Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Geschichte, was den Inhalt von Hasbro´s My Little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum.

Kapitel 22: Das Blut von Helden

Zivilisation. Rogue dachte über diesen Begriff nach, seit sich der ´Ingenör´ Seilzug damit gebrüstet hatte.

Dem Entsetzen über die Enthüllung der Paarungsrituale des Stammes der ´Schwinge, Huf und Horn´ war eine allgemeine Erleichterung gefolgt, als das alte Pony erklärte, das von den Stuten nichts verlangt wurde, was sie nicht wollten. Doch im selben Atemzug, da er sie beschwichtigte, sprach er auch von der Ehre die es bedeutete von einem der Kæmpen, der Krieger, auserwählt worden zu sein. Er brachte es nicht zur Sprache, aber es war unmissverständlich das eine einfache Ablehnung als alles andere als höflich betrachtet werden würde.

Zivilisation. Seilzug mochte seinen Stamm nicht als Barbaren betrachten, aber zumindest in den Augen von Rogue und seinen Freundinnen waren sie es. Ihre einfache Lebensweise hier, die viele Annehmlichkeiten entbehrte, die ein Bürger Equestrias als selbstverständlich hinnahm, war nur eine Seite der Medaille und bei weitem nicht die Ausschlaggebende. Es war ihre raue, gewaltätige Art, diese sie so sehr entfremdete. Der furchtbare Kampf auf dem Dorfplatz war das beste Zeichen dafür gewesen. Er war scheinbar ohne Gnade, ohne Rückhalt geführt worden, mit der Breitschaft das andere, rivalisierende Pony auch schwer zu verletzen, wenn es nicht rechtzeitig aufgab. Alles nur, für die Gunst... für die Möglichkeit die Stute seiner Wahl für einen einzigen Abend auszuführen. Es war so fern all dessen, was die Freunde unter Moral und Ethik verstanden, dass sie sich letztlich nur davon entfremdet fühlen konnten. Gewalt war kein Gegenstand im täglichen Leben Equestrias und tätliche Auseinandersetzungen eine absolute Ausnahme von der Regel. Hier jedoch schien sie ein fester Bestandteil der sozialen Ordnung zu sein.

Er konnte auf einem rein intellektuellem Niveau begreifen, warum sich diese Gesellschaft jenseits der friedlichen, ordentlichen Länder der Ponys jenseits der Berge so entwickelt hatte. Diese Ponys hier lebten noch immer in einem Umfeld, das sie mit ständiger Gefahr umgab. Es war für das Überleben jeder Gemeinschaft notwendig, das es streitbare Individuen gab, die zum Wohle aller ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten, um sie zu schützen und zu verteidigen. Sonne und Mond, auf gewisse Art und Weise konnte er sich sogar selbst mit diesem selbstlosen Gedanken identifizieren.

Was ihn aber so daran abstieß, war die Fixierung, ja die Verherrlichung dieses Aspektes. Die Kultur der Ponys aus dem alten Land schien sich zum größten Teil auf körperliche Kraft und Kampfeswillen zu zentrieren. Auf Nützlichkeit. Selbst Seilzug, der so etwas wie der stellvertretende Häuptling war, nahm sich auf gewisse Weise wie ein Außenseiter aus, der seine Stellung mehr seinen Kenntnissen zu verdanken hatte, als seinem Selbst als Pony. Was zählten hier eigene Träume, eigene Wünsche und Bedürfnisse? Wurden sie nicht letztlich alle begraben unter dem Gesetz der Notwendigkeit und dem Recht des Stärkeren? Was galten dann sie in dieser Hackordnung? Wie weit würden sie geduldet werden in ihrer... Nützlichkeit?

Der Stamm war sicherlich kein reiner Kriegszug. Auch hier gab es Lachen und Scherzen und Familien und friedliches Beisammensein. Es gab alltägliche Freuden und triviale Entäuschungen, Routine und Langeweile und vieles, vieles mehr das man in in jedem Ponydorf auch finden würde. Aber es war unübersehbar, das sich dennoch jeder Aspekt des täglichen Lebens letztlich auf den Kampf konzentrierte. Der Stamm befand sich scheinbar im Kriegszustand. Doch anstatt mit Sorge und Angst begegneten die Ponys hier diesem Umstand mit einer stoischen Entschlossenheit. Und nicht nur das. Auf eine gewisse Art und Weise... schienen sie es zu genießen.

Sie waren groß, sie waren stark und laut, sie waren rau und ungeschliffen, sie waren direkt und ohne Manieren, aber über all das hätte Rogue hinwegsehen können. Es war die schreckliche Beiläufigkeit, mit der sie ihre Gewalt anwendeten. Es verstörte und verängstigte ihn zutiefst.

Sie alle saßen an diesem Abend zusammen mit den Kæmpen des Stammes in der großen Halle zusammen an den rohen Tischen und aßen zu Abend. Die Methalle war ein Ort der Versammlung, der Zusammenkunft und das Zentrum der Gemeinschaft des Stammes. Hier wurde das Essen gekocht und gemeinsam verspeist, während die großen Ponys an langen Tafeln saßen und sich in ihrem seltsamen Kauderwelsch lautstark unterhielten. Die ersten Kæmpen des Häuptlings lebten hier mit ihren Familien und so war die Halle immer angefüllt vom Lachen der Fohlen und den ermahnenden Rufen ihrer Mütter, die die Krieger bedienten oder selbst am Tisch saßen. Irdene Krüge mit dem süßen Honigwein wurden herumgereicht und mit wilden Kriegsschreien zusammengestoßen, so das so mancher dabei zerbrach und seinen Inhalt auf den reisigbedeckten Boden plätscherte. Stämmige, muskelbepackte Hunde, die mehr an Wölfe erinnerten, leckten die Pfützen auf und schnappten nach heruntergefallenen Essensresten. Mehr als einmal brach ein Aufruhr aus, als einer der Hengste auf den anderen losging und die beiden wilde Schläge im Stroh miteinander austauschten. Aber die Feindseligkeiten waren so schnell vorbei wie sie begonnen hatten, und die Kontrahenten tranken gemeinsam lachend auf die blauen Flecken, die sie sich gegenseitige beigebracht hatten.

Rogue saß eingeschüchtert zwischen den großen, kraftvollen Gestalten die ihn überragten. Er kaute leise auf seinem überbackenem Brot und versuchte niemanden im Weg zu sein, während er ein wachsames Auge auf seine Freundinnen hatte. Die Stuten waren das klare Zentrum der Aufmerksamkeit der gesamten Versammlung mit Ehrenplätzen an der Stirnseite der Tafel. Die Hengste an ihrer Seite machten keinen Hehl aus ihren Absichten und taten ihr Möglichstes die Stuten trotz der Sprachbarriere zu unterhalten, während sie jederzeit ihre Konkurrenten misstrauisch beäugten. Es gab noch ein paar kleine Scharmützel, die jeden Zweifel am ´Recht´ dieser Krieger ausräumten, aber keines davon nahm die Ausmaße des Kampfes vom Nachmittag an.

Twilight und die anderen Stuten hielten sich tapfer. Keine von ihnen war es gewöhnt so offensichtliche Avancen gemacht zu bekommen. Die Ponys des Stammes waren dabei keinesfalls zurückhaltend. Wenn nicht direkt herausgefordert, lieferten sie sich Duelle im Hufdrücken oder im Ringkampf und ließen selten ihre Augen von ihren Auserwählten weichen. Nicht selten prosteten sie den Stuten zu und tranken tiefe Schlucke von ihrem Met. Die Freundinnen lächelten und nippten freundlich an ihren Getränken.

Der Hengst an Fluttershys Seite hatte dabei sicherlich eine besonders schwere Zeit. Das kanariengelbe Pony wusste praktisch nicht wohin sie sehen sollte und wagte es kaum ihren Kopf zu heben, während der aschgraue Einhornhengst sein Möglichstes gab sie zu umgarnen. Manchmal hob sie den Kopf und schenkte ihm ein schüchterne Lächeln, einfach um ihn nicht zu enttäuschen, aber das schien ihn nur anzuspornen.

Dagegen dauerte es nur eine gute Stunde, bis Pinkie Pie auf dem Tisch tanzte. Der Pegasus, der sich das Recht auf ihre Seite erkämpfte hatte, zögerte nicht lange und stieß Krüge und Schüsseln beiseite, um sich ihr anzuschließen.

Als der Stamm das sah, erhob sich ein rythmisches Hufgeklapper aus der Menge, das bald den ganzen Saal erbeben ließ. Andere Ponys ließen sich schnell anstecken und schlossen sich den Tänzern an. Krüge und Teller flogen im hohen Bogen davon, während Hufen einen eindringlichen Rhythmus auf das Holz der Tische stampften.

Pinkie ließ sich nicht lange bitten und begann mit stetem Klopfen den Rhythmus der Hufe zu lenken.

Buddy, you´re Filly

make a big noise

playing in the street gonna

be a big colt some day!

You got mud on your Face,

you big digrace,

kicking your butt all over the place!"

Die pinkfarbene Stute wirbelte herum und sah ihrem ´Beschützer´tief in die Augen.

Singing: We will, we will rock you!"

Dann drehte sie sich um und rief in die Menge:

We will, we will rock you!"

Der Saal war wie hypnotisiert. Ponys stampften auf den Boden, auf Bänke und auf die Tische.

Rogue brachte sein Brot in Sicherheit und versuchte sich bequemer hinzusetzen. Die harte Bank brachte seine Wunde zum Schmerzen.

Buddy, you´re a young colt, hard colt,

shoutin´ in the street,

gonna take on the world some day!"

Die Ponys wussten nicht, was Pinkie da sang, aber sie fielen dennoch frenetisch in ihren Rhythmus mit ein. Der ganze Saal erbebte unter ihren Hufen.

You got blood on your Face,

you big disgrace!

Waving your banner all over the place."

Langsam kam er dahinter, was sie damit bezweckte. Die aufdringlichen Hengste wandten sich zunehmend der Show zu und vergaßen dabei fast ihre Auserwählten. Es verschaffte ihnen eine Atempause.

We will, we will rock you!

We will, we will rock you!"

Rogue erhaschte einen kurzen Augenkontakt mit Twilight und Applejack. Die beiden wirkten reichlich eingeschüchtert, aber erwiderten seinen Blick mit einem kurzen, zuversichtlichen Nicken.

Singing: We will, we will rock you!"

Rarity versuchte die Aufmerksamkeit ihres Begleiters mit allen Mitteln auf Pinkie zu lenken. Der Blick des Erdhengstes neben ihr ließ jedoch nur selten von ihr ab.

Buddy, you´re an old colt, poor colt,

pleading with your eyes,

gonna make you some peace some day!"

Rogue´s Blick glitt suchend weiter, aber der Platz, an dem Fluttershy mit ihrem Begleiter gesessen hatte, war plötzlich leer.

You got mud on your face,

you big disgrace!"

Es durchfuhr ihn heiß und kalt. Schnell blickte er sich im Saal um, ob er sie irgendwo finden konnte.

Das große Tor, das nach draußen führte, bewegte sich. Er erhaschte noch den letzten Zipfel von wehendem Pink, dann war es verschwunden.

Somebody better put you back unto your place!"

Die Welt tat einen Schritt zurück.

We will, we will rock you!"

Das Portal schloss sich, und trotz dem, dass sich der leise Laut kaum gegen das rythmische Klopfen der frenetischen Menge behaupten konnte, klang es in Rogues Ohren wie ein Donnerhall.

Singin: We will, we will rock you!"

Es konnte nicht sein. Es durfte nicht sein. Er... Sie...

Everypony: We will, we will rock you!"

Er schoß von seinem Sitz auf. Er musste etwas unternehmen. Er musste den Beiden hinterher. Er konnte sich nicht vorstellen, warum sie mit dem Hengst gegangen war, warum sie... vielleicht hatte sie alles falsch verstanden. Vielleicht wusste sie gar nicht, was dieser... Barbar mit ihr vor hatte.

Der Boden unter seinen Hufen erzitterte noch immer von dem Stampfen der Hufe, als er langsam zu der großen Tür schritt. Er wusste, er sollte sich beeilen, es konnte bereits zu spät sein, wenn er weiter zögerte, aber konnte seine Beine nicht dazu bewegen schneller zu gehen. Die Bilder des Kampfes auf dem Dorfplatz wollten nicht aufhören durch seinen Verstand zu geistern. Was wollte er tun, wenn er die beiden einholte? Was sollte er gegen den riesigen Einhornhengst unternehmen? Applejack hatte recht. Er würde ihn zu Brei stampfen.

Sein Huf zitterte, als er das Tor ein Stück weit aufdrückte.

Die silberne Sichel des Mondes tauchte das nächtliche Dorf in einen silbernen Glanz. Das Licht aus der geöffneten Tür war einen langen, schmalen Streifen Licht über die Treppe und den Dorfanger. Es dauerte einen Moment, bis sich seinen Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Hinter ihm dröhnte noch immer das Stampfen der Ponys aus der Halle.

Und dann sah er sie. Sie stand im Eingang einer der Hütten, der Hütte, aus der am Nachmittag der Hengst getreten war. Sie stand in der Tür, im Begriff einzutreten und sah über ihre Schulter zurück zu der Halle, zu dem Tor und zu Rogue, der sich als dunkle Silhouette vor dem Licht daraus abzeichnete. Sie sah ihn und ihr Kopf senkte sich leicht. Er hob seinen Huf, um aus dem Tor zu treten, aber sie schüttelte wild ihren Kopf und er hielt inne. Ihre Lippen bewegten sich, aber er war zu weit entfernt, um zu hören, was sie ihm zuflüsterte.

Dann erschien der aschgraue Einhornhengst in dem Eingang zur Hütte. Er hielt Fluttershy die Bastmatte beiseite, die den Eingang verdeckte. Als er ihr Zögern bemerkte, blickte er sich suchend um und bemerkte die Gestalt von Rogue, die sie beide beobachtete. Seine Augen verengten sich und seine Gestalt strafte sich sofort. Aber der kanariengelbe Pegasus legte ihm nur einen Huf auf die Brust und lächelte sanft. Und dann ging sie an ihm vorbei in die Hütte. Der Hengst warf einen letzten, triumphierenden Blick auf Rogue, dann folgte er ihr.

Das Rettungspony stand wie vom Donner gerührt im Eingang der Methalle. Er spürte, wie er am ganzen Körper zitterte, wie die Beine unter seinem Körper ihren Dienst versagen wollten, aber er konnte seine Augen nicht von dem Rechteck dieser primitiven Tür losreißen. Er wollte schreien, er wollte aufheulen, er wollte losstürmen und diesen verdammten Primitiven mit seinen bloßen Hufen in Stücke reißen. Aber er konnte nicht. Er wollte sich selbst glauben machen, das es an diesem letzten Blick von Fluttershy lag, dieser eine, bittende, flehende Blick. Aber die Wahrheit war, das er trotz all des Zorns und der Wut die er verspürte, es nicht konnte. Er hatte zu viel Angst. Er war schlicht zu feige, dem aschgrauen Hengst entgegen zu treten.

Er stand noch einige Minuten dort in dem Tor und blickte hinaus in die Finsternis. Dann drehte er sich langsam um und trottete geschlagen zurück in die Halle. Das Tor schloss sich mit einem dumpfen Krachen hinter ihm.


Die Unterkunft, die der Stamm ihnen zugewiesen hatte, war kaum mehr als ein Reetgedecktes Dach auf Holzpfählen, dessen Boden mit Stroh bedeckte war. Was für einen Zweck es normalerweise diente, konnte Rogue nur rätseln. Jetzt war es nur ein Gefängnis ohne Gitter. Den Ponys des Stammes, die unermüdlich auf den Wegen des Dorfes und den Stegen unterhalb des Netzes Patrouille liefen, war es ein Leichtes jede Bewegung in diesem Unterstand zu beobachten.

Rogue hatte sich auf dem Boden zusammen gekauert und starrte ins Nichts. Er hielt seine Sanitätstasche umklammert, die hier auf ihn gewartet hatte wie Treibgut am Ufer des unkontrollierbaren Wildwassers, zu dem sein Leben geworden war. Er wusste, das er seine Wunde frisch verbinden musste, aber jede Energie, die er bisher hatte Aufbringen können, hatte gerade dazu gereicht ein paar Schmerztabletten zu kauen und trocken herunterzuschlucken.

Er hatte mit ansehen müssen, wie jede seiner Freundinnen, eine nach der anderen, in der Begleitung ihrer ´Bewacher´ aus der Halle geführt wurde. Die einen früher, die anderen später. Er wollte seinen Augen schließen, wollte sich selbst einreden, das es nicht passierte, aber er zwang sich dennoch hinzusehen. Es mochte nicht so schlimm sein, wie er zuerst gedacht hatte, es mochte tatsächlich nur eine verdrehte, primitive Art von ´Date´ sein, die hier stattfand, aber das änderte nichts daran, das es sich tief in seinem Innersten falsch anfühlte. Wenn diese Ponys so viel riskierten, wenn sie so beharrlich um dieses ´Recht´ kämpften... würden sie dann wirklich ein ´Nein´ akzeptieren?

Rogue hatte sich noch niemals in seinem Leben so hilflos gefühlt.

Er schloss seinen Griff um die Satteltaschen fester. Das gummierte Leinen quietschte leise unter seinen Hufen. Wenn... wenn es zum Äußersten kommen würde... wenn seine Befürchtungen wahr werden würden... was sollte er dann sagen? Wie konnte er dann diesen Stuten jemals wieder unter die Augen treten? Wie konnte er sich dafür entschuldigen, das er nichts unternommen hatte, das er einfach daneben gestanden hatte und es... es zugelassen hatte?

„Feigling.", flüsterte er leise zu sich selbst. Es tat weh, das vor sich selbst einzugestehen. Aber das reichte nicht.

„Feigling.", stieß er noch einmal zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Es reichte nicht.

„Feigling!", grollte er und legte jedes Quentchen Selbsthass und Zorn in dieses Wort. Es reichte noch immer nicht.

„Feigling!" Er krümmte sich zusammen und hieb seinen Kopf fest gegen den Boden unter ihm. Der Reisig dämpfte den Schlag etwas, aber er wurde dennoch mit einem zufriedenstellendem Schmerz belohnt. Er versuchte es noch einmal.

„Feigling!"

„Feigling!"

„Feigling"

Schrille Farben explodierten hinter seinen geschlossenen Lidern, jedes Mal wenn er seinen Kopf gegen die unnachgiebige Erde stieß. Sein Schädel dröhnte unter den Schlägen. Schließlich blieb erschöpft liegen.

Ja, er war ein Feigling. Er hatte es nicht einmal übers Herz gebracht seinen Freundinnen zu helfen, wenn sie ihn am dringensten gebraucht hatten. Und Fluttershy... süße, unschuldig Fluttershy. Er konnte sich gar nicht ausmalen, was sie jetzt...

„Feigling!"

Der letzte Stoß war der heftigste. Das wilde Feuerwerk vor seinen Augen verschwand nicht mehr, als er die Augen öffnete. Er fühlte sich seltsam leicht, losgelöst, als währe sein Kopf ein Luftballon, der im Wind davontrieb. Oben und Unten schienen plötzlich keine Bedeutung mehr zu haben. Er schmeckte Kupfer in seinem Mund und versuchte sich daran zu erinnern, woher er diesen Geschmack kannte.

„Feigling.", krächzte er. Dann lag er still und wartete darauf, das die Welt aufhörte sich um ihn herum zu drehen.

Es war vorbei. Er war fertig. Am Boden und bereit sich eine ´Drei´ geben zu lassen.

Er hatte einmal geglaubt, das ein echtes Abenteuer Aufregung bedeutet, Spannung und sicherlich auch einiges an Mühen. Das es ein Test war, eine Aufgabe, an der man wachsen konnte und sich selbst entfalten. Bei dem man mehr über sich selbst erfahren konnte, und über die Freunde, die einem darin begleiteten. Jetzt aber, da er sich mitten in einem befand, in einem echten Abenteuer, wie es sich die meisten Ponys nicht zu erträumen wagten, von dem sie höchstens in Büchern lasen, erkannte er die bittere Wahrheit: Ein echtes Abenteuer war ein wahrgewordener Alptraum. Es war gefährlich, es war nicht nur anstrengend, sondern aufreibend und am schlimmsten von allem war, das das Happy-End nicht garantiert war. Ponys wurden dabei verletzt. Nicht nur an Leib und Leben, sondern auch in der Seele. Ein echtes Abenteuer hinterließ Spuren, Narben und nicht nur solche, mit denen man später angeben konnte.

Er wollte das nicht mehr. Er hatte sich dieses Abenteuer niemals gewünscht, aber er hatte sich nicht dagegen gewehrt, als er mit hineingezogen wurde. Alles um ihn herum war ins Wanken geraten, hatte angefangen sich zu bewegen, bis er sich unrettbar in dem Strudel gefangen fand, zu dem sich die Ereignisse entwickelt hatten.

Alles um ihn herum war aus den Fugen geraten, bewegte sich schneller und schneller um ihn, ohne das er etwas dagegen unternehmen konnte. Und es gab kein Ende. Es gab keine Möglichkeit anzuhalten, die wilde Fahrt zu verlassen, ´Auszeit´ zu rufen oder das Buch zuzuklappen. Das bedeutete ein echtes Abenteuer. Es gab keinen Ausgang. Nur den Strudel, der sich immer schneller drehte und die dunklen Wasser, in der er führte... und in denen er ertrank. Er hatte keine Kraft mehr dagegen anzuschwimmen. Die Wogen hatten sich bereits über ihm geschlossen und die Finsternis umgab ihn.

So fand sie ihn.

Er hatte sich in einer Art Halbschlaf befunden, weder ganz wach noch träumend, gebeutelt von seinen Selbstvorwürfen und dem Gefühl der eigenen Hilflosigkeit. Dennoch hörte er das leise Rascheln des Strohs, als jemand unter das Dach trat.

Sein Kopf zuckte hoch wie eine gespannte Feder. Seine Lethargie war in nur einem Herzschlag wie fortgewischt. Er hatte nicht einmal bemerkt, wie angespannt sein Körper trotz allem gewesen war.

Die Fackeln auf den Wachplattformen über ihnen warfen nur wenig Licht auf die fest getretenen Lehmpfade des Dorfes. Dennoch erkannte er das sattgelbe Fell des Ponys, das mit sachten Schritt unter das Dach getreten war, sofort.

„Fluttershy!", rief er laut aus.

Sie sah ihn überrascht aus ihren großen, blauen Augen an. „Rogue ich... weep!" Weiter kam sie nicht, da war er schon aufgeprungen und zog sie fest an sich.

„Es tut mir leid.", flüsterte er leise. „Es tut mir leid."

Sie hatte sich unter seinem Ansturm erschreckt verkrampft, aber die Steifheit wich schnell aus ihren Gliedern, als sie die stürmische Umarmung zögernd erwiderte.

„Es ist alles gut Rogue. Ich bin in Ordnung."

Er löste sich schnell von ihr. „Wirklich? Hat er dir nicht weh getan? Lass mich dich ansehen." Noch bevor sie protestieren konnte, unterzog er sie einer kurzen, oberflächlichen Untersuchung.

„Weep!" Sie zuckte erschreckt zurück, als er ihren Flügel anhob, um darunter zu sehen.

„Oh, entschuldigung, habe ich dir weh getan? Ich verspreche, das ich jetzt vorsichtiger bin, ja? Ich muss nur noch..."

„Rogue...", sagte sie leise.

„...ich sehe mich nur noch unter dem anderen Flügel um und dann..."

„Rogue.", wiederholte sie etwas lauter.

„...ist es okay, wenn ich deinen Bauch abtaste, nur um sicher zu gehen..."

„Rogue!"

„...ich meine, ich will nicht natürlich nicht in deine Privatssphäre eindringen, nur um sicher zu gehen..."

Sie packte seinen Kopf in ihren Hufen und zwang ihn dazu, ihr in die Augen zu sehen. Er brach plötzlich ab und sah sie überrascht an.

„Rogue. Es ist alles gut. Mit... mir. Du musst dir keine Sorgen machen."

Er blinzelte langsam. „Aber ich dachte... ich... was haben sie... er mit dir..." Er bemerkte, wie ihm Tränen in die Augen traten, aber er konnte nichts dagegen tun.

Sie hielt seinen Kopf noch immer in ihren Hufen, in einem sanften Griff der dennoch überraschend stark war.

„Es ist nichts passiert."

Er starrte sie ungläubig an, nicht fähig zu begreifen, was sie ihm zu sagen versuchte.

„Es... es war so, wie Seilzug gesagt hat. Askedans – so war sein Name, wenn ich es richtig verstanden habe – war sehr... höflich und zuvorkommend. Wir konnten uns nicht unterhalten, aber er hat mir ein paar lustige Tricks mit seiner Magie gezeigt. Aber er hat gemerkt, das ich mich nicht richtig Wohl bei ihm fühle und hat mich schnell verabschiedet. Und auch die anderen... sie sind in Ordnung."

Er erwiderte noch einen Moment lang ihren Blick, dann drehte er beschämt seinen Kopf weg und sie ließ ihn frei.

Er drehte sich um und räusperte sich verlegen, während er zu seinen am Boden liegenden Taschen zurückkehrte.

„Gut. Celestia sei Dank." brachte er tonlos hervor. Er schlug die Klappe der Tasche zurück und begann in dem Inhalt herumzuwühlen. „Ich habe mir einfach nur Sorgen gemacht. Diese Ponys sind ziemlich angsteinflößend, nicht wahr?" Er wusste nicht einmal genau, wonach er suchte, er brauchte einfach nur etwas, um sich abzulenken. „Aber das war natürlich Quatsch. Sie haben ihr Herz am rechten Fleck. So scheint es zumindest, haha!" Sein Lachen klang selbst in seine Ohren gezwungen. Das musste er ändern. Er gab gerade eine ziemlich erbärmliche Vorstellung ab und er wusste es. Er zauberte ein leichtes Lächeln auf seine Lippen und warf Fluttershy einen aufmunternden Blick zu.

Er hoffte sehr, das sie ihm das abkaufte. Er war mehr nur erleichtert darüber, das sich seine Sorgen über die Mädels und Schicksal in Wohlgefallen aufgelöst hatten. Aber auch das mochte nicht den Knoten in seiner Brust zu lösen, der sich wie ein Geschwür darin festgefressen hatte. Er war nicht mutig, nicht fähig, nicht stabil genug um mit diesem Abenteuer mitzuhalten.

Aber wie immer musste er gute Miene zum bösen Spiel machen. Das eherne Gesetz der Notwendigkeit duldete keine Verschnaufpause. Es gab immer noch jemanden zu retten, immer noch ein Pony in Not mehr, immer noch eine Pflicht, der er sich nicht entziehen konnte.

Seine Hufe stoppten kurz in ihrem Tun.

Er würde verlieren, das wurde ihm schlagartig klar. Irgendwann würde der Moment kommen, an dem er einfach nicht mehr weiter machen könnte. Er war bereits an der Grenze, balancierte scharf an ihrem Rand und es bedurfte nur eines kleinen Schubses, um ihn darüber hinaus zu tragen. Und es würde unter Garantie zu dem denkbar schlechtesten Zeitpunkt geschehen. Sein Aussetzer nach der Bruchlandung war nur ein Vorgeschmack gewesen. Das große, kataklystische Hauptbeben war nur eine Frage der Zeit, wenn er weiter so machte. Aber ihm blieb keine Wahl. Er musste diesem Pfad weiter folgen, auch wenn er wusste, das er ins Verderben führte. Denn wenn nicht er, wer dann?

Also blieb ihm nichts anderes übrig, als zu lächeln und zu versuchen die Fassade aufrecht zu erhalten, so lange es ging. Und zu beten, dass sich seine Befürchtungen nicht bewahrheiteten.

Celestia und Luna, betete er im stillen, während er die Augen schloss. Lasst mich nur so lange durchhalten, bis das alles hinter uns liegt. Lasst mich meine Freunde nicht enttäuschen. Egal, was danach geschieht... nur dieser kleine Aufschub.

Er öffnete seine Augen wieder und begann mit neuen Elan damit den Inhalt seiner Tasche zu untersuchen. Er musste seinen Verband tauschen. Genau. Das war es, warum er überhaupt damit angefangen hatte. Und die Fassade aufrecht erhalten. Das war wichtig.

„Was glaubst du, wann kommen die anderen zurück?", fragte er und versuchte beiläufig zu klingen. Er spielte ein Gähnen. „Ich bin müde und würde mich gerne schnell hinhauen.", log er. Er wusste, das er kein Auge zumachen können würde, bis auch die letzte der Stuten sicher und wohlbehalten zurückgekehrt war. „Das ist schon ein Abenteuer, oder? Wir haben ganz schön was durchgemacht, dabei sind wir noch nicht einmal am Berg angekommen! Ich hoffe nur, das uns diese Ponys Morgen ein gutes Frühstück kredenzen. Was meinst du, Fluttershy? Ob die hier Pfannkuchen machen können?"

Er fand die Kompressen und die elastische Binde, nach der er gesucht hatte und legte sie auf den Boden. „Ich muss mir meinen Verband tauschen. Ich glaube, es hat mich gar nicht so schlimm erwischt. Mit einem festen Verband komme ich ganz gut zurecht." Er kramte weiter nach dem Wunddesinfektionsmittel. „Ich muss es nur gut sauber halten und Antibiotika nehmen. Ich will euch ja schließlich nicht hinterher humpeln müssen. Ein lahmes Rettungspony ist das letzte, was wir jetzt gebrauchen können, oder?"

Er hob die Flasche aus der Tasche und betrachtete sie lange. Das Bild des kanariengelben Pegasus, das sich von ihm abwendete und in die Hütte ging, zuckte durch seinen Kopf. Er versuchte es zu verdrängen, aber es blieb hartnäckig vor seinem geistigen Auge bestehen.

Ein gelber Flügel legte sich sanft auf seinen Huf.

Rogue blickte überrascht auf. Fluttershy war auf leisen Hufen vor ihn getreten. Ihre großen, blauen Augen betrachteten ihn durch den Vorhang ihrer pinken Mähne, aber sie hob ihre Schnauze etwas an, so das sie Strähnen aus ihrem Gesicht fielen und sie ihn ungehindert ansehen konnte.

Es war Sorge in ihr Gesicht geschrieben. Sorge und ein tiefes Mitgefühl.

„Hör auf."

Er zuckte zurück, als wäre ihre Berührung glühend heiß.

„Was... Was meinst du?", fragte er sie. Und für einen Augenblick war er tatsächlich überrascht. Sein geübter Verstand hatte bereits damit begonnen die Lügen zu akzeptieren, von denen er sich selbst zu überzeugen versuchte.

Sie wollte ihre Flügel ein weiteres Mal ausstrecken, hielt dann aber inne. „Bitte, Rogue, hör auf damit.", sagte sie statt dessen.

„Womit? Was ist los, Fluttershy? Ich muss die Wunde behandeln und..."

„Hör auf!" Sie stieß die Sanitätsasche beiseite, so das sich die Binden und Pflaster daraus auf den strohbedeckten Boden fielen. Sie hob einen Huf vor ihren Mund, als könnte sie ihren plötzlichen Ausbruch nicht fassen. Für einen Moment sahen sich die beiden erschreckt an.

„E-es tut mir leid...", stammelte die Pegasusstute und bückte sich schnell, um das verstreute Material wieder zurück in die Tasche zu schaufeln. Rogue, der dem selben Impuls folgte, tat das gleiche. Ihre Köpfe trafen sich in der Mitte.

Bonk

Dann saßen sie sich einen Moment gegenüber und rieben sich ihre Scheitel. Zuerst war es Rogue, der aufsah. Dann hob Fluttershy ihren Kopf. Ihre Blicke trafen sich. Und dann, ohne ein weiteres Wort...

...lachten sie zusammen. Rogue konnte nicht anders. So dunkel sein Gemüt auch gewesen war, dieser kleine Unfall war so lustig, so unschuldig und befreiend...

Und dann umhüllten ihn zwei Flügel so plötzlich und fest, das er das Gleichgewicht verlor und mit zwei Huf voll Fluttershy nach hinten umfiel.

Ihr Lachen war verstummt. Er fühlte die Wärme ihres Körpers, die auf seinem lag und die weiche Umarmung ihrer Federn auf seinem Fell und die Bewegung ihres schnellen Atmens und das heftige Klopfen ihres Herzens in ihrer Brust. Ein ganzes Bündel Herrlichkeit, das er in seinen Hufen hielt.

„Hör auf, Rogue. Du hast es versprochen. Hör auf."

Und langsam, fast zögernd, reifte die Erkenntnis darüber in ihr heran, was sie meinte.

„Du hast es versprochen. Du musst kein Held sein, du musst nicht tapfer sein. Du musst dich nicht opfern. Nicht für mich, nicht für die anderen. Du musst... nur du sein. Das reicht mir vollkommen."

Er erstarrte unter ihr. Sie bemerkte seine Reaktion und zögerte ihrerseits, bevor sie sich noch etwas fester an ihn presste.

„Hör auf. Ich lasse dich nicht noch einmal davonkommen. Du hast es versprochen." Der letzte Satz klang wie eine Anklage, auch wenn sie sanft wie Seide gesprochen wurde.

Nein, er konnte er ihr nicht entkommen. Er konnte sie nicht noch einmal von sich fortstoßen.

„Ich habe Angst.", flüsterte er. Es kostete ihn unendliche Kraft das zuzugeben.

„Ich weiß."

„Ich... ich weiß nicht... ich weiß nicht, ob ich es schaffe. Ich weiß nicht... ob ich euch helfen kann."

„Du hast uns schon geholfen. Mit jedem Schritt, den du getan hast."

„Ich halte das nicht durch, Fluttershy. Ich bin nicht stark genug. Ich... ich verliere mich. Ich habe den Halt verloren. Schon bevor das alles begann. Seit... seit ich Pears habe fallen lassen. Alles scheint mir zu entgleiten. Die Welt dreht sich um mich und ich kann immer weniger dagegen tun. Ihr alle bedeutet mir so viel. Aber ich kann mich nicht mehr auf mich selbst verlassen. Ich will euch nicht enttäuschen."

Sie hielt einen Moment inne. Dann fragte sie leise: „Warum glaubst du, das du uns enttäuschen könntest?"

Er schluchzte auf. „Ich habe die Kontrolle verloren. Ich bin so weit weg... so weit von allem entfernt, was ich als sicheres Land betrachtet habe. Ich fühle mich, als würde der Boden unter mir schwanken und ich keinen Schritt mehr machen könnte. Alles was mich ausmacht... alles was mich ausgemacht hat... es ist alles in Frage gestellt. Ich fühle mich verloren. So verloren."

„Warum?"

Er zögerte. Warum? Es war eine gute Frage. Eine Frage, die auf den Kern seines Problems abzielte. Und gleichzeitig eine Frage, die er nie bis zu ihrem Kern verfolgt hatte. Warum ließ Pears Schicksal ihn nicht los? Warum konnte er nicht aufhören sich wegen der Katastrophe in Ponyville Vorwürfe zu machen? Warum rieb ihn das Schicksal Wothwhiles so auf? Warum kreisten diese Gedanken unablässig in seinem Kopf, ohne Unterlass, ohne Erleichterung?

Pears war der Auslöser gewesen. Die vielen Ereignisse, dies seit dem auf ihn eingestürmt waren, hatten ihres dazu beigetragen ihn tiefer in das Loch zu stoßen, aus dem er seit dem verzweifelt versuchte empor zu klettern. Aber das fallende Fohlen war dennoch unleugbar der Anfang von allem gewesen. Und das fallende Fohlen war...

„Ich glaube nicht mehr an mich selbst." Der Moment der Selbsterkenntnis kam nicht, wie man es sich vielleicht vorstellen mochte, in einem plötzlichen Blitz. Es war ein langsam aufkeimender Gedanke, der sich gegen alle Widerstände des Selbstbetruges, die er aufgebaut hatte, entfaltete.

Er schloss seine Augen und lehnte sich gegen den überwältigend weichen Körper der Stute über ihm. Was er an Zurückhaltung ihr gegenüber auch immer gehegt hatte, verlor sich in der Magie des Augenblickes. Sie war da und er war bei ihr und das war alle, was zählte.

„Ich glaube nicht mehr an mich selbst, Fluttershy. Ich habe Fehler gemacht... Fehler die ich nie wieder gut machen kann. Und diese Fehler stellen jede Entscheidung in Frage, die ich seit dem getroffen habe. Ich weiß, das diese Entscheidungen getroffen werden müssen... aber sie reiben mich auf. Sie fressen an mir, sie fressen mich auf. Die Zweifel, die Unsicherheit. Ich war einmal so sicher in dem was sich getan habe. So vertraut mit dem was meine Hufe taten. Aber jetzt... jetzt ist jeder Schritt ein Schritt über meine Grenze hinaus, ohne Halt und ohne Seil, das mich verankert. Alles was mich noch hält bin ich selbst. Und ich bin..." Er spannte plötzlich seine Muskeln an, als Reaktion auf die psychische Pein die ihn durchfuhr. Fluttershy stieß einen überraschten Laut aus, ließ es aber über sich ergehen. „Ich wollte es mit mir selbst auffangen. Damit, das ich mutig bin und tapfer und das ich es einfach ertrage. Aber ich zerreiße. Ich ertrinke. Ich bin nichts von alle dem."

Sie stemmte sich gegen seinen Griff nach oben auf ihre Vorderläufe. Er ließ von ihr ab und sah verlegen zur Seite. Er hatte ihr sein Innerstes ausgeschüttet, war bis zu des Pudels Kern vorgestoßen. Er empfand sogar ein trotziges Gefühl des Stolzes darüber, auch wenn er wusste, das es allein ihr zu verdanken war, das er so weit gekommen war. Fluttershy hatte etwas an sich, etwas Entwaffnendes, etwas, dass auch das Verborgenste hervorbringen konnte, so sehr versteckt es vor anderen oder auch vor einem selbst war. Trotzdem war es nicht einfach gewesen.

„Rogue.", sagte sie sanft, ihr Stimme nicht mehr als ein Flüstern.

Er wollte sie nicht ansehen. Er wollte nicht noch einmal in diese tiefen, blauen Augen sehen und sich der Illusion hingeben, alles würde gut werden. Er wusste, er würde es wieder glauben, würde wieder diesem Hirngespinnst nachjagen, wenn er es tat. Und es würde nur wieder eine gnadenlose Ernüchterung darauf folgen. Er wollte diesen Teufelskreislauf nicht noch einmal von neuen beginnen.

„Rogue."

Ihre Stimme war wie der Gesang einer Sirene. Sie zog ihn wie magisch an. Sein Kopf wendete sich ihr wie von alleine zu. Aber er schloss seine Augen. Er konnte nicht... er wollte nicht...

„Rogue. Sieh mich an."

Und er schlug die Augen auf. Ihr Gesicht schwebte über dem seinen und feine Strähnen ihrer pinken Mähne fielen davon herab wie ein wundervoller Wasserfall.

„Ich verstehe, was du meist. Glaubst du mir?"

Er starrte sie für eine lange Zeit an, unfähig sich zu bewegen. Doch dann nickte er langsam.

Ja, er glaubte ihr. Fluttershy, dieses zarte Wesen, das sich trotz allem immer tapfer an der Seite ihrer Freundinnen hielt, mochte ihn vielleicht tatsächlich verstehen.

„Ich bin schon oft da gewesen, wo du jetzt bist. Ich habe oft Angst. Und oft muss ich Dinge tun... die dem widersprechen, was ich bin. Manchmal muss ich... hart sein. Und laut. Und auch ein bisschen gemein. Ich mag es nicht, ich mag es nie. Und es tut mir weh, wenn ich es sein muss. Ich... ich könnte es nicht, wenn ich nicht an mich selbst glauben würde. Und genau da liegt mein Problem." Sie schlug für einen Moment die Augen nieder. „Ich bin das Pony, das immer am wenigsten an mich geglaubt hat. Ich weiß, das ich schwach bin und zu gutmütig und mich nur allzu gerne übervorteilen lasse. Und wenn mir etwas wirklich wichtig ist... neige... neige ich dazu mich darin zu verrennen." Sie lachte leise. „Ich denke, das ist eine Eigenschaft, die ich mit Twilight teile."

Ihr Lachen verklang und sie wurde schnell wieder ernst. „Doch das wichtige ist, Rogue, dass wenn ich mir unsicher bin, wenn ich glaube, nicht stark genug zu sein, ich mich immer auf meine Freundinnen verlassen kann. Sie glauben an mich, egal was ich tue. Und wenn ich über die Strenge schlage, oder wenn ich falsch liege, oder wenn ich auch nur einfach scheitere, dann weiß ich, dass sie da sein werden, um mich aufzufangen. Sie glauben an mich, auch wenn ich es selbst nicht tue."

Fluttershy hob ihren Huf zu seiner Wange. „Wir glauben an dich, Rogue. Und nicht nur wir. Du hast nur Gutes getan, seit wir uns kennengelernt haben. So vieles, vieles Gute. Du hast uns gerettet, auf mehr als eine Weise. Wir vertrauen dir. Und wenn du nicht an dich selbst glauben willst, dann übernehmen wir das für dich. Du kannst stark sein, oder schwach, du kannst ein Held sein, oder ein Feigling, es ist nicht wichtig." Ihr Huf glitt von seiner Wange auf seine Brust. „Es kommt nur darauf an, das du bei uns bist. Du bist nicht allein. Du. Bist. Nicht. Allein."

Du bist nicht allein. Fluttershys Worte waren wie ein kühlender Balsam auf seiner Seele. Aber der schwarze Knoten darauf wollte sich nicht so leicht geschlagen geben.

„Was ist, wenn ich Fehler mache? Was ist, wenn ich es... vermassle?", fragte er kläglich.

Sie lächelte leicht. „Manchmal machen wir schlimme Fehler, weil wir dumm sind, oder ignorant, oder zu sehr von uns selbst überzeugt. Oder weil alle Wahrscheinlichkeiten gegen uns sprechen. Keiner von uns ist perfekt."

Sie sah, wie er die Stirn runzelte und nahm schnell sein Gesicht in ihre Hufe. „Nein! Es gibt keine unverzeihlichen Fehler, Rogue! Ich kann... ich will das nicht glauben! Was mit Pears passiert ist..."

Sie sah, wie sich der Ausdruck in seinem Gesicht verhärtete und hielt inne. „Bitte...", flehte sie, während ihre Unterlippe zitterte und Tränen in ihren Augen zu glitzern begannen. „Bitte hör auf. Ich kann... ich kann nicht mehr mit ansehen, wie du dich deshalb selbst zerstörst! Du musst damit aufhören! Hör auf! Hör auf! Bitte..."

Ihre Tränen fielen wie die Tropfen eines sanften Regens auf sein Gesicht. Einem plötzlichen Impuls folgend, hob er seinen Huf zu ihrem Gesicht und streichelte sanft ihre Wange, verwischte das salzige Nass darauf. „Siehst du, Fluttershy? Ich kann nichts richtig machen. Ich habe dich zum Weinen gebracht, schon wieder."

Sie sah ihn aus tränenfeuchten Augen an. Dann ließ sie sich auf seine Brust sinken und bettete ihren herrlich duftenden Hinterkopf an sein Kinn. „Was kann ich zu dir sagen, Rogue?" fragte sie ihn, während sie leise schluchzte. „Was kann ich zu dir sagen, damit du mir glaubst?"

Wie viele mussten noch zu ihm kommen und ihm sagen, dass es nicht seine Schuld war, bis er es glaubte? Trotter hatte es ihm gesagt, Applejack genauso und jetzt Fluttershy. Wie oft musste er zu Boden gestoßen werden, festgenagelt, damit er nicht mehr vor seinen eigenen Lügen fliehen konnte? Warum lief er immer weiter davon, wenn ihn jeder versuchte aufzuhalten? Pears war tot. Das Fohlen war gefallen. Das Blut der Ponys war vom Staub Ponysvilles verschluckt worden. Worthwhile würde leben. Das waren Wahrheiten. Wahrheiten die er mit allen Mitteln versuchte zu ignorieren, nur um sich weiter seine eigene, kleine Hölle zu erhalten, die er um sich herum aufgebaut hatte.

War er nicht schon selbst zu dieser Einsicht geraten? Warum hatte er dann nicht danach gehandelt? Er hatte sich selbst in der Rolle des Opfers gefallen, hatte sich in der Agonie gewälzt, auch wenn es ihn über die Zeit nur selbst zerstört hatte. Er hatte sich so sehr auf seinen eigenen Wunden konzentriert, das er nicht mehr gesehen hatte... was aus seinen eigenen Taten erwuchs. Woher hatte er früher seine Stärke bezogen, seine Ausdauer, alles zu ertragen, was an Schrecklichen und Tragischen sein Beruf ihm entgegenwarf? War es nicht die vielen Gelegenheiten gewesen, da er wirklich geholfen hatte? Die erleichterten Gesichter der Patienten, wenn sie das Abzeichen des Central Medical Services auf seiner Brust erkannten? Sein blutrotes Cutie-Mark, das Hilfe versprach, Hoffnung... Rettung?

Er hatte es aus den Augen verloren. Sein Blick hatte sich nach innen gerichtet, als das Fohlen aus seinem Griff geglitten war. Und während er sich selbst betrachtete, während er verfolgte, wie er immer mehr auseinander brach, verzweifelt versuchte, dass, was ihm verlohren gegangen war, mit Teilen von sich selbst zu kitten. Und sich dabei aufrieb. Denn die Wahrheit war...

Er gefiel sich in der Rolle des Märtyrers. Er warf sich gerne für andere in die Bresche. Er hielt so wenig von sich selbst, das er das kleinste Opfer war, das man bringen konnte. Er wollte selbstlos sein. Denn es gab seiner Meinung nichts was ihn besonders machte. Die Anderen waren wichtig, aber nicht er selbst. Denn er selbst war für keinen anderen wichtig...für keinen anderen...

Er schlang seiner Vorderläufe um Fluttershy und schloss seine Augen. Und sprach aus, was er sich mehr alles auf der Welt wünschte „Sag mir, das ich da bin. Das ich wichtig bin. Das ich zähle. Sag mir, das ich... dir etwas bedeute."

Sie regte sich leicht auf ihm. Er spürte, wie sie den Hals streckte, um ihm ins Gesicht zu sehen, aber er hielt seine Augen geschlossen, nur um den Moment zu genießen.

„Alles auf der Welt, Rogue. Alles auf der Welt.", flüsterte sie zu ihm.

Da war sie, seine Sonne. Aus tiefem Tale, umgeben von Finsternis, sah er sie endlich wieder. Er kannte den schwierigen Aufstieg daraus, kannte die Klippen und trügerischen Abhänge, die sich vor ihm erhoben. Er hatte sie schon einmal erklommen. Er wusste, dass ein einziger Fehlgriff, ein einziger Fehler reichen mochte, um ihn wieder zurück in den Grund der Finsternis zu schleudern. Aber nun wusste er wieder, das dort oben das Licht und die Wärme auf ihn wartete. Und so begann er wieder seinen Aufstieg. Sie glaubten an ihn. Sie glaubte an ihn. Das war genug. Endlich war es genug.

Sie lösten sich voneinander, beide mit einem unbestimmten Gefühl des Bedauerns in ihrem Herzen. Rogue glaubte zu wissen, woher es bei ihm rührte, aber er wusste, das dies weder der rechte Zeitpunkt, noch der rechte Ort war. Vielleicht, in einer Zeit, die weit von hier entfernt lag, würde er es wagen. Aber nicht jetzt. Es gab anderes, dringenderes, worauf sie sich konzentrieren mussten. Er fühlte wieder das drängende Gefühl der Urgenz in sich, aber jetzt, im Moment, war es eher etwas Aufregendes, als eine verzweifelte Hetze.

Sie standen sich für einen Moment unsicher gegenüber, verlegen ob des intimen Augenblicks, den sie miteinander geteilt hatten.

´Was ist es´, fragte Rogue sich, ´das diese Stute mich so mühelos verstehen kann. Das sie fast ohne Worte in mein Innerstes sehen kann – und weiß, was ich will... was ich brauche?´

Der Moment verging und Fluttershy rieb sich unsicher über den Vorderhuf. „So, uhm... dein Verband ist ziemlich schmutzig geworden. Ich... ich kann dir helfen ihn zu wechseln. A-Also, wenn du nichts dagegen hast..."

Es war etwas seltsam, das von der Stute zu hören, die noch vor wenigen Minuten auf seinem Bauch gelegen hatte, wie... er verkniff sich den Gedanken. Dieser Moment war etwas Besonderes gewesen, und er würde nicht zulassen, das seine Libido ihn entweihte.

„J-ja, bitte.", brachte er unsicher hervor. Er machte Anstalten, den Rest des Sanitätsmaterials vom Boden aufzusammeln, aber Fluttershy bugsierte ihn sanft zurück auf seine Hinterläufe. Er ließ es sich gefallen und legte sich hin. Vorsichtig begann die Stute damit, den Verband um seine Flanke zu lösen. Als die Bandagen zu Boden fielen, besah sie sich die Wunde kritisch. Rogue verdreht wieder seinen Hals, um ebenfalls einen Blick darauf zu werfen.

Die Lage steriler Kompressen deckte noch die Verletzung ab. Das Blut, das sie aufgesaugt hatten, war zu zinnoberrot eingedunkelt.

„Ich wünschte, wir hätten hier Wasser." Fluttershys Blick blieb auf ein paar Tonkrügen heften, die neben einer der Stelen ihrer ´Hütte´ standen. Anscheinend kannten auch die Ponys des Stammes nächtlichen Durst und hatten vorgesorgt. Obwohl man aufgrund der Form darauf schließen konnte, das nicht alle Gefäße zur Durststillung vorgesehen waren, sondern auch für... andere Zwecke.

Die Stute untersuchte die gefüllten Tonkrüge und schnupperte vorsichtig daran. Sie sah fragend auf. „Meinst du, es ist sauber genug?"

Rogue nickte. „Bring es bitte her, Fluttershy. Ich muss sowieso Antibiotika nehmen."

Sie trug den Krug zwischen ihren Zähnen und tröpfelte etwas Wasser auf seine Flanke. Es fühlte sich herrlich kalt darauf an. Das Rettungspony hoffte, dass die Hitze, die bereits von seiner Wunde ausging nur dem verletzten Gewebe geschuldet war und nicht den Beginn einer ausgewachsenen Infektion einläutete.

„Möchtest du vielleicht noch ein Schmerzmittel nehmen? Es wird etwas weh tun, wenn ich die Kompressen entferne."

Er schüttelte seinen Kopf. „Bringen wir es einfach hinter uns. Ich habe schon ein paar Tabletten genommen. Besser wird es nicht werden."

Sie war vorsichtig und gab sich alle erdenkliche Mühe, sanft dabei zu sein. Aber es schmerzte dennoch, als sich der verklebte Mullstoff von der Wunde löste. Er verkniff das Gesicht und biss sich auf die Lippen, um keinen Laut von sich zu geben. Gleichzeitig schalt er sich selbst: Du versuchst immer noch den Held zu spielen, du verdammter Dummkopf.

Als es endlich vorbei war, keuchte er schwer und kämpfte gegen einen leichten Schwindel an. Er dankte Celestia und Luna und auch seinen ungeduldigen Häschern dafür, das er nicht die Zeit gehabt hatte, eine Tamponade in die Wunde zu drücken. Dadurch hatte er zwar etwas mehr Blut verloren, sich aber jetzt zumindest ein paar Schmerzen erspart. Abgesehen davon, das er es vielleicht gar nicht geschafft hätte. Er hatte es im Einsatz noch niemals tun müssen, und bei der Vorstellung, es bei sich selbst anzuwenden zu müssen drehte sich ihm der Magen um.

Fluttershy betrachtete ihn mit einem sorgenvollem Blick, während er wieder zu Atem fand.

„Gar... gar nicht... so schlimm...", log er frei heraus und gegen jede Beobachtung. Er wollte sich die ganze Sauerei ansehen und wendete wieder seinen Kopf, aber die Stute drückte ihn sanft zurück. „Halt still. Es ist mit dem wenigen Licht ohnehin schon schwer genug, ohne das du dich bewegst." Er gab seine Versuche auf und legte seine Wange in das weiche Stroh. Er war in ihren Hufen, komme was wolle. Er zuckte kurz zusammen, als noch mehr kaltes Wasser auf seine Flanke tröpfelte, dann spürte er, wie sie das geronnen Blut mit frischen Kompressen aus seinem Fell wusch.

„Da sind wir wieder, nicht wahr, Fluttershy?", fragte er in einem amüsierten Tonfall, um die Spannung zwischen ihnen etwas zu lockern. „Ich bin ein Idiot und du kümmerst dich um mich. Wird das etwa zur Gewohnheit?"

„Ich hoffe nicht...", murmelte sie leise. Plötzlich stoppten ihre Bewegungen. „Äh, ich meine, das mit dem Idiot!", setzte sie schnell nach, nur um sich sofort noch einmal zu verbessern. „Ah- äh, ich meine – ich wollte sagen, das du es dir nicht zur Gewohnheit machen sollst, dich zu verletzen!" Es dauerte einen kurzen, erschreckten Augenblick, dann flüsterte sie ein verhuschtes „Entschuldigung." und fuhr hastig damit fort, seine Seite zu reinigen.

Rogue hätte sie gerne angesehen, aber sein Kopf lag gerade sehr bequem im Stroh und er wollte Fluttershy nicht bei ihrer Arbeit stören. Er konnte sich ohnehin gut vorstellen, wie sie aussah: Die pinke Mähne tief ins Gesicht gezogen, um die furiose Röte auf ihren Wangen zu verbergen.

„Nein, das sollte ich mir wirklich nicht zur Gewohnheit machen.", sagte er, um sie etwas zu beruhigen. Einige Sekunden verstrichen, in denen sie schweigen damit fortfuhr sein verklebtes Fell zu säubern.

„I-ich meine das andere, das..." setzte sie schließlich nach. „... das ich mich um dich kümmere, das ist nicht... ich meine, das mache ich gerne und es ist nicht schlimm, wenn es..." ihre Stimme wurde leiser und verstummte schließlich. Ihrer Bewegungen über seine Flanke stoppten plötzlich.

Er blieb noch einen Moment liegen, bis er realisierte, das etwas nicht stimmte. Neugierig hob er den Kopf. „Was ist?", fragte er.

Fluttershy antworte nicht. Sie hatte die Kompressen fallen lassen und hielt sich erschreckt beide Hufe vor den Mund. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, dann sah sie wieder auf seine Flanke. Rogue verdrehte seinen Hals, streckte ihn so weit es ging und besah sich seine Wunde. Als er es sah, erstarrte er.

Es war kein Wunder, das es im nicht sofort aufgefallen war. Er war praktisch unter Schock gestanden, als er sich selbst verbunden hatte. Und das Blut hatte sein ganzes Bein rot gefärbt gehabt. Nein, er war nicht blind gewesen, oder nachlässig. Er hatte nur das Blut gesehen, das aus ihm herauslief, diesen heiße, kostbare Lebenssaft, Rot auf Rot, so rot wie die reifen Äpfel in Sweet Apple Acres, so rot wie der Lippenstift, den sie in den Salons auf der Trottenheimer Chaussee verkauften, so rot wie...

...sein Cutie-Mark.

Die Klinge des Speers hatte das Kreuz auf seiner Flanke in der Mitte getroffen und es sauber quer in zwei Hälften geteilt. Der Schnitt in seinem Fleisch verlief direkt durchs Zentrum, von Links oben nach Rechts unten. Befreit vom Verband und vom klebrigen Blut reingewachen, ragten die Wundränder sauber auf und enthüllten die dünne, gelbe Schicht des Fettgewebes und das dunkle, feste Fleisch der Muskeln darunter. Der Schnitt war nicht lang, aber so, wie er aussah, reichte er tief in den Oberschenkelmuskel. Und er saß direkt auf seinem Cutie-Mark. Er zerteilte es.

Rogue fühlte eine dumpfe Schwere in seinem Kopf, wie einen Schleier vor seinen Gedanken. Das Pochen der Verletzung war in den Hintergrund getreten und machten einem anderen Schmerz Platz, einem der sehr viel tiefer ging und bei weitem beängstigender war. Irgendetwas kreischte bei dem Anblick in den dunklen, weit entfernten Regionen seines Hinterkopfes, wild und ungehemmt, wie ein waidwundes Tier.

„Mein Cutie-Mark.", brachte er schließlich fassungslos hervor.

Fluttershy senkte ihre Hufe von ihrem Mund. „Oh, Rogue, es tut mir so leid...", sagte sie leise.

Er konnte seinen Blick nicht davon abwenden. Ein winziges Rinnsal frischen, hellroten Blutes suchte sich seinen Weg von der Ecke der Wunde und zerfaserte zwischen den Haaren seines noch feuchten Fells. Es sah aus, als würde das rote Kreuz selbst auslaufen, seine Farbe langsam hinaus in die Welt bluten.

Er war für einen Moment lang von dem irrsinnigen Wunsch besessen, seine Hufe darauf zu drücken, die Farbe, sein Blut, seine Berufung, sein Schicksal am auslaufen zu hindern. Der Wunsch war so stark in ihm, das er schreien wollte, das er flehen und betteln wollte, das er die Wunde mit seinen Zähnen zubeißen wollte, alles, alles tun und allem zustimmen wollte, nur damit das nicht geschah.

Sein Cutie-Mark.

Das Letzte, was ihm noch mit Sicherheit sagte, was er war, die letzte Gewissheit, das nicht alles nur eine Lüge war, ein Selbstbetrug, ein einziger großer Fehler. Er spürte bereits, wie die erstickende Panik seine Kehle hinaufkroch und ihm die Luft abschnürte. Es war wieder wie auf dem Schiff, aber diesmal würde es nicht in stumpfer Katatonie enden. Sein Blick trübte sich und die Welt um ihn herum geriet ins Wanken. Er wusste, das er sich von dem Anblick losreißen musste, das er die Spirale vielleicht noch aufhalten konnte, wenn er einfach weg sah und versuchte es zu leugnen. Aber er war wie erstarrt. Alles, an was er noch denken konnte, war sein Cutie-Mark... sein Cutie-Mark...

Er war sich entfernt bewusst, das er zu hyperventilieren begann, obwohl er sich gleichzeitig fühlte, als müsste er durch einen dünnen Strohhalm atmen. Er spürte bereits das Kribbeln in seinen Hufen und die Taubheit auf seinen Lippen, aber das war weit entfernt, unwichtig. Sein Herz raste bereits in seiner Brust. Die ihn umgebenden Geräusche verklangen, wurden dumpf und unbedeutend. Alles was er noch wahrnahm, war das Bild seines Cutie Marks und die schreckliche Wunde darauf. Er fühlte sich, als würde er fallen, tief und lang und er wusste nicht mehr, ob es noch einen Boden für ihn geben würde, der ihn auffangen konnte.

Was bin ich den dann noch?

Die Schwelle rückte näher. Seine Panik nahm immer mehr zu, ohne etwas dagegen unternehmen konnte. Gleich würde er über die Grenze treten und wieder in das lichtlose Dunkel stürzen, das er so zu fürchten gelernt hatte. Er wollte nicht. Er konnte nicht. Wenn es nur etwas gäbe an dem er sich festhalten konnte, das ihn...

Chief Caller.

Das alte Feuerwehrpony in Manehattan. Der Chef der ´Canterlot´-Wache. Das Pony, das Rogue nach Trotter wahrscheinlich am meisten respektierte und bewunderte. Eine lebende Legende in den Feuerwachen der großen Stadt. Der Hengst, der in die tosenden Flammen des brennenden Internats am Sattelmacherweg galoppiert war, um auch noch die letzten Fohlen zu retten. Der Held, der seinen Mut mit einer Brandwunde bezahlte, die sein Cutie-Mark auf einer Seite gänzlich ausgelöscht hatte.

Er hatte gefunden, wonach er so verzweifelt gesucht hatte. Das Bild des Chiefs, sein Beispiel, war genug, um seine Welt wieder gerade zu rücken. Es war schwer, aber kämpfte nun keinen aussichtslosen Kampf mehr. Die Panik flatterte noch immer in seiner Brust wie ein gefangener Vogel, aber sein Geist gehorchte ihm nun wieder, statt sich auf eigene Faust immer tiefer in den dunklen Gefilden seines Verstandes zu verirren.

Sein Atem ging rau durch seine trockene Kehle. Sein Herz pochte noch immer laut und schnell in seiner Brust, aber er fühlte bereits, wie es sich beruhigte.

Diese Wunde war kein zerstörerischer Fingerzeig des Schicksals, kein grausamer Scherz, der ihn über die Kante treiben sollte. Es war einfach nur ein Zufall, eine Art... Unfall.

Was sein Cutie-Mark bedeutete, was es für ihn ausmachte, würde nicht verschwinden, nur weil es... beschädigt worden war. Es wurde nicht verblassen oder sich auf magische Weise einfach selbst auslöschen. Es mochte so entstanden sein, damals, an diesem heißen Tag auf der Auffahrt der Feuerwache, aber das war nur wie der endgültige Abschluss seiner Suche gewesen. Eigentlich hatte er tief in sich bereits gewusst, das er Sanitäter werden wollte, auch wenn ihm dieser Gedanke damals niemals konkret durch den Kopf gegangen war. Aber das Zeichen, oder viel mehr, wofür es stand, war bereits vorher in sein Herz geprägt worden. Sein Cutie-Mark... das kam erst danach.

Das Cutie-Mark hatte nicht ihn gewählt. Es war genau anders herum gewesen.

Selbst wenn es jetzt, hier, auf der Stelle verschwinden würde, sich ablösen würde, wie ein billiges Klebebildchen, er wäre noch immer Rogue. Er könnte noch immer mit dem Wind um die Wette laufen und den Wagen so schnell ziehen, das Trotter sich irgendwo festhalten musste. Er würde noch immer wissen, wie er die Vene unter dem Fell fand, oder wie er eine gebrochenes Glied richtig schiente. Er würde noch immer seine Bücher lieben und das Gefühl, wie die Straße unter seinen Hufen dahin jagte, den Duft von den Heuburgern, die sie auf dem Dach der Wache brieten und den Apfelkuchen von Granny Smith und tausende und abertausende Dinge mehr, die ihn, Rogue ausmachten.

Das Rote Kreuz auf seiner Flanke war wichtig, es war ein Teil von ihm und er mochte es, so wie er seine kurze Mähne mochte, die so schnell trocknete und ihn – zumindest seiner Meinung nach – schneidig aussehen ließ. Aber es definierte ihn nicht. Und die Wunde darauf... darin... war schmerzhaft und tief, aber nicht mehr, als hätte es ihn an anderer Stelle getroffen.

Ein kanariengelber Huf berührte ihn sanft an der Schulter. „Rogue, es ist bestimmt nicht so schlimm. Wenn es erst verheilt ist..."

Er riss seinen Blick von der Wunde los und sah hoch in ihr Gesicht. Er betrachtete sie ein Weile lang, während sie ihn erschreckt und auch ein wenig verschüchtert ansah. Sie hatte Recht. Es war nicht so schlimm. Es musste es sich nicht einmal mehr selbst einreden. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich wieder sicher, in dem was er fühlte. Er war einem Panikanfall so nahe gewesen, das er noch immer leicht zitterte, aber es war vorbei.

„Es ist in Ordnung, Fluttershy.", sagte er so sanft er konnte. Er drehte sich etwas auf die Seite und strich das Fell an seinem Brustkorb etwas beiseite. „Hier, siehst du? Die Stellen, wo mich der Schattenwolf gekratzt hat?" Er konnte seinen Kopf nicht weit genug wenden, um es selbst richtig zu sehen, aber es bereitete ihm keine Schwierigkeiten die langen Striemen zu finden. Er konnte sie immer noch spüren, auch wenn sein Geist sie mittlerweile ausblendete. „Es ist schon fast verheilt. Man sieht es von Außen gar nicht mehr. Vielleicht... Vielleicht bleiben ein paar Narben zurück. Aber das ist nicht schlimm. Viel... bestimmt ist es mit meinem Cutie-Mark genauso. Und selbst wenn es n-nicht so ist...", er sah schnell weg, damit sie nicht sah, was für ein Gesichtsausdruck dabei über sein Gesicht huschte, „...dann ist es sicherlich nicht schön, aber es ist auch kein Weltuntergang. Es ist nicht wichtig. Es tut weh, aber es ist nicht wichtig." Er hörte, wie sie Luft holte, um ihm zu widersprechen und kam ihr schnell zuvor. Er legte ihr sanft einen Huf auf ihren Mund. „Ich trage das Cutie-Mark, Fluttershy, nicht andersherum. Und wenn das der Preis ist, denn ich zu zahlen habe, dann könnte er höher sein."

Er ließ seinen Huf sinken und wartete, ob sie mit ihm diskutieren wollte. Die kanariengelbe Stute blieb jedoch still und akzeptierte seine Entscheidung schließlich mit einem sachten Nicken.

„Wie wollen wir weitermachen?", fragte sie, während sie auf seine Flanke deutete.

Er atmete tief durch. Diese Sache hatte ihn mitgenommen und legte nur noch ein weiteres Gewicht auf einen Tag, der viel, viel zu lang gewesen war. Aber noch immer nicht zu ende. „Wir spülen die Verletzung als erstes mit Wunddesinfektion aus. Ich muss Antibiotika nehmen, damit sie sich nicht entzündet und das wahrscheinlich ein paar Tage lang. Sobald Rarity kommt, muss sie... mich zunähen. Sie hat bewiesen, das sie das kann. Bis dahin decken wir sie steril ab und...warten."

Fluttershy warf ihm noch einen letzten, sorgenvollen Blick zu, der ihn unwillkürlich schlucken ließ. Er wusste, das er ihr nichts vormachen konnte, deshalb versuchte er es auch gar nicht erst. Er konnte sich nicht einmal im Entferntesten vorstellen, wie er aussehen mochte: Mit getrockneten Schlamm- und Blutspritzern verschmiert, die Mähne schweißnaß, die Augen müde und gerötet. Er zitterte noch immer leicht, auch wenn er glaubte, dass es nun die Nachtluft war, die es hervorbrachte. Sein Körper war so erschöpft, das er trotz der lauen Temperaturen kaum seine eigene Temperatur aufrecht erhalten konnte. Er selbst fühlte es kaum. Sein Verstand stand so sehr unter Stresshormonen, das Rogue sich fühlte wie eine gespannte Feder kurz vor dem Bruch.

Sie registrierte das alles mit ihren klugen, blauen Augen, seufzte unhörbar und machte sich dann an die Arbeit.

Es dauerte noch einmal zehn schmerzhafte Minuten, bis ein frischer, sauberer Verband seine Flanke zierte. Er atmete erleichtert auf, als die Stute die letzten Pflasterstreifen klebte, die die Kompressen an Ort und Stelle hielten. Es war nur ein Provisorium, aber es würde halten.

Erschöpft sackte er zusammen. Die Wunddesinfektion hatte im ersten Moment gebrannt wie Feuer, das langsam zu einem nervtötenden Jucken verklungen war. Sein ganzer Schenkel fühlte sich nun heiß an, aber auch sauber. Er war dankbar dafür.

„Kann ich noch etwas für dich tun, Rogue?"

Er hob seinen Kopf, der ihm zentnerschwer vorkam und sah Fluttershy vor sich auf den Hinterläufen sitzen. Ihre Frage war unschuldig, aufrichtig, ehrlich gemeint. Ohne die Spur von Ungeduld. Sie wollte ihm wirklich helfen, nicht weil sie es musste, oder weil es notwendig war, sondern weil sie es wollte. Es war ein schönes Gefühl.

Er wusste, das er schlafen sollte, das sein Körper nun Ruhe mehr brauchte, als alles andere. Aber gleichzeitig bezweifelte er, das es ihm überhaupt möglich sein würde, jetzt zu schlafen. Sein Verstand huschte hin und her wie eine Ratte im Käfig, unruhig, ruhelos. Er machte sich Sorgen um seine Freundinnen, die noch immer im Dunkeln der Hütten verschwunden blieben, machte sich Sorgen um Bandit, dessen andauernde Abwesenheit schlimmes befürchten ließ.

Was er sich wünschte, was er brauchte, war...

Er öffnete seinen Mund, um sie zu Fragen, schloss ihn dann aber wieder. Es war eine Sache, sich Fluttershy anzuvertrauen, auszusprechen, was sich wie ein Knoten in seinem Inneren zusammen zog. Der einzige Grund, warum ihm alles zu problemlos über die Lippen gekommen war, das ihm selbst die Kraft fehlte, sich gegen ihr mitfühlendes Wesen zu wehren. Und... und das er ihr... wirklich vertraute. Ohne jede Angst zurückgewiesen zu werden, ohne Angst, er könnte das Falsche sagen oder falsch verstanden werden. Mit ihrer sanften, einfühlsamen Art hatte sie es geschafft, seine natürliche Zurückhaltung zu überwinden und in sein Herz zu gelangen. Doch in vielerlei Hinsicht lag genau da das Problem.

Rogue hatte viel Zeit damit verbracht, Mauern um sicher herum zu errichten, Mauern, die ihn davor beschützen sollten, so verletzt zu werden, wie es ihm schon einmal passiert war. Lange Zeit hatte er geglaubt, das er hinter diesen selbst errichteten Barrieren sicher davor war, die Kontrolle zu verlieren und sein Vertrauen in das falsche Pony zu setzen. Doch die Begegnung mit Applejack, Fluttershy, Twilight, Rarity, Pinkiy und Rainbow Dash hatten ihm aufgezeigt, das die Mauer, die seinem Schutz dienen sollte, ihn auch isolierte. Und nach dem er einen Blick auf das wundervolle Land dahinter geworfen hatte, wollte er nichts mehr, als aus seinem Schneckenhaus herauszukommen.

Aber die Gründe, warum er es errichtet hatte, blieben dennoch. Und es war nicht leicht, etwas aufzugeben, in dem man sich so lange so wohl gefühlt hatte.

Er hatte Applejack hinein gelassen, mit einer Selbstverständlichkeit die nur dem nostalgischen Gefühl der Vertrautheit seiner Jugend geschuldet sein konnte. Doch sobald er fühlte, das er die Kontrolle darüber verlor, das sie ihm zu tief unter das Fell ging, war er zurück geschreckt. All die Gründe, die sie sich gesagt hatten, dass ihre Verwandtschaft zwischen ihnen stehen würde, das er ein Stadtpony war und sie ein Landpony, all dies und alles darum herum blieben nicht weniger wichtig oder waren vom Huf zu weisen, aber es waren nicht die einzigen Gründen. Er selbst war das Problem. Er war zurück geschreckt, weil er zu viel Angst bekommen hatte. Angst davor, noch einmal den Schmerz durchleben zu müssen, den ihn Grace zugefügt hatte.

Auf gewissen Weise war er sich dessen die ganze Zeit bewusst gewesen. Aber es vor sich selbst zu gestehen, es in konkrete Gedanken zu fassen, war alles andere als leicht. Was währe geschehen, wenn es nicht auf der Waldlichtung am Rande des Everfree Forest geschehen währe? Zu einer Zeit, da er noch immer überzeugt gewesen war, das sein Pfad der richtige war und er das Licht und die Wärme vergessen hatte, die jenseits davon lagen? Was wenn sie sich in den sonnenbeschienenen Hainen in die Augen gesehen hätten, ohne all das, was sie in der Zwischenzeit zwischen sich aufgebaut hatten?

Statt dessen war ein Pegasus auf kanariengelben Schwingen in sein Leben gesegelt, den die Mauern um sein Herz nicht aufzuhalten schienen. Sie schien direkt durch sie hindurch zu sehen, eroberte sie im Sturm und fegte jeden Widerstand mit Sanftheit und Verständnis beiseite. Sie durchdrang die Mauern, die sich für ihn immer mehr wie ein Gefängnis angefühlt hatte, aber anstatt sie mit offenen Hufen zu empfangen, spürte er wieder die vertraute Angst in sich. Sie war hier, sie war bei ihm, sie war bereits in seinem Herzen und nichts konnte sie mehr davon abhalten, ein fruchtbares Durcheinander darin anzurichten. Nur weil sie etwas so dummes getan hatte, wie ihm ein freundliches Lächeln zu schenken, sich um ihn zu kümmern und ihm zuzuhören. Und ehe er es sich versehen hatte... besaß sie bereits einen Teil von ihm. Sie hatte niemals darum gebeten, aber sie hielt ihn dennoch in ihren Hufen und konnte damit anstellen, was sie wollte. Er konnte sich keine Sanfteren vorstellen, die es hielten, aber es war nun nicht mehr die Seines. Was er so lange gefürchtet hatte, was er sich aber dennoch im Inneren ersehnt hatte, war geschehen. Und für ihn gab es kein Zurück mehr.

Alles was ihm noch blieb, war zu hoffen... und zu vertrauen. Und Vertrauen bedurfte keiner Worte.

Er schob sich auf dem Bauch nach vorne, neben die Stute, die ihn neugierig ansah. Er stupste mit seiner Schnauze gegen ihren Flügel, dort wo er mit dem Rumpf verbunden war. Er hätte sie auch einfach fragen können, aber er wollte jetzt nicht mehr reden. Fluttershy gab einen unterdrückten Laut der Überraschung von sich und hob ihren Flügel unwillkürlich an, Schnell glitt das Rettungspony darunter und rollte sich zusammen, so eng an sie geschmiegt, wie er konnte. Die kanariengelbe Stute betrachtete ihn für einen Moment mit großen Augen, dann wurden ihre Züge weicher und sie breitete ihr weiches Federkleid über ihm aus. Er schauderte leicht, als er die Wärme auf sich spürte, dann lag er wieder still. Zuerst war es eine angespannte Stille, so als würde er darauf warten, dass sie es sich noch einmal anders überlegte und ihn verscheuchte. Doch dann, als die Sekunden verstrichen und zu Minuten wurden, in der ihre Wärme langsam in seinen geschundenen Leib drang, lösten sich langsam seine verkrampften Muskeln. Sein flacher, verhaltener Atem ging ruhiger und tiefer. Sein Körper schien ein wenig in sich zusammen zufallen, als all die Anspannung und die ständige Wachsamkeit, die er schon seit Tagen in jeder wachen Minute aufrecht erhielt, für einen Moment von ihm wich.

Und als auch der letzte seiner schmerzenden Muskeln Ruhe fand, begann sich auch sein Geist zu lösen. Er konnte nicht von seinen Sorgen lassen, konnte sich nicht selbst einreden, es würde schon alles gut werden, nicht, wenn so viel auf dem Spiel stand. Aber hier, hier unter den weichen Flügeln dieser Stute, die ein Stück seines Herzens besaß, konnte er sie für einen Moment lang ruhen lassen. Er legte sie nieder, wie ein erdrückendes Gewicht, das schon zu lange seine Schultern niedergedrückt hatte und das er schon bald wieder aufnehmen musste, aber nicht jetzt. Jetzt konnte er für einige kostbare Augenblicke verschnaufen, aufatmen und wieder zu Kräften kommen. Hier an diesem einen, lichten Ort in der Finsternis. An ihrer Seite.


Sie hatte es verstanden. Sie hatte verstanden, das er, mehr als alles andere, eine Verschnaufpause brauchte. Einen sicheren Ort, an dem er für einen Moment loslassen konnte. Nein, das war nicht richtig. An dem er sich selbst erlauben konnte, loszulassen. Sie betrachtete den jungen Hengst, der an ihrer Seite lag, mit einem warmen Lächeln auf ihrem Gesicht.

Es sah so aus, als würde er schlafen, aber sie wusste es besser. Das unruhige Zucken seiner Ohren war ihr Hinweis genug.

Sie wünschte sich, sie könnte ihm dabei helfen, das, was er erlebt hatte, endlich zu überwinden. Sie sah, wie sehr er darunter litt, jeden Tag, seit sie ihn kennengelernt hatte. Vielleicht war es keine gute Idee gewesen, das er sie auf dieses Abenteuer begleitete. Sie alle waren in keiner guten Verfassung gewesen, als sie aufgebrochen waren, aber im Gegensatz zu Rogue hatten sie die Probleme mit ihrer Freundschaft - wie schon so oft - schnell wieder in den Griff bekommen. Und die anderen Narben... sie würden heilen, mit der Zeit. Er dagegen hatte weitaus schlimmeres durch gemacht, bereits bevor er nach Ponyville gekommen war.

Sie erschauderte, als sie daran dachte, was er ihnen erzählt hatte. Sie konnte gut verstehen, warum er trotz seines Mutes und seiner Selbstlosigkeit so fragil war. Ein junges Fohlen sterben zu sehen... sich für seinen Tod verantwortlich zu fühlen...

Aber dennoch war er hier. Trotz allem bestand er darauf, sie beschützen zu wollen, stand er für sie ein, half ihnen und tat alles, um sich nichts anmerken zu lassen. Und war trotzdem immer noch überzeugt, dass es nicht genug war. Es schmerzte sie sehr mitanzusehen, wie er sich für sie aufrieb. Er bewunderte sie alle so sehr, das er glaubte, sein eigenes Wohlergehen spiele dabei keine Rolle.

Dummkopf, dachte sie, während sie ihn ansah, aber dieser Gedanke wurde mit so viel Verständnis und Sympathie gedacht, dass sie sich dafür nicht schämen musste. So war er einfach...

Wenigstens hatte er endlich genug Vertrauen in sie gefasst, dass er sich von ihr helfen ließ. Und helfen wollte sie ihm, mehr als alles andere. Nicht, weil sie es nicht mehr mitansehen konnte, wie er sich für sie aufopferte, oder weil er die Hilfe so dringend brauchte, sondern auch, weil sie es, aus dem tiefsten Inneren ihres Herzens, wirklich wollte. Wenn Sie ihm nur begreiflich machen könnte, dass er nicht weniger war als die Elemente, ihre Freundinnen, das er jetzt auch ein Teil des Ganzen war, das er wichtig war, wichtig für sie alle, wichtig für sie selbst...

Sie stoppte ihre Gedanken, bevor sie zu weit gehen konnte.

Sie betrachtete Rogue noch eine Weile lang, dann legte sie ihren Kopf zwischen ihre Vorderläufe. Nein, sie hatte kein Recht, so zu denken. Eine Weile lang hatte sie gedacht... hatte sie gehofft...

Aber er gehörte Applejack. Es war egal, was die beiden sagten, sie hatte die beiden gesehen, hatte den Ausdruck auf ihren Gesichtern bemerkt, wenn sie sich ansahen, immer dann, wenn sie glaubten, der andere würde es nicht bemerken. Sie glaubten, sie hätten sich entschieden und damit wäre das Thema beendet. Fluttershy lächelte traurig. Es war ein Gedankengang, den sie von Twilight erwartet hätte, aber sicherlich nicht von Applejack. Das Element der Aufrichtigkeit war überraschend gut darin, sich selbst zu belügen. Aber Sie wusste, dass das nicht so einfach war.

Der Verstand macht Pläne, aber der Geist hat Sehnsucht. Und das Herz weiß, was das Herz weiß.

Sie wollte nicht, aber sie konnte nicht anders, als ein Gefühl des Bedauerns dabei zu verspüren. Es war schön, ihn hier bei sich zu spüren und die Flügel schützend über ihn ausgebreitet zu haben. Es war schön, wie er sich ihr anvertraut hatte und zu wissen, das er auf sie vertraute. Es war schön, daran zurück zu denken, wie er sie gerettet hatte, wie er sein eigenes Leben für sie riskiert hatte. Wie sie zusammen in das Segel gefallen waren und wie er sie fest in seinen Hufen gehalten hatte, so fest, als wolle er sie nie wieder loslassen...

Sie schüttelte heftig den Kopf und versuchte die Gedanken los zu werden. Sie bemerkte das eine verräterische Röte auf ihr Gesicht gekrochen war und legte verlegen ihren anderen Flügel darüber. Nein, so durfte sie nicht denken. Er hatte AJ auserwählt. Und sie ihn. Die Liebe würde einen Weg finden. Und sie würde leise beiseite treten und sich für die beiden freuen.

Das war ihr Plan, aber die Sehnsucht verschwand dadurch nicht. Und ihr Herz wusste, das sie sich wünschte, sie irre sich.

Die Liebe würde einen Weg finden.


Rarity war die erste, die aus den Dunkeln zwischen den Hütten auftauchte. Sie trat unter das Dach ihres Verschlags und blieb stehen, um die beiden Ponys, die dort beieinander lagen, zu betrachten. Sie genoss die Friedlichkeit dieses Anblicks einen Moment lang, während sich ein warmes Lächeln auf ihre Lippen stahl.

Schließlich riss sie sich los und trat auf leisen Hufen zu dem kanariengelben Pegasus, der scheinbar bereits eingeschlafen war. Sie stupste sie vorsichtig mit ihrer Schnauze an, um sie nicht zu erschrecken. Sie wollte Rogue nicht wecken, der sich neben ihr unter ihrem Flügel zusammengerollt hatte. Er brauchte jede Ruhe, die er bekommen konnte.

Tatsächlich war es aber der Hengst, der als erster den Kopf hob, als er bemerkte, das Fluttershy sich müde bewegte. Er hob sofort alarmiert den Kopf und es dämmerte dem Einhorn, das er wahrscheinlich gar nicht geschlafen hatte.

„Wuh? Wah?", fragte Fluttershy noch im Halbschlaf.

Das Rettungspony schälte sich vorsichtig unter ihrem Flügel hervor und stand auf. Er starrte Rarity einige Sekunden an, so als würde er sie von der Mähne bis zum Huf einer Untersuchung unterziehen, dann zog er sie plötzlich in eine feste, erleichterte Umarmung.

Rarity war überrascht, ließ es sich aber gefallen. Als sie bemerkte, wie sein Körper zitterte, streichelte sie ihm beruhigend die Schulter und löste sich sanft von ihm. Sie lächelte zuversichtlich. „Es ist alles in Ordnung, Rogue. Mir ist nichts passiert."

Rogue ließ in einem tiefen Seufzer die Luft entweichen, von der er gar nicht gewusst hatte, das er sie angehalten hatte. Sein ganzer Körper sackte ein Stück in sich zusammen, als währe ein gutes Stück einer Last von ihm abgefallen, das auf seinen Schultern geruht hatte. Doch schon eine Sekunde später war er wieder auf den Beinen und sah sich wachsam um.

„Hast du etwas von den anderen gehört? Sind sie auch schon auf dem Weg?"

Die Einhornstute schüttelte ihren Kopf. „Nein, auf dem Weg hierher ist mir niemand begegnet."

Das Rettungspony knirschte mit den Zähnen. „Verdammt. Wenn ihnen etwas zugestoßen ist..." Er wollte entschlossen klingen, aber Rarity konnte die Anspannung und Erschöpfung in jedem seiner Worte hören. Schnell hob sie ihren Huf an seine Wange und zwang ihn, sie anzusehen.

„Mach dir keine Sorgen. Ich bin mir sicher, dass es ihnen gut geht. Diese Ponys sind... unkonventionell, aber fern ab davon Barbaren zu sein. Sie haben Sitten, die für uns ungewohnt sind, aber sie haben Sitten. Wir sind zu nichts gezwungen worden, das wir nicht wollten."

Er sah sie noch einen Moment ernst an, dann nickte er. „Ja. Ja, du hast recht. Ich... ich dachte nur... vergiss es einfach." Er zwang sich zu einem Lächeln. „Ich bin nur froh, das es dir gut geht, das ist alles." Er drehte sich um und machte Platz für Fluttershy, die ebenfalls eine kurze Umarmung mit dem Einhorn austauschte. Als sich die Stuten voneinander lösten, beeilte sich die Pegasusstute zu fragen: „Rarity, Rogue´s Wunde ist immer noch offen. Könntest du ihn bitte nähen, wie du es bei Worthwhile gemacht hast?"

Rarity zögerte einen Sekundenbruchteil lang, dann nickte sie. „Natürlich. Das mache ich gerne." Das war eine Lüge, wenn auch nur eine kleine. Die Erfahrung in dem improvisierten Lazarett vor dem Schiff hatte einen tiefen Eindruck bei der Fashionista hinterlassen. Der Anblick der geborstenen Knochen, die sich durch das Fleisch des ersten Offiziers gebohrt hatten, hatte sie bis in ihre Träume verfolgt. Sie hatte sich bis zum Äußersten zusammennehmen müssen, um den Fokus auf ihre Magie zu konzentrieren und die Stiche nicht weniger genau und präzise zu setzten, als sie es bei einer Ziernaht getan hätte. Es war ein blutiges und alles andere als ladyhaftes Geschäft gewesen, aber notwendig. Das tatsächliche Problem war jedoch gewesen, das sie unheimliche Angst davor gehabt hatte, etwas falsch zu machen. Haut und Fleisch hatte eine gänzlich andere Konsistenz als tote Stoffe. Rogue hatte ihr erklärt, wie ein chirurgischer Knoten zu setzen war und sie hatte es mit dem natürlichen Auffassungsvermögen einer erfahrenen Schneiderin sofort verstanden. Aber sie hatte auch gewusst, das jeder Fehler, den sie machte, ungeahnte Konsequenzen nach sich ziehen konnte. Es hatte ihr sehr geholfen, das anerkennende Lächeln auf Rogues Gesicht zu sehen, als er ihre Arbeit kontrolliert hatte.

Fluttershy dreht sich um und rief das Rettungspony. „Rogue, kommst du?"

Er warf die Schmerztablette ein, die er gerade hervor gekramt hatte und schleppte die Sanitätstasche zu den beiden Stuten. Dann legte er sich auf das Stroh und wandte ohne ein weiteres Wort schicksalsergeben den Kopf ab.

Fluttershy suchte die notwendigen Materialien hervor und drapierte sie auf der hoffentlich sauberen Lasche der Tasche. „Ich... ich könnte eines der Stammesponys suchen und nach Licht fragen...", sagte sie unsicher.

Rarity atmete tief durch. „Nicht nötig. Das Licht meines Horn wird genügen." Tatsächlich war sie ein wenig dankbar dafür. Das Licht der Magie war ein wenig dürftig, aber mehr als ausreichend. Und vor allem würde das Blut darin nicht so sehr... nach Blut aussehen. Das würde ihr mehr helfen als eine perfekte Ausleuchtung.

Sie befreite die Nadel aus ihrer sterilen Verpackung. „Dann gehen wir ans Werk.", sagte sie, mehr zu sich selbst.

Bei jedem Stich zuckte Rogue zusammen, auch wenn er versuchte es zu unterdrücken. Er vertraute Rarity, aber er wollte weder ihr noch Fluttershy die diffizile Arbeit einer lokalen Anästhesie zumuten. Er musste es einfach aushalten. Wie viele Stiche konnten es schon sein? Neun? Zehn?

Es wurden zwölf. Rogue war nicht weniger erleichtert als Rarity, als es endlich vorbei war. Er wandte den Kopf und besah sich das Ganze. Er konnte in dem schwachen Licht nur wenig erkennen, aber nickte dem Einhorn dennoch dankbar zu. Er wusste, das sie das brauchte und er war mehr als bereit es ihr zu geben. Er hatte ohnehin keine wirkliche Ahnung, ob es nun eine gute Naht war oder nicht, bis sie sich im falschen Moment löste... oder eben nicht. Sie hatte ihr Bestes gegeben, dessen war er sich sicher, und das war alles, was er verlangen konnte.

Fluttershy wickelte gerade unter seiner Anleitung einen festen Verband um seine Flanke, als Applejack mit Twilight unter das Dach trat.

Rogue wollte aufstehen, wurde jedoch von einem resoluten Blick Raritys zurückgehalten. Fluttershy wickelte die letzte Lage, während die anderen Freundinnen sich begrüßten und schloss sich ihnen dann an.

Das Rettungspony erhob sich schließlich und tauschte eine kurze Umarmung mit seiner Cousine und Twilight aus. Obwohl seine Sorgen hinsichtlich ihres Schicksals niemals ganz verschwunden waren, genügte nur ein Blick in ihre Gesichter, um ihn zu beruhigen. Applejack lächelt von einem Ohr zum anderen, während Twilight sich kaum zurückhalten konnte, sich mit den anderen über ihr Erlebnisse auszutauschen.

„Dieser Dialekt ist faszinierend! Der etymologischen Ursprung, den unsere beiden Sprachen entstammen, ist immer noch einwandfrei erkennbar! Obwohl durch die unterschiedlichen Lebensgewohnheiten und die lange Zeit lokal eingefärbt, ist der Silbenbaum der selbe und die Grundlagen sind leicht verständlich! Es hat ein wenig gedauert, aber nachdem ich Lange Horn gebeten hatte, langsam und deutlich zu sprechen, war eine Verständigung fast problemlos möglich. Ich habe mir seitenweise Notizen gemacht und bin mir sicher, das der Schlüssel zur Sprache der Stammesponys mehr in der unterschiedlichen Intonation liegt, als den Vokabeln. Schade, das mein Begleiter so schnell müde geworden ist, sonst hätte ich noch stundenlang mit ihm sprechen können!"

„Also, ich für meinen Teil verwehre mich strikt dagegen, diese Ponys als primitiv zu bezeichnen.", gab Rarity von sich. „Die Wunder, die dieser Hengst an meinem verspannten Nacken gewirkt hat, stehen selbst den besten Leistungen von Aloe und Lotus in nichts nach! Fällt euch übrigens nichts auf?" Sie stieß ihre sorgsam gepflegte Mähne mit ihrem Huf an. „Das Öl, das sie hier für ihre Mähnen verwenden, ist einfach himmlisch! Ich fühle geradezu, wie sich meine Spitzen von den vergangenen Strapazen erholen!"

Das war genug, um sie alle zum Lachen zu bringen. Sie alle hatten unter der Spannung gelitten, die ihre Gefangennahme und die anschließende Ungewissheit mit sich gebracht hatte. Selbst Rogue spürte, wie sich seine Lippen zu einem Lächeln verzogen. Letztlich war einfach nur froh, das sich seine schlimmsten Befürchtungen nicht bewahrheitet hatten.

Applejack räusperte sich vernehmlich. „S´ bin bestimmt nich´ nur ich, der froh is´, dass das Ganze gut für uns ausgegang´n is´, aber wir dürf´n nich´ vergess´n, das S´ hier noch genuch andere Probleme gibt."

Der kurze Moment der Entspannung war bei dieser Erinnerung schnell vergessen. Die Freunde starrten verlegen auf ihre Hufe, während sie sich ins Gedächtnis riefen, welche Hindernisse sich noch vor ihnen auftürmten.

„Ich mache mir Sorgen um Rainbow.", brach Fluttershy schließlich das Schweigen.

„Das tun wir alle.", antwortete Twilight schnell. „Wir müssen sie so schnell wie möglich wiederfinden. Deshalb hängt alles davon ab, wie die morgigen Gespräche mit Seilzug, oder dem Häuptling der ´Schwinge, Huf und Horn´ verlaufen. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was hier vor sich geht, aber es ist offensichtlich, das wir zunächst von ihrer Gunst abhängig sind. Seilzug hat uns zwar als Gäste willkommen geheißen, aber auch keinen Zweifel daran gelassen, dass das letzte Wort darin der Häuptling Torden Hallen hat. Ich hoffe, das wir ihn morgen treffen und unsere... Situation erklären können. Ich hoffe, er ist etwas offener, als es unser jetziger Gastgeber ist, denn ich denke hier geht mehr vor, als auf den erste Blick ersichtlich. Ich weiß nicht, wie diese Ponys hier normalerweise leben, aber diese extreme Vorsicht und Misstrauen scheinen mit kein normales Verhalten zu sein. Hier geht etwas größeres vor, von dem Seilzug uns gegenüber nichts erwähnen wollte. Und vor allem seine Reaktion, als wir die Zwillingsgipfel erwähnt haben, macht mir große Sorgen. Wenn Rainbow dort oben ist, könnte sie sich in großer Gefahr befinden!"

Die anderen nickten und ein bedrücktes Schweigen senkte sich über die Gruppe. Schließlich war es wieder Applejack, die das Wort ergriff: „Wenn se´ hier bei uns wär´, wär sie´s die sag´n würd´ ´Worauf warten wir dann noch?´ un´ irgend´n verrückt´n Plan für unsre Flucht aushecken tät."

Twilight konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, auch wenn es traurig aussah. Sie schüttelte den Kopf. „Und ich müsste es ihr dann wieder ausreden. Nein, wir sind auf die Hilfe des Stammes angewiesen. Wir haben selbst gesehen, das der Wald gefährlich ist und wir wissen immer noch nicht, was uns auf dem Berg erwartet. Wenn der Stamm uns helfen will, dann können wir sehr viel schneller bei ihr sein, als wenn wir es auf eigenen Huf versuchen. Es gefällt mir ebenso wenig wie euch, aber wir müssen uns gedulden. Und das Beste hoffen." Sie sah in die Dunkelheit zwischen den Hütten, so als würde sie etwas suchen. „Ich wünschte nur, Pinkie währe schon wieder hier. Sie wüsste bestimmt etwas, das uns aufmuntern würde. Und die Sorgen leichter zu tragen." Sie seufzte leise. „Sie kommt bestimmt bald.", schloss sie leise.

Die lavendelfarbene Einhornstute sah sich im Kreis ihrer Freunde um. „Wir sollten alle versuchen, noch etwas Schlaf zu bekommen. Der morgige Tag wird wahrscheinlich nicht weniger anstrengend als der heutige und wir werden unsere Kräfte brauchen."

Die Stuten zerstreuten sich und machten sich daran, ihre Schlafvorbereitungen zu treffen. Rogue war unter dem Dach hervorgetreten und warf einen kurzen Blick hinauf zu den Sternen, die hinter dem schützenden Netz des Dorfes funkelten. Dann sah er wieder die Dorfstraße hinab.

Als er merkte, das jemand neben ihn trat, wendete er den Kopf und war nicht überrascht, das es Applejack war. Sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln und stupste ihn sachte mit ihrer Schnauze an. „Wie geht´s dir?", fragte sie ihn.

Er setzte bereits zu einer Erwiderung an, als er sich daran erinnerte, was Fluttershy ihm gesagt hatte. Er musste kein Held sein. Es reichte, wenn er er war.

„Nicht all zu gut.", sagte er statt dessen. Er nickte in Richtung seiner verletzten Flanke. „Auch wenn ich noch einmal Glück gehabt habe, die Wunde ist nicht zu unterschätzen. Wir haben sie so gut es geht versorgt, aber ich mache mir Sorgen, das sie sich infizieren könnte." Er dachte kurz nach. „Ach, verdammt, ich glaube, das hat sie bereits. Das Problem ist eher, ob sich die Infektion ausbreitet. Ich glaube, ich habe ein kleines bisschen Fieber, auch wenn ich Medikamente dagegen genommen habe. Was ich jetzt bräuchte, währen ein paar Tage Ruhe. Aber es sieht nicht so aus, als würde ich die bekommen." Er seufzte leise.

Sie sah ihn einen Moment lang durchdringend an. „Das is´ aba noch nich´ alles.", stellte sie fest.

Er ließ seinen Kopf etwas hängen. War ihm sein Gefühlszustand neuerdings auf die Stirn geschrieben? War er so leicht zu durchschauen?

„Nein. Nein, das ist nicht alles." Er atmete tief durch. Es hatte ihn viel Kraft gekostet, sich Fluttershy anzuvertrauen. Musste er wirklich noch einmal da durch? Er war es Applejack schuldig, so viel war klar. Sie machte sich Sorgen um ihn und das aus gutem Grund.

Seltsamerweise gelang es ihm diesmal wesentlich leichter, das, was in seinem Innersten vorging, in Worte zu fassen. Die Offenbarung an Fluttershy war ein Kampf mit sich selbst gewesen. Jetzt jedoch, in Gegenwart seiner Cousine war es zwar noch immer kein Spaziergang, aber dennoch nichts im Vergleich zu dem, was er vorher ausgestanden hatte.

Für einen Moment lang war er versucht zu Glauben, es würde an AJ liegen, das die Wörter, mit denen er vorher so viel Mühe gehabt hatte, so mühelos aus ihm herausflossen, aber noch während er sprach, reifte in ihm die Erkenntnis, das es nicht daran lag. Es war vielmehr daran gelegen, das er diesen Schritt schon einmal getan hatte, das eine Stute es bereits geschafft hatte, seine Widerstände zu überwinden und ihn dazu zu bringen, sich ihr anzuvetrauen. Und er fühlte, das dadurch nicht nur das reine Erzählen leichter wurde, seine Hemmschwelle gesunken war, sondern auch das, worüber er sich so lange den Kopf zerbrochen hatte, seine Angst und Unsicherheit, das Gefühl den Boden unter den Hufen zu verlieren, schwächer geworden war. Es war immer noch da, unleugbar, aber es war nun nicht mehr überwältigend, verzweifelnd und aussichtslos. Er hatte sich einen Teil seiner Last von der Seele geredet und wieder frischen Mut und Zuversicht in die Kraft der Freundschaft zwischen ihnen allen gefasst. Und dieses Gefühl wuchs noch mehr, als er Applejack alles erzählte.

Die Stute hörte aufmerksam zu und als er geendet hatte, nickte sie langsam. „Sie hat recht, weißt du? S´ is´ meistn´s Fluttershy die de´ rechten Worte find´n kann bei sowas. Du bis´ wichtig, Rogue. Wichtig für uns alle. Nich´ weil de´ Medizin kannst, oder n´starker Hengst bis´... sondern weil du du bist. Du bis´ Rogue. Unser Freund. Un´ sollang´s uns gibt, bis´ du nicht allein."

Er spürte, wie sich wieder ein Kloß in seinem Hals bildete. Er schluckte schwer, um die Tränen zurückzuhalten. „Danke, AJ. Das bedeutet mir sehr viel."

Sie lachte und warf sie um seinen Hals für eine herzhafte Umarmung. „Immer, Cousin. Jetzt un´ für alle Zeit."

Sie hielten sich eine kleine Ewigkeit in ihren Hufen, bevor sie sich voneinander lösten.

„Komm, Rogue. Wir sollt´n schon längst schlaf´n. Du vor allem. Wenn de´ so viel abgekriegt hast, biste schon viel zu lange auf´n Beinen."

Er nickte zustimmend, blieb aber dennoch stehen. „Geh schon mal voran. Ich warte noch auf Pinkie." Dann drehte er sich um und und starrte wieder in die Finsternis.

Applejack legte ihren Huf auf seine Schulter. „Se´ is´ ok, Rogue. Du brauchst dir keine Sorg´n um se´ zu mach´n."

Er drehte sich nicht um, als er antwortete. „Ich weiß. Aber... ich glaube nicht, das ich schlafen kann, bevor sie wieder hier ist. Ich... muss einfach sicher sein."

Sie betrachtete ihn noch einen Moment lang, dann zog sie ihren Huf zurück und kehrte unter das Dach zurück.

Tatsächlich wollte er nichts mehr, als sich endlich hinzulegen und diesen langen, bittersüßen Tag endlich enden zu lassen. Doch obwohl alles Stuten zurück gekehrt waren, ohne das sich seine schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet hatten, wollte er diesem Bedürfnis nicht nachgehen, bevor nicht auch die letzte sicher zurückgekehrt war. Und dabei dachte er nicht nur an Pinkie Pie. Seine Gedanken galten auch Rainbow, die irgendwo dort draußen heute Nacht ohne die beruhigende Gesellschaft ihrer Freunde zurecht kommen musste. Auf ihre Rückkehr konnte er nicht hoffen, zumindest heute nicht. Aber er war es seiner ältesten Freundin aus Ponyville schuldig, hier für sie Wache zu stehen. Was alles andere als leicht war.

Er fühlte, wie seine Gedanken zunehmend abschweiften. Sein verletzter Oberschenkelmuskel begann leicht zu zittern, auch wenn die Schmerzen wegen der Medikamente verschwunden waren. Das Gefühl der Kälte, das trotz der lauen Temperaturen auf ihn eindrang, nahm schleichend zu, bis er sich selbst eingestehen musste, das sein Fieber stieg. Es war dumm, weiter hier zu stehen, statt seinem Körper endlich die verdiente Ruhe zu gönnen, dessen war er sich im Klaren. Dennoch wartete er.

Er bemerkte nicht, wie Fluttershy und Applejack hinter ihm leise auf Twilight einredeten. Die Einhornstute hörte einen Moment lang zu, dann nickte sie ernst. Ihr Horn erstrahlte kurz in violetten Glanz.

Rogue fühlte, wie sich seine Lider gegen seinen Willen senkten. Die Erschöpfung, die er so lange von sich geschoben hatte, kam mit aller Macht zurück und schien ihn schier zu überwältigen. Sein Kopf senkte sich müde, obwohl er mittlerweile am ganzen Körper vor Kälte zitterte. Noch einmal riss er sich zusammen und versuchte den heranbrausenden Schlaf zu verdrängen. Er schüttelte sich und gähnte lange. Es half nur ein paar Sekunden. Als seine Willenskraft schwand, setzte er sich auf die Hinterläufe, die ihn kaum mehr tragen wollten. Er bekam kaum mehr mit, wie er seinen Kopf auf seine Vorderläufe bettete, bevor er in einen tiefen, traumlosen Schlummer versank.


Er erwachte in dieser Nacht nur einziges Mal. Geschüttelt von dem Gefühl des Fiebers und der kalten Nachtluft, schlug er seine Augen auf und hatte für einen schrecklichen, angsterfüllten Moment vollständig vergessen, wo er war. Seine Kehle war ausgedörrt und rau wie Sandpapier. Er fühlte, wie sein Körper glühte, aber dennoch schien er bis auf die Knochen zu frieren. Es war fast vollständig dunkel um ihn herum. Selbst das indirekte Licht der Wachfeuer war schwach geworden. Er wollte laut rufen, nach seiner Mutter, nach Grace, nach irgendjemanden.

Doch dann spürte er die beruhigende Wärme lebendiger Körper um ihn herum. Er lag in einem warmen, weichen Haufen aus Stuten, die sich um ihn herum zusammengerollt hatten und ihn gegen die schlimmsten Unbillen der Nacht abschirmten. Und als sich ein Flügel wie eine warme Decke über ihn ausbreitete, erinnerte er sich trotz seines verwirrten Geistes und seine Angst verflog. Er war unter Freunden. Er war in Sicherheit.

Beruhigt sank er zurück in den Schlaf.


„Guten Morgen!"

Twilight schlug müde ihre Augen auf und blinzelte in die frühe Morgensonne, die bereits ihre ersten Strahlen über den Wall der Siedlung warf. Um sie herum regten sich langsam ihre Freundinnen, die ebenso von dem quietschig, fröhlichen Morgenruf geweckt worden waren.

Pinkie hüpfte munter unter das Dach, während sie gleichzeitig ein schwer beladenes Tablett mit allerlei Köstlichkeiten auf ihrem Rücken balancierte. Sie hielt vor dem Ponyhaufen an und stellte die Frühstückspalette auf dem strohbedeckten Boden ab.

„Raus aus den Federn! Oder aus dem Stroh! Bis auf Fluttershy, die darf ihre Federn behalten." Sie warf einen neugierigen Blick auf das Rettungspony, das noch immer in ihrer Mitte schlief und dabei leise schnarchte. „Und natürlich Rogue. Er sieht so aus, als hättet ihr ihn die halbe Nacht wach gehalten, trotz allem, was er durchgemacht hat. Der Ärmste!", sie lachte ausgelassen.

Die lavendelfarbene Einhornstute schüttelte sich die letzten Reste Schlaf aus den Augen und suchte tief in sich nach der Ruhe, die sie jetzt brauchte. Sie liebte Pinkie wie eine Schwester, die sie nie gehabt hatte, aber das änderte nichts an ihrem plötzlichen Impuls sie erwürgen zu wollen.

„Pinkie?", fragte Twilight.

„Ja, Twi?", Das pinke Pony war gerade dabei an einer gelben Frucht zu mümmeln und sah unschuldig auf.

„Wir haben auf dich gewartet. Wo... was hast du die ganze Nacht gemacht?", fragte das lavendelfarbene Pony vorsichtig.

Pinkie sprang auf und hüpfte aufgeregt auf der Stelle. „Oh, Twilight, es war einfach wunderbar! Stor Donner ist einfach unglaublich! Zuerst war er ein wenig schüchtern, also habe ich einfach angefangen. Ich habe ihm gezeigt, wie alles gemacht wird und er war sofort voll dabei! Wow, diese Eingeborenen sind wirklich gelenkig!" Sie schlang freudig ihre Vorderhufe um den Hals ihrer Freundin, während Twilights Gesicht immer neue Schattierungen von Rot annahm.

„Stell dir vor, er hat die ganze Nacht durchgehalten! Ich meine, das ist mir noch nie passiert! Klar, am Anfang war es ein bisschen schwierig, weil er so groß ist..."

„Äh,... Ähm... Pinkie..."

„...aber wir haben uns dann schon irgendwie arrangiert. Große Ponys sind einfach toll! Ich habe mir schon oft vorgestellt mit Big Mac..."

„Äh... Was?"

„...oder mit Prinzessin Celestia oder Prinzessin Luna..."

„Was...WAS?"

„...aber das es so toll wird! Ich hatte ja keine Ahnung! Wir konnte Sachen machen, die sonst unvorstellbar wären! Also anatomisch. Zu schade, das er im Morgengrauen eingeschlafen ist."

Twilight schob die pinke Stute von sich weg, ihr Gesicht eine gerötete Maske des Entsetzens.

„Pinkie... was... was... was hast du getan?"

Pinkies Augen wurden groß und ihr Anglitz nahm einen verträumten Ausdruck an.

„Beste... Twister... Runde... aller... Zeiten!"


Twilight, Pinkie und Applejack bereiteten aus den Zutaten, die die pinke Stute vorbeigebracht hatte ein kleines Frühstück zu, während Fluttershy und Rarity nach dem immer noch schlafenden Rogue sahen. Als die beiden Stuten zurück kamen, hob Twilight fragend ihren Kopf.

„Wie geht es ihm?"

Fluttershy setzte sich und stieß einen tiefen Seufzer aus. „Es geht ihm besser.", brachte sie schließlich leise hervor. „Das Fieber ist fast gänzlich verschwunden. Die Wunde an seinem Oberschenkel ist noch immer etwas entzündet, aber es ist nicht so schlimm, wie ich befürchtet habe. Die Antibiotika, die er genommen hat, müssen endlich anschlagen."

Twilight wartete einen Moment lang, ob ihre Freundin fortfahren würde, dann lächelte sie aufmunternd. „Das sind doch gute Nachrichten, oder?", fragte sie, als sie Fluttershys sorgenvolle Miene sah.

Der kanariengelbe Pegasus zögerte kurz, so als müsse sie ihren Mut zusammennehmen. Dann hob sie ihren Kopf und sah Twilight in die Augen. „Ich mache mir große Sorgen um ihn. Das Fieber kam nicht alleine von der Wunde. Hast du heute Nacht nicht gefühlt, wie heiß er war? Er hat förmlich geglüht! Und das trotz der Antibiotika und der fiebersenkenden Mittel!"

Das Einhorn dachte einen Augenblick nach. „Ist er krank?", fragte sie schließlich.

Fluttershy schüttelte den Kopf. „Nein, Twilight. Er ist erschöpft, verstehst du? Er hat so viel durchgemacht in den letzten Tagen: Die Verletzung durch die Schattenwölfe, der... das Missverständnis mit Meister Petz, der Schlag auf den Kopf beim Absturz und jetzt auch noch diese Speerwunde. Zum Glück ist er er ein starkes Pony und zäher als Baumrinde, sonst würde es ihm sehr viel schlechter gehen. Aber auch er hat seine Grenzen. Und es ist nicht nur das..." Sie biss sich schnell auf die Lippen, als wäre ihr fast etwas über die Lippen geschlüpft, das sie nicht sagen wollte.

Die lavendelfarbene Stute sah ihre Freundin einen Moment lang an, dann glitt ihr Blick zu dem Hengst, der etwas abseits von ihnen ruhig schlummert. Sie betrachtete ihn eine Weile, dann fragte sie: „Es ist auch seine Psyche, nicht wahr?" Sie sah zurück zu Fluttershy, die besorgt auf ihre Hufe starrte, unsicher darüber, ob sie einen Vertrauensbruch beging, wenn sie antwortet. Schließlich gab sie sich selbst einen Stoß und nickte kaum merklich. „Ja."

Twilight schüttelte langsam ihren Kopf. „Ich weiß, was er uns erzählt hat ist schrecklich. Kein Pony sollte so etwas durchmachen müssen. Und anstatt besser, scheint es immer schlimmer zu werden. Ein Horror jagt den nächsten und er ist immer dabei, immer mittendrin..." Sie sah auf. „Aber warum nimmt es ihn so viel mehr mit, als uns? Warum leiden wir nicht so sehr darunter?"

Der Pegasus zögerte, bevor sie antworte. „Wir haben schwere Zeiten durchgemacht, aber wir waren von Anfang an Freundinnen. Er... er fast nur langsam Vertrauen zu uns. Er kann es nicht anders. Er...", sie errötete leicht und sah verlegen weg. „...er ist es nicht gewohnt, anderen Ponys so nahe zu sein. Er hat Applejack blind vertraut, weil sie zur Familie gehört und sie sich von früher kennen, aber seit... es ist etwas zwischen den beiden passiert, das sie voneinander entfernt hat. Er versucht es, Twilight. Er versucht es wirklich, mit ganzen Herzen. Aber wir haben ihm Jahre der Freundschaft und viele gemeinsame Abenteuer Vorsprung. Das hilft uns mehr, als wir selbst es merken." Sie drehte sich um und betrachtete ihn. Ein leicht verträumtes Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, das sie selbst vielleicht gar nicht bemerkte. „Er ist müde. So unendlich müde. Aber er findet keine Ruhe." Der träumerische Ausdruck auf ihrem Gesicht verschwand und machte Traurigkeit Platz. „Ich wünschte, ich könnte ihm mehr helfen, Twilight. Er leidet. Und er glaubt, das sei gut so. Er glaubt, es sei seine Schuld, das er Fehler gemacht hat, die er wieder gut machen muss. Deshalb ist er hier. Und deshalb geht es ihm immer schlechter."

Eine Weile wurde es still zwischen den beiden, während nur die leisen Geräusche der anderen Freundinnen erklangen, die still das Frühstück vorbereiteten und dabei die Ohren spitzten. In der Ferne gab das rhythmische Klingen von Metall auf Metall davon kund, dass die Schmiedin wieder ihr Handwerk aufnahm.

„Was können wir tun?", fragte Twilight schließlich.

Fluttershy drehte ihr den Kopf zu. „Sein Körper braucht Ruhe. Wenn sein Fieber heute Abend nicht mehr wiederkommt, ist das Schlimmste überstanden. Aber es kann nicht ewig so weitergehen. Er braucht mehr als eine Verschnaufpause." Sie seufzte leise. „Was seinen Geist angeht... weiß ich es nicht. Er öffnet sich uns, wenn auch nur langsam. Wenn wir ihm weiterhin gute Freundinnen sind, macht es ihm vielleicht vieles leichter. Aber die Lösung liegt in ihm, nicht in uns. Wir können ihn nur unterstützen."

Das lavendelfarbene Einhorn nickte verstehend und dachte einen Moment lang nach. Sie kam zu einem Ergebnis, das ihr nicht gefiel, aber dennoch ausgesprochen werden musste.

„Fluttershy, wir können ihn nicht hier lassen. Ich vertrauen diesen Ponys nicht genug, als das wir ihn in ihrer Obhut lassen könnten. Sie verbergen etwas vor uns und ich bezweifle, das es eine Nichtigkeit ist. Und mit Rainbows Leben, das auf dem Spiel steht...", sie strich sich frustriert mit dem Huf durch ihre Mähne, „...kann ich es nicht riskieren uns aufzuteilen. Wir müssen zusammen bleiben. Darin liegt derzeit unsere einzige Sicherheit." Sie schluckte schwer. Der Pfad, dem ihre Gedanken folgte, war unausweichlich. Aber dennoch schreckte sie davor zurück.

Sie sah sich im Kreis ihrer Freundinnen um, die langsam an der Zubereitung der Speisen arbeiteten, aber dennoch jedes ihrer Worte begierig aufsaugten. Sie war die Anführerin. Sie alle warteten darauf, was für eine Entscheidung sie traf. Sie öffnete ihren Mund, um die entscheidende Frage zu stellen, die ihren Weg auf dem Pfad zementieren würde.

Es gab keinen Ausweg. Es gab nur diesen einen Pfad. Sie konnte Rogue nicht hier zurücklassen und sie konnte kein Pony entbehren, um seine Sicherheit zu garantieren. Aber dennoch konnte sie es nicht über ihr Herz bringen, die Entscheidung auszusprechen.

Sie war sich schon einmal einer Entscheidung so sicher gewesen. Sie hatte schon einmal am Scheideweg gestanden und keinen Ausweg, keine Abzweigung, keine Alternative gesehen. Und es hatte in einem Disaster geendet. Die Erkenntnis war erst hinterher gekommen, als sie auf ihre Fehler zurückblicken konnte, schlauer und erfahrender als zuvor. Als sie wusste, das sie von völlig falschen Ansätzen her gehandelt hatte. Sie dachte, sie währe an dieser Erfahrung gewachsen, das sie nie wieder die selben Fehler begehen würde, wie sie es getan hatte, als sie auf Starry Wisdom gehört hatte. Aber die Umsetzung dieser Vorsätze gestaltete sich in der Realität schwieriger als sie gedacht hatte.

Durfte sie den überhaupt noch auf ihre Intuition vertrauen, die sie schon einmal so in die Irre geführt hatte? Oder war etwas grundsätzliches mit ihrer Einschätzung verkehrt, ein Fehler in ihrer Denkweise, ein fundamentales Problem, das alles in Frage stellte, wie sie die Herausforderungen anging, die sich ihr stellten?

Rogues Schicksal lag in ihren Hufen. Sie wagte nicht einmal ansatzweise sich vorzustellen, was in ihm wirklich vorging. Das einzige, was sie mit Sicherheit wusste, war, das er labil war, unzuverlässig und ein unbekannter Faktor in der Gleichung. Nicht weil er ein schlechtes Pony war oder ein schlechter Freund. Sondern weil er nicht so stark war, wie die anderen. Er war nicht so stark, weil sie alle ihm nicht den Rückhalt gegeben hatten, den er gebraucht hatte. Weil sie ihn nicht so behandelt hatten, wie er es benötigt sie es nicht geschafft hatten zu seinem Kern vorzudringen und zu heilen, was immer dort falsch lief. Fluttershy mochte richtig damit liegen, das seine Genesung von ihm selbst ausgehen musste, aber es war ihre Aufgabe als seine Freunde ihm dabei zur Seite zu stehen.

Sie wünschte, sie könnte mit ihm reden, bevor sie eine Entscheidung über ihn traf. Sie wünschte, sie könnte, nur für nur einen Augenblick, in sein Innerstes blicken und die Wahrheit darin lesen. Sie wünschte, sie könnte sich über all seinen Stolz. sein Selbstbild und sein mangelndes Selbstvertrauen erheben und ihm, von wahrem Angesicht zu Angesicht fragen, was ihm auf dem Herzen brannte. Sie wünschte sich, das all die Masken verschwinden würden, die sie alltäglich aufsetzten.

Aber es war nur ein frommer Wunsch, den sie hegte. Selbst ihre besten Freundinnen hegten Geheimnisse vor ihr, verstohlene Wünsche und uneinsichtigen Stolz, ein ums andere Mal. Und sie selbst... sie war um kein Gramm besser. Daran war nichts falsches, darin lag die eigene Identität, das eigene Selbst, das immer wieder davon überzeugt werden musste, das zusammen so vieles leichter zu ertragen war, als alleine. Sie alle lernten, noch immer und fortwährend. Wie konnte sie erwarten, das Rogue sich ihr offenbarte, wo sie selbst geschwiegen hätte? Sie musste eine Entscheidung treffen. Und wenn er nicht selbst für sich sprechen konnte, dann das Pony, das ihm am nächsten stand.

Sie schluckte schwer. „Wird er durchhalten? Kann er... kann er mit uns Schritt halten?" Sie konnte selbst nicht glauben, das sie diese Frage stellte. Sie war so kalt, so mitleidslos und berechnend, das es ihre Seele verletzte. Sie versuchte sich damit zu trösten, dass, wenn sie Rainbow retteten, dass, wenn sie dieses Abenteuer glücklich überstehen würden, sich auch Zeit genug für Rogue ergeben würde. Zeit genug, um ihre Fehler wieder gut zu machen. Zeit genug, sich nur ihm zu widmen und und alle Wunden zu heilen, die sie jetzt nicht umgehen konnte. Sie konnte keine Rücksicht nehmen. „Wird er es schaffen?"

Die Worte waren wie heiße Asche in ihrem Mund. Sie spuckte sie heraus und konnte selbst nicht glauben, das sie sie ausgesprochen hatte.

Einen Moment lang schwieg Fluttershy und warf ihr einen schüchternen, vielsagenden Blick zu, dann brach sie ein und wandte ihr Gesicht ab. „Es wird immer schlimmer werden.", flüsterte sie. Dann wandte sie einen flehentlichen Blick an Twilight. „Er... er hat genug, Twi. Bitte. Lass ihn ausruhen. Ich kann nicht... ich kann nicht garantieren, das er sich wieder davon erholt. Selbst wenn sein Körper mitspielt, wird er irgendwann so sehr zerbrechen, dass nichts ihn wieder zusammenfügen kann. Ich weiß, das er wichtig ist... wichtig für Equestria, wichtig für uns, aber was wollen wir den noch von ihm verlangen? Was will er uns denn noch geben? Ist es nicht langsam genug? Ist es immer noch nicht genug?"

Twilight senkte ihre Augen. Sie konnte Fluttershy verstehen. Mehr noch, tief in ihrem Innersten stimmte sie ihr von vollem Herzen zu. Aber sie alle hatten eine Aufgabe zu erledigen, die in ihrer Wichtigkeit über ihrem eigenen Wohl stand.

Da, sie hatte es gedacht. Diesen Gedanken, so berechnend und rücksichtslos, so... unponyhaft, das es ihr ein Schauer über den Rücken jagte. Konnte sie wirklich sehenden Auges das Wohlergehen eines anderen Pony opfern, für Equestria, für das höhere Wohl? Der kühle, rationale Teil ihres Verstandes stimmte dem unumwunden zu. Sie alle hatten bereits das ein oder andere Opfer für ihre Mitponys gebracht und das Wohl aller wog wesentlich schwerer als das Wohl des einzelnen.

Aber ihre emotionale Seite wehrte sich nach Geisteskräften gegen solche Gedankengängen. Es war... falsch. Einfach falsch. Mochte die Gleichung auch noch so eindeutig sein, das, was ihr Ergebnis implizierte war das Gegenteil allen, wofür sie diese Reise überhaupt angetreten hatten. Wenn Rogue einen bleibenden Schaden davon trug, ob nun an Körper oder Geist, selbst wenn er es freiwillig tat, sie konnte, sie durfte es nicht mit der Notwendigkeit rechtfertigen. Das währe der Anfang vom Ende. Über Kurz oder Lang würden sie immer mehr auf diesem blutbesudelten Altar opfern, bis nichts mehr von dem übrig war, was sie ursprünglich hatte retten wollen.

Equestria durfte nicht auf dem Blut von Helden bestehen.

Sie hob ihren Kopf und schenkte Fluttershy einen zuversichtlichen Blick. „Ja, es ist genug." Die kanariengelbe Stute schloss ihre Augen und stieß einen hörbaren Seufzer der Erleichterung aus.

„Aber wir können ihn auch nicht hier lassen. Abgesehen davon, das wir ihn wahrscheinlich festbinden müssten, um ihn davon abzuhalten uns zu begleiten." Die Vorstellung brachte sie beide zum Lachen, aber sie wurden schnell wieder ernst. „Er wird mit uns kommen müssen. Aber wir müssen mehr auf ihn aufpassen." Twilight hob ihren Huf und setzte ihn auf die Brust ihrer Freundin. „Du ganz besonders, Fluttershy. Wenn der Bruch zwischen ihm und Applejack wirklich so groß ist, dann bist du diejenige, der er am nächsten steht."

Die Pegasusstute blickte entsetzt auf den Huf auf ihrer Brust und dann wieder zurück zu Twilight. „I...Ich?", fragte sie entsetzt. „Aber... aber Applejack w-währe viel besser... ich bin nur... sie kann bestimmt..."

Das Einhorn schüttelte ihren Kopf. „Wenn etwas zwischen den beiden steht, dann sollten wir ihn nicht noch damit belasten, das wir ihm AJ ans Bein binden. Ihr zwei versteht euch doch gut, oder?" Sie warf einen fragenden Blick auf die Stute.

Fluttershy sah verlegen auf ihre Hufe und errötete leicht. „Ja. Ich glaube schon", piepste sie schließlich.

Twilight lächelt. „Gut." Dann wandte sich an den Kreis ihrer Freundinnen. „Wir wissen alle, wie es um unseren Freund steht. Fluttershy und ich sind sicherlich nicht die einzigen, die sich Sorgen um ihn machen. Wir müssen besser auf ihn aufpassen und ihm helfen, wo wir nur können. Er hat so viel für uns getan und das so klaglos, das wir es vielleicht schon fast als selbstverständlich hingenommen haben. Aber es ist alles andere als das!" Sie klopfte mit dem Huf auf den Boden, um ihrem Argument mehr Nachdruck zu verleihen. „Rogue ist unser Freund und wenn er unsere Unterstützung braucht, sind wir für ihn da. Stimmts?"

„Ja, das Stimmt!", kam die einhellige Zustimmung aus der Runde. Die Einhornstute nickte zufireden. „Dann ist es beschlossen. Wir haben alle ein Auge auf ihn."

Die Freundinnen nickten und machten sich daran, ihre Vorbereitungen zu Ende zu bringen, damit sie essen konnten.

Twilight schnitt eine der saftigen, gelben Früchte in mundgerechte Stücke und kratzte dann die Reste des Fruchtfleisches von dem Holzteller. Es geschah etwas langsamer, als es ihre Magie erlaubte hätte, denn innerlich konzentrierte sie sich auf etwas ganz anderes.

Es war wahr, das sie Rogue als Freund betrachteten, aber es war ebenso richtig, dass er nicht so sehr ein Teil von ihnen war, wie sie es voneinander gewohnt waren. Es mochte richtig sein, das es alleine die Zeit und die gemeinsamen Erfahrungen waren, die ihn noch von ihnen trennten. Doch tief in sich drin glaubte Twilight, dass dies nicht der einzige Grund war. Es mochte sein, dass Rogue es nicht gewöhnt war, wahre Freunde um sich zu haben. Oder es war so, wie sie es vermutete, der Schmerz, den der Hengst mit sicher herumtrug.

Sie seufzte still. Sie hatte nicht gelogen, als sie zu ihm gesagt hatte, sie wünschte sich, er hätte sie alle vor den schrecklichen Ereignissen in Ponyville kennengelernt. Und mehr noch. Sie wünschte sich, sie hätte ihn kennengelernt, bevor er... bevor das Fohlen gefallen war. Vielleicht würde es ihm jetzt anders gehen, wenn er sie alle in der Blüte ihrer Freundschaft erlebt hätte. Und wenn er nicht selbst sein schweres Los zu tragen hätte... wie gut würden sie sich jetzt alle mit ihm verstehen? Wie viel weiter wäre ihre Freundschaft bis hierhin gewachsen?

Sie wünschte sich, sie könnte darüber schreiben, Sie wünschte sich, sie könnte ihren altvertrauten Federkiel aufheben und die vielen, vielen Dinge die auch für sie immer noch neu und voller Wunder waren, Wunder die Freundschaft und Innigkeit mit sich brachten, zu Papier bringen.

Es waren Wunder. Wunder ließen sich nicht rational erklären, entglitten dem empirischen Verstand und entzogen sich kühlen Erklärungen. Sie zu Papier zu bringen, war für Twilight immer ein Akt der Reinigung gewesen, des Orientierens auf einem Gebiet, das sie nicht aus Büchern lernen konnte, sondern nur im wunderbaren, erfüllenden Feldversuch. Wenn es niedergeschrieben war, dokumentiert, tat sie sich leichter es zu erfassen, ließ sie es aus ihrem Herzen in ihren Verstand fließen und begann es letztlich wirklich zu begreifen. Zu lernen.

Und wenn sie dann alles an Spike übergab, damit Prinzessin Celestia es lesen konnte... damit ihre Mentorin voll Weisheit und äonenalter Erfahrung mit freundlichen Worten und Stolz ihre Antwort gab, ihrem immer zweifelnden Geist Halt und Gewissheit verlieh, das alles, was ihr richtig erschienen war, auch wirklich richtig war...

...dann erst schien es für sie Realität zu werden.

Aber das war jetzt nicht möglich.

Nicht nur weil Spike ihre Botschaft nicht in seinen verzauberten Flammen senden konnte. Twilight konnte Rogue gut verstehen. Manche Geheimnisse mussten Geheimnisse bleiben, für sich selbst, zumindest eine Zeit lang. Sie konnte Celestia nicht über das schreiben, was sie hier taten, was sie hier erlebten. Noch nicht. Wenn sie Erfolg hatten, mochte sich das ändern. Aber jetzt musste das ihr Geheimnis bleiben. Ein Geheimnis aus Stolz, Scham und allen falschen Gründen.

Sie konnte Rogue gut verstehen.


Er kannte das Phänomen aus seinen Schichtwechseln: Nachdem der Körper gewöhnt war zu unmöglichen Zeiten geweckt zu werden, stellte sich die innere Uhr darauf ein. Man schlug die Augen auf, hellwach und für einen Moment erschreckt, ob man den Wecker überhört hatte.

Er rollte sich herum und war im Hufumdrehen auf den Beinen, auch wenn er sein Gesicht verzog, weil die Wunde an seinem Hinterlauf einen kurzen Stachel der Pein durch sein Bein jagte. Er war bereit sich dem nächsten Unglück, der nächsten furchtbaren Folge zu stellen, die seine Unaufmerksamkeit unweigerlich nach sich ziehen musste.

Statt dessen starrte er in die Gesichter von fünf recht überrascht wirkenden Stuten, die ihn mit einem frisch zubereiteten Frühstück erwarteten. Keine Gefahr in Sicht. Keine besorgten, anklagenden Blicke.

Er brauchte einen Moment, um seinen Verstand von voller Alarmbereitschaft auf ein Maß normaler zwischenponylicher Interaktion herunterzufahren. Es erschreckte ihn ein wenig, das dieser Zustand ihm fast normaler vorkam, als alles andere. Selbst als sich sein Herzschlag beruhigte und er langsamer atmete, während die Anspannung von ihm abfiel, fühlte er immer noch, wie sich sein Körper unwillkürlich bereit hielt. Als würde das nächste Unglück sich nur hinter der nächsten Hüttenecke verstecken, bereit hervor zuspringen, wenn seine Wachsamkeit endlich nachließ. In Anbetracht der Umstände hätte er das begrüßen müssen, aber jetzt bereitete es ihm einfach nur zunehmende Kopfschmerzen. Mehr noch, nachdem die erste Welle Adrenalins von seinem Aufwachen abflachte, machte sich die viel zu kurze Nacht und die Entbehrungen der letzten Tage bemerktbar.

Sein ganzer Körper schmerzte, als währe er einmal kräftig auf links gedreht worden. Er musste sich für einen Moment konzentrieren, damit seine Sicht nicht verschwamm, als sein Kreislauf eine müde Kapriole schlug. Dann stand er wieder gerade.

„H-Hey...", brachte er langsam hervor. Sein Zunge klebte dick und rau an seinem Gaumen und ließ ihn nur verwaschen sprechen. Er brauchte dringend einen Schluck zu trinken. Und... eines der anderen Gefäße. „Bin..." er schluckte trocken und versuchte seine Worte deutlicher aus einem Mund hervorzupressen, der sich immer mehr wie Sandpapier anfühlte. „...bin gleich wieder da."

Er wankte etwas unsicher zu den Tonkrügen hinüber und schnüffelte prüfend an jedem, um nicht das falsche zu erwischen. Als er sich sicher war, keinen schlimmen Fehler zu begehen, hob er das Gefäß auf und trank in großen, gierigen Schlücken. Das Wasser fühlte sich herrlich kalt auf seiner wunden Kehle an, auch wenn das Schlucken ihm Schmerzen bereitete. Als er meinte, das sein Bauch gleich nachgeben würde, suchte er einen leeren Krug und sah sich suchend nach einer stillen Ecke um, die er nutzen konnte, um zu tun... was getan werden musste.

Das stellte ihn vor unvorhergesehene Probleme. Die ausgetretenen Pfade zwischen den Hütten waren bereits reichlich mit den Dorfponys belebt, die ihrer täglichen Arbeit nachgingen. Sie erregten nicht mehr so viel Aufsehen, wie bei ihrer gestrigen Ankunft, aber dennoch genug, damit Rogue sich sehr beobachtet vorkam. Davon abgesehen hatten sich auch wieder ihre Bewacher eingefunden, auch wenn einige der Verehrer durch neue ersetzt worden waren.

Das Rettungspony strich sich frustriert mit dem Huf über das Gesicht. Er hatte nicht die Kraft, sich mit einem Stammespony, dessen Sprache er nicht verstand, über die Notwendigkeit sanitärer Grundsätze zu streiten. Was sein musste, musste sein. Er nahm die dünne Stehle der Überdachung als lächerlichen Sichtschutz, um wenigstens seinen Freundinnen den Anblick zu ersparen. Es half nicht gerade, das sie ihm immer wieder verstohlene Blicke zuwarfen.

Schließlich stellte er erleichtert den Krug ab und trottete zu den wartenden Stuten zurück, die ihn alle in verschiedenen Stadien des Entsetzens anstarrten, bis auf Pinkie Pie, die sich sichtlich ein Kichern verkniff und Fluttershy, die ihn mit leichter Sorge in ihrer Miene betrachtete. Er versucht seinem Schritt etwas Lockeres zu geben, als währe er sich nicht bewusst, das sie alles gesehen hatten. Er war sich nicht sicher in wie weit ihm das gelang.

„Guten Morgen, alle zusammen!", rief er freundlich aus, als er sich zu ihnen in den Kreis setzte. Er verzog noch einmal schmerzhaft das Gesicht, als sich seine verletzte Flanke beim Kontakt mit dem Boden schmerzhaft bemerkbar machte.

Die Stuten sahen sich ratsuchend gegenseitig an, bis schließlich Twilight sich überwand und ihm ein willkommendes Lächeln schenkte. „Guten Morgen, Rogue. Wir haben dich etwas länger schlafen lassen. A-Aber wir haben mit dem Frühstück auf dich gewartet." Sie legte eine kurze Pause ein und betrachtete ihn eingehend, bevor sie die Frage ausstieß, die ihr anscheinend am wichtigsten war: „Wie geht es dir?"

Plötzlich hatte er die volle Aufmerksamkeit des Freundeskreises. Die Stuten, die sich vorher bemüht hatten, geschäftig mit ihren Frühstücksutensilien zu hantieren, hoben geschlossen ihre Köpfe zu ihm.

Das Rettungspony, das gerade nach einer sehr lecker aussehenden, gelben Frucht gelangt hatte, erstarrte unter ihren Blicken und blickte sich unsicher um. Er setzte sich wieder auf und schluckte noch einmal. Er hatte das plötzliche Gefühl, das seine Antwort auf diese Frage wichtig war, wichtiger, als sie in ihrer Unschuld eigentlich vermuten ließ.

„Es... es geht mir gut.", seine Blick zuckte zu Fluttershy, die noch immer diesen sorgenvollen, mitleidigen Ausdruck in ihrem Gesicht trug. Und dann, als er seinen Blick weiter durch die Reihen der auf ihn gerichteten Augenpaare wandern ließ, bemerkte er, das sie nicht die einzige war, die ihn mit diesem Ausdruck bedachte. Die anderen Stuten versteckten es etwas besser, aber letztlich erkannte er es in jeder von ihnen.

Plötzlich hatte er das verrückte Gefühl, das sie sich gegen ihn verschworen hatten. Er sah in ihrer Gesichter, sah wie sie ihn alle mit dem selben Blick bedachten und konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie etwas gegen ihn im Schilde führten. Sie alle schien eine gemeinsame Absprache zu verbinden, von der er ausgeschlossen war. Er konnte es in den Blicken sehen, die sie miteinander austauschten, in den subtilen Bewegungen, mit denen sie sich ihm näherten, den Kreis um ihn enger schlossen, damit er nicht entkommen konnte.

Er bemerkte, wie das ständige Gefühl der Gefahr, das er nach dem Erwachen so erfolgreich niedergekämpft hatte, wieder zuschlug. Sein Herz begann zu rasen und machte ihn instinktiv kampfbereit. Als Applejack ihren Huf ausstreckte, um ihn an der Schulter zu berühren, ihn zu packen, dessen war er sich sicher, zuckte er erschrocken zurück. Er stolperte einige Schritte rückwärts und brachte Abstand zwischen sich und den Kreis der Ponys, die plötzlich so viel weniger wie seine Freundinnen aussahen.

„Rogue...", begann AJ und machte einen Schritt auf ihn zu.

Er wich weiter zurück. „B-bleib weg von mir!", bellte er laut. Sein Blick zuckte zwischen den Stuten hin und her, die jetzt alle aufgestanden waren und langsam auf ihn zu kamen.

„Rogue, beruhige dich. Wir wollen dir nichts böses...", brachte Fluttershy mit sanfter Stimme hervor und für einen Moment beruhigte es ihn tatsächlich. Aber sie alle kamen dennoch immer näher und wollten ihn wieder in ihre Mitte schließen. Sein Kopf ruckte wild von einer Seite zur anderen, um sie alle im Blick zu behalten. Er konnte nicht mit Gewissheit sagen, warum ihn der sonst vertraute Anblick seiner Freundinnen so viel Angst einjagte, aber die Signale, die aus dem kleinen, urtümlichen Teil seines Hirn kamen, waren unmissverständlich. Einzig das kleine Quäntchen Verstand, das in den Ponys, die sich immer enger um ihn schlossen, die vertrauten Gesichter seiner Freundinnen erkannte und sich nicht erklären konnte, woher seine irrationale Furcht herrührte, hielt ihn davon ab, einfach zu türmen, so schnell ihn seine Hufe trugen.

Beruhige dich, sprach dieser letzte Rest seines normal denkenden Verstandes mit einer Stimme, die erschreckend leise und dünn geworden war. Beruhige dich. Es ist nicht real. Es passiert nur in deinem Kopf. Nur in deinem Kopf.

Rogue stoppte seinen Rückzug und presste sich seine Hufe gegen die Schläfen, als seine Kopfschmerzen wie ein weiß glühender Stachel durch seinen Schädel stachen. Er brachte ein gequältes Grunzen über seine Lippen und ließ sich am Rand der Hütte auf das Stroh fallen. So blieb er schwer atmend liegen. Seine Ohren dröhnten in einem tiefen Ton, den nur er wahrnehmen konnte und nur langsam leiser wurde.

Als er schließlich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, ragten rings um ihn die vertrauten Gestalten der Stuten auf, die ihn mit besorgten Blicken bedachten. Noch einmal keimte ein unbestimmtes Gefühl der Panik in ihm auf, aber er kämpfte es nieder. Sein Verstand klärte sich nur langsam, in eben jenem Maß, wie das Dröhnen in seinen Ohren nachließ. Seine Kopfschmerzen verebbten wie die Wellen eines Sturmes am Strand, der rasch an Macht verlor.

Er blieb noch einige Sekunden liegen und versuchte wieder zu Atem zu kommen. Und seine Gedanken zu ordnen. Er hatte keine Ahnung, was gerade mit ihm geschehen war, aber er wusste, das es schlimm war.

Es fühlte sich für ihn an, als währe er gerade aus einem schlimmen Alptraum erwacht, einem Fiebertraum, der die Realität vor seinen Augen verdreht und entstellt hatte. Er blickte zu den Gesichtern seiner Freundinnen empor und konnte sich nicht erklären, warum sie vor wenigen Augenblicken so furchterregend auf ihn gewirkt hatten. Er hätte es tatsächlich als solchen abgetan, als eine reine Mär, einen Alptraum, ein Nachgespinnst seines Fiebers, wenn er nicht den immer noch besorgten Ausdruck in ihren Augen gesehen hätte und den mittlerweile leisen, aber dennoch nicht leugbaren Drang sich vor ihnen zu verstecken in sich spürte.

Rogue sah sich noch einen Moment lang in dem Kreis der ihn umgebenden Gesichter um, dann konnte er die Ausdrücke von Mitleid darin nicht mehr ertragen. Er spürte Scham in sich aufsteigen, ein tiefes Gefühl der Verlegenheit, so als hätte er etwas Unanständiges getan, etwas zutiefst privates und all diese Stuten währen Zeuge davon geworden.

Und langsam ging ihm auf, das genau das der Fall gewesen war. Es war ein Moment der Schwäche gewesen, über den ihm jeglicher Anschein von Kontrolle entglitten war. Irgendetwas in seinem schwer angeschlagenen Verstand hatte dieses und jenes Zeichen falsch gedeutet und ihn tief in eine Episode schlimmster Paranoia gestürzt. Es war ein rein instinktiver Akt gewesen, losgelöst von dem rationalen Denken seines Verstandes, an das er sich so verzweifelt klammerte.

Das ist nicht gut.

Nachdem er sich wieder etwas gefasst hatte und das Zittern in seinen Gliedern nachließ, erhob er sich etwas unsicher. Die Stuten machten ihm bereitwillig Platz, blieben aber dennoch auffallend nahe bei ihm. Er sah sich etwas gehetzt in ihrem Kreis um, peinlich gerührt durch seinen Anfall.

„Es... es tut mir leid. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Ich bin... ich bin einfach noch ein wenig durcheinander." Er sah verlegen auf seine Hufe hinab.

Twilight betrachtete ihn einen Moment lang aus ihren klugen Augen, dann atmete sie tief durch.

„Nein. Um ehrlich zu sein, sind wir es, die sich bei dir entschuldigen müssen."

Rogue hob überrascht seinen Kopf und setzte zu einer ungläubigen Erwiderung an, aber ein erhobener Huf des Einhorns ließ ihn innehalten.

„Bitte lass mich aussprechen. Schau, wir alle wissen, wie es um uns bestellt ist. Wir haben alle sehr viel schlimmes in letzter Zeit durchgemacht. Einiges davon gemeinsam, anderes alleine. Du hast dich uns anvertraut und uns deine Geschichte erzählt, über all das, was dich letztlich nach Ponyville und zu uns geführt hat. Du hast uns geholfen, über unsere Ängste, Sorgen und Zweifel hinweg zukommen. Und dafür werden wir dir für immer dankbar sein.

Aber wir haben darüber vergessen, das sich deine Vergangenheit von unserer unterscheidet. Und das deine Hilfe dich vor... Herausforderungen gestellt hat, die anders waren, als die, denen wir uns stellen mussten. Und das du anders mit ihnen umgehst." Sie trat einen Schritt vor und legte ihm ihren Huf auf die Brust, um zu verdeutlichen, dass das, was sie als nächstes sagen wollte, nicht als Anklage oder Vorwurf gemeint war. „Wir haben übersehen, dass du... andere Bedürfnisse hast, um damit umzugehen. Ein anderes Tempo, einen anderen Weg. Etwas, worauf wir bisher keine Rücksicht genommen haben. Was gerade passiert ist..." Sie leckte sich nervös über sie Lippen, „...zeigt nur umso deutlicher, das wir mehr Acht auf dich geben müssen. Und du auch auf dich selbst. Wir alle machen uns Sorgen um dich. Und wir wollen dir helfen." Sie trat wieder einen Schritt zurück und schloss sich dem Kreis ihrer Freundinnen an, die ihn nun alle erwartungsvoll ansahen.

Rogue sah sich langsam zwischen den Stuten um. Sein Blick bleib einen Moment lang auf Fluttershy heften, die ihm ein aufmunterndes Lächeln schenkte, dann glitt er weiter. Applejack betrachtete ihn mit großen, freundlichen Augen, aus denen reine Zuneigung strahlten. Pinkie zwinkerte ihm zu und Rarity nickte sachte. Twilight stand ihm noch immer gegenüber und wartete auf seine Antwort.

Er setzte zu einer Antwort an, verstummte dann aber wieder. Wieder glitt sein Blick verlegen auf seine Hufe.

Alles, was er in diesem Moment verspürte, war eine tiefe Scham. Scham darüber, das seine Probleme, die er schon so lange mit sich alleine herumschleppte, letztlich so offen gelegt wurden. Scham darüber, dass er es hatte dazu kommen lassen, das sie zu einem Problem aller wurden, statt nur sein eigenes und der Ponys, der er sich anvertraut hatte. Scham darüber, das er sich nicht als so stark und widerstandsfähig wie diese Stuten erwiesen hatte. Und er wusste, das es seine Schuld war, das es letztlich so weit gekommen war. Weil er es nicht geschafft hatte seine eigenen Grenzen zu überwinden und sich ihnen so anzuvertrauen, wie er... wie es hätte sein müssen, damit es nicht so weit mit ihm gekommen wäre. Das er sich nicht genug auf diese Magie eingelassen hatte, die diese Stuten miteinander verband und die sie so viel stärker als ihn machte. Sie versuchten, das Problem auf sich umzumünzen, aber er wusste, das die Schuld eigentlich bei ihm lag. Er hatte zu lange gezögert, hatte nicht aus seinem eigenem Fell herausgefunden und damit alles schlimmer gemacht. Er hatte angefangen den richtigen Weg zu erkennen, ihn zu beschreiten, aber alles zu spät, zu zaghaft und zu wenig. Der Schaden war bereits angerichtet.

Fluttershy hatte Recht. Er war wichtig. Er war ein fester Bestandteil des Ganzen geworden, aber genau das machte jetzt alles umso schlimmer. Jede Kette war nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Und es gab keinen Zweifel daran, welches das war.

„Was... was habt ihr jetzt mit mir vor? Wie geht es weiter?", fragte er Twilight zaghaft.

Die Einhornstute blinzelte verwirrt. „Wie es weitergeht? Ich habe doch gerade erklärt..." Doch dann dämmerte ihr, was der Hengst meinte. Sie schüttelte energisch den Kopf. „Nein, du verstehst nicht, Rogue. Du hast keinen Fehler gemacht. Wir fällen hier kein Urteil über dich. Wir kennen dich einfach noch nicht so gut, wie wir es gerne möchten und das ist nicht deine Schuld. Wir wollen dir einfach nur erklären, das wir uns Sorgen machen und deine Situation verstehen. Das du keine Angst haben musst... uns zu enttäuschen oder etwas falsch zu machen. Du bist unser Freund und wir stehen dir in diesen schweren Zeiten bei. Du kannst dich auf uns verlassen."

Rogue schwieg einen Moment lang, dann hob er langsam seinen Kopf. „Aber ihr nicht auf mich", sagte er leise.

Twilight hob überrascht die Augenbrauen. „Was?", hauchte sie.

Das Rettungspony strich demonstrativ mit seinem Huf über seinen geschundenen Körper. „Wach auf Twilight!" Er blickte sich herausfordernd zu den anderen Stuten um. „Ihr alle: Wacht endlich auf!" rief er laut aus und war selbst von sich überrascht, wie viel Wut in seiner Stimme mitschwang. „Ich bin ein Wrack! Das einzige, was mich noch auf den Beinen hält sind Tabletten und das wenige, was von meiner Willenskraft noch übrig geblieben ist! Ich bin fertig! Ich krieche auf dem Zahnfleisch!"

Er zitterte wieder, so stark, das er meinte, er müsste einfach wieder zusammenklappen. Aber er war gerade erst in Schwung gekommen und das hielt ihn aufrecht. Er konnte es einfach nicht mehr hören. Er konnte es nicht mehr ertragen.

„Ich kann nicht mehr! Versteht ihr das nicht?" Er raufte sich mit seinen Hufen wild durch seine Mähne. „Die letzten Tage... Wochen haben meinen Kopf in eine Puzzlemaschine gesteckt und ich kriege ihn nicht wieder zusammen! Ich kann mich nicht mal mehr selber auf mich verlassen!"

Applejack trat vor und berührte ihn leicht an seiner Schulter. „Aber genau deweg´n woll´n wir dir helf´n..."

Er schüttelte sie ab und wandte sich statt dessen an Fluttershy. „Willst du wissen, warum ich mich wie ein verdammter Held benehme? Willst du das wirklich wissen?", bellte er sie wütend an. Die Stute zuckte zurück und verbarg sich hinter ihrer Mähne.

„Ich sage es dir: Nicht weil ich es will. Ich will kein Held sein. Ich bin feige und ich habe Angst, fast die ganze Zeit. Aber am meisten fürchte ich mich um euch. Was es mit euch anstellen würde, wenn ihr die Entscheidungen treffen müsstet, die ich getroffen habe..." Gebt ihm eine Drei, schallte es durch seinen Kopf. „...wenn ihr erleben müsstet, was ich erleben musste..." Die festen Strähnen des Schweifs glitten durch seine Zähne. Ein scharfer Schmerz durchzuckte ihn, als einige von ihnen in sein Zahnfleisch schnitten und abrissen."...wenn ich nicht mehr da bin, um es auf mich zu nehmen." ´Rogue, wir brauchen deine Hilfe´ „All die schweren Entscheidungen, all die schrecklichen Bilder, die nie wieder fortgehen. Das Leid und der Kummer, den man verursacht, weil es nicht anders geht!" Er schlug verzweifelt seine Hufe vor seine Augen. „Und es hört nicht auf. Es geht immer weiter. Weil es sein muss." Er hob seinen Kopf und schrie gequält auf. „Es muss sein! Weil das Hier und Jetzt so beschaffen ist, weil es gerade jetzt passiert, weil Pears springt und die Wölfe beißen und die Ponys nach Hilfe rufen! Es passiert und weil es passiert, muss ich da sein. Und ich muss helfen!"

Er schnaufte aufgeregt, die Hufe zu einer hilflosen Geste der Verzweiflung erhoben. „Wie könnte ich mir verzeihen, weg zu sehen? Was wäre ich dann für ein Pony?" Er schnaubte und schloss seine Augen. Sein Zorn, geboren aus seiner eigenen Hilflosigkeit, war aber noch lange nicht verraucht.

„Was willst du tun?", fragte er Twilight mit gefährlich ruhiger Stimme. „Willst du mich mitschleppen, in immer neuen Wahnsinn aus falscher Hoffnung, das ´alles wieder gut werden wird´? Dann habe ich schlechte Neuigkeiten für dich." Er trat auf auf das Einhorn zu und tippte ihr mit der Hufspitze auf die Brust. „Es ist für euch immer gut ausgegangen, aber ihr versteht nicht, dass das ein Wunder ist und nicht die Regel. Ponys leiden, Ponys werden verletzt und Ponys sterben. Und nur weil ihr das nicht kapiert habt, wird es hier immer schlimmer werden. Es gibt nicht immer ein Happy-End. Kriegt das endlich in eure verdammten Schädel!"

Er wollte noch so viel sagen, er hatte noch so viele Worte in sich, verletzend und doch so wahr. Doch jetzt stampfte er nur mit dem Huf auf den Boden und ließ sie ungesagt. Statt dessen ließ er sich auf seine Hinterbeine sinken und schloss erschöpft seine Augen. „Aber das macht keinen Unterschied, nicht wahr? Es... es muss getan werden. Wie könnten wir uns verzeihen weg zu sehen, nichts zu tun? Equestria ist in Gefahr und wir sind die einzigen, die zu seiner Rettung geeilt sind. Was zählt schon, was mit uns geschieht, wenn das Land und seine Ponys sicher sind?" Müde hob er seine Lider und sah auf das Einhorn vor ihm. „Verstehst du, was ich damit sagen will? Ich bin dankbar dafür, das ihr mir helfen wollt, das ihr euch Sorgen um mich macht. Dieses Wissen... hilft mir. Aber es ändert nichts. Ich und ihr alle zusammen, wir, müssen diesen Weg weitergehen. Weil niemand sonst es tut. Aber es gibt keine Garantie dafür, dass wir es überstehen werden. Mit Leib und Leben... oder intaktem Verstand. Ich werde euch helfen so gut ich kann. Aber verlasst euch nicht auf mich. Wir dürfen nicht scheitern, weil ich nicht... nicht gut genug war."

Twilight schwieg einen Moment lang. Dann sagt sie ernst. „Wir lassen dich nicht zurück Rogue."

Er konnte nicht anders als traurig zu lächeln. „Gesprochen wie eine echte Heldin." Der Ausdruck auf seinem Gesicht verflog. „Aber bist du dir wirklich im Klaren darüber, was das bedeutet? Was es für Konsequenzen hat, wenn wir einfach weitermachen? Die Chancen..." Er schluckte schwer. Er wusste, was er im Begriff war auszusprechen, war schlimm, aber es musste gesagt werden. „...die Chancen stehen gut, das Rainbow dort tot auf diesem Berg liegt und wir nur ihre Leiche bergen können. Und vielleicht jagen wir hier nur einem Hirngespinst nach, dass jedes Opfer, das wir gebracht haben und noch bringen werden, sinnlos und hohl werden lässt. Es könnte..." Er zögerte noch einmal. „... es könnte noch mehr Opfer aus unserem Kreis fordern. Was ist, wenn ich... wenn meine Probleme so groß werden, das ich nicht mehr weiter kann?" Er wollte es ganz sachlich sagen, aber er konnte nicht verhindern, das eine Spur Angst in seinen Worten mitklang.

Er hasste sich selbst dafür. Hasste das Gefühl von Hilflosigkeit und Schuld, das dieses Selbsteingeständnis in ihm auslöste. Aber es musste gesagt werden.

„Wir lassen dich nicht zurück.", sagte Twilight fest.

Rogue musterte sie. „Aber wenn du musst? Wenn es nicht anders geht?", bohrte er unnachgiebig weiter.

Twilight schloss ihre Augen. Er konnte sehen, wie sie im Inneren mit sich selbst kämpfte.

„Dann...dann...", begann sie stotternd.

„Was dann, Twilight? Equestrias Schicksal hängt davon ab! Was ist das Leben eines Ponys gegen das von vielen? Gegen das eines Landes?", bellte er.

Tränen traten auf ihre Wangen. Sie schluchzte kurz auf.

„Nein!", Sie schüttelte wild ihren Kopf. „Nein, das wird nicht passieren!"

Er ließ nicht locker. „Was wenn..."

„NEIN!"

Sie schrie das Wort hinaus, wütend und verzweifelt. Heftig atmend und in den Knien zitternd stemmte sie sich auf den Boden. „Wir werden das hier zusammen überstehen!", brüllte sie. „Wir werden alle nach Hause zurückkehren! Ich lasse nie wieder zu, das ein Pony meinetwegen verletzt wird! Zum Tartarus mit mir, wenn ich das nicht schaffe!"

Sie standen sich gegenüber, bis zum Äußersten gespannt. Es fehlte nicht viel und die Luft zwischen ihrer beider Augen hätte Feuer gefangen.

Es war Rogue, der schließlich nachgab. Die Wut in seinem Herzen war geschwunden und war einem Gefühl des Mitleids gewichen. Er hatte über seinen eigenen Schmerz wieder einmal vergessen, das er nicht der einzige war, der noch offene Wunden in sich trug. Er wendete den Blick ab und strich sich verlegen über den Vorderlauf. „Es... es ist gut, das du noch daran glaubst, das alles ein glückliches Ende nehmen wird.", brachte er verlegen hervor. „Ich wollte dir nicht deine Hoffnung nehmen. Ich wollte nur das du verstehst... das du begreifst, wie es für mich ist. Ich habe zu viel gesehen und zu viel erlebt um so bedingungslos an das gute Ende zu glaube wie du. Nach allem, was ich über eure Abenteuer gehört habe, scheint es mir oft, als ob ihr... als ob ihr nicht begreifen würdet, das alles Folgen hat. Es gibt immer Verlierer. Gebrochene Versprechen. Unerfüllte Hoffnungen. So ist das Leben. Es tut weh, aber es lässt sich nicht ändern. Ich wünschte einfach nur, ich könnte euch... ich könnte es euch leichter machen." Er sah bedrückt zu Boden.

„Das musst du nicht. Verstehst du nicht, Rogue? Ich... ich musste nie solche Entscheidungen treffen, wie die, von denen du sprachst. Und ich... ich fürchte mich davor, wenn ich ehrlich bin. Aber das Wichtigste ist, das ich sie nicht alleine werde fällen müssen. Wenn es soweit ist, werden wir zusammen stehen und die beste Lösung finden."

Er sah traurig auf. „Du bist es, die nicht versteht, Twilight. Es gibt Entscheidungen, die nicht falsch oder richtig sind. Nicht gut oder böse. Es wäre währe ein wunderbares Leben, wenn es so sein würde. Manche Entscheidungen sind nur... grau. Grau in Grau. Und man weiß nur hinterher, das man den falschen Weg gewählt hat."

Die Einhornstute setzte zu einer entschiedenen Erwiderung an, verstummte dann aber. Sie erinnerte sich zurück an den Moment in dem Turm der Universität, an jenen schicksalshaften Augenblick, da die Magie wie ein wilder Strom durch sie geflossen war. Hatte sie nicht selbst am eigenen Leib erfahren, wie es war die Macht einer Göttin in sich zu spüren? All die feinen Linien des Schicksals vor sich ausgebreitet, ein Netz so unendlich zart und kompliziert, das eine einzige Bewegung reichte, alle Fäden durcheinander zu wirbeln? Ohne zu wissen, wie das Muster danach aussehen würde? Eine gute Tat konnte eine Katastrophe nach sich ziehen. Ein Verbrechen ein Utopia. Die Zukunft war ein unentdecktes Land, selbst für die mächtigsten unter ihnen. Gutes zog nicht immer Gutes nach sich und Böses konnte sich wandeln. Wie wollte man in diesem Chaos noch einem geraden Pfad folgen?

Doch nur mit gutem Gewissen. Nach Kräften und bester Absicht. Woran sonst mochte sich ein Pony noch messen?

„Ich verstehe es gut, Rogue. Mehr als du vielleicht glaubst. Bleib bei uns, so gut du nur kannst. Wenn du fällst, fangen wir dich auf. Wenn du nicht mehr weiter kannst, tragen wir dich. Wenn es nicht mehr weiter geht... bleiben wir bei dir." Sie erinnerte sich an etwas, das sie vor kurzem gesagt hatte. „Equestria darf nicht auf dem Blut von Helden bestehen. Es ist ein armes Land, wenn das von Nöten währe."

Er lächelte unsicher. „Ich bin kein Held."

Sie nickte. „Du bist unser Freund. Manchmal ist das alles, was zählt."