Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Geschichte, was den Inhalt von Hasbro´s My Little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum

Kapitel 27 – Fragmente

Der Mond schien hell über Equia. Das nächtliche Gestirn warf sein silbernes Licht auf die Berge, die Hügel und die Täler unter ihm, auf fruchtbare Auen, auf karge Wüsten und stille Wälder. Auf windumtoste Hochebenen und steile Felsgrate, auf das wogende Gras der Steppe und und die leise Flüsse, die es durchzogen.

Es fiel auf das in der Hitze brütende Manehattan, wo die Sirenen der Ambulanzen und der Feuerwehr nicht mehr still werden wollten. Es fiel auf die Stolz aufragenden Türme Canterlots, wo in den Denkschmieden des Landes noch immer Licht brannte und müde Geister über alten Folianten, neuen Formeln und seltsamen Zaubern brüteten.

Es badete die strengen Säulen Roams in ebenso magisches Licht wie die traditionellen Hütten, die sich nicht weit davon in der trockenen Ebene erhoben. Die Zebras tanzten, auf dem marmorgefliesten Boden und auf dem festgestampften Lehm, nach altem Brauch und Sitte.

In den hohen Gipfeln stießen die Greifen wilde Schreie der Herausforderung aus, die seit Jahrhunderten nicht mehr gehört worden waren. Sie waren immer ein kriegerisches Volk gewesen und auch wenn der lange Friede sie zahm gemacht hatte, erinnerte sich doch ihr Blut noch immer an die alten Zeiten.

Auf blau glitzerndem Schnee und in versteckten Klöstern sangen die Lamas, übertönt nur vom dumpfen Klang der Meditationsglocken und dem beständigen Klackern der Gebbetsmühlen. Die tiefen Täler ihrer Heimat warfen die Klänge zwischen sich hin und her, bis sie geisterhaft und unwirklich in die Täler darunter drangen.

Es fiel auf Celestia und Luna, die beiden Prinzessinnen, die gemeinsam auf einem der höchsten Balkone ihres Palastes standen und sorgenvoll und müde auf ihr noch friedliches Reich sahen. Sie wussten, dass das, was bereits seit tausend Jahren Bestand hatte und wofür sie noch länger gearbeitet hatten, im Begriff war, auseinander zu brechen. Keine von ihnen wollte es sich eingestehen, oder gar laut aussprechen, aber die dachten es beide: Es könnte das letzte Mal sein, das sie ihr Land, ihre Welt, so friedlich und intakt sehen würden. Noch war es nicht so weit. Was so lange gewachsen war, was so lange gehegt und gepflegt worden war, erwies sich letztlich als stark und unnachgiebig. Aber die erste Risse zeigten sich bereits. Niemand konnte sagen, ob es heute so weit sein würde oder erst in einem Jahr. Es gab zu viele Variablen, zu viele Unwägbarkeiten, selbst für die erfahrene Vorraussicht der Schwestern. Nur in einem waren die beiden sich sicher: Würde die Krise nicht bald behoben, wäre Equestria dem Untergang geweiht.

Das selbe Licht viel auch auf Torden Hallen und seine erwählte Stute. Die beide lagen auf einem Hügel etwas außerhalb des großen Waldes und atmeten heftig, nachdem sie sich lange und leidenschaftlich geliebt hatten. Unter ihnen erglühten die Herdfeuer der vereinten Stämme wie ein Meer aus roten Glühwürmchen am Waldesrand. Der Kriegskönig lächelt, als er auf den Zwillingsgipfel sah, der sich als dunkle Silhouette vor ihm erhob. Er hatte nichts mehr von den kleinen Ponys gehört, die er dort hin geschickt hatte, aber das war ohne Bedeutung. Ob im Feuer des Untergangs der Wechselbälger oder im Licht des Triumph ihrer Unterwerfung, seine Herrschaft über das Land war sicher. Er kicherte leise, zum einen, weil die Stute neben ihm ihn zärtlich hinter dem Ohr leckte, zum anderen weil er bereits daran dachte, wie es sich anfühlen würde, den Kopf der Königin unter seinem Huf zu zertreten. Er würde sie töten. Er musste sie töten, um seinen Anspruch absolut zu machen. Und dann... Nur ein Stamm. Nur ein König. Friede. Er drehte sich leicht zur Seite und küsste die Liebe seines Lebens voll Inbrunst und Vorfreude.

Das Licht des Mondes, das man in alten, lange vergessenen Zeiten auch ´Lunas Schein´ nannte, fiel auch auf ein kleines Luftschiff, das ruhelos in den hohen Tälern der Gebirge kreuzte. Alle Feuer waren gelöscht und kaum ein Laut war an Deck zu hören. Dennoch starrten müde Augen aufmerksam in die Dunkelheit und flüsterten energisch zusammengekniffene Münder Entfernungsangaben und Meldungen. Ein Pegasus umkreiste in langsamen Bahnen den Trageballon und hielt nur inne, um dem einsamen Kapitän am Ruder Windrichtungen zu zu raunen. Kapitän Fairways trank bedächtig den heiße Kaffee aus der Tasse, die ihm Pinkie Pie vor einigen Minuten gebracht hatte und versuchte ein Gähnen zu unterdrücken. Er war müde bis auf die Knochen, genauso wie jedes andere Pony an Bord des Schiffes. Die Mannschaft hatte unerbittlich an der Reparatur nach dem Absturz gearbeitet und Celestia und Luna allein konnten wissen, was die Elemente und ihr Freund in den Tagen durchgemacht hatten, bis sie von der ´Idle Barter´ wieder aufgenommen worden waren. Er hatte ihre Gesichter gesehen, als er sie von dem Vorsprung am Berg aufgelesen hatte. Und noch schlimmer... als Fluttershy mit dem leblosen Rogue in ihren Hufen etwas später aus einer der Spalten am Gipfel aufgetaucht war.

Er kannte noch immer keine Einzelheiten darüber, was dem Hengst dort unten zugestoßen war, aber es schien, als wäre er noch am Leben, wenn auch nur um Schweifhaaresbreite. Sein Smutje und Sanitäter, Soda, betreute ihn nun zusammen mit den anderen ernsthaft Verletzten an Bord und hatte es versäumt seinen regelmäßigen Bericht über ihren Zustand zu melden. Fairway konnte es ihm nicht übel nehmen. Das Schiff war niemals darauf vorbereitet gewesen so viele verletzte Ponys über einen so langen Zeitraum zu betreuen. Normalerweise war ein rettendes Krankenhaus höchstens wenige Stunden entfernt. Soda war ein gutes Pony und verstand sein Handwerk, aber es fehlte ihm an Erfahrung, vor allem mit den schweren Fällen. Worthwhile war eine Herausforderung gewesen, aber sein Zustand war stabil geblieben, wenn er sich nicht sogar schon auf dem Weg der Besserung befand. Wenn er jedoch Rogues Zustand richtig einschätzte...

Der Wetterpegasus setzte auf dem Deck auf und strauchelte einen Moment, als er über einen unebene Bodenplanke stolperte. Fairway verzog kurz das Gesicht, als er dies sah, zum einen weil es den desolaten Zustand seines Schiffes verdeutlichte, als auch die Erschöpfung seiner Crew. Er vergewisserte sich kurz, das dass Ruder gesichert war, dann eilte er seinem Untergebenen entgegen und schob ihm seine noch immer dampfende Tasse in die Hufe.

„Trinken sie.", befahl er dem Pony. Der Hengst sah ihn einen Moment unsicher an, dann hob er das feine Porzellan an und trank den warmen Kaffee in einem Zug leer. Er schüttelte sich kurz, zum einen, weil die Wärme ihm nach seinem Flug wohltat, zum anderen, weil das Getränk so bitter war. Fairway bevorzugte seinen Muntermacher ohne Zucker, was eine Seltenheit in Equestria war.

Letztlich grinste der Pegasus dankbar und gab ihm die Tasse zurück. Er wollte salutieren, aber Fairway winkte ab. Jetzt war weder der richtige Ort noch die richtige Zeit für Formalitäten. „Wie sieht es aus?", fragte er ungeduldig. „Irgendeine Veränderung?"

Der Pegasus nickte knapp. „Die Ostströme reißen langsam ab. Ich denke, das der Wind über den Gipfeln beginnt zu drehen. Wenn wir den richtigen Moment abpassen, Captain..."

Fairway lächelte grimmig. „...dann ist das die Chance, auf die wir gewartet haben." Er sah ernst auf den geflickten Ballonkörper über ihnen und anschließend auf das hastig reparierte Deck unter ihnen. „Beten wir, das es reicht...", murmelte er zu sich selbst. Schnell drehte er sich zu dem Pegasus um, bevor dieser seine Unsicherheit bemerken konnte. „Gute Arbeit. Wecken sie die Ponys, alle Hufe an Deck." Er schaffte es, seinem Lächeln etwas Zuversichtliches zu gebe. Er wusste, das würde die Crew jetzt brauchen. „Wir fliegen nach Hause."

Der Wetterpegasi grinste und salutierte jetzt doch. „Eine Ehre unter ihnen zu dienen, Sir!" Dann war er weg, davon geflitzt um seinen Befehlen nachzukommen. Fairway seufzte und kehrte ans Ruder zurück.

Sie hatten nur eine Chance. Der Moment, in dem der Wind drehte und die Strömungen über den Pässen, die sie die Nacht über ausgespäht hatten, still wurden. Sie mussten an Höhe gewinnen und sich auf den ersten Brisen über die Höhen tragen lassen, solange diese noch schwach und zahm waren. Mehr würde ihr angeschlagenes Schiff nicht aushalten. Ein falscher Windstoß... und sie zerschellten entweder an den Hängen oder der ganze Rumpf brach auseinander. Er konnte bereits jetzt das Ächzen der Planken und Balken unter sich hören, ganz so als wüsste die Idle Barter, was sie ihr in Kürze abverlangen würden.

Er ließ seinen Huf sacht über das Holz der Reling neben dem Steuerrad gleiten, streichelte es liebevoll und sorgenerfüllt. Die Idle Barter war ein altes Schiff, ein betagter Veteran, das nicht nur ihm, sondern schon vielen Kapitänen vor ihm wohlwollend und zuverlässig gedient hatte. Sie hatte viele Stürme überstanden, Hagel und Regen, die wie eisige Nadeln auf sie eingeprasselt waren, getrotzt, ohne sich den widrigen Winden zu ergeben. Aber Fairway wäre ein Narr gewesen, würde er glauben, das es diesmal nicht anders wäre.

Die Idle Barter war angeschlagen, bis ins tiefste Mark erschüttert durch die Bruchlandung im alten Land. Es war weit mehr als ein paar gebrochene Planken und zerrissenes Tauwerk. Das Skelett des Schiffes, seine Seele, sein tiefstes Innerstes war verletzt. Mehr noch – Es war waidwund. Er konnte es aus den Balken und den Masten spüren. Sie wusste es. Sie spürte es auch.

Es würde keine Instandsetzung geben. Keine Modernisierung. Noch war ihr Rückrat nicht in Stücken, noch segelte sie geradeaus, aber sie würde niemals wieder das Schiff sein, das sie vor dieser Reise gewesen war. Der Schaden ging zu tief. Die Risse waren klein, aber es waren zu viele um sie zu kitten oder zu ignorieren. Die alte Dame flog nur noch mit Spucke und jeder Menge Panzertape.

Es war ihre letzte Reise.

„Lass uns nicht im Stich.", raunte Fairway dem Schiff, seinem Schiff, leise zu. „Noch ein letztes Mal..." Er schloss die Augen und küsste das geschundene Holz. „Noch ein letztes Mal..."

Der helle, durchdringende Ton der Schiffsglocke erklang und rief die Ponys zum Dienst. Sie fielen aus ihren Hängematten und Kojen, rieben sich schlafestrunken die übernächtigten Augen und wankten müde ihren Pflichten entgegen, während der Wind, der schicksalhafte Wind, langsam wechselte.

Und als die Mannschaft auf das Deck stürmte, Taue aufschlug und die Rahen bestieg, löste Fairway sich von der Reling, nahm das Ruder in seine Hufe und rief laut aus, so das jeder ihn hören konnte: „Trag uns nach Hause, alte Freundin!"

Erschöpft, aber voll Vorfreude nahmen sie seinen Ruf auf, bis die umgebenden Gipfel davon widerhallten.

„Trag uns nach Hause, alte Freundin!"


Während die Trommel schlug und die Hufe über das Deck klapperten, war es im Unterdeck still geworden. Soda, der Schiffssanitäter, trat sorgsam über die schlafenden Körper der Elemente und schenkte dem Aufruhr über sich nur wenig Aufmerksamkeit. Er kam gerade von seinem Besuch bei Worthwhile in dessen Kabine und hatte genug damit zu tun seine Augen offen zu halten. Die Pflege des ersten Offiziers und die Behandlung der vielen kleineren Verletzungen der Crew hatte ihn die letzten Tage kaum Schlaf finden lassen. Mittlerweile bewegte er sich fast wie ein Zombie durch die Decks des Schiffes. Er unterdrückte ein weiteres Gähnen und machte sie halbschlafend daran die Vitalzeichen von Rogue zu erheben. Es war kein Wunder, das er fast einen Herzinfarkt erlitt, als sich hinter der Hängematte seines Patienten ein Pony so lautlos aus dem Schatten schälte als wäre es dorthin gezaubert worden. Es dauerte nur einen aufgeregten Herzschlag lang, bis er Fluttershy erkannte, die ihn mit einem feuchtem Lappen im Mund verlegen ansah. Als sie sah, das er sich entspannte, beugte sie sich nach vorne und legte das Tuch vorsichtig auf Rogues Stirn. Soda stieß seinen angehaltenen Atem aus und war gleich darauf überrascht, als die Stute dem grauen Hengst in der Hängematte einen zärtlichen Kuss auf die Wange gab. Er riss sich von dem Anblick los und tat verlegen so, als würde er Rogues Kurve studieren, die an der Seite der Hängematte befestigt war. Er hatte niemals bemerkt, das die beiden... sich so nahe standen. Jetzt verstand er um so mehr, warum die Stute noch immer an seiner Seite wachte. Die anderen Elemente hatte sich strickt geweigert, den Hengst alleine zu lassen, vor allem während der ersten Zeit nach seinem Eintreffen auf der improvisierten Krankenstation hier auf dem Unterdeck. Er war in einem schlechten Zustand gewesen, als er in die Obhut Sodas übergeben worden war und daran hatte sich bis jetzt wenig geändert. Rogues Freunde waren nach und nach eingenickt, teilweise auf dem Boden zusammengerollt, teilweise zusammengekuschelt oder gegen die Schottwände gelehnt. Die Cyanblaue Stute mit der verrückten Regenbogenmähne schnarchte sogar laut, vollkommen unbeeindruckt von dem Aufruhr an Bord des Schiffes. Nur der kanariengelbe Pegasus richtete noch immer ihren sorgenvollen Blick auf das Rettungspony, auch wenn die dunklen Ringe unter ihren Augen Bände darüber sprachen, wie erschöpft sie selbst war. Er seufzte und fasste sich schließlich ein Herz.

„Wenn sie möchten, können sie meine Hängematte nebenan benutzen. Ich verspreche, das ich sie wecken werde, sobald sich etwas an seinem Zustand ändern sollte."

Fluttershy sah überrascht auf, dann schüttelte sie langsam ihren Kopf. „Ich möchte gerne noch etwas hier bleiben, wenn es sie nicht stört." Sie sah wieder auf den graue Hengst, der wie tot vor ihr lag.

Soda sah sie einen Moment lang an, dann räusperte er sich nervös. „Es geht ihm schon etwas besser...", begann er und kontrollierte den Tropf, der in den Vorderlauf seines Patienten führte. „Seine Herzrythmusstörungen haben nachgelassen, bis auf ein paar Extrasystolen hier und da. Ich glaube nicht, das seine Herz Schaden genommen hat...", er stutze kurz und errötete. „Soweit ich das sagen kann.", fügte er verlegen hinzu.

„Was ist mit seinem Fieber? Und seiner Wunde?"

Soda verzog kurz das Gesicht, dann versuchte er die Miene zu überspielen, indem er fahrig das nächstbeste Klemmbrett aufhob. Er wollte sich eigentlich auf die guten Nachrichten beschränken, um die Stute nicht zu beunruhigen. Aber er konnte sie auch schlecht belügen. Fluttershy mochte keine klassische Ausbildung in Medizin genossen haben – Als hätte ich das getan, ging es Soda durch den Kopf, als er an seine gerade einmal drei Monate Ausbildung an der Luftfahrtschule in Canterlot dachte – aber sie hatte trotzdem zu große Teilen mehr Erfahrung als er. Sie mochte sich in der Hauptsache um Tier kümmern, aber deren Behandlung unterschied sich von den Grundsätzen nicht von der Pflege der Ponys. Im Gegenteil... Ponys waren meist leichter davon zu überzeugen sich nicht dumm zu verhalten.

„Sein Fieber ist wieder angestiegen... aber ich denke, das die Antibiotika bald anschlagen werden. Dann wird auch der Zustand seiner Flankenwunde besser werden. Die Nähte halten zwar, aber wegen der Infektion gibt es bis jetzt kaum Anzeichen der Heilung. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass sich irgendwo ein Abszess gebildet hat. Er muss also operiert werden, sobald wir in Canterlot ankommen und sei es nur, um das abgestorbene Gewebe zu entfernen." Er sah auf und bemerkte den sorgenvollen Blick, den sie dem kranken Pony zuwarf. Er legte das Klemmbrett weg und trat an die Hängematte heran.

„Hören sie mir zu: Er hat viel Gewicht verloren und es ist kein Wunder, das er gerade nicht gut aussieht. Aber das ist kein Wunder angesichts dessen, was sie mir über ihn erzählt haben. Er ist ein starkes Pony und wenn er es bis hier her geschafft hat, sind seine Chancen gut, das er es übersteht. Vor allem wenn wir in Canterlot an der Universität sind. Sie haben dort die besten Ärzte und die beste Pflege. Sie werden sehen, er ist im Hufumdrehen wieder auf den Beinen." Er lächelte zuversichtlich und verschwieg absichtlich, das es keinen Garant dafür gab, dass das Gehirn des Rettungsponys noch intakt war.

Fluttershy hatte ihm erzählt, das sein Herz still gestanden war, für Celestia weiß wie lange, bis es ihre Herz-Lungen-Massage es irgendwie wieder in Gang bekommen hatte. Soda konnte sich nicht erklären wie. Nach dem, was die kanariengelbe Stute ihm erzählt hatte, hätte es einer gut ausgestatteten Intensivstation bedurft, um den Hengst noch einmal vom der Schwelle des Todes zurück zu holen. Die Wunde, die Infektion, der Wundbrand und dann noch dieser verdammte Cocktail, den er sich reingejagdt hatte... aber Fluttershy hatte ihn mit schlagendem Herzen auf die Idle Barter gebracht. Es stockte und stolperte noch immer und er musste es ganze drei Mal mit einem kräftigen Schlag auf die Brust daran erinnern, dass es das auch weiterhin tun musste, aber es schlug. Es war ein kleines Wunder, nicht mehr und nicht weniger.

Aber das er am Leben war, bedeutete nicht, das er über den Berg war. Die Infektion wütete noch immer in seinem Körper und er war bisher nicht wieder aus seinem Koma erwacht. Bevor er nicht die Augen aufschlug, konnte niemand sagen, ob und wie viel Schaden sein Verstand genommen hatte. Aber nichts in der Welt hätte ihn dazu gebracht, das vor der Stute zuzugeben.

„Er ist wegen mir zurück gekommen." Sie flüsterte es nur, aber seine Ohren schnappten es dennoch über das Knarzen der Balken und des Trampeln der Hufe auf dem Deck über ihnen auf.

Sie beugte sich noch einmal vor und küsste ihn, diesmal mit auf den Mund. „Ich liebe dich." Sie glitt ein winziges Stück zurück, so das ihre Schnauze nun an seinem Ohr ruhte. „Komm zu mir zurück.", bat sie und Tränen formten sich in ihren Augen, als sie es aussprach.


Die Sonne brannte so unerbittlich auf Canterlot herab, wie auf den Rest des Landes.

Die marmornen Mauern des Palastes hielten die schlimmste Hitze noch immer fern, aber Prinzessin Celestia bemerkte dennoch, wie sich Schweißtropfen auf ihrer Stirn sammelten, als sie die Berichte auf ihrem Schreibtisch überflog.

Es waren zum größten Teil schlechte Nachrichten. Statistiken über Ernteausfälle, über sinkende Grundwasserspiegel, Versorgungsengpässe in den Städten, schließende Betriebe, die auf Wasserkraft angewiesen waren, Knappheit an bestimmten, wasserabhängiger Nahrung wie frischem Salat, Kohl und – überraschenderweise – Reis. Die Herrin der Sonne studierte einen Moment lang das letztere Papier und wunderte sich darüber, wann der Verbrauch an dem weißen Korn in ihrem Königreich so angestiegen war. Schließlich schüttelte sie ihren Kopf und legte es auf den Stapel zu den anderen. Es war schrecklich, wie schnell man die Grundbedürfnisse für das eigene Volk aus den Auge verlor, bis es – zum ersten Mal seit sechshundert Jahren – Probleme damit gab. Sie seufzte schwer und machte sich eine kurze Notiz darüber. Sie würde sich bei Gelegenheit genauer über das überraschende Interesse ihrer kleinen Ponys für Reis informieren. Aber es gab nun dringenderes.

Sie nahm das nächste Papier und ihre Miene hellte sich sichtlich auf.

„Magst du Bananen, Lulu?"

Prinzessin Luna sah überrascht von ihrem Platz auf dem weichen Teppich in ihrem gemeinsamen Arbeitszimmer auf. Um sie herum stapelten sich auf dem Boden Papierablagen nicht weniger hoch als auf Celestias Schreibtisch. Es war nicht so, als hätte sie keinen eigenen Arbeitsplatz – Celestia hatte dafür gesorgt, das der neue Schreibtisch ihrer Schwester dem ihren in nichts nachstand, auch wenn sein Erbauer schon seit Jahrhunderten tot war – aber Luna bevorzugte nach wie vor die etwas informellere Position auf dem Boden.

´Es gibt viel mehr Ablagefläche´, Celestia verdrehte leicht die Augen nach oben, als sie an die Erklärung ihrer Schwester dachte. ´Außerdem ist der Papierkorb größer´. Sie beobachtete mit leichter Missbilligung die zerknüllten Anträge im kalten Kamin der Schreibstube. Dann seufzte sie leise. Früher war dieses Büro ein Zentrum der Ruhe gewesen, fern der steifen Formalität des Thronsaals, wo man enge Verbündete und ferne Freunde empfangen konnte, für die die eigenen Salons zu inoffiziell waren. Aber dieses Durcheinander konnte sie niemandem zumuten. Aber es war kein Verlust, nicht wirklich. Celestia genoss die Zeit mit ihrer Schwester, auch wenn sie durch dunkle Zeiten bedingt waren. Sie hatte ihr zu lange gefehlt, um sich an steifen Kleinigkeiten zu stören.

Sie lächelte und wunderte sich etwas über den vorsichtigen Blick, den ihr Luna zuwarf.

„Bananen?", fragte die Prinzessin des Mondes nervös. „Sage mir, warum fragst du danach, Schwester?"

Und ihr Akzent ist immer noch so steif und archaisch, dachte Celestia während sie wortlos die Akte, die sie gerade gelesen hatte, zu ihr schweben ließ.

Luna überflog die Papiere kurz und lächelte dann ihrerseits, offensichtlich erleichtert. „Die Republik von Roam hat demnach dem Handelsabkommen über die Einführung von Lebensmitteln ihre Zustimmung gegeben. Dies ist von Bedeutung. Es verschafft uns etwas mehr Zeit." Sie sah auf. „Warum Bananen?"

Celestia wendete ihren langen Hals zuerst in die eine, dann in die andere Richtung, um ihre verspannten Muskeln etwas zu lockern. Es tat gut, sich in der Gegenwart eines anderen Ponys so natürlich und ungezwungen verhalten zu können. „Sie haben uns gleich ein Warenexempel mitgeschickt. Zwölf Tonnen, wenn ich mich nicht irre. Und sie versprechen uns mindestens hundertzehn jeden Monat bis zum Ende der Saison. Zusätzlich zu den anderen Lebensmitten, aber das ist Prozentual der größte Anteil. Also schätze ich, es wird in nächster Zeit öfters Bananensplit geben."

Luna kicherte kurz. „Und Bananenbrot..."

„...Bananenkuchen...", setzte die Sonnenregentin noch eins nach.

„...Bananentorte... dies findet sicher dein Gefallen."

Celestia rieb sich vergnügt den Bauch und leckte sich übertrieben über die Lippen. Elegant erhob sie sich von ihrem Sessel hinter dem überfüllten Schreibtisch und schlich mit gespielt begieriger Miene auf ihre Schwester zu.

„...Bananensouffle...", gurrte sie leise.

„...Bananensalat...", gab Luna zurück, ein Lächeln auf den Lippen und die Ohren gespitzt.

„...Bananenbrötchen... mit Bananenmarmelade..." Celestia ragte nun über ihrer Schwester auf, die sie wachsam, aber immer noch amüsiert betrachtete. Für einen Moment schwebte die Spannung zwischen den beiden Schwestern wie eine elektrische Ladung im Raum. Dann tauchte Celestia ab, die Flügel gespreizt, schnell wie ein Pfeil. Äonenlange Erfahrung ließ ihre Lippen das Ziel ohne jedes Nachdenken finden. Und als sie es darauf spürte, zögerte sie nicht...

„AHHK! HörAufHörAufHörAuf!", prustete Luna los, als ihre Schwester ihr erbarmungslos gegen das empfindliche Bauchfell blies und dabei die seltsamsten Laute produzierte. Aber Celestia ließ nicht locker. Luna kämpfte nach Leibeskräften, aber die schneeweißen Federn ihrer Schwester hielten sie spielend gefangen. Sie krümmte sich zusammen und versuchte den Kopf mit ihre Hufen weg zu schieben, aber das Lachen, dass das Kitzeln in ihr hervorrief, beraubte sie ihrer Kraft.

„Tia! Ich kann nicht mehr! Bei Mutter, hör auf!"

„Mhm, Bananentorte...", murmelte Celestia gerade lange genug, um ihre Schwester wieder zu Atem kommen zu lassen, bis sie mit ihrem Werk fortfuhr.

„Ieek!" Der bezaubernd-hinreißende Laut ihrer Schwester spornte die Herrin der Sonne noch mehr an und sie ließ nicht locker, bis sich Lachtränen in deren Augen formten. Schließlich ließ sie von Luna ab, die sich noch immer kichernd in einem Meer verstreuter Papiere wand. Schützend schlug sie ihre dunklen Flügel vor den empfindlichen Bauch und beobachtete ihre weiße Schwester aufmerksamt, bereit wegzutauchen, sollte Celestia ihre Attacke wiederholen. Schließlich rollte sie sich elegant herum, wischte sich die Feuchtigkeit aus dem Gesicht und erhob sich auf ihre Hufe.

Sie sah ihre weiße Schwester einen Moment lang glücklich an, dann hob sie ihren Huf an deren Wange und streichelte sie zart.

So standen sie sich einige kurze, unendlich kostbare Momente gegenüber und und genossen ihre Zuneigung zueinander. Es war schwer für die Schwestern solche Augenblicke der Zweisamkeit und Vertrautheit zu finden. Sie regierten ein Reich, sie wachten über den Tag und die Nacht, sie leiteten die Schicksal vieler tausend Untertanen. Es gab immer zu wenig Zeit und selbst wenn sie sie sich nahmen, fühlte es sich für sie an, als würden sie sie sich stehlen.

Celestia war es, die sich als erstes von ihrer Schwester trennte. Sie war immer die diszipliniertere, pflichtbewußtere von ihnen beiden gewesen und tausend Jahre der Regentschaft, in der die schweren Pflichten allein auf ihren Schultern gelastet hatten, hatten diesen Charakterzug nur noch mehr zur Geltung gebracht. Luna wusste das, genauso, wie sie wusste, dass es zwar ein Segen für Equestria war, aber auch eine starke Belastung für ihre Schwester. Viele Ponys im Reich glaubten, das ihre tausend Jahre der Verbannung auf den einsamen Trabanten Equias eine Bestrafung für die Mondprinzessin gewesen waren. Es gab wenige, die verstanden, das die Zeit der Trennung für Celestia nicht weniger schwer zu ertragen gewesen war.

„Wir sollten weitermachen, Lulu. Diese Geschäfte müssen abgeschlossen werden und es wartet noch mehr Arbeit auf uns." Die Herrin der Sonne stieß einen leisen Seufzer aus und nahm sich das nächste Blatt von dem Stapel auf ihrem Schreibtisch, jedoch ohne wieder auf der bequemen Bank platz zu nehmen, auf der sie vorher gesessen hatte.

Luna begann damit, ihre verstreuten Akten zusammen zu suchen, hielt dann aber inne und blickte wieder auf. Celestia stand mit dem Rücken zu ihr, so das sie ihren Gesichtsausdruck nicht zu lesen vermochten. Dennoch kannte sie ihre Schwester gut genug, um allein aus der Körpersprache zu lesen, das etwas nicht stimmte.

Sie lies die Papiere in ihrem magischen Griff fallen und trat neben ihre Schwesterregentin. Sorgenvoll betrachtete sie den verlorenen Ausdruck im Gesicht Celestias, der durch das Papier auf einen unsichtbaren Punkt weit entfernt gerichtet schien.

„Tia? Was bedrückt dich? Sag es mir, ich bitte dich.", fragte sie leise.

Celestia fuhr aus ihren Gedanken hoch, durch die Frage sichtlich überrascht. Jahrhundertelange Erfahrung verbarg jeden Anflug des Erschreckens unter einer Maske aus höflichen Lächeln. „Mich? Oh,... es ist nichts. Ich war nur in Gedanken." Sie warf einen kurzen Seitenblick auf Luna, die sie noch immer aufmerksam beobachtete, Schließlich seufzte sie wieder, schwerer diesmal.

Sie schloss sanft ihre Augen und ließ ihr Kinn in einer Geste der Kapitulation auf die Brust sinken. Es war nach so langer Zeit manchmal schwer sich zu erinnern, das sie jetzt endlich wieder ein Pony an ihrer Seite hatte, das sie so leicht lesen konnte. Und dem sie ihr absolutes Vertrauen schenken durfte.

„Ich mache mir natürlich Sorgen, Lulu. Du weißt, ich kann nicht anders. Twilight und die Elemente sind noch immer nicht zurück. Ich weiß, das sie alle – jede einzelne von ihnen und besonders sie alle zusammen – mehr als in der Lage sind, sich selbst zu behaupten. Aber ich frage mich, ob sie nicht diesmal auf Schwierigkeiten gestoßen sind, die... etwas zu früh für sie waren. Sie sind noch so jung..." Die Herrin der Sonne ließ das Blatt sinken, das sie ohnehin nicht gelesen hatte und blickte verlegen zur Seite. Es hätte sicherlich viele Ponys überrascht, sie so zu sehen. Viele von ihnen hätte es nicht für möglich gehalten, das ihre perfekte Regentin zu so etwas wie dieser so natürlichen Gefühlsregung überhaupt fähig war.

„Ich sollte nicht an ihnen zweifeln. Sie haben sich selbst schon so oft vor mir bewiesen... und doch..." Sie schüttelte ihren Kopf. „Twilight war in keiner guten Verfassung, als ich sie fort geschickt habe. Ich dachte, etwas Ruhe und Zeit zum Nachdenken könnte ihr zeigen, das sie sich nicht blind auf die Obrigkeit verlassen darf, sondern ihren eigenen Gefühlen vertrauen kann." Celestia ließ traurig ihren Kopf hängen. „Ich hätte daran denken müssen, wie sehr sie sich vor mir beweisen will. Ich hätte es besser wissen müssen." Sie wandte ihren Kopf ihrer Schwester zu, die sie mit aufmerksamer Miene betrachtete. „Denkst du, das sie zurecht kommen? Das alles mit ihnen in Ordnung ist?"

Luna zögerte einen Augenblick mit ihrer Antwort. Sie wünschte, sie könnte die Zweifel und Sorgen ihrer Schwester zerstreuen, aber das war nicht so einfach. Equestria war in Gefahr und es war ein glücklicher Wink des Schicksals gewesen, dass sie bereits vor der geheimen Abreise der Elemente Kontakt zu Rogue dem Rettungspony aufgenommen hatte. Der Aufruhr in seinen Gedanken, die schreckliche Unsicherheit in ihm, die sich in seinen Träumen niederschlug, war ein Fanal für die Herrin des Mondes und der Träume gewesen. Es war ganz natürlich für sie, sich seiner anzunehmen, wenn auch nicht ganz ohne Eigennutz. Sie hatte nach einer Verbindung mit den Elementen gesucht und Rogue war die logische Wahl gewesen. Die Sorgen und Nöte der Ponys des Reiches erzeugten ein schwer zu durchdringendes Miasma unruhigen Schlafes, aus dem die schweren Alpträume des Rettungsponys wie ein Ankerpunkt, wie eine schwache Verbindung zu den Freunden in fernen Landen wirkten. Trotzdem hatte Luna alles in ihrer Macht stehende getan, dem Hengst dabei zu helfen, seine traumatische Erfahrung zu verarbeiten, auch wenn das bedeutete, dass dies ihre einzige Kommunikationsleitung mit den Elementen schwächte. Sie hatten viel aus seinen Träumen und seinem Unterbewusstsein erfahren, dem sie zugrunde lagen. Aber auch wenn Luna sich sicher war, dass dieses selbstlose Pony sich niemals gegen die Verbindung ausgesprochen hätte, war sie niemals eingeladen worden. Es war ein Einbruch in seine Privatssphäre und nur die Not beider Seiten – Rogues Verzweiflung auf der einen und der Dringlichkeit der Probleme des Reiches auf der anderen – hatten Luna überzeugt, sie so sehr auszunutzen. Sie hatte das junge Rettungspony sehr gut kennen gelernt, während sie Twilight und den Elementen durch die Augen seines schlafenden Geistes hinterher spähte. Sie musste tief vorstoßen, um aus dem Durcheinander der verborgenen Gefühle, unterbewusster Wahrnehmung und hintergründiger Gedanken ein vollständiges Bild für sie und ihre Schwester zu formen, ein Vorgang, der tiefes Unbehagen in ihr hervorrief. Sie lauschte Rogues tiefsten, innersten Gedanken, Ängsten und Trieben, der geheimen Stimme seines Herzens und Verstandes, etwas, das nur ihm gehören sollte. Sie hatte kein Recht davon zu wissen.

Aber ihr Reich, ihre kleinen Ponys – Luna mochte diesen Ausdruck nicht besonders, auch wenn sie verstand, warum ihre Schwester sich so sehr an ihn gewöhnt hatte – standen auf dem Spiel. Und das Rettungspony hatte sich nie gegen ihr Eindringen gewehrt. Er wusste nicht, wie tief ihr Blick in seine Seele reichte, aber sie verstand ihn mittlerweile gut genug, dass sie sich sicher war, dass er ihrer Vorgehensweise zugestimmt hätte. Er versuchte so sehr das Richtige zu tun, sich richtig zu verhalten, ohne Rücksicht auf sich selbst. Er war ein gutes Pony. Mehr als er sein musste. Sie musste mit ihm darüber reden, wenn er zurück kam. So viel war sie ihm mindestens schuldig.

Sie schüttelte ihr Kopf. Das gehörte nicht hier her. Dafür war später Zeit. Ihre Schwester sorgte sich und zu einem gewissen Grad teilte Luna ihre Sorgen. Ihre Verbindung zu Rogue hatte sie den Weg der Elemente lange verfolgen lassen, aber nicht länger. Sie hatte die Träume Rogues, Träume die zuletzt immer wirrer und chaotischer geworden waren, nicht mehr finden können. Sie wusste, das er verletzt war, krank und erschöpft. Trotzdem war der plötzliche Abbruch besorgniserregend.

Letztlich ließ er nur drei Möglichkeiten zu: Die erste, unwahrscheinlichste, war, das der Hengst trotz seiner tiefgreifenden Probleme ein plötzliches Equilibrium gefunden hatte, dass seiner Seele endlich Frieden bescherte. Sie war nicht ganz auszuschließen, den die aufkeimende Liebe zwischen ihm und Fluttershy mochte schließlich die von ihm – und vielmehr seinem Unterbewusstsein – ersehnten körperliche Vereinigung zur Folge gehabt haben. Wenn sich Luna korrekt an die scheue Pegasussute erinnerte, mochte dies ein sehr erlösendes Erlebnis für sie beide sein. Aber letztlich, gegeben ihrer beider Persönlichkeiten und der Umstände, unwahrscheinlich.

Die beiden anderen Möglichkeiten waren, dass entweder nur Rogue oder Alle den Tod gefunden hatten.

Letztlich, aus Liebe zur ihrer Schwester, entschied sich Luna dafür, die Wahrheit zu sagen. So sehr sie auch schmerzen mochten. Sie hatte gelernt, das, obwohl sie nach Millennia und nicht nach Jahren maßen, ihr Zeit zu knapp und zu kostbar war, um sich gegenseitig anzulügen. „Ich glaube, liebe Schwester, das deine erwählte Studentin und ihr Gefolge eine schwere Aufgabe hinter sich gebracht haben. Wir haben ihren Kampf mitverfolgt, ihren Mut und ihre Opfer. Gibt es Ponys unter deiner Sonne, die dies zu tun vermögen und zurückzukehren, sind es diese tapferen Seelen." Sie sah ihrer Schwester tief in die Augen, suchte nach Wahrheit, nach Wahrhaftigkeit.

„Lass deine Hoffnung nicht fallen, Tia. Sie ist das letzte, was wir haben, wenn sonst nichts besteht."

Das war der Moment, in dem sie den ersten Ruf vernahmen.


„Ein Schiff! Ein Schiff aus dem Osten! Ein Schiff, das über die Gipfel kommt!" Quicksilvers gepanzerten Hufe schlugen schwache Funken auf dem marmonen Boden des Palastes, als er in vollem Galopp die langen Flure zum Thronsaal entlang stürmte und seine Nachricht aus vollem Halse schrie. „Ein Schiff aus dem Osten!"

Der junge Hengst versah die ersten Wochen seines Dienstes in der königlichen Wache. Sein Herz war angefüllt mit Tatendrang und Pflichtbewußtsein. Er wusste nicht, warum die Ankunft des Luftschiffes so besonders war, auch wenn es aus einer ungewöhnlichen Richtung kam. Er wusste nur, das er die Meldung des Ausgucks im höchsten Turm des Schlosses unverzüglich den Prinzessinnen selbst zu melden war. Er platzt fast vor Stolz, dass es an ihm lag, diese wichtige Nachricht zu überbringen. Er beschleunigte noch einmal und schrie nach Leibeskräften: „Ein Schiff! Ein Schiff aus dem Osten!"


Professor Heartbeat sah von den Akten auf ihrem Schreibtisch auf, als sie eine eintreffende Übertragung spürte, die versuchte, zu ihr durchzudringen. Sie stutzte kurz und ließ den Federhalter auf die Arbeitsfläche sinken. Es war ungewöhnlich, das Sie, die medizinische Leiterin des Universitätsklinikums in Canterlot, so direkt kontaktiert wurde. Es gab eine strenge Hierarchie innerhalb des Hospitals, an deren Spitze sie selbst stand. Es gab viele Ebenen fähiger und erfahrener Ärzte unter ihr, die mit jedem Notfall und jeder Schwierigkeit fertig werden konnten, ausgenommen die katastrophalsten Fälle. Desaster, wie die Invasion der Changelinge vor kaum einem Jahr, oder der kürzliche Angriff auf Ponyville, die eine minutiöse Koordination erfordert hatten, um möglichst viele Leben zu retten. Aber selbst zu diesen Gelegenheiten war die Nachricht über Ihre persönliche Sekretärin Pennywise gekommen und nicht durch einen direkten Ruf, wie jetzt.

Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf den Anrufer. Sie war überrascht, wie schwach und abgehackt die Nachricht ankam. Sie hatte einen nahen Ruf erwartet, stark und klar, vielleicht sogar von den Prinzessinnen selbst. Aber sie erkannte die persönliche Signatur der Senderin – sie glaubte einen weiblichen Unterton durch die magische Statik zu identifizieren – nicht im geringsten. Die Sendung war schwach und verzerrt, wie durch weite Entfernung oder durch einen ungeübten Überträgerin.

Für einen Moment war sie versucht, den Ruf zu ignorieren und sich wieder ihrer Arbeit zu widmen. Sie hatte viel zu tun und vertrauten ihrem Stab aus Chefärzten vollkommen. Es gab wenig, das sie tun konnte, zu dem sie nicht auch, oder zusammen sogar besser, im Stande gewesen wären.

Sie überlegte kurz, wobei sie, wie es ihre Art war, die Hufspitzen ihrer Vorderläufe langsam aufeinander tippte. Der Ruf hatte sich dringend angehört. Und er hatte es irgendwie geschafft ihre persönliche Signatur aufzuspüren. Sie konnte das nicht guten Gewissens ignorieren.

Sie traf seine Entscheidung und sprang aus ihrem Sesseln. Auf dem Weg zum Kleiderständer stieß sie die kleine Glocke auf ihrem Schreibtisch an, der Pennywise zu ihr rufen würde. Die ältliche Pegasusstute öffnete die großen Flügeltüren zu Heartbeats Büro leise, gerade als diese sich ihren weißen Mantel überstreifte.

„Sie wünschen?", fragte Pennywise in dem distinguierten Tonfall eines altehrwürdigen Butlers. Professor Heartbeat richtete ihren Kragen, so das er korrekt saß und schlang sich zuletzt das in Gold gefasste Stethoskop um den Hals. Gefasst wandte sie sich um und lächelte. „Sagen sie der Notaufnahme bescheid. Wir bekommen Patienten rein und ich weiß nicht wie viele. Die sollen die Schockräume hochfahren und die OP´s vorbereiten. Alle Ponys auf ihre Plätze und die Ohren gespitzt. Warnen sie die Stationen vor. Ich gehe selbst runter." Heartbeats Stimme verriet den kleinen Funken Aufregung, der durch ihr ansonsten undurchdringliche Schale aus Professionalität drang. Pennywise hob eine Augenbraue. „Ich sage also ihre Termine für den Nachmittag ab?"

Die altgediente Professorin lachte auf und nickte. „Der General betritt das Schlachtfeld! Wünschen sie mir Glück, Pennywise!"

Die Sekretärin verzog keine Miene, während ihre Chefin an ihr vorbei marschierte. „Viel Glück, Miss Heartbeat."


Rarity ließ erschöpft ihren Kopf sinken, während das Glühen um ihr Horn erstarb. „Hast du sie erreicht?", fragte Twilight sie drängend. Das weiße Einhorn konnte nur verwirrt mit dem Kopf schütteln. „Ich weiß es nicht! Ich habe die Signatur, die du mir gegeben hast, gefunden, aber sie hat nicht geantwortet. Ich weiß nicht, ob ich durchgedrungen bin. Das ist alles so neu für mich! Ich weiß nicht einmal, ob der Zauber wirklich funktioniert hat!"

Twilight überlegte kurz angestrengt, ob sie selbst es noch einmal versuchen sollte. Der Kontakt zu Professor Heartbeat war ihr von Prinzessin Celestia für einen absoluten Notfall mitgegeben worden, sogar noch vor ihrer Abreise nach Ponyville. Die Übertragung von Signaturen war nie ein einfaches Geschäft und Rarity hatte die kräftezehrende Nachrichtenmagie in einem kurzen Crashkurs von ihr erlernen müssen, der jeglicher Feinheit entbehrte. Es gab keinerlei Garantie dafür, das es funktioniert hatte.

Aber sie konnte es nicht selbst noch einmal versuchen. Sie brauchte jedes Quäntchen Kraft, um den Transport zu bewerkstelligen.

Die violetten Einhornstute seufzte leise, als die daran dachte, das eine solche Anstrengung ihr normalerweise kaum ernsthafte Schwierigkeiten bereitet hätte. Aber die Umstände waren nicht normal.

Ihr besonderes Talent war die Magie, so wie es ihr Cutiemark verkündete. Seit dem Tag, an dem sie ihren ersten Zauber vollbracht hatte, jene ersten, zaghaften Schritte auf einem langen, langen Weg, der stets bergauf führte, hatte sie diese immense Kraft in sich gefühlt. Gleich einem breiten, tiefen Fluss, der durch ihre Seele floss, rein und kraftvoll. Er war immer da gewesen und sie musste nur aus ihm schöpfen, die Energie mit ihrem Verstand formen und... Wunder wirken. Es war für sie so selbstverständlich wie Atmen geworden, wie Schlucken, wie das Blinzeln. Sie musste nicht mehr daran denken, außer in den extremsten Fällen. Sie schöpfte Kraft, trank die Energie wie Wasser und formte die Realität nach ihren Wünschen.

Es war nie leicht. Ihr Verstand war der Angelpunkt, die Nabe, auf der sie den Hebel ansetzte, um Raum, Zeit und Physik außer Kraft zu setzen. Der Druck war immer da, aber sie hatte sich daran gewöhnt, so wie ein Huf härter wurde, je weiter man damit ging.

Chrysalis hatte sie fast zerbrochen. Ihr Angriff war rohe Gewalt gewesen, mit einer Kraft, die nicht der Magie, sondern viel mehr dem Geiste entsprang. Twilight hatte nicht anders gekonnt, als mit roher Magie zu antworten. Es hatte keine Finesse, keine Taktik, keine Formel in ihrer Abwehr gegeben. Sie hatte sich einfach mit aller Kraft gewehrt... mit aller Magie, die in ihr war... und es war beinahe nicht genug gewesen. Sie musste den Strom fast bis zur Neige leeren, bis die Mauern hoch und fest genug waren, um sie und ihre Freunde zu beschützen.

Sie fühlte es noch immer in sich, die Kraft, die sie durchströmte. Aber es war nicht mehr so einfach daraus zu schöpfen, so als würde die Energie in ihren Hufen zerrinnen, kaum das sie versuchte sie zu sammeln. Zauber, an die sie vorher kaum einen Gedanken verschwendet hatte, entglitten ihr, schwanden dahin, weil sie nicht genug Energie schöpfen konnte, um sie zu verwirklichen. Es war frustrierend.

Sie musste vorsichtig sein. Haushalten. Sich konzentrieren. Und hoffen, das dies kein Dauerzustand war.

„Wir warten nicht.", entschied sie. „Ich teleportiere Rogue mit mir und alarmiere die Einhörner selbst wenn es sein muss."

Rarity sah auf und fixierte ihre Freundinnen mit strenger Miene. „Es ist fast geschafft. Wir sind zu Hause." Sie sah zu Fluttershy und ihr Ausdruck wurde weicher. „Ich bringe ihn ins Krankenhaus. Ich hole dich nach, sobald ich kann." Sie sah sich noch einmal im Kreis der Ponys um sie herum um, während ihr Horn schon im Schein der Magie erglühte. „Ich liebe euch alle...", flüsterte sie, kurz bevor Sie und Rogue in einem gleißenden Lichtblitz verschwanden.


Light Cut konnte nicht anders, als unruhig von einem Huf auf den anderen zu treten, während er neben der Trage auf dem Kopfsteinplaster der Notaufnahme des Universitätsklinikums wartete. Er wusste, das er damit lächerlich aussah, aber es half nichts. Sein Herz schlug so aufgeregt, das er sich am liebsten in seinen leuchtend weißen Arztkittel verkrochen hätte, wäre das ein Ausweg gewesen. Leider würde er damit nicht davon kommen.

Cut hielt sich für einen guten Arzt. Er hatte auch allen Grund dazu, schließlich hatte er sein Studium an der renommiertesten Universität des Reiches unter den besten Zehn abgeschlossen und sich wie jeder andere seines Faches durch die harten Prüfungen der Praktikantenjahre geschlagen, ohne sich gröbere Fehler zu erlauben. So weit er wusste, hatte er noch keinen Patienten auf dem Gewissen, etwas, das ihn nachts wesentlich ruhiger schlafen ließ als einige seiner Kommilitonen. Leider half ihm diese Wissen gerade nicht viel. Irgendetwas hatte den ansonsten so ruhigen und formalen Bienenstock der Universität aufgescheucht, hatte gewohnte Abläufe und bequeme Verfahrensweisen durcheinander gewirbelt und er fand sich selbst am scharfen Ende dieser Entwicklung wieder. Es ging in den letzten Wochen zwar hektischer als sonst in der Notaufnahme zu, ein Umstand, der der enormen Hitze Rechnung trug, aber das war nichts, was ihm hätte Kopfschmerzen bereiten können. Er war jung, relativ frisch, aber er hatte seine ´Zeit im Graben´, wie es die Frischlinge aus der Uni nannten, bereits hinter sich und war weit genug aufgestiegen, um die Schichtleitung in der Notaufnahme zu übernehmen. Wenn auch nur an einem ruhigen Wochentag und unter den strengen Augen seiner Vorgesetzten.

Jetzt war aber das Zuunterste nach oben gekehrt worden und die Welt schien Kopf zu stehen. Die Chefin selbst hatte sich angekündigt, ja, hatte sogar den Notruf an sie weitergeleitet. Die ansonsten so professionelle Notaufnahme war förmlich um ihn herum explodiert und all die kleinen Pläne und Notfallszenarien, die er sich in seinem Kopf ausgemalt hatte, waren ihm so gehörig um die Ohren geflogen, das ihm immer schlecht davon war.

Er unterbrach seinen unsteten Rundgang und hielt sich an der Seite der Notfalltrage fest, um tief durchzuschnaufen. Auch wenn es unmöglich war, versuchten ihn seine Ohren stetig davon zu überzeugen, die festen, durchdringenden Schritte Heartbeats zu hören, die unaufhaltsam näher kamen. Sie stieg die langen, breiten Treppen des Krankenhausgebäudes hinunter und jede Stufe klang wie ein Donnerhall für ihn. Sie würde ihn in Grund und Boden stampfen.

Er hatte sein Möglichstes versucht Ordnung in das Chaos zu bringend. In der Notaufnahme arbeitete einige der erfahrensten Pfleger und Schwestern des Königreiches, abgebrühte Veteranen des täglichen Kampfes moderner Medizin, die scheinbar schon alles gesehen, alles erlebt und auf alles Vorbereitet waren. Aber kaum war der Ruf der Professorin, Herrin über die steril weißen Flure und gut gelüfteten Krankenzimmer, bei ihnen angekündigt, schien all das vergessen zu sein. Er war beiseite gefegt worden, wie ein Blatt im Wind. Er sollte eigentlich das ruhige Zentrum des Sturmes sein, sich selbstbewusst und aufgeklärt dem Durcheinander entgegen stemmen und die stockenden Zahnräder der Maschinerie wieder in Gang bringen. Statt dessen stand er zitternd hier draußen, wartend auf das, was da kommen würde.

Er fuhr sich mit bebendem Huf über sein schweißnasse Gesicht. Sie hatten es ganz ohne ihn geschafft. All die ihm unterstellten Pfleger und Schwestern, die Ärzte und Praktikanten waren an ihre Plätze zurück gefallen, während er noch immer verwirrt und haltlos über die Station gestolpert war und unsinnige Anweisungen in stotterndem Tonfall gab, sich lächerlich machte, bis er merkte das ohne seines Zutuns bereits die Mühlen wieder mahlten, in einen anderen Gang geschaltet hatten und dann einfach weiter machten. Es war eine ernüchternde Erfahrung. Er hatte sich schließlich unter fadenscheinigen Entschuldigungen davon geschlichen, sich selbst an die Front gesetzt, um sich wenigsten etwas nützlich zu fühlen.

Es war fast eine Erleichterung, als sich mit blendend hellem Blitz zwei Gestalten vor ihnen auf der Auffahrt der Notaufnahme materialisierten. Ein grauer Erdhengst und eine violette Einhornstute schwebten einen Moment lang kaum eine Hufbreit über dem Kopfsteinpflaster, dann sackten die beiden Gestalten kraftlos in sich zusammen. Cut und die beiden Schwestern an der Trage eilten sofort zu ihnen, während ein Pfleger eine weitere Trage herbei rief, die bereits im Windfang bereit stand.

Der junge Arzt ließ die rollende Trage los und sprang den letzten Meter zu seinen Patienten. Die Stute, ein junges, hübsches Ding, atmete angestrengt und bewegte unruhig ihren Kopf hin und her, auf der Schwelle der Bewußtlosigkeit. Der Hengst lag still auf der Seite. Sein Brustkorb, auf dem sich die Rippen abzeichneten, hob sich in langsamen, gleichmäßigen Atemzügen. Ein dicker Verband zierte seine Flanke und verbarg sein Cutie-mark. Cut erkannte sofort, das er der dringendere Fall war.

Er prüfte mit einer fließenden, tausendfach geübten Hufbewegung den Puls des Hengstes, während sein Horn bereits in schwachem Blau aufleuchtete und einen einfachen Diagnosezauber wirkte. Das Herz schlug schwach, schnell, aber regelmäßig in der Brust, ein Umstand, der Cut erleichtert aufatmen ließ. Er winkte die Trage zu sich, während er sich bereits auf die Ergebnisse seiner magischen Untersuchung konzentrierte.

Die Temperatur des Ponys war erhöht, der Blutdruck niedrig und die Herzfrequenz zu hoch. Außerdem stimmte etwas nicht mit der Lebenslinie, die durch das Herz verlief, aber was genau, mussten weitergehende Untersuchungen zeigen. Das Bewusstsein war ein trüber Schimmer, der sich stark von dem leuchtenden Feuerwerk eines gesunden Ponys unterschied. Cut hatte nicht genug Erfahrung, um von dem Bild in seinem Kopf auf den Zustand des Gehirns und Verstandes zu schließen, aber der kurze Eindruck eines blendend hellen Kerns im Zentrum des umwölkten Geistes war geblieben. Der Hengst war tief bewusstlos oder lag sogar im Koma. Er markierte die Information in seinem Kopf als ´wichtig´ und speicherte sie ab.

Auch ansonsten war der Hengst in keiner guten Verfassung. Die Körpertemperatur war zu hoch und die Leber leicht geschwollen, was auf eine längere Infektion oder Vergiftung hinwies. Er hatte eine bereits mehrere Tage alte Wunde an der Flanke, die ein brennendes Inferno giftigen Wundbrandes war, sowie etliche kleinere Verletzungen, die alle für sich nicht schlimm, aber zusammen seinen Zustand kritisch machten. Sein Lebensfunke glomm noch immer, aber er war schwach und unstet.

Er sah auf, bemerkte, das die Rolltrage bereits neben ihm stand und die Schwestern ihn aufmerksam betrachteten. Er hüllte den ausgezehrten Körper des jungen Hengstes in seine Telekinese und ließ in sanft auf das weiche Polster schweben. „Raum 1!", rief er aus, als Tout Sweet eine Decke über ihren Patienten ausbreitete und dann mit ihrer Kollegin anschob. Er wollte ihnen schon hinterher eilen, als ihm siedendheiß einfiel, das der Hengst nicht allein angekommen war. „IV-Zugang! Antibiose, Volumen und Antiarrythmika! MKT vorbereiten! Und sagen sie der Neuro bescheid!", rief er den davon eilendem Team hinterher, bevor er sich zu seinem zweiten Patienten umdrehte.

Der Stute ging es offensichtlich besser. Sie war mit der Hilfe eines Pfleger zurück auf die Beine gekommen und saß nun etwas zittrig auf den Hinterbeinen, während sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht Ihr Horn rieb.

Cut betrachtete sie kurz, als er auf sie zutrat. Sie kam ihm bekannt vor, auch wenn er sie im Moment noch nicht einzuordnen wusste. Sie war jung und unter der ungekämmten Mähne und dem ungepflegten Fell wahrscheinlich sogar recht hübsch. Sie blickte auf, als er vor ihr zum stehen kam und sah ihn an. Er zuckte unwillkürlich vor ihrem Blick zurück. Ihre violetten Augen waren vor Schlafentzug rot gerändert, die Tränensäcke leicht geschwollen und dunkel. Ihre Miene war noch immer vom Schmerz verzerrt, aber es lag eine Entschlossenheit und Kompromisslosigkeit in ihren Augen, die ihre verwilderte Erscheinung Lügen strafte.

Sie machte den Mund auf, um etwas zu sagen, verzog dann aber das Gesicht, als eine erneute Schmerzwelle über sie hinweg rollte.

„Trage!", rief Cut aus, obwohl diese bereits neben ihnen stand. Sein Instinkt wollte ihn nach vorne springen lassen, aber die Pfleger waren bereits dabei die Stute sanft auf die Trage zu expedieren. Das violette Einhorn wehrte ihr Hufe jedoch hektisch ab. „Keine Zeit... keine Zeit...", presste sie zwischen zusammengekniffenen Zähnen hindurch. Sie öffnete fahrig eine kleine Tasche, die sie um den Hals trug und zog einen zerknitterten Umschlag Papiere daraus hervor. „Krankenakten, Krankengeschichten." Es bereitetet ihr offensichtlich Mühe zu sprechen. „Mehr Patienten vom Flugdock. Ambulanzen. So schnell wie möglich."

Cut schluckte und nahm die Papier entgegen. Schließlich rang er sich dazu durch und fragte die Stute: „Miss, was ist mit ihnen? Haben sie Schmerzen? Wir können..."

Die Einhornstute winkte gehetzt ab. Sie sammelte sich einen Augenblick lang, während sie sich den Huf energisch gegen die Seite ihres Kopfes drückte. „Es ist nur... magische Erschöpfung. Zu viel in zu kurzer Zeit." Sie gab sich sichtlich Mühe, sich zusammen zu reißen. „Verdammte Kopfschmerzen." Sie sah auf. „Geht es Rogue gut?", fragte sie und ihr gehetzter, dringender Tonfall bröckelte etwas.

Cut sah zum Eingang der Klinik, in dem der Hengst verschwunden war. „Wir kümmern uns um ihn. Er wird es sicher schaffen." Die altbekannte Floskel, die kleine Lüge glitt ihm so leicht von der Zunge das es mehr einem Reflex glich. In Wirklichkeit hatte er keine Ahnung.

Die Stute nickte erleichtert. „Gut", sagte sie leise. Dann erhob sie sich leicht schwankend, blickte sich unsicher und etwas verwirrt um und sah dann wieder zu ihm. „Welche Richtung zum Palast?"

Cut war zu überrascht, als etwas anderes als ein verwirrtes „Wie bitte?" von sich zu geben.

Die Stute warf ihm einen ungeduldigen Blick zu, bei dem sich der junge Arzt sofort so fühlte, als wäre er ein kompletter Idiot, diese Frage zu stellen.

„Der Palast der königlichen Schwester in Canterlot. Welche Richtung?", wiederholte sie die Frage noch einmal betont langsam.

Mit großen Augen deutete Cut auf die zuckerstangenfarbigen Türme, die hinter dem Bettenhaus aufragten.

„Danke.", bemerkte die Stute nonchalant und begann langsam in die angedeutete Richtung loszuwanken.

Cut sah ihr einen Moment lang ungläubig hinterher, dann streifte sein Blick das Gesicht des Pflegers, der noch immer neben der Trage wartete. Der Hengst sah ihn überrascht an und nickte dann, als er seinen Blick bemerkte, vielsagend der Stute hinterher.

Der junge Arzt war für gut fünf Sekunden zu verdattert, um zu verstehen, was der erfahrene Pfleger ihm anzudeuten versuchte, dann traf es ihn wie ein Blitz. Er sprang auf und holte die junge Stute im Hufumdrehen ein, die mit leicht unsicherem Schritt die Rampe hinunter wankte. Er stellte sich demonstrativ vor sie und pflanzte seinen Huf auf ihre Brust, um sie zum Anhalten zu zwingen.

„H-halt! Ich kann sie nicht so einfach gehen lassen!"

Die Stute warf ihm einen enervierten, aber auch müden Blick zu. „Warum?", fragte sie.

Er räusperte sich nervös, um seine trockene Kehle zu befeuchten. Verdammt, was war es nur, dass ihn jetzt so die Fassung verlieren ließ? Er war kein Grünling mehr, sondern der Leiter der Notaufnahme am Canterlot-Universitätsklinikum, der angesehensten Fakultät des Reiches! Er versuchte seiner Stimme die Autorität zu verleihen, die dem angemessen war.

„Sie kommen jetzt mit mir und wir werden sie untersuchen. Es ist offensichtlich, das sie Schmerzen haben und ich kann sie nicht guten Gewissens ziehen lassen, ohne das wir uns davon überzeugt haben, das alles mit ihnen in Ordnung ist. Selbst wenn es nur eine magische Erschöpfung ist, besteht die Möglichkeit, dass es zu einer Blutung innerhalb ihres Corniger Filo Subtegminis oder einer Schädigung des Magicis Nexu gekommen ist. Es ist zu gefährlich sie jetzt einfach gehen zu lassen." Cut nickte sich im Geiste zufrieden zu. Das hatte gut geklungen, kompetent und selbstsicher, genau wie er sein sollte.

Die Stute seufzte kurz und ließ ihren Kopf hängen. Für einen Moment glaubte der junge Arzt tatsächlich an sein Ziel gekommen zu sein. Sie würde sich fügen, brav mit ihnen mitgehen, sich untersuchen lassen und...

Twilight sah auf. Es blitzte keine Wut in ihren Augen auf, kein Zorn oder Ungeduld, auch wenn sie von alle dem reichlich in sich verspürte. Alles was das Pony ihr gegenüber darin lesen konnte, war das Gefühl das sich wie eine Decke über ihren gesamtmen Körper ausgebreitet hatte. Das sich unaufhaltsam in ihren Verstand fraß, die ihre Gedanken zu ersticken drohte, ihre Energie verschlang und sie von innen aushöhlte.

Sie war erschöpft. Bis aufs Innerste ihrer Seele erschöpft und so müde wie noch niemals in ihrem Leben zuvor. Sie hatte alles gegeben, hatte ihr Selbst in die Waagschale geworfen, sich aufgezehrt bis zum letzten. Sie hatte Wunder vollbracht, nicht mehr und nicht weniger. Und den Preis dafür bezahlt. Sie zahlte ihn noch immer.

Ihre Wertvorstellungen – Davongeblasen wie Staub im Wind.

Ihre Ethik – Gebrochen, erneut erbaut, nur um wieder gebrochen zu werden.

Ihr Selbst – verdreht, in sich selbst verwunden, um durch den Korkenzieher zu passen, der sie ans Ziel gebracht hatte.

Ihre Magie – aufgebraucht, ausgelaugt, wie ein totes, amputiertes Glied, das sie mit Phantomschmerzen quälte.

Es gab nichts mehr in ihr, das sie diesem Hengst entgegen zu setzen hatte, außer dieser lähmenden, absoluten Müdigkeit, die sie in sich verspürte. Alles was da sonst noch war – die letzen Reste der Notwendigkeit, der Dringlichkeit ihres Auftrages, die sie mit letztem, ersterbendem Feuer noch immer vorantrieb, musste sie für sich selbt bewahren. Es gab noch eine letze Aufgabe...

"Hören sie...", begann sie mit brechender Stimme, während sie die Tränen in sich aufsteigen fühlte, Tränen, die aus einer Verzweiflung geboren war, die sie sich nicht eingestehen wollte, Tränen, derer sie sich schämte und die sie doch nicht zurückhalten konnte. "Hören sie... ich kann mich gegen sie wehren. Hätte ich noch meine Magie, würde ich sie beiseite schieben, leicht wie eine Feder. Ich würde mich mit einem Blitzeln vor die Tore des Palastes zaubern oder sie zurück an das Bett meines Freundes, der ihre Hilfe so viel mehr braucht als ich die ihre. Aber ich kann nicht. Ich k-kann nicht e-einmal..." Sie schluchzte und unternahm eine letzte Anstrengung die Tränen zurückzuhalten, die ihr bereits frei über die Wangen liefen. "Ich kann nicht einmal mit ihnen diskutieren. Ich brauche meine ganze Kraft... alles was ich noch habe... um zu Ende zu bringen, was uns hierher gebracht hat. Was ihn hierher gebracht hat." Sie nickte in Richtung der Tür, durch die man Rogue gebracht hatte. "Damit es nicht umsonst gewesen ist. Bitte..." Sie zögerte nicht und ging vor dem Pony in dem strahlend weißem Arztkittel auf die Knie und senkte den Kopf. Sie mochte sich ihrer Tränen schämen, aber sie, sie alle waren zu weit gegangen, um sich einer solchen Geste noch zu schämen. "Bitte, lassen sie mich gehen."

Cut sah entgeistert auf die Stute zu seinen Hufen. Er hatte keine, nicht die geringste Ahnung, wie er darauf reagieren sollte. Es... es gab keinen Präzedenzfall, keine Vorlesung und keinen guten Rat, der ihn darauf hätte vorbreiten können. Er tänzelte zurück, peinlich berührt durch die unterwürfische Geste und blickte sich hilfesuchend nach den Pflegeponys um, die noch immer neben der Trage am Eingang warteten. Sie beobachteten die beiden aufmerksam, aber von dort war keine Hilfe aus seinem derzeitigen Dilemma zu erwarten.

Es war das einfachste, das Flehen der jungen Stute zu ignorieren und einfach das übliche Programm durchzuziehen. Sie zu untersuchen, sie vielleicht zwölf oder vierundzwanzig Stunden zu beobachten, bis die schlimmsten Folgen ausgeschlossen waren. Dann konnte er sie immer noch entlassen. Was konnte schon so dringend sein? Lieber auf Nummer sicher gehen, als sich selbst etwas vorzuwerfen, war das Motto, nachdem er bisher gehandelt hatte und mit dem er sehr gut gefahren war.

Cut war kein dummes Pony. Nicht nur weil er studiert war, weil er es zum Arzt geschafft hatte und als einer der Besten seines Jahrgangs galt. Er war bereits genug Ponys begegnet, die in ihrem Fach ungeschlagen, wandelnde Lexikons waren, Künstler an Skalpell und Diagnose und denen er dennoch nicht zugetraut hätte die Bestellung beim Fast-Food-Restaurant um die Ecke in die Hufe zu geben. Manchmal war Medizin mehr als Statistiken, Formeln und Krankheitsbilder. Manchmal war es mehr als kalte Werte, harte Fakten und Save-Play. Machmal sogar mehr als Erfahrung. Manchmal war es... das Kribbeln in den Hufen, die Stimme im Hinterkopf, das Gefühl im Magen. Und dieses Gefühl sagte ihm jetzt, das er die Stute ziehen lassen sollte.

Er warf noch einmal einen Blick auf das hochaufragende Gebäude vor ihm. Weiß, rein und unnahbar präsentierten sich die Mauern der Klinik, steril und unverrückbar. Es war eine Institution, eine Idee ebenso wie ein Gebäude. Lernen und Lehre. Logik und Wissen. Heilen und...

Cut zögerte, als der nächste Gedanke langsam und zäh an die Oberfläche seines Verstandes drang, fast als müsste er sich durch eine Schicht aus festgefahrenen Meinungen und starrem Denken quälen. Was war das andere? Was fehlte? Heilen und...

...Verstehen.

Wie lange war es her, das er darüber nachgedacht hatte? Es war leicht es aus den Augen zu verlieren, in einem Alltag, der so strikt organisiert war, das Nachdenken darin keinen Platz mehr fand. Nachdenken, Verstehen... Einfühlen, Mitfühlen. Wann hatte er zuletzt so über seine Arbeit gedacht?

"Ich kann sie nicht so gehen lassen.", sagte er schließlich. Die Stute sah auf und Verzweiflung zierte ihr schönes Gesicht. Er schenkte ihr ein Lächeln dafür.

Es war gegen alle Regeln und höchst unkonventionell. Er hatte keine Ahnung, was die Professorin dazu sagen würde oder was er ihr darüber sagen würde. Er mochte einen Fehler machen... aber er fühlte, das er das richtige tat.

Cut winkte den Pfleger und die Schwester herbei, die noch immer neben der Trage warteten und ihn aufmerksam betrachteten.

"Begleiten sie die Dame zum Palast. Sollte..." Er wollte noch fortfahren, hielt aber inne, als er sich daran erinnerte, das die beiden Pflegeponys genug Erfahrung hatten. "Begleiten sie sie.", schloss er.

Die beiden nickten zustimmend und halfen der Stute auf. Das violette Einhorn warf ihm einen dankbaren Blick zu, dann wandte sie sich um. Sie war nur einen Schritt gegangen, bevor sie sich noch einmal umwandte.

Der junge Arzt blieb stehen und sah sie fragend an.

"Wie heißen sie?", fragte sie.

Er stutze kurz. "Light Cut.", sagte er und nach einem kurzen Zögern deutete er mit einem Nicken eine Verbeugung an.

"Twilight Sparkle.", stellte sich die Stute ihm vor. "Ich danke ihnen."

Er nickt noch einmal, dann eilte er zurück zu seiner Notaufnahme.

Es war seltsam. Diese kleine Episode, so verwirrend sie auch war, hatte ihm einen guten Teil seiner Selbstsicherheit zurück gegeben. Zum ersten Mal seit der Ruf aus der Teppichetage zu ihnen hinunter gedrungen war, fühlte er sich wirklich dazu in der Lage ein gutes Bild abzugeben. Er war gestolpert, fast gefallen, aber er hatte sich wieder gefangen. Sein Herz schlug leicht und aufgeregt, als er duch die Türen der Notaufnahme eilte, hin zu seinem neuesten Sorgenkind.

Zum ersten mal, seit das Chaos losgebrochen war, freute er sich auf die Herausforderung.


Sirenen heulten durch die engen Gassen Canterlots. Ein junges Zugpony zog den Wagen um eine scharfe Kurve, so hart, das sich das Einhorn auf dem Bock festhalten musste, um nicht herunter zu fallen.

„Ho! Langsam, Schwester! Wir wollen in einem Stück ankommen!"

Das Zugpony, eine kräftige Stute, die gerade erst aus der Ausbildung kam, schnaubte aufgeregt und beschleunigte noch einmal. Sie konnte ihr Ziel schon vor sich sehen. Die bunten Ballons der Luftschiffe am Hafen wirkten wie ein aufregender, riesiger Jahrmarkt. Sie beschleunigte noch einmal, während das Heulen ihrer Sirene anschwoll und die Ponys vor ihr auseinander trieb.

„EKG? Blutdruck? Geben sie mir eine Übergabe!", fragte Cut, als er in das organisierte Chaos des Schockraums trat. Es tat gut, die altbekannten Floskeln abzuspulen. Es war ein roter Faden, vertrautes Terrain, auf dem er sich ohne große Angst vor Fehlern bewegen konnte. Er war das Zentrum, das Auge das Sturms, egal wie hektisch es um ihn herum werden mochte. Es tat gut, sich daran zu erinnern.

Die Aufnahmeärztin ratterte die Werte herunter, ohne ihre Arbeit am Patienten zu unterbrechen.

„Sinusrhythmus, hundertdreißiger Frequenz, wiederkehrende Supraventrikuläre Extrasystolen, aber stabil. Blutdruck bei achtzig zu sechzig, Temperatur neununddreißig komma acht. Die Blutgase werden gerade erhoben und die Blutgruppe ist in der Mache!"

Cut ging in seinem Geist die Checkliste durch und nickte dann zufrieden. Es war an alles gedacht worden.

Er wollte sich gerade entspannen, als er die vertraute Gestalt seiner Professorin Heartbeat erblickte, die etwas abseits des Trubels stand und mit ernster Miene die zerknitterten Zettel durch ging, die Twilight ihm vorher in die Hufe gedrückt hatte.

Sein Herz tat einen schmerzhaften Sprung, aber er versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Leider war die behandelnde Ärztin, die ihm die Übergabe bereitete hatte, bei weitem keine Anfängerin und es blieb ihm nichts anderes übrig als zustimmend zu nicken und wie ein dummer Pendant jede der Diagnosen noch einmal selbst durch zugehen, um nicht nutzlos in der Gegend herum zu stehen.

„Dr. Cut?"

Eine Armee unsichtbarer Spinnen schien seinen Rücken hinauf zu kriechen, als ihn die Professorin ansprach, während er aufmerksam das noch recht lückenhafte Krankenblatt studierte. Er versteifte sich und wirbelte auf dem Absatz herum.

„Ja, Frau Professorin?", platzte er hervor, zu schnell und zu hastig, um die Ungezwungenheit und Leichtigkeit zu vermitteln, die er eigentlich ausstrahlen wollte.

Die ältere Stute maß ihn mit einem kurzen Blick, dann schenkte sie ihm ein wohlwollendes Lächeln. „Ganz ruhig, mein Lieber, es ist alles in Ordnung. Alles nur Routine, alles nur der alte Trott." Ihr Lächeln verbreiterte sich etwas und gewann eine Spur Ironie, gerade genug um ihm zu vermitteln, das ihre Anwesenheit hier nichts gewöhnliches war, aber auch nichts, weswegen er aus dem Häuschen zu geraten hatte. „Ich mach nur meine Runde und vergewissere mich, was für ausgezeichnete Arbeit...", sie betonte die letzten Worte, „...sie und ihr Team hier leisten." Sie hob etwas ihre Stimme, damit es jeder in dem hektisch zugehendem Raum mitbekam. „Ich bin überzeugt davon, sie auch diesmal ihr Kompetenz in vollem Umfang beweisen werden, wie schon so oft zuvor. Beachten sie mich gar nicht. Machen sie alles, so wie sonst. Ich werde ein bisschen über die Station streifen und mir alle ansehen. Und wenn sie Fragen haben... ich bin für sie da." Sie schloss mit dem strahlendsten und zuversichtlichsten Lächeln, zu dem ein Pony überhaupt in der Lage war. Dann klopfte sie mit einem Kopfnicken auf die Papier unter ihren Hufen und wandte sich zum Gehen.

Als sie aus dem Schockraum an Cut vorbei lief, hielt sie einen Moment inne. „Lassen sie einen Operationssaal vorbereiten.", flüsterte sie ihm aus dem Mundwinkel zu. „Ich sorge dafür, dass sie die Besten des Königreiches bekommen."

Cut nickte mechanisch, während die Professorin an ihm vorbei aus dem Raum glitt.

„Ach, Dr. Cut?"

Er wirbelte herum, als die Chefärztin ihn noch einmal ansprach.

Die Stute stand am Eingang des Schockraums und richtete sich elegant ihr goldgerändertes Stethoskop. „Das schließt sie mit ein. Ich sorge für ihren Ersatz. Waschen sie sich, wenn sie hier fertig sind."


„Wo bleiben die Hilfskräfte?", schrie Soda seinem Kapitän zu, während das Deck immer mehr zur Seite kränkte.

Fairway stand auf dem Achterdeck und knirschte hilflos mit den Zähnen.

Die ersehnte Landung an den Luftports von Canterlot war alles andere als gut verlaufen. Sie hatten die schwierige Passage über die Gipfel relativ gut überstanden, auch wenn es das alte Schiff an die Grenzen seiner Belastbarkeit geführt hatte und sogar darüber hinaus. Aber trotz aller Anstrengungen, trotz aller Opfer der treuen Ponys seiner Besatzung hatte es nicht genügt. Die Zeit war gegen sie gelaufen. Und sie hatte gesiegt.

Als sie den letzten Gipfel überwunden hatten, erfasste sie der heftige Gegenwind, der über die Grate der hohen Gipfel wehte und sie schon fast einmal alle das Leben gekostet hatte. Es war allein der vereinten Anstrengung der Besatzung und seiner eigenen, gewachsenen Erfahrung geschuldet, dass das alte Schiff überhaupt die fast unmögliche Passage geschafft hatte.

Aber nach den letzten Taifun-artigen Luftverwirbelungen, die sie nur am Rande erfasst hatten, war jedes Stück an Luftfahrtschaft in ihm nötig gewesen, um das Frack, das einmal ein solch stolzes Luftschiff gewesen war, davon abzuhalten, wie ein Stein zu Boden zu stürzen. Er hatte das Unmögliche vollbracht, hatte das letzte aus sich und seiner Besatzung heraus geholt und sie trotz aller Widrigkeiten irgendwie lebendig in den Lufthafen Canterlots gebracht. Es war eine knappe Sache gewesen – Zuletzt hatte ihr Bug die Dächer so mancher Wohnhäuser gestreift. Es war auf Messers Schneide gestanden. Eine Federbreite davon entfernt in einem Wohngebiet niederzugehen oder über die rettende Kante Canterlots in ein ungewisses Schicksal zu stürzen. Er hatte, wie so oft, alles auf eine Karte gesetzt. Und um Haaresbreite gewonnen.

Es war kein elegante Landung gewesen. Es war ein mehr oder minder kontrollierter Absturz gewesen. Die ´Idle Barter´ hatte hart auf dem steinernem Grund des Docks aufgesetzt, hart genug, das auch die letzten intakten Balken sich bogen und brachen. Sie alle hatten sich mit Hufen und Zähnen festgehlten und waren dennoch bis auf die Knochen durchgeschüttelt worden. Sie hatten sich mit Leib und Seele fest geklammert, während das alte, ehrwürdige Holz um sie herum aufschrie, sich verbog, brach.

Es war ein Moment schierer Angst, bloßen Terrors, während Planken brachen, Balken splitterten und das Gestein unter ihnen schrie. Dann, ein furchtbarer Augenblick des freien Falls, der ihren Untergang kündete. Gefolgt von einem schrecklichen Ruck, der ihnen allen durch Mark und Bein ging, aber dennoch Erlösung bedeutete.

Die ´Idle Barter´ hatte sich mit ihrem geborstenen Rumpf in die Seite der ´Spirit´ gebohrt, einer schlanken Luftfregatte neuester Bauart. Das elegante Design des schnittigen Schiffe hatte dem beleibten Veteranen kaum etwas entgegen zu setzen gehabt und war trotz der sichernden Taue vom Pier weggedrückt worden. Trotzdem war es fest genug verankert gewesen, um nicht ab zu reißen und hatte den letzten Schwung der `Idle Barter´ abgefangen. Aber um einen Preis. Der Bug des alten Luftwache- Schiffes hatte die wesentlich dünneren Planken der Verschalung ihrer jüngeren Kameradin wie Streichhölzer zerbrochen und ihren Rumpf aufgerissen. Die Fregatte kränkte waidwund, gehalten von den letzten Tauen am Pier. Es war ein Wunder, das sie nicht beiden in den Abgrund gestürzt waren.

Auf der ´Idle Barter´ waren die Ponys bereits damit beschäftigt alles an Tauen, Leinen und auch der letzten Schnur über Bord an das Pier zu werfen, damit die beiden ineinander verkeilten Schiffe gesichert werden konnten. Der Ballon ihres Schiffes hing bereits träge herab, durchlöchert von reißenden Nähten und herum fliegenden Wrackteilen. Fairway warf einen schnellen Blick auf den Schwebekörper der ´Spirit´ und atmete erleichtert auf, als er ihn noch immer prall und voll über der ramponierten Fregatte schweben sah. Darunter, an Deck, liefen die aufregten Gestalten der Schiffswache umher und taten ihrerseits ihr möglichstes, um einen Absturz zu verhindern. Der kommandierende Offizier stand auf dem Achterdeck und hielt zwei Flaggen in die Höhe.

„Soap!", schnappte Fairway und eilte an die Reling. „Schnappen sie sich die Signalflaggen! Wir müssen uns koordinieren, wenn wir nicht alle zusammen vom Pier rutschen wollen!"

Der Sanitäter eilte sofort zu dem kleinen Kasten neben dem Steuerrad und begann zu kramen. „Wo bleiben die Rettungkräfte?", fragte er, während er die Flaggen heraussuchte.

„Ich weiß es nicht.", antwortete Fairway im ehrlich. „Aber sie kommen. Ich bin mir sicher."

„Was ist das? Was bei allen Übeln des Tarterus ist das? Was bei den drei dreckigsten, widerlichsten...", schrie der Hafenmeister aus und schlug seine Hufe über dem Kopf zusammen, bevor ihm die Flüche ausgingen. Oder vielleicht auch nicht. Es mag sein, das in seinem Repertoire noch so machen farbige Parabel vertreten waren, die aber niemand wiedergeben mochte.

„Es ist eine Notlandung.", entgegnete das Bootspony, das derlei farbige Umschreibungen schon oft und zur Genüge gehört hatte. „Not-Land-Ung. ´Not´ wie ´Wir sind in Not` und ´Landung` wie in ´Wir gehen jetzt runter, egal, ob es ihnen jetzt passt, oder nicht."

Der ältliche Hengst der Hafenverwaltung rang verzweifelt seine Hufe vor dem Unteroffizier. „Wie soll ich das eintragen? Wie soll ich das verantworten? Sie können nicht einfach hier landen, so mir nichts, dir nichts!"

Caravel, der ansonsten recht gemütliche Quartiermeister der `Idle Barter´ packte ein völlig untypischer Anfall von Wut gegenüber seiner Mitponys. Er packt den Hafenmeister heftig am gestärkten Kragen, rang etwas mit dem ihm körperlich völlig unterlegenen Pony und zerrte ihn schließlich zu einem der großen Fenster der Hafenaufsicht. Dort angekommen konnte er nicht widerstehen und schlug den verängstigten Bürokraten wiederholt gegen die Scheiben.

„Wir sind schon längst gelandet!" schrie er dem Hengst ins Gesicht. „Wir haben das halbe Dock mitgenommen und unseren Spriet in die ´Spirit of Unity´versenkt! Es ist ein Wunder, das die beiden Schiffe nicht in Flammen aufgegangen sind! Das einzige, was die beiden Schiffe davon abhält über die Kante in das Tal zu rutschen ist unserer gebrochener Hauptmast, der sich glücklich verkeilt hat! Sie lösen jetzt entweder Großalarm aus, oder, bei den Schwestern, ich vermöbele sie nach Strich und Faden..."


„Wir haben einen Großalarm vom Lufthafen bekommen."

Chief Lighter, Chef der Feuerwache 01 in Canterlot und Organisatorischer Leiter schritt die sauber angetretenen Reihen seiner Feuerwehrponys ab. Seine goldenen Abzeichen blitzen im Licht des jungen Morgens und sein Schnurrbart war so akurat gestutz, das man danach die Uhr stellen konnte.

„Ich brauche ihnen nicht zu sagen, das es nicht um eine Übung handelt. Zwei Luftschiffe sind kollidiert und drohen abzustürzen. Die Umstände sind vage, die Situation verfahren und die Aussichten schlecht."

Er wirbelte herum und ein leichtes Lächeln zierte seinen Mund. „Aber nicht hoffnungslos. Alles Feuerponys Canterlots sind im Einsatz und eilen in diesem Moment den Ponys in Not zur Hilfe. Ich erwarte nur das beste von ihnen." Er hob seine Stimme. „Waches Auge..."

„...Schneller Huf!", schrien die Feuerwehrponys ihm ihren Schlachtruf entgegen. Er quittierte es mit einem zufriedenem Lächeln.

„Auf geht's Gentlecolts!"

Er warf sich herum und nahm Fahrt auf, während die Feuerwehr Canterlots sich hinter ihm beeilte ihre Wagen zu besetzen und ihm nach zu eilen.


„Write Up! Write Up!"

Die Journalistin rollte kurz mit den Augen, als sie die aufgeregt piepsenden Stimme ihrer Fotografin hinter sich hörte. Sie hatte eine Ewigkeit in der Schlang vor dem Tresen des Starbucks angestanden und freute sich einfach nur auf ihren dreifachen Nuss-Sahne-Frappuccino. Was die quirlige Stute wohl jetzt wieder gefunden hatte? Einen besonders bunten Schmetterling? Einen seltenen Vogel? Die größte Ratte Canterlots?

Sie schnaubte kurz, als sie ihre letzte Vermutung traf. Vielleicht war das letzte wenigstens eine Story wert. Die Dürre war mittlerweile so ausgelutscht, das selbst für die herzzereißensten Story über die bemitleidenswertesten Schicksale kein müder Bit mehr über den Counter sprang.

Nun, sie war ja selbst Schuld, das sie eine Naturfotografin als ihre Begleiterin eingestellt hatte. Sie knirschte leise mit den Zähnen. Wenn ihre Schwester sie nicht darum gebeten, ja fast angefleht hätte...

„Was darf es sein?", fragte die Stute hinter dem Tresen freundlich mit einem geschäftsmäßigen Lächeln.

„Write Up!"

Und da war sie schon. Der Grund ihrer Kopfschmerzen der letzten zwei Wochen. Write Up lächelte angestrengt und versuchte sie zu ignorieren. Diesen ´Gefallen´ würde sie ihrer Schwester heimzahlen. Mit Zins und Zinseszins!

„Einen dreifachen Nuss-Sahne-Frappuccino, bitte.", verlangte sie freundlich. Es brachte nichts, unfreundlich zu der Bedienung zu sein. Womöglich spuckten sie ihr in den Becher, wenn sie es nicht mitbekam...

„Write Up!"

Der Ton der Stute neben ihr wurde dringlicher. Sie ging sogar so weit, sie vorsichtig an der Schulter zu rütteln, auch wenn Write Up ihr ausdrücklich verboten hatte sie zu berühren. Jemals. Wer konnte schon sagen, wo diese Stute sich nach ihrer Arbeit herumdrückte um Fotos von diesen schmutzigen Tieren zu machen, die sie so sehr liebte.

Sie wehrte grob die Annäherung ihrer Assistentin ab und wandte sich wieder der Bedienung zu, die damit beschäftigt war, ihre Bestellung zu bearbeiten. Sie sah ihr genau auf die Hufe. Ob sie sie sich gewaschen hatte? Write Up erschauderte leicht.

„Um, ähm, Write Up?", fragte die Fotografin unsicher.

Celestia und Luna, was war nötig, um dieser Stute das Maul zu stopfen? Write Up fühlte ihre sehr kurze Geduld zu einem jähen Ende kommen und fuhr herum.

„Was habe ich dir gesagt? Wann sollst du mich erst ansprechen?"

Die Stute sah bedrückt zu Boden. Sie leckte sich nervös über die Lippen, bevor sie langsam, aber gehorsam den Text abspulte, den sie so intensiv eingehämmert bekommen hatte. „Wenn ich weiß, wen die Prinzessinnen vernaschen, wer die Sonne und den Mond geklaut hat, wenn sie geklaut werden, oder was wirklich hinter der Dürre steckt."

Write Up nickte zufrieden. Zwei von den drei Dingen waren durchaus legitime Storys. Jede fundierte Geschichte über das Liebesleben der beiden Schwesterregentinnen würde bei jeder Zeitung im Reich mit Gold aufgewogen. Und was die Dürre anbelangte... es war ein offenes Geheimnis, das etwas nicht stimmte, aber der Palast schwieg sich beharrlich dazu aus. Mehr noch – er hatte anscheinend jeden, der damit zu tun hatte zu absolutem Stillschweigen verdonnert. Und seltsamerweise hielt die Mauer des Schweigens stand, wo sich sonst immer ein Pony fand, das gerne plauderte.

„Aber Write Up...", begann die Stute wieder.

Der Journalistin platzte der Geduldsfaden. „WAS IST?", schrie sie ihre Assistentin an. Die Köpfe der in der Schlange wartenden und im Laden sitzenden Ponys drehten sich ihr ohne Ausnahme zu, aber das war ihr im Moment egal.

Die Fotografin tänzelte erschreckt zurück. „Es... ich... am Hafen..."

„Heraus mit der Sprache! Was ist am Hafen?"

Die Stute war nun den Tränen nahe. Mehrere Ponys schüttelten angewidert ihre Köpfe.

„A-Am Hafen hat es ei...einen Unfall gegeben. D-Die ganze Feuerwehr ist ausgerückt! Ich dachte... ich dachte..."

Write Up durchfuhr es kalt. Sie warf einen kurzen Blick aus den großen Fensterfronten auf die Straße. Der beständige Strom der Ponys draußen war zum Erliegen gekommen. Aufgeregt unterhielten sie sich miteinander und zeigten immer wieder die Straßen hinunter.

„Du dummes Ding! Warum hast du das nicht gleich gesagt?", schrie sie und hastete los. Sie wartete nicht auf ihre Assistentin, sondern drängte sich grob durch die zusammenstehenden Ponys am Ausgang des Ladens. Jetzt konnte sie auch schon die Sirenen der Feuerwehr in der Ferne hören, ein Klang, der sie nur noch mehr anspornte.

Der Frappuccino war vergessen, fast ebenso wie ihre Assistentin, die sich beeilte ihr nachzukommen.

Sie roch eine Katastrophe, sie roch Leid und Verzweiflung im Wind, sie roch Drama. Sie roch eine Story.


Die Tore zum Palast öffneten sich vor Twilight, ohne das die Wachen der königlichen Garde sie unter ihren goldenen Helmen sie eines zweiten Blickes würdigten. Die Stute war sich nicht sicher, ob sie sie einfach erkannten und wussten, das sie hier Zutritt hatte, oder... ob sie bereits erwartet wurde.

Sie drehte sich kurz zu dem Pflegerpony um, das sie bis hier her begleitet hatte und nickte ihm freundlich zu. „Vielen Dank.", sagte sie. „Ab hier... werde ich es alleine schaffen."

Der Hengst in dem weißen Kittel nickte langsam. Für einen Moment sah es so aus, als wolle er noch etwas zu ihr sagen, dann drehte er sich aber wortlos um und trottete über das Kopfsteinpflaster zurück in Richtung des Klinikums. Twilight stand noch einige Sekunden auf der Schwelle des Tores und sah ihm nach. Sie ertappte sich dabei, wie sie sich fragte, was er ihr hatte noch mitteilen wollen. Dann schüttelte sie langsam den Kopf und setzte ihren Weg fort.

Der Weg zum Haupttor des Palastes war von einem lichten Garten gesäumt, in dem das satte Grün des sorgsam bewässerten Gartens mit den leuchtenden Farben der Blumen darin konkurrierte. Die breite Anfahrt war mit feinem Split ausgelegt, das sich wunderbar kühl und weich unter ihren Hufen anfühlte. Es war nur ein ein kurzes Stück, bis sie die Freitreppe zum Portal bringen würde.

Sie war nach Ponyville gegangen, hatte den Grat der Welt zweimal gekreuzt und war mehr Schritte in einem vergessenem Land gegangen als jedes Pony in tausend Jahren vor ihr. Aber dennoch kam ihr diese lange, lang, unendliche lange Reise kurz vor im Vergleich zu den wenigen Metern bis zum Fuß der Treppe des Palastes von Canterlot.

Jetzt war es soweit. Sie musste ihrer Prinzessin, sie musste Celestia persönlich gegenübertreten. Sie musste vor der Herrin der Sonne, der Regentin des Lichts für ihre Taten verantworten. Sie musste ihrer Lehrerin, ihrer Mentorin in die Augen sehen und ihr erklären... ihr sagen...

Twilight blieb stehen, als sie merkte, wie ihre Hufe ihr ihre Dienste versagten.

Was würde sie ihr sagen?

Was würde sie erklären?

Sie hatte den ausdrücklichen Befehlen Celestias zuwider gehandelt. Sie hatte gegen ihren Rat, gegen ihre Intention nicht ablassen können von ihrem Versagen. Sie hatte ihre Freunde und sich selbst in Gefahr gebracht, hatte einen Luftschiffkapitän dazu gebracht seinen Posten zu verlassen und ein Schiff der Flotte dabei zu Bruch gesegelt. Es hatte Verletzte gegeben. Verletzte, die sich vielleicht niemals von dem Abenteuer erholen würden, das sie ihnen aufgezwungen hatte. Die kleinen Ponys ihrer Prinzessin.

Sie hatte über das Schicksal eines Volkes entschieden. Hatte denkenden, fühlende Wesen in die Sklaverei geschickt. Hatte ihre Königin zum Tode verurteilt. Brachte den Feind in das Reich.

Wie sollte sie das alles erklären? Wie sollte sie es Celestia begreifen machen? Wie konnte sie ihr überhaupt nur unter die Augen treten, nach allem, was sie getan hatte?

Jeder Schritt auf ihrem Weg war ihr so selbstverständlich vorgekommen, so notwendig und alternativlos. Sie war den ganzen langen, steilen Pfad entlang gegangen, mit schweren Hufen und gesenktem Kopf. Es war ihr so richtig vorgekommen, zu jeder Zeit und bei jeder Entscheidung. Aber jetzt? Jetzt, vor den strahlenden Mauern des Palastes, im Grün des Gartens, im Licht des jungen Tages...

Wie sollte sie es erklären?

Wie wollte sie sich rechtfertigen?

„Miss Twilight?", fragte sie eine mild-distanzierte Stimme. Sie sah auf.

Ein Butler in der schwarz-weißen Tracht seiner Zunft blickte sie mit geschäftsmäßig besorgten Blick an. Als er sah, das er ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, hellte sich sein Gesicht etwas auf.

„Kommen sie bitte mit mir." Sein Ton ließ keinen Widerspruch zu.

Twilight folgte ihm, zu schwach und verzweifelt, um Fragen zu stellen.


„Kappt die Taue! Kappt die Taue!", schrie Fairway über das Deck und schnappte sich selbst eine Axt.

„Kapitän! Hält sie das?", rief einer der alten Unteroffiziere besorgt zu ihm hoch auf das Achterdeck.

„Fester bekommen wir sie nicht mehr gezurrt! Die ´Spirit´ hält ihren Druck und uns hoffentlich oben. Wir müssen unseren Ballon loswerden, solange er noch Auftrieb hat und nicht aufs Deck stürzt!" Er hackte wild nach den Halteseilen, die den Auftriebkörper am Achterdeck befestigten.

Die Feuerwehr war endlich im Hafen eingetroffen und war seiner erschöpften Mannschaft und der Rumpfbesatzung der ´Spirit´zu Hilfe gekommen. Ihr Helme blitzen im Sonnenlicht, während sie am Dock auf und ab liefen und die letzten Seile fest zogen. Ein Bergekran war schon unterwegs, aber war noch zu weit entfernt, um sie aus der Bredouille zu bringen.

Die ´Idle Barter´, die schon ordentlich Schlagseite hatte, machte noch einen zusätzlichen Ruck zur Seite, als die letzten Verbindungen zu ihrem schlaffen Ballon gekappt wurden.

Fairway hielt sich an der Reling fest und betete. Er betete zu den Schwesterregentinnen, als er das Splittern von Balken vernahm und das gequälte kreischen der Balken. Das Schiff erzitterte, als der letzte Auftrieb in den Himmel entschwand. Er sah die ´Spirit´ tiefer gehen, als sie das zusätzliche Gewicht auffing. Er sah Tau reißen am anderen Schiff. Gerissener Hanf, der wie eine Peitsche über das fast leere Deck pfiff.

Aber sie hielt. Geborstene Planken fielen in den Abgrund an der Seite des Berges, ungesichertes Gut und Taue, aber sie hielt. Sie trug das nun tote Gewicht ihrer Schwester und kränkte nur leicht dabei.

„Wenn ich noch einmal ein Schiff anvertraut bekomme...", knurrte Fairway beeindruckt, „...dann bitte eines von denen."

Er sprang auf. „Das war´s damit! Dankt euren Göttern, Göttinnen oder Prinzessinnen dafür, es ist mir egal!", rief er laut über das Deck mit den noch immer vor Furcht erstarrten Ponys. „Aber es ist noch nicht vorbei! Bringt die Verletzten von Bord und holt die Kameraden von der Spirit runter! Die Abteilungsleiter melden mir an der Hafenmeisterei die Vollzähligkeit! Verstanden?"

Er wartete die Antwort nicht ab, sondern trat gemessenen Schrittes hinter das Steuerrad, bevor er sich erlaubte erschöpft zusammen zu brechen. Er zog seine Kapitänsmütze vom Kopf und warf sie achtlos auf das schiefe Deck. Dann gestattete er sich einen Moment in dem er sein Gesicht in seinen Hufen versenkte und Tränen der Freude weinte.

Er hatte sie zurück gebracht. Er hatte seine Ponys zurück gebracht. Das war letztlich alles was zählte.


Doktor Scrup Up glitt die Seife aus den Hufen, als die Tür zum Waschraum mit einem Krachen aufflog. Cut stolperte herein, in einen heftigen Kampf mit seinem OP-Hemd verstrickt. Er hatte eine Nummer zu klein gewählt und seine Schnauze wollte einfach nicht durch das Loch passen.

Scrup Up sah einen Moment lang der auf den sauberen Fliesen entlangschlitternden Seife hinterher. Als sich das Unglück abzeichnete, hatte er gerade noch Zeit ein kurzes „Vorsicht!" auszustoßen, bevor sein jüngerer Kollege mit dem Huf auf das schlüpfrige kleine Rund trat. Scrup verzog kurz das Gesicht, als der junge Arzt sich der Länge nach hinlegte. Wenigstens war jetzt sein Kopf durch das Loch geschlüpft.

„Ich bin okay! Ich bin okay!" Cut sprang zurück auf seine Hufe und lächelte verlegen. Scrup grunzte nur, schnappte sich eine neue Seife aus dem Spender und begann seine Reinigungsprozedur von neuem.

Der junge Arzt trat an das Becken neben ihm und begann ebenfalls damit sich zu waschen.

Scrup ließ das Wasser sorgsam über seine Vorderhufe abtropfen und tränkte sie dann mit einem scharf riechendem Desinfektionsmittel. Es war eigentlich nicht notwendig, dass sie sich so ausgiebig reinigten, da sie praktisch ausschließlich mit steriler Magie am Patienten arbeiten würden, aber es gehörte zum Prozedere und war Teil der Vorbereitung. Außerdem gab es ihnen Zeit sich den Fall in Erinnerung zu rufen und das Vorgehen zu besprechen.

„Was haben wir?", fragte der erfahrene Chefchirurg, während er darauf wartete, dass das Desinfektionsmittel verdunstete.

Cut merkte auf. „Eine Wundversorgung. Tiefer Schnitt im Muskelgewebe der Flanke. Die Schwierigkeit liegt in der starken Infektion und der daraus resultierenden Nekrose. Außerdem ist der Patient in keinem guten Zustand."

Scrup Up verzog missmutig das Gesicht. „Operieren bei einer schmutzigen Wunde? Was machen die Antibiotika?"

Cut schüttelte seinen Kopf. „Der Patient hat orale Antibiotika über die letzten Tage bekommen, sowie eine starke Antibiose bei Aufnahme. Wir können aber nicht länger warten, ohne sein Leben zu gefährden." Er sah unsicher auf. „Sie... sie haben Erfahrung mit derartigen Komplikationen?"

Scrup Up seufzte leise. „Ich habe als junger Chirurg einige Jahre bei ´Ärzte ohne Grenzen´ gearbeitet." Er lächelte sanft. „Meine wilde Zeit. Hab mir die metaphorischen Hörner abgestoßen. Yakyakistan, Mustangia, Vietmare... ich bin viel herumgekommen." Sein Lächeln verblasste. „Da sieht man Dinge, die man hier nicht für möglich halten würde. Krankheiten wie Leishmaneiose, Tuberkulose oder die gute, alte Ruhr, von der man hier nur aus Büchern liest. Fohlen, die mit offenen Wunden eine Woche durch den Jungel getragen wurden." Er blickte einen Moment lang ins Nichts. „Wir haben mit Bananenschnaps desinfiziert und mit ausgekochten Strähnen aus unseren Mähnen genäht, weil es manchmal nichts anderes gab. Infusionen aus frischer Kokosmilch. Sterilisation über dem Lagerfeuer."

Er schüttelte sich kaum merklich, um die alten, halb vergessenen Erinnerungen los zu werden. Etwas verlegen stülpte er sich die sockenartigen Überzieher über die Vorderläufe, die sie bis zum OP sauber halten würden. „Ich habe nicht gedacht, das hier in Equestria und speziell in Canterlot noch einmal sehen zu müssen."

Cut trocknete sich sorgfältig mit einem sterilen Handtuch ab. „Nach allem, was ich gehört habe, ist dieser Fall... besonders."

Scrup Up streifte sich mit Magie den Mundschutz über. „Das muss er wohl sein. Heartbeat hat ein paar Bemerkungen darüber fallen lassen." Er nahm den Namen der Professorin ohne jeden Anflug von besonderem Respekt in den Mund. Für ihn war sie eine Gleichgestellte. „Erdpony, ja? Das ist gut. Die sind nicht so zerbrechlich. Wenn er die Operation übersteht und wir den Infektionsherd erwischen, ist er ruck-zuck wieder auf den Beinen." Er drehte sich zu seinem jüngeren Kollegen um. „Sie assistieren mir. Machen sie die Augen auf und folgen sie meinen Anweisungen. Keine Fragen, dafür ist in der Nachbesprechung noch Zeit genug. Vielleicht lernen sie noch was."

Cut nickte und beeilte sich in seine sterilen Socken zu kommen. Es war einige Zeit her, das jemand so mit ihm gesprochen hätte, als sei er ein blutiger Anfänger, aber er ließ sich nichts anmerken. Tatsächlich war er ein wenig froh, das jemand das Ruder für ihn übernahm.


„Hier entlang." Der Butler führte sie durch die marmornen Hallen Canterlots ohne sich nach ihr umzusehen. Twilight war der Aufbau des Schlosses aus ihren Lehrjahren vertraut, tatsächlich kannte sie die meisten Flügel wie ihre Westentasche. Deshalb ging es ihr schnell auf, das sie den falschen Weg einschlugen.

„Wo... wohin führen sie mich?", fragte sie.

Der Butler hielt nicht in seinem Schritt inne, als er antwortete. „Ihre Majestät, Prinzessin Celestia hat mich angewiesen, sie, sowie alle Mitglieder der Elemente der Harmonie, die ihren Weg zum königlichen Schloss finden, in den Gästequartieren unterzubringen. Die Räumlichkeiten sind bereits vorbereitet, die Betten aufgeschlagen und gelüftete und es stehen ein Bad und Erfrischungen bereit, wenn sie sie in Anspruch nehmen wollen."

Twilight blieb wie angewurzelt stehen. „Aber ich muss jetzt mit der Prinzessin sprechen! Mit beiden!"

Das Butlerpony bleib stehen und warf ihr einen betont neutralen Blick über seine Schulter zu. Twilight kannte diesen Blick. Er war für Ponys reserviert, die etwas ausgefressen hatten, die aber zu hoch über seiner Stellung waren, um sie direkt zu schelten. Statt dessen strafte er sie mit höflicher Geringschätzung. „Die Prinzessinnen werden sie empfangen, wenn sie es für richtig befinden."

Twilight ignorierte seinen Blick. „Aber... dann hat es doch gar keinen Sinn, das ich hier her gekommen bin!", brauste sie auf. „Ich... ich sollte dort draußen sein und meinen Freunden helfen! Es gibt so viel zu tun! Ich wollte nur..."

Der Butler schnitt ihr mit einem kalten Blick das Wort ab. „Ich weiß nicht, was sie wollten, Miss Twilight und es ist mir, wenn sie die persönliche Bemerkung gestatten, auch egal. Ich habe meine Anweisungen und ich habe sie von den königlichen Schwestern persönlich. Sie wünschen sie jetzt nicht zu sehen, sondern sie wünschen sie und ihre Freunde gut versorgt, aufgenommen und, wenn möglich, gewaschen und ausgeruht zu ihrer Verfügung. Und sie sind nicht in der Position, diese Wünsche in Frage zu stellen."

Twilights Kiefer bewegte sich sprachlos auf und ab, während sie nach einer Erwiderung suchte.


„Passen sie bitte auf meine Beine auf!"

Die junge Ambulanzfahrerin nickte ernst und bemühte sich angestrengt die Trage so sanft wie möglich auf den Wagen zu hieven. Es würde kein Spaß werden, das verletzte Pony über das Kopfsteinpflaster der Hauptstadt ins Klinikum zu bringen, ohne ihm noch mehr weh zu tun.

Als die Trage einrastete, atmete ihr Verletzter erleichtert auf. Beide Vorderläufe waren verbunden und geschient. Es war nicht ihre Arbeit, oder besser die ihres Einhornkollegen, sondern er war ihnen bereits versorgt von Bord eines der havarierten Schiffe übergeben worden. Nach dem, was sie aus der Übergabe mitgehört hatte, war er nicht bei dem jetzigen Unfall verletzt worden, sondern bereits weit vorher.

Sie sah über ihre Schulter zu ihrem Fahrzeugführer, der gerade die anderen ankommenden Ambulanzen einwies. Auf dem Dock war die Höllle los. Vor der Kulisse der ineinander verkeilten Schiffe wuselten die Feuerwehrponys mit ihren schweren Jacken und glänzenden Helmen auf und ab, zogen Seile fest, breiteten Schläuche aus und halfen dabei die Besatzung von Bord zu holen. Eine Wasserwand war zur Sicherheit errichtete worden und besprenkelte mit feinem, feuchtem Nebel das Heck des vorderen Schiffes. Noch während sie ihren Blick schweifen ließ, gesellte sich eine Zweite hinzu. Das Team aus Feuerwehrponys klammerte sich zusammen an die breite Messingdüse um den Druck auszugleichen und den künstlichen Regen auf den richtigen Teil des Schiffes zu lenken.

Da ihr Kollege beschäftigt war, kletterte das junge Rettungspony auf die Ladefläche und überprüfte selbst die Sicherung ihres Patienten.

„Wie heißen sie?", fragte der Hengst auf der Trage sie unvermittelt.

Die Stute zögerte einen Augenblick lang, dann nickte sie freundlich. „Scope´n Run."

„Worthwhile.", erwiderte der Hengst. „Ich würde ihnen gerne den Huf schütteln, aber ich bin gerade etwas eingeschränkt." Er nickte mit einem schrägen Lächeln zu seinen beiden bandagierten Vorderläufen.

Scope konnte nicht anders, als bei diesem trockenen Witz leise zu lachen. Der Hengst gefiel ihr. Sie hatte zuerst gedacht, das er etwas wehleidig war, so wie er sich bei der Verladung angestellt hatte, aber der kleine Scherz hatte es wieder herausgerissen. Die verwöhnten Canterlotponys hatten einen schlechten Einfluss auf sie.

„Kennen sie einen Mister Runner? Ein Kollege von ihnen, aus Manehattan."

Scope schüttelte ihren Kopf. „Nein, nie von ihm gehört." Sie machte sich daran das Gestell hochzuklappen, um ihrem Patienten etwas Schatten zu verschaffen.

Worthwhile seufzte leise. „Nun, das währe vielleicht auch zu viel des Guten gewesen." Er schwieg einen Augenblick. „Ich frage mich, wo er gerade steckt. Und ob es ihm gut geht. Er war viel schlimmer dran als ich."

Scope schob das Verdeck hoch und befestigte es. Noch einmal sah sie nervös zu ihrem Kollegen. Das Einhorn unterhielt sich gerade aufgeregt mit einem der Einsatzleiter, einem ergrauten Pony mit akkurat gestutztem Oberlippenbart.


„Das sind die letzten.", sagte Tilt zu Chief Lighter, während die Feuerwehrponys zwei Tragen an ihnen vorbei zu den wartenden Amulanzwagen trugen. „Der Rest der Besatzung ist evakuiert."

Light sah auf und strich sich mit mit dem Huf über den kurzen Schnurrbart. Tilt sah, das er leicht schmunzelte. „Noch nicht ganz.", sagte der Chief der Canterlot-Feuerwehr.

Kapitän Fairway hielt kurz inne, bevor er die behelfsmäßige Gangway zum Dock betrat. Ein letztes Mal ließ er seinen Blick über das Deck des Schiffes streifen. Es war kein schöner Anblick.

Es war das letzte Mal, das er auf den Planken seines Schiffes stand. Er schloss für einen Augenblick die Augen und sog die heiße Luft um ihn herum ein. Er wollte sich an diesen Moment erinnern. Er wollte sich daran erinnern, wie sich die geborstenen Planken unter ihm anfühlten, die zerbrochenen Balken und gerissenen Taue. Das letzte Stöhnen des überbeanspruchten Holzes, der gebrochene Seele des Schiffes unter seinem Kommando.

Das letzte seiner Ponys war von Bord. Der Kapitän verließ als letzter das Schiff. Fairway sandte der ´Idle Barter´ seinen letzten Gruß. Dann trat er auf die Gangway.


„Erster Schnitt: 12.34 Uhr", sagte Scrup Up, während er das Skalpell ansetzte.


Twilight lag ausgestreckt auf dem Bett im Gästetrakt des Schlosses.

Sie hatte nicht mehr die Kraft besessen, sich gegen den Butler zu wehren. Was hätte sie ihm schon sagen sollen? Das es nicht ihre Schuld war? Es war ihre Schuld. Das sie nicht anders gekonnt hatte? Das es notwendig gewesen war? Sie war sich nicht mehr sicher. Das er sie sofort zu den Prinzessinnen führen sollte, egal was sie gesagt hatten? Sie hatte einmal gegen ihren Befehl gehandelt und erst das hatte sie in den ganzen Schlamassel gebracht.

Es war ohnehin unsinnig gewesen sich mit ihm zu streiten. Er führte seine Anweisungen aus, so wie sie es hätte auch tun sollen. Sie war einen Moment lang versucht gewesen, einfach auf dem Huf kehrt zu machen, zurück zu eilen und ihrem Drang nachzugehen ihren Freunden zu helfen.

Aber sie verstand, das dies vergeblich war. Sie waren nicht mehr im wilden Land. Sie waren zurück in Canterlot, im Herzen der Zivilisation. Es war nicht mehr an ihr Entscheidungen zu treffen oder Rettungen in letzter Sekunde anzukurbeln. Equestria hatte viele Katastrophen gesehen, solche wie diese und viele andere, schlimmere. Die Mühlen mahlten bereits, wie ihr der Klang der Sirenen verriet, der durch das Fenster an ihr Ohr drang. Canterlot stand noch immer, unerschütterlich und fest wie ein Fels im Meer der Zeiten und ein kleiner Schlag wie der Absturz eines Flugschiffes würde es nicht erschüttern.

Sanfte Sorge machte sich in ihr Breit, als sie daran dachte, ob es allen gut ging. Die ´Idle Barter´ war in keiner guten Verfassung gewesen, als sie sich zusammen mit Rogue teleportiert hatte. Kapitän Fairway hatte angedeutet das es auf eine Bruchlandung hinauslaufen würde, so oder so. Hatten es alle gut überstanden? Hatte es noch mehr Verletzte gegeben? Waren ihre Freunde in Sicherheit? Ging es Rogue gut? Sie wusste keine Antwort darauf.

Aber was konnte sie tun? Wenn sie jetzt aufspringen würde, losstürmen, über den marmornen Boden des Palastes hinaus, bis zu den Docks... was konnte sie noch bewirken? Sie war ausgebrannt, leer, ihrer Magie ebenso beraubt wie ihres Willens zu kämpfen.

Es war einfacher zu warten. Da zu liegen und zu warten. Es gab nichts mehr, was sie tun konnte, außer zu Hoffen und zu beten. Darum, das ihre Freundinnen den Weg zu ihr fanden. Das Rogue überlebte. Das die Besatzung der Idle Barter noch immer aufrecht stand. Das alles doch noch ein gutes Ende nahm. Sie konnte keinen Einfluss mehr darauf nehmen.

Also lag sie auf dem Bett und wartete. Wartete auf das Geräusch der Schritte vor ihrer Kammer. Auf das vertraute klappern der Hufe ihrer Freundinnen. Auf den metallenen Klang der gold- und silberbeschlagenen Hufe der Prinzessinnen. Auf das formelle Klopfen der Dienststuten oder des Butlers, die sie zu der ersehnten Audienz rufen würden.

Aber alles was sie hörte war das leichte Klirren der Rüstungen der Königlichen Garde vor ihrer Tür, die in der Hitze unruhig von einem Huf auf den anderen traten. Und das ferne Heulen der Sirenen in der Stadt, das noch immer durch ihr Fenster drang. Selbst der Schlaf, den ihr erschöpfter Körper so mitleidslos von ihr verlangt hatte, wollte sich nicht einstellen.

Es blieb ihr nichts anderes übrig, als hier zu liegen und zu warten. Vielleicht war das das schwerste.