, so das sie schauderte. Als ihr Kopf gegen einen Felsblock stieß, hielt sie inne und erstarrte.

Das Sirren in der Luft war jetzt ganz nahe und das Schieben von hinten hatte aufgehört. Sie bemühte sich, so flach wie möglich zu atmen und verfluchte ihr laut schlagendes Herz, als könnte es sie verraten. Sie wusste nicht, wovor die unbekannte Stimme sie hier versteckt hatte, aber die Angst, die sie vermittelt hatte, war problemlos auf sie übergesprungen.

Das Sirren stoppte unvermittelt und das Klacken von Hufen auf Stein war zu hören. Einen Moment lang herrschte Stille. Dann hörte sie eine Reihe fremder, schneller Klicklaute hinter sich. Dann eine weitere Serie aus Klacken und Schnalzen, diesmal in einer anderen Tonlage. Es klang fast... wie eine Unterhaltung in einer seltsamen, unbekannten Sprache.

Es ging für kurze Zeit hin und her. Das erste Klacken, das härter und durchdringender klang, wurde lauter und drohender, während das zweite leise blieb.

Dann brach der Strom aus Klicken und Klacken ab. Das Sirren setzt wieder ein, laut und aggressiv. Aber es wurde leiser, als würde es sich entfernen.

Sie wagte es noch immer nicht sich zu bewegen, oder einen Laut von sich zu geben, als das seltsame Summen bereits verklungen war. Die Stille um sie herum dehnte sich. Hier, eingezwängt in einem engen, feuchten Spalt unter der Erde, nass und frierend, immer noch zerschlagen von ihrer Bruchlandung, kam sie sich sehr verloren vor. Als die Sekunden verstrichen und die Stimme nicht zurückkam, das einzige, was ihr für so kurze Zeit ein wenig Halt in ihrer verzweifelten Situation gegeben hatte, nahm sie den Kopf unter ihre Hufe, so gut es ging und wünschte, wünschte sich mit aller Kraft...

Zurück nach Hause.

Zu Ihrer Wolke, die so weich und einladend war, perfekt für ein kleines Nickerchen am Nachmittag.

Nach Ponyville, wo die Ponys unter ihr ihren Geschäften nachgingen, sorgenfrei und fröhlich.

Wo sie und ihre Freundinnen sich in Twilights Bibliothek trafen, um Neuigkeiten auszutauschen, aufregende Abenteuer zu beginnen oder einfach nur zusammen zu sein.

Dieses helle, warme Bild schien ihr in diesem Augenblick so weit entrückt und fern wie die kalten Sterne selbst. Sie spürte, wie ein verzweifeltes Schluchzen ihre Kehle hochstieg. Aber sie schluckte es wieder hinunter. Sie durfte sich keine Laut erlauben.

Sie verharrte einige Herzschläge völlig reglos, wie erstarrt in der Felsspalte, während sie versuchte, wieder Kontrolle über sich zu erlangen. Es war nicht einfach. Es war schwierig die Kraft dafür aufzubringen. Sie wusste nicht, wie lange sie hier gelegen hatte, aber die herkulische Anstrengung des Wirbelfluges war immer noch in ihren Muskeln zu fühlen. Zusammen mit der Erschöpfung und der kalten Nässe überall auf ihrem Körper und den Schmerzen, die zwar nachgelassen, jedoch unterschwellig noch immer an ihr nagten, wäre es genug gewesen, um die Ohren hängen zulassen. Aber das war nicht das schlimmste. Sie war gewohnt an ihre Grenzen zu gehen, sich selbst so weit zu treiben, bis jeder Atmenzug stach und jeder Muskel ächzte. Sie konnte die Schmerzen und das Unbehagen beiseite schieben und weitermachen, wie sie es schon oft getan hatte. Das Problem war, das es nichts gab, was sie weitermachen ließ, kein Ziel das es zu überqueren galt oder einen Kontrahenten, den sie überflügeln wollte. Selbst das so aufregend erscheinende Abenteuer, zu dem sie mit ihren Freundinnen aufgebrochen war, wie so oft zuvor, schien hier, in dieser engen, nassen Felsspalten nur mühsam, gefährlich und aussichtslos. Sie wusste nicht wo sie war, sie wusste nicht wo ihre Freundinnen waren, sie wusste nicht einmal was um sie herum vor ging. Sie fühlte sich einfach hilflos.

Sie wollte sich nicht hilflos fühlen.

Sie hasste es, sich hilflos zu fühlen.

Sie stampfte fest mit dem Huf auf den Stein unter ihr. Es war egal, wer es hören konnte, die Stimme, oder das Flirren und Klacken. Es fühlte sich einfach nur gut an, etwas zu tun, etwas selbst zu tun, es selbst zu entscheiden statt sich einfach treiben zu lassen, verängstigt und eingeschüchtert. Selbst wenn es eine so trotzige und dumme Geste war, wie fest mit dem Huf aufzustampfen. Sie spürte, wie etwas von ihrem Selbstbewusstsein mit diesem Klopfen zurückgekommen war und versuchte es gleich noch einmal.

Ja, sie würde sich nicht unterkriegen lassen. Nicht sie. Sie hatte schon ganz andere Sachen ausgestanden. Sie konnte sich gerade nicht daran erinnern, wann es jemals so dunkel um sie herum ausgesehen hatte (im wahrsten Sinne des Wortes), aber... auf jeden Fall würde sie das hier durchstehen und... und dabei Awesome sein! Verdammt, genau!

Als erstes musste sie aus diesem Loch heraus. Sie hatte gerade damit begonnen sich mit den Hinterhufen vorzutasten, als die Stimme hinter ihr einen leisen Seufzer ausstieß. „Alles in Ordnung. Du kannst herauskommen!"

Sie ärgerte sich sofort maßlos. Es war ihre Entscheidung jetzt herauszukommen! Sie brauchte nicht die Erlaubnis von dieser gesichtslosen Stimme! Entschlossen befreite sie sich das letzte Stück aus ihrem Gefängnis.

„Wer bist du überhaupt?", schnappte sie wütend nach der Unbekannten.

Es war einen Moment lang still, dann kam die leise Antwort: „Ähm, ich stehe hier drüben.", etwas links von ihr.

Sie grollte frustriert und wandte sich der Stimme zu.

„Ich... ich bin Strawberry Blite aus... aus Canterlot. Und du bist Rainbow Dash, nicht wahr?"

Rainbow hielt überrascht inne. Misstrauisch fragte sie: „Woher kennst du mich?"

Strawberry verlor für einen Moment den verhuschten Tonfall in dem sie die Ganze Zeit gesprochen hatte und tatsächlich klang so etwas wie Aufregung darin mit. „Ich habe dich beim ´Wettbewerb für junge Flieger´ in Cloudsdale gesehen! Du warst einfach toll! Wie du abgetaucht bist um das Einhorn zu retten und dann diese riesige Explosion von Farben! Ein Sonic Rainboom! Das war so aufregend!"

Der cyanblaue Pegasus konnte nicht anders, als bei diesen Worten stolz die Brust schwellen zu lassen. „Ja, das war ziemlich cool von mir."

„Absolut! Smile hat gesagt, dass es das erste Mal war, dass das jemand bei diesem Wettbewerb geschafft hat."

„Ja, das stimmt, ich war die Erste." Rainbow erwischte sich dabei, wie sich ihre Lippen zu einem wohlwollenden Lächeln verzogen hatten. Es hatte nicht mehr gebraucht als ein paar anerkennde Worte von einem Fan, um sie ihre Situation vergessen zu lassen. Und Ihr Misstrauen. Zumindest fast.

„Du bist also auch ein Pegasus?", fragte sie vorsichtig.

Wieder schien Strawberry zu zögern, bevor sie antwortete. Als sie es tat, war ihre Stimme wieder zu dem leisen, unsicheren Tonfall zurückgekehrt, den sie am Anfang gezeigt hatte.

„N-Nein. Ich bin ein Erdpony. Ist das Ok?"

Rainbow fand diese Antwort aus zwei Gründen seltsam. Warum sollte es nicht in Ordnung sein, ein Erdpony zu sein? Einige ihrer besten Freundinnen waren Erdponys und eines davon noch ihre schärfste Kontrahentin dazu! Und wie in aller Welt...

„Wie konntest du den Wettbewerb sehen, wenn du ein Erdpony bist?", verlangte sie zu wissen. Sie wusste, das es nicht unmöglich war, schließlich hatte Twilight mit einem Zauber dafür gesorgt, das auch ihre Freundinnen dabei sein konnten (mit teils desaströsen Folgen), aber ihr Argwohn gegen die unbekannte Stute blieb.

„Oh, Smile hat uns einen Ballon beim Stadium gemietet. Wir hatten eine wundervolle Aussicht..." Sie schien kurz ihren Gedanken nachzuhängen, dann fuhr sie leise fort: „Es war ein sehr schöner Tag." Es schien sich ein Unterton von Traurigkeit in ihre Stimme zu mischen.

Rainbow war versucht nachzufragen, aber ihr wurde klar, das es jetzt Wichtigeres anstand. Sie hatte sich von den Lobpreisungen der Stute etwas von ihrer eigenen, verzwickten Situation ablenken lassen, nicht zuletzt, weil alles besser schien, als daran zu denken, wie tief sie in der Tinte steckte. Es gab vor allem zwei Fragen, die jetzt wichtig waren. Sie stellte die erste.

„Strawberry, wo sind wir?"

Die Stute zögerte wieder kurz. „In den Höhlen unter den Zwillingsgipfeln. Habe ich das nicht schon... oh, wenn du aus Canterlot kommst, dann weißt du ja gar nicht wo das ist!"

Die Pegasusstute schüttelte verwirrt den Kopf. „Ich komme nicht aus Canterlot."

Das andere Pony schien kurz zu stutzen. „Oh. Ich dachte, weil ich dich ein paar Mal... N-Naja, egal. Wir sind etwa siebzig Kilometer östlich von Canterlot, jenseits des großen Gebirges."

Rainbow atmete tief durch. „Ja, das weiß ich. Aber warum sind wir unter der Erde und warum müssen wir so vorsichtig und leise sein?"

Strawberry verstummte wieder, aber diesmal dauerte die Stille an. Dash wollte gerade dazu ansetzten sie noch einmal zu fragen, als die andere Stute schließlich einen Satz sprach, so leise das sie kaum zu verstehen war. Es war ein Satz, gesprochen voll von Angst und etwas anderem, etwas, das Rainbow nicht identifizieren konnte.

„Wir sind bei ihnen."

„Bei...bei Wem?"

„Den Monstern."


Sie fühlte, wie sich bei diesen Worten ein kalter Stachel der Angst in ihr Herz bohrte. Sie fühlte sich zögern, fühlte sich davor zurückschrecken die nächste Frage zu stellen, aus Furcht vor der Antwort. Die Stimme der Stute hatte so furchtsam, so entgeistert geklungen, das es einen ganzes Kaleidoskop an Alpträumen aus den finsteren Tiefen ihres Unterbewusstseins herbei beschwor.

Ihr Mund fühlte sich trocken und pelzig an, als sie sich schließlich dazu überwand zu fragen: „Welche Monster?"

Wieder war da ein Moment der Stille. Dann gab Strawberry die Antwort.

„Changelings. Wir sind in ihrem Stock."

Rainbow atmete unwillkürlich auf, auch wenn es eigentlich keinen Grund dafür gab. Tatsächlich war es ihr, als wäre ihr ein großer Stein von ihrem bedrückten Herzen gefallen. Das Monster hatte einen Namen, mehr noch, sogar ein Gesicht. Es war noch nicht so lange her, dass sie mit ihren Freundinnen in Canterlot gegen die Wechselbälger gekämpft hatte. Die Puzzleteile fielen langsam an ihren Platz. Das war also das insektenhafte Summen gewesen, das sie vorhin gehört hatte. Es war ihr gleich vertraut vorgekommen, auch wenn sie es nicht sofort hatte einordnen können.

Sie erschauderte leicht, als sie an die so fremd und doch so vertraut wirkenden schwarzen Gestalten dachte, die um Haaresbreite erfolgreich im Herzen des Reiches eingenistet hätten. Die Elemente waren während ihrer Abenteuer schon auf viele Gegner gestoßen, aber die Changelings hatten im Herzen von Rainbow einen besonderen Platz der Verabscheuung eingenommen. Sie schienen wie eine Antithese zu allem, was ihr selbst ausmachte: Sie versteckten sich feige, erschlichen sich heimlich das Vertrauen der Ponys und nährten sich schließlich von den faulen Früchten ihrer widerwärtigen Arbeit: Heimlich, still und leise saugten sie an den heiligsten Prinzipien, die alle Ponys ausmachten. Und noch schlimmer: Ihre liebste Speise, ihr Leibgericht, war die Liebe selbst. Derjenige, dem man am meisten vertraute, der einem am loyalsten zur Seite stehen sollte... ein Verräter der schlimmsten Sorte.

Aber sie kannte die Wechselbälger. Und so sehr sie sie auch verabscheute, so froh war sie das sie es waren, mit denen sie es zu tun hatte. Das bekannte Übel war bei weitem besser als ein neuer, gesichtsloser Schrecken, dem sie sich zu stellen hatte.

Womit noch eine Frage blieb.

„Was...", sie zögerte. Auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte, sie fürchtete sich davor die Frage zu stellen. Denn die Antwort... die Antwort könnte...

„Was ist mit meinen Augen?", stieß sie entschlossen hervor. Es nützte nichts. Sie musste es wissen.

Sie hörte wie Strawberry näher an sie herantrat. „Ich weiß es nicht. Vielleicht hast du sie dir beim Absturz verletzt. Sie sind... sie sind mit etwas Gelben verklebt und... und etwas rot ist auch dabei. Vielleicht könnte ich dir helfen sie..."

Rainbow zuckte zurück, als sie die Nähe der Stute spürte und bedeckte ihre empfindlichen Sinnesorgane. Sie konnte sich noch gut an den peinigenden Schmerz entsinnen, als sie selbst versucht hatte, sie mit den Hufen gewaltsam zu öffnen. „Nein!", stieß sie hervor. „Nein, lass sie in Ruhe! Ich glaube es liegt an dem Schnee, den ich..." sie erinnerte sich, das es kein Pegasus war, mit dem sie sich unterhielt. „Ich habe sie mir in einem Schneesturm verletzt." Sie zögerte kurz und fragte dann unsicher nach: „D-Da sind rote... rote Stellen in... in dem Zeug das meine Augen verklebt?"

„Ja. Aber es sind nur wenige! U-und sie sind eigentlich gar nicht rot, mehr so ein rosa und..."

Rainbow ließ den Kopf sinken und hob mahnend einen Huf. „Leise, Strawberry. Wir müssen leise sein, oder?"

Die Stute verstummte abrupt.

Rote Stellen. Sie war bei Celestia kein Augenarzt, aber das konnte nichts Gutes bedeuten. Rainbow konnte sie erinnern, das ihre Mutter Kontaktlinsen benutzt hatte. Sie hatte sich niemals wirklich daran gewöhnt, auch wenn sie stets zu Eitel war, eine Brille zu tragen. Wenn sie vergessen hatte, sie über Nacht herauszunehmen, waren ihre Augen am Morgen auch oft mit einer blassgelben Kruste verklebt gewesen. Manchmal war sie mit zunderroten Augen zum Frühstück gekommen, nachdem sie sich lange im Bad das Gesicht gewaschen hatte. Rainbow hatte gehofft, das es bei ihr etwas ähnliches war. Einfach eine Reizung der Augen und eine dicke Schicht von Was-auch-immer das sich in ihrer Bewusstlosigkeit angesammelt hatte. Aber wenn die Kruste nicht nur gelb, sondern auch rot war... wenn sie aus den Augen geblutet hatte...

Sie versuchte das Zittern zu unterdrücken, dass sie plötzlich überfiel.

Was ist, wenn ich blind bin... blind bleibe...

Der Gedanke daran zog einen ganzen Strang von Bildern hinter sich her, eines schrecklicher als das andere.

Sie selbst, ihre geliebte Sonnenbrille auf der Schnauze, wie sie sich vorsichtig die Straßen von Ponyville entlangtastete...

Die mitleidsvollen Blicke der Ponys, die sie nicht sehen konnte...

Ihre Flügel, die bei jedem unsicheren Schritt kraftlos aufklappten um das Gleichgewicht zu halten. Die nie wieder den Wind des freien Fluges unter sich spüren würden...

Ihre Freunde, die geduldsam auf sie warteten, während sie hinter ihnen her schlich. Wie sie versuchten, ihr zu helfen, sie sorgsam um Hindernisse dirigierten, ihre Hilfe anboten und so unerträglich sorgsam und mitfühlend mit ihr umgingen. Als wäre sie ein rohes Ei, das nur darauf wartete zu zerbrechen...

Die gelbe Binde an ihrem Vorderlauf...

Es kostete sie eine fast schon physischen Akt der Anstrengung um diese Bilder aus ihrem Kopf zu verbannen.

Es war noch nichts entschieden. Es war noch nicht wahr. Es gab noch immer Hoffnung. Vielleicht konnte Twilight mit ihrer Magie helfen. Und wenn nicht sie, dann vielleicht Celestia. Sonne und Mond, vielleicht war es gar nicht so schlimm, wie sie es sich ausmalte. Sie musste ruhig bleiben. Das war das wichtigste. Ruhig bleiben und nicht verrückt werden.

Aber die Furcht blieb.

„K-kannst du..." Sie bemerkte, wie verstört und ängstlich sich ihre Stimme anhörte. Sie räusperte sich schnell und versuchte mehr Zuversicht auszustrahlen. „Kannst du uns hier heraus bringen, Strawberry?"

Die Stute zögerte einen Augenblick lang, dann antwortet sie. „Ja. Ja, ich denke schon." Ihre Stimme hatte einen seltsamen Unterton, einerseits aufgeregt, aber mit einer Spur Enttäuschung vermischt, die Rainbow stutzig machte.

Was wusste sie über das Pony, das sie führen sollte? Strawberry hatte bisher nichts anderes getan, als ihr zu helfen, aber dennoch blieb in ihrem Hinterkopf eine warnende Stimme, die beharrlich darauf bestand, dieser fremden Stute nicht zu vertrauen. Es war nichts worauf sie den Huf legen konnte, kein konkreter Beweis oder verräterisches Indiz, nur eine wage Ahnung. Strawberry war eindeutige verängstigt, soviel konnte sie aus ihrer Stimme lesen, aber vieles von dem, was sie gesagt hatte.. oder viel mehr was sie gesagt hatte... und wie sie es gesagt hatte... ihre Wortwahl, ihre Art der Aufzählung der Fakten... Es passte nicht in das Bild einer Gefangenen der Changelings. Konnte es sich dabei um einen Trick handeln? War Strawberry eine von Ihnen, dies sich ihr Vertrauen zu erschleichen versuchte? Nahmen diese Monster überhaupt Gefangene? Es war möglich. Vielleicht entführten und ersetzten sie Ponys so wie sie Prinzessin Cadence entführt hatten und gefangen gehalten hatten. Um an persönliche Informationen zu gelangen. Um ihr verräterisches Spiel noch besser ausführen zu können. Es währe für einen normales Canterlot-Pony eine mehr als traumatisches Erlebnis plötzlich zwischen diesen Wechselbälgern aufzuwachen, fern der Heimat, nur um ausgehört und befragt zu werden. Vielleicht war das des Rätsels Lösung. Vielleicht war Strawberry einfach nur zu durcheinander und zu überglücklich ein vertrautes Pony gefunden zu haben, um sie an normalen Maßstäben zu messen. Oder es war alles ein abgekartertes Spiel.

Rainbow schüttelte frustriert den Kopf. Sie wusste einfach nicht, ob sie dieser fremden Stute vertrauen konnte. Sie wusste nicht, ob ihr Gefühl ihrem üblichen, gesunden Misstrauen entsprang, oder ihrer Angst geschuldet war. Sie wusste nicht, ob ihr Instinkt sie leitete, oder ihre Vorurteile. Letztlich aber lief es auf das eine hinaus. Sie war auf diese fremde Stute angewiesen, auf Gedeih oder Verderb. Blind wie sie war würde sie niemals den Weg aus diesem unterirdischen Gefängnis herausfinden. Sie musste Strawberry vertrauen.

Ihr entging nicht die Ironie der Situation. War es nicht erst vor ein paar Stunden gewesen (waren es nur ein paar Stunden? Sie wusste nicht, wie lange sie bewusstlos gewesen war. Es mochten Tage gewesen sein!), das sie genau das mit ihren Freundinnen in der Offiziersmesse des Luftschiffes diskutiert hatte. So widerwillig sie es auch tat, aber sie musste Rogue letztlich zustimmen. Seit dem Angriff auf der Straße in Ponyville, seit diesem fruchtbaren Ereignis, das wie ein heißes Eisen durch ihre Leben geschnitten hatte, war das so wertvolle Band zwischen den Ponys, denen sie am meisten vertraute ins Ungleichgewicht geraten. Plötzlich hatte es Geheimnisse zwischen ihnen gegeben, unausgesprochene Ängste und verzweifelte Einsamkeit, die vorher undenkbar gewesen war. Diese... Zusammenkunft... hatte vieles wieder in das rechte Licht gerückt, hatte sie wieder zusammengeschweißt, wo sie nie hatten brechen sollen. Rainbow schämte sich ein wenig dafür, das es eines Außenseiters bedurft hatte, um die Wahrheit so ungeschönt auszusprechen und ihnen allen den richtigen Anstoß zu geben, um die Dinge wieder gerade zu biegen, bevor... bevor... es noch schlimmer kommen konnte. Das allein sollte schon ausreichen, um diesem fremden Hengst, der sich so plötzlich und ungefragt in ihr Leben gedrängt hatte zu vertrauen, ganz abgesehen von dem Respekt dem ihm ihre Freundinnen entgegen brachten. Aber sie konnte es nicht über ihre Herz bringen ihn ebenso in ihrem Kreis willkommen zu heißen, wie alle anderen. Lag darin vielleicht ihr Fehler? War es diesem Hengst gegenüber nicht anders als dieser Stute? Sie wusste, dass sie von Natur aus misstrauisch war und bei weitem nicht so aufgeschlossen wie anderes Ponys.

Welche Wahl blieb ihr letztlich? Sie war Blind, verloren auf feindlichem Gelände. Strawberry hatte ihr bisher nur zu helfen versucht. War es fair ihr wegen ein paar seltsamen Bemerkungen eine böse Absicht zu unterstellen?

Vertrauen. Sie musste vertrauen. Es fiel ihr nicht leicht. Aber es blieb ihr nichts anderes übrig.

Und sie würde dennoch ein offenes Auge auf ihren Rücken halten – wenn auch nur metaphorisch – und nach Verrat Ausschau halten.

„Geh voran.", Sagte sie und deutete mit ihrem Huf in irgendeine Richtung. „Ich bin direkt hinter dir."


Tatsächlich gab es für Rainbow gar keine andere Option, als sich dicht hinter der fremden Stute zu halten. Die Höhle, in der sie sich befanden, war alles andere als eben und sie brauchten ihre vier Hufe, um auf dem glitschigen Stein halt zu finden. Um den Kontakt zu ihrer Führerin nicht zu verlieren verbiss sich die Pegasusstute in die Schwanzmähne des andern Ponys und ließ sie so von ihr leiten. Strawberry gab sich viel Mühe, die blinde Stute hinter ihr zu unterstüzen, aber dennoch kamen sie nur im Schneckentempo voran. Nicht zu Letzt, weil sie sich mehr als einmal vor den Patrouillen der Changelings verstecken mussten. Glücklicherweise war das insektenhafte Summen ihrer Flügel in den hallenden Kavernen bereits von weiten zu hören, so das Strawberry genug Zeit hatte, für sie beide sichere Verstecke zu finden.

Mehr als einmal stolperte Rainbow oder glitt auf dem feuchten Untergrund aus. Strawberry war immer sofort bei ihr, um ihr aufzuhelfen, aber die Pegasusstute wischte ihre Hufe beiseite und erhob sich selbst mit einem frustrierten Grollen in ihrer Kehle.

Doch obwohl sie das Gefühl der Hilflosigkeit hasste, dass ihre Blindheit mit sich brachte, kam sie nicht umhin zu bemerken, wie das Fehlen ihres einen Sinnes die anderen Sinne ungewohnt scharf werden ließ. Sie konnte die seltsamen, undeutbaren Laute der Changelings in der Ferne hören, die diese Höhlen bewohnten. Sie roch die Erde und den Fels, die sie umgaben, doch darin bemerkte sie jetzt eine unerklährliche Note von Muskatnuss, die aus den Tunneln um sie herum zu ihr getragen wurde. Der Grund unter ihren Hufen veränderte sich langsam, wurde von blanken Fels zu festgetretener Erde und kurz zu etwas glattem, harten, das sie an polierten Marmor erinnerte, bevor es von weichem Sand abgelöst wurde. Der Geruch nach Muskatnuss verstärkte sich, bis er die Luft anfüllte, dann wurde er wieder schwächer. Die leichten Strömungen in der Luft, der sanfte Hauch, der ihr über das Fell und ihre Federn strich, begann langsam einen Sinn zu ergeben. Wenn er von vorne blies und ein wenig stärker wurde, durchquerten sie einen Durchgang, oder einen Tunnel und Strawberry war damit beschäftigt, sie durch die engsten Stellen zu bugsieren. In der Mitte von Höhlen, dort wo der Geruch am Stärksten war und Strawberry immer wieder flüsterte, sie müssten leise sein, war es dagegen fast windstill. In einigen dieser Kavernen konnte sie durch ihre verklebten Lieder einen leichten Lichtschimmer erhaschen, der jedoch seltsam verfärbt wirkte.

Ihr brannten noch immer tausend Fragen auf den Lippen, aber durch die Mähne in ihrem Mund zur Stummheit verdammt, blieb ihr nichts anderes übrig, als sie für später aufzuheben. Wahrscheinlich war es ohnehin besser so, denn das geschäftig klingende Treiben der Formwandler kam ihr manchmal besorgniserregend nah vor, auch wenn sie sich anscheinend nur vor dem Schwirren von Flügeln zu fürchten brauchten.

Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, bis Licht und Lärm hinter ihnen zurückblieben und sie in dunklere, ruhiger Tunnel eintraten. Auf einen Fleck mit feinem, trockenen Sand hielt Strawberry an.

„Wir sollten hier eine kleine Rast einlegen. Wir sind weit genug vom Hauptstock entfernt. Hier sollten nur selten Prätorianer vorbeikommen." Sie verstummte kurz. „D-das sind die Patroullien, weißt du?", brachte sie zögerlich hervor, dann fuhr sie schnell fort: „Es ist nicht mehr sehr weit bis zu einem Ausgang. Er führt dich auf eine kleine Plateau auf halber Höhe des Hanges."

Rainbow spuckte ihre Schwanzmähne aus und ließ sich erschöpft auf den weichen Sand unter ihr plumpsen. Sie waren nicht weit gegangen, aber der lange Tag forderte seinen Tribut. Sie war ausgelaugt, sowohl körperlich als auch emotional. Die Blindheit, hier in dieser gefährlichen Umgebung, die Ungewissheit und die ständige Sorge, es könnte mehr als nur ein vorübergehender Zustand sein, nagte beständig an ihr. Ihr Körper und ihr Geist verlangten nach Schlaf, aber sie wusste, dass sie das beiden nicht gestatten konnte. Und die Angst hätte sie ohnehin wach gehalten.

Einige Minuten lag sie dort einfach und versuchte ihren schmerzenden Muskeln etwas Ruhe zu gönnen. Sie hörte, wie die andere Stute unruhig in ihrer Nähe auf und abging, mal zum einen Ende des Tunnels schritt, anhielt und wahrscheinlich angestrengt lauschte. Dann nahm sie ihren leichten Schritt wieder auf, ging zum anderen Ende und wiederholte alles.

„Strawberry?", fragte Rainbow.

Die Schritte hielten an. „J-Ja?", fragte die Stute ängstlich zurück.

„Hör auf damit. Du machst mich wahnsinnig." Sie rückte etwas bei Seite und tappte neben sich. „Setz dich einfach hin, ja?"

Strawberry zögerte noch kurz, dann trat sie näher.

Rainbow war erschöpft und fast ausschließlich mit sich selbst beschäftigt, aber ihre Ohren, durch die Stille und die Blindheit geschärft, nahmen dennoch einen kurzen, leisen Laut von der Stute vor ihr auf, ein seltsames... Rauschen. Es war nur ein kurzer Moment, aber das Geräusch klang fremd und verzerrt und irgendwie wie... Magie?

Aber das konnte nicht sein. Strawberry war ein Erdpony... hatte sie gesagt. Konnten ihre Ohren ihr einen Streich gespielt haben? Die Echos hier unten waren manchmal unberechenbar und seltsam.

Dann ließ die Stute sich neben sie fallen und ein leichter Geruch nach süßen Erdbeeren erfüllte die Luft. Rainbow spürte die Wärme des nahen Körpers auf ihrem Fell und stellte fest, das sie selbst fast bis auf die Knochen durchgefroren war. Die Luft hier unten war alles andere als warm und die Anstrengungen hatten ihre Energien erschöpft. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht näher zu rücken.

Sie erschreckte ein wenig bei dem Gedanken daran. Die Stute neben ihr war immer noch fremd und nicht ohne die eine oder andere Seltsamkeit. Aber wenn sie etwas Böses im Schilde führen sollte, konnte Rainbow sich nicht zusammenreimen, was es sein sollte. Sie hatte ihr bisher nur geholfen, hatte sie erfolgreich durch die Höhlen der Changelings geführt und wollte ihr sogar einen Ausweg zeigen. Wenn... wenn sie eine von... von Ihnen war, warum hatte sie sie dann nicht einfach ausgeliefert?

„Wie bist du hier her gekommen?", fragte Rainbow leise.

Strawberry holte einmal tief Luft und begann zu erzählen.

„Ich weiß es nicht genau. Das letzte woran ich mich klar erinnern kann, bevor ich hier gelandet bin, ist, das ich zusammen mit Bright Smile im Thronraum war und die Hochzeit zwischen Captain Shining Armor und Prinzessin Cadance stattfinden sollte. Dann wurde die Tür aufgerissen, und da war noch eine Prinzessin Cadance! Und dann verwandelte sich die eine in ein Monster und kämpfte gegen Celestia, aber die Sonnenregentin wurde zu Boden geschleudert und dann hat mich Smile mitgezogen und wir sind zusammen mit den anderen Ponys geflohen! Aber draußen waren noch mehr von diesen Dingern und sie stürzten vom Himmel herab, wie..." Sie rang nach Worten ohne sie zu finden. „Eines ging ganz in der Nähe von mir herunter. Der Aufschlag hat mich beiseite geschleudert und benommen gemacht. Smile hatte sich schützend über mich gestellt, aber sie feuerten grüne Strahlen auf ihn ab und plötzlich..." Ihre Stimme brach und sie schluckte schwer. „Plötzlich war er weg. Ich kämpfte mich zurück auf meine Hufe und versuchte ihn zu finden, aber er war nicht mehr da! Und als ich mich umdrehte, war da eines von diesen schwarzen Dinger, das mich mit seinen langen Zähnen angefaucht hat. Dann... wurde alles grün."

Die Stute schwieg einen Augenblick und Rainbow konnte ein verstecktes Schniefen hören.

„Ich kam erst wieder zu mir, als sie meinen Kokon aufschnitten. Ich weiß nicht, wie lange ich weg war, oder wie sie mich hierher gebracht haben. Seither... Seither bin ich hier. Sie kennen mich und lassen mich in Ruhe, wenn ich sie nicht störe. Ich habe ihnen schon alles gesagt, was sie hören wollten."

Rainbow schwieg noch einen Moment lang, nachdem die Stute geendet hatte. Sie hatte sehr genau aufgepasst, was Strawberry ihr erzählt hatte.

Und auch was sie mir nicht erzählt hat, dachte sie. Jetzt hast du mir auch alles erzählt, was ich hören wollte.

„Es ist gut, Strawberry, jetzt wird alles gut." redete sie beruhigend auf die Stute neben ihr ein. Ein natürlicher Reflex wollte ihren Huf über die Mähne des anderen Ponys streicheln lassen, aber sie beherrschte sich.

„Wie weit ist es noch bis zu diesem Plateau?", fragte sie schließlich.

„Es... es ist vielleicht noch eine gute Stunde zu Huf. Von dort kannst du unbehelligt ins Tal fliegen."

Rainbow wartete noch einen Moment lang, ob die Stute fortfahren würde, aber sie blieb stumm. Obwohl sie anders gehofft hatte, sie war nicht überrascht. Die Puzzleteile fielen an ihren Platz.

„Strawberry, hör mir jetzt gut zu: So lange ich noch bl... die Augen nicht öffnen kann, nützt mir das Plateau nichts. Ich kann so nicht fliegen. Du... du kennst dich hier aus. Gibt es..." Sie zögerte kurz. Sie wusste, das sie ihr Glück vielleicht überstrapazierte. Aber wenn sie richtig lag, war es eine Chance, die sie nicht links liegen lassen konnte.

„Gibt es vielleicht eine Möglichkeit... Irgendetwas, das... das mir helfen könnte?"

Strawberry blieb einige Sekunden still und Rainbow konnte den inneren Kampf fast fühlen, denn sie mit sich ausfocht. Schließlich seufzte sie leise.

„Ja, vielleicht gibt es eine Möglichkeit. Aber es ist sehr gefährlich und die Chance entdeckt zu werden ist sehr hoch. Es ist ein unkalkulierbares Risiko! Wenn sie dich... uns erwischen wären die Folgen nicht auszudenken! Bitte... ich will nicht, dass dir etwas passiert!"

Die Fassade bröckelt, bemerkte Rainbow zu sich im Stillem. Vielleicht sagt sie tatsächlich die Wahrheit.

Laut sagte sie: "Ich kann hier nicht weg, solange ich b-blind bin..." Na bitte, jetzt hatte sie es endlich laut ausgesprochen.

Strawberry zögerte noch immer. „Ich könnte dich zu einem Ausgang tiefer am Berg bringen..."

„Und was dann? Ich kann dann immer noch nicht sehen! Ich... ich bin dann immer noch unnützer Ballast!", Sie hob unbewusst ihre Stimme, als sie ihre Ängste laut aussprach.

Celestia, was bin ich, wenn ich nicht sehen, nicht fliegen kann?, fragte sie sich selbst. Der Gedanke kam ihr falsch vor, als wäre die Antwort darauf so klar, das selbst ein Fohlen es wissen müsste. Aber dennoch schwirrte er ihr unablässig im Kopf herum, füllte ihr ganzes Denken aus, seit sie in der Dunkelheit aufgewacht war.

Was bin ich dann noch?

Sie atmete wegen der Aufregung schnell. Das Geräusch hallte von den Tunnelwänden zurück und war lange das einzige, was sie hörte.

Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, antwortete Strawberry. Ihre Stimme hörte sich ängstlich und doch sehr, sehr müde an. „Halt dich an mir fest. Ich bringe dich hin."


Sie bemerkte, das sie ihrem Ziel näher kamen, als sich der Geruch nach Muskatnuss in der Luft verstärkte, bis er selbst das kühle Aroma des Steins und der Erde überlagerte. Das geschäftige Brummen vor ihnen war stetig angeschwollen und hallte nun von den sie umgebenden Wänden wider wie eine Kakophonie des Fremdartigen und Graueneregenden. Rainbow konnte vor ihrem geistigen Auge die Höhle vor ihnen fast sehen, wo im diffusen Halbdunkeln, erleuchtet nur von dem unheimlichen grünen Licht die schrecklich durchlöcherten Gestalten der Changelings mit summenden Flügeln in der Luft hingen, oder wie Insekten mit unnatürlichen Bewegungen über den Boden und die Wände krochen...

Einen Schlag lang setzte ihr Herz vor diesem Bild des Schreckens aus und sie fühlte ihren Mut sinken. Den Geräuschen nach mussten es dutzende dieser Monster sein, die sich hier aufhielten. Wie sollten sie es schaffen da unbemerkt vorbei zu schleichen?

„Es sind so viele...", wimmerte die Stute neben ihr. Ihrer Stimme nach musste sie regelrecht entsetzt sein. „Ich hatte gehofft... hatte gehofft das..." Sie brach ab.

„Wie viele siehst du?"

„Es sind... dreißig. Nein, zweiundreißig!"

Rainbow fühlte wie ihr Herz sank. Sie hatte gehofft, das sie Glück hatten und es vielleicht eine Möglichkeit gegeben hätte, sich irgendwie vorbei zuschleichen. Aber wenn so viele von diesen Dingern hier waren, schien es fast aussichtslos.

„Verdammt!", stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Ihre Augen hatten wieder begonnen zu schmerzen, wenn auch nur leicht. Aber das dumpfe Pochen hinter ihren Lidern machte sie fast wahnsinnig.

Denk nach! Denk nach!

Es war gefährlich. Die Chancen standen gut, das wenn sie jetzt nicht auf dem Hufe umkehrten gefasst wurden. Und wer konnte schon wissen, was mit ihnen beiden geschehen würde?

Aber sie konnte jetzt nicht aufgeben. Wenn es hier eine Möglichkeit gab, ihr das Augenlicht wieder zurückzugeben, dann musste sie sie ergreifen, koste es was es wolle. Sie konnte es einfach nicht ertragen auch nur einen Moment länger diesem grässlichen Horror ausgeliefert zu sein, diesem umherstolpern in der Dunkelheit, in ewiger Nacht, während die Monster umher lauerten...

Wieder fühlte sie das Gefühl blinder Panik in sich aufsteigen, wie eine weiße, tosende Flut, die drohte sie davon zu spülen. Allein die Vorstellung, wie nahe die Changelings waren, ohne das sie sie sehen konnte, ohne das sie sich wehren konnte, wenn sie sie fanden...

Weiße Zähne, die im Sternenlicht funkelten. Ein reißendes Maul, bereit, sie zu packen und zu zerfetzen, Fleisch und Knochen zu zerbeißen...

Es war die selbe, blinde Panik, die sie in Ponyville verspürt hatte, als sie mit der Alphawölfin kämpfte. Es war nicht ihr erster Kampf gewesen, aber der erste, bei dem es für sie wirklich um Leben und Tod gegangen war. Die scharfen Fänge des Schattenwolfes hatten in ihre eine Urangst erweckt, ein so tiefes Entsetzen, wie sie es sich bis dort hin nicht einmal hatte vorstellen können. Sie war so wahnsinnig vor Angst gewesen, so außer sich vor Furcht, dass sie dachte, ihr Herz müsse in ihrer Brust hatte keinen klaren Gedanken fassen können.

Sie war reiner Instinkt geworden – Ausweichen, Zuschlagen, wegducken, Tritt, Schlag, Sprung zurück. Keiner von ihnen, weder die Wölfin, noch sie selbst, konnten aufhören, bevor nicht einer...

Sie wimmerte leise. Sie hatte Kraft daraus gezogen, dass sie es irgendwie geschafft hatte, dieses Monster zu besiegen, das sie stark genug gewesen war, den Sieg davon zu tragen, so bitter dieser auch gewesen war. Es war dieser Sieg gewesen, der ihr Selbstbewusstsein beisammen gehalten hatte, damit sie nicht unter dem Grauen zermalmt worden war. Sie hatte sich gefürchtet, sie war entsetzt gewesen, aber sie hatte sich wehren können. Sie war immer noch stark gewesen.

Aber jetzt? Wie sollte sie stark sein, wie sollte sie sich wehren können, wenn sie noch nicht einmal sehen konnte?

„Alles in Ordnung mit dir?", fragte Strawberry besorgt.

Rainbow schlug den Huf weg, den die Stute mitfühlend auf ihre Schulter gelegt hatte.

„Rühr mich nicht an!" Sie hatte gerade noch genug ihres Verstandes zusammen, um ihre Stimme leise zu halten, aber ihr scharfer Ton klang dennoch durch. Sie begegnete ihrer Angst auf die einzige Art, die ihr noch übrig blieb: mit Wut. Sie wusste, tief in ihrem Verstand, dass dies weder eine gute Idee noch der richtige Ort dafür war, aber die Gefühle in ihr kochten mühelos über und brachen sich ihre Bahn.

Sie konnte die Stute nicht sehen, aber sie wusste, wo sie stand. Rainbow ging drohend auf sie zu und drängte sie in die Ecke. Zumindest hoffte sie, das es da eine Ecke gab. Letztlich war es ihr egal.

„Erzähl mir nichts! Ich habe genug... genug von deinen Lügen, genug davon mich von dir an der Schnauze herum führen zu lassen! Ich weiß es! Ich weiß es, Strawberry, oder wie immer du heißen magst!" Sie wollte schreien, schreien, bis ihre Stimmbänder versagten, wollte all die Angst in sich nehmen und sie so laut herausbrüllen, das der Berg selbst erzittern würde. Aber sie bleib leise und legte dafür alles in ihre Worte, bis jeder Satz vor Zorn nur so troff. „Ich kenne dein ´Geheimnis´. Du bist kein Erdpony aus Canterlot, du bist noch nicht einmal ein Pony! Du bist eines... eines dieser Monster! Du bist eines dieser verdammten Wechselbälger, dieser widerwärtigen Kreaturen, die hier wie die Käfer in den Höhlen herumkriechen! Du hast nicht ein einziges Mal gefragt, wie die Schlacht um Canterlot ausgegangen ist! Du hast mich niemals gefragt, ob die Ponys den Sieg davon getragen haben. Warum auch? Du weißt es schließlich schon. Denn du bist einer der Abscheulichkeiten, die wir an diesem Tag davongejagt haben. Du hast immer davon gesprochen, dass du mir helfen willst, von hier zu fliehen, aber wenn du hier eine Gefangene wärst, warum willst du nur mir die Flucht ermöglichen? Ich habe dich durchschaut. Ich weiß nicht, welchen hinterhältigen Plan du verfolgst, ob du mich vielleicht nur für dich alleine haben willst, damit du dich an mir... sattsaugen kannst."

Hör auf!, mahnte eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf. Hör auf! Das meinst du noch nicht einmal so. Du weißt, das sie ein Changeling ist, aber sie hat dich nicht verraten.

Aber Rainbow war noch nicht fertig.

„All diese Lügen, diese hübsche kleine Geschichte die du mir aufgetischt hast. Wie herzzereißend! Bright Smile, wie? Gibt es ihn überhaupt? Oder war er tatsächlich dein Opfer? Hast du in ausgesaugt und dich an ihm gütlich getan?" Ihre nächsten Wort waren angefüllt von unendlichem Ekel: „Hat es dir geschmeckt?"

Heftig schnaufend stand Sie da, die Flügel weit gespreizt und den Kopf gesenkt, so als wolle sie sich auf die Fremde stürzen. Einen Moment lang hielt sie diese Pose noch aufrecht, dann sackte sie zusammen auf ihre Hinterbeine. Ihre Wut war verflogen, hatte zusammen mit jedem giftigen Wort ihren Körper verlassen und nur noch kalte Asche hinterlassen. Langsam sickerte in ihr Bewusstsein, was sie dem einzigen Lebewesen, das ihr hier helfen konnte, gerade an den Kopf geschmettert hatte. Verzweiflung schlug über ihr zusammen.

Jetzt habe ich es geschafft. Ich habe die einzige Hoffnung zerstört hier herauszukommen. Die einzige Hoffnung wieder sehen zu können. Dumm, Rainbow. Dumm, dumm, dumm.

Sie saß zerschlagen auf ihren Hinterläufen und wartete darauf, dass der Changeling den Alarm ausrief, um sie auszuliefern.

Statt dessen, zu ihrer eigenen Überraschung, hörte sie leises Schluchzen.

Einen Moment lang war sie zu verwirrt, um zu reagieren. Dann tastet sie sich langsam nach vorne, bis ihr Huf die warme Mähne eines Ponys ertastete. Die Gestaltwandlerin wich vor ihr zurück und der Pegasus hörte, wie sie in ihren Vorderlauf weinte. Zuerst zögerte sie, dann ging sie einen weiteren Schritt vor und ließ dort nieder, wo sie die Flanke der Fremden vermutete. Wieder zögerte sie einen Moment lang, dann breitete sie ihren Flügel über den Rücken der Stute aus. Strawberry, oder wie immer sie heißen mochte, zuckte kurz zusammen, ließ es aber über sich ergehen. So saßen sie einige Zeit nebeneinander, still bis auf das Schluchzen der Changeling.

„Es... es war nicht alles gelogen.", brachte sie schließlich hervor.

Rainbow schüttelte langsam ihren Kopf. Nein, wahrscheinlich war es das nicht. Sie hatte ein Ventil gesucht, um ihre aufgestaute Angst, die sie in Wut umgewandelt hatte, loszuwerden. Es war aus ihr heraus gebrochen, wie eine unaufhaltsame, rote Flut, wie ein zersetzendes Gift, dem sie sich endlich entledigt hatte. Sie schämte sich wegen ihres Ausbruchs, auch wenn es ihr jetzt ein wenig besser ging. Sie wusste, das sie einen Fehler gemacht hatte. Und so sehr sie die Wechselbälger auch verachtete, diese Scham war es, die sie jetzt dieses... Ding neben ihr trösten ließ.

„Bright Smile war... ist..." Ein weiteres leises Schluchzen ertönte. „Er war immer... so gut zu mir. Und... und es hat soviel Spaß gemacht sich mit ihm zu unterhalten. Ich hoffe einfach nur, das es ihm gut geht. Ich weiß nicht... weiß nicht, was es ist... was es ist, das man... das ihr..." Sie schmiegte sich hilfesuchend an den Hals von Rainbow, suchte Trost in der Nähe zu einem anderen, lebenden Wesen.

Rainbow wusste sich nicht anders zu helfen, als ihr sanft über den Kopf zu streicheln. „Shh, es ist alles gut. Ich bin mir sicher, das es Smile gut geht." Sie horchte kurz auf. Das seltsame Krächzen des Schwarms war laut in der Höhle und überdeckte ihre geflüsterte Konversation. „Wenn wir hier sicher sind, dann erzähl es mir."

Die Stute an ihrer Seite erstarrte für einen Augenblick, dann rückte sie ein Stück ab.

„Es interessiert dich gar nicht!", sagte sie traurig. „Für... für dich bin ich nur ein Monster! Du hast es selbst gesagt. Ich bin widerlich in deinen Augen! Eine Abscheulichkeit!"

Die Pegasusstute zögerte einen Moment lang. Wie sollte sie dem begegnen? Sie hatte aus Wut und Furcht schreckliche Dinge gesagt, aber diese war nicht einfach aus heißer Luft entstanden. Sie hasste die Changelings, verabscheute sie aus dem tiefsten Inneren ihrer Seele. Alles an ihnen war falsch und dunkel und böse.

Aber hier lag sie, hatte ihren Flügel sorgsam über einer dieser Geschöpfe ausgebreitet und versuchte sie zu trösten. Und zu ihrem eigenen Erschrecken stellte sie fest, das es nicht purer Eigennutz war, der sie dazu trieb. Sie wollte ihr Augenlicht wieder erlangen, sie wollte von diesem furchterregenden Ort fliehen und der Wechselbalg an ihrer Seite war ihre einzige Möglichkeit dazu. Aber seltsamerweise berührte diese Notwendigkeiten sie im Moment nur wenig. Alles was sie fühlte, war ein Lebewesen, das Leid empfand, das Angst hatte und dringend jemanden brauchte, der ihr zuhörte und der sie in eine warme Umarmung nahm. Und auch wenn sie normalerweise nicht diejenige war, zu der man deswegen kam, konnte sie sich im Augenblick sehr gut in sie hinein fühlen.

Sie versuchte sich selbst daran zu erinnern, dass das weiche Fell, das sie spürte nur eine Illusion war, ein Trick, ein Zauber, um Vertrauen zu erhaschen, nur um dann verraten zu werden. Das es kein Pony war, das sie an ihrer Seite fühlte, sondern ein fremdartiges, undurchschaubares Ding, mit unberechenbaren Motiven und gänzlich andersartigen Bedürfnissen als sie selbst.

Aber es gelang ihr nicht. Alles was sie wahrnahm, war ein Lebewesen, das verloren war, so verloren wie sie selbst.

„Es tut mir leid, was ich gesagt habe. Es war nicht so gemeint. Ich..." Sie stieß einen unterdrückten Laut der Frustration aus. „Ich bin nicht so gut darin mich zu entschuldigen. Du hast mich angelogen und ich... ich habe furchtbare Dinge zu dir gesagt. Dinge... die ich nicht so gemeint habe. Können wir nicht einfach... quitt sein?" fragte sie hoffnungsvoll.

Wieder dauerte es einen Augenblick, dann hörte sie ein leises Kichern, das durch das Schniefen an ihrer Seite drang. Es war seltsam diesen Laut hier zu hören.

„Also gut. Wir sind... quit." Strawberry verstummte einen Augenblick. „Für ein Pony bist du bist wirklich furchtbar darin dich zu entschuldigen."

Rainbow schüttelte leicht ihren Kopf und bemerkte, wie sich ein Lächeln auf ihre Lippen stahl. Es war ein schönes Gefühl. „Und für einen Changeling bist du eine wirklich schlechte Lügnerin."

„Ja" Die Stute neben ihr rückte wieder etwas zu ihr, um es ihnen beiden bequemer zu machen. „Ich glaube es liegt einfach daran, dass ich nicht mehr mit ganzem Herzen dabei bin." Sie verstummte kurz, so als würde sie horchen. Rainbows gesteigerten Sinne nahmen war, wie sie sich unter ihrem Flügel versteifte.

„Sind wir hier sicher?", fragte sie atemlos.

Es dauerte einige Sekunden, bis Strawberry antwortete. „Ja, im Moment noch. Sie sind zu beschäftigt sich um die Larven zu kümmern."

Die Pegasusstute unterdrückte eine leichtes Schaudern, als sie das Wort ´Larven´ hörte. Es rief unwillkommene Bilder von feuchten, glitschigen Dingen in ihr hervor, die nur das Fremde an der Stute neben ihr zurück in ihr Gedächtnis riefen.

„Es war nicht alles gelogen, weißt du?", wiederholte Strawberry schüchtern.

Rainbow verdrängte die Gedanken an spinnenartige Kokons und pulsierende Raupen aus ihrem Kopf. „Erzähl mir davon.", sagte sie leise.

Und so, zusammengekauerte in einem dunklen Winkel der Zuchtkammern, während das Summen und Zischen der Wöchnerinnen von den Wänden um sie widerhallte, erzählte der Wechselbalg, den sie als Strawberry kennengelernt hatte, ihre Geschichte.

„Ich bin nach Canterlot geschickt worden, um zusammen mit den anderen meines Volkes den Palast der Celestia zu unterwandern, bevor die Königin selbst ihren Zug machen wollte. Unsere Aufgabe war es Informationen sammeln, so viele wir konnten. Ich sollte mich dem königlichen Zahnarzt Bright Smile nähern, in sein Umfeld eindringen und sein Vertrauen gewinnen. Ich legte mir eine Deckidentität als Philosophiestudentin zu und begann Smile zu beobachten. Er... es alles... es war so neu für mich und so faszinieren!" Ihre Stimme klang nun aufgeregt und sogar ein wenig fröhlich. „All diese Ponys und jedes davon sah anders aus, benahm sich anders, hörte sich anders an! Es war wundervoll, durch die Straßen der Stadt zu gehen, all diese neuen Farben und Gesichter zu sehen! Und er... er..." Sie verlor sich einen Moment lang in Erinnerung, dann fuhr sie leise fort. „Er war so alleine. Ich sah ihn jeden Morgen, wie er zur Arbeit in den Palast ging, wie er jeden Tag seinen Kaffee immer an dem selben Stand kaufte und am Abend ein kleines Stück Gebäck für den Weg nach Hause. Wenn er dort ankam, blieb seine Kerze bis spät brennen, wenn er sich in seinem großen Haus... versteckte. Ja, es schien mir von Anfang an, als würde er sich verstecken. Um ihn herum summte die Stadt vor lachenden Ponys und fröhlichen Gesichtern, aber ich sah ihn selten ein Wort mit jemanden wechseln. Er war nicht traurig, glaube ich. Auch er lächelte, aber es schien mir, als täte er es mehr aus Gewohnheit, als aus echter Freude. Ich glaube, er lächelte, weil es von ihm erwartet wurde. Und weil er niemanden Sorgen machen wollte, weil er nicht lächelte. Er sagte einmal zu mir, das andere Ponys glücklich sein mussten um zu leben. Er müsse das nicht. Das klingt seltsam, nicht war?" Sie schwieg einen Moment lang, so als würde sie auf eine Antwort warten, fuhr dann aber wieder fort. „Er tat mir irgendwie leid... es war seltsam, dieses Gefühl. Er sollte ein Ziel sein, ein Mittel zum Zweck, aber je mehr ich von ihm erfuhr, je mehr ich ihn kennen lernte, umso mehr... umso mehr wuchs dieses Gefühl in mir. Ich gab am Anfang nicht viel darauf und versuchte es zu unterdrücken. Gemäß dem Plan inszenierte ich einige Begegnungen mit ihm. Ich verschaffte mir einen Job bei dem Stand, wo er seinen Kaffee kaufte und begann mit ihm... naja, zu flirten."

Rainbow konnte fast schon fühlen, wie die Stute neben ihr errötete. Wenn nichts sonst, war es genau diese Reaktion, die vieles ihres restlichen Misstrauens verschwinden ließ.

„Er war am Anfang sehr überrascht und... misstrauisch. Ich dachte schon, das er niemals den Mut aufbringen würde, mich zu fragen. Ich musste etwas... nachhelfen."

Rainbow horchte auf. „Hast du ihn bezaubert?

„Wa...was?", Strawberry´s Stimme klang ernsthaft überrascht. „Nein! Das können Drohnen nicht! So hohe Geistesmagie kann nur eine Königin! Ich musste mir... etwas einfallen lassen. Ich verschüttete ´aus Versehen´ einen Kaffee über ihn und verbrühte ihn etwas. Und dann... dann..." Sie brach wieder ab.

Rainbow wartet einen Augenblick lang, dann fragte sie neugierig nach: „Was dann?"

Strawberry antwortete nicht sofort. Der Pegasus spürte, wie sie sich unter ihrem Flügel etwas bewegte. Hatte sie... die Vorderläufe vor ihre Augen geschlagen?

„Ohhh, das ist so peinlich! Es tut mir so leid, das ich ihm so übel mitgespielt habe. Hätte ich... hätte ich nur gewusst dass... wie er ist und was später... Ahhh!" Sie seufzte tief. „Es tut mir einfach nur leid. Leid, das ich nicht ehrlich zu ihm war. Ich habe einen Tränenausbruch gespielt, habe mich zusammengerollt und geschluchzt, als währe das Firmament selbst über mir zusammengebrochen. Ich habe gesagt, dass ich nichts richtig machen konnte, dass ich jetzt auch diese Stelle verlieren würde, auch wenn ich sie nicht mochte und dass das einzige Pony, was meinen Tag erträglich gemacht hatte, mich jetzt bestimmt hassen würde. Es war so melodramatisch! Ich... ich schäme mich dafür. Es war weder guter Stil, noch fair ihm gegenüber. Er sah aus, als wolle er einfach auf der Stelle im Boden versinken, hilflos und verwirrt, ohne die geringste Ahnung, wie er darauf reagieren sollte. Und ich lag da am Boden und habe nur gedacht: Komm schon du verdammter Idiot, mach was! Und dann hat er etwas gemacht und es war so schön und so mutig und... und... und..." Strawberry begann wieder zu schluchzen und alles, was sie noch sagen wollte ging darin unter.

Rainbow bleib nichts anders übrig, als ruhig neben ihr zu liegen und ihr sanft mit dem Flügel über den Rücken zu streicheln, bis sie sich wieder gefangen hatte. Während der ganzen Zeit, da sie sich in Schluchzen und unterdrückten Tränen ergab, flüsterte die Changeling ein leises „Bitte sei okay. Bitte sei okay. Bitte sei okay." vor sich hin.

Schließlich fasste sich die Pegasusstute ein Herz und fragte: „Was hat er gemacht?"

Strawberry schniefte noch einige Mal, bevor sie fortfuhr. „Er hat mir aufgeholfen. Er hat den Staub von meiner Uniform geklopft und dann... dann hat er mich angelächelt. Das erste, wirkliche, echte Lächeln, das ich bei ihm gesehen habe! Es war so... so schön. Er lächelt für mich, nur für mich, damit es mir besser ging und damit ich meine Sorgen vergessen könnte. Und dann sagte er, das es seine Schuld gewesen sei und das es ihm Leid tat und ob er es mit einem Essen wieder gut machen könne. Ich hätte mich freuen sollen, das mein Plan aufgegangen war, aber alles, woran ich denken konnte, war dieses Lächeln auf seinem Gesicht, selbst als er schon lange gegangen war!" Sie atmete heftig, so sehr regte sie die alleinige Erinnerung daran auf. „Der Abend war einfach wundervoll. Wir saßen auf der Terrasse des Restaurants und sahen uns den Sonnenuntergang an. Er scherzte und lachte viel und ich dachte mir noch, wie sehr ich mich doch in ihm getäuscht hätte. Aber nach einer Flasche Wein, die wir zusammen getrunken hatten, wurde er leiser und ich erkannte, dass er das nur für mich getan hatte. Er war... ist ein stilles Pony, in sich gekehrt und schüchtern. Aber für diesen Abend hat er sich... überwunden, hat sich geöffnet, damit es mir Spaß machen würde."

Sie beiden schwiegen eine Weile, bis Rainbow fragte: „Wie ging es weiter?"

„Ich... ich war neugierig, wie die Ponys sind, wenn man sie näher kennen lernt. Aber ich hatte auch Angst. Angst entdeckt zu werden. Angst aus der Rolle zu fallen. Aber auch Angst davor wie es war einem von ihnen... nahe zu sein. So sehr ich mich auch verstellte, er muss diese Angst in mir gefühlt haben. Er konnte natürlich nicht wissen, woher sie stammte, aber ich glaube er sah darin etwas... Vertrautes. Etwas, das seine eigene Seltsamkeit widerspiegelte. Das war es, womit ich letztlich sein Vertrauen erlangte. Wir waren beide anders. Aber mit jedem Atemzug, mit jeder kleinen Geste, mit jedem Lächeln und jeder... Zärtlichkeit versuchte er alles, um mir diese Angst zu nehmen. Er spürte diese Angst in mir, eine Angst, die er gut kannte und an sich selbst nicht mochte. Und er tat alles, opferte sich auf, damit ich sie vergessen konnte, wenn ich bei ihm war. Wie sollte ich da nicht... wie konnte ich nicht..." Sie rang verzweifelt um die richtigen Worte.

„Mich in ihn verlieben?", half Rainbow aus.

„Ja!", stieß die Stute hervor, nur um sofort abzubrechen, als hätte sie etwas Verbotenes gesagt.

„Ja.", sagte sie noch einmal, leiser diesmal und wie zu sich selbst. „Ja, ich liebe ihn. Und das ist die Wahrheit."

„Ist es deswegen, dass du mir helfen willst?"

Der Wechselbalg zögerte einen Moment lang. „Ja. Ich muss wissen, was aus ihm geworden ist. Ob es... ob es ihm gut geht. Ich kann an nichts anderes mehr denken. Wenn der Krieg in unsere Höhlen kommt und uns verschlingt, dann will ich wenigstens wissen, dass er in Sicherheit und wohl auf ist."

Rainbow horchte auf. Was zum... „Krieg? Was für ein Krieg? Wir haben euch besiegt! Equestria mag zwar auf der Hut sein, aber es führt keinen Krieg gegen die Changelings!"

Strawberry´s Stimme klang verwirrt. „Wer redet von Equestria? Die alten Stämme sind es, die gegen uns in Feld ziehen!"

„Was denn für alte Stämme?"

„Aber ich dachte... weißt du nicht..."

Rainbow hob einen Huf und gebot der Stute Einhalt. „Langsam, langsam. Erzähl es mir von Anfang an."

Strawberry atmete tief durch, dann fuhr sie fort.

„Nach der Schlacht um Canterlot wurden wir in alle Winde zerstreut. Es dauerte Wochen, bis die Königin genug von uns gefunden hatte, um einen Stock zu errichten. Unsere Lage war von Anfang an... verzweifelt. Wir suchten in den Höhlen hier Zuflucht und versuchten ein Nest zu gründen, aber von den Wenigen, die wir retten konnten, verschwanden immer mehr. Die Prätorianer berichteten von einem Ding aus Stein und Kristall, das unter diesem Berg lebte und Jagd auf alles machte, das Licht in die Tunnel brachte. Gerade unsere Larvenbecken und die Ammen waren immer wieder Ziel seiner Angriffe. Dieses Ding schien unaufhaltsam, unauffindbar. Es heißt, es konnte sich durch massiven Fels bewegen wie durch Wasser.

Es waren nicht mehr viele von uns übrig, als es der Königin endlich gelang Es mit ihrer Leibgarde zu stellen. Ich war nicht dabei, aber ich habe... ich habe die Schreie und den Lärm gehört. Es muss ein furchtbarer Kampf gewesen sein."

Strawberry versank für einen Moment in Schweigen. Dann fuhr sie langsam fort. „Es heißt, Königin Chrysalis selbst sei schwer verletzt worden, als sie gegen das Monster kämpfte. Seit dem ist der Stock praktisch führerlos. Wir gehen unseren täglichen Arbeiten nach, bewachen das Nest, ziehen die Larven groß und schwärmen aus um... Nahrung zu finden. Aber all das geschieht ohne Plan, ohne Führung. Wahrscheinlich konnten uns die Stämme deshalb so leicht entdecken."

Sie seufzte schwer. „Sie sind so anders als die Ponys in Euqestria. Wir kannten ihre Kultur nicht, deshalb konnten wir uns auch nicht darauf vorbereiten. Zuerst dachten wir, wir hätten es einfach. Kleine isolierte Siedlungen, in denen wir schnell die Schlüsselpositionen übernehmen könnten. Aber gerade ihre kleinen Gemeinschaften machen es so schwierig sie zu Infiltrieren. Man kann sich nicht einfach als ein neues Pony ausgeben oder ein Mitglied des Stammes zu entführen und seinen Platz einzunehmen. Die Stämme haben ein so eng gestricktes Sozialgefüge das kleine Ungereimtheiten schnell auffallen. Und es dauerte nicht lange, bis die ersten von uns enttarnt wurden. Zuerst gaben wir uns der Hoffnung hin, das wir die Zwischenfälle isolieren könnten, aber die Kommunikation zwischen den einzelnen Stämmen funktionierte schneller als wir dachten. In Windeseile hatte sich die Kunde von uns ´Wechselbälgern´ verbreitet. Die eingeborenen Ponys organisierten sich, sie führten Codewörter ein und seltsame Erkennungszeichen, die wir nicht entschlüsseln konnten, da sie auf persönlicher Erfahrung oder alten Sagen und Legenden beruhten. Und unsere Königin konnte uns nicht helfen!" Strawberry´s Stimme hatte einen verzweifelten Ton angenommen.

„Faktisch werden wir hier belagert. Soweit ich weiß, hält irgendein Aberglaube oder die Furcht vor dem Monster die Stämme davon ab, uns hier einfach zu überrennen. Aber ich glaube nicht, das sie das lange zurückhalten wird."

Sie stockte und als sie fortfuhr, bebte ihre Stimme vor Furcht. „Sie versammeln sich. Wir können in der Nacht ihre Feuer unter uns sehen und hören ihre Stimmen, wenn der Wind richtig steht. Sie sind nicht wie die Ponys in Equestira. Wenn sie bereit sind, dann werden sie kommen. Und uns alle... auslöschen."

Sie fing an leise zu schluchzen und lehnte sich hilfesuchend an die Seite des Pegasus. Rainbow spürte, wie sie zitterte.

„Ich habe Angst. Ich habe Angst um mein Nest, meine Brüdern und Schwestern, um meine Königin. Und ich... ich habe Angst zu sterben, Rainbow. Ich habe Angst zu sterben, ohne ihn wiedergesehen zu haben."

Sie saßen eine ganze Weile dort in der Dunkelheit, während die Strawberry´s Tränen in Rainbows Fell tropften und sie die Stute sanft mit ihrem Flügel zu besänftigen versuchte.

Es ist schon seltsam, dachte die Pegasusstute. Hätte ihr noch gestern jemand gesagt, dass sie einmal einen Changeling unter ihrem Flügel trösten würde, dass sie sich mit ihm unterhalten und ihm wirklich zuhören würde, dass sie seiner Geschichte von Leid und Furcht lauschen und sie mit jedem Wort glauben würde, obwohl sie wusste, was oder wer da neben ihr lag und das sie echtes Mitleid empfinden würde... sie hätte denjenigen ausgelacht. Sehr laut und sehr lange. Und damit nicht genug. Hätte das prophezeiende Pony noch eines drauf gesetzt und verraten, dass sie bereit sein würde, alles zu riskieren, um den Monstern, den Verrätern, den Wechselbälgern zu helfen, währe es nicht allein beim Lachen geblieben. Aber das war genau das, was sie im Begriff war zu tun.

Sie legte ihren Flügel an und stand auf. „Komm, Strawberry. Lass uns gehen."

Das Schluchzen verstummte und wich einem ungläubigen Schniefen. „Was? Aber wohin?"

„Führ mich nach draußen. Wenn diese Stammesponys versuchen euch auszulöschen, müssen ich und meine Freundinnen etwas dagegen unternehmen."

„Heißt... heißt das du glaubst mir?", fragte die Stute neben ihr überrascht.

„Ich habe viele Gründe es nicht zu tun.", antwortete Rainbow streng. Dann wurde ihre Stimme weicher. „ Aber ich glaube dir. Und das ist mir genug."

Es war einen Moment still zwischen ihnen beiden, dann wurde die Pegasusstute fast zu Boden gerissen, als ihr ein überglücklicher Changeling um den Hals fiel.

„Danke, danke, danke! Ich kann gar nicht glauben, das du uns helfen willst, nach alle dem was passiert ist!"

„Schon gut, schon gut.", kicherte Rainbow und schob die Stute von sich herunter, als diese ihr überschwenglich einen Kuss auf die Wange drückte. Plötzlich erstarrte Strawberry.

„Aber du kannst doch noch immer nicht sehen!"

Die Pegasusstute schüttelte langsam ihren Kopf. „Das... ist jetzt nicht wichtig. Es kostete sie Überwindung, das zu sagen. „Wir können uns es nicht leisten, jetzt gefasst zu werden. Ich werde einen Blindflug versuchen. Meine Freundinnen werden den Regenbogen erkennen, wenn sie ihn sehen. Wir haben einen... ein Pony dabei, dass sich mit Medizin auskennt. Er wird mir schon helfen können." Zumindest hoffte sie das.

Strawberry zögerte.

„Nein.", brachte sie schließlich hervor.

„Was, ´Nein´?", fragte Rainbow überrascht.

„Nein, das... das ist zu gefährlich für dich. Du musst deinen Freundinnen finden. Damit ihr... ich... es gibt sonst keine Hoffnung mehr für uns."

Rainbow horchte auf. „Was hast du vor?", fragte sie alarmiert. Als die Stute nicht antworte wendete sie ihren Kopf suchend von einer Seite auf die andere. „Wo bist du?"

„Es ist zu wichtig, verstehst du?" Ihre Stimme klang weiter entfernt als vorher.

„Strawberry, wo willst du hin?" Ein Summen erscholl in der Luft vor ihr.

„Geh deiner Nase nach. Es ist dort, wo der Geruch am Stärksten ist. Lass dich einfach hineinfallen. Und dann... dann folge dem Wasser! Ja, das Wasser wird dich hinausführen!"

„Nein! Strawberry, komm zurück! Du musst das nicht tun!", rief Rainbow so laut sie es wagte.

Das Summen kam wieder näher.

„Sag ihm, dass es mir Leid tut, wenn du ihn findest."

„Nein!", diesmal war es ihr egal, ob die anderen Changelinge in der Höhle sie hörten. Sie rief so laut sie konnte. Aber eine andere Stimme übertöne sie.

„Hey, ihr Möchtegernponys! Möchtet ihr gerne wissen, was ich von euch halte? Hier, schön aufgepasst!" Es war ihre Stimme, Rainbows Stimme, in einer perfekten Imitation ihres üblichen, sorglos herausfordernden Tonfall, der durch die Höhle hallte. Das ständige Hintergrundsummen explodierte geradezu, als die Wechselbälger auf die vermeintliche Bedrohung reagierten.

„Ha! Fangt mich doch, wenn ihr könnt!"

„Nein!", rief Rainbow noch einmal, aber es ging im wütenden Gebrumm des Nestes unter.

Wütenden, fremdartige Stimmen wirbelten durch die Höhle wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm. Das Brummen war so intensiv, dass es von dem Stein unter ihren Hufen fühlen konnte. Und aus der Ferne antworteten noch weit bedrohlichere Laute.

„Nein.", flüsterte sie leise, wissend das es zwecklos war Strawberry zurück zurufen. Die fremde Stute hatte sich entschieden. Rainbow wusste nicht, was die Changeling erwartete, wenn sie erwischt werden würde. Vielleicht konnte sie es als Scherz abtun, als einen einfachen Streich und sie würden nicht zu hart mit ihr ins Gericht gehen...

Rainbow schüttelte langsam ihren Kopf. Nein, das war unwahrscheinlich. Nach dem, was Strawberry ihr berichtet hatte - und zweifelte an keinem ihrer Worte mehr – war das Nest sicherlich alles andere als empfänglich für solche Ausflüchte. Die Changelings mussten verzweifelt sein. Und sie würde die Abtrünnige die ganze Wucht dieser Verzweiflung spüren lassen, wenn sie ihrer habhaft werden konnten.

Ihr dämmerte, was dieser Wechselbalg, dieses Wesen, das nicht einmal ihrer Rasse angehörte, das sogar noch fremdartiger war als Greifen, die nicht davor zurückschreckten Fleisch zu essen (Wenigstens hatte Gilda davon abgesehen ES in ihrer Anwesenheit zu tun), von der sie vor wenigen Stunden noch als Monster gedacht hatte, für sie riskierte. Es mochte vielleicht nicht ganz selbstlos sein, schließlich hatte Rainbow versprochen ihr möglichstes zu tun, diesen Krieg, der die Changelinge nur in die Vernichtung führen konnte, zu verhindern. Aber wenn man bedachte, wie überstürzt sich die Stute deshalb für sie in die Bresche geworfen hatte... sie hatte alle vorher so sorgfältig gehütete Vorsicht fahren lassen und war der Gefahr direkt ins Gesicht gesprungen. Nur damit dieses Pony, das sie so verachtete hatte, vielleicht den Lauf der Dinge anhalten konnte. Nur auf ein Wort hin, auf ein Versprechen, das ein reines Lippenbekenntnis sein konnte...

„Nein.", sagte sie noch einmal, doch diesmal entschlossen. Es war kein Lippenbekenntnis gewesen. Sie war entschlossen gewesen, diesen Wahnsinn zu beenden, koste es, was es wolle. Und die Zuversicht dieser Fremden in sie hatte sie nur darin bestärkt. Sie hatte aus Überzeugung gesprochen, aber jetzt schuldete sie es Strawberry.

„Zu langsam! Viel zu langsam!", erscholl ein herausfordernder Ruf in der Höhle. Er hörte sich hohl und entfernt an, so als würde er aus einem Tunnel dringen, auch wenn die unberechenbaren Echos in der Höhle die genaue Quelle schwer auszumachen ließen. Das Brummen entfernte sich langsam. Rainbow hob ihren Kopf.

Strawberry hatte alles auf eine Karte gesetzt, um ihr diese Chance zu verschaffen. Sie würde sie nicht ungenützt verstreichen lassen.

Langsam, vorsichtig einen Huf vor den anderen setzend suchte sie sich einen Weg hinab in die Tiefen der Höhle hinab. Und folgte ihrer Nase hin zur Quelle des Geruchs nach Muskatnuss.

Rauer Stein unter ihren Hufen. Sie setzte ihre Läufe so sanft wie möglich auf, um keine verräterischen Geräusche zu produzieren. Das Summen des Schwarms drang nur noch als entferntes Echo an ihr Ohr, aber sie konnte nicht mit Sicherheit wissen, ob nicht doch noch einige einsame Wächter zurückgeblieben waren. Es blieb ihr nur zu hoffen, dass das Nest wirklich so unterbesetzt war, wie Strawberry gesagt hatte und alle Changelinge in der Höhle der Ablenkung auf den Leim gegangen waren. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie sie es blind mit einem wilden, aufgebrachten Changeling aufnehmen sollte.

Der Stein wurde feuchter und sie musste Acht geben, das sie nicht ausrutschte. Sie konnte das leise Plätschern eines Rinnsals hören, das sich in ihrer Nähe befand. Es musste nach unten fließen und damit zum Grund der Höhle. Sie ließ sich von dem Geräusch leiten und folgte ihm.

Jetzt, da die Geräuschkulisse des Schwarms in weite Ferne gerückt war, nahm sie auch andere Laute in der Höhle war. Das Plätschern vor ihr war nicht das einzige, das durch die Höhle hallte. Weiter entfernt von ihr hörte sie das beständige, leise Rieseln von Wasser, das über Stein floss. Und vor ihr, dort woher der Geruch kam, vernahm sie hin und wieder ein leise Blubbern und ein gelegentliches Platschen, wie von kleinen Fischen, die in einem Teich nach Fliegen schnappten.

Der Grund unter ihren Hufen wurde zu feinem Sand, durch den Wasser ran.

Der Geruch war nun so stark wie nie zuvor, füllte ihre Nüstern aus und wirkte in seiner Intensität fast betäubend auf sie. Er war nicht unangenehm, sondern nur fremd und eigenartig. Sie schmeckte Nuancen von Zimt und Zitronengrass in der Luft, die ihr vorher nicht aufgefallen waren. Und durch ihre zusammengeschweißten Lider drang ein zunehmend heller werdendes Licht, das sich vor ihr ausbreitete.

Schließlich erfühlten ihre vorsichtig tastenden Hufe den Rand eines Beckens vor ihr, von dem alles auszugehen schien, der Geruch und das Licht und das leise Platschen. Sie zögerte einen Augenblick, dann tauchte sie vorsichtig ihren Huf in das unbekannte Gewässer.

Zuerst war sie überrascht, wie warm das Wasser darin war. Das Wasser des Rinnsals, dem sie gefolgt war, war so kalt gewesen, dass es sie bei jedem Schritt frösteln ließ, aber das Becken hatte die Temperatur eines angenehmen Bades. Als nächstes wunderte sie sich über die seltsame Konsistenz der Flüssigkeit, in die sie ihren Huf getaucht hatte. Sie war etwas dicker als Wasser, fast zähflüssig, aber kein Schleim oder etwas ähnlich ekelhaftes.

Was ist das?, fragte sie sich im stillen, während sie ihren Huf wieder an sicheres Land hob. Strawberry hatte gesagt, dass es ihr vielleicht helfen könnte sie... zu heilen. War das vielleicht das Changeling-Äquivalent eines Krankenhauses? Eine Art Heilbad?

´Lass dich einfach hineinfallen´ hatte sie gesagt. Aber Trotz des Vertrauens, das sie in die Changelingstute gefasst hatte, fühlte sie, wie sie zögerte. Verdammt, warum viel es ihr so schwer? Sie vertraute Strawberry, vertraute ihr genug um für sie einen Blindflug über unbekanntes Gelände zu riskieren, nur um ihr zu helfen. Sie hatte ihr gesagt, was zu tun war, um ihre Augen wieder herzustellen, eine Aussicht die Rainbow vor Verlangen zittern ließ. Keine quälende Ungewissheit mehr, keine Angst vor dem Ungesehenen, dem sie hilflos gegenüberstehen musste. Aber sie konnte sich immer noch nicht überwinden, den einzigen, letzten Schritt zu tun.

Ein einziger, kleiner, unnachgiebiger Verräter saß in ihrer Brust, der beständig flüsterte: Du weißt es nicht... Du bist dir nicht sicher... Was wenn sie doch... Gegen jeden klaren Gedanken in ihrem Kopf, gegen jede Zuversicht und Vertrauen, die sie gefasst hatte, blieb er beständig. Sie fühlte die Wärme des Beckens vor sich, sehnte sich mit jedem schmerzenden, kalten Muskel und der erdrückenden Finsternis hinter ihren Augenlidern danach. Die Erlösung war nur einen Schritt entfernt. Aber dieser Schritt war der schwierigste.

Sie wollte Strawberry vertrauen. Sie wollte glauben, dass das was die Stute ihr gesagt hatte, die Wahrheit war. Sie wollte das denkende, fühlende Lebewesen hinter der Fassade des Monsters sehen. Sie hatte diesem Feind zugehört, hatte ihm beigestanden, mit ihm gefühlt und ihn verstanden. So hatte sie geglaubt. Aber jetzt, einen Huf erhoben, um den letzten, entscheidenden Sprung zu tun, brachte sie es nicht über sich. Der Verräter in ihrer Brust ließ sie nicht. Der Verräter... der sie selbst war.

Rainbow hatte ihr ganzes Leben auf dem aufgebaut, was sie sich selbst geschaffen hatte. Jedes Stückchen Anerkennung, jede Laudatio, jeder Jubel, den sie so sehr brauchte, so sehr viel mehr, als sie sich selbst eingestehen wollte, hatte sie sich mit ihrer eigenen Leistung verdient. Sie war niemals auf das Wohlwollen Anderer angewiesen gewesen. Selbst ihre Freundinnen, dies sie so sehr schätzte, hatten sich einen Platz in ihrem Herzen erkämpfen müssen, eine Leistung, für die sie sie respektierte und die der Grund waren, warum sie ihnen so rückhaltlos vertraute. Ihr war niemals etwas geschenkt worden und aus genau diesem Grund misstraute sie tief in ihrem Innerem alles und jeden. Sicherlich nicht vollständig – sie erachtete sich selbst als zu stark, als das man sie einfach übers Ohr hauen konnte – aber die Hürde war hoch gesteckt. Darauf angesprochen würde sie behaupten, dass es nur gesund war, das ein jeder sich zuerst zu beweisen hatte, aber tief in sich drin, in ihren innersten Gedanken wusste sie nur zu gut, dass dies eine Schwäche war. Sie hatte sich mehr als einmal dabei ertappt, wie sie sich gewünscht hatte anderen mit der selben Unvoreingenommenheit zu begegnen wie ihre Freundinnen. Der Verstand sollte sagen, das Vertrauen enttäuscht werden konnte und das Herz sollte sagen, dass das immer noch besser war als ewiges Misstrauen. Aber irgendwann hatten diese beiden in Rainbow die Plätze getauscht. Ihr Herz fürchtete sich vor der Enttäuschung, während ihr Verstand, gestärkt durch ihre Erfahrungen mit ihren Freundinnen, einen weitaus versöhnlicheren Ton anschlug.

Sie konnte es nicht. So süß die Versprechung auch war, sie konnte diesen letzten Schritt nicht gehen. So sehr ihr Verstand auch schrie, ihr Huf wollte sich nicht bewegen. Sie verriet sich selbst. Gegen besseres Wissen und gegen ihren eigenen Willen. Sie wollte Strawberry vertrauen, aber sie konnte es nicht. Sie setzte ihren ausgestreckten Huf wieder zurück auf den sandigen Boden.

Dann hörte sie das Flirren von Changelinglügeln in der Luft direkt hinter ihr.

Sie schreckte zurück und wäre um ein Haar in das Becken gefallen, das sie nun so sehr zu meiden versuchte. Panik erfasste ihr Herz, als ihre schlimmsten Vorstellungen Wirklichkeit wurden. Sie konnte ihren Gegner nicht sehen und das Geräusch seiner Flügel verschwand, sobald er hinter ihr aufgesetzt hatte. Sie hörte das Knirschen von Sand und drehte sich wild in die Richtung.

„Kitzztitat?", erklang ein fremder, fragender Laut von dort, wo sie den Changeling vermutete.

Ihr fiel nichts besseres ein: „Ähm, Hallo?", fragte sie unsicher.

„Patzt! Kizzz it tu!" Die seltsame Stimme kam vom etwas weiter rechts und sie drehte sich in die Richtung.

Celestia, lass es nur einer sein, hoffte sie still.

„Kaputi zirrrat! Zirrat, Zirrat!", die Stimme klang zunehmend angressiver, fordernder. Aber auch näher.

Rainbow spannte sich. Wenn sie diesem Alptraum noch entkommen wollte, musste sie handeln, bevor die Wache den Rest des Stockes alarmieren konnte.

„Bzzzt!", machte sie und brachte dabei ein tiefes Brummen zustande.

„Wuzz?" kam die verwirrte Antwort. Rainbow konzentrierte sich nun vollständig auf ihre Ohren. Sie hörte das leise Knirschen des Sandes unter ihren Hufen genauso wie das unter ihres Gegeners. Er war nahe, sehr nahe. Sie konnte fast sehen, wie der Changeling sich zu ihr vorbeugte, um sie besser zu verstehen.

Sie packte zu, versuchte ihn in einen Schwitzkasten zu bringen.

Sie griff ins Leere. Ihre Vorderläufe streiften etwas hartes, aber lebendiges, das sich erschreckt wegduckte.

„Birrvip!", erklang der erschreckte Ausruf.

Von reiner Verzweiflung getrieben wirbelte Rainbow herum und führte einen weiten Sensentritt gegen die Quelle der Stimme aus. Sie wurde mit einem harten Aufschlag und einem Schmerzenslaut belohnt.

Sie hörte, wie ihr überraschter Gegner zu Boden ging und zögerte nicht sofort nachzusetzen. Sie wusste, wie sehr sie sich im Nachteil befand und konnte nur auf das Element der Überraschung hoffen, um zu siegen. Sie warf sich auf den Changeling und versuchte ihn mit reiner Körperkraft zu Boden zu ringen. Sie war überrascht, wie leicht es ihr gelang die harte, aber schlanke Gestalt unter ihr zu Boden zu drücken.

Der Wechselbalg unter ihr war ihr an Kraft eindeutig unterlegen, aber seine eigene Natur kam ihm zu Hilfe. Rainbow merkte, wie sie an den glatten Panzerplatten, die sein Fell ersetzten, kaum Halt fand und langsam abglitt. Sie versuchte nachzugreifen, aber der Körper unter ihr war wie eine Schlange, die sich hin und her wand und ihr ständig aus dem Griff zu gleiten drohte. Mit einem Knurren packte sie noch einmal fester zu und fasste um das, was sie als Taille des Körpers erfühlte. Grunzend vor Anstrengung hiefte sie das ganze Gewicht des Changelings in die Luft und ließ sich nach hinten fallen. Ihr Rücken knackte protestierend, aber sie rammte den Kopf ihres Gegners mit einem befriedigenden Knirschen in den festen Boden am Rande des Beckens.

Der Wechselbalg schrie gequält auf und verdoppelte seine Anstrengungen, sich aus ihrem Griff zu befreien. Rainbow steckte einen heftigen Hieb gegen ihren Kopf ein, der ihre Ohren zum klingeln brachte, ließ aber nicht locker. Strampelnde Hufe, die mit seltsamen Löchern übersät waren, rutschten hilflos über ihr Bauchfell um Halt zu finden.

Die Pegasusstute nahm ihre ganze Kraft zusammen und stieß sich vom Boden ab. Einen kurzen Moment lang ließ sie ihren Gegner frei, dann landete sie auf seinem Bauch. Sofort versuchte sie ihre Hinterläufe um seinen Leib zu schlingen, um eine Beinpresse anzubringen. Eigentlich befand sie sich in der perfekten Position, um die... wichtigsten Teile... ihres Feindes zu bearbeiten, aber sie wusste nicht, ob sie es mit einem Männchen oder einem Weibchen zu tun hatte. Oder ob diese Entsprechungen auch anatomisch für Changelinge galten... und ob sie auch entsprechen ausgestattet waren... auf jeden Fall war es ihr zutiefst zuwider auch nur darüber nachzudenken. Aber wenn sie so etwas wie Nieren hatten, würde das ausreichen, um den Wechselbalg zum Aufgeben zu zwingen.

Womit sie nicht gerechnet hatte, war der sengende Strahl heißer Energie, der sich plötzlich in ihren Rücken brannte. Es war mehr Schmerz als echter Schaden, der er verursachte, aber es reichte, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Der Wechselbalg sah seine Chance gekommen und bockte wild, um sie von sich herunter zu schleudern. Rainbow biss die Zähne zusammen und verstärkte noch einmal ihren Druck um die Körpermitte ihres Gegners. Aber auch das konnte nicht verhindern, das sie von seinen Abwehrbewegungen zur Seite kippte.

Dann war da plötzlich das kurze Gefühl des Fallens, dann die warme Umarmung und das durchdringende Glühen des Beckens. Sie war so überrascht, das ein kleiner Strom kostbarer Luft ihrem Mund entströmte und in trägen Blasen an die Oberfläche trieb. Der Wechselbalg drohte sich ihr zu entwinden, aber sie erholte sich schnell von ihrer Überraschung und festigte ihren Griff wieder. Jetzt, da ihr Gegner keinen Boden mehr unter sich hatte, mit dem er sich gegen sie stemmen konnte, konnte sie fühlen, wie sie die Initiative zurück gewann. Sie fühlte den kämpfenden Leib unter sich, aber anders als dieser hatte sie sich von Anfang an nicht auf ihre Augen verlassen. So seltsam es auch war, aber ihr Zustand brachte ihr hier den Vorteil, den sie brauchte.

Sie streckte ihre Flügel und schlug in der viskosen Flüssigkeit kräftig aus. Wie in einer Waschtrommel wirbelten die beiden Kontrahenten in dem Becken herum, aber der Pegasus verließ sich nur auf ihren Instinkt und behielt so die Übersicht. Mit einem kräftigen Tritt befreite sie sich von ihrem Gegner und benutze ihre Flügel als Leitwerke, um sich elegant um ihn herum zu bewegen. Sie konnte ihn nicht sehen, aber sie konnte seine Bewegungen fühlen. Und als sie sich sicher war, griff sie zu, mit all ihrer Kraft.

Ihre Huf glitten über den Panzer des Wechselbalges, noch glatter gemacht durch die Flüssigkeit, doch diesmal hatte sie die richtige Stelle getroffen. Sie konnte die verwundbare Kehle ihres Gegners fühlen und drückte unbarmherzig zu. Der Changeling wehrte sich nach Leibeskräften gegen ihren Griff, zappelte wild und aufgeregt. Eisern hielt sie die Spannung an. Die Luft in ihren Lungen wurde knapp. Der Wechselbalg gab immer noch nicht auf. Sie biss die Zähne zusammen und ließ keinen Zentimeter nach.

Ein plötzlicher, wilder Schmerz in ihrem Vorderlauf. Erschreckt riss sie ihrem Mund auf und die letzten, wertvollen Luftblasen entkamen ihr. Sie verstärkte verzweifelt noch einmal ihren Würgegriff, während der Changeling sich in ihr Vorderbein verbiss.

Die verbrauchte Luft in ihr brannte. Ihr Körper schrie nach Sauerstoff, aber die Gegenwehr des Wechselbalges war noch nicht gebrochen. Schwarze Flecken tanzten durch den farbigen Schleier ihrer Augenlider. Das fremde Wasser, das in ihren Mund gedrungen war, schmeckte wie Seifenlauge. Sie fühlte, wie ihre eigene Kraft erlahmte, wie ihre Muskeln sich weigerten ihr zu gehorchen. Mit einem letzten Rest von Willen zwang sie sich, nicht nachzulassen.

Dann war es mit einem Mal vorbei. Ein letztes Zucken und der Körper des Changeling erschlaffte unter ihr. In der verzweifelten Hast der Ertrinkenden stieß sie sich von ihm ab und ruderte dem entgegen, was sie als ´oben´ empfand.

Aber der Kampf war wild gewesen und hatte sie mehr als einmal herum gewirbelt. Ihr Drang nach Luft war so intensiv geworden, das nur ihre instinktive Angst vor dem Ertrinken sie davon abhielt ihrem Körper einfach nachzugeben und einzuatmen. Rainbow strampelte sich verzweifelt der Oberfläche entgegen, als ihr Kopf hart gegen Felsen schlug. Die Überraschung war so groß, das sich ihr Mund ganz unwillkürlich öffnete und ihre Lungen gierig saugten.

Zähe Flüssigkeit strömte ihre Kehle hinab. Ihr Kehlkopf schloss sich krampfhaft und sie hustete auch noch die letzten Reste Luft in das Becken. Im Ertrinken zuckte ihre Körper spastisch, als verzweifelte Synapsen wild und unkoordiniert feuerten. Der letzte Kampf dauerte nur einige Sekunden. Dann lag der leblose Körper von Rainbow Dash still.

Ich hatte einen Traum.

Ich hatte einen Traum, in dem mich meine Flügel nicht trugen.

Ich hatte einen Traum, in dem alles was ich hatte, etwas war, was ich nicht konnte.

Ich hatte einen Traum, in dem das, was ich nicht konnte, mich immer verfolgte, mich niemals losließ, mich ewig verfolgte und ohne Unterlass an meine eigene Unzulänglichkeit erinnerte.

Ich hatte einen Traum, in dem ich hilflos gefangen war, ohne Ausweg, ohne Hoffnung.

Ich hatte einen Traum, in dem ich mich selbst gefangen hatte. In dem ich mich selbst verraten und verleumdet hatte. In dem ich die Wahrheit nicht sehen wollte.

Ich hatte einen Traum, in dem alles, was ich tat, falsch war, wenn auch aus den richtigen Gründen, aber dennoch falsch.

Ich hatte einen Traum...

...Und ich hoffe, bald zu erwachen.

Das Leben kam in einer Eruption aus Fruchtwasser. Rainbow durchstieß die Oberfläche des Beckens und rang verzweifelt nach Luft. Keuchend und würgend spuckte sie das grüne Wasser aus ihren Lungen. Ihre rudernden Hufe fanden das rettende Ufer und sie zog sich zitternd an Land. Schleimfäden klatschten auf den sandigen Boden, als sie sich wieder und wieder erbrach, um auch den letzten Rest der Flüssigkeit aus ihren Atemwegen zu entfernen.

Mit letzter Kraft schleppte sie ihre ausgelaugten Körper über den Rand und ließ sich kraftlos auf den Boden fallen. Vollkommen erschöpft starrte sie an die ferne Höhlendecke, die in dem grünen Licht der Becken erstrahlte.

Sie dachte, sie müsste sterben. Ihr Körper hatte dem letztlich dem verzweifelten Drang nach Luft nachgegeben und ihre Lungen mit einem tiefen Zug dieses Beckens gefüllte, hatte auch noch die letzte Luftblase empor gehustet, bis da nur noch das grüne Wasser gewesen war. Sie hatte ihren Herzschlag gefühlt, der wie eine Trommel schlug, wild und aufgeregt, doch dann langsamer, verzweifelter, als müsse er gegen eine unnachgiebige Kraft ankämpfen. Und dann hatte sie ausgeatmet und wieder eingeatmet.

Es war ein Kampf gewesen, jeder einzelne Atemzug. Ihre Kehle weigerte sich zu akzeptieren, dass das zähe Gemisch, das sie immer wieder passierte, ebenso kostbar war wie echte Luft. Aber trotz dieses Widerstandes ließ es sie atmen, schickte Sauerstoff durch ihr Blut, genau so, wie es jede Sommerbrise getan hätte. Sie wusste nicht warum, nur das sie atmen konnte. Eine Ewigkeit so schien es, lag sie einfach dort, umhüllt von der warmen Umarmung des Beckens. Sie wusste nicht mehr, wann sie sich wirklich warm gefühlt hatte, bis hinein in ihre Knochen. Dieses Gefühl war so herrlich gewesen, dass sie das Kribbeln erst spürte, als es zum Schmerz wurde.

Es begann an ihrem Rücken. Nur ein feines Zupfen und ein angenehmes Jucken. Dann ein Prickeln an ihren Augenlidern. Sie blinzhelte. Der Schmerz überwältige sie, so plötzlich und unerwartet, das sie schrie. Aber es drang kein Laut an ihr Ohr. Der Schmerz setzte sich fort, so als hätte sie unbeabsichtig etwas unter ihre schützenden Augenlider gelassen, das jetzt an ihren verletzten Augen fraßund trotz der Schmerzen riss sie sie auf und versucht es mit ihren Huf fortzuwischen, aber das tat noch mehr weh und deshalb gab sie es schnell auf. Und dann war das Kribbeln auf ihren Augen und auch wenn der Schmerz nach ließ, war dieses Gefühl so zum-verrückt-werden, das sie es nicht mehr aushielt. Sie ruderte wild mit ihren Hufen, suchte verzweifelt nach der Oberfläche, nach dem Ausweg, bis ihr Kopf schließlich zufällig die Flüssigkeit durchstieß.

Dort lag sie nun, erschöpft und am Ende ihrer Kräfte. So sehr, das es mehrere Minuten dauerte, bis sie realisierte, dass sie sich die Höhlendecke über ihr nicht nur vorstellte, sondern tatsächlich sehen konnte.

Sie blinzelte. Dann blinzelte sie noch einmal. Dann hielt sie sich mit dem Huf zuerst das eine Auge zu, dann das andere. Ihre Sicht auf dem Linken war noch ein wenig verschwommen, aber es gab keinen Zweifel: Sie sah die ferne Decke der Höhle mit ihren Ausbuchtungen und Verwerfungen, mit ihren Stalagtiten (seltsamerweise musste sie an den inoffiziellen Merksatz in ihrer Schule denken: ´Was hängt bei einer Höhlenstute von oben herab? Stalagtiten´) und Aushöhlungen. Das grüne Licht des Beckens neben ihr ließ alles ein wenig unwirklich erscheinen, aber es war unzweifelhaft ihr eigenes Augenlicht das dies wahrnahm. Sie konnte sehen.

Sie konnte sehen!

Schnell rollte sie sich herum und stand auf. Die Höhle, in der sie sich befand war hoch und breit und lief zu der einen Seite flach aus, dort woher sie blind stolpernd gekommen war. Das Becken, aus dem sie sich erhoben hatte, war nur eins von vier, das sich, in intensiven Grün leuchtend, am Boden der Höhle befand. Seltsame, organische wirkende, dunkle Strukturen schienen darüber aus dem Fels zu wachsen und bildeten eine ungleichmäßgies Gitter nach oben. Ein ganzes Netz dieser Verstrebungen setzte sich bis zur Höhlendecke fort, dort wo das dumpfe Glühen fast nicht mehr hinreichte, um etwas zu erkennen.

Die Höhle hatte mehrere Ausgänge, enge Tunnel von denen die meisten ein weiteres grünes Leuchten erahnen ließen. Lediglich der Ausgang an der flachen Seite bleib dunkel. Rainbow vernahm noch immer das unterschwellige Dröhnen des Schwarms, der durch den Stock patrouillierte. Sie hatte Glück gehabt, dass nach ihrem Auftauche noch keine Wache eingetroffen war, aber das konnte sich jederzeit ändern. Sie war blind mit einem von ihnen fertig geworden, aber ein ganzer Schwarm war mehr, als sie sich selbst in Topform zutraute.

Dem Gedanke folgend, wandte sie sich dem Becken zu. Eine schwarze Gestalt trieb leblos mit dem Gesicht nach unten auf der Oberfläche der Flüssigkeit. Ein Stich des Entsetzens drang durch Rainbows Herz, als sie das sah. Konnte es sein, dass sie wieder... das sie wieder...

Sie sah die Höhlenwände empor. Eine davon glitzerte feucht und sie sah, das ein breiter, sanfter Wasserstrom daran hinabriesselte und die Becken speiste.

´Folge dem Wasser! Ja, das Wasser wird dich hinausführen!´ , hatte Strawberry gesagt. Und tatsächlich, als Rainbow dem kleinen Wasserfall folgte, sah sie eine dunkle Öffnung in der Höhlenwand.

Das muss mein Weg nach draußen sein. ,dachte sie. Die finstere Höhlung wirkte sofort einen seltsamen Drang auf sie aus.

Aber etwas ließ sie dennoch zögern. Etwas hielt sie zurück. Und nach einem kurzen Zögern stieg sie noch einmal in das Becken, mied sorgsam die Untiefen und versuchte die kleinen, schwarzen Würmer zu ignorieren, die munter und aufgeregt darin herum schwammen. Sie konnte sich gut vorstellen, was sie waren. Sie zog den leblosen Leib des Changelings zu sich heran. Sie wusste, das jeder Sekunde, die sie hier verweilte ein Risiko war, ja, geradezu Wahnsinn, konnte doch jederzeit eine Drohne oder eine Phalanx hier nach dem Rechten sehen. Selbst wenn Strawberry eine außergewöhnlich gute Fliegerin war, konnte sie ihren Verfolgern in diesen engen Gängen nicht ewig entfliehen. Aber Rainbow musste Gewissheit haben.

Sie drehte den schwarzen Körpern, der mit Löchern übersät war, um. Und dann wartete sie. Mit jeder Sekunde, die verging, sank ihr Mut.

Doch dann spuckte der Wechselbalg einen Propfen des grünen Wassers empor. Röchelnd saugte seine Lunge die normale Luft an. Es waren furchtbare, gequälte Geräusche, aber für Rainbow hörten sie sich an wie süßer Ambrosia. Er lebte. Sie musste sich nicht einen weiteren Mord auf ihre Seele lasten.

Sie hielt ihn noch einen Moment lang fest in ihren Vorderläufen, dankte ihm still, das er überlebt hatte. Dann zog sie ihn ans Ufer und legte ihn sanft ab. Er war nicht ihr Feind. Das wusste sie jetzt.

Sie stieg aus dem Becken und schüttelte die Feuchte aus ihren Flügeln. Sie knabberte etwas an ihren Leitfedern und richtete so gut sie es konnte. Ihr Manövrierfähigkeit war immer noch eingeschränkt, aber es würde bis zu dem Loch reichen. Und, so das Schicksal wollte, würde sie von dort nach draußen kommen. Sie vertraute Strawberrys Wort. Der Verräter in ihrer Brust war sehr, sehr leise geworden. Und auch wenn er nie verstummen würde, vielleicht hatte sie heute gelernt ihn etwas besser zu überhören als vorher.

Sie spreizte ihrer Flügel und genoss das herrliche Gefühl, das damit einherging. Jetzt konnte sie wieder sein... was sie sein sollte. Und vielleicht ein bisschen besser. Ein bisschen besser. Niemand war perfekt, nicht einmal sie selbst, auch wenn sie nahe dran war.

Sie ging in die Knie und katapultierte sich kraftvoll in die Luft. Es galt eine Schuld zu begleichen, einen Krieg zu verhindern und ein Reich zu retten. Genug zu tun, auch für sie.

Als Rainbow Dash durch die Eingeweide des Berges kroch, sich durch enge Passagen wand, Klippen emporschwebte und Stromschnellen überwand, bis sie endlich das erste Licht des Tages erblickte, dachte sie immerzu an die eine, mutige Stute, die kein Monster war, sondern, vielleicht, ein Freund.