Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Geschichte, was den Inhalt von Hasbro´s My Little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum

Kapitel 26: Früchte der Erkenntnis

Für ein paar furchtbare, schreckliche Sekunden dachte Twilight, das Lachen würde ihr aus der Kammer folgen. Würde weiter anschwellen, so als hätte der sich vergrößernde Abstand zwischen ihr und der langsam verdorrenden Hülle, die einmal Königin Chrysalis gewesen war, keine Bedeutung. Als könnte es schließlich so laut werden, das alle anderen Geräusche, das schnelle Klappern ihrer Hufe auf dem Felsboden, das aufgeregte Zischen der Prätorianer in der Dunkelheit und die verschreckten Rufe ihrer Freunde voraus, darin untergingen, bis nur noch das feindselige, raue Gelächter existierte, dass den Berg um sie herum erbeben ließ.

Aber es wurde leiser, als sie die Kammer fasst durchquert hatte und sie bemerkte erleichtert, das auch der Berg unter ihr nicht zu schwanken begonnen hatte, sondern es nur ihre Furcht war, die ihr die Knie hatte weich werden lassen. Sie biss die Zähne aufeinander, nahm ihren Mut zusammen und galoppierte ihren Freunden entgegen, die dort, wo sie in die Höhle der Prätorianer gekommen waren, angehalten hatten und nach oben sahen.

Twilight kam schlitternd zum halt. Sie folgte den Blicken ihrer Freunde und sah in dem unheimlich grünen Licht einen Schatten in der Decke, der etwas dunkler war, als die anderen. Sie kniff die Augen zusammen und erkannte ein etwa ponygroßes Loch, das zunächst steil wie ein Kamin zu sein schien. Dann lugte der Kopf von Strawberry über eine Kante mehrere Meter über ihnen und winkte.

„Hier geht es entlang!"

Twilight schätzte kurz die Entfernung ab. „Rainbow, fang an die Ponys da hoch zu fliegen. Fluttershy, schaffst du das?"

Die Pegasusstute war bereits dabei, sich Rogue von der Schulter zu ziehen und ihn unter den Achseln zu nehmen. Sie nickte.

Rarity sah mit gerunzelter Stirn zu dem zarten Pegasus, die trotz ihrer Entschlossenheit ihre Schwierigkeiten mit dem großen Hengst hatte. „Kannst du ihn nicht nach oben levitieren? Oder Teleportieren?"

Twilight schnupfte und schmeckte das Blut, das ihr langsam die Kehle hinunter lief. Ihr Nasenbluten war noch immer nicht ganz versiegt. Sie schüttelte den Kopf. „Ich vertraue meiner Magie gerade nicht all zu sehr. Königin Chysalis..." sie stockte. „...Es hat mich sehr viel gekostet. Ich bin einfach ausgebrannt."

Rarity betrachtete sie einen Moment lang mit sorgenvoller Miene, dann nickte sie verstehend.

„Könn´ wir nich´ zurück zu´n Statuen auf´s Plateau?", fragte Applejack. „Wer weiß, wo der Weg uns hinführt?"

„Es ist noch nicht vorbei.", stieß Twilight zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch. Sie fühlte, wie das Adrenalin, das sie bis jetzt getragen hatte, langsam nachließ. Es waren keine Kopfschmerzen, wie sie sie am Pfad gehabt hatte, als sie ihre Magie überbeansprucht hatte. Es war... eine stumpfe Taubheit im Denken, so als sei ihr Gehirn mit Watte ausgestopft. Sie musste sich konzentrieren, um einen klaren Gedanken zu fassen. „Nur noch eine Aufgabe... nur noch ein kleines Stück...", zischte sie verbissen. Zu sich selbst ebenso wie zu den anderen.

„Twilight, ich...", setzte Applejack an.

Die violette Einhornstute schnitt ihr das Wort ab. „Nur noch ein kleines Stück!", schrie sie. Die Verzweiflung in ihrer Stimme war selbst für sie nicht zu überhören.

Für einen Moment sah es so aus, als wolle sich AJ durchsetzen, dann gab das Erdpony aber nach und nickte nur. Twilight atmete erleichtert auf.

Rainbow, die bereits Rarity nach oben geflogen hatte, setzte neben ihr auf. „Bereit?", fragte sie ihre Freundin überflüssigerweise.

Twilight warf noch einen letzten Blick zurück auf das grüne Licht der Königinengemächer.

Chrysalis, in all ihrer zerstörten Pracht, stand am Einfang, eingerahmt von dem kraftvollen Leuchten des Raumes hinter ihr. Trotz ihrer Verletzungen, trotz des fehlenden Gliedes, hatte sie den Kopf hoch erhoben und starrte stolz und mit brennendem Hass auf die sich zurückziehenden Elemente. Und auf Twilight. Der Stute schien es, als würde sich der Blick aus den großen, grünen Augen in sie bohren, wie es die Gedankenpfeile der Königin vorher nicht vermocht hatten.

Sie wusste nicht woher, aber sie war sich sicher, das sie die Königin zum letzten Mal sah. Eigentlich sollte sie dieser Gedanke erleichtern, aber in Wahrheit konnte sie ein Gefühl der Traurigkeit in ihrem Herzen nicht verhehlen. Königin Chrysalis Herrschaft neigte sich ihrem Ende zu. Sie war bereits jetzt ein überholtes Relikt, überflüssig und nutzlos. Und sie wusste es, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte. Tief in ihrem kalten, seltsamen Herzen wusste sie, das ihre Zeit vorbei war.

Für einen Moment hatte Twilight den Eindruck, als wolle sie sich abwenden und ihnen ihre Verachtung mit einer kalten Schulter entgegen schleudern. Aber sie bleib stehen, aufrecht und unbewegt wie eine Statue, mit brennenden Augen. Wenn ihr auch die Macht langsam aus den Hufen glitt, würde sie lieber hier und auf der Stelle tot umfallen, als auch nur einen Augenblick Schwäche zu zeigen. Noch war das ihr Reich, ihre Domäne und sie alle gingen nur mit ihrem Segen. Sie wollte sicher sein, dass sie das nicht vergaßen.

Twilight wandte sich schaudernd ab. „Ja,", sagte sie zu Rainbow. „Je schneller wir von hier verschwinden, desto besser."

Der Pegasus nickte und fasste sie unter den Achseln. Mit kräftigen Flügelschlägen trug sie ihre Freundin nach oben.

Als sie wieder festen Boden unter den Hufen hatte und das unheimliche, grüne Glühen unter ihnen zurück blieb, konnte sie nicht anders, als erleichtert auf zu atmen. Aus reinem Reflex auf die Dunkelheit wollte sie ihr Horn zum leuchten bringen und wurde mit einem kurzen, aber heftigen Schmerz belohnt, der sich ihr wie ein rotglühender Dorn in die Stirn grub. Sie zuckte kurz zusammen und schnitt den Magiestrom in ihrem Körper sofort ab. Es waren ein paar violette Funken aus der Spitze ausgetreten, aber das war auch schon alles gewesen.

Twilight kannte magische Erschöpfung aus ihrer Zeit als junges Fohlen und den anstrengenderen Lektionen ihrer frühen Studententage. Aber dieser Schmerz war war etwas völlig Neues. Eine dumpfe Sorge meldete sich in ihrem Hinterkopf, aber die Stimme blieb leise und leicht zu ignorieren. Es gab so viele andere Dinge, um die sie sich kümmern musste...

„Sind alle da? Alle in Ordnung? Wie geht es euch? Jemand verletzt?" Sie blickte in die Runde ihrer Freunde. Allen Gesichtern waren die Strapazen der letzten Stunden, ja mittlerweile Tage deutlich anzusehen. Sie alle waren schmutzig, mit verfilzten Mähnen, aus denen wilde Strähnen abstanden. Jedes Paar Augen, das sie ansah, trug ein paar dunkle Ringe unter sich. Ihr ansonsten gepflegten Felle hatten ihren Glanz eingebüßt und wirkten im trüben Licht von Raritys erschöpfter Magie stumpf und fleckig. Rogue kauerte auf dem Boden und die Schatten, die das Licht warf, ließen seinen Kopf mit den hohlen Wangen und eingesunkenen Augen für einen schrecklichen Moment wie einen Totenschädel wirken.

Aber einer nach dem anderen ihrer Freunde hob den Kopf, nickte und rang sich schließlich zu einem tapferen Lächeln durch.

„Strawberry?"

Die ehemalige Drohne sah auf.

„Wie weit ist es bis zum Plateau, wo uns das Luftschiff abholen soll?"

Strawberry runzelte kurz die Stirn. „Ich... ich glaube es ist nur ein kurzer Weg, vielleicht zwanzig Minuten zu Huf." Sie wirkte verwirrt. „Ich weiß nicht, woher ich das weiß, ich war noch nie hier, so weit oben, aber..." Sie schüttelte ihren Kopf. „Ich weiß es einfach. Der Eingang ist verschlossen gewesen, aber die Drohnen brechen ihn gerade auf. Ich kann sie hören... ich kann sie alle hören... sie sind plötzlich so laut..." ihre Stimme verlor sich, dann riss sie sich sichtlich zusammen. „Das Schiff kommt. Ich bin... Sie... eine von meinen..." Sie rang mit den Worten, als sie versuchte den richtigen Ausdruck zu finden. Als sie sie nicht fand, schlug sie die Huf vor ihr Gesicht. „Es ist so verwirrend! Warum hat sie das getan? Warum?"

Twilight fühlte noch immer den alten Hass ihr gegenüber, den sie so lange auf die Drohne abgeladen hatte, wie eine alte und schmuddelig gewordene Decke über ihr sich liegen. Es war schwer etwas abzulegen, das so vertraut und selbstverständlich geworden war. Aber sie erkannte, das es mehr als an der Zeit war, es beiseite zu schieben. Sie war niemals im Recht gewesen, diesem Changeling gegenüber ihre Vorurteile auszulassen, auch wenn es noch so bequem gewesen war.

Strawberry war ihrem Herzen gefolgt, hatte sich gegen ihr eigenes Volk, gegen ihr persönliches Wohl gestellt. Und sie hatte einen hohen Preis dafür gezahlt.

Der Changeling, der einmal ausgeschickt worden war, ein Pony in Canterlot zu verführen, das sich verliebt hatte, dass dieser Liebe gefolgt war, so dunkel es um sie herum auch geworden war, trug nun die Last des Schicksals eines ganzen Volkes auf ihren Schultern. Wie konnte Twilight anders, als ihren Schmerz, ihre Verwirrung mitzufühlen?

Sie fasste sich ein Herz und trat auf Strawberry zu. Die neue Königin, die jetzt noch keine Königin war, wich erschreckt vor ihr zurück. Twilight konnte ihr ihre Angst nicht übel nehmen. Was anderes als Ablehnung und Missgunst hatte sie ihr gegenüber bis jetzt schon gezeigt?

Sie bleib stehen und streckte ihren Huf in einer freundschaftlichen Geste aus. Strawberry sah sie zuerst aus großen, ängstlichen Augen an, dann zuckte ihr Blick zu dem ausgestreckten Huf. Vorsichtig, zögernd, so als erwarte sie jederzeit einen Schlag, hob sie auch den ihren. Twilight lächelte, als ihre beiden Hufe sich berührten.

„Es wird alles gut.", sagte sie so sanft und warm wie möglich. „Wir passen auf dich auch. Du bist nicht allein."

Der erschreckte, verängstigte Ausdruck auf Strawberrys Gesicht wich nur langsam. Aber dann erblühte ein Lächeln auf ihrem Gesicht, ein Lächeln, so herzlich, so erleichtert und freudig, wie das, das Rarity darauf gesehen hatte.

„Führe uns, Strawberry!", sagte Twilight laut. „Aber nicht zum Ausgang. Noch ist es nicht so weit. Zeig uns das Glühen in der Dunkelheit, den Geruch nach nach Pilzen und den Weg zum Apfelbaum!"

„Ja", antwortete die zukünftige Königin. „Das werde ich." Und sie ging voran in die Dunkelheit.


Steine. Felsen. Nasser Schlick unter ihren Hufen. Das angestrengte Atmen in der Dunkelheit. Knirschen von Horn auf Gestein. Flackerndes Licht, blau und kalt und viel zu schwach. Aufwärts, aufwärts! Verschlungener Pfad im Bauch des Berges. Gedämpfte Flüche, wenn ein unsichtbares Hindernis das Bein zum Stolpern bringt. Ächzen unter schwer gewordener Last. Der Geruch nach feuchtem, schwitzendem Fell. Ein Stolpern, ein Fehltritt. Ein Grunzen, wenn sich das Pony wieder erhebt. Die letzte Anstrengung. Der letzte Gang.

Dann Licht. Licht in der Finsternis.


„Ich seh´ Licht!", rief Applejack aus. „Da vor´n! S´ nich´ mehr weit!" Sie wollte gerade los galoppieren, als Strawberry stehen blieb. Überrascht hielt die Erdstute inne. „Hä? Is´was?", fragte sie.

Strawberry drehte sich langsam um. Sie neigte ihren Kopf ein kleines Stück, dann züngelten grüne Flammen um ihre Gestalt, fraßen sich durch ihr cremegelbes Fell und die zweifarbige Mähen, bis nur noch schwarzes Chitin und seelenlose Insektenaugen zurückblieben. Das gezackte Horn (war es größer geworden?), leuchtete auf und erhellte die Finsternis um sie herum mit grünem Schimmer. Zwei hohe Durchgänge schälten sich aus der Dunkelheit, die sie in Raritys ersterbenden Licht gar nicht bemerkt hatten.

„Das ist es.", sagte die ehemalige Drohne. „Hier ist der selbe Geruch wie in den Tunneln, durch die wir den Berg betreten haben." Sie wies nach links, wo der Gang abfiel. „Diese Seite ist direkt mit unteren Ebenen verbunden." Sie wies nach rechts. „Diese hier führt noch ein kleines Stück weiter nach oben. Aber er ist versperrt. Nicht von uns, sondern durch eine Art... Gewächs, das wir nicht durchdringen konnten. Der Geruch zieht sich durch einen einzigen Tunnel im Berg, der an der Barriere endet."

Twilight nickte stumpf. Der anstrengende Aufstieg durch den steilen Tunnel hatte ihre letzten Kraftreserven aufgezehrt. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht zu schwanken. „Dann gehen wir nach rechts. Gehen wir!" Sie versuchte ihrer Stimme etwas aufmunterndes zu geben, aber sie brachte nicht mehr als ein müdes Krächzen zu stande. Sie tat einen Schritt und währe beinahe zu Boden gefallen, als ihr Vorderlauf sich an einem Felsen stieß.

Applejack konnte sie gerade noch stützen. Sie hielt sie fest, bis Twilight wieder auf schwankenden Knien stand. Die Einhornstute atmete tief durch. Es wurde immer schwerer sich zu konzentrieren. Sie verlor den Halt und wäre fast noch einmal gefallen.

„Geh... Geh´n wir.", sagte sie noch einmal schwach.

Rarity legte ihr den Huf auf die Schulter. „Nein."

Twilight hob schwankend ihren Kopf und blickte ihre Freundin ungläubig an. „Was?", fragte sie verwirrt.

„Es ist vorbei, Twilight.", sagte die Fashionista in sanften, mitfühlendem Tonfall. „Es ist genug."

„Nein.", Twilights Kopf schoss in die Höhe. „Nein! Wir können jetzt nicht aufgeben! So kurz vor dem Ziel!"

Rarity schüttelte ihren Kopf. „Wir können stolz darauf sein, es so weit geschafft zu haben. Aber das ist die Grenze." Sie drehte sich um und deutete mit ihrem Huf auf ihre Freunde. „Wir sind am Ende. Rogue ist halbtot. Ich weiß nicht viel über Medizin, aber das braucht man auch nicht, um es ihm anzusehen." Sie sah zu Fluttershy, die sie mit großen Augen ansah. Die Pegasusstute zögerte einen Augenblick lang, dann sah blickte sie zu Twilight und nickte traurig. „Wir alle sind kaum in der Lage uns auf den Beinen zu halten. Deine Magie ist erschöpft und meine wird es auch nicht mehr lange machen. So schwer es uns auch fällt... es ist an der Zeit aufzugeben."

Twilight sank kraftlos auf ihren Rumpf und hielt sich die Hufe gegen die Schläfen. „Nein, bitte! Es ist so nahe... alles was wir durchgemacht haben... alles was passiert ist... es darf nicht umsonst gewesen sein!"

Rarity neigte ihren Kopf und bettete ihrer Wange an die Seite des Kopfes ihrer Freundin. Sie war erschreckt, wie heiß sie sich anfühlte. „Es war immer nur eine Vermutung, Twilight.", flüsterte sie einfühlsam. „Eine Theorie, geboren aus einem Lied für Fohlen. Auch wenn es wahr ist... wir wissen nicht, was uns dort oben erwartet... und wir haben nicht mehr die Kraft damit fertig zu werden. Bitte."

Die violette Einhornstute schluchzte auf, unfähig, ihre Niederlage einzugestehen. „Nein. Wir können nicht mit leeren Hufen nach Canterlot zurückkehren. Sie verlassen sich auf uns! Sie... sie vertraut mir!"

„Wir kommen nicht mit leeren Hufen. Wir haben die zukünftige Königin der Changelinge bei uns! Eine Stute, die die erste wahre Chance ist, eine Koexistenz zwischen unseren beiden Völkern aufzubauen! Wie kann das nichts sein?"

„Was nützt es, wenn die Ponys nicht mehr lang genug bestehen werden, um das zu erreichen? Und nicht nur wir! Die Greifen, die Büffel, die Zebras, alle! Es geht um unser aller Existenz!" Twilight rappelte sich noch einmal auf und legte jedes Quäntchen Energie in ihren letzten Angriff. „Begreifst du das nicht?"

Raritys Augen füllten sich mit Tränen. „Rogue stirbt! Er ist unser Freund! Bedeutet er dir den gar nichts? Lass ihn uns wenigstens auf das Schiff bringen. Und dich dazu. Dann können wir vielleicht versuchen..."

Twilight ließ ihren Kopf sinken. „Es wird nicht funktionieren."

Rarity zögerte. „Was wird nicht funktionieren?"

„Die Magie in diesem Berg... die Magie des Orakels..." Das violette Einhorn deutete in den dunklen Eingang, der nach rechts abging. „Die Changelinge konnten sie nicht durchdringen. Und wir können es auch nicht. Das Tor... die Barriere, oder was immer dort ist, wird sich nur öffnen, wenn wir uns an die Regeln halten." Sie sah zu dem Hengst, der sie mit verhärmten Gesicht ernst ansah. „...und dazu brauchen wir Rogue."

Die Fashionista verzog in einer strengen Mine ihre Lippen zu einem Strich. „Glaubst du den wirklich daran, das diese... dumme Lied die Lösung unserer Probleme bedeutet?"

Twilight sah kläglich auf. „Es ist unsere einzige Hoffnung. Rarity, bitte glaube mir. Ich... ich würde keine Gedanken daran verschwenden, wenn es anders wäre."

Das weiße Einhorn setzte zu einer scharfen Erwiderung an, als sie ein kehliges, angestrengtes Husten hinter sich hörte. Überrascht drehte sie sich um.

Der Pfad, der sie hierher geführt hatte, war steinig, steil und schwer gewesen, angefüllt mit Hindernissen, Schikanen und schmerzhaften Lektionen. Sie alle waren ihn gegangen, Schritt um Schritt, weiter und weiter. Sie hatten auf ihrem Weg vieles zurücklassen müssen. Sie hatten Abschied genommen, von bequemen Vorstellungen, naiven Einbildungen und auch von Freunden. Aber sie hatten auch vieles gewonnen. Freundschaft. Zusammenhalt. Ein tieferes Verständnis für die anderen und für sich selbst.

Jetzt, da sie zurückblickten, schien es, als hätte der Pfad hinter ihnen viele Abzweigungen enthalten, Entscheidungen, die sie letztlich zu diesem Punkt gebracht hatten, an der sie sich fragten: Wie konnte es so weit kommen? Was haben wir falsch gemacht?

Rogue und Twilight wussten die Antwort. Sie wussten, das der Fehler bereits in der Frage lag. Es hatte niemals eine Entscheidung gegeben, nur einen einzigen Pfad, den sie gingen, weil sie so waren, wie sie waren. Hätten sie sich einmal anders entschieden, so wären es nun andere Ponys, die ihnen bis aufs Haar glichen, die sich andere Fragen stellen würden.

Es war der Weg, den es gegangen war, das ein Pony definierte. Der es formte, zu dem machte, was es war. Entscheidung war ein Illusion, so lange man sich selbst treu blieb. Denn das Herz kannte bereits den richtigen Weg.

Auch wenn es Angst davor hatte.

Rogue war unter Schmerzen aufgestanden und stand auf zitternden Knien vor ihr. Fluttershy stützte ihn und warf ihm immer wieder sorgenvolle Blicke zu.

„Lass sie, Rarity. Ich weiß zu schätzen, wie du für mich eintrittst, aber..." Er atmete tief durch und die Luft rasselte in seiner Lunge vernehmlich. „ ...noch kann ich für mich selbst entscheiden." Er wandte den Kopf und sah Fluttershy in die Augen. „In meiner Tasche ist im Seitenfach das Ampullarium. Ich brauche eine Ampulle Theophyllin und eine Ampulle Tramadol. Suchst du sie mir heraus?"

Für einen Moment schien es, als wolle sie ihm widersprechen, sich einfach weigern. Aber als er sie weiter mit seinen großen, blauen Augen betrachtete, aus denen eine stille Bitte an sie sprach, nickte sie und ging zu Applejack, die Rogues Taschen an sich genommen hatte.

Als sie ihm den Rücken zu wandte, schloss Rogue seine Augen und schwankte etwas. Vielleicht wäre er sogar gefallen, wenn Pinkie im nicht im richtigen Moment einen helfenden Huf auf die Seite gelegt hätte.

„Es ist dumm, ich weiß. Aber ich konnte mich etwas ausruhen und ich glaube, ich schaffe das. Es... muss wohl sein." Er lächelte freudlos.

Rarity schüttelte langsam ihren Kopf. „Nein, Rogue. Ich... kann das nicht erlauben. Du bist..."

„Das schwächste Glied in der Kette." schnitt er ihr das Wort ab. Er musst darauf husten, aber glücklicherweise war es mit ein paar trocknen, bellenden Lauten, die in seiner Kehle schmerzten, getan. „Ich weiß, ihr meint es gut, aber ich habe es satt, nutzloser Ballast zu sein. Ich bin hier um zu helfen, also helfe ich."

Applejack schlug entschlossen die Klappen der Sanitätstasche zu, nachdem Fluttershy die kleinen Glasphiolen daraus hervor geholt hatte. „Was´ne Dummheit is´ dir jetz´ schon wieder inn´n Schädel gefahr´n?", brauste sie laut auf. „Du kommst mit uns, un´ wenn ich dich am Schweif hier rauszerr´n muss!" Sie trat einen Schritt auf ihn zu, so als wolle sie ihrer Androhung sofort in die Tat umsetzen.

Er blieb ruhig stehen und begegnete ihr mit gefasster Mine. „Nein, das wirst du nicht.", sagte er ruhig.

AJ zögerte kurz, dann setzt sie nach. „Ach ja? Und warum..."

Er schüttelte seinen Kopf. „Weil wir vom selben Schlag sind. Wir sind beide Apples, AJ." Er sah ihr tief in die Augen und lächelt. „Auch wenn ich mir oft gewünscht habe, es wäre anders. Wir sind beide starrköpfig, großherzig, aber vor allem: pragmatisch. Ein Apple tut, was zu tun ist. Dabei wirst du dich mir nicht in den Weg stellen."

Applejack sah ihn einige Sekunden lang mit verkniffenem Gesichtsausdruck an, während sie nach einer passenden Erwiderung suchte.

„Du... ich... du kommst besser zurück, oder ich schwör´, das ich dich anne´n Ohr´n da raus zieh´ un´ wenn Discord persönlich mir im Wech´ is´!" Sie hob drohend ihren Huf vor seine Schnauze. „Ich schwör´s dir!"

Er lächelte, nahm ihren Huf in zwei der seinen und drückte ihr einen sanften Kuss darauf. Die Erdstute errötete bis zur Hutkrempe und wandte sich ruckartig ab.

Als seine Cousine von ihm abgelassen hatte, drehte er sich wieder um. Er beugte sich zu Twilight hinab, so nahe, das seine Lippen ihr Ohr berührten.

„Sag meinen Eltern, das ich sie Lieb habe. Sag Darling, das es mir Leid tut. Und tröste die anderen, so gut du kannst. Ich spreche mit Fluttershy, wenn wir auf dem Weg sind. Pass auf sie auf. Und auf dich."

Sie wendete ihren Kopf und suchte seinen Blick. „Du... du musst das nicht tun. Wir... wir finden wir einen anderen Weg...", flüsterte sie voll von falscher Hoffnung.

Er schüttelte langsam seinen Kopf. „Lügnerin.", sagte er sanft und ohne Vorwurf. Er hob wieder seinen Kopf.

Jetzt, da der Pfad vor ihm klar war, fühlte sich sein Kopf frei an. Das Fieber tobte noch immer in seinem Körper und der Schmerz in seiner Flanke war eine rotglühende Grube, aber es schien fern von ihm, nicht mehr so wichtig.

Fluttershy reichte ihm die Ampullen. Er musste sich zusammenreißen, um die kleinen Glasbehälter mit seinen zitternden Hufen zu packen. Für einen Moment betrachtete er sie auf dem fahl-grauen Rund seines Hufes. Zwei winzige Glaszylinder, beide gefüllt mit ein paar wenigen Tropfen glasklarer Flüssigkeit. Das grüne Licht aus Strawberrys Horn blitzte auf ihren Rundungen und warf Facetten zerstreuten Lichts auf seinen Huf.

Theophyllin. Ein Asthmapräperat, das er eigentlich für die Reise aus seinem Vorrat entfernen hatte wollen, aber es einfach vergessen hatte. Es war der Stoff, der Ponys wach machte, wenn sie Kaffee getrunken hatten und ihr Stoffwechsel mit dem Koffein fertig war. Nur konzentrierter. Es würde seine Lungenentzündung unterdrücken, seine Bronchen erweitern und das Atmen erleichtern. Und die Schwäche vertreiben. Für eine Zeit.

Tramadol. Ein Schmerzmittel auf Opiatbasis. Es würde dafür sorgen, dass er sein brandiges Bein vergessen konnte und vielleicht sogar ein wenig belasten. Es machte auch müde, aber darum würde sich das Theophyllin kümmern.

Er wollte sich gar nicht vorstellen, was dieser Cocktail mit seinem Organismus anstellen würde. Er legte seinen Kopf zwischen den pharmakologischen Hammer und Amboss und er würde bitterlich bezahlen, wenn die beiden aufeinander prallten. Aber das würde etwas dauern. Vielleicht genug, um den Pfad noch ein kleines Stück weiter zu gehen. Vielleicht... um sein Ende zu erreichen.

Er schloss seine Augen.

Es gab keine Entscheidungen. Es gab nur den Pfad des Herzens, den Pfad der Notwendigkeit.

Es war, mit größter Wahrscheinlichkeit, sein Todesurteil. Die Strapazen und das Fieber hatten ihn so weit ausgebrannt, das er kaum mehr eine Hülle seiner selbst war. Es war so schnell gegangen... Er war so lang voller Kraft gewesen, hatte sich lebendig gefühlt... es war so leicht gewesen, seine Schmerzen und Unannehmlichkeiten zu ignorieren. Und jetzt...

Er konnte das Ende des Pfades bereits sehen.

Er öffnete seine Augen und sah zu Fluttershy. Die Stute erwiderte seinen Blick, voll von Sorge, voll von Mitgefühl.

Er wünschte, es hätte einen anderen Weg gegeben. Ein anderes Schicksal für sie beide. Eine andere Welt, in der sie beide, vielleicht, mehr Zeit gehabt hätten. Mehr Zeit, mehr Gelegenheit, mehr Chancen. Vielleicht nur eine. Vielleicht wäre das genug gewesen.

Aber es gab nur den Pfad, nur den einen Weg für Rogue.

Er hatte Angst, so große Angst. Er fürchtete sich davor, was ihn auf der Lichtung erwarten würde, am Ende des Weges. Er fürchtete sich davor, noch mehr Schmerzen zu haben. Er fürchtete sich vor der großen Schwärze, dem Nichts. Er fürchtete, ganz selbstsüchtig und egoistisch, um seinen kleinen Funken Selbst, einzigartig und unersetzlich. Es war nicht im Geringsten wie in den Geschichten und Romanen, die er gelesen hatte. Geschichten, in denen der Held furchtlos seinem Ende entgegen sah, ohne zu zaudern, ohne zu zögern.

Er brach die Ampullenköpfe ab. Die scharfe Kante des Glases brachte ihm einen kleinen Schnitt auf seinem Hufteller zu, aber er bemerkte es gar nicht.

Er wünschte sich, jenseits aller Vernunft, jenseits aller Liebe, die er für die Stuten empfand, er währe jetzt in Manehattan, würde mit seinen Kameraden das Abendessen zubereiten und im Aufenthaltsraum derbe Witze austauschen. Währe nie nach Ponyville gegangen. Hätte niemals die Elemente kennengelernt.

Er hob die Ampullen an seinen Mund. Der Geruch nach Kampfer stieg ihm stechend in die Schnauze.

Er wünschte sich, seine Mutter könnte ihn noch ein letztes Mal an sich drücken. So fest, so nah, wie sie es das letzte Mal vermocht hatte, als er ein Fohlen gewesen war. Er wünschte sich, er könnte noch einmal ihr warmes, weiches und duftendes Fell riechen, ein letztes Mal sich in diesem Gefühl der Geborgenheit verlieren, sich in der Gewissheit an sie kuscheln, das nichts, nichts in der Welt ihm hier, bei ihr, etwas anhaben könnte.

Er spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen, als er den Kopf in den Nacken warf und die bittere Medizin in die Kehle ran.

Er ließ die Glasphiolen fallen und zertrat sie knirschend unter seinem Huf.

Mit gesenktem Kopf stand er da und wartete, das die Wirkung einsetzte.

Mama, dachte er, Mama, ich komme nicht mehr nach Hause.

„Komm, Rogue." Fluttershy streckte ihren Huf aus und er ergriff ihn, als die erste Welle des Theophyllins über ihn brandete und seine Herz aufgeregt schlagen ließ. Es wischte das Fieber hinweg, brandete über seine schmerzenden Lungen und erstickte das Feuer darin. Er tat einen kräftigen Atemzug, der sich so reich und frisch anfühlte, wie kostbarer Wein.

Er tat einen humpelnden Schritt und verzog das Gesicht, in Erwartung des Schmerzes in seinem Hinterbein. Aber alles, was folgte, war nur eine dumpfes Pochen.

„Komm.", wiederholte sie.

Langsam und lahm folgte er ihr. Sie war ein weicher, heller Schatten in der Finsternis des Tunnels. Ein Funken Licht, ein Splitter der Sonne an diesem dunklen Ort.

Er drehte noch einmal seinen Kopf, bevor sie um die Biegung traten. Er sah die Augen seiner Freunde im Licht Strawberrys und des fernen Höhlenausgangs blitzen. Sie alle sahen zu ihnen, sahen auf ihn, betrachteten ihn stumm und still. Er versuchte ihre Gesichter zu erkennen, versuchte sie sich ein letztes Mal einzuprägen. Das Licht reichte nicht aus, um Details auszumachen, aber vor seinem geistigen Auge erstanden sie alle noch einmal. Twilight, mit erschöpfter, aber ernster Mine. Pinkie, die so traurig aussah, wie sie es auf Sugar Coats Beerdigung gewesen war. Applejack, der die Tränen über die Wangen liefen, auch wenn ihr Gesicht feste Entschlossenheit zeigte. Rainbow, die sich hinter einer Maske aus Sorglosigkeit verbarg. Rarity, die die Augen niederschlug.

Er versuchte sie sich einzuprägen, nicht so wie er sie sich jetzt vorstellte, sondern, wie sie einmal gewesen waren. So, wie er sie gesehen hatte, als das innere Licht, das sie erfüllte, am hellsten gestrahlt hatte. Als sie zusammen gelacht und ihre Freundschaft gefeiert hatten. Als scheinbar nichts ihren Kreis durchbrechen konnte, als sie jung und lebendig und unsterblich waren. Als sie an Bord der Idle Barter zusammen tanzten und das Leben hell und wunderbar strahlte. Er wünschte sich, das sie sich seiner nicht anders erinnern würden.

Dann verschwanden sie hinter der Felswand und das Licht blieb hinter ihnen zurück. An seine Stelle trat das geisterhafte Leuchten der Pilze auf den Felsen.

Er konnte jetzt nur noch Fluttershys Schatten vor sich erkennen, dem er so gut es ging hinterher humpelte. Er fühlte, wie die aufputschende Droge in seinem Kreislauf mit jedem Schritt die Erschöpfung aus seinem Körper trieb. Es war ein gleichzeitig befreiendes als auch beängstigendes Gefühl. Er lebte jetzt von geliehener Zeit.

Die Stumpfheit, in der er sich so lange Zeit bewegt hatte, fiel von ihm ab. Er nahm alle seine Sinne verstärkt wahr. Er hörte das Knirschen des Sandes unter seinen Hufen, die leises Echos ihrer Schritte von den Felswänden um sie herum, das Schlagen seines aufgeputschten Herzens. Er schmeckte das erdige Aroma des Berges, den seltsamen Geruch der fluoreszierenden Pilze um sie herum, das klare Wasser, das unter ihren Beinen ran und eine sanfte Brise, die süß und voll ihnen entgegen wehte.

Sie gingen gut zehn Minuten in der Finsternis, wortlos. Dann keimte, sanft und zunächst unscheinbar, dann immer heller und heller, ein Lichtschimmer im Tunnel vor ihnen auf. Sie kamen an die Barriere, die die Changelinge hatten nicht durchbrechen können.

Dicke Ranken brachen durch die steinernen Wände des Tunnels, hölzerne Wurzeln, eng verzweigt. Gedämpftes Sonnenlicht drang durch die Lücken in den eng gewachsenen Dickicht, das den Ausgang nur wenige Meter entfernt erahnen ließ, hinter einer letzten, scharfen Kurve. Das Wurzelwerk hatte sich kraftvoll seinen Weg durch das feste Gestein des Berges gebrochen und formte ein undurchdringliches Gitter vor ihnen.

Fluttershy blieb ratlos davor stehen. Sie klopfte versuchsweise auf die dicken, hölzernen Arme und fand sie unnachgiebig und eisenhart. Auch sie konnte jetzt den frischen, herrlichen Geruch nach Sommer und sattem Grün riechen, der ihnen entgegen wehte. Und noch eine süßere Not dahinter...

Sie drehte sich zu ihm, als Rogue neben ihr stehen blieb.

„Es geht nicht weiter.", sagte sie überflüssigerweise.

Das Rettungspony besah sich die Barriere ausgiebig. Er konnte kein Lücke darin finden, die groß genug gewesen wäre, sie beide hindurch schlüpfen zu lassen. Er versuchte noch selbst sein Glück, an den Wurzeln zu rütteln und zu ziehen, mit dem selben Ergebnis, wie der Pegasus. Schließlich ließ er sich erschöpft auf seine Hinterläufe nieder.

Er konnte nicht anders. Er begann zu lachen.

Fluttershy betrachte ihn einen Moment lang ratlos, dann ging sie zu ihm und legte ihm einen Huf auf die Schulter.

„Rogue."

Er sah auf und nun sah sie, das ihm Tränen die Wangen hinunter liefen.

„Alles umsonst.", stieß er hervor, sein Kichern durch Schluchzen unterbrochen. „Alles... Alles. Rarity hatte recht. Es war nur ein dummes Lied für Fohlen. Wir haben alles richtig gemacht. Wir... wir haben... die Stufen erklommen, die Opfer gebracht und wir..." Er sah in ihre Augen und sein Lachen verstummte. „Es tut mir so leid, Fluttershy."

Die Stute sah ihn für einen Moment lang traurig an, dann blickte sie weg, hin zu dem hellen Licht jenseits der Barriere.

„Es... es ist schon gut, Rogue. Ich verstehe es." Ihre Stimme drückte einen tiefen Schmerz aus. Sie schniefte. „Du musst dich nicht bei mir entschuldigen. Ich... verstehe bitte, wie schwierig es für mich ist." Sie hob ihren Huf vor das Gesicht um die Feuchtigkeit in ihren Augen zurück zu halten. „Ich... ich verstehe es. Und bitte glaube mir, wenn ich sage, das ich niemanden – niemals - mehr bewundern werden kann, als dich. Ich weiß, ich h-hätte dich nicht so... bedrängen dürfen. Ich hätte mich mehr unter Kontrolle halten müssen." Sie wirbelte herum und jetzt kullerten ihre Tränen dick und feucht über ihre Wangen. „Aber ich konnte nicht anders! Verstehst du? Es ist in meinem Herzen gewachsen und ich konnte nichts dagegen tun! Egal, was ich versucht habe, egal, wie sehr ich es mir eingeredet habe, es hat nicht auf mich gehört! Oh, Rogue!" Sie warf sich ihm um den Hals, weinend und elend. „Mir! Mir tut es leid. So unendlich leid! Es ist meine Schuld! Meine!" Sie nahm einen ihrer Vorderläufe von ihm und schlug sich damit gegen die Brust. „Wenn ich es doch nur zum Schweigen bringen könnte! Wenn es nur aufhören würde, für dich zu schlagen! Es tut mir leid! Es tut mir leid!" Sie schluchzte und weinte laut in seine Mähne, während er nichts anderes tun konnte, als sie fest zu halten. „Oh, Celestia und Luna!" heulte sie auf und verstärkte ihren Griff um ihn. „Was soll ich nur... ich weiß nicht..." Sie neigte ihren Kopf, um ihm in die Augen zu sehen.

„Ich liebe dich, Rogue. Ich liebe dich, seit ich dich in Ponyville in der Dorfhalle bei der Arbeit gesehen habe. Ich liebe dich, seit ich deine Wunden verbunden habe und du zu meinem Haus kamst. Seit du mich im Schiff gefunden hast und im Sturm gerettet. Seit du gegen gegen das Einhorn für mich eingetreten bist. Seit dem Blick, den du mir durch die Tür zugeworfen hast. Es tut mir leid. Es tut mir so leid." Sie streichelte ihm über die Wange. „Es war falsch, aber ich konnte nicht anders. Könnte ich die Zeit zurückdrehen... ich wollte eher in diesem Sturm vergehen, als mich zwischen dich und Applejack zu stellen." Sie presste sich noch einmal fest an ihn. „Und jetzt... jetzt bringst du dich um. Für mich, für diese dumme Stute, die sich nicht selbst unter Kontrolle hat!"

Er hörte den Selbsthass in ihrer Stimme und er schnitt ihm wie ein glühendes Messer in sein Herz. Vorsichtig löste er sich aus ihrer Umarmung und sah ihr ins Gesicht. „Nein, Fluttershy. Du hast es nicht verstanden. Es ist nicht Applejack, die ich liebe. Ich dachte einmal, ich täte es... aber es gab zu viel das zwischen uns stand. Zu viel, dass wir uns und dem, was zwischen uns aufblühte, in den Weg stellten. Und danach..." Er dachte daran, wie er die gelbe Pegasusstute zum ersten Mal gesehen hatte. Er dachte daran, wie sie sich langsam, zaghaft und vorsichtig in sein Herz gestohlen hatte, ganz so, wie es ihre Art war. Er konnte nicht anders, als zu lächeln, als ihn die Stute mit großen, erschreckten Augen ansah. „...kamst du."

Er atmete tief durch. Er fühlte noch immer das tödliche Feuer in seinen Lungen, wenn auch nur gedämpft und fern. Er fühlte die dumpfe Taubheit seiner Flanke, von wo aus sich die Infektion durch seinen Körper fraß. Er spürte das Klopfen seines Herzens, angetrieben von den Aufputschmitteln, die das letzte an Energie verbrannten, die noch in ihm steckte. Er spürte es stolpern, aus dem Takt kommen und dann weiter schlagen. Noch ein Stolpern. Es würde nicht mehr lange dauern.

„Du bist es, die ich liebe, Fluttershy. So wie die Blumen die Sonne lieben müssen und das Meer den Mond. Ich war es, der dumm war. Ich hätte es dir schon so viel früher sagen müssen. Hätte mir ein Herz fassen sollen und es einfach tun. Mein Herz in deine Hufe zu legen. Es gibt keine, die zärtlicher damit umzugehen wüssten, als deine."

„Ist... ist das wahr?" stieß sie schluchzend hervor. In ihrem Gesicht kämpften Trauer und freudige Aufregung miteinander. Nur ihre Augen strahlten in einem neuen Licht, hell vor Glück. „Ist das wahr Rogue? Du... du liebst mich auch?"

Er fühlte, wie ihm selbst nun auch die Tränen in die Augen stiegen und er unternahm keinen Versuch, sie zurück zu halten. „Ich wünschte, ich hätte den Mut gefunden, es dir früher zu sagen. Als wir noch Zeit hatten. Bevor... bevor all das hier passiert ist."

Er hob seinen Huf und strich ihr die Mähne aus dem Gesicht, die darüber gefallen war, während seine Tränen ihm über die Wangen rannen. „Ich würde dich für immer festhalten. So fest an meinem Herzen, das nichts uns trennen könnte. Niemals."

Sie ergriff seinen Huf und drückte einen sanften Kuss darauf und führte ihn an ihre Wange, um seine Berührung zu spüren. Ihrer beide Tränen flossen über die Gesichter und tropften in das kleine Rinnsal zu ihren Hufen, um sich mit dem Wasser des Berges zu vermischen.

„Es ist nicht fair.", flüsterte Fluttershy. „Es ist nicht fair."

Er schenkte ihr ein tapferes Lächeln. „Das Leben ist nicht fair. Aber es ist alles was wir bekommen."

Und dann, am Ende aller Dinge, trafen sich ihre Lippen. Der ersten wahre, herrliche Kuss zwischen zwei Liebenden.


Staub rieselte von der Decke, begleitet von ein paar kleinen Steinchen. Ein Ächzen ertönte, hölzern und schwer. Ein Felsbrocken, groß wie ein Ponykopf löste sich aus der Wand gegenüber, wo die Wurzeln im Felsen verschwanden. Er polterte zu Boden und blieb im Schlick liegen.

Eine der Wurzeln erzitterte merklich. Ihre kleinen Verästelungen lösten sich, gaben den starren Griff um ihre Schwestern auf. Knarrend geriet das eisenharte Holz in Bewegung, bog sich langsam, aber stetig. Rollte sich zusammen wie ein junger Farn. Ein Schauer aus Kieseln ging nieder. Ein weiterer Ast geriet in Bewegung. Und dann noch einer. Und noch einer.

Rogue und Fluttershy bekamen es nur am Rande mit. Sie bemerkten es sehr wohl, spätestens, als der erste Schauer aus Felsstaub auf sie hernieder ging und ihre Mähnen mit grauem Puder bestäubte. Aber sie ignorierten es.

Sie hatten nie Zeit für einander gefunden. Immer hatte es anderes gegeben, Wichtigeres, Notwendigeres. Doch für diesen Augenblick, für diesem Moment, der vielleicht ihr letzter gemeinsamer sein konnte, ließen sie sich die Zeit.


Sie lösten sich langsam voneinander, widerstrebend, unwillig, kaum fähig, voneinander zu lassen. Sie glitten langsam zurück und setzten sich gegenüber auf ihre Hinterläufe. Seltsamerweise fühlten sie sich beide verlegen, ob der gegenseitigen Zurschaustellung ihrer wahren Gefühle. Sie sahen beide auf ihre Vorderhufe und betrachteten still das Wasser, das dazwischen hindurch floss. Es war Rogue, der als erster seinen Kopf hob und zu der neu entstandenen Öffnung sah.

„Das war es also.", sagte er ohne echte Begeisterung. „Das war, worauf Twilight gehofft hatte. ´Ein Kuss echter Liebe macht den Weg frei´." Er sah zu Fluttershy und brachte ein Lächeln zustande. „Ein wenig Kitschig, wenn du mich fragst."

Die gelbe Pegasusstute reagierte nicht, sondern starrte weiter auf ihre Hufe. Als die Stille sich in die Länge zog und sie sich immer noch nicht rührte, streckte Rogue einen Huf nach ihr aus. Ihr Kopf hob sich ruckartig, bevor er sie berühren konnte.

„Wie kann ich dich jetzt noch gehen lassen?", fragte sie leise. „Wie kann ich zulassen, dass du dir das antust? Du bist das Wichtigste in meinem Leben. Fühlst du nicht genauso?"

Er schluckte schwer und nickte dann ernst. „Doch. Ich fühle genauso. Aber auch... auch wenn wir uns lieben, bedeutet das nicht, das wir die einzigen Ponys auf Equia sind. Wenn Twilight recht hat... wenn das Orakel unsere einzige Möglichkeit ist... ist es dann nicht unsere Pflicht, trotzdem zu gehen?"

Er trat vor und hob mit seinem Huf ihr Kinn an, damit sie ihm in die Augen sah. Für einen Moment ließ sie es geschehen, dann drehte sie schnell ihren Kopf weg.

„Ich will mit dir zusammen sein. Ich will nicht... ich will nicht, das du dich opferst." Sie hob ihren Kopf und nun war sie es, die seinen Blick suchte. „Es ist noch Zeit. Wir können dich aufs Schiff bringen und vielleicht... du musst das nicht tun. Es gibt bestimmt einen anderen Weg."

Er sah in ihre tiefen, blauen Augen und fühlte seine Entschlossenheit schwinden. Bilder entstanden in seinem Kopf. Friedliche Bilder von ihm und Fluttershy, wie sie Seite an Seite an Seite durch die schattigen Baumreihen von Sweet Apple Acres liefen, bis sie beide außer Atem waren. Wie sie sich ins weiche Gras fielen ließen und darin herumrollten, bis ihre Lippen sich trafen... Wie sie zusammen über die Straßen von Ponyville gingen, so nahe, das ihre Flanken sich wie zufällig berührten und sie beide dabei ein wissendes Lächeln austauschten... wie sie abends eng beieinander lagen und zärtliche Küsse austauschten...

Er schüttelte seinen Kopf. „Es gibt nichts auf der Welt was ich mir mehr wünschen würde." Er streckte seinen Hals, bis seine Wange auf der ihren lag. „Ich will eine Ewigkeit mit dir verbringen und noch viel mehr. Bitte glaube mir." Er nahm einen ihrer Hufe in die seinen und führte ihn zu seiner Brust.

Sie fühlte, wie sein Herz schlug, laut und kräftig. Dann setzte es einen Schlag aus. Schlug schneller, als müsse es den verlorenen Schlag nachholen. Und beruhigte sich wieder.

Sie wich entsetzt zurück. „Rogue, es ist arythmisch! Wir müssen..."

Er legte ihr einen Huf auf die Lippen. „Nein. Alles was wir müssen, ist uns zu beeilen. So schwer es uns auch fällt. Die Zeit läuft uns davon."

Das nächste, das er sagte, war das schwerste. Er musste sich zwingen, es laut auszusprechen. Und als er es tat, zerriss es ihm das Herz. „Ich habe mich entschieden. Celestia und Luna vergebt mir, aber ich habe mich entschieden. Es ist mir nicht leicht gefallen..." Er schüttelte hilflos seinen Kopf. „Ich will so gerne bei dir sein, Fluttershy. Ich will so gerne alles tun, alle, damit du und ich glücklich werden, damit wir ein Chance bekommen, zumindest eine, wie jedes andere Pony. Ich... ich will kein Held sein. Ich will mit dir zusammen sein, friedlich und glücklich und ohne jede Aufregung, ohne jedes Abenteuer, nur wir beide..." Er schluchzte und drängte die Tränen zurück, die abermals in ihm aufdrängten. „Aber ich muss. Ich muss. Wenn ich es nicht tue... wer dann? Wer?" Er schniefte laut und wischte sich die Feuchtigkeit aus den Augen. Langsam beruhigte er sich wieder. „Hier und Heute muss ich ein Held sein.", sagte er gefasst. „Ich wollte es so lange. Mutig sein. Die richtigen Entscheidungen treffen. Für andere einstehen. Aber das war, bevor ich den Preis dafür erfahren habe. Und jetzt muss ich für meine Wünsche gerade stehen." Er nahm ihren Kopf in beide Hufe und hielt ihn fest, sah tief in die großen, blauen Augen seiner Geliebten. „Es tut mir leid, Fluttershy. So leid." Er küsste sie noch einmal, drückte noch einmal seine Lippen auf die ihren, schmeckte noch einmal ihre wunderbare Zartheit, ihr sanftes Aroma, die Liebe, mit der sie seinen Kuss erwiderte.

Dann ließ er von ihr ab und erhob sich. Er hob den Kopf und sah zu dem Schimmer aus Licht, der sich hinter den Wurzeln und der letzten Biegung des Tunnels abzeichnete. „Lass uns gehen.", sagte er. Er trat einen Schritt vor, aber ein Huf hielt ihn zurück. Er wandte seinen Kopf zu der Stute, die ebenfalls aufgestanden war. Fluttershy trat auf ihn zu, so das sie Brust an Brust standen. Sie senkte ihren Kopf und stieß ihn in einer zärtlichen Bewegung nach vorne, streichelte mit ihrer Schnauze seinen Hals, bis er verstand. Er tat es ihr nach, bis ihre Stirne sich in einer intimen Geste trafen.

„Ich bringe dich zurück.", flüsterte sie leise. „Es ist mir egal wie. Es ist mir egal, was es mich kostet. Das ist ein Versprechen. Ich bringe dich zurück."

Er brachte ein Lächeln zustande, während er gedankenverloren das Gefühl ihrer Nähe genoss. „Versprich nicht, was du nicht halten kannst."

Sie packte ihn rau an seinen Ohren und zwang ihn, ihr ins Gesicht zu sehen. „Nein.", sagte sie ernst. „Lach nicht darüber. Es ist mir ernst. Ich bringe dich zurück. Wenn es einen Funken Gerechtigkeit auf Equia gibt, dann wirst du nicht sterben. Ich sorge dafür. Du musst mir nur dabei helfen, Rogue. Versprich mir... versprich mir nur eines: Das du nicht nachgeben wirst, bevor ich dir helfen kann. Das du nicht aufgibst. Das du... das du leben willst." Sie schlug ihren Kopf zurück, um ihre Mähne aus ihrem Gesicht zu entfernen und ihn eindringlich anzusehen. „Versprich es mir."

Er sah in die tief blauen Brunnen, die ihre Augen waren und antwortete: „Ich verspreche es." Er hätte nicht lügen können, selbst wenn er es gewollt hätte.

Sie nickte zufrieden und ließ ihn los. Als Belohnung drückte sie ihm noch einen kurzen Schmatzer auf die Wange, den er lächelnd entgegen nahm. Dann wandte sie sich um und besah sich den Durchgang, den die Wurzeln geschaffen hatten, zum ersten Mal.

„Wie geht es weiter?", fragte sie.

Er dachte kurz nach. „Ich denke, wir werden sehen, was mit den Versen gemeint ist, wenn wir weiter gehen."

Fluttershy nickte und machte sich auf den Weg.

Rogue blieb noch einen Augenblick stehen und sah zu der Stute, die sein Herz erwählt hatte. Er konnte nicht anders, als sich über die Wege zu wundern, die die Liebe ging. Er hatte sich endlos den Kopf darüber zerbrochen, wie und ob er der lieblichen Stute seine Gefühle beichten sollte. Und letztlich, als ihm praktisch keine andere Wahl mehr geblieben war, entdeckte er, das all sein Hoffen, all sein Bangen, all die Unsicherheit, die er genährt hatte, umsonst gewesen waren. Sein Herz hatte die vielen Andeutungen, die vielen Gelegenheiten und Hinweise richtig gedeutet, während sein Verstand sich hartnäckig geweigert hatte, die Wahrheit zu erkennen. Das es kein Zufall war, kein kokettes Spiel, das die Stute mit ihm trieb. Er hatte es vermutet, aber der Sprung, es sich erst selbst einzugestehen und dann schließlich ihr gegenüber, war eine Hürde gewesen, die er fast nicht nehmen hatte können. Aus Angst, zurückgewiesen zu werden. Aus Angst, die eigenen Gefühle nicht erwidert zu sehen. Statt dessen hatte er sich entschlossen, damit hinter dem Berg zu halten, aus der Ferne zu beobachten und eine Zeit abzuwarten, die immer besser zu sein schien und vielleicht niemals kommen würde. Bis jetzt. Bis zu diesem Punkt, an dem es fast zu spät war. An dem ihnen nur wenige, kostbare Momente blieben. An dem es fast zu spät war.

Er folgte dem Pfad, folgte seinem Herzen, folgte der Notwendigkeit. Es schien keine Abzweigung zu geben, kein Entkommen. Er hatte ihr einmal gesagt, das er nicht an das unnachgiebige Schicksal glaubte, an einen unveränderbaren Weg, den sie gezwungen waren zu folgen. Er wusste nicht mehr, ob er dem heute von ganzem Herzen zustimmen konnte. Man konnte es benennen wie man es wollte -Schicksal oder Notwendigkeit- es schien auf das selbe hinaus zu laufen. Man folgte seinem Herzen. Man ging den Pfad entlang, so gut man konnte. Als gutes Pony. Man wählte seinen Weg danach. Und lebte mit den Konsequenzen.

Aber, zum ersten Mal, seit er zu dieser Schlussfolgerung gekommen war, fragte Rogue sich, ob dies wirklich stimmte. Ob es wirklich sein Los war nur zu reagieren, statt selbst aktiv zu werden. Sein vermeintliches Schicksal zu akzeptieren, ohne zu versuchen, es zu ändern. Wenn sein Selbst sich änderte, mit dem Weg den er ging und wenn sein Selbst bestimmte, welchen Pfad er einschlug, wo war sein freier Wille? Wo blieb sein Selbst? War das alles nur Illusion? Nur Einbildung?

Er wollte nicht daran glauben. Es war eine verlockende Vorstellung, die einen von der Verantwortung befreite. Man konnte leicht die Last der Seele darauf abschieben. Aber ihm dämmerte, das es nicht so einfach war. Es gab Notwendigkeit. Es gab Unabweichbares. Aber das war nicht alles. Es durfte nicht alles sein.

Hatte er sich nicht sein Selbst verdient? Eine Entscheidung? Einen freien Willen? Hatte er nicht genug durchlitten um erwachsen und selbstständig seinen Weg zu wählen? Konnte er nicht mehr unterscheiden von Richtig und Falsch, nur weil es ihm so lange vorgebetet worden war?

Er wollte ein gutes Pony sein. Er wollte sein Land, seine Spezies und alle anderen retten. Selbst wenn es sein Leben kosten sollte... wenn er musste, würde er ein Held sein. Aber er wollte nicht. Wenn er die Wahl hätte... wenn er die Wahl hätte...

Hatte er sie? Hatte er sich nicht bereits entschieden? Hatte er nicht schon den Schierlingstrunk heruntergestürzt?

Es war keine Entscheidung gewesen. Es war Notwendigkeit. Der letzte Schritt eines langen Pfades, den er scheinbar ohne jeden Ausweg entlang gegangen war. Die Lichtung am Endes des Weges lag vor ihm. Er konnte nur...

...entscheiden, ob er sie betreten wollte oder nicht.

Sie trat in den Lichtschimmer am Ende des Tunnels und sah mit erhobenem Kopf auf das, was dahinter lag. Einige Sekunden lang stand sie so reglos da, gebadet in dem einfallenden Licht, das nach der langen Finsternis des Berges um so strahlender schien. Es schien den Schmutz und den Schlamm aus ihrem Fell zu waschen und ihr Fell wieder zum Leuchten zu bringen. Glänzend floss es über ihre Mähne und den sanften Schwung ihres Schweifes, glitzerte auf den feinen Federn ihrer Flügel und den Schmetterlingen auf ihrer Flanke.

Rogue fühlte, wie sich ein herrliche Wärme in seiner Brust ausbreitete, als er sie so sah. Fluttershy war eine der schönsten Stuten, die er jemals gesehen hatte, aber jetzt, in diesem Augenblick war sie einfach atemberaubend. Sie war schön genug um für sie zu sterben.

Sie wandte ihren Kopf zu ihm und sah ihn erwartungsvoll an. „Kommst du?", fragte sie ihn.

„Ja.", antwortete er leise und humpelte an ihre Seite.

Sie drehte ihren Kopf zurück und sah wieder aus dem Tunnel heraus. „Wie schön das alles ist...", sagte sie bewundernd.

„Ja." Er nickte zustimmend, ohne den Blick von ihr zu nehmen. „Ich weiß."

Sie sah ihn überrascht an und bemerkte, das sie es war, die er gemeint hatte. Ein warmes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Es blieb nicht lange darauf. All zu bald erinnerte sie sich seines Zustandes und der Schmerz darüber vertrieb jede Heiterkeit. Sie hob einen Huf und führte sein Gesicht sanft von ihr weg, hin zu dem, was hinter dem Tunnel lag.

„Schau.", verlangte sie. Und er tat es.

Der Tunnel trat aus der Seite eines gewaltigen Felsendomes heraus. Vor ihnen erstreckte sie ein riesiges Rund aus steil aufragenden Felswänden, die sich über ihnen zu einer natürlichen Kuppel vereinten. Vor undenklichen Zeiten war ein Teil des Domes eingestürzt, so das blendend helles Strahlen schrägen Sonnenlichtes herein fielen und den natürlichen Saal mit Licht und Wärme erfüllten. Das alleine wäre schon beeindruckend genug gewesen, aber es war nichts im Vergleich dazu, was sich darin befand.

Der Berg, der so schroff und lebensfeindlich schien, dessen steinerne Tiefen nur harte Felsen und ungesehene Schrecken kannte, barg ein Herz aus smaradgrünem Leben in sich. Tannen erhoben sich aus der dicken, saftigen Humusschicht auf den Felsen, reckten sich dem blendendem Licht zu. Sträucher in sattem Grün ließen ihre dunklen Blätter zu dem leisen Säuseln kristallklaren Wassers flüstern, das in kleinen Bächen zwischen ihnen hindurch floss. Ein dicker Teppich aus Moos bedeckte die Felsen, zwischen denen das Wasser spielte und grüne Gräser und Farne sprossen daraus hervor, wo immer sie Halt gefunden hatte. Blumen in allen Farben bedeckten die Szenerie wie willkürliche Farbtupfer, reckten ihre vielgestalten Köpfe der Decke zu. Ein leichter Wasserdunst hing in der Luft, der jedes Blatt, jeden Zweig und jeden Stamm frisch, jung und herrlich lebendig wirken ließ.

Bunte Schmetterling führten ihren Tanz zwischen den Kelchen der Blumen auf. Kleine Vögel, deren Flügel so schnell schlugen, das sie verschwammen, flirrten wie Libellen hin und her und tranken süßen Nektar aus schweren Blüten. Wo sie sich niederließen, erfüllte ihr heller Gesang die Luft mit Leben.

Es war ein Garten. Ein Garten so schön, so wunderbar, das alles, was ein Pony sich hatte ausdenken können dahinter verblassen musste. Jeder Stein, jedes Blatt war eine Note, jeder Tautropfen ein Harfenstreich, jedes Glitzern auf Rinde und Ästen ein Quota, das sich zu einer Symphonie vereinigte, die die Sinne berauschte, sie entführte und sich selbst und das Leben feierte. Hier gab es keinen strengen Zweck, keinen Zwang, nur das Wachsen und Gedeihen und jeder neue Ton fügte sich nahtlos in das Ganze ein, war niemals überflüssig, sondern immer nur eine Bereicherung.

Es war ein Wunder, nicht weniger. Ein einfacher Felsrutsch, eine Wasserader und ein paar verirrte Samen hatten ein Paradies geschaffen, in einer Höhe, wo selbst einfache Flechten ihren Kampf schon aufgegeben hatten. Doch als die beiden Ponys aufsahen, glaubten sie nicht länger, das dieses Wunder nur dem Zufall geschuldet war.

Die Höhle stieg zum Durchbruch an, dort wo die Felsen vor so langer Zeit herabgestürzt waren und sich aufgetürmt hatten. Direkt unterhalb des lebensspendenden Fensters nach draußen erhob sich in immergrüner Pracht ein gewaltiger Baum. Wie das Leitthema der Symphonie ums sie herum, wie die grüne Mutter selbst, wuchs er aus dem harten Gestein des Berges, grub sich mit dicken Wurzeln darin ein, die so stark waren, das sie die Felsen gesprengt hatten, die ihnen im Wege gewesen waren. Weit reichte ihr Geflecht, so dick, das selbst die Stämme uralter Riesen sich schmächtig dagegen ausnahmen. Sie wühlten sich durch das unnachgiebig scheinende Gestein, brachen unvermutet daraus hervor, bildeten hölzerne Bögen und Brücken. Zwischen ihren schlankeren Verästelungen blühte hellgelbes Gras und sprießten wilde, farbenfrohe Büsche, während darauf das Moos wie grünes Fell spross.

Der Stamm glich einem hölzernem Bollwerk, verwachsen und so dick, das keine Säge der Welt auch nur hoffen konnte einen Schnitzer daran anzubringen. Die Äste hingen tief, wölben sich wie ein Mähne fast bis auf den Boden herab, beladen mit schimmernden Blättern und winzigen Farbtupfern, die Blüten sein mochten, oder Früchte.

Ihrer beider Blick wurde davon angezogen. So schön die Szenerie um sie herum auch war, dies und nichts anderes konnte ihr Ziel sein. Der Grund warum sie hier waren. Das Ende des Pfades, der sich als so lang und mühsam erwiesen hatte.

„Ich habe ihn schon einmal gesehen.", flüsterte Rogue. Sein Herz schlug ihm bis zum Halse, laut und ungleichmäßig. Er fühlte, wie ihm kalter Schweiß auf die Stirn trat, aber er wusste nicht, ob es von der Aufregung war, oder weil seine Körper langsam versagte.

Fluttershy riss sich von dem Anblick los und sah zu ihm. „Wo? Wo hast du es schon einmal gesehen?"

Er strich sich die schweißnasse Mähne aus dem Gesicht und dachte beiläufig, das er sie dringend wieder schneiden lassen musste. Dann erinnerte er sich daran, das dies nicht mehr notwenig war.

„Luna hat mich gestern Nacht wieder in meinem Traum besucht. Oder war es am Tag?" Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht mehr. Sie hat mir ihren Mitternachtsgarten gezeigt. Sie ist mit mir gelaufen. Sie... sie war für mich da." Er lächelt geistesabwesend. „Sie hat mir etwas Gesellschaft geleistet."

Er schüttelte seinen Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben, wenn auch nur widerwillig. Sie war sehr schön, auch wenn das Traumkonstrukt vor den Wundern dieser Höhle verblasste. Er merkte, wie die Vorstellung, dorthin zurück zu kehren, an Reiz gewann.

„Ich dachte, das alles was ich sah, ihr Werk war. Aber der Baum, dieser Baum, war auch ihr neu. Er war kleiner als hier und..." Er suchte nach den richtigen Worten. „...nicht so... wirklich... lebendig. Aber schön. Ja, auch dort war er schön."

Fluttershy beobachtete ihn einen Moment lang aufmerksam, dann sah sie zurück. „Ich wünschte, Twilight währe hier. Sie kennt sich mit solchen Sachen aus." Ihr Stimme drückte eine ferne, verborgene Hoffnung aus.

Rogue glaubte zu wissen was sie bedeutete. Twilight war in den letzten Tagen nicht das Musterbeispiel einer Freundin gewesen. Sie hatte sich seltsam verhalten, schroff und unliebsam. Aber sie war noch immer die Anführerin. Fluttershy vertraute ihr noch immer und Rogue ging es genauso. Letztlich hatte sie sie durch alle Gefahren geführt, hatte ihr möglichstes gegeben, sie zu beschützen, bis...

...bis es nicht mehr in ihren Hufen lag. Twilight hatte sie gehen lassen müssen, gegen ihren Willen und wider besseren Wissens. Sie hatte zusehen müssen, wie eines ihrer Ponys, wie einer ihrer Freunde, sich opferte. Er fragte sich, was sie gefühlt haben mochte, als sie ihn um die Biegung des Tunnels verschwinden gesehen hatte. Mit dem Wissen, das sie ihn wahrscheinlich zum letzten Mal sah. Mit dem Wissen, das sie nichts, aber auch gar nichts dagegen tun konnte. Das es seine eigene Entscheidung gewesen war, diesen Schritt zu tun. Und mit dem Wissen, mit der unvermeidlichen Überzeugung, das es, trotz allem, dennoch irgendwie ihre Schuld war.

Er wusste, das es letztlich er war, der den höchsten Preis bezahlte. Aber gleichzeitig konnte er nicht anders, als die Stute zu bemitleiden, die sie in dem Gang zurückgelassen hatten.

„Sie hätte uns nicht alleine gehen lassen, wenn wir es nicht allein schaffen würden.", behauptete Rogue mit einer Zuversicht, die er nur zum Teil empfand. Wenn sie dem Gedicht folgten, sollten auf der sicheren Seite sein, hatte es sich doch bisher als äußerst zuverlässig erwiesen. Aber eine letzte Unsicherheit blieb: Welche Fragen würden sie dem Orakel stellen? Twilight wäre dafür sicherlich besser qualifiziert gewesen.

Sein Herz machte einen kurzen Satz in seiner Brust und schwieg dann still. Er hielt inne und wartete mit groß aufgerissenen Augen darauf, das es wieder in Gang kam.

Zehn Sekunden... schoss es ihm durch den Kopf. Er hatte höchstens Zehn Sekunden, wenn sein Herz aufhörte zu schlagen, bevor er das Bewusstsein verlor.

Zehn Sekunden... Er fühlte, wie sich ein brennender, atemberaubender Schmerz in seiner Brust ausbreitete. Wie würde er seine letzten zehn Sekunden nutzen?

Zehn Sekunden... sein Gesichtsfeld trübte sich. Die Ränder seines Sehens wurden dunkel, als würde er in einen Tunnel sehen und sich schnell vom Ausgang entfernen...

Sein Herz tat einen angestrengten Schlag. Dann noch einen. Und noch einen. Ein schnelles Klopfen, dann eine kurze Pause. Und noch ein Schlag.

Er keuchte erleichtert, als sein Herzschlag sich langsam wieder normalisierte. Er sah mit gehetztem Blick zu Fluttershy. „Wir müssen uns beeilen."

Die Stute sah ihn entsetzt an. „Rogue..." begann sie zögernd, aber er schüttelte seinen Kopf.

„Gehen wir. Gehen wir!", stieß er hervor und versuchte das kalte Gefühl in seinem Herzen zu ignorieren.

Sie betrachtete ihn noch einen Augenblick lang besorgt, dann nickte sie und sie machten sich an den Abstieg.

Er fühlte es mit jedem Herzschlag. Die Zeit drängte.


Sie hielten an einem der Bäche an, der ihren Weg kreuzte. Rogue trank gierig von dem eiskalten Wasser und genoss das Gefühl der Taubheit, das es in seiner Kehle und seinem Magen hervorrief. Sein Herz stolperte, setzte aus, schlug weiter, angestrengt und überlastet. Sein Organismus ächzte unter den widerstreitenden Signalen, die die Medikamente in ihm hervorriefen. Er spritzte sich kaltes Nass ins Gesicht und japste angestrengt. Das musste reichen. Er konnte kaum mehr vertragen. Das Fieber kam wieder zurück, langsam und schleichend.

Er blickte nach oben. Die Sonne stand nun so, dass der Baum von hinten erleuchtet wurde und in einem Halo aus strahlendem Licht erschien.

„Gehen wir.", sagte er, als er fertig war.

Fluttershy schüttete ihre feuchte Mähne aus, die sie unter einen kleinen Wasserfall gehalten hatte und half ihm, das kleine Gewässer zu überqueren. Die Wärme ihrer Flügel fühlte sich gut auf seinem Fell an. Er wünschte sich, er könnte sich noch einmal darunter zusammenrollen, geborgen und behütet...

„Rogue!"

Ihre Stimme riss ihn aus seinen Träumen. Er fand sich auf den Knien wieder, zusammengesunken. Sein Herzschlag war wie eine langsame Totentrommel in seiner Brust.

Er zwang sich zurück auf seine Hufe. Ein Dreierschlag, schnell und aufgeregt. Ein Moment des Schwindels. Dann wunderbare Hitze, die zurück in seine Glieder strömte, von denen er gar nicht gemerkt hatte, wie kalt sie geworden waren.

„Ich bin wach! Ich bin wach!", bellte er und kämpfte um sein Gleichgewicht. Sie stützte ihn, verhinderte, das er einfach zur Seite fiel.

Er schüttelte sich und versuchte die Taubheit in seinem Geist und seinem Körper los zu werden. Er machte einen Schritt nach vorne. Dann noch einen. Und noch einen. Loses Geröll glitt unter seinen Hufen davon, aber er konnte sich rechtzeitig abstützen.

Es wird schlimmer, dachte er. Es dauert nicht mehr lange, bis ich...

Bis er starb. Er konnte fühlen, wie sein Herz langsam, aber sicher unter der Belastung von Infektion, Krankheit und Medikamenten zu Grunde ging. Er bewegte sich jetzt schon auf Messers Schneide, auf der dünnen Linie, wo nur seine kräftige Konstitution ihn davon abhielt, einfach den Geist aufzugeben. Die Anfälle kamen in Wellen, rollten gegen ihn, wie Wellen gegen einen Strand. Und schließlich... schließlich würden sie ihn davontragen. Dorthin, wo die dunklen Wasser warteten. Und diesmal würde es kein Erwachen, kein Entkommen geben.

Sie erklommen den Hügel Seite an Seite, gemeinsam. Dumpfer Schmerz machte sich wieder in seiner Flanke breit, erinnerte in daran, was an ihm fraß und ihn aufzehrte. Der Schweiß lief ihm in Strömen vom Körper, nicht nur aufgrund der Feuchtigkeit in der Luft, sondern weil sein Körper sich mit aller Macht gegen sein nahendes Ende stemmte.

Sie half ihm, wo sie nur konnte. Er fand immer einen helfenden Huf, wenn ein Absatz ihm Schwierigkeiten bereite oder ihn sein lahmes Bein im Stich ließ. Sie stützte ihn, trug ihn sogar, wenn ihn seine Kräfte verließen. Es war ein anstrengendes Stück, ein letzter Kraftakt, während um sie herum das Leben blühte, summte und raschelte.

Sie zog ihn die letzte Kante hinauf und er blieb erschöpft liegen. Eine Statt aus weichem, feuchtem Moos nahm ihn auf, schmiegte sich an ihn, wie ein Bett aus weichen Daunen. Keuchend rollte er sich auf den Rücken. Sein Herz hämmerte ein Stakkato in seiner Brust und für einen Moment genoss er das gleichmäßige Schlagen, bis sich die ersten Fehler in den Takt mischten.

Er war müde. So unendlich müde. Was ihn das Theophyllin an Kraft geschenkt hatte, war verbraucht und aufgezehrt von den letzten, quälenden Metern. Der Schlaf war nicht fern, das spürte er. Er lauerte direkt hinter seinen Augenlidern, sanft und verheißend. Er sang seine eigenes Lied, leise, klare Noten, die sich so herrlich und wunderbar anhörten.

Er ließ erschöpft seinen Kopf auf das weiche Bett aus feuchtem Moos sinken. Die Sonne, die durch den Durchbruch in der Decke schien, fühlte sich wunderbar warm auf seinem Fell an. Für einen Moment blinzelte er gegen die blendende Helligkeit an, dann schloss er einfach seine Augen. Er fühlte, wie die Ruhe im gut tat, wie sich sein geschundenes Herz in seiner Brust etwas beruhigte. Er würde noch einen Moment hier liegen bleiben und sich erholen. Eine Rast einlegen. Vielleicht... vielleicht sogar... ein wenig schlafen...

„Rogue! Rogue!" Erschreckt riss er die Augen auf, als Fluttershy ihn unsanft schüttelte. Sie hatte sich über ihn gebeugt und in ihren Augenwinkeln standen Tränen. Als sie sah, das er die Augen aufschlug, drückte sie ihn fest und schlang ihre Flügel um seinen Leib.

„I-Ich habe dich zuerst nicht wach bekommen. Für einen Moment... ich habe geglaubt..." Sie stockte und drückte ihn noch etwas fester. „Halte durch, Rogue. Bleib bei mir."

Er hatte sich in seinem Leben noch nie so müde gefühlt wie jetzt. Dennoch musste er lächeln, als seine Geliebte ihn so innig umarmte. Mit zitternden Hufen strich er ihr beruhigend über den Rücken, bis sie sich etwas beruhigt hatte. „Noch nicht, Fluttershy. Noch nicht."

Sie löste sich von ihm, stand auf und sah ihm noch einmal mit einem liebevollem Lächeln ins Gesicht, bevor sie zurück trat, um ihm Platz zum Aufstehen zu lassen. Er wälzte sich unter Schmerzen auf den Bauch und erhob sich auf wackelige Knie. Als er sicher stand, schenkte er ihr ein aufmunterndes Lächeln.

Sein Herz setzte für zwei schreckliche, scheinbar ewig dauernde Sekunden aus. Schwindel erfasste ihn und drohte ihn in die Knie zu zwingen. Er schwankte, aber sie war sofort bei ihm und stützte ihn.

Zehn Sekunden, schoss es ihm wieder durch den Kopf. Er musste ihr noch so viel sagen. So viel, das ein ganzer Tag nicht dafür ausgereicht hätte. Und er musste es bald tun. Die Zeit war zu seinem unerbittlichen Feind geworden.

„Er spricht.", sagte Fluttershy plötzlich.

„Was?", fragte er sie überrascht.

Sie deutete mit einem Huf auf den riesigen Baum vor ihnen. „Kannst du es nicht hören? Es... es klingt wie die Stimme... nein, wie viele Stimmen von Fohlen. Horch genau hin!"

Er hob seinen Kopf und stellte seine Ohren auf. Er versuchte sogar, so flach wie möglich zu atmen, damit ihm kein Laut entging.

Aber da war nichts. Alles was er hörte, war das leise Rauschen der Blätter, das sanfte Flüstern des glänzenden Grüns in einer leichten Brise, die...

...die nicht da war, ging es ihm auf. Es gab hier keinen Wind. In der Höhle regte sich kein einziger Lufthauch. Er spitzte noch einmal seine Ohren und horchte genauer auf das leise Geräusch der Blätter. Wenn er die Augen schloss... wenn er sich nicht nur darauf konzentrierte, was seine Ohren hörten...

Das Rauschen der Blätter. Sie sangen ein Lied, leise, klare Noten, die sich so herrlich und wunderbar anhörten. Es klang wie das Flüstern von Regen auf kühlem Grün, wie sachte Stimmen, die zart wisperten. Er konnte sie fast hören, jung und lachend, wie die Laute spielender Fohlen. Scootaloo und Apple Bloom und Sweetie Belle und so viele andere, ein Chor aus fohlenhaften Stimmen, jung und vergnügt.

Willkommen, schienen sie zu singen, Willkommen, Rogue.

Er schlug die Augen auf. „Ich höre es.", flüsterte er atemlos. „Sie... es kennt meinen Namen."

Fluttershy nickte. „Ja, meinen auch." Sie musterte den riesenhaften Baum angestrengt, dann wandte sie sich wieder ihm zu. „Was denkst du, sollen wir tun?"

Rogue überlegte einen Moment lang und leckte sich nervös über die Lippen. Dann räusperte er sich. Seine Kehle fühlte sich noch immer rau und wund an und er wünschte, sie hätten einen Schluck Wasser dabei.

„Wir sind einen weiten Weg gekommen.", rief er mit heißerer Stimme. „Wir haben Fragen."

Das Rauschen der Blätter veränderte sich subtil. Er hätte es wahrscheinlich gar nicht bemerkt, wenn er nicht darauf geachtet hätte. Es klang wie ein... leises Lachen, hell und glockenklar.

Natürlich habt ihr Fragen, klang es zwischen dem Flüstern der Blätter. Stellt sie mir und habt keine Angst, kleine Ponys. Ihr werdet eure Antworten bekommen, so wahr wie der junge Morgen und so klar wie das Wasser, das durch diesen Berg fließt.

Die beiden Ponys sahen sich an. „Hast du...?", begann Rogue, der sich noch immer nicht sicher war, ob die Stimmen, die er im Rascheln des Geästes zu hören glaubte, wirklich real waren. Fluttershy erwiderte seinen Blick und nickte nur.

Davon ermutigt wandte sich Rogue wieder dem Baum zu. Er atmete tief durch und sammelte sich. Alle Mühen, alle Opfer, die sie auf dem Weg gebracht hatten, hatten sie schließlich hierher geführt, an diesen Ort, zu diesem Moment. Er musste es jetzt richtig machen. Die richtigen Fragen stellen. Nichts vergessen. Er musste... dafür sorgen, das sein eigenes Opfer es wert war.

Er schluckte schwer bei diesem Gedanken und sein Herz machte einen schmerzhaften Satz, als wolle es die Dringlichkeit noch unterstreichen. Er warf noch einen kurzen Blick zu Fluttershy, die ihn erwartungsvoll ansah.

„Equestria wird von einer Trockenheit heimgesucht, die wir uns nicht erklären können.", begann er und war dankbar darüber, das seine Stimme ihn nicht im Stich ließ. „Wir wollen Fragen, was es damit auf sich hat, und was wir unternehmen können, um sie zu beenden."

Sie standen absolut still und wagten kaum zu atmen, als sie darauf warteten, das der Baum ihnen Antwort gab.

Für einen Augenblick erstarb das Rascheln der Blätter und die Höhle um sie herum wurde still. Das Summen der Bienen verklang, ebenso wie das Singen der Vögel. Für ein paar schreckliche, quallvolle Sekunden schien es, als würde der Baum die Antwort schuldig bleiben.

Dann erhob eine einzelne Nachtigall ihre klare Stimme in der Nähe. Ihr zwitscherndes Lied schien das Leben in die Höhle zurück zu rufen. Die Bienen begann wieder damit, ihr Lied zu summen und das leise Säuseln des Baches, das vielleicht nie wirklich verklungen war, drang zurück an ihre Ohren.

Und dann erklang auch das Rauschen wieder. Eine letzte Gemeinheit des ersten Feindes, eine Kriegslist, ein schrecklicher Plan. Die fohlenhaften Stimmen klangen gedämpft, fast traurig. Eure Prinzessinnen sind ein Segen für diese Welt, aber sie können auch zu einem Fluch für alle werden. Es ist schon einmal geschehen. Und dieser Schatten liegt noch immer über ihnen. Die Dunkelheit mag aus Lunas Herzen vertrieben worden sein, aber das Erbe ihrer Schuld lebt dennoch weiter.

„Luna?", flüsterte Rogue ungläubig. „Ich verstehe nicht. Nightmare Moon ist besiegt worden!"

Ihre Gram und ihre Verzweiflung hat viel Böses geboren. Böses, das bis heute ihren Namen preist. Und entschlossen ihr Werk, ihren letzten Befehl ausführt. Ihr letzter Diener hält noch immer seinen Posten. Er hat das Herz des Mondes in seiner Gewalt und benutzt seine Macht um das Wasser selbst gegen euch zu wenden. Kein Regen auf Equestria, so groß ist seine Macht.

„Wie ist das möglich?"

Das Herz des Mondes herrscht über alle Wasser. Die Meere selbst gehorchen seinem Willen. Ebbe und Flut, Fluss und Bach, Wolke und Regen. Tropfen um Tropfen.

Rogue schüttelt seinen Kopf. „Warum? Wie kann sie so etwas tun?"

Tyrannen haben ein sehr kleines Herz, Rogue. Es ist nicht genug Platz für andere darin. Nightmare Moon wollte anstatt ihrer Schwester herrschen, die so viel strahlender ist als Luna. Und wenn sie das nicht konnte... dann sollte es niemand.

Entsetzen griff nach dem Rettungspony. „Verbrannte Erde..."

Kein Regen auf Equestria, bekräftigte der Baum traurig seine Aussage.

Fluttershy machte einen Schritt nach vorne. „Was können wir dagegen tun? Wie können wir es aufhalten?"

Die Blätter rauschten. Das Übel muss an der Wurzel gepackt werden. Ihr müsst zum Mond, kleine Ponys. Befreit das Herz des Mondes und lasst das Wasser wieder fließen. Beendet das NichtLeben ihres Dieners und es wird Regen geben.

Wieder erklang das Lachen zwischen dem Flüstern der Blätter. Regen! Wolken! Pfützen und das Trommeln der Tropfen auf den Blättern. Ich höre es so gerne! Holt es euch zurück! Zum Mond! Zum Mond!

Rogue und Fluttershy sahen sich an. Das also war die Antwort, nach der sie so lange gesucht hatten.

„Lass uns gehen.", sagte Fluttershy.

Aber er blieb noch einen Moment lang stehen. Sie hatten nur diese eine Chance. Sie musste es richtig machen.

„Woher wissen wir, das du die Wahrheit sagst? Woher weißt du das alles?"

Das Flüstern der Blätter klang heiter und fröhlich. Ich bin der Erste, antwortete es, Der Erste unter Vielen. Mein Samen wurde zusammen mit dem der Erde, der Sonne und des Mondes gepflanzt. Ich spross, als der erste Fluss sich sein Bett suchte, das erste Licht den ersten Tag verkündete. Ich lachte und freute mich, als der erste Regen die durstige Erde durchweichte. Ich warf den ersten Schatten, auf das meine Sprösslinge gedeihen konnten. Ich hörte das erste Summen der Insekten, das erste Lied der Vögel und den ersten Schlag von Hufen. Ich spürte Berge sich auftürmen und wie sie wieder geschliffen wurden. Ich hörte das erste Wort. Und alle anderen, die danach gesprochen worden sind.

Das Rauschen wurde zärtlicher, so als verloren sich die Stimmen darin in einem Traum. Meine Wurzeln reichen tief und weit, durch Erde und Stein, durch Sand und Staub. Bis in den fernsten Winkel. Bis hinein in die Herzen. Ich lausche. Und ich höre alles. Bison und Greif, Zebra und Pony, Esel und Lama. In sie alle habe ich meine Samen gepflanzt. Und wo sie aufgehen...

Die Blätter rauschten wie in einem Sturm, wild und ungehemmt, wie der Lauf eines nimmermüden Fohlens, wie das Geräusch von Hufen auf grünem Gras, unter einem Hain von hohen Bäumen..

Die Erkenntnis traf ihn wie Blitz. „Ich kenne dich!", rief er laut aus und ignorierte den bohrenden Schmerz in seiner Brust, der sich dort langsam ausbreitete. „Woher? Woher kenne ich dich?"

„Rogue...", begann Fluttershy wieder, drängender diesmal. Aber er drängte sie ab, auch wenn die Hufe, mit denen er er es tat, sich taub und kalt anfühlten.

„Woher? Sag es mir!" Er schrie, schrie so laut es seine trockene Kehle zu ließ.

Ich bin der Erste, antwortete der Baum. Es war seltsam, dass die jungen Stimmen von Fohlen so viel Weisheit und Bedeutung in sich tragen konnten, aber sie taten es. Und meine Wurzeln reichen tief.

Und da verstand Rogue es. Er verstand, das sie nicht an dem Wort des Baumes zweifeln mussten. Das er in dieser Welt ebenso eine Ureigene Kraft des Guten war, wie die Elemente selbst. Das er sogar noch älter als diese war. Das er ihre, seine und so viele Geschichten und Schicksale vor ihnen gesehen hatte und noch sehen würde, das sein Verstand alleine nicht ausreichte um sie zu erfassen. Aber er war nicht gleichgültig. Trotz der ungezählten Äonen, vor denen selbst die Prinzessinnen ihr Haupt beugen mussten, sah das rauschende Grün, die kräftige Borke und der summende Lebenssaft der Unendlichkeit nicht geringschätzig auf sie hernieder. Das sie so wichtig waren, das dieses Lebewesen, das wahrhaftig ewig war, ihnen seine Aufmerksamkeit schenkte, nicht weil es ihm, sondern weil es ihnen wichtig war. Zivilisationen mochten vergehen, Schicksale zum Guten oder Schlechten gewendet werden. Diese Baum würde bestehen, auch wenn der Fels um ihn herum verging, abgetragen würde und sein Sand sich auf dem Meeresboden verteilte. Aber sie waren hier, bei ihm und so verdienten sie die Wahrheit, nach der sie gesucht hatten. Die Wahrheit eines Kückens, eines Fohlens, eines Spröslings. Den mehr war dieser Baum nicht, begann Rogue zu begreifen. So alt er auch war, so viel er schon gesehen, so lange er auch schon gewachsen war, er war kaum mehr als eine junger, hellgrüner Trieb an dem, was er noch werden würde. Er sprach mit den Zungen von Fohlen, weil er selbst kaum dem Kindesalter entwachsen war.

Ja, Rogue, griff der Baum seine Gedanken auf, so, als könne er sie so mühelos verstehen, wie jedes Wort das er aussprach. Die fohlenhaften Stimmen klangen freudig, erregt. Diese Welt ist noch so jung. Sie hat noch so vieles vor sich: Höhen und Tiefen, Freude und Trauer, Wunder und Katastrophen. Sie lebt und sie wird leben, auch wenn die Sonne ihre Oberfläche zu einer Wüste bäckt, oder der Mond sie in eine kalte Tundra verwandelt. Das Leben findet einen Weg. Und ich werde hier sein, wenn es einen Rat braucht. So wie du.

Er biss die Zähne gegen den Schmerz in seiner Brust zusammen. Es fühlte sich mittlerweile so an, als müsste sein Herz kein Blut, sondern zähen Schleim pumpen. „Ich bin ein Apple. Darum habe ich dich in Lunas Traum gesehen."

Das Lachen der Fohlen war glasklar. Ich bin der Erste, antworteten sie. Der erste der Apfelbäume.

Es blieb nur noch Eines. Eine letzte, alles entscheidende Frage...

Es war nicht Neugier, die ihn trieb. Ein solch profaner Trieb war schon lange zu einem Luxus geworden, den er sich nicht mehr erlauben konnte. Aber er wollte verstehen. Verstehen, warum sie...

Nein, das war nicht richtig, dachte Rogue. Er ging ihm nicht mehr um seine Freunde. Nicht mehr um Fluttershy. Es ging um ihn.

Er hatte sich auf diese Abenteuer eingelassen, weil er geglaubt hatte, es den Anderen schuldig zu sein. Weil er das Gefühl genossen hatte, gebraucht, gewollt zu sein. Die Chance, Teil des wunderbaren Kreises zu werden, die diese Stuten bildeten. Zuflucht darin zu finden. Und er war nicht enttäuscht worden.

Er war ein so enger Teil der Freunde geworden, das er sich selbst kaum mehr daraus hinweg denken konnte. Sie hielten endlich die Antwort zu ihrer Frage, zu Lösung ihrer Probleme, in ihren Hufen.

Es war ein langer und steiler Pfad gewesen. Er hatte sich jeden Schritt darauf erkämpfen müssen. Er hatte Fehler begangen und Buße getan, hatte Schweiß, Blut und Tränen vergossen. Er hatte geglaubt, das jeder Schritt den nächsten nach sich zog, das er diesen Weg ging, weil er war, wie er war und sich selbst treu blieb und das es keine andere Möglichkeit gab. Bis zum Ende. Bis zur Lichtung am Ende des Pfades. Aber jetzt war er sich nicht einmal dessen mehr sicher.

Er zweifelte. Er zweifelte an sich selbst. Er zweifelte an seinen Entscheidungen, an seinen Glauben, wie diese Welt funktionierte.

Letztlich war er Pears hinterher gesprungen. Er wollte verstehen, warum.

Und in dem Moment, als er seine letzte Frage formulierte, tat sein Herz den letzten, angestrengten Schlag.


Warum?

Warum?

Warum?

So viele Fragen. Sie hatten sich in ihm aufgestaut, wie in einem verdreckten Abfluss, der das Wasser nicht mehr ablaufen ließ. Sie hatten gegärt, geschwärt, waren trübe und dunkel geworden. Bis sie ihn vergiftet hatten.

Warum?

Pears Tod war jenseits seiner Macht gewesen. Aber das war nicht das Problem. Es war außerhalb seines Verstehens gewesen. Das war es, was sein Weltbild erschüttert hatte. Mehr noch, zum Einstürzen brachte. Er hatte verzweifelt nach Antworten gesucht, aber nur eine gefunden: Es musste seine Schuld sein. Etwas, das er zu ihm gesagt hatte, oder nicht gesagt hatte. Ein kleiner Hinweis, ein richtiges Wort oder ein falsches.

Doch die Wahrheit war, das Pears Selbstmord die egoistische Tat eine Heranwachsenden war. Er dachte nicht an seine Mutter, nicht an seinen ferne Vater, nicht an die Rettungsponys, die zu seiner Hilfe eilten, als er dem Schmerz, der so vergänglich war, ein endgültiges Ende bereiten wollte. Als seine Erkenntnis kam – als Rogue ihn in letzter Sekunde am Schweif zu packen bekam – war es bereits zu spät gewesen. Er war alt genug gewesen sein eigenes Leben in die Hufe nehmen zu wollen und es weg zu werfen. Dafür gab es keine Entschuldigung, keine mildernden Umstände. Das war hart, aber es war die Wahrheit.

Warum?

Vielleicht waren es schon die ersten, zarten Triebe präpubertärer Liebe zwischen ihm und Applejack gewesen, die sie zu so guten Freunden hatten werden lassen. Die beiden verband von Anfang an etwas, das über bloße Verwandtschaft hinaus ging. Es war kein Wunder, das sie schnell ein Auge aufeinander warfen, als sie sich im Erwachsenenalter wieder sahen. Der zarte Spross, in der Kindheit gesät, blühte rasch auf, so jäh, das keiner von beiden es wirklich verstand. Sie ließen voneinander ab, verwirrt und zaghaft.

Aber die Wahrheit war, das sie sich beide fürchteten. Rogue davor, noch einmal ein Pony zu verlieren, das ihm tief in das Herz gewachsen war und deren Trennung ihm noch einmal so schreckliche Schmerzen bereiten würde. Sie war einmal fortgegangen – sie konnte es wieder tun.

Applejack fürchtete sich davor, das ihre Gefühle sich zwischen sie und ihre Familie stellen würden. Ihr Herz lag in Ponyville. Das fühlte sie mit jeder Faser ihres Körpers. Aber Rogue kam aus einer Stadt, aus der Stadt, die sie schon einmal vertrieben hatte...

Und so folgten sie ihrer Angst lieber als ihrem Herzen. Das war die Wahrheit.

Warum?

Er glaubte, sein Weg wäre ein langer, schmaler Pfad gewesen, steil und schwierig. Er glaubte, das er keine andere Wahl hatte, ihn weiter voran zu gehen, so viel es ihn auch kostete. Er ging den Pfad weiter, getrieben von der Notwenigkeit. Er ließ Teile von sich selbst darauf zurück, erkaufte sich jeden weiteren Schritt mit den Opfern, die er brachte. Er sah Dinge... tat Dinge... die er niemals für möglich gehalten hatte. Kam er an eine Gabelung, musste er eine Entscheidung treffen, zögerte sein Huf nicht, sondern schritt weiter, ertrug die Entbehrungen und Widerstände, die der Weg ihm entgegen warf, ohne das es es für ihn eine Entscheidung gegeben hatte. Der Pfad verlangte nach ihm, verlangte von ihm und er musste ihn entlang gehen. Bis er nichts mehr zu geben hatte...

Aber die Wahrheit war das der Pfad nicht nur nahm, sondern auch gab. Er verschlang die Ponys nicht, die auf ihm wandelten, sondern veränderte sie. Veränderte die Weise, wie sie die Welt sahen. Veränderte die Weise, wie sie von der Welt dachten. Veränderte das, was sie über sich selbst zu wissen glaubten.

Er hatte geglaubt, das er immer nur ein Zugpony bleiben würde, der Helfershelfer für ein Einhorn, das die wirkliche Arbeit tat. Aber seine Reise hatte so viel mehr aus ihm gemacht: Er stand in seinem Beruf nun auf eigenen Hufen. Alles was ihm noch fehlte war ein wenig Zuversicht in sich selbst, wo andere schon längst auf ihn vertrauten.

Er hatte geglaubt, das er sich ungeschickt gegenüber anderen Ponys verhielt, das er nur schwer Freunde finden konnte. Das es an ihm lag, das er sie von sich fern hielt, um sich nicht selbst lächerlich zu machen. Aber in Wirklichkeit waren die vielen Peinlichkeiten, die kleinen Schrullen und Eigenheiten, die er an den Tag legte, wenn er mit anderen umging letztlich nur eines seiner Merkmale, die ihm Charakter verliehen. Oftmals war er es, der sich am besten in andere hinein versetzen konnte, ihr Denken und Fühlen verstehen und die richtigen Worte für sie finden konnte. Und so hatte er die besten Freunde bekommen, die ein Pony sich nur wünschen konnte. Das war kein Wunder, das war kein Mitleid. Es war er, er selbst, der das möglich gemacht hatte.

Er war nicht weniger geworden auf dem Pfad. Auch wenn er vieles zurückgelassen hatte, war er dennoch größer geworden, gewachsen. Mehr Pony. Das war die Wahrheit.

Warum?

Pflicht bedeutete Opfer. Er hatte viel geopfert. Seinen Schweiß, sein Blut, seine Tränen. Seine vertraute Weltsicht. Seine eingefahrenen Ansichten. Seine Unschuld, wenn man es so nennen mochte. Sein Leben.

Die Pflicht verlangte Opfer. Jedes Hindernis verlangte Opfer, Entbehrungen und Selbstaufgabe. Sie waren so weit gekommen, hatten so viel ertragen... und er hatte nur noch eines zu geben. Es konnte nicht umsonst gewesen sein. Es durfte nicht. Er gab das letzte, was er geben konnte. Die Pflicht verlangte es.

Aber die Wahrheit war, das er es tief in seinem Innersten wollte. Er wollte ein Held sein. Er wollte wichtig, unentbehrlich sein. Er wollte den Unterschied machen.

Er wollte mehr sein, mehr als er selbst, mehr als ein Rettungspony, mehr als ein Freund, mehr als...

...Rogue.

Auf seine eigene Weise war er ebenso egoistisch wie Pears. Das war der Grund, warum er niemals inne gehalten hatte, um mit Fluttershy zu sprechen. Warum er sie nie wirklich getröstet hatte, obwohl sie sich immer noch die Schuld für seine Entscheidung gab. Warum er ihr nicht erklärt hatte, das er glaubte, diesen letzten Schritt gehen zu müssen, nicht für sie, nicht für ihre Aufgabe, sondern für sich. Das er davonlaufen musste, vor dem, was er glaubte, was aus ihm geworden war. Vor dem, was er glaubte getan zu haben. Vor dem was er glaubte, werden zu können. Einer ungewissen Zukunft. Einem lahmen Bein. Einer Trennung von ihr, die all die alten Narben wieder aufreißen würde, die er seit Grace schon fast verheilt glaubte. Vor dem fallenden Fohlen, das nicht aus seinen Träumen verschwinden wollte.

Ein einfacher Ausweg. Es war leicht als Held zu sterben. Es war schwer mit dem zu leben, was einen Helden ausmachte. Das war die Wahrheit.

Warum?

Sie war Licht. Sie war Unschuld und Freude. Sie war, was er verlohren glaubte. Sie war Liebe und Wärme. Sie war in sein Leben getreten, als alles um ihn herum nicht dunkler hatte werden können.

Sie war die Sonne, die von oben auf ihn herabschien, bis auf den Boden des Loches, in dem er lag, zerbrochen und hoffnungslos. Sie weckte ihn, ließ ihn aufsehen. Und noch einmal den Aufstieg beginnen.

Aber die Wahrheit war, das er noch immer glaubte, sie nicht zu verdienen. Das er nicht glaubte, das sie ihn verdiente. Sie war etwas besonderes, etwas wunderbares. Er war nur... er. Nur Rogue. Tief in sich glaubte er, das er für sie nicht mehr als eine Schwärmerei war, ein Trugbild, das nur entfernte Ähnlichkeit mit ihm Dinge, die er getan hatte.. die Wunder die seine Hufe vollbrachten, die seine Stimme in Bewegung gesetzt hatten, all das war nicht er. Er hatte einen Traum geträumt, lang und schön, aber es war Zeit daraus aufzuwachen. Und wie konnte sie ihn dann noch lieben? Wie konnte sie ihn noch lieben, wenn er nur... er war? Das war die Wahrheit.

Das war die Wahrheit.

Die Antwort auf seine Fragen.

Die Wahrheit.

Die Antwort auf all die Fragen, die er so lange mit sich herum geschleppt hatte. Es lag Erlösung darin, aber auch schmerzhafte Selbsterkenntnis.

Dies war die Wahrheit. Das war das Ende. Zum Schluss kamen die Antworten. Es erschien unfair, war die Lösung doch letztlich so einfach, nachdem er sich so lange Zeit mit ihnen herum gestritten hatte, an sich selbst, an den anderen und an allem gezweifelt hatte. Die einfachsten Antworten... kamen zum Schluss.

Rogue fühlte sich seltsam verwirrt. Seine Fragen hatten ihn so lange bedrängt, das die Erleichterung, als sie von ihm genommen worden waren, sich fremd und unvertraut anfühlte. Er fühlte keinen Schmerz, keine Taubheit in seinen Gliedern. Selbst die trockene Wundheit in seiner Kehle hatte sich verflüchtigt. Er fühlte sich so stark und ausgeruht, wie schon lange nicht mehr.

War es das jetzt?", fragte er laut in die Dunkelheit hinein, die ihn auf allen Seiten umgab. „Wie geht es weiter?" Er fühlte eine seltsame Erregung in sich hoch steigen, die seine Hufe kribbeln ließ und einen angenehmen Schauder der Erregung seinen Rücken entlang jagte. Er konnte fühlen, das etwas auf ihn zu kam, etwas neues, etwas besonderes, etwas, auf das er sich freuen konnte. Es war nur noch einen Herzschlag entfernt, nur noch...

Er konnte es in seinen Hufen fühlen, wie der erste Schritt auf einer langen, wunderbaren Reise. Er hob seinen Huf und fühlte die Begeisterung in jedem seiner Muskeln schreien...

Aber er zögerte. Die Dunkelheit vor ihm hellte auf, wie ein Suchscheinwerfer in der Nacht. Der Schein war warm und verheißungsvoll, voll von Versprechungen und lang ersehnter Hoffnungen. Er fühlte, wie es ihn anzog, wie es nach ihm rief, wie ein lang vertrautes Lied, das er lange nicht mehr gehört hatte, aber das er so wohl kannte, das sein Innerstes selbst nicht zögerte und darin einstimmte.

Was hielt ihn hielt ihn hier noch? Er war am Ende seiner Reise angelangt. Seine Fragen waren beantwortet worden, eine nach der anderen, mit der Wahrheit und nichts als der Wahrheit. Dieses drängende, treibende Gefühl, das er so lange in seinem Herzen getragen hatte, war verschwunden. Er hatte alles gegeben, alles was er zu geben hatte. Er war bereit seinen Lohn zu empfangen. Das, was hinter dem gleißenden Licht, das vor ihm aufblühte, wartete, war niemals sein Ziel, sein Ansporn gewesen, aber er wusste, das er er es sich verdient hatte. Er musste nur seinen Huf danach ausstrecken, nur das warme, verlockende Licht in sein sterbendes Herz lassen. Was dahinter lag... war schöner, als alles was er sich vorstellen konnte.

Das Licht badete ihn in einen Halo aus Wärme und Zuversicht. Er konnte es singen hören, ätherisch und himmelsgleich. Er tat einen Schritt darauf zu und der Gesang wurde eine Nuance lauter, heller. Das Licht küsste sein Fell wie der warme Schein der Sommersonne, frisch und belebend. Er tat noch einen Schritt und das Gefühl verstärkte sich.

Rogue!"

Der Ruf war so leise, das er ihn über dem friedlichen Rauschen vor ihm kaum wahrnahm. Dennoch hielt er inne und spitzte seine Ohren. Wer hatte dort gerufen? War es seine Mutter gewesen?

Er wendete den Kopf von dem warmen Glanz vor ihm ab und sah in die Richtung aus der er gekommen war. Es war dunkel dort, so dunkel, das er nichts sehen konnte. Und es war kalt. Das konnte er fühlen.

Konnte es seine Mutter gewesen sein? Sie hätte sicherlich jeden Grund ihn zurück zu rufen. Es war immer schwer, seine Liebsten loszulassen. Aber es war Teil des Erwachsenwerdens. Sie musste ihn ziehen lassen, so wie sie es schon einmal getan hatte. Es hatte ihnen beiden weh getan, Ihr so sehr, wie seinem Vater, auch wenn er es nicht gezeigt hatte. Aber es war notwendig gewesen und das hatten sie alle gewusst. Jetzt... jetzt zog er weiter. Und auch wenn es schmerzte, würden sie es letztlich verstehen.

Rogue!"

Der Ruf erscholl wieder und hätte er nicht bereits aufmerksam gelauscht, hätte er ihn niemals gehört.

War das die Stimme von Darling gewesen, der Krankenschwester im Sacred Hooves? Sie würde ihn vermissen, sicherlich. Ihre Leben hatten sich nur gestreift, aber es war dennoch eine wundervolle Begegnung gewesen. Er schuldete ihr noch immer ein Rendezvous... oder zumindest eine Erklärung. Währen die Dinge anders verlaufen, hätte er ihr beides gerne gegeben. Aber letztlich hatte er ihr Leben so verlassen, wie er es betreten hatte: Wie ein Vogel, der verirrt durch ihr Fenster geflogen war, seine Kreise zog und wieder durchs Nächste verschwand.

Er drehte sich um und ging einen Schritt weiter.

Rogue!"

Es war so leise, das er es sich eingebildet haben könnte.

Er war fast sicher, das es Applejack gewesen war, die ihn gerufen hatte. Er blieb stehen und senkte seinen Kopf, als er an die orangene Stute dachte. Sie würde ihm fehlen, dorthin, wo er unterwegs war. Sie war die erste gewesen... die Farbe zurück in sein Leben gebracht hatte, in dem das stumpfe Grau des Alltags so langsam und gemächlich hinein gesickert war, das er die Schönheit, die es bringen konnte, kaum vermisst hatte. Sie war wie ein klarer, kühler Regen nach einem langen, heißen Tag gewesen. Offen und fröhlich, lebendig und stark. Die große Schwester, die er sich als Fohlen so dringend gewünscht hatte. Und mehr, so viel mehr...

Aber sie hatte ihre Freunde, seine Freunde. Er würde ein Loch in sie reißen, aber keines, das nicht wieder verheilen würde. Sie würden sie auffangen, sie tragen, wenn es sein musste. Er ließ sie in guten Hufen zurück. Er wünschte nur, er hätte sich von ihr verabschieden können.

Er hob den Kopf und ging einen weiteren Schritt. Das Licht vor ihm war nun zum Greifen nah, hell und strahlend. Es hieß ihn willkommen. Sein Herz machte vor Freude einen Satz, als er daran dachte, was dahinter lag...

Rogue!"

Es war Fluttershys Stimme. Er wusste es in dem Moment, in dem das Wispern, so fein und leise, wie ein Geräusch nur sein konnte, an seine Ohren drang. Er hielt ein letztes Mal inne, den Huf bereits nach dem Licht ausgestreckt.

Sie zurück zu lassen schmerzte am meisten. Sie war so nahe an seinem Herzen, das sie bereits ein Teil davon geworden zu sein schien. Über alle Widerstände hinweg, über alle Mauern, alle Gräben, die er aufgebaut hatte, hin zu ihm, zu ihm, zu ihm. Und als die letzte Wehr gefallen war, das letzte Tor gebrochen, als sie sich endlich in inniger Umarmung fanden und sich gegenseitig gestanden, was ihre Herzen wussten... ging er weiter. Ohne sie.

Sein Huf begann in der Luft zu zittern. Er fühlte, wie die Kälte der Dunkelheit um ihn herum zunahm. Allein das Licht vor ihm blieb rein und warm.

Sie war Licht. Sie war Leben. Er war nur Rogue. Nicht genug. Nicht für sie.

Die Kälte wurde beißend. Er streckte sich Zentimeter um Zentimeter dem erlösenden Licht entgegen, dennoch nicht willens den letzten, entscheidenden Schritt zu tun.

Ich liebe dich, Rogue." Es war, als würde sie sanft in sein Ohr flüstern. Er fühlte, wie sich seine Augen mit Tränen füllten.

Bitte...", flehte er.

Vor ihm lagen allen Antworten, selbst die, für die sein Herz und Verstand keine Formulierung fand. Keine Fragen mehr. Keine Unsicherheit, keine Zweifel. Nur das himmlische Rauschen und warmes Licht. Erlösung.

Verlass mich nicht."

Das war die Wahrheit hinter dem Loch: Egal wie lang du gebraucht hast, um dich daraus frei zu kämpfen, du kannst jederzeit darin zurück fallen. Je weiter du davon läufst, desto tiefer und dunkler wird es, während seine Kanten nach deinen Hinterläufen greifen. Deine einzige Chance ist dich umzudrehen und sich ihm zu stellen. In seine Tiefen zu blicken. Und wenn du in den Abgrund blickst, wirst du dich selbst erkennen, ein dunkler Spiegel, der dir alle deine Fehler, deine Unzulänglichkeiten vorhält. Dein wahres Gesicht, so hässlich es auch sein mag. Es ist nie ein angenehmer Anblick. Aber es ist die Wahrheit.

Und die Wahrheit war...

Sein Leben gehörte ihm nicht allein. Es gehörte seinen Eltern, die ihn liebten, vorbehaltlos und ohne jede Bedingung. Es gehörte seinen Freunden, die ihn in ihr Herz geschlossen hatten. Es gehörte seiner Liebe, auch wenn er sie sich nicht ausgesucht hatte, auch wenn er glaubte, nicht gut genug für sie zu sein. Er war nicht alleine. Er gehörte nicht nur sich selbst.

Er ließ seinen Huf sinken und setzte ihn sanft auf den klirrend kalten Grund ab. Das Rauschen war noch immer verheißend, aber es schien ihm, als wäre es leiser geworden, weniger dringend. Er warf einen letzten, sehnsuchtsvollen Blick auf das Licht vor ihm. Eine Tages würde er es betreten. Eines Tages würde er auch die letzte Antworten finden. Aber nicht heute. Heute...

Er drehte sich um und atmete stockend die schneiden kalte Luft um ihn herum ein. Vor ihm erstreckte sich nur Dunkelheit und eisige Kälte.

Dann begann er los zulaufen. Zuerst war es nur ein schneller Trott. Aber als das Licht hinter ihm zu verblassen begann, legte er einen Zahn zu. Und als die letzte Wärme von seinen Flanken verschwand, galoppierte er bereits so schnell er konnte.

Als die Dunkelheit ihn umfing, begann er zu begreifen, dass er das tat, weil er es wollte, nicht weil er es musste. Als er das verstand, begann er zu lächeln.