Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Geschichte, was den Inhalt von Hasbro´s My Little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum.

Kapitel 29: Zum Mond

"Um Celestias Willen, treten sie doch ein paar Schritte zurück!"

Das Sicherheitspony stemmte sich mit seinem nicht unbeträchtlichen Körpergewicht gegen die anstürmenden Massen. Er verteidigte tapfer seinen Posten am Eingang der Station, aber er fühlte, wie er langsam, aber sicher auf dem polierten Linoleum an Boden verlor.

Flash Light war war seit gut dreißig Jahren Sicherheitschef im Universitätsklinikum von Canterlot und er konnte mit Fug und Recht behaupten so ziemlich jede Krise überwunden zu haben, die auf ein Pony in seiner Position zu kommen konnte. Der große Stromausfall ´79. Der Kaffeefilterdieb, der sein Unwesen fast ein halbes Jahr lang getrieben hatte, bis akribische Detektivarbeit ihn entlarven konnte. Die Maulwurfinvasion im Heilkräuterlaboratorium. Die Verteidigung des Krankenhauses gegen die Changelinge. Und am schlimmsten von allen: dreißig Mal Tag der offenen Tür im Klinikum. Aber die jetzige Situation war beispielos.

Heftig unter seiner Schirmmütze schwitzend sah er zu Locker Room und Key Chain, die mit ihm in der Kette standen und den Zugang blockierten. Keys war neu in ihrem Team und seine Augen waren vor Furcht und Verständnislosigkeit weit aufgerissen. Flash hätte schwören können, das er kurz davor war, sich in die Uniform zu machen. Locker war schon ein paar Jahre dabei, aber auch ihm war die Angst ins Gesicht geschrieben.

Leider erschöpften sich damit auch schon Flashs Truppen im Krankenhaus. Es waren eigentlich nie mehr als drei von ihnen notwendig gewesen. Sie schlossen abends die Türen ab, gingen ihre Runden und halfen vielleicht auch mal mit wenn ein Betrunkener zu renitent für die Schwestern und Pfleger wurde. Aber das hier...

Seine Hinterläufe stießen an die Türen zur Station. Sie konnten sie nicht mehr länger aufhalten.

"Aww, Buck!" knirschte das alte Sicherheitspony zwischen den Zähnen hindurch. Sein kurzes Horn begann blau zu schimmern, als er begann seinen Notrufzauber zu wirken. Er hasste es, die Jungs von der Polizei um Hilfe zu bitten. Das Klinikum war seine Zuständigkeit, sein Territorium und es fühlte sich hilflos und kläglich an, anderen seinen Job machen zu lassen. Aber er hatte keine andere Wahl.

Er hakte seine Hinterläufe in die breiten Türöffner und benutzte sie als Gegengewicht, um besser gegen die Masse drücken zu können. Wahrscheinlich würde ohnehin jede Hilfe zu spät kommen. Er konzentrierte sich gleichzeitig drauf, seine Körper so starr wie nur möglich zu halten, damit die Tür verschlossen blieb und darauf, seinen Zauber zuende zu bringen. Die Anstrengung war so groß, das er sein angestrengtes Grunzen in einen langsam anschwellenden Schrei überging...

"WAS... GEHT... HIER... VOR?"

Der Druck ließ so plötzlich nach, das Flash Light auf den Boden plumpste. Locker beeilte sich ihm aufzuhelfen, während sich Keys einfach nur dicht an sie beide drängte, so als verhieße ihre Nähe Sicherheit. Als der alte Sicherheitschef sich wieder weit genug gesammelt hatte, schob er den Jüngling grob von sich. Himmel, er musste dringend ein paar Takte mit dem Kleinen reden, wenn das hier vorbei war. Derweilen...

Derweilen wunderte er sich, was die Meute dazu bewegt hatte, von ihnen abzulassen. Er sorgte dafür, das seine zwei Ponys sauber vor der Stationstür aufgestellt waren, sollte es sich diese Ponys noch einmal anders überlegen. Dann hob er den Kopf und versuchte über die Menge zu erkennen, wer da gesprochen hatte. Es war schwierig. Zu viele Mikrofone im Weg.

"Verdammte Presse-Fuzies...", murmelte er, so als wolle er bei dem Wort ausspucken.

Denn genau daraus bestand die Meute, die sie beinahe alle überrannt hatte. Es schien, als wäre jeder einzelne Reporter, Berichterstatter, Kolumnenschreiber und Redaktiongehilfe samt Anhang aus Kameraponys, Belichtern, Photographen und Szenenskizzierern aus ganz Equia herbei geströmt um ihnen die Bude einzurennen. Flash Light hatte noch nie so viele Sonnenbrillen auf einem Haufen gesehen.

Als er sich auf die Hinterhufe stellte, konnte er einen kleinen Blick auf das Pony erhaschen, das ihren Entsatz gebracht hatte. Nur sich selbst, aber mehr war auch nicht notwendig.

Professorin Heartbeat stand auf dem letzten Treppenabsatz, der sie über die Menge erhob, so das sie für alle klar zu erkennen war. Ihr weißer Arztkittel strahlte im blenden Schein der Blitzlichter, während sie gefasst ihre Brille zurecht rückte. Sie schien wie ein Bollwerk, unverrückbar, unerschütterlich, selbst als die Menge der Ponys sich auf sie als neues Ziel einschoss. Ihre bloße Präsenz, ihre Ausstrahlung von unnahbarer Kompetenz, hielt die sensationslüsternde Meute auf Abstand.

"Warum werden die Elemente der Harmonie hier unter Verschluss gehalten? ", "Können sie uns einen Stellungnahme zu dem Unfall am Hafen geben?", "Stimmt es, das eines der Elemente verstorben ist?", "Ist Equestria wieder Opfer eines Angriffs von Außen? Beherbergen sie die ersten Opfer?" Die Fragen prasselten nur so auf die Stute ein, die sich jedoch ungerührt von jeder einzelnen zeigte. Und als sie mit gemessener, fester Stimme zu sprechen begann, schaffte es sie irgendwie sich durch all den Lärm verständlich zu machen.

"Ich verstehe, das sie viele Fragen haben. Ich verstehe, das sie Antworten wollen. Aber ich bitte sie zu bedenken, das dies ein Krankenhaus ist, ein Ort der Ruhe und der Heilung und kein Pressesaal." Sie schwieg einen Moment lang und ließ ihren tadelnden Tonfall wirken. Als die Reporter sich unsicher gegenseitig ansahen, nickte sie zufrieden und fuhr fort: "Sie verstehen sicherlich, das wir als medizinisches Personal unserer Verschwiegenheit verpflichtet sind, der wir geschworen haben treu zu bleiben. Dies umfasst alle Informationen über die Identität, den Grund der Einlieferung und der Behandlung aller unserer Patienten, ohne Ausnahme. Diese Doktrin war und ist eisernes Gesetz in diesen Mauern und es wird nicht fallen." Die Professorin erhob mahnend ihren Huf, als einige wenig Tollkühne ihren Unmut mit lauten Rufen aus der anonymen Masse kund taten. "Wir ich bereits gesagt habe, sind wir ein Ort des Heilens und des Forschens und nicht mehr. Wir sind in erster Linie den Ponys des Reiches verpflichtet und nicht der Politik, die dessen Geschicke lenkt. Wir waren, sind und werden immer neutral bleiben und nur den Aufgaben nachkommen, die unser Beruf von uns verlangt. Sie sehen also, das wir ihnen nicht helfen können. Ich schlage vor, das sie sich an den königlichen Palast wenden."

Heartbeat betrachtete die missmutigen Gesichter in der Menge vor ihr und rang sich zu einer Entscheidung durch. Das Universitätsklinikum mochte neutral sein und seine Prinzipien unverrückbar, solange es ihr erlaubt war, diese Institution zu führen, aber sie konnte es trotzdem nicht erlauben, dass der Ruf des Klinikums darunter litt. Die Presse war oft lästig und in Zeiten wie diesen fast unerträglich, aber niemand konnte sich schlechte PR erlauben, wenn es sich vermeiden ließ. Also zauberte sie ein versöhnliches Lächeln auf ihr Gesicht.

"Aber ich verstehe natürlich die beträchtliche Sorge, die die Bevölkerung hinsichtlich der jüngsten Ereignisse hegt. Aus diesem Grund..." Sie warf einen kurzen Blick auf die Wanduhr über dem Seitendurchgang. Sie musste den Bluthunden einen Knochen vorwerfen, um sie lange genug zu beschäftigen, um sich etwas einfallen zu lassen. "Aus diesem Grund lade ich sie alle herzlich zu einer Pressekonferenz um ein Uhr nachmittags ein, bei der ich und mein Stab ihnen mit allem Rede und Antwort stehen werden, was wir ihnen zu sagen im Stande sind." Sie beobachtete aufmerksam die Reaktionen, die ihre Ankündigung auslöste. Leider waren sie weniger gut, als sie vermutet hatte. Sie sah viele gerunzelte Stirne und vorsichtige Blicke.

Na gut, dachte die Professorin, das war der Zucker. Und jetzt kommt das Brot...

Sie verbreiterte ihr Lächeln etwas. "Selbstverständlich sind sie eingeladen, die Zeit bis dort hin in unserer Kantine zu verbringen. Kaffee und Gebäck geht aufs Haus, genauso wie unser Mittagessen. Ich denke, es wird ihnen schmecken. Wir sehen uns in weniger als drei Stunden."

Zufrieden bemerkte sie, wie ihre letzte Ankündigung viele der Zweifel zerstreuten. Sie konnte es sich selbst nicht erklären, aber die Aussicht auf gratis Essen und Kaffee hatte eine geradezu magische Wirkung auf die Ponys von der Presse. Sie sah, wie sich die Meute langsam zerstreute.

Heartbeat wandte sich um und schritt die Treppen aufwärts, zurück zu ihrem Büro. Pennywise, ihre Sekretärin erwartet sie bereits an der Tür. Kaum war sie hinter ihr ins Schloss gefallen, schlang Professorin Heartbeat ihr goldgerändertes Stethoskop von ihrem Hals und warf es frustriert auf die kleine Sitzecke.

Pennywise zögerte einen Augenblick angesichts des praktisch beispiellosen Verhaltens ihrer Chefin, rief sich aber schnell selbst zur Ordnung. Sie räusperte sich leise. "Ich gehe davon aus, das die... Situation behoben ist?", fragte sie vorsichtig.

Heartbeat schenkte ihr einen kurzen, müden Blick, dann ließ sie sich rücklings in einen der bequemen Sessel plumsen, der normalerweise für Besucher bereit gehalten wurde.

"Ja.", antwortet die ältliche Stute trübsinnig. "Ich habe uns etwas Zeit verschafft." Einen Moment gab sie sich dem Luxus hin einfach nur an die Decke zu starren und an Nichts zu denken. Aber ihre Pflicht holte sie schnell genug wieder ein. Sie konnte sich jetzt nicht erlauben in Selbstmitleid zu versinken. Sie sprang zurück auf ihre Hufe.

"Sagen sie dem Küchenchef bescheid, wir bekommen eine Ladung hungriger Mäuler zusätzlich. Sagen sie Gaston, er soll sie abfüttern, so herzhaft und gut es gerade geht. Keine Budgetbeschränkung, aber es soll fettig sein, mit so viel Sahne, Zucker und Cholesterin, wie er gerade finden kann. Vielleicht treiben wir ein paar der Bastarde in den Herzinfakt." Sie machte eine finstere Miene, die jedoch schnell verflog. Sie seufzte und milderte ihre Anweisung ab."Sagen sie ihm einfach er soll gute Hauskost auftischen, egal wie er es in der kurzen Zeit hinbekommt. Ein vollgefressenes Pony ist ein glückliches Pony und es würde nicht schaden, wenn wir einen ganzen Saal davon hätten, wenn die Pressekonferenz startet. Ich will alle Abteilungschefs um zwölf Uhr zur Besprechung. Vielleicht fällt denen ein, was wir sagen können." Sie wischte sich verärgert über die Augen. "Und schicken sie eine Nachricht an den Palast, mit meinen persönlichen Grüßen an die Prinzessinnen. Ich habe keine Ahnung, was sie mit ihrer Politik der Informationsblockade bezwecken und es ist mir auch egal. Aber es ist mir nicht egal, wie wir darunter zu leiden haben." Sie wandte sich Pennywise zu, die sich aufmerksam Notizen auf ihrem Block machte. "Sagen sie ihnen das letzte in aller Deutlichkeit."

Die Sekretärin nickte bestimmt und brachte ihren letzten Satz zu Papier. Dann sah sie auf. "Einen Tee, Frau Professorin?"

Heartbeat sah überrascht auf, dann lächelte sie sanft. "Ja, gerne. Mit viel Zucker und einem Tropfen von dem Muntermacher aus ihrer untersten Schublade, ich brauche etwas zur Stärkung." Sie wandte sie um, um in ihr eigenes Büro zu gehen. Kurz vor der Türschwelle hielt sie noch einmal an. "Sagen sie bei mir Zuhause bescheid? Ich möchte nicht, das Trust auf mich wartet. Es könnte heute etwas später werden."

Pennywise nickte verstehend. "Ich werde ihren Ehehengst informieren."

Die Professorin seufzte schicksalsergeben. "Danke, Pennywise. Und nun? Was habe ich vergessen?"

Die Sekretärin lächelte und hielt ihr einen Zettel hin.

Heartbeat nahm ihn entgegen und rückte ihre Brille zurecht. "Was ist das?", fragte sie, noch während sie zu lesen begann.

"Es scheint, als hätte der Ursprung unserer Probleme bemerkt, was für eine Last er für das Haus geworden ist."

Professorin Heartbeat nahm sich einen weiteren Moment Zeit, das Blatt Papier zu ende zu lesen, dann sah sie streng auf. "Mister Runner ist Patient diese Klinikums und hat nichts getan oder gelassen, was in seiner Macht stand, um sich selbst als ´Problem´ oder als ´Last´ zu klassifizieren. Er hat jedes Recht hier zu sein und wir haben keine Veranlassung, ihm unsere Pflege zu verwehren. Ich verbiete mir, von ihm so zu reden!" Ihr Stimme war scharf geworden, schärfer als jemals zuvor, da sie zu ihrer Sekretärin gesprochen hatte. Sie betrachtete Pennywise als eine ihrer engsten Vertrauten, ja sogar als Freundin, auch wenn sie ihre Beziehung bei der Arbeit so professionell wie möglich hielten.

Die Sekretärin nickte verlegen. "Ja, natürlich. Sie haben recht. Ich entschuldige mich." Sie erholte sich schnell von der verdienten Schelte. "Es ändert jedoch nichts daran, das er um vorzeitige Entlassung gebeten hat. Und es ändert nichts daran, das er damit... viel Druck von uns nehmen würde..." Sie zögerte einen Moment lang. "Es würde den Fokus verlagern. Der Einbruch in unsere Intensivstation hat gezeigt, das wir auf so etwas nicht vorbereitet sind... von heute ganz zu schweigen." Sie ließ ihr Worte einen Moment lang wirken. Dann, ermutigt davon, das Heartbeat nichts erwiderte, fuhr sie fort: "Er hat selbst erkannt, das seine Anwesenheit es nur schwieriger für uns macht. Ich denke, es ist sein Wunsch uns zu helfen."

Heartbeat sagte nichts, sondern nahm nur ihr Stethoskop wieder auf, das sie so achtlos von sich geworfen hatte. Es war ein Geschenk der Belegschaft an sie gewesen, zu ihrer Ernennung zur Vorstandsleiterin des Krankenhauses. Es war alles andere als obligatorisch. Es zeugte von dem Vertrauen und der Zuversicht in ihrer Position als Führerin. Einer Rolle, der sie jetzt gerecht werden musste. Nachdenklich betrachtete sie die glitzernden Reflexionen auf dem geriffelten Rand des Schalltrichters.

"Er ist erstaunlich stabil für die kurze Rekonvaleszenzzeit. Seine Infektion ist abgeklungen und es gibt weder Hinweise auf eine Schädigung des Herzmuskels als auch der neuralen Bereiche. Seine Beobachtung ist eigentlich nur noch obligatorisch und die Medikation...", begann sie nachdenklich, dann unterbrach sie sich. Sie schüttelte entschlossen den Kopf. "Nein, ich werde nicht den leichten Weg gehen! Es mag angenehmer für uns alle sein, aber ich werde nicht zulassen, das ein Pony sich aus unserem Haus, aus unserer Pflege gedrängt sieht, nur weil es der Presse plötzlich einfällt ihn ins Ziel zu nehmen! Da widerspricht allem, woran ich glaube."

Sie schlang sich entschlossen das Stethoskop um den Hals und machte sich auf den Weg zurück zum Treppenhaus.

"Er muss es mir ins Gesicht sagen.", knurrte sie, während sie die Tür hinter ihr zuschwang.

Pennywise sah ihr einen Moment lang nach, dann betrachtete sie ihre Notizen. Es wartete viel Arbeit auf sie. Sie musste darauf achten, das die Professorin etwas zu Mittag aß. Und den Tee, den sie hinterher brauchen würde. Sie schrieb es auf und unterstrich es zweimal. Dann seufzte sie und machte sich ans Werk.


"Ich will nicht, das du gehst!" Fluttershy´s Stimme klang flehentlich, aber tief darunter war eine Spur Stahl verborgen, unerschütterlich und hart, wie das Furnier auf einer Betonwand.

Rogue seufzte, aber leise, damit sie es nicht hören konnte. "Es ist das beste für alle Beteiligten."

Sie fuhr herum. "Aber darum geht es nicht!" Ihre Stimme nahm fast Zimmerlautstärke an. Sie musste innerlich kochen. "Es geht nur um dich. Verstehst du nicht? Du musst gesund werden, alles andere ist nicht wichtig!" Sie schritt unruhig in dem kleinen Krankenzimmer auf und ab, das sie sich in der letzten Nacht geteilt hatten. "Hör bitte auf, immer nur an die anderen zu denken, Rogue! Hier... hier ist das nicht mehr notwendig. Es geht nicht mehr um Leben und Tod. Nur um... Unannehmlichkeiten. Verstehst du das?"

Er verstand es nur zu gut. Er richtete die Decke über sein Körper, um seine Unsicherheit zu überspielen und etwas Zeit zu gewinnen.

Die Wahrheit war, das er zwei Fliegen mit einer Klappe hatte schlagen wollen. Einerseits hätte er mit seiner Entlassung sich und Fluttershy wieder zurück in den Kreis der Freundinnen gebracht. Sie waren zwar kaum einen Kilometer Luftlinie voneinander getrennt, aber dennoch bedeutete sein Aufenthalt im Krankenhaus eine Barriere zwischen ihnen, die sich als zunehmend hinderlich erwies. Seine Begegnung mit ihnen im Thronsaal hatte ihm das deutlich gemacht. Das war eine kritische Zeit. Sie sollte zusammen sein, das erlebte gemeinsam aufarbeiten und verdauen, statt auseinandergerissen zu eigenen Schlussfolgerungen zu kommen, die sie nicht miteinander teilten. Und bei sich selbst: er musste einfach raus aus dieser sterilen Umgebung, die ihn zunehmend einengte. Er vertraute den Ärzten des Klinikums uneingeschränkt, so wie er seit je her das Wort der ´Studierten´ als nur recht und billig erachtete hatte, aber er fühlte, das sie etwas zu... vorsichtig mit ihm umgingen. Er hatte bedachtsam seine Grenzen ausgetestet und fühlte sich durchaus in der der Lage seine Rekonvaleszenz etwas flotter zu gestalten. Nicht zu flott, natürlich. Er wusste um die Grenzen dessen, was ein Körper in der kurzen Zeit durchmachen konnte, aber er glaubte das Risiko gut genug einschätzen zu können. Er wusste um die Gefahr und hatte genug Angst vor den Konsequenzen, um es nicht zu übertreiben.

Auf der anderen Seite war er geradezu überwältigt von dem, was ihre Rückkehr ausgelöst hatte. Applejack hatte ihm viel über die Abenteuer der Elemente erzählt, aber es schien, als wäre das wachsame Auge des öffentlichen Interesses davon unbeeindruckt geblieben. Bis jetzt zumindest. Fluttershy hatte ihm von dem nächtlichen Eindringling erzählt, der so offen und rücksichtslos sie und seine Familie bedroht hatte. Es schien, das sie nun die bitteren Früchte dieser Nacht ernteten.

Ihm fielen Celestias Worte wieder in den Sinn. Irgendwie war der Bann über die Elemente gefallen. Und er konnte nicht widerstehen und sich selbst die Schuld dafür geben. Er war kein Element und was immer die Prinzessin mit den Pressevertretern ausgehandelt hatte, galt nicht für ihn. Suchte er nach einer Bestätigung für seine Befürchtigungen, musste er nur die Tagesblätter ansehen, die am Hufende seines Bettes vertreut lagen.

´Wer ist der geheimnisvolle Hengst wirklich?´, stand dort zu lesen.

´Geheime Mission: Der Fall Rogue Runner.`, kündete der ´Mirror´ in einer Spezial-Ausgabe.

`Verborgene Liebe: Wer hat das Element der Freundlichkeit erobert?´, ´Was steckt wirklich hinter der Dürre? Lesen sie das Palastgeflüster!´, ´Agent der Herzen: Element der Liebe?´

Er errötete, als er die letzte Schlagzeile noch einmal las und strich sie vom Bett. Am peinlichsten war das Foto, das fast alle Ausgaben auf der Titelseite trugen: Sein schlafender, hilfloser Körper und Fluttershy, die sich etwas überrascht und mit einem überrascht geöffneten Mund zur Kamera wandte, so als wäre sie kurz vor einem Kuss überrascht worden. Er musste zugeben, es war perfekt getroffen. Ein paar Ausgaben zeigten auch seine Eltern, die nicht weniger überrascht dreinblickten, und der Szene noch etwas mehr an Intimität verliehen.

Es mochte sein, das die Elemente per königlichen Dekret von der direkten Verfolgung ausgenommen waren. Aber in dem derzeitigen Klima der Ungewissheit und unbestimmten Bedrohung stürzte sich die Presse auf alles und jeden und schreckte auch nicht davor zurück ihre Grenzen aus zu testen. Und er war die Grundlage dafür. Das konnte er nicht leugnen. So einfach war das. Er musste die Konsequenzen daraus ziehen. Und die Einfachste war hier zu verschwinden und in den Palast einzuziehen, bis die Prinzessinnen mit einer Lösung aufwarten konnten. Bis dahin waren sie zusammen und er glaubte fest daran, das es wenig gab, das ihn und die Elemente gemeinsam noch aus der Bahn werfen konnte.

Als er all dies bedachte, sah er zum Fenster, damit er Fluttershys Blick nicht begegnen musste. Er sagte nichts, da ihm die Worte fehlten ihr gegenüber auszudrücken, wie er fühlte. Er wollte keine Entschuldigungen vorbringen, die sich hohl und leer anhören würden, sobald er sie in den Mund nahm. Statt dessen schwieg er und hoffte, das sie ihn verstehen würde. Er wusste, das dieses Schweigen ihr weh tun würde, aber nicht so sehr wie jede Rechtfertigung, die er finden konnte.

Es kam einer Erlösung gleich, als die Tür des Krankenzimmers sich öffnete und eine Stute in mittleren Jahren im blendend weißen Kittel der Ärzteschaft eintrat. Sie sah sich einen Moment lang im Krankenzimmer um, so wie sich ein altgedienter Hotelchef in einem seiner besten Appartements umgesehen hätte. Ihre Augen glitten über den staubfreien Linoleumboden, die saubere Anrichte für Pflegematerialien und die sorgsam zurückgeschlagenen Vorhänge vor den großen Fenstern. Erst dann richtete sich ihr Blick auf die Ponys, die in dem Raum standen.

Es war leicht, diesen Blick misszuverstehen. Aber Rogues Ponysinn meldete sich zu Wort und verriet ihm, das sein erster Eindruck täuschte. Die Stute hatte ihre Aufmerksamkeit nie von ihm gelassen, während sie scheinbar den Raum inspizierte.

Sie nickte zufrieden und wandte ihre Aufmerksamkeit schließlich gänzlich ihm zu. "Sie müssen Rogue Runner sein." Sie hielt ihm ihren Huf entgegen. Er konnte kaum anders, als ihn zu ergreifen.

"Ich bin Professorin Heartbeat, die Leiterin des Universitätsklinkums von Canterlot." Sie flocht eine winzige Pause in den Satz ein, um seine Reaktion abzuwarten. Er enttäuschte sie nicht. Seine Augen wurden groß und rund. "E-Es ist mir eine Ehre, sie kennen zu lernen, Professorin..."

Die Stute unterbrach ihn forsch. "Nennen sie mich Heartbeat, bitte. Für Höflichkeiten habe ich keine Geduld."

Er nickte mechanisch.

Sie lächelte auf undeutbare Weise. "Sie sind Rogue, ich bin Heartbeat und das ist Fluttershy und damit ist die Vorstellungsrunde abgeschlossen." Sie zwinkerte dem Pegasuspony kurz zu, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Rettungspony konzentrierte. "Sie machen mir Sorgen, Rogue. Und ich mag keine Sorgen. Ich habe auch ohne sie schon genug davon."

Rogue ließ den Kopf hängen. "Es tut mir leid. Ich hatte nicht die Absicht, den Betrieb hier zu stören. Ich versichere ihnen, das ich..."

"Papperlapap.", unterbrach ihn die Stute resolut. "Ich weiß, das sie nicht die Presse hierher eingeladen haben. Ich glaube sogar, das sie ihnen so unangenehm ist wie mir, wenn nicht sogar mehr. Mich interessiert mehr, was sie dazu bewogen hat, sich auf eigenen Wunsch entlassen zu wollen." Sie sah ihn mit streng nach oben gezogenen Augenbrauen an.

Rogue zögerte einen Moment lang, während er einen kurzen Blick auf Fluttershy warf, die ihn nicht weniger fragend ansah. als die Professorin. Er war einen Moment lang versucht, auf Stur zu schalten und die Aussage zu verweigern, anstatt sich vor seinem besonderen Pony zum Idioten zu machen, oder sie noch weiter zu kränken, indem er sich in Ausflüchte rettete. Letztlich entschied er sich jedoch dagegen. Professorin Heartbeat sah nicht wie ein Pony aus, das sich so leicht abspeisen ließ.

Er seufzte schicksalsergeben. "Ich kann die Schwierigkeiten sehen, die unser... ich meine, Mein Aufenthalt ihnen hier bereitet. Es ist das Beste für alle Beteiligten, wenn ich einfach gehe."

Professorin Heartbeat runzelte ihre Stirn. "Mister Rogue, ich versichere ihnen, dass die heutigen Geschehnisse einmalig sind. Wir wurden zwar von der Situation überrascht, aber das wird kein zweites Mal geschehen. Ich selbst sorge dafür, das Vorkehrungen getroffen werden, um..."

Rogue schüttelte energisch den Kopf. "Nein."

Heartbeat schaltete ohne ein merkbares Zögern um, als sie die Entschlossenheit in seiner Stimme hörte. "Seien sie doch vernünftig." Der Tonfall der Klinikchefin nahm einen beschwichtigenden Tonfall an. "Sie sind doch selbst vom Fach. Sie müssen doch verstehen, das nach einem so dramatischen Krankheitsverlauf wie dem ihren, mit einer heiklen Operation, ein Krankenhaus die einzige Einrichtung ist, die sie adäquat zu behandeln und zu pflegen weiß."

"Rogue, bitte." Fluttershy mischte sich ein, auf ihre eigene leise, sanfte Art. "Sie hat recht. Mach dir keine Sorgen um die Ponys von der Presse. Es geht jetzt nur darum, das du gesund wirst, ja?"

Sie fuhren damit fort, weiter auf ihn einzureden, freundlich und fordernd, nur um sein Wohl bemüht. Die distinguierte Stimme der Professorin, die an seine Vernunft appellierte und Fluttershys leise Melodie, die bat und beschwichtigte, ja fast flehte. Er fühlte, wie seine Entschlossenheit unter dem sanften Ansturm erodierte, brüchig wurde. Vielleicht hatten sie ja doch recht...

Er stieß den Gedanken, den die beiden in seinen Kopf gepflanzt hatten, weit von sich und schüttelte sich, um ihn vollends los zu werden. Er hatte seine Entscheidung nicht leichtfertig getroffen. Er hatte seine Gründe. Er musste sie nur gut genug ausdrücken, damit die beiden ihm glaubten.

Er hielt sich seiner Vorderhufe gegen die Ohren. "Hört auf. Bitte." Er schrie es nicht, auch wenn ihm dannach war. Er wurde nicht einmal laut. Er flüsterte es nur, aber es war genug. Die beiden Ponys verstummten.

Der Hengst atmete erleichtert auf. Er klang müde, fast genauso müde, wie er sich im Moment fühlte. "Ich mache das nicht, weil ich dumm oder uneinsichtig bin. Oder aus einem unangebrachten Gefühl der Selbstaufopferung. Ich habe mich dazu entschlossen, weil ich die Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen habe und zu dem Schluss gekommen bin, das es wirklich, wirklich für alle das Beste ist." Er sah zu Professorin Heartbeat. "Sie sagten, das sich so etwas wie heute nicht wiederholen würde und ich glaube ihnen. Aber darum geht es nicht. Ich frage sie und möchte, das sie mir offen und ehrlich antworten: Diese Ponys, die hinter uns beiden her waren, haben den Ablauf in diesem Krankenhaus gestört, oder? Und auch wenn sich die Szenen von eben nicht wiederholen, stellt meine Anwesenheit eine zusätzliche Belastung dar, oder?"

Professorin Heartbeat setzte zu einer schnellen und klaren Antwort an, unterbrach sich allerdings selbst, bevor das erste Wort über ihre Lippen kam. Der Hengst hatte von ihr verlangt, ehrlich zu sein. Sie dachte einen Moment lang nach, ob sie ein Schlupfloch finden konnte.

Sie konnte nicht. Zähneknirschend nickte sie langsam. "Ich kann es nicht abstreiten. Aber es geht nicht darum, ob sie einen Belastung für uns sind, oder nicht. Wir sind in erster Linie unseren Patienten verpflichtet und ich weigere mich, wegen ein paar..."

Rogue unterbrach sie im Satz, etwas, das ihn ob ihrer Stellung und des Respekts, den er vor ihr hatte, nicht gerade leicht viel. "Es mag nicht für sie zählen, aber es zählt für mich. Es ehrt sie, das sie solch eine Fürsorge für ihre Patienten zeigen und mir gegenüber diese Ehrlichkeit an den Tag legen. Deshalb habe ich noch eine weitere Frage: Wie würden sie mich weiter behandeln, wenn ich mich dafür entscheiden würde, weiter hier zu bleiben?"

Heartbeat funkelte ihn einen Moment lang wütend an, dann ging sie zum Hufende seines Bettes und studierte seine Wertekurve auf dem Klemmbrett, das daran befestigt war, durch ihre schmale Brille. Sie blätterte einmal, zweimal und runzelte dann die Stirn. Es dauerte noch einen unendlich langen Moment, in dem Rogue sein Herz bis zum Hals schlug, bis sie antwortete: "Mindestens drei Tage strenge Bettruhe unter Überwachung aller Parameter und Kontrolle der Operationswunde durch die Chirurgie. Dann erste Vorstellung beim Orthopäden zur Einleitung der Rehabilitation, wenn alle gut verläuft. Entlassung aus dem Krankenhaus in ambulante Behandlung in ein bis zwei Wochen bei guter Führung." Die letzte Bemerkung war eine scherzhaft gemeinte Phrase, über die niemand von ihnen lachte. Rogue fühlte, wie ihm der Mut sank. Er hatte gedacht, das er sich wesentlich besser gemacht hätte.

Die ältere Stute hängte seufzend das Klemmbrett zurück. Einen Moment lang rieb sie frustriert mit dem Huf über die Stirn, dann sah sie auf. "Nun gut, das mit der Bettruhe können wir uns anscheinend schenken, da sie ohnehin beschlossen haben, das in den Wind zu schießen." Sie sah den Hengst vorwurfsvoll an, der mit seinem dick verbundenen Hinterlauf vor dem Fenster stand. "Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie sie sich zu diesem Zeitpunkt überhaupt auf den Beinen halten können. Wir haben sie mit genug Schmerzmitteln vollgepumpt, um ein Bison flach zu legen."

Rogue sah sie etwas peinlich berührt an. "Ähm. Also... um ehrlich zu sein, habe ich der Schwester heute morgen gesagt, das ich nur ein bisschen Novalgin brauche. Zwei Tabletten. Damit bin ich bis jetzt schmerzfrei."

Professorin Heartbeat sah ihn einen Moment lang sprachlos an. Dann schnappte sie sich noch einmal seine Kurve und durchsuchte sie schnell, bis sie die Eintragung fand. Einen Augenblick lang starrte sie auf die Zeichen vor sich, dann schleuderte sie zuerst das Klemmbrett auf das leere Bett und anschließend die Hufe in die Höhe. "Also gut! Sie sind ein medizinisches Wunder, herzlichen Glückwunsch!", sie klang alles andere als freudig erregt. Eher zutiefst frustriert. "Ich habe keine Ahnung, wie sie das angestellt haben, aber vielleicht stellen sie euch Erdponys mittlerweile aus noch härterem Holz her, als ich es aus meiner Zeit als Stationsärztin kenne." Sie schüttelte ihren Kopf und atmete tief durch. Als sie sich wieder etwas beruhigt hatte, war ihre Stimme gefasster, eindringlicher. Sie ging auf Rogue zu und legte ihm einen Huf auf die Brust. "Überschätzen sie sich nicht. Sie halten sich gut, das muss ich zugeben, besser als selbst die besten Prognosen. Wenn mich drei Jahrzehnte meines Berufes eines gelehrt haben, dann das Medizin keine exakte Wissenschaft ist. Es gibt immer wieder Unvorhergesehenes, Wunder und Mirakel, plötzliche Genesungen und Ponys, die dem Tod von der Schippe hüpfen. Aber sie sind selten. Sehr selten sogar. Ich kann ihnen nicht garantieren, das sie einer davon sind, nur weil sie jetzt auf dem Weg der Besserung sind."

Rogue sah zuerst auf ihrem Huf auf seiner Brust, dann in ihr Gesicht. "Ich verstehe. Aber ich nehme, was ich habe, als das an, was es ist: Als Geschenk."

Die Professorin nickte verstehend. " Also gut." Sie zog ihren Huf zurück. Dann lachte sie, leise und freudlos. "Wissen sie, ich war drauf und dran sie hier einfach fest ketten zu lassen. Es mag zwar sein, das jeder Patient das Recht hat, sich selbst auf eigenes Risiko zu entlassen, aber ich habe in ihrer Akte einen kleinen Haken entdeckt, der das alles aushebelt." Sie wandte zur Tür. "Sie sind bei der Manehattan Central Ambulance angestellt, nicht wahr?", fragte sie ihn über ihren Rücken hinweg.

"Äh, ja, das ist richtig." Rogue musste tatsächlich einen Sekundenbruchteil lang überlegen, bis er feststellte, dass das richtig war. Es schien alles eine Ewigkeit her zu sein.

Heartbeat lächelte. "Damit sind sie Beamter des Staates Equestria und unterliegen der freien Heilfürsorge. Eigentlich bedeutet das, dass ihr Vorgesetzter und nicht sie selbst über ihrer Behandlung entscheiden darf. Das ist normalerweise nur Makulatur, aber gerade in diesem Fall war ich versucht alle Register zu ziehen." Sie drehte sich an der Tür noch einmal um und sah ihn ernst an.

"Ich mache ihnen keine Schwierigkeiten. Zum Einen haben sie schon genug davon und zum Anderen kann ich verstehen, warum sie uns helfen wollen. Das respektiere ich. Aber es gibt einen Kompromiss: Egal wo sie sind, sie stellen sich unter tägliche ärztliche Behandlung, mindestens für die nächsten drei Wochen. Ich sende ihre Akte an den Hofarzt des Palastes und sie werden sich bei ihm vorstellen. Und wenn sie Canterlot verlassen, gehen sie zum nächsten Arzt. Und sie vergessen ihre Reha nicht. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?" Sie sah abwechselnd von Rogue zu Fluttershy und wieder zurück.

Bevor der Hengst ihr noch etwas antworten konnte, sprang der Pegasus bereits vor.

"Ich... ich sorge dafür! Machen sie sich keine Sorgen." Sie sah sich mit entschlossenem Gesichtsausdruck nach ihrem Liebsten um.

Heartbeat sah sie noch einen Moment lang streng an. Dann nickte sie zufrieden. "Guten Tag.", verabschiedete sie sich, während sie aus der Tür verschwand.

Rogue sank unter Fluttershys Blick zusammen. "Das kann ja heiter werden...", murmelte er leise.


Es war leicht für Twilight den Weg zum privaten Studierzimmer der beiden Schwestern zu finden. Sie hatte diesen Raum während ihrer Zeit in der Hauptstadt oft aufgesucht und noch viele Male danach, als sie bereits Ponyville ihr Zuhause nannte. Dennoch war es für sie diesmal ein wesentlich schwererer Gang als jemals zuvor.

Sie war nicht überrascht gewesen, als ein Bediensteter ihr die Nachricht überbracht hatte, das Prinzessin Celestia nun bereit wäre sie allein zu empfangen. Die Audienz im Thronsaal hatte viele der dringlichsten Fragen zwischen der Herrrin der Sonne und den Elementen der Harmonie geklärt, aber vieles zwischen Mentorin und Studentin war ungesagt geblieben. Twilight hatte diese Begegnung sowohl herbeigesehnt als auch gefürchtete, seit sie aus dem alten Land zurückgekehrt war. Sehnend, um Celestia endlich wieder einmal allein, privat für sich zu haben, so kurz dieser Augenblick auch sein mochte. Fürchtend, weil es so viel gab, mit dem sie ihr Kummer bereitet hatte.

So fand sie sich, mit stockenden Hufen, als sie sich der letzten Biegung der langen Gänge des Palastes näherte, hinter der die Tür zu ihrer größten Sehnsucht und größten Angst verbarg.

Sie hielt an und atmete tief durch. "Du kannst das Twilight.", flüsterte sie zu sich selbst. "Du kriegst das hin." Aber ihre Knie wollten nicht aufhören zu schlottern.

Es war nicht nur die Angst vor den Vorwürfen und Anklagen, die sie sich womöglich stellen musste. Diese Zweifel waren zum größten Teil bei der Audienz verflogen. Celestia hatte ihr bereits verziehen und sie würde ihr Urteil nicht im Stillen abändern. Ihr Zögern war mehr der Unsicherheit geschuldet, wie sie ihr Vorgehen verteidigen sollte. Sie wusste, das ihre Taten die eine Sache waren, aber ihre Absicht, ihre Gedanken, die diese begründeten, das eigentlich Wichtige. Und da war natürlich noch das andere...

Twilight war so lange glücklich gewesen. Sie hatte die strahlenste, weiseste Mentorin, die ein Einhorn sich nur wünschen konnte. Die sie auf ihren Studien begleitete, die sich Zeit für sie nahm, trotz all der drückenden Termine. Die sanft war und verständnisvoll für all ihre kleinen Macken, wo andere nur befremdlich die Stirn runzelten. Die ihr zuhörte, statt nur zu hören und darauf zu warten, bis sie mit sprechen dran war. Die sie verstand, egal wie weit ihr Geist abschweifte.

Sie war enttäuscht gewesen, als Prinzessin Celestia sie nach Ponyville fortgeschickt hatte, so sehr, das es ihr fast wie ein kleiner Verrat vorgekommen war. Aber als sie ihre Freunde gefunden hatte. verstand sie es. Rainbow Dash, Pinkie Pie, Fluttershy, Rarity und Applejack füllten das, was sie verloren glaubte, mehr als aus.

Aber es blieb doch ein kleines Loch in ihr zurück, das sich sehnte. Das hungerte. Und das nicht durch ihre Freundinnen gestillt werden konnte.

Lange Zeit hatte sie es nicht bemerkt, so klein war es. Aber es war da und es blieb, durch all die Abenteuer und immer wenn sie einen Brief an die Prinzessin schrieb, so wie es ihre Aufgabe war, einen Aufgabe, der sie nur all zu gerne nachkam, spürte sie einen winzigen Nachhall dieser leeren Stelle in ihr, dieses Verlangens nach... mehr.

Es hatte einer Krise bedurft, um es ihr wirklich ins Bewusstsein zu rufen. Eine Krise, die ihre Gedanken, ihr innerstes Selbst auf die elementarsten Bestandteile herunterbrach, unerbittlich und gnadenlos. Eine Krise wie sie sie ihm alten Land erlebt hatte.

Es verwunderte sie nicht, das es nicht sie selbst gewesen war, die die Antwort auf eine der vielen Fragen gefunden hatte, die sie zu dieser Zeit quälten. Twilight hatte viele Stärken, aber Selbstreflexion gehörte nicht dazu. Es war einer ihrer Freunde gewesen, der letztlich für sie ausformuliert hatte, was sie im Innersten schon begriffen, sich aber nie eingestanden hatte: Sie liebte Celestia. Nicht wie eine Studentin ihre Mentorin, oder eine Freundin ihre Vertraute, sondern so sehr eine Stute eine andere Stute nur lieben konnte.

Twilight tat sich schwer darin, es selbst in ihren eigenen Gedanken zu fassen. Sie hatte keine Erfahrung darin, wie es war ein anderes Pony, sei es Hengst oder Stute als ´Sein Besonderes´ zu sehen. Im Nachhinein betrachtet konnte sie einige Avancen erkennen, die während ihrer Studienzeit in ihre Richtung gegangen waren, aber sie hatte sie nie verfolgt, ja gar nicht zu Zeiten als solche erkannt. Sie hatte es lange als etwas betrachtet, das anderen Ponys zustieß, aber nicht ihr. Sie hatte eine vage Vorstellung davon gehabt, das diese Thema etwas war, das in der Zukunft auf sie wartete, ohne daran viel Gedanken oder Hoffnungen zu verschwenden. Dabei hatte es sich bereits seit Langen an sie angeschlichen und sich in ihr eingenistet, ohne das sie etwas davon gemerkt hatte.

Aber nachdem es ihr einmal klar gemacht worden war, konnte sie es nicht mehr von sich weisen: Sie liebte Celestia.

Sie kam sich klein und naiv bei dem Gedanken daran vor. Wie oft mochte die Herrin der Sonne, die bereits tausend Jahre und mehr über Equestria herrschte, in die Verlegenheit gekommen sein, solche Gefühle in ihren Untertanen erweckt zu haben. Wie viele treue Studenten, Hengste wie Stuten waren ihrem Zauber bereits verfallen? Konnte sie diesem überhaupt noch anders als mit sanfter, mitfühlender Belustigung zu begegnen?

Auch wenn Celestia sie liebte, warum auf diese Weise? Und nicht so, wie sie alle ihre kleinen Ponys liebte? Was sollte Twilight Sparkle aus den Jahrhunderten hervorstechen lassen?

Sie ließ ihren Kopf hängen. Nein, sie würde nicht den Mut besitzen, ihre wahren Gefühle zu offenbaren. Es wäre zu schmerzhaft, zu erkennen, das sie niemals erwidert werden würden.

Nach einem langen, glücklosen Moment der Selbsteinkehr hob Twilight ihren Huf, um ihren Weg fortzusetzen.

Eine Tür krachte im Gang vor ihr gegen die Angeln. Die Einhornstute hielt erschreckt inne. Sie konnte nicht sehen, was hinter der Ecke vor sich ging, aber sie hörte laute Stimmen, Stimmen, die ihr wohl vertraut waren.

"Es entzieht sich meinem Verstehens, wie du so etwas von mir verlangen kannst, Schwester!", es war Luna, deren Stimme laut durch die Gänge hallte. "Sie werden dem nie zustimmen, niemals!"

Celestia leiser Mezzospran antwortete ihr ruhig: "Ich werde ihnen keine Wahl lassen. Es gibt nur einen Weg. Siehst du ihn den nicht, Schwester?"

"Ich weigere mich! Hörst du? Ich weigere mich!"

"Luna, bitte, ich..."

Das aufgeregte Schlagen von Flügeln. Dann folgte das trockene Ploppen einer magischen Teleportation.

Twilight wagte einen Blick um die Ecke des Ganges.

Prinzessin Celestia stand allein auf der Schwelle ihres Studierzimmers, den Kopf traurig gesenkt. Ihre herrliche, weiße Gestalt schien seltsam getrübt, so als hätte sich eine Wolke vor das Licht geschoben, das sie normalerweise ausstrahlte. Die Herrin der Sonne hatte ihr Augen geschlossen und ihre schwanengleichen Flügel eng angelegt. "Eines Tages wirst du es verstehen, Luna.", flüsterte sie so leise, das es Twilights gespitzte Ohren gerade noch aufnehmen konnten. "Eines Tages, so hoffe ich."

Dann ruckte ihr Kopf plötzlich nach oben. "Twilight?", fragte sie in den noch leeren Gang hinein. "Bist du das?"

Das violette Einhorn zögerte einen Moment lang, dann trat sie um die Ecke. Sie war nie eine gute Lügnerin gewesen. Ihr Wissen um den gerade statt gefundenen Streit stand ihr aufs Gesicht geschrieben.

"Ähm, ich bin hier, Prinzessin Celestia.", antwortete sie schuldbewusst.

"Gut. Ich habe bereits auf dich gewartet. Warum kommst du nicht herein?" Der Stimme Celestias war rein gar nichts der vorhergegangenen Ereignisse anzumerken. Vielleicht fand Twilight das am beunruhigendsten. Dennoch tat sie wie ihr geheißen und folgte der Einladung.

Das Studierzimmer hatte sich verändert, seit sie es das letzte Mal betreten hatte. Der dominierende Schreibtisch Celestias hatte eine dunkle Schwester geboren, deren hartes, finsteres Holz den helleren Tönen der Meisterarbeit vor dem Glasfenster gegenüberstand. Das sonst so aufgeräumte Büro war ein zu einem Chaos aus Papierstapeln und lose umherliegenden Blättern verkommen, die seltsame Muster auf dem alten Teppich formten. Es schmerzte Twilight etwas den alten Ort der Vertrautheit zwischen ihr und der Prinzessin so entweiht zu sehen, aber sie begriff den tieferen Sinn dahinter.

"Setz dich, Twilight! Schaff dir einfach irgendwo Platz, wo es geht."

Die Einhornstute sah sich einen unschlüssigen Augenblick lang um, dann levitierte sie einen geschlossenen Block aus Akten beiseite und ließ sich auf einem Ort nieder, der in etwa dem entsprach, den sie früher als ihren Stammplatz angesehen hatte. Sie machte es sich etwas bequem, durchaus darüber bewusst, das sie Zeit schindete, etwas, das gar nicht zur ihr passte. Schließlich sah sie vorsichtig zu Prinzessin Celestia auf.

"Ihr... ihr habt mich zu euch rufen lassen?", fragte sie unsicher.

Celestia schob einen Aktenberg beiseite, um sie besser sehen zu können. Als dieses Hindernis aus dem Weg geschafft war, lehnte sie sich bedachtsam zurück, während ihr Blick über das Durcheinander in ihrem Büro streifte.

"Ich entschuldige mich für das Durcheinander, Twilight. Die letzten Tage waren... nicht sehr einfach für uns. Equestria ist ein Königreich, das seit tausend und mehr Jahren wächst. Ich und meine Schwester haben unser Möglichstes getan, es nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Es mag sein, das unsere Gesellschaft in der Hauptsache meinen Stempel trägt und Lulu ihren Part erst seit kurzem beitragen kann, aber ihre Anstrengungen sind dennoch nicht umsonst."

Sie hielt einen Moment inne und atmete tief durch, wie um sich selbst zur Ordnung zu rufen. Als sie ihre Augen wieder öffnete, waren sie klar und frei jedes Zweifels.

"Du weißt, warum ich dich zu mir gerufen habe?"

Twilight senkte ihr Haupt. "Ja. Ich weiß es, eure Majestät."

"Tust du das?"

Twilight sah auf in das strahlende Anglitz des Alicorns, das hoch und herrschaftlich über ihr aufragte. "Ich... ich denke schon.", antwortet sie unsicher.

Celestia sah ihr tief in die violetten Augen, Augen die nur eine Spur dunkler waren als ihre eigenen. Twilight fühlte, wie sie sich wie schon so oft zuvor in diesem Blick verlor, in der reinen, hellen Wärme, die er ausstrahlte, in den Tiefen aus Weisheit und Mitgefühl, die daraus sprachen. Sie fühlte ihre Glieder leicht werden und ihr Herz aufgeregt schlagen, während diese Augen auf ihr ruhten. Sie fühlte Glück in sich aufsteigen, Glück, das von einer ganz anderen, köstlichen Note war, als die Freude, die sie mit ihren Freunden erleben konnte. Ein Glück, das nicht neu für sie war, aber reiner, tiefer, als jemals zuvor. Und sie glaubte zu verstehen, warum.

Ich habe es ihm gesagt, dachte sie. Und nun, da es ausgesprochen worden ist, kann ich es nicht mehr zurücknehmen, nicht einmal vor mir selbst. Ich kann mich nicht mehr selbst belügen.

Sie sah in das Angesicht Prinzessin Celestias, Schwesterregentin über Equestria, ihre Mentorin seit sie ein Fohlen war. Und zum ersten Mal, während sie in ihrer Gegenwart war, während sie vor ihr stand, nicht eine Erinnerung und keine bloße Vorstellung, die leicht von eigener Fantasie getrübt werden konnte, von Wunschträumen und Ängsten verfälscht, sondern wirklich hier, bei ihr war... erlaubte sie sich sich selbst zu denken:

Ich liebe Sie. Ich liebe sie mit jeder Faser meines Herzens und mit jedem Gedanken meines Verstandes. Ich liebe sie. Ich liebe sie.

Und obwohl sie diesen Gedanken nicht zum ersten Mal dachte, war es jetzt, hier, ein Schock für sie. Als hätte sie einer Grenze überschritten, die ihr verboten war. So als wäre es... Häresie.

Celestia beugte sich zu ihr vor, ohne den Blickkontakt zu brechen. Für einen winzigen, unendlich dummen Augenblick erlaubte sich Twilight zu glauben, sie wollte sie küssen, wollte dem verrückten Sturm in ihrem Inneren ein Ende bereiten, wollte sie in die höchsten Himmel erheben und sie erlösen.

Aber die Prinzessin hielt kurz vor ihrem Gesicht inne, gerade so nahe, das die junge Stute sie verstehen konnte, als sie flüsterte: "Warum fürchtest du mich Twilight? Warum?"

In ihrer Stimme lag Trauer und eine Müdigkeit, die Twilight bis ins Herz stach. Es war Enttäuschung darin zu hören und eine winzige Spur Bitterkeit, wie eine verborgene Nadel.

"N-Nein! Ich... ich..." Ihr fehlten die Worte auszudrücken, was in ihr vorging. Sie suchte verzweifelt dannach, aber was heraus kam, war nur betretenes Schweigen, das Celestias Frage nur zu bestätigen schien.

Und es war zu einem Teil wahr. Twilight fürchtete sich tatsächlich vor ihr. Aber diese Furcht ging tiefer, als die Regentin es wahrscheinlich wissen mochte. Celestia würde sie nicht verstoßen, soviel hatte sie im Thronsaal klar gemacht. Twilight fürchtete sich nicht vor Schelte oder Maßregelung. All das würde sie schmerzen, sie beschämen. Aber es würde sie nicht brechen, das wusste sie. Aber diese Bitterkeit, die Enttäuschung...

Rogue hatte gesagt, das jemanden zu lieben bedeute, ihm den Schlüssel zu seinem Herzen anzuvertrauen. Ihm die Macht zu verleihen darin ein und aus zu gehen und damit zu tun oder zu lassen, was ihnen beliebte. Manchmal wussten diese Ponys nicht, wie tief sie einem unter die Haut gingen und welches Durcheinander sie dort anstellen konnten.

Twilight fürchtete sich vor dem Chaos. das Celestia in ihrem Herzen anrichten konnte, ohne davon zu wissen. Weil sie das falsche tat, das falsche sagte... ohne etwas davon zu wissen, ohne es zu beabsichtigen. Weil sie, Twilight, es ihr nicht sagen konnte. Sie konnte es nicht. Nicht hier. Nicht heute.

Sie fühlte, wie sie unter dem Blick des Alicorns zu zittern begonnen hatte, so sehr sie sich auch danach gesehnt hatte. Sie versuchte mit aller Macht es zu unterdrücken. Aber es gelang ihr nicht.

"Twilight..." Sie fühlte die sanfte Berührung eines Hufes, der ihr über den Kopf strich. Die Berührung war zart und warm. Sie verhieß Tröstung. Erlösung. Alles vonach sich die junge Stute sehnte.

Sie fühlte die Nähe der Prinzessin, die weiße Wärme die von ihr ausging. Sie wollte sich diesem Gefühl ergeben, wollte darin eintauchen, sich darin verlieren, bis nichts mehr von ihr übrig blieb. Bis Trauer und Schuld von dem Licht und der Wärme hinfortgetragen wurden. Sie wollte sich darin versenken, sich einrollen wie ein Fohlen, dass...

Wie ein Fohlen.

Aber sie war kein Fohlen mehr.

Sie hatte ihr Schicksal in die eigenen Hufe genommen. Es war hart gewesen, ein schwerer, schmerzhafter Gang. Denn sie war kein Fohlen mehr.

Sie war dafür eingetreten, woran sie glaubte. Sie hatte Fehler gemacht, Opfer gebracht und sie bedauert. Denn sie war kein Fohlen mehr.

Sie hatte Entscheidungen getroffen. Es mochten nicht die Besten gewesen sein, aber es waren ihre eigenen gewesen. Und es waren die, mit denen sie Leben musste. Die Sie zu verantworten hatte. Denn sie war kein Fohlen mehr.

Deshalb konnte sie der verlockenden Wärme, der einfachen Vergebung nicht nachgeben. Es tat weh, es tat so sehr weh sich diese Erlösung zu versagen, sich selbst, aber viel mehr ihr, ihrer Prinzessin, Celestia, der Wunderschönen, der Herrlichen, die... die nicht ihre Mutter war.

Sie war nicht ihre Mutter.

Twilight öffnete ihr Augen.

Celestias Gesicht war dem ihren noch immer so nahe, das nur ein Hufbreit ihre Lippen voneinander trennten.

Und dann öffnete Twilight ihre Augen noch ein weiteres Mal. Und zum ersten Mal sah Twilight ihre Prinzessin. sah sie wirklich.

Celestia war noch immer schön, schöner als jede Stute in jedem Magazin für Mode, Trends oder Hengste, das Twilight jemals gesehen hatte. Der Anblick des Alicorns war ihr vertraut, fast so weit sie denken konnte. Ihr Glanz und ihre Wärme blieben, aber sie nahm sie jetzt anders wahr. Das Strahlen war verblasst, so als hätte sie die Augen zusammengekniffen um dahinter zu blicken.

Die weiße Stute wirkte müde, ausgelaugt. Eine leichte Dunkelheit hatte sich unter ihre Augen gelegt, als hätte sie zu wenig Schlaf gehabt. Ihre ätherische Mähne wellte sich noch immer in einem unsichtbaren Wind, aber sie wirkte schlaff und weniger glänzend als Twilight sie in Erinnerung hatte. Winzige Fältchen umgaben ihre Augen und gaben eine Ahnung von dem, was sie in ihrem langen, langen Leben bereits gesehen hatte. Sie war... körperlicher geworden, greifbarer. Mehr wirklicher.

Es war ein Erwachen für Twilight. Ein Erwachen aus einem Traum, in dessen Fängen sie sich lange genug erlaubt hatte zu verweilen.

Celestia war nicht ihre Mutter, so sehr sie sich dies auch auf seltsame und komplizierte Art und Weise gewünscht hatte. Sie liebte ihre leibliche Mutter Twilight Velvet von ganzem Herzen und ohne jede Reue. Aber die Wahrheit war, das Twilight seit jüngsten Tagen unter den Fittichen Celestias herangewachsen war. Eines Ponys, das ihr alles gab was ihr auch ihre Mutter gab: Verständnis, Mitgefühl, Liebe und Zuneigung. Aber auch etwas mehr, das Velvet niemals geben konnte: eine Herausforderung, die jedes Wissen und Maß eines normalen Ponys überstieg. Twilight war daran gewachsen, weiter als sie es unter ihrer Mutter jemals gekonnt hatte. Weiter... als sich selbst ihre Mentorin es sich hätte erträumen lassen. Lange hatte dies kein Problem für Twilight bedeutet. Sie hatte einfach zwei Mütter und einen Vater gehabt. Aber das dem war nicht mehr so.

Sie war kein Fohlen mehr.

Sie konnte jetzt unterscheiden zwischen der der Liebe zu ihrer Mutter Twilight Velvet und zu ihrer Liebe zu Prinzessin Celestia. Und das eine war nicht das andere. Sie hatte lange genug gezögert sich das einzugestehen.

Und sie verstand, wenn sie wollte, das Celestia sie so liebte, wie sie selbst es nun tat, musste diese sie auch so sehen, wie sie es jetzt tat. Musste Celestia Twilight sehen... mit dem zweiten Auge. Nicht als Fohlen, das einfach groß geworden war, nicht als eines ihrer kleinen Ponys. Sie musste sie so sehen, wie sie war, jenseits der geisterhaften Maske, die lange Vertrautheit und Intimität über ihre Studentin gelegt hatte. Hinter den Glamour mit dem der Verstand sich umgab, zum Schutz, aus Gewohnheit und den tausend anderen Dingen, die ein Pony sehen ließen, was es wollte, anstatt dessen, was die Wirklichkeit war.

Sie hob ihren Kopf und blickte Celestia an, ohne Furcht diesmal, nur mit einer Entschlossenheit die sie nicht verspürt hatte, seit sie ihren Huf über die Schwelle gesetzt hatte.

"Ich bin hier, Eure Majestät. Verfügt über mich."

Das Alicorn sah sie einen Moment lang überrascht an, dann nickte es langsam. "Gut. Gut. Twilight, du weißt, das ist keine Inquisition. Du hast deine Standpunkte bereits nachvollziehbar dargelegt und wir haben dich von jeder direkter Schuld frei gesprochen, was die Vorgänge im alten Land anbelangt. Aber ich möchte dir dennoch die Gelegenheit geben, hier und jetzt darüber zu reden, privat und unter uns. Ich unterstelle dir nicht, das du etwas willentlich ausgelassen hast oder böswillig verschwiegen." Celestia seufzte schwer, lächelte aber dann freundlich. "Ich weiß, das es nicht immer leicht ist, alles auszusprechen und manchmal vergessen wir etwas wichtiges, das uns erst hinterher einfällt. Manchmal möchten wir uns gewisse Schwächen nicht vor anderen eingestehen. So sehr wir auch anders wollen, gibt es Dinge, die wir in uns selbst verbergen. Was wir hier zueinander sagen, wird in diesem Raum bleiben. Zwischen uns." Sie schwieg einen Augenblick lang. "Und um es dir leichter zu machen, werde ich beginnen."

Celestia stand auf und ging zum Fenster hinter ihrem Schreibtisch. Das helle, gelbe Sonnenlicht tauchte ihre Gestalt in ein märchenhaftes, unwirkliches Licht. Twilight spürte, wie ihre vertrauten, eingefahrenen Gedankenmuster sich wieder in ihre Wahrnehmung stehlen wollten, aber sie hielt eisern an ihren Erkenntnissen fest. Celestia war ein Pony, aus Fleisch und Blut wie sie. Und auch wenn es vieles gab, das sie unterschied, durfte sie das nicht wieder vergessen.

"Ich war sehr enttäuscht von dir, als ich hörte, das du ohne meine Zustimmung und sogar gegen meinen ausdrücklichen Willen aufgebrochen bist." Ihre Stimme klang nachdenklich, aber auch verletzt. Twilight ließ ihren Kopf sinken, als sie dies hörte. "Bitte verstehe, das ich nichts anderes im Sinn hatte, als dir etwas Abstand vor dem zu gewähren, das im Zaubererturm geschehen ist. Es war niemals als Bestrafung gedacht, oder als ein Zeichen dafür, das ich dir misstraue."

Celestia wandte ihren Kopf zu der Einhornstute. "Wir alle machen Fehler Twilight. Selbst ich. Mein Fehler war es, anzunehmen, das du dich einfach so meinem Befehl beugen würdest. Ich habe vergessen, welches Bedürfnis es dir ist, mir und allen anderen Ponys des Reiches zu helfen." Sie schwieg einen Moment lang. "Dein Fehler war es, meine Entscheidung in Frage zu stellen. Dich über meinen Entscheidung hinweg zu setzen."

Die Worte der Prinzessin hingen in dem Gemach nach, wie ein Fallbeil, das zitternd drohte hernieder zu fallen. Aber als sie fortfuhr, war ihre Stimme weich und ohne Vorwurf.

"Wir alle machen Fehler Twilight. Jeder Held, jeder Bösewicht, jedes Pony und jedes Alicorn, niemand ist ausgenommen. Wie wir damit umgehen, entscheidet, was wir sind. Und manchmal ist selbst das nur eine Frage des Standpunktes. Du hast das alles bereits durchgemacht, alles bereits durchdacht, das weiß ich. Sonst wärst du nicht hier. Die einzige Frage, die ich an dich habe, die einzige Frage, die wirklich zählt, ist: Bereust du es?"

"Nein!" Die Antwort drang in Twilight hoch, ohne das sie sie selbst in Frage stellen konnte. Einen Moment lang war sie selbst verwirrt darüber. Dann fasste sie sich den Mut. "Aber... das ist nicht alles!" Sie rang einen Moment lang mit sich selbst bevor sie fortfuhr. "Es geht nicht darum, ob ich es bereue..."

Celestia hob ihre Augenbraue. "Was noch?", fragte sie neugierig, aber nicht überrascht. "Was ist noch wichtig, Twilight?"

Die junge Stute zögerte, fuhr aber langsam fort. "Bereuen würde bedeuten, das ich eine Alternative gehabt hätte... einen... anderen Weg. Einen Besseren..."

"Hattest du den?", fragte Celestia.

"Nein! Ja!...ich... ich weiß es nicht!"

"Du weißt es nicht? Was würdest du jetzt tun? Wenn du noch einmal an dieser Stelle stehen würdest?"

Twilight presste sich einen Huf gegen die Stirn. Das war, wovor sie sich gefürchtet hatte: Celestias Frage war freundlich gestellt worden, aber es lag eine Dringlichkeit darin versteckt, das nach ihrer Antwort drängte. Was sollte sie antworten? Welche Antwort war die richtige? Was erwartete Celestia von ihr?

Sie hatte sich den Kopf unzählige Male darüber zermartert, was sie hätte anders, besser hätte machen können. Es war diese Frage, die sie fast jeden wachen Moment beschäftigte, seit sie wieder nach Canterlot zurückgekehrt waren. In ihrem Kopf breiteten sich unzählige Szenarien aus, in denen sie dies getan und anderes gelassen hatte. Es gab vieles, das sie wirklich bereute. Fehler die eben diese waren, offensichtlich und bedauerlich. Ihr Verhalten gegenüber ihren Freunden, ihr Umgang mit Rogue. Mit Strawberry. Sie hatte diese Fehler begangen und dafür gebüßt. Und daraus gelernt. Sie tat es noch immer. Das Rettungspony zahlte noch immer für ihrer Verfehlungen. Und niemand konnte sagen, was es ihm am Ende kosten würde.

Doch so schrecklich das war, es verblasste doch vor dem Schicksal des Volkes, über das sie entschieden hatte. Die Changelinge waren ihre Feinde gewesen, fremd und fremdartig, zu verschieden von ihnen, als das es leicht war, Mitgefühl mit ihnen zu empfinden. Twilight hatte Hass gegen sie empfunden, dafür, das sie über Equestria hergefallen waren, ohne Provokation, das sie ihr fast alles genommen hatten, was sie für wichtig und gut erachtete. Dafür, das sie gegen alles sprachen, wofür sie und die Prinzessinnen standen. Dafür, das sie Celestia weh getan hatten. Das sie sie fast besiegt hatten. Dafür, das sie in Twilight etwas zerstört hatten, das ihr so wichtig und teuer war und von dem sie bis dahin nicht einmal wusste, wie sehr sie es gebraucht hatte: Der unbedingte, unerschütterliche Glaube daran, das Celestia unbesiegbar war.

Über dieses Volk, das ihr so viel genommen hatte, das sie lange keine Worte, ja nicht einmal klare Gedanken dafür gehabt hatte; das sie um etwas betrogen hatte, das sie weder mit Hufen noch mit ihrem genialen Verstand zu fassen im Stande war; hatte sie ihr Urteil fällen müssen. Und sie hatte es getan. Sie hatte die Changelinge zu einem Leben in Knechtschaft verdammt, der Willkür von Ponys ausgeliefert, die fast ebenso fremd und unverständlich für Twilight waren, wie die Wechselbälger selbst.

Es gab keinen Platz für falsche Hoffnung oder romantische Träume in diesem Bild. Celestia hatte jeden Zweifel darüber ausgeräumt, sollte er jemals in Twilight bestanden haben. Equestria würde nicht für die Changelinge in den Krieg ziehen. Twilights Entscheidung war endgültig gewesen.

So blieb nur eines übrig: Wie Rogue es gesagt hatte, musste sie mit den Folgen ihrer Taten leben. Er hatte letztlich ausgesprochen, was sie im Inneren schon wusste, sich aber lange nicht hatte eingestehen wollen. Es war egal, was Celestia von ihr erwartete. Das war kein Lehrstück oder Test gewesen. Es war, einzig und allein, Twilights Entscheidung gewesen.

"Ja." Nur ein Wort. Ein Wort war genug.

Prinzessin Celestia nickte, langsam und verständnisvoll. Twilight wollte nicht, konnte aber nicht anders, als sich über diese Geste zu ärgern. Sie wirkte gönnerhaft, überheblich. Nicht im Mindesten dem angemessen, was diese Antwort ihr selbst bedeutete. Aber sie schwieg. Oder sie wollte es, bis die Worte, die in ihr aufdrängten, ungewollt über ihre Lippen sprangen.

"Wie hättet ihr besser handeln können?"

Das violette Einhorn war erschrocken über ihre eigene Kühnheit. Ihre Frage war forsch und von nicht wenig Bitterkeit erfüllt gewesen. Aber sie schluckte eine Entschuldigung herunter und wartete statt dessen angespannt auf eine Antwort.

Celestia betrachtete sie lange aus ihren großen, klaren Augen. Twilight wollte unter diesem Blick zusammenschrumpfen, aber sie riss sich zusammen und erwiderte ihn stoisch.

"Das ist nicht so einfach, Twilight." Celestia´s Gesicht war starr, wie eine Maske, vielleicht sogar selbst ein wenig erschreckt.

Das violette Einhorn schluckte, hielt aber an ihrer Frage fest. Es kostete sie nicht wenig Überwindung, das zu tun.

"Ich... ich glaube, ich verdiene eine Antwort."

Die Prinzessin nickte, langsam und traurig.

"Ich lebe länger als jedes andere Pony auf Equia. Ein Jahrhundert ist für meine kleinen Ponys ein ganzes Leben. Ein Jahrtausend... das sind nur Worte für euch. Ich lebe schon so lange und länger. Ich habe so viel gesehen... so viel erfahren... ich kenne Tyrannen und Heilige, ich habe an der Seite von Legenden gestanden, deren Namen nur noch Staub im Wind sind. Ich habe die abgrundtiefe Dunkelheit gesehen, die wir alle im Herzen tragen, genau wie das strahlenste Licht, das aus ihnen erwachsen kann. Es gibt nur wenige Geheimnisse, die sich mir verschließen." Sie schwieg einen Augenblick, bevor sie fortfuhr. "Du verlangst, das ich mich mit dir vergleiche. Aber ebenso gut könnte eine Pfütze fragen, warum es nicht so wie das Meer sein kann. Ich kann dir keine Antwort darauf geben, die dich zufrieden stellen würde. Dies ist die Art, wie diese Welt gestrickt ist. Und weder du noch ich können dem entkommen." Sie sah auf. "Du darfst dich nicht an mir messen, Twilight. Das wäre nicht fair, niemals. Du kannst sein, was ich niemals werden kann. Aber wenn du nur nach dem strebst, was ich bin, wirst du niemals über das hinauswachen, was du jetzt bist."

Und obwohl diese Worte sanft gesprochen worden waren, in dem selben, liebevollem Tonfall den Celestia immer für ihre treue Studentin übrig hatte, brachen sie Twilights Herz.

Die Einhornstute konnte es fühlen. Es war eine Taubheit, die sich in ihr ausbreitete, so kalt und betäubend, das es alles andere verdrängte. Sie spürte keinen Schmerz, auch wenn sie wusste, das dieser sich später einstellen würde. Es war ein wenig wie damals, als Rogue sie mit einem Schlag ausgeknockt hatte, im Dorf der Stammespony. In ihren Ohren erhob sich ein helles Summen, das es schwierig machte zu denken, oder auch nur die weiteren Worte der Prinzessin zu verstehen.

Sie war eine Pfütze, Celestia war der Ozean. In dem Teil ihres Verstandes, der noch in der Lage war zu arbeiten, musste sie über diesen Vergleich lachen. Ein bitteres, freudloses Lachen. Der letzte Schleier war gefallen. Die letzten Illusionen lösten sich in Rauch auf.

Sie war dumm gewesen, ihnen so lange nach zu hängen. Es war dumm gewesen, so viel zu vermuten, zu glauben, zu hoffen.

Twilight hatte immer gewusst, das sich ein Graben zwischen ihr und Celestia befand. Aber sie hatte geglaubt, das dieser Abstand überwindbar war, wenn nicht in Macht oder Erfahrung, dann zumindest in Respekt und Anerkennung. Und... vielleicht... in Liebe. Für einen Moment, für ein paar kurze, kostbare Augenblicke hatte sie geglaubt, das sie es wett machen könnte... mit genügend Anstrengung... mit genügend Willen und Entschlossenheit...

Die Pfütze träumte davon, wie der Ozean zu werden.

Sie verstand es nun. Sie würde niemals so weit kommen, das Celestia auch nur in Erwägung ziehen würde sie auf welchem Gebiet auch immer als gleichberechtigt anzusehen. Sie würde für das Millennien alte Alicorn niemals mehr sein als ihr kleines Pony, ihre treue Studentin. Wie eine Pfütze für den Ozean.

Ein Fohlen.

Twilight schluckte die Tränen hinunter, die in ihr hochstiegen. Sie hatte sich nie geschämt, vor der Prinzessin zu weinen, aber nun tat sie es.

"Ich... Ich verstehe.", krächzte sie und hasste sich im selben Augenblick dafür wie ihre Stimme bei diesem Satz brach. Sie schämte sich dafür.

"E-es tut mir leid.", stieß sie hervor und sprang auf ihre Hufe.

"Twilight! Bitte warte, ich..." begann die Herrscherin, aber die Einhornstute fuhr dazwischen, aufgeregt und verwirrt.

"Nein!", rief sie laut aus und als sie selbst vor ihrem Ton erschreckte, etwas leiser. "Nein. Es tut mir leid, eure Majestät, aber ich... ich muss..." Twilight fuhr herum, riss die Tür auf und stürmte hinaus.

Celestia streckte ihren Huf aus, der fliehenden Stute hinterher. "Twilight...", rief sie noch, während die schwere Flügeltür ins Schloss fiel.

"...bitte...", flüsterte die Herrin der Sonne leise, obwohl sie wusste, das es vergebens war.

Sie blieb allein zurück in ihrem Studierzimmer. Langsam lies sie ihren Huf sinken, müde und ausgelaugt, genau so wie ihren Kopf, von dem die ätherische Mähne schlaff und traurig zu Boden wallte. Die Stille des verlassenen Arbeitszimmers senkte sich auf das Alicorn herab, den Ort an dem sie so viel Freude mit den Ponys geteilt hatte, die ihr so sehr am Herzen lagen. Und an dem sie beiden so weh getan hatte.

Jetzt, allein, flüsterte sie beiden zu, was sie nicht hören würden, aber was sie ihnen dennoch sagen wollte, von ganzem Herzen; Twilight und Luna.

"Es tut mir leid."

Was für ein lächerlicher Satz. Aber es war alles, was vom Tage übrig blieb, alles was sie noch sagen konnte, auch wenn es nichts mehr half, wenn es nichts mehr besser machen konnte. Nur diese Worte.

"Es tut mir leid."


"Au! Au! Rarity! Du brauchst es nicht gleich an mir festzunähen! Der Ball ist erst morgen Abend!"

Die weiße Stute seufzte frustriert und zupfte mit ihrer Magie den Stoff wieder zurecht. „Ich nähe noch gar nicht, ich stecke hier nur ab. Wenn du nicht so herumhampeln würdest, würde ich dich auch nicht stechen. Und jetzt halt still, ich bin gleich fertig."

Rogue tat sein Möglichstes, um ihr zu gehorchen. Aber der steife Kragen, den Rarity ihm angesteckt hatte, kniff in seinen Hals und vom langen Stehen schmerzte seine Wunde unter dem Verband an seiner Flanke. Er riss sich zusammen und versuchte an etwas schönes zu denken, um sich von seinen Wehwechen abzulenken.

Fluttershy, die aufmerksam neben ihnen stand, räusperte sich leise. "V-vielleicht sollten wir eine Pause einlegen, Rarity. Du weißt, das er noch nicht ganz genesen ist und er sollte sein Bein nicht so lange belasten..."

"Ich bin gleich fertig.", antwortete ihr das weiße Einhorn konzentriert während sie mit Kreide die letzten Maße nahm.

Fluttershy sah besorgt zu Rogue, der ihr tapfer zulächelte. Rarity hatte ihn praktisch von dem Augenblick in Beschlag genommen, seit er aus dem Universitätsklinikum in den Palast gekommen war. Es war gerade noch Zeit genug gewesen, sich Scarab Beetle, dem ältlichen, aber auf raue und direkte Art fähig erscheinenden Hofarzt des Palastes und der königlichen Garde vorzustellen, bevor er in das improvisierte Atelier der Fashionista gezerrt worden war. Seit dem hatte ihn Rarity in ein Korsett aus steifen Leinen gezwängt, das mit jedem ihrer Stiche enger zu werden schien.

Gleichzeitig konnte er jedoch ihre Fortschritte in dem großen, dreiteiligen Spiegel beobachten, der vor ihm aufgestellt war. Rogues Ausgehuniform, die er bisher nur zu den seltensten Anlässen getragen hatte, war in dunklem Blau gehalten und eine einfache Jacke mit Aufschlägen gewesen, gekrönt von einer Schirmmütze, die die dumme Angewohnheit hatte über seine Ohren zu rutschen.

Raritys Geiste war dagegen ein eng geschnittener weißer Blazer mit Stehkragen entsprungen, der seine nun wesentlich schlankere Form betonte und die Brust hervorhob, auf der sich seine Leistungsabzeichen wie Orden präsentierten. Es sah einfach... schnittig aus, geradlinig und sauber, so das selbst sein Verband um die Flanke mehr wie eine Auszeichnung wirkte als eine Verletzung. Zu letzt hatte er noch einen Termin beim Coiffeur, der seine etwas in die Länge geratene Mähne stutzen sollte, um das Bild abzurunden.

Rarity zog den letzten Strich und befreite ihn aus dem Entwurf der Uniform. Er schüttelte sich, um seine Mähne in Ordnung zu bringen und verzog leicht das Gesicht, als sich der Schmerz in seiner Flanke noch einmal meldete.

"Alles in Ordnung?", fragte ihn Fluttershy besorgt und er nickte ihr beruhigend zu. Er hatte noch immer mit Unannehmlichkeiten zu kämpfen, aber in Anbetracht des Vergangenen hielt es sich in Grenzen. Er hatte akzeptiert, das er noch eine Weile auf sich aufpassen musste und das der Schmerz nicht so leicht vergehen würde. Aber er fühlte, das dies nur vorübergehend war. Und auch wenn er sich dessen nicht sicher sein konnte, war es eine große Erleichterung für ihn.

Sie alle sahen auf, als es an der Tür klopfte. Rarity verstaute die geänderten Schnittteile in einer Mappe und rief schließlich laut "Herein!"

Rogues Mutter schob ihren Kopf zur Tür hinein. "Stören wir?", fragte sie vorsichtig.

Das Rettungspony lächelte glücklich und schüttelte seinen Kopf. "Nein, natürlich nicht. Kommt herein!"

Apple Flavor, gefolgt von ihrem Ehehengst, Steam Runner, traten zögerlich in den Raum. Sie sahen sich kurz um, bevor sie ihre Aufmerksamkeit auf ihren Sohn richteten.

"Wir haben gerade erfahren, das du in den Palast gekommen bist. Warum hast du uns nicht Bescheid gegeben?", fragte ihn seine Mutter.

Ein kurzer Stich der Schuld ging durch Rogues Brust. "Ich... also, ich habe das ganz vergessen. Tut mir leid. Es gibt einfach so viel zu tun..." Er ließ den Satz hilflos ausklingen.

Seinen Mutter runzelte die Stirn. "Rogue, wir machen uns Sorgen um dich. Wir wissen das du viel zu tun hast..." Sie blickte etwas unsicher zwischen Fluttershy und Rarity hin und her. "...aber das ändert nichts daran, das wir deine Eltern sind. Halte uns bitte auf dem Laufenden, okay? Wir haben nicht einmal gewusst, das du in den Palast kommst. Wir wollten gerade zum Klinikum aufbrechen, als wir hörten, das du hierher gekommen bist."

Rogue blickte betreten auf seine Hufe. "Tut mir leid.", begann er kläglich. "Ich habe es aus den Augen verloren."

Seine Mutter betrachtete ihn noch einen Moment lang mit einer Mine, die halb aus Vorwurf, halb aus Sorge bestand, dann trat sein Vater neben sie und beschwichtigte sie mit einem kleinen Kuss auf die Wange. "Sei nicht so streng mit ihm, Flavor. Unser Sohn hat seine Pflicht zu erfüllen. Wir sollten ihm dabei nicht im Weg stehen."

Die Stute nickte tapfer, aber man konnte ihr am Gesicht ablesen, das sie alles andere als glücklich war. "Ja. Ja, da hast du wahrscheinlich recht." Sie sah wieder zu Rogue. "Wir sind selbstverständlich immer für dich da, wenn du uns brauchst."

Für einen Moment senkte sich Schweigen über die Ponys in dem improvisierten Atelier. Rarity hatte den Anstand besessen sich an ihren Entwurftisch zurückzuziehen. Nach ein paar betretenen Sekunden stubste Steam Runner seine Ehestute sanft an.

"Oh! Das hätte ich fast vergessen!" Apple Flavor blühte plötzlich auf und ihre Betrübnis wurde durch ein Lächeln fortgewischt, das ihre vorherige, gedrückte Stimmung Lügen straffte. "Der Grund, warum wir euch beide aufsuchen wollte, war, das wir euch zu einem kleinen Brunch einladen wollten." Sie sah mit einem warmen, einladenden Lächeln zu Fluttershy. "Nur wir vier, hier im Palastgarten. Prinzessin Celestia war so freundlich uns die Erlaubnis zu erteilen und es würde keine Umstände bereiten, sagte sie. Wir können uns in die Sonne legen, etwas Gutes essen und ein wenig plaudern. Ich... wir sind einfach ein wenig neugierig. Wir wollen etwas mehr über das Pony erfahren, das Rogue... nun, das so besonders für ihn geworden ist."

Fluttershy errötete tief und sah verlegen auf ihre Hufe, nickte dann aber leicht. "Ja, sehr gerne."

Apple Flavor lächelte zufrieden. Sie ging auf Fluttershy zu und hackte sie resolut unter, ohne auf die Überraschung der kanariengelben Stute zu achten. "Also gut, Rogue: Du machst hier fertig, was zu tun ist und wir treffen uns im westlichen Garten." Damit drehte sie sich um und schleifte die vor Schreck erstarrte Fluttershy hinter sich her aus der Tür.

"Wa... Wartet!, rief Rogue ihnen noch hinterher. Sein Vater warf seinem Sohn noch einen beruhigenden Blick zu, dann schloss er das Portal hinter sich. Das Rettungspony beeilte sich ihnen hinterher zu humpeln.

Er kam nicht weit. Eine Stoffbahn aus karmesinroter Seide schlang sich um ihn und fing ihn ein wie ein Lasso.

"Nicht so schnell.", flötete Rarity hinter ihm, mit nicht wenig Schalk in ihrer Stimme. Er versuchte erfolglos sich aus den geschmeidigen Bahnen von Stoff zu befreien. "Aber ich muss... sie hat keine Ahnung, was..."

Rarity zerrte ihn zurück auf seinen Platz zwischen den Spiegeln. Ihre Magie drehte die Seide so, das sie sich direkt in die Augen blickten. Sanft legte sie ihm einen Huf auf die Lippen. "Shhh. Selbst du solltes inzwischen bemerkt haben, das Fluttershy sich mehr zu behaupten weiß, als man ihr auf den ersten Blick ansieht." Sie schwieg einen Augenblick lang. "Vielleicht gerade du." Sie sah ihn einige Momente lang forschend an, dann schüttelte sie ungläubig und, zu seiner Überraschung, ein wenig resigniert den Kopf. "Nun, ich bin die letzte, die sich darüber wundern sollte, wohin die Liebe fällt."

Die Stoffbahnen, die ihn hielten, lockerten sich und er glitt zu Boden. Die Fashionista ließ Garnrolle, Nadel und Schere neben sich schweben und blickte prüfend auf den Hengst zu ihren Hufen.

Rogue warf einen letzten Blick auf die geschlossene Tür hinter sich, dann stand er auf und straffte seine Gestalt. Rarity hatte recht. Seine Mutter konnte schrecklich sein, wenn es um seine... weiblichen Bekanntschaften ging, aber Fluttershy sah sich nichts gegenüber, mit dem sie nicht fertig werden würde. Er wünschte sich nur, er konnte bei ihr sein und das ganze etwas... sanfter gestalten.

"Bringen wir es hinter uns.", sagte er tapfer.

Rarity schnippte zweimal bestätigend mit der Schere. "Je weniger du dich bewegst, umso schneller geht es."

Der graue Hengst nickte nur und schloss seine Augen. Er fühlte, wie sich der Stoff wieder um seinen Körper legte, leichter diesmal und mit der fließenden Eleganz, die nur echte Seide zustande brachte. Er spürte das Zupfen der Magie hier und dort an seinem Körper, sanft und unaufdringlich. Die Seide war wie eine weiches, kühles Kissen auf ihm, das sich an sein Fell schmiegte, wie ein willkommener Windhauch, der durch das stickige Zimmer ging. Er bemerkte, wie er sich entspannte, auch wenn seine Gedanken nicht von dem Bild lassen wollte, wie eine zunehmend eingeschüchterte Fluttershy sich vor den immer drängenderen Fragen seiner Mutter hinter ihre Mähne flüchtete. Er wusste, er tat beiden damit Unrecht. Aber ganz konnte er diese Vorstellung nicht verscheuchen.

"Wenn du mich fragst..." Er fuhr zusammen, als Rarity ihm so nah in sein Ohr flüsterte, das er ihren Atem in den empfindlichen Haaren darin fühlen konnte. "...ihr beide gebt ein wundervolles Paar ab. Lass dir von niemanden etwas anderes einreden, Darling."

Er widerstand dem Drang, seinen Kopf zu wenden, um sie überrascht anzusehen. Statt dessen nickte er nur stumm. Was hätte er schon darauf antworten können? Er stand weiterhin still, während Rarity ihre ganz besondere Art von Magie an ihm wirkte, mit flinkem Faden und schneller Schere. Aber dennoch beruhigten ihn ihre Worte mehr als alles andere.


Es war nur ein kurzer Weg bis zu den westlichen Gärten und die Entfernung war nichts, was Rogue außer Atem brachte.

Es waren die Treppen.

Der Palast war für vieles gemacht worden, aber nicht für ein Pony mit eingeschränkter Bewegungsfähigkeit. Die vielen Fluchten, Flügel und Anbauten verbanden sich scheinbar immer über ein gutes Dutzend glatt polierter Stufen miteinander und wollten kein Ende nehmen. Der Palast war nicht dafür gemacht worden schnell irgendwo hin zu kommen, sondern den Weg dahin... herrschaftlich und subtil einschüchternd zu gestalten. Er war sehr gut darin, aber das Rettungspony hatte dafür gerade keinen Sinn. Es war eine Pein für Rogue und wenig mehr, auch wenn er auf seinem Weg in den Garten herrliche Mosaikfenster von den wichtigsten Momenten in der Geschichte des Reiches passierte und die kostbarsten Wandbehänge hinter sich ließ, die die Meister dieser Kunst jemals hergestellt hatten.

Als seine Hufe schließlich auf das ebenmäßige Kopfsteinplaster der vielen Pfade traten, die die Gärten um den Palast durchzogen, atmete er erleichtert auf.

Dieser Teil des Gartens grenzte an die steil aufragende Felswand des Gebirges an, an dessen Flanke sich Canterlot schmiegte. Ein klarer Wasserfall, noch immer üppig gespeist vom Wasser weit höher liegender Gletscher, strömte über die Mauer und speiste einen sanft murmelnden Bach, der sich durch die sorgsam gestaltete Landschaft zog. Ein Schimmer aus Regenbogenfarben erglühte im Licht der gleißenden Sonne, wo die feinen Tropfen sich im Fall verstreuten und die Luft des heißen Tages abkühlten.

Der Garten des königlichen Palastes war noch immer so grün und üppig, so wie es Rogue aus seiner ersten Zeit aus Ponyville kannte oder davor. aus dem Central Park in Manehattan. Es fehlte das blonde Gelb des Spätsommers und der Dürre, die im alten Land bereits die Ebenen gefärbt hatte. Hier schwebten farbenfrohe Schmetterlinge unbetrübt durch die Luft und der Gesang der Zikaden war nur ein leises Zirpen im Hintergrund, während Vögel zwischen den Zweigen der Bäume flogen und ihr Gezwitscher fröhlich durch die Lüfte trugen.

Zuerst wusste er nicht, wohin er sich wenden sollte. Nach kurzen Nachdenken folgte er dem melodischten Gesang in eine etwas versteckte Ecke des Parks, verborgen hinter ein paar Hibiskus-Sträuchern. deren Blüten in voller Pracht standen.

Die schon puritanisch anmutend weiß-rot gemusterte Picknickdecke war auf der Freifläche vor einem kleinen Wasserbassin ausgebreitet worden. Ein kleiner Weidenkorb stand darauf, fast nur um das Bild zu vervollständigen. Davor stand ein großes Silbertablett mit perfekt zugeschnittenen Sandwichhälften, aufgetürmt zu einer kleine Pyramide. Eine kristallene Kanne, auf der Kondenswasser glitzerte, war daneben aufgestellt, samt eines Turmes aus ineinander gesteckten Gläsern, sowie sorgsam gestapelter Teller. Es war ein Bild wie aus einem Traum, oder vielmehr aus einem Werbekatalog entsprungen. Die einzige Überraschung war der Kugelgrill etwas abseits des Ensembles, an der sein Vater stand. Fluttershy und seine Mutter waren ein Stück entfernt, auf einer der kleine Halbinseln, die der Bach formte, scheinbar ins Gespräch vertieft.

Rogue humpelt noch immer etwas wund von den vielen Stufen näher, bis sein Vater ihn bemerkte.

Der ältere graue Hengst ließ von dem brutzelnden Gemüse und Heuburgern ab und winkte ihn zu sich. Rogue warf noch einen letzten Blick auf den kanariengelbe Pegasus, die mit seiner Mutter unter einer der großen Ulmen am Bachrand stand, dann gesellte er sich zu seinem alten Herren an den Grill.

"Hey, Rogue!"

Die Begrüßung seines Vaters war wie immer etwas unsicher und linkisch. Steam Runner war sich seit der Pubertät seines Sohnes nicht mehr ganz sicher gewesen, wie er mit ihm umgehen sollte. Er hatte einen Plan für seine Fohlen im Kopf gehabt, so akribisch ausgearbeitet und für jeden Fall bereit, wie alle seine Entwürfe als Ingenieur. Leider waren sie niemals weiter gediegen als bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr. Danach war alles... zu kompliziert für seinen alten Herren geworden.

Steam Runner war nie ein schlechter Vater gewesen. Er hatte für seine Familie gesorgt, so das es ihnen niemals an etwas mangelte. Er war liebevoll zu seiner Ehestute gewesen, genauso wie zu seinem Sohn. Rogue konnte nicht behaupten, das sein Vater ihn vernachlässigt oder ignoriert hatte. Er hatte seine Erziehung hauptsächlich seiner Stute überlassen, aber nicht aus Desinteresse. Das zu behaupten, würde ihm Unrecht tun.

Sein Vater war kein Pony, das mit anderen leicht auskam. Kein Pony, zu dem man schnell Zugang oder Vertrauen fand, oder das offen und leicht zugänglich war. Steam Runner lebte hauptsächlich in seinem eigenen Kopf und es war schwer für den Rest der Welt Zugang dazu zu bekommen. Er war eigenbrötlerisch und verschlossen, aber nicht auf verbitterte Art und Weise, sondern wie Pony, das sein Leben lang erfahren musste, das es auf andere Art und Weise über vieles dachte, wie die Ponys um es herum es taten. Er war vorsichtig geworden, mit dem was er sagte und was er tat. Er war nicht stolz darauf, das ihn sein Intellekt in vielem allein stellte. Er wollte sich niemals isolieren, es... passierte einfach. Es war nicht leicht, die Mauer aus Wissensdurst und kalt erscheinender Neugier zu überwinden, die ihn umgab.

Apple Flavor hatte es geschafft. Sie brachte genug Ausdauer und Entschlossenheit mit sich, um die Hindernisse zu überwinden und den liebevollen Hengst dahinter zu entdecken. Sie brachte das soziale Verständnis mit, das seinem Vater immer abging. Ihre Intuition und ihr fast spielerisch leichter Umgang mit anderen Ponys ergänzten ihn perfekt. Sie übernahm diesen Part mit Bravour ebenso wie den Großteil von Rogues Erziehung.

Das Rettungspony hatte seinen Vater fast nur in der Rolle des stillen Beobachters kennengelernt, ein wachsames Paar Augen, das seine Verfehlungen und Errungenschaften über den Küchentische verfolgte.

Aber es gab es auch eine andere Seite. Steam Runner hatte niemals aufgeben, die Verbindung zu ihm zu suchen, so schwer es ihm selbst auch fiel. Er versuchte es damit seine eigenen Leidenschaften mit seinem Sohn zu teilen: Brettspiele und Literatur. Zu seinem Leidwesen, blieb nur Letzteres wirklich haften, was auch das ungeselligste von allem war: Rogue arbeitete sich unermüdlich durch die Bibliothek aus Belletristik seines Vaters, seit er richtig lesen konnte. Von ersterem blieb nur, als Teilerfolg, das traditionelle Rommé-Spiel, wenn die Familie zusammen war.

All das hätte dazu führen sollen, das Rogue seinem eigener Vater fremd und fern bleiben sollte, aber dem war nicht der Fall. Denn, so wie es Pony in Stadt und Land bekannt war: Der Apfel fiel nicht weit vom Stamm. Und Rogue war der Sohn seines Vaters in vielem mehr als er der Sohn seiner Mutter war. Sie hatte ihn groß gezogen und hatte die kräftige Saat der Apples in ihm hinterlassen. Aber er war dennoch auch ein Runner in seinem Herzen. Und je älter und weiser er an Jahren wurde, umso mehr verstand er seinen seltsamen, aber liebenswerten Vater mehr und mehr. Und erkannte sich selbst darin.

"Hey, Paps." Er lächelte ein wenig gezwungen. Es war nie leicht gewesen seinem Vater gegenüber zu treten, seit er sich für die Manehattan Central Ambulance entschieden hatte. Der alte Herr hatte ihm keine Vorhaltungen gemacht, das er nicht ihn seine Hufstapfen getreten war, aber dennoch glaubte Rogue immer ein wenig Enttäuschung in ihm zu spüren, so als hätte er eine Erwartung nicht erfüllt, die niemals ausgesprochen worden war.

Steam trat etwas vom Grill zurück. "Kannst du für mich übernehmen? Ich kenn´ mich mit dem ganzen Zucchini-Quatsch nicht aus und diese Karotten brennen mir ohnehin immer an."

Rogue zögerte nicht lang und nahm seinen Platz am Grill ein. Die Zeit bei der Feuerwehr hatte ihm einiges über das Grillen gelehrt und er verschob mit der bereitgelegten Zange die in Alufolie gewickelten Gemüsestücke geschickt an den Rand der Glut, während er die Heuburger zum scharfen Anbraten in die Mitte legte. Währenddessen trat sein Vater zurück auf das Picknicktuch und beobachtete ihn aufmerksam, während er sich auf seine Hinterläufe niederließ.

Rogue konzentrierte sich eine Weile nur auf das brutzelnde Gemüse, bis es zu seiner Zufriedenheit durch war. Dann benutzte er die Grillzange mit dem Mund geschickt dazu das Ganze etwas weiter über die Glut zu befördern und nur noch warm zu halten.

"Ich denke, es ist so weit, Wir sollten die beiden rufen, damit wir essen können.", sagte er und setzte gerade dazu an, als er den Huf seines Vaters auf seiner Schulter spürte.

"Hat es noch etwas Zeit?', fragte der ältere graue Hengst ruhig.

Rogue sah einen Moment lang in das Gesicht seines Vaters und den unausgesprochenen Wunsch darin. Langsam nickte er. "Ja. Es eilt nicht." Vielleicht würde das Gemüse etwas trocken werden. Aber das war jetzt nicht wichtig. Steam Runner nickte zufrieden. Er sah demonstrativ zu den beiden Stuten hinüber, die noch immer am Bachrand miteinander beschäftigt waren. "Fluttershy... Sie ist ist ein echter Fang," Er kicherte verhalten und räusperte sich dann verlegen. "Ich meine sie ist eine sehr schöne Stute. Und sie scheint sehr liebenswert zu sein. Ich verstehe, warum du dich in sie verliebt hast."

Rogue scharte verlegen mit seinen Hufen im Gras. "Mom hat ihr doch nicht zu sehr zugesetzt, oder?", er warf noch einmal einen Blick auf die beiden. Es schien alles in Ordnung zu sein. Er konnte Fluttershy lächeln sehen.

Sein Vater schüttelte langsam seinen Kopf. "Die beiden sind vom gleichen Schlag. Lass dich vom Äußerem nicht täuschen. Deine Mutter ist etwas gerader heraus, aber die beide haben ein Herz aus Gold und das verträgt sich immer." Er sah auf. "Fluttershy ist sehr schüchtern, aber darin verbirgt sich ein Kern, der sehr hart ist. Das solltest du nicht vergessen. " Er zwinkerte seinen Sohn zu. "Sie ist sehr süß, wenn sie so ist. Aber verärgere sie nicht."

Rogue nickte knapp. "Ja. Das habe ich bereits herausgefunden." Er verlor sich einen Moment lang in dem Anblick seiner Mutter, die so ungezwungen mit seiner Freundin umging. Er wusste gar nicht mehr, warum er sich Sorgen darum gemacht hatte. Apple Flavor hatte eine Art, die selbst einen Stein dazu gebracht hätte, sich ihr offen und ehrlich gegenüber zu verhalten. Es tat seinem Herzen gut, das die beiden sich so gut vertrugen.

Er sah zurück zu seinem Vater, der promt verlegen wegsah. Einen Moment lang zögerte Rogue, dann fragte er gerade heraus: "Was ist?"

Steam Runner antwortete nicht sofort, sondern fixierte störrisch einen Punkt irgendwo im Garten um sie herum. Nach einigen Sekunden seufzte er laut, schaute zuerst auf seine Hufe und dann erst seinem Sohn ins Gesicht.

"Ich bin sehr stolz auf dich, weißt du?"

Rogue setzte zu einer schnellen, verlegenen Antwort an, schwieg dann aber, als er bemerkte, wie überrascht er eigentlich war.

Sein Vater konnte ihren Blickkontakt nicht lange aufrecht erhalten, bevor seine Augen wieder verlegen zu seinen eigenen Hufen schwangen. "Es... es ist nicht so wie du denkst...", fuhr er kläglich fort. "Es geht nicht nur darum, das du jetzt mit den Elementen verkehrst oder an der Rettung des Reiches teil hast..." er brach ab und sammele sich einen Moment lang. Mit einem leisen Seufzen fuhr er schließlich fort. "Die Wahrheit ist, das ich schon lange stolz auf dich bin. Was du tust... anderen Ponys helfen... was du erzählst, wenn du uns besuchst... all das macht mich stolz, dein Vater zu sein. Ich... ich habe nur Schwierigkeiten mich in dich hinein zu versetzen. Und vielleicht... nein, ganz bestimmt, habe ich dir zu wenig gesagt, wie sehr ich glücklich bin, dass du das tust, was dich glücklich macht." Er lächelte, unsicher und elend. "Es tut mir Leid, das es mir erst jetzt über die Lippen kommt, ich weiß, ich muss wie ein schlechter Verlierer klingen, das ich erst damit heraus komme, wenn du als Held zurückkommst, aber ich meine es so wie ich es sage."

Rogue sah seinen Vater einen langen Augenblick lang an, dann trat er auf seinen alten Herrn zu und zog ihn in eine feste Umarmung. "Es bedeutet mir sehr viel, das du das zu mir sagst."

Er meinte es so. Er war sich Zeit seines Lebens niemals sicher gewesen, ob sein Vater seine Entscheidung zum öffentlichen Dienst zu gehen unterstützt hatte. Es hatte seit diesem Tag zwischen ihnen beiden eine Kluft gegeben, bestehend aus enttäuschten Erwartungen und unerfüllten Hoffnungen. Und auch wenn er gewusst hatte, das Steam Runner seine Entscheidung unterstützt und niemals ihm gegenüber laut angezweifelt hatte, war es heute das erst Mal gewesen, das er es wirklich gut geheißen hatte. Es hatte seinem alten Herren einiges an Überwindung gekostet, ihm das so ins Gesicht zu sagen, seinen eigenen Stolz zu überwinden und seinen Fehler zuzugeben. Rogue war dankbar dafür.

"Ich liebe dich, Dad."

Der alte Hengst schluckte seine Tränen hinunter und erwiderte die feste Umarmung seines Sohnes. "Und ich liebe dich auch, Rogue, Von ganzem Herzen."

Sie blieben eine Weile so, bis es ihnen beiden peinlich wurde. Dann lösten sie sich voneinander, aber langsam und widerstrebend. Sie klopften sich gegenseitig auf die Schultern, um diesen peinlichen Moment zu überspielen. Und dann wandten sie sich um und riefen nach ihren Liebsten. Aber tief im innersten behielten sie die Erinnerung an diesen intimen Moment und sollten ihn niemals vergessen.


*klopf, klopf*

"Egal wer es ist, ich will niemanden sehen!", Twilight zog das Kissen noch etwas fester über ihren Kopf.

*Klopf, Klopf*

"Hau ab! Hast du mich verstanden? Hau ab!"

Ihr Gästequartier war ihrer Stimmung entsprechend so dunkel wie eine Höhle. Die schweren Vorhänge sperrten auch das letzte Licht des ersterbenden Tages aus.

*Klopf, Klopf*

Twilight knirschte mit den Zähnen. Warum ließ man ihr keine Ruhe? Gab es für sie keine Sekunde Pause, auch wenn ihre Welt gerade über ihr zusammenstürzte... wieder einmal? Schlimmer als jemals zuvor? Sie wollte einfach nur alleine sein. Allein mit ihrem Schmerz... mit ihrer Enttäuschung. Es konnte höchstens eine Ewigkeit dauern, bis sie darüber hinweg kam. Bis dahin wollte sie hier einfach liegen und an ihrem Herzblut ersticken.

"Verpiss dich!" Sie wusste nichteinmal, woher der Fluch kam, den sie gegen den unwillkommenen Besucher ausstieß, aber es tat gut diese unfreundlichen, schmutzigen Worte in den Mund zu nehmen.

"Das... das ist geradezu empörend, Darling! Wo hast du eine solche Ausdrucksweise gehört?" Rarity beeilte sich, die große Flügeltür hinter sich zu zu werfen, bevor noch mehr Profanitäten die Kammer verlassen konnten.

Twilight hob kurz den Kopf, bevor sie ihn mit einem Stöhnen zurück warf. "Lass mich allein.", verlangte sie. Das leise Schluchzen, das darauf folgte, hatte sie nicht beabsichtigt, konnte es aber dennoch nicht ganz unterdrücken.

Rarity zögerte einen Moment lang an der Tür, setzte dann aber entschlossen ihren Weg fort. Sie schritt durch die dunkle Kammer bis an die Hufseite des großen Himmelbettes, wo sie ihre Vorderhufe auf das erhöhte Brett stellte und ihre Freundin mit besorgtem Blick ansah.

"Twilight, Darling, Kein Glück in der Liebe?"

Das violette Einhorn drehte sich in den weichen Kissen auf die Seite, ohne ihre Freundin anzusehen. "Geh weg.", verlangte sie, aber ihrer groben Forderung fehlte es an echter Überzeugung.

Rarity schwieg einen Augenblick lang und seufzte dann leise. Ihr Kreis aus Freunden hatte sich mit genügend Problemen herumzuschlagen, das ihnen eine liebeskranke Twilight, die mit solchen Problemen in ihrer Unerfahrenheit vollkommen überfordert war, gerade noch gefehlt hatte. Aber es half nichts. Twilights Kummer war echt und alles andere als übertrieben, das spürte die Fashionista.

"Also kann ich davon ausgehen, das deine Unterredung mit Celestia nicht deinen Erwartung entsprochen hat?", fragte sie vorsichtig.

Twilight schwieg einen Augenblick lang, dann nickte sie langsam.

Raity betrachtete die leise vor sich hinleidende Einhornstute einen Moment lang, dann umrundete sie das große Himmelbett und schlüpfte ganz unzeremoniell unter die Laken, die Twilight schützend um sich gewickelt hatte .

Einige Moment zögerte die violette Stute und versuchte ihrer Freundin zu entkommen, ohne gleichzeitig die weiche Umarmung des Bettes zu verlassen, das ihr so viel Trost verhieß. Es war vergeblich. Ihr ging sehr viel schneller der Platz aus, als ihrer Freundin die Entschlossenheit. Als sich Rarity mit ihrem weichen, samtenem Körper an sie schmiegte kämpfte sie noch immer gegen die Entwicklung der Dinge an. "Lass mich!", verlangte sie, aber es kam kaum mehr als ein Schluchzen aus ihrem Mund, als alles andere.

Das weiße Einhorn fing sie unter der Decke ein und schlang sie mit ihren schlanken Hufen ein, so das sie nicht mehr entkommen konnte. Eine Weile lagen sie dort, in dem Bett, das selbst für sie beide zu groß war und hörten nur ihrer beider Atem in dem leeren Zimmer.

Twilight versuchte sich in stoischer Ruhe. Vielleicht, wenn sie lange genug einfach still lag, würde Rarity einsehen, das es keinen Sinn hatte und wieder gehen. Sie fixierte einen Punkt an der Wand des dunklen Zimmers und konzentrierte sich darauf.

Rarity blieb aufmerksam neben ihrer Freundin liegen und schloss die Augen. Es gab ohnehin nicht viel zu sehen, als den Hinterkopf ihrer Freundin. Viel wichtiger war, was sie fühlte. Das gleichmäßige Auf und Ab von Twilights Brustkorb und die unwillkürliche Spannung, die er in sich verbarg.

Das weiße Einhorn blieb einfach liegen und ließ die Zeit für sich arbeiten. Sie wusste, was kommen würde und wusste ebenso, das Twilight sie brauchen würde, wenn es so weit war, auch wenn sie es jetzt noch nicht verstand. Rarity verstand es dafür umso besser.

Die Fashionista hatte ihre eigenen Erfahrungen in diesem Feld gesammelt. Sie war die Älteste in ihrem Kreis aus Freundinnen, vielleicht abgesehen von Rogue, den sie nie nach seinem Alter gefragt hatte. Sie hatte ihre eigenen Erfahrungen mit der Liebe gesammelt, mit der Süße und dem Schmerz, die sie verhieß. Sie war dort gewesen, genau dort, wo sich Twilight jetzt befand und wusste, das die Einsamkeit, die man sich herbeiwünschte nicht immer das beste war.

Sie wartete einige Minuten geduldig ab, dann zog sie ihrer Freundin etwas fester in ihre Umarmung, wie um sie daran zu erinnern, das sie noch hier war.

Twilights erstes, echtes Schluchzen war ein erstickter Laut, zurückgehalten von dem Stolz und der Selbstbeherrschung der Stute. Doch der zweite folgte gleich darauf, freier, klarer, genau wie der übernächste. Und schließlich krümmte sich das violette Einhorn in ihren Hufen zusammen und gab sich ganz ihrem Leid und Elend hin, ohne sich zurück zu halten.

"Shhh, lass es raus, lass es raus...",, flüsterte Rarity Twilight ins Ohr, während sie ihr sanft die Mähne streichelte. "Lass alles raus."

Sie hörte sich alles an, als die letzten Dämme brachen. Zuerst die verzweifelten Fragen, warum Sie nicht gut genug für Celestia war und wie Ungerecht diese Welt war. Dann die Wut über sich selbst und ihre eigene Dummheit. Als nächstes dieselbe Wut, aber gegen Celestia gerichtet. Es fielen ein paar sehr unschöne und unfaire Bemerkungen gegen die Schwesterregentin von Equestria, aber Rarity spielte ihren Part und nickte an den richtigen Stellen. Und zu letzt, nachdem alles gesagt war, was zu sagen war, das müde Schluchzen, das der Anfang des langen Prozesses der Akzeptanz war.

Zuletzt schlief Twilight in den Hufen ihrer Freundin ein, erschöpft und emotional ausgelaugt, aber ruhiger und friedlicher, als es sich selbst das weiße Einhorn erhofft hatte. Rarity wartete noch eine Weile und vergoss selbst ein paar stille Tränen über das unglückliche Schicksal ihrer Freundin, obwohl sie sich in ihrem tiefsten Inneren erleichtert fühlte. Twilight war nie ein normales Pony gewesen und das weiße Einhorn hatte sich zutiefst davor gefürchtet, was der geniale, aber etwas abgedrehte Verstand ihrer Freundin aus dieser Zurückweisung machen würde. Für Twilight war in kürzester Zeit zum zweiten Mal eine Welt zusammengebrochen, von der sie überzeugt gewesen war, das sie Realität war. Aber sie hatte überraschend normal darauf reagiert. Vielleicht würde diese Wunde heilen, wie sie es normalerweise tat: Mit viel Zeit und guten Freunden. Und irgendwann mit jemanden, der all das verdiente, was diese wunderbare Stute zu geben hatte.

Rarity stand langsam auf, vorsichtig darauf bedacht, die schlafende Twilight nicht zu wecken. An der Tür drehte sie sich noch einmal um und betrachtete ihre Freundin mitleidsvoll. Man liebte niemals wieder so wie beim ersten Mal. Das hatte Rarity am eigenen Leib erfahren müssen. Es war etwas magisches am ersten Pony, dem man das eigene Herz schenkte. Und es war eine Tragödie, das diese Liebe nur selten die Früchte trug, die man sich selbst erhoffte. Man vergaß sie nie, die erste, wahre Liebe, jene, die keine bloße Schwärmerei oder das Ergebnis verwirrender Hormone war, sondern die tief unter das Fell ging und die einen Teil in einem ausfüllte, von dem man bis dahin nicht gewusst hatte, das er ihn gab. Sie verfolgte einen, egal, wie weit man vor ihr davon lief, hielt einen wach, nachts im Bett, während die Stunden bis zum Morgengrauen lang wurden und man sich selbst fragte, was falsch gelaufen war.

Rarity hielt sich selbst für zu jung, um sich dessen sicher zu sein, aber sie vermutete bereits jetzt, das sich das niemals ändern würde. Vielleicht würde es leichter werden, mit der Zeit oder seltener, aber wahrscheinlich würde es niemals verschwinden. Die erste Liebe prägte ihren Stempel auf das eigene Herz und ließ es nicht mehr los. Es würde immer dort bleiben, dieses Bild, das sicherlich zu perfekt und zu gut war, um der Realität Genüge zu tun. Und man suchte ab dann nur noch nach jemanden, der in diese Form am besten passte. Der sie am besten ausfüllen konnte, auch wenn es niemals gänzlich stimmen konnte.

Denn Rest... erledigte die Zeit und das eigene Begehren. Es war eine gänzlich unromantische Sicht auf die Dinge, die gar nicht zu der Fashionista und dem Bild, das ihre Freunde von ihr hatten passen wollte, aber es traf dennoch den Kern von Raritys Denken.

Wenn man es einmal akzeptiert hatte, war es nicht mehr so schlimm, oder trostlos, wie es am Anfang erschien. Die Wahrheit war, dass es auch eine Chance war, eine Möglichkeit, die man ergreifen konnte. Das Leben war ein ständiger Fluss und veränderte sich. Die eigenen Bedürfnisse und Erwartungen waren nicht festgenagelt und die Erfahrungen, die man machte, änderten den Blickwinkel, den man auf vieles hatte. Twilight hatte das in einer Hinsicht bereits lernen müssen. Jetzt würde sie das noch einmal herausfinden müssen.

Rarity beneidete sie nicht um die Erkenntnisse, die die violette Stute noch für sich selbst erkämpfen musste. Es war immer schmerzhaft, ein schwerer und steiniger Weg. Aber er wurde leichter, je weiter man ihn bestieg. Und sie würde ihn erfolgreich erklimmen, dessen war das weiße Einhorn sich sicher. Auch wenn sie auf jedem Meter von ihren Freunden geschoben werden musste.

Twilight würde diese Hürde überwinden und gestärkt daraus hervorgehen. Mit einem letzten Blick und einem zuversichtlichen Nicken schloss Rarity die Tür hinter sich.


"Bist du bereit?", fragte Fluttershy ihn.

Rogue schluckte schwer. Er konnte kaum glauben, das er es war, der vor Aufregung kaum atmen konnte. Die sonst so schüchterne gelbe Pegasusstute blickte ihn liebevoll an, während er nur angstvoll auf die große Flügeltür vor ihnen glotzte.

Er leckte sich über die vor Nervosität trockenen Lippen und riss sich gewaltsam zusammen. Als das ein wenig, aber nicht viel half, kämpfte er einen Moment mit sich selbst, bevor er Fluttershy gerade heraus fragte. "Ich kriege fast einen Herzinfakt. Wie schaffst du es so ruhig zu bleiben?"

Die kanariengelbe Stute furchte für einen Augenblick ihre Stirn. "Ich habe auch Angst.", flüsterte sie ihm vertraulich zu. Dann gab sie ihm einen schüchternen Kuss auf die Wange, der sich herrlich weich und liebevoll anfühlte. "Aber ich weiß, das du bei mir bist."

Er zögerte noch für einen Moment, dann biss er die Zähne so fest zusammen, das es knirschte. "Du weißt, das sie alle nur auf uns warten, oder?", presste er hervor. Er musste es sagen, nur um sich selbst zu beruhigen.

"Ja.", ihre Antwort war nur ein Hauch. Jetzt konnte er ihre Angst in dem Wort hören. Er war nicht stolz darauf sie erweckt zu haben, aber konnte nicht anders. Er war selbst der Panik nahe. Er versuchte tapfer zu sein, aber das war nicht so leicht. So bald sie durch diese Tür traten, würden alle Augen Equestrias und der Welt auf sie gerichtete sein. Das konnte jedes Pony einschüchtern.

"Es gibt kein Zurück mehr, wenn wir das durchziehen.", seine Stimme war vor Aufregung eine Okatve höher als normal, aber das war ihm gerade egal. Er bemerkte, das er Fluttershy an sich presste, so als könnte ihre Nähe ihm Sicherheit geben.

"Ja. Ja, das weiß ich." Wieder nur der Hauch einer Antwort. Aber nicht in Angst geflüstert, sondern als Versprechen. Er wandte ihr seinen Kopf zu.

Ihre Lippen trafen sich, unvermittelt, aber nicht weniger leidenschaftlich. Der Kuss dauerte lange, aber nicht lange genug nach Rogues Geschmack. All zu früh trennten ihre Lippen sich.

"Bist du bereit?", fragte sie noch einmal.

Er konnte nicht anders und nickte.

Die Flügeltüren öffneten sich vor ihnen und ein blendendes Blitzlichtgewitter empfing sie. Seite an Seite schritten sie auf den oberen Absatz der großen Freitreppe in der Mitte des großen Ballsaals. Ein Meer von Ponys sah von der Tanzfläche zu ihnen empor, während sie einen Moment lang innehielten und ihre Augen blinzelnd auf das helle Licht einstellten.

Der Spiegelsaal des Palastes war groß genug um die gut fünfhundert Ponys, Lamas, Greifen, Esel, Bisons, Zebras, Minotauren und Kamele spielend aufzunehmend. Und er war hoch genug, um die drei riesigen Gestalten der älteren Drachen zu beherbergen, ohne das diese ihre schlangengleichen Häl se all zu sehr einziehen mussten Und jedes einzelne Augenpaar war auf sie gerichtet, noch bevor der Majordomus in seiner zeremoniellen Kleidung den schweren Stab laut auf den Boden schlagen ließ und verkündete: "Rettungspony Rogue Runner und das Element der Freundlichkeit, Fluttershy."

"Oh, Gosh.", flüsterte Rogue, während er gegen die Weichheit in seinen Knien ankämpfte. Es währe für ihn kein Problem gewesen, einen Schwächeanfall vorzutäuschen. Seine Flanke war noch immer mit frischem, weißem Leinen verbunden. Er konnte alles auf seine Verwundung schieben...

Fluttershy drückte seinen Vorderlauf fest an den ihren und der der Moment verflog. Er hörte, wie sie tief durchatmete und tat es ihr nach Es half. Ein wenig.

Die Menge war still, als sie langsam die breite Treppe hinabschritten. Tatsächlich war dies der Moment, vor dem sich Rogue am meisten gefürchtet hatte. Jede einzelne Stufe schickte eine kleine Lanze aus Pein in seinen verletzten Hinterlauf und er tat sein möglichstes sich nichts davon anmerken zu lassen. Dennoch war es fast zu viel für ihn. Die letzten Stufen verschwammen vor seiner Sicht, als der Schmerz den Kampf gegen die leichten Medikamente gewann, die er vorher genommen hatte.

"Halte durch. Fast geschafft.", beschwor ihn Fluttershy und hielt in mit eisernem Griff aufrecht. Die letzte Stufe. Er fühlte den Schweiß unter seinem Fell aufsteigen.

Noch einmal badeten sie in einem Gewitter aus Blitzlichtern, als die Presse auf sie einstürmte. Rogue zwang sich mit aller Willenskraft zu einem Lächeln. Er wusste, das er so gut aussah, wie nur irgendwie möglich. Die steife, weiße Uniform, die Rarity für ihn entworfen hatte, glänzte praktisch im Licht des Ballsaals und das Gold der Epauletten und Orden strahlte regelrecht. Der purpurne Absatz der Seidenschärpe war ein perfekter Kontrast dazu, aber noch viel mehr glänzte die herrliche Stute an seiner Seite.

Fluttershy trug ein leichtes Gewand aus hell- und dunkelgrünen Stoffen, auf den in farbenfrohen Variationen Schmetterlinge gestickt waren. Das feine Gespinnst war zum Teil durchsichtig und trug als Highlight einen breiten Kragen, der ihre rosafarbenen Mähne hervorhob. Sie sah fantastisch aus und er zweifelt keinen Augenblick mehr daran, das sie einmal als Model in den höchsten Kreisen verkehrt war.

Sie hielten am Fuße der Treppe an, damit man sie von allen Seiten zur Genüge betrachten konnte. Einen Moment lang hielten sie ihre elegante Pose aufrecht, dann wandten sie sich einander zu und gaben sich gegenseitig einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. Die Blitzlichter der Reporter explodierten regelrecht und ließen farbige Ringe vor ihrer beider Augen erscheinen. Aber sie hatten ihren Teil des Stücks gut vorbereitet und ließen sich davon nicht beirren. Rogue hielt seinen Vorderlauf hin und Fluttershy hakte sich darin ein. Als sie weiter in den Saal hineingingen, war sein Gang etwas unbeholfen, aber das war ein Teil des Ganzen. Die Blitzlichter folgten ihnen, aber glücklicherweise etwas abgeschwächt. Als ein neuerliches Pochen des schweren Stabes des Majordomus durch den Saal erschallte, erstarb es ganz.

"Ihre Majestäten, die Schwesterregentinnen Equestrias, Prinzessin Celestia und Prinzessin Luna!"

"Puh, die erste Hürde geschafft.", murmelte Rogue Fluttershy zu und nestelte sich am engen Kragen herum.

Der Abend war bis ins letzte von den Schwestern auschoreographiert worden, ein Ballett aus gesellschaftlicher Raffinesse, sozialen Unabänderlichkeiten und politischem Kalkül, das bei weitem den Horizont von Rogue überstieg. Er hatte sein Möglichstes getan, den Ausführungen des schon auf schmerzhafte Weise korrekt gekleideten Zeremonienmeisters zu folgen, der sie seit dem frühen Morgen unter seine Fittiche genommen hatte. (Das war nicht nur allegorisch zu sehen. Der hellblaue Pegasushengst war sich nicht zu schade gewesen seinen Lektionen auch mit etwas peinlichem Körperkontakt Nachdruck zu verleihen, wenn seine Ausführungen nicht sofort auf fruchtbaren Boden fielen. Rogue hatte etwas unangenehm berührt vermutet, das er etwas mehr Spaß daran hatte, als ihm eigentlich zustand. Verschlimmert wurde das ganze dadurch, das der Zeremonienmeister sich auf ihn eingeschossen zu haben schien, statt auf die Stuten)

Er und Fluttershy waren als Vorletzte angekündigt worden, um die Aufmerksamkeit für sie so gering wie möglich zu halten, bevor die Prinzessinnen selbst auftraten. Ihre Freunde waren bereits vor ihnen in den Ballsaal gelassen worden. Im Falle von Rarity und Pinkie Pie mit Begleitung - Kapitän Fairway und, zu aller Überraschung, Strawberry, die sich unsicher umblickte - während Rainbow, Applejack und Twilight im Dreiergespann ausgerufen wurden. Der Plan war, das sie alle sich sichtlich miteinander amüsierten, die Pärchen miteinander, um jedem Gerücht vorzubeugen und Strawberry in ihrer Ponyidentität in die Gesellschaft einzuführen und die Bedenken der Bewohner des Reiches zu zerstreuen. Es würde Tanz geben, herrliche Musik und Eintracht zwischen allen Rassen, deren Beziehungen bereits im Vorfeld gesichert worden waren. Und schließlich würden die Schwestern einige Worte zur Lage der Nation von sich geben. Und dann...

"Sey myssn Roug´n sein."

Das Rettungspony schreckte aus seiner Betrachtung der Menge hoch und sah sich einer äußert seltsamen Gestalt gegenüber. Auf dem ersten Blick glich es sehr einem Pony, aber sein Hals war wesentlich länger und gerader. Der Kopf war ähnlich geformt, wenn auch kürzer und mit dickeren Backen. Die Ohren waren so lang, das sie schlaff von beiden Seiten des Kopfes herabhingen. Das Ganze war in ein weites Gewand aus Purpur und safrangelb gehüllt, was nur noch mehr zu seinem seltsamen Aussehen beitrug. Er - Es war ein Er, da war sich Rogue recht sicher - sprach in einem singenden, breiten Akzent, den er unmöglich einzuordnen wusste.

"Äh... ja. Ganz richtig.", antwortete das Rettungspony verlegen.

"Es ist myr Freyde sie zu kennen lernen. Myr ist Tenzin Gyatso, Dalai Lama von Shangri La." Das Lama - soviel erkannte Rogue nun - betrachtet ihn einen Augenblick lang mit einem freundlich, forschem Lächeln. Schließlich nickte es langsam und streckte seinen Huf aus. "Brauch in Equia zu schütteln diese? Oder zu stoßen gegen?"

Rogue zögerte einen Augenblick, dann erwiderte die Geste auf die eher informelle Art und Weise und klopfte vorsichtig gegen den erhobenen Huf, der etwas breiter war, als bei einem Pony dieser Größe. Das Lächeln des Lamas verbreiterte sich und der Hengst konnte nicht anders, als sich davon anstecken zu lassen.

"Oh, das gut! Das gut!", lachte der Dalai Lama laut. Es war nun offensichtlich, das sein Gesicht für das Lachen gemacht war. Es schien, als würde sich erst darin das Wesen dieser seltsamen Gestalt wirklich offenbaren. Er lachte, fröhlich und frei heraus, ohne die Spur von Zurückhaltung. "Yst gut, das wyr uns treffen. Und das yst Flyttershyie?" Er wandte sich Rogues Begleitung zu. "Ych bin Mönch, deshalb kein Kyss auf Huf, aber Stoß ist gut?" Er sah die Stute erwartungsvoll an und sie enttäuschte ihn nicht, als sie ihm einen zaghaften Brohoof gab. Er lachte wieder, frei und unverzagt. "Das yst sehr gut, sehr gut!" Er kicherte noch einen Moment lang, dann atmete er tief durch und sah sich demonstrativ im Ballsaal um. "Das sehr gut, oder?"

Rogue sah einen Moment lang unsicher zu Fluttershy, die nur unsicher lächelte. Schließlich fasste er sich eine Herz und fragte nach. "Was finden sie gut, Tenzin? Oder mögen sie es mehr wenn ich sie Gyatso nenne?"

Das Lama sah ihn aus dunklen, klugen Augen an. "Nenn mych Lama, Rogue. Oder soll ych dych Rettungspony nennen? Ich weys nycht..." Er wartete keine Antwort ab, sondern schweifte weiter mit seinem Blick durch den Raum. "Was fynde ych gut? Das Dyrre über Equia kommt? Das keyn Regen faellt? Das yst schlecht. Das Equstria sych erynnert, sy synd nycht alleyn? Nycht schlecht." Er kicherte leise. "Wy seltsam, das Ponys sych erynnern, das sy nicht allein, wenn Glyck sie laesst im Stich und Not." Er beugte sich vor und klopfte Rogue mit seinem Huf gegen die Schläfe. "Nicht nur in Not. Wyr synd alle ym selben Boot. Wyr helfen gern. Yhr helft gern. Aber es muss nycht nur seyn in Not. Celestia vergysst gerne. Und Luna...", er seufzte leise, aber nicht verzagt. "Sy noch strykter als yhr Schwester. Zu... strykter Geist!" Er lächelte. "Geist yst wychtyg! Schnell und gelenkyg! Nicht steyf und fest!" Er lachte und warf eine Falte seiner Kutte über seine Schulter. "Sehen uns, sagt yhr! Ych hoffe, Rettungspony Rogue! Und Element Flyttershyie? Nicht vergessen Worte? Yetzt zu Spaß, Spaß!" Er drehte sich um und zwinkerte ihnen über seine Schulter noch einmal zu, bevor er in der Mengeverschwand.

"Was...", setzte Rogue gerade noch an, als Fluttershy ihn bereits aufgeregt weiter winkte.

"Die anderen sind da drüben am Buffet! Komm Rogue, lass uns zu ihnen gehen."

Er ließ sich anstaltslos von ihr mitziehen, während er mit großen Augen die vielen exotischen Gäste betrachtete, die in ihren fantastischen Kleidern, Kostümen und Trachten den großen Saal mit Leben erfüllten. Neben der feinen Gesellschaft Canterlots in ihrem feinsten Zwirn sah er Dromedare mit reich bestickten Satteldecken und goldbehangenen Trensen Seite an Seite mit Ponys in ähnlicher, aber subtil dezenterer Aufmachung aus Saddle Arabia, die die beiden dominierenden Stämme vertraten. Dazwischen stand eine etwas säuerlich dreinblickende Stute in mittleren Jahren in einem streng geschnittenen Kostüm, die er als die Präsidentin von Germaney aus der Zeitung erkannte - obwohl er sich wegen ihres Titels nicht ganz sicher war. Dahinter nahm sich ein bulliges Bison in voller Stammestracht ein Glas mit Champagner vom Silbertablett eines Einhornbediensteten im purpuren Livree des Palastes, nur um sich einen vorwurfsvollen Blick von seiner nicht weniger wuchtigen weiblichen Begleitung einzufangen. Der Page wartete geduldig, bis der Vertreter des Steppenvolkes das Glas wieder zurück gestellt hatte und ging dann mit langsamen Schritten auf eine Gruppe Zebras in den weiß-roten Togen Roams zu, die dicht beieinander standen und mißtrauisch eine andere Gruppe Zebras nicht weit von ihnen betrachteten, die mit Girlanden aus herrlich farbenfrohen Jungelblumen behangen waren.

So sehr, wie er von der farbenfreudigen Gesellschaft abgelenkt war, wäre er fast mit einem Greifen zusammengestoßen, der missmutig und mit leerem Teller das Buffet absuchte. Der große Raubvogel war bis auf eine Fülle von Ordensbändern um den Hals unbekleidet und trug eine lederne Klappe über einem seiner Augen, die eine hässliche Narbe verdeckte, deren Ränder noch knapp zu erkennen waren. Als Rogue zurückzuckte, wandte sich der Greif ihm neugierig zu.

Das Rettungspony wich noch etwas weiter zurück, als er den scharfen, hungrigen Blick aus dem einzelnen, stechenden Augen auf sich spürte. Der Raubvogel musterte ihn für einen Moment lang von den Hufen bis zur Mähne und fixierte sich dann auf den Verband an seinem Hinterlauf.

"Sportverletzung?", fragte er Rogue knurrend.

Für einen Moment war das Rettungspony zu eingeschüchtert, um zu antworten. Der Greif hatte sich ihm etwas zugewandt und nun konnte das Pony die vielen goldenen Runde sehen, die an den farbigen Bändern um seinen Hals hingen. Es waren Orden, viele Orden.

Als der Greif langsam die Augen zusammenkniff, weil er nicht antwortete, gab Rogue sich selbst einen mentalen Tritt. Er durfte nicht vergessen, das er hier und heute auch das Reich Equestria vertrat. Der Zeremonienmeister hatte sie wiederholt darauf hingewiesen, das sie unter allen Umständen die Form zu wahren hatten und jede ihrer Reaktionen genau gewogen, gemessen und befunden werden würden. Das Rettungspony schluckte seine Angst herunter und schüttelte nachdrücklich den Kopf.

"Äh, nein, Sir, keine Sportverletzung." Er kramte in seinem Verstand nach Informationen über Greifen. Es hatte ein paar Einsätze in Manehattan gegeben, bei denen Greifen involviert gewesen waren, auch wenn es nur ein Huf voll gewesen war. Trotter hatte ihn gewarnt, das die Raubvögel sehr leicht zu reizen waren, wenn man das falsche sagte oder tat, aber leicht umgänglich, wenn man... wenn man...

Greife sind Krieger, alle von ihnen, erinnerte sich Rogue an die Lektion während seines ersten Einsatzes mit den so fremden Kreaturen. Ein alter Greif war betrunken gegen eine Hauswand geflogen und hatte sich den Hauptknochen im Flügel gebrochen. Es war schon schwierig gewesen, sich ihm zu nähern, weil er wild um sich schlug und anscheinend kaum wusste, wo er war. Trotter hatte seine Brust aufgepumpt, sich tief geräuspert und dann in einem Kasernenhofton losgebrüllt, das der verletzte Greif gefälligst still halten, die Schmerzen wie ein Brutmännchen nehmen und aufhören sollte, seinem Klan Schande zu bereiten. Der junge Rogue hatte mit aus Entsetzen zusammengekniffenen Augen darauf gewartet, das der Raubvogel sich auf Trotter stürzen und ihn zu Hackfleisch verarbeiten würde, etwas, was mit diesen scharfen Krallen sicherlich kein Problem gewesen wäre. Statt dessen hatte der alte Vogel sich auf die Beine gekämpft, unbeholfen salutiert und war anschließend in verlegene Tränen ausgebrochen. Den Rest der Fahrt war er so zahm wie ein Lamm gewesen. Die eigene Ehre ist ihnen wichtig, aber noch vielmehr die des Klans, hatte Trotter ihm danach erklärt. Sie verstehen Stärke und Mut und sie halten sich immer an die Regeln. Alles andere währe schlimmer als der Tod für sie.

Rogue nahm sich zusammen und straffte seine Gestalt. "Eine Speerwunde, Sir." Er versuchte seine Stimme hart klingen zu lassen, mit einer Prise Selbstgefälligkeit. Er hatte eine gute Vorstellung davon, wie einer der Helden in den Romanen eine solche Frage beantwortet hätte und versuchte sie zu imitieren, so gut er konnte. "Hätte mich fast das Bein gekostet. Aber was nicht tötet... härtet ab." Dem ganzen ließ er eine eiskalte Miene folgen, die all das verbarg, was er gerade wirklich fühlte - in der Hauptsache seine tiefe Unsicherheit, wie er mit dieser Situation umgehen sollte.

Der Greif betrachtete ihn noch einige Sekunden lang aus zusammengekniffenen Augen und Rogue fürchtete bereits, das sein Bluff durchschaut worden war, als sich der Schnabel zu einem Lächeln verzog. Das immer breiter wurde. Und schließlich in einem herzhaften Lachen mündete.

Rogue sah betreten zu Fluttershy, die bereits neben ihren Freunden etwas entfernt von ihm stand, während alle die Szene mit einer Mischung aus Neugier und Entsetzen betrachteten. Er zuckte entschuldigend mit den Schultern und zuckte dann noch einmal zusammen, als eine scharfe Kralle auf seiner Schulter landete.

"Du gefällst mir, mein Freund! Ich dachte, es gäbe hier nur kleine Ponys und süße Reden, aber das hört sich nach einer Geschichte an, die ich hören will!"

"Uhm, sehr gerne, aber sehen sie, meine Freunde warten dort drüben auf mich..."

Der alte Raubvogel sah auf und studierte die Gruppe mit einem stechenden Blick aus seinem noch verbliebenen Auge. "Donnerschlag und Federbruch, die Elemente...", knurrte der Veteran mehr überrascht als feindseelig. Er warf einen weiteren Blick auf das Rettungspony unter seiner Klaue und schien in ein weiteres Mal, diesmal aus einem anderen Blickwinkel zu mustern. "Ich dachte ihr wärt nur zu sechst."

"Ähm, das sind sie auch.", antworte Rogue etwas verwundert. "Ich bin..." Nur ein Anhängsel, nur der Sanitäter, nur... "...nur ein Freund.", beendete er den Satz, erleichtert darüber, wie leicht es ihm von den Lippe kam. Er war ihr Freund. Und für eine von ihnen so viel mehr...

Die Klaue hob sich von seiner Schulter. "Gut.", der Greif richtete sich auf. "Dein Name war Rogue, ja? Ich werde ihn mir merken. Eines Tages möchte ich diese Geschichte von dir hören, Rogue." Er sah noch einen Moment lang auf das Rettungspony herab, das er so überragte, dann nickte er ihm langsam zu, ein Zeichen des Respekts einerseits, zum anderen das Signal, das Rogue gehen durfte.

Das Rettungspony trat zögernd den Weg zu seinen Freunden an, jedoch nicht ohne sich mehrmals umzudrehen und unsichere Blicke auf den alten Greif zu werfen, der noch immer ungerührt neben dem Buffet stand und ihm nachsah. Er atmete erleichtert auf, als er den Schutz verheißenden Kreis seiner Freunde erreichte.

"Boah, das war seltsam.", stieß er hervor und wischte sich mit dem Vorderlauf über die Stirn. Er hatte gar nicht bemerkt, wie er zu schwitzen begonnen hatte.

"Was hast du ihm gesagt?", fragte Twilight. Rogue sah auf, als er die leichte Besorgnis in ihrer Stimme hörte. Sie gefurchte Stirn war hinter dem Pony ihrer Mähne kaum zu sehen, aber Rogue kannte sie mittlerweile gut genug, um alle anderen Zeichen richtig deuten zu können.

"Hä? Was ist los? Hab ich was falsches gemacht?", fragte er erstaunt und mit einer Spur Furcht, die ihn kalt durchlief

Die violette Einhornstute schüttelte schnell ihren Kopf. "Nein. Nein, nicht unbedingt. Was hast du ihm gesagt?"

Rogue erkannte, das Twilight ihm keine Antwort geben würde, bevor sie nicht selbst eine bekommen hatte und fasst das kurze Gespräch mit dem alten Veteranen noch einmal zusammen. Anschließend sah er sich im Kreis seiner Freunde um. "Würde mir nun bitte jemand verraten, was hier los ist?"

Es war wieder Twilight, die ihm antwortete. "Der Greif, mit dem du gesprochen hast, war One Eye Sharptalon, Brutvater der Sharptalons, einer der einflussreichsten Clans im Greifenreich. Er ist der einzige männliche Clanführer und der einzige Greif, der sich gegen eine Zusammenarbeit mit Equestria in der Krise sträubt. Sein Wort hat viel Gewicht, vor allem bei den jungen Rebellen, die sich eine Rückkehr zu den alten, kriegerischen Tagen wünschen."

Rogue schluckte schwer. Er hatte die Begegnung keine echte Bedeutung zugemessen, eine etwas unangenehmer Sorte Gast, die seinen Weg gekreuzt hatte. Er begriff erst jetzt, was für Auswirkungen die wenigen gewechselten Worte haben könnten.

Twilight, die bemerkte, wie er sich bereits wieder Sorgen zu machen begann, legte ihm beruhigend einen Huf auf die Schulter. "Du hast nichts falsch gemacht. Ganz im Gegenteil, ich glaube sogar, das du dich sehr gut geschlagen hast. Greife sind von Natur aus eher martialisch veranlagt. Ich bin mir sicher, das er über deine Antwort angenehm überrascht war." Sie schwieg einen Augenblick lang nachdenklich. "Vielleicht hättest du dir die Zeit nehmen und ihm die ganze Geschichte erzählen sollen. Ich bin sicher, er wäre beeindruckt gewesen."

Als er das hörte, stellte Rogue sich vor, diese lange, bittere Geschichte mit jemanden zu teilen, den er nicht im geringsten kannte. Sie noch einmal vor seinem geistigen Augen durchleben zu müssen, ohne den tröstenden Rückhalt seiner Freunde an seiner Seite. Er schüttete sich unwillkürlich. "Bitte nicht. Nicht heute Abend. Ich weiß, das wir gesellschaftliche Pflichten zu erfüllen haben, aber so etwas..." Er schwieg einen Moment lang. "Nicht heute Abend. Ich habe genug von Aufregungen, Entscheidungen und bösen Erinnerungen." Er sah Fluttershy an. "Ich möchte diesen Abend einfach nur genießen, so sehr ich es, so sehr wir alle es zusammen können."

"Na, das is´ doch ma´ n´ Wort!", stimmte ihm Applejack lachend zu und klopfte mit dem Huf zur Unterstreichung auf den polierten Boden. "S´ wird verdammich´ aba´ auch Zeit, dass wir langsamer tretn´. Wir ham´ uns genuch´ Sorg´n gemacht un´ genuch´ geackert dasses´ für´n ganzes Lebm´ reich´n tut. Lass uns n´ bissch´n Spaß hab´m!"

"Der letzte auf der Tanzfläche ist ein lahmes Rettungspony!", quietschte Pinkie vergnügt und ohne böse Intention, bevor sie Strawberry von ihrem Stück Kuchen wegzerrte. Wie auf ein geheimes Kommando änderte das Orchester seinen Takt von sanfter Hintergrundmusik zu etwas eindringlicheren, klassischen Ballstücken, die den Reigen eröffneten.

"Darf ich die Dame um den ersten Tanz bitten?", fragte Kapitän Fairway und reichte Rarity galant seinen Huf.

"Sie dürfen.", antwortete diese unter aufreizendem Wimpergeklimper und ließ sich von ihm an den anderen vorbeiführen.

"Rainbow?" Ein dunkelblauer Kopf mit schwarzer Mähne erhob sich mit leicht schlagenden Flügeln aus einer Gruppe neben ihnen.

Dash tauchte sofort ab, als sie ihn sah. "Oh, my Gosh, oh my Gosh, Er ist hier!", sie sah sich hektisch um und packte dann Twilight an den Aufschlägen ihres Kleides. "Schnell, wie sieht meinen Mähne aus?"

Die überraschte Stute musterte ihre Freundin unsicher, dann zuckte sie verlegen mit den Schultern. "Okay? Glaube ich?"

Rainbow ließ sie los. "Das muss reichen." schnappte sie und richtete sich fahrig das blaue Veilchen, das in ihre regenbogenfarbene Mähne geknüpft war. "Soarin, heeeey!" rief sie dann aus und hob ihren Kopf wieder, damit der Hengst sie sehen konnte.

Das Wonderbolt- Mitglied ließ sich wieder auf den Boden nieder und trottete schnell zu der cyanblauen Stute. "Rainbow, da bist du! Ich hab gehört, wie sie dich angeküdigt haben, aber ich bin nicht schnell genug zu dir durch gekommen." Er besah sie sich von oben bis unten. "Wow. Das Kleid sieht einfach toll an dir aus."

Rainbow errötete bis zum Mähnenansatz, versuchte aber trotzdem einen coolen Eindruck zu machen. Sie winkte ab. "Ach, was. Schau dich doch selber mal an!"

Soarin strich sich verlegen über die marineblaue Uniformjacke mit weißem Hemd und Krawatte, die hervorragend zu seiner Fellfarbe passten. "Willst du vielleicht... ich mein, willst du tanzen? Ich habe Stunden genommen und..."

"Ja, klar! Äh, ich meine, ja, warum nicht?" Sie gab ihm einen Stoß auf die Brust. "Mal sehen, ob du dich genauso geschickt auf dem Boden anstellst, wie in der Luft."

Soarin rieb sich einen Moment lang die Stelle, wo sie ihn getroffen hatte, lächelte aber. Nonchalant hielt er der Stute seinen Ellenbogen hin, den Rainbow nach kurzen Zögern ergriff. Seite an Seite gingen sie auf die Mitte des Saales zu, wo sich die Reigen langsam zum Tanze formten.

"Brauchste´ nich´ lang frag´n, Sugarcube, lass uns ma´ losleg´n!", fertigte Applejack derweil einen in feines Zwirn gekleideten Hengst, der sich vor ihr aufgebaut und gerade Luft geholt hatte. Sie packte das arme Pony und zog es sanft hinter sich her, ein amüsiertes Grinsen auf den Lippen.

Als sie Twilight passierte, die gerade den dritten Bewerber um den ersten Tanz weggeschickt hatte und betrübt auf ihre glitzernden Hufschuhe starrte, während Nummer Vier gerade Anlauf nahm, blieb sie jedoch stehen.

"Twi, was is´ los? Lass ein von den Hengst´n mit dir tanz´n, du kannste´ dir aussuch´n! Hab´ n´ bisschen Spaß!"

Das violette Einhorn schüttelte langsam seinen Kopf. Ihr fiel auf, das sie diese Geste in letzter Zeit viel zu häufig benutzte. "Tut mir leid, Applejack. Ich bin einfach nicht in der Stimmung."

Das Erdpony stutzte einen Moment lang, dann trat sie näher an ihre Freundin heran. "Twilight, was is´ passiert? Ich merk´ schon n´ ganz´n Abend´n daste´ was hast. Warum..." Sie bemerkte, das die violette Einhornstute ihr nicht mehr zuhörte. Twilight hatte den Kopf gehoben und sah mit starrem Blick auf einen Punkt hinter Applejack. Die Farmerin drehte sich um.

Prinzessin Celestia bewegte sich mit der Eleganz einer geborenen Diplomatin durch den Ballsaal. Ihr weißes Fell, gehüllt in nicht weniger weiße, mit Gold bestickter Seide, glänzte mal hier, mal dort unter den Gruppen der Delegationen und Würdenträger auf. Sie verteilte wohlbedachte Komplimente, abgewogene Vorschläge und ihr herrliches, warmes Lächeln, während sie wie Quecksilber durch die Menge schlüpfte, ungreifbar, ohne zu verweilen. Sie zog andere mit sich, mit ein paar gut platzierten Worten und dem Glanz ihrer Aura. Sie fing sie ein, wie in einem eigenen Gravitationsfeld, ließ sie einen Moment lang um sich kreisen, und gesellte sie dann unauffällig zu einer anderen Gruppe, verstrickte sie in das dortige Gespräch und war schon wieder verschwunden, bevor sich jemand fragen konnte, wie er dorthin gelangt war. Während die Reihen in der Mitte des Tanzsaales langsam zur Ordnung fanden, ordneten sich der Rest des Festes ebenfalls. Es war alles andere als offensichtlich, aber wenn man ein waches Auge hatte und einen klaren Verstand konnte man es sehen.

Applejack wusste nicht genug über die Politik von Equia, um vollends zu begreifen, was die Prinzessin dort tat, auch wenn sie sah, das sie wesentlich mehr betrieb als nur Smalltalk.

Wo die Zweifler, Isolationisten und heimlichen Feinde Equestrias zusammenstanden, entführte Celestia einen oder zwei von ihnen, charmant und mit bezaubernden Lächeln. Nach einigen wenigen höflichen Worten landeten die zu Überzeugenden in einer Gruppe mit dem Reich freundlich gesonnenen Staaten, die keine offenen Verbündeten waren und sich einen bequemen Anschein von Neutralität bewahrten. Handelspartner in der Regel, deren Wirtschaft eng mit der der Ponynation verknüpft war. Dort, umgeben von wohlmeinenden Reden über die Vorzüge eines Bündnisses, schienen viele der Hardliner ihren festgefahrenen Standpunkt früher oder später noch einmal zu überdenken. Dann waren sie reif dafür, das ein anderes Pony zu ihnen kam, sie unter einem Vorwand aus der Gruppe löste und in einen neue einführte. Eine Gruppe, die ausschließlich aus Adligen des Reiches und den Deligenten langjähriger Verbündeter bestand. Hier wurden nun Honig um Mäuler, Schnäbel und Schnauzen geschmiert, Angebote gemacht und Überzeugungen geteilt. Vielleicht kam Celestia noch einmal persönlich vorbei, um einen besonders hartnäckigen Fall zu bearbeiten. Aber das war selten notwendig.

Und so schmolz langsam, aber sicher jeder Widerstand und jede Gefahr für das geschwächte Equestria unter der Sonne der Diplomatie dahin.

Selbst Twilight, die der Schwesterregentin wesentlich näher stand, als Applejack, begriff nur im Ansatz was für einen Meisterleistung Celestia vollbrachte. Aber das war nicht der Grund dafür, das die violette Einhornstute nur Augen für das weiße Alicorn hatte.

"Ach, Twilight.", seufzte Applejack, als sie Twilights Blick folgte und zu verstehen begann. "Ach, Twilight." Was konnte sie ihrer Freundin schon anderes sagen? Das sie von vorneherein gewusst habe, das eine solche Liebe unweigerlich zum Scheitern verurteilt war? Das Twilight dumm gewesen war, sich jemals Hoffnungen zu machen?

Nichts davon würden den Schmerz in Twilights Herzen leichter machen. Und so schwieg Applejack. Ihr Tanzpartner fasste sie unter und sie ließ sich von ihm mitziehen. Sie warf noch einen Blick über ihre Schulter, hin zu ihrer Freundin, die ihre Augen nicht von Celestia nehmen konnte, dem wunderschönen Pony, das ihr Herz gebrochen hatte und nun selbst keinen einzigen Blick für sie übrig hatte.

Rogue und Fluttershy sahen zu, wie die Reihen der Tänzer im Takt der Musik durcheinanderwogten. Sie hatten alle einen schnellen, aber intensiven Unterricht in den verbreitetsten Hoftänzen erhalten und die meisten von ihnen hatten sich nicht einmal so schlecht angestellt. Natürlich vielen fiele der Bewegungen für Rogue in seinem Zustand flach, so das er sich damit begnügte mit seiner Liebsten am Rand zu stehen und sanft im Takt zu wippen. Die klassische Ballmusik war eigentlich nicht sein Fall, aber die Umgebung und Stimmung trugen ihn mit sich und es juckte ihn in den Hufen, sich den Tanzenden anzuschließen. Als er es schließlich nicht mehr aushielt, berührte er Fluttershy an der Seite und bedeute ihr, mit ihm zusammen nach draußen zu kommen.

Sie betraten den Garten durch eine der hohen Glastüren, die die ganze Seite des Ballsaals einnahmen. Die breite Steinterrasse war leer, da die Musik und der Tanz alle nach drinnen gelockt hatten. Rogue atmete tief durch, als sie aus dem erleuchteten Inneren an die etwas kühlere, frische Nachtluft traten. Fluttershy schmiegte sich etwas enger an ihn, während sie an den Rand der Lichtkreise traten, die von den großen, verglasten Portalen gebildet wurden. Dort setzten sie sich und sahen gemeinsam hinaus in den dunklen Garten und den wunderbaren Sternenhimmel, der sich darüber erstreckte.

Als Fluttershy ihren Kopf auf seine Schulter bettete, wurde Rogue sich bewusst, das dies einer der ersten Momente war, in der sie miteinander wirklich alleine waren, seit sie von den Zwillingsgipfel zurückgekommen waren. Es gab keine unmittelbaren Katastrophen, keine zwängenden Bedrohungen oder Fragen, die sie störten. Sie waren einfach allein, zu zweit, hier draußen im Dunkeln. Er bemerkte, wie er etwas zu schwitzen begann.

Er war so lange ein Gehetzter gewesen, getrieben durch Notwendigkeit, durch Bedrohungen und Gefahren, das es ihm nun schwer fiel, davon abzulassen. Er hatte sich Fluttershy verliebt, während er durch die aufregendste, schönste und zugleich schrecklichste Zeit seines Lebens gestolpert war. Jetzt, wo das vorbei war und Ruhe einkehrte, stellte er fest, das er die Stute an seiner Seite, die ihm so viel bedeutete, in Wirklichkeit kaum kannte.

Natürlich kannte er sie schon, glaubte sie sogar sehr gut zu kennen, hatten sie doch in so kurzer Zeit genug zusammen erlebt, um ein ganzes Leben damit auszufüllen. Aber andererseits war sie auf vieler Art und Weise noch fremd. Er kannte ihr Wesen, ihr Innerstes, wahrscheinlich sogar noch ein wenig besser als ihre engsten Freunde. Aber über sie selbst wusste er nur relativ wenig. Über die Person, die Fluttershy war. Was sie mochte, abgesehen von ihm und allen Tieren. Was sie am liebsten aß, welche Lieblingsfarbe sie hatte, was sie an einem verregneten Samstagnachmittag machte.

Es machte ihm ein wenig Angst.

Worüber sollte er sich mit ihr unterhalten? Fast alles was sie miteinander erlebt hatten, war schrecklich gewesen und er wollte es nicht schon wieder hervorholen, auch wenn er wusste, das sie eines Tages sich darüber unterhalten würden. Eines Tages, wenn die Schrecken dieser Zeit hoffentlich fade und verblichen geworden waren.

Er musste sie kennenlernen, von Grund auf. Er wollte jedes Detail wissen, jede Nuance und jede Kleinigkeit, die Fluttershy zu dem machte, was sie war.

Er öffnete seinen Mund, um mit seinen Fragen zu beginnen, als sich ihre Lippen auf die seinen legten. Also schloss er ihn wieder. Aber nicht ganz.

Es dauerte eine Weile, bis er es begriff. Lange Zeit war er zu sehr damit beschäftigt, die kanariengelbe Stute in seinen Hufen zu halten, sie so fest es ging an sich zu drücken und ihre Nähe zu spüren. Als sie langsam wieder voneinander lassen konnten und einen langsamen vorsichtigen Tanz miteinander begannen, im Takt der Musik, die zu ihnen nach außen drang, ging es im auf.

Sie würden sich kennenlernen. Stück für Stück. Es war nichts, das getan werden musste, weil es dazugehörte und das sie aufholen mussten, weil das Schicksal dazu geführt hatte, das sie eine menge Zwischenschritte ausgelassen hatten.

Es war so wie der Tanz, den sie hier draußen aufführten: Nur für sie beide, ohne Zweck, ohne Not, genügte er nur sich selbst. Und jeder Schritt war schön für sich selbst und machte Freude auf den Nächsten. Denn sie waren jung und sie liebten sich. Das war alles, worauf es ankam.


Der Ball, der offiziell zu Ehren der Elemente der Harmonie und ihrer heldenhaften Aufdeckung der Ursache der ungewöhnlichen Dürre ausgerufen wurde, war auf seinem Höhepunkt. In der Mitte des Spiegelsaals drehten sich noch immer die Tänzer, jetzt in etwas aufgelockerten Reihen, da die streng formalen Tänze des Hofes den klassischen Paartänzen gewichen waren. Die am Rand stehenden Gäste begannen sich langsam zu entspannen, als die politischen Geplänkel, die den frühen Abend beherrscht hatten, abgeschlossen wurden. Den Meisten der ausländischen Würdenträgern war bewusst, das Celestia und ihre Verbündeten starken Einfluss auf alle Anwesenden ausgeübt hatten, aber Niemand konnte sich beschweren übervorteilt worden zu sein. Im Gegenteil, die zufriedenen Gesichter und die vielen Gläser Schaumwein, die überall zu sehen waren, ließen darauf schließen, das die Diplomaten mehr als glücklich mit den heutigen Ergebnissen waren. Die Tinte auf den Handelsabkommen, Lieferverträgen, Beistandbündnissen und Neutralitätsabkommen war in den Nebenräumen gerade am trockenen, während die Entschlüsse bereits feucht begossen wurden. Equestria hatte harte Bedingungen annehmen müssen, aber die Prinzessinnen wussten, das die kurzfristigen Verluste durch die gewonnene Stabilität mehr als aufgewogen wurden. An diesem Abend waren viele Pläne zu ihrem Abschluss gekommen, an dem Celestia bereits seit hundert und mehr Jahren arbeitete. Wie ein gewaltiges Puzzle hatte sie mit der Geduld, die nur eine Unsterbliche aufbringen konnte, ihren Einfluss subtil spielen lassen, hatte vorsichtig und mit Bedacht Stück an Stück gelegt, bis aus den unerkennbaren Flicken langsam ein Bild entstanden war.

Es war noch immer weit von seiner Vollendung entfernt. Die Herrin der Sonne wünschte sich, sie hätte noch ein oder zwei Generationen Zeit gehabt, ihr Werk, das sie als das wichtigste in ihrem Leben betrachtete, so weit zu festigen, das es ebenso unvergänglich wurde wie sie selbst. Aber es hatte wohl nicht sollen sein.

Während sich Schimmerschuppe, einer der großen Drachen, die zum heutigen Ball gekommen waren, mit der Kanzelerin von Germaney über die veredlung der Münzen aus unreinem Gold in ihrem Hort unterhielt, eine Übereinkunft, die Luna zwischen den beiden angeleiert hatte und die vorher undenkbar gewesen war, sah Celestia zu ihrer Schwester, die zwischen den beiden Parteien vermittelte.

Es tat ihr weh, Luna diese Bürde auf die Schultern zu heben, aber es war nicht anders möglich. Die nächsten Jahre würden schwierig für sie werden, vielleicht schwieriger als alles was Celestia hatte erdulden müssen. Alles, womit sie sich trösten konnte, war, das sie ihrer geliebten Schwester ein festes Fundament überließ, auf dem Luna noch größeres bauen konnte, als sie selbst jemals im Stande gewesen war.

Als sie sie jetzt ansah, wie sie mit der Eleganz und dem Charme einer geborenen Herrscherin die letzte Hürden zwischen einem Bündnis beiseite schaffte, das Jahrhunderte überdauern mochte, wurde ihr etwas leichter ums Herz. Sie wusste, Luna hatte das Zeug dazu, das Reich zu führen, hatte es immer gehabt. Vielleicht sogar mehr als sie selbst. Es war ihr immer leichter gefallen, die schwierigen Entscheidungen zu fällen, ohne das ihr Herz dabei hart oder ihr Verstand zynisch wurde.

Sie war die jüngere Schwester und Celestia hatte instinktiv versucht sie zu beschützen. Vor tausend Jahren hatte das einmal in die Katastrophe geführt, die sie beide fast zerbrochen hätte. Celestia wusste, das ihrer Schwester noch immer sich alleine die Schuld für ihrer Verwandlung in Nightmare Moon gab. Sie hatte es ihr gesagt, wieder und wieder, ohne auf darauf zu hören, was Celestia ihr so dringend zu verstehen geben wollte. Luna war der Überzeugung, das ihre Verwandlung… ihrer Entartung einzig ihre eigene Schuld war. Das es einzig ihr Neid und ihre Missgunst gewesen war, die das Monster in ihr hervorgebracht hatte. Und auf gewisse Weise hatte sie recht.

Aber Celestia wusste, das es nicht so einfach war. Lunas Gefühl der Zurückweisung und der Nichtbeachtung war nicht aus unangemessener Geltungssucht oder Gier entstanden. Celestia selbst, geblendet durch ihre Liebe, blind für die Not ihrer Schwester, die nur den ihr zustehenden Platz verlangte, hatte es möglich gemacht, das die Dunkelheit der friedlichen Nacht in alles verschlingende Schwärze umschlug.

Sie musste ihre eigene Schwester für tausend Jahre auf den Mond verbannen. Tausend Jahre getrennt von der einen, der einzigen Person, die ihr selbst gleich war, die verstehen konnte, was es bedeutete, alles was man sonst auf dieser Welt lieben lernte, letztlich vergehen und sterben zu sehen. Tausend Jahre, in der ihre Schwester für Celestias Fehler büßen musste. Aufgrund ihres eigenen Stolzes, ihrer eigenen Verblendung. Tausend Jahre des Bedauerns.

Und als das Millenium endlich verstrichen war, fünfzig Generationen vergangen, und sie ihre Schwester endlich wieder bei sich hatte, geläutert, gereinigt scheinbar, die eine von dem Makel der Eiersucht, die andere von der Selbstüberheblichkeit, ertapte sich Celestia dabei, wie sie selbst wieder in alte Muster verfiel, die sie in unzähligen Nächten verflucht und abgeschworen hatte. Luna war noch immer ihre kleine Schwester. Würde es immer bleiben. Die Herrin der Sonne konnte nicht anders. Sie hatte sie einmal verloren und so bitterlich dafür gebüßt. Und weil sie sie solche Furcht davor hatte, sie noch einmal zu verlieren, beging sie ihre Fehler von damals von neuem.

Sie wusste es. Sie begriff es, während sie Luna von den Staatsgeschäften zurückstellte, so gut es ging, ohne es zu offensichtlich werden zu lassen. Sie war sich dessen bewusst, jedes einzelne Mal, wenn sie eine Diskussion mit einem Machtwort abschnitt. Luna ertrug es, meistens, mit Fassung und fügte sich. Aber bereits jetzt konnte Celestia fühlen, wie sich der Widerstand in ihr regte. Und sie konnte nichts dagegen tun. Ihre Liebe zu ihrer Schwester, etwas, das sie eigentlich zusammenschmieden sollte, trieb sie immer weiter auseinander.

Aus diesem Grund hatte sich Celestia zur ersten, echten egoistischen Tat seit mehr als tausend Jahren entschieden. Etwas, das weder dem Reich, noch ihrer Schwester dienen würde, sondern nur ihr selbst. Etwas, das sie sich selbst lange verboten hatte.

Luna entschudigte sich unter einem Vorwand aus dem Gespräch und sah sich überraschend ihrer Schwester gegenüber, die sie wenige Schritt entfernt beobachtete. Celestia hatte sich mit einer kleinen Blase aus Magie umgeben, die die Blicke ablenkte und gesprochene Worte mit dem Hintergrund verschmelzen ließ. Lunas Blick verfinsterte sich schlagartig, da sie erkannte, das dies nur eine Grund haben konnte.

Sie trat in das Feld der Magie, ohne das Geflecht zu stören und sah dann ihrer Schwester ins Gesicht. "Du denkst, die Zeit ist gekommen, oder?"

Celestia nickte langsam. "Es gibt keinen Grund mehr, es länger aufzuschieben."

Die beiden Schwestern schwiegen sich einige Sekunden lang stur an. Es war ein Wettstreit des Willens, den eine von ihnen verlor.

"Bitte…", flehte Luna erstickt, während sich Tränen in ihren Augen sammelten. "Lass mich gehen. Es ist meine Verantwortung. Mein Fehler. Equestria braucht dich. Diese Ponys brauchen dich. Ich bin nur… nur eine böse Erinnerung für sie."

Celestia sah, wie sehr ihre Schwester sich fürchtete und es brach ihr fast das Herz. Aber sie riss sich zusammen und ließ es sich nicht anmerken. Luna musste nun stark sein. Und sie selbst auch. "Meine Entscheidung ist gefallen.", antwortete sie, so scharf, das Luna unwillkürlich zusammenzuckte. Bei diesem Anblick ging ein Stich durch Celestias Herz und sie fügte etwas weicher hinzu: "Es ist jetzt an mir, Lulu. Ich habe dich einmal für meine Fehler büßen lassen. Es wird kein zweites Mal geben."

Die Herrin des Mondes wollte widersprechen, aber ein erhobener Huf brachte sie zum Schweigen. "Und es wird auch keine weitere Diskussion geben." Wieder trat die eiserne Entschlossenheit in ihre Stimme. "Lass uns gehen. Sie warten auf uns."

Celestia ließ den Schleier um sie beide fallen und schritt an der Seite ihrer Schwester die Treppen hinauf, dort, wo sie alle sehen konnten.

"Hier, probier mal die Muscheln! Die schmecken besonders gut." Rogue nahm den kleinen Bissen von der Gabel, die Fluttershy ihm hinhielt. Er war nie ein Fan von Meeresfrüchten gewesen, aber als er das aromatische, leicht gummiartige Stück von den Zinken pickte, schmeckte es ihm überraschend gut. Es war ein bisschen peinlich, sich füttern zu lassen und eigentlich auch nicht notwendig, da seine Vorderläufe noch ausgezeichnet funktionierten, aber er sah, das die kanariengelbe Stute ihre Freude daran hatte und ließ es gerne geschehen. "Gib mir noch eines!", verlangte er belustigt.

Als der nächste Bissen ausblieb, sah er überrascht auf. Fluttershy´s fröhlicher Gesichtsausdruck war einer leichten Besorgnis gewichen, während sie an ihm vorbei sah.

"Was ist?", fragte er sie, während er sich gleichzeitig umdrehte. Damit beantwortete sich seine Frage von selbst.

Prinzessin Celestia und Prinzessin Luna waren auf den obersten Absatz der großen Treppe getreten. Die Musik verstummte leise, während alle im Saal sich den Herrscherinnen zuwandten. Ihr Auftritt war keine Überraschung, schließlich war angekündigt worden, das die Prinzessinnen endlich in aller Öffentlichkeit das Problem der Dürre adressieren würden, sowie deren Lösung. Für die Elemente war das erstere kein Geheimnis mehr, letzteres jedoch schon. Keine der beiden Alicorns hatte auch nur eine Wort über einen Plan verlautbaren lassen, wie sie die Krise bewältigen wollten.

Erwartungsvoll traten die Elemente nach vorne, an den Fuß der Treppe. Ihnen wurde bereitwillig Platz gemacht, war doch klar, das sie eine gewichtige Rolle in dem ganze spielten. Rogue blieb an Fluttershys Seite und richtete seine Uniform, während sie nach vorne drängten. Die ausgesuchten Vertreter der Presse, die an diesem Abend anwesend sein durften, hatten sich bereits die vordersten Plätze gesichert. Twilight führte ihre Freunde durch ihre Reihen, so das nur die Stufen der Treppe sie von den Prinzessinnen trennten. Rogue war froh, das er Write Up nicht darunter entdeckte. Er war sich nicht sicher, was er getan hätte, wenn er sie in seine Hufe bekäme und er wollte keinen Eklat verursachen.

"Wir heißen sie noch einmal hier willkommen, alle Diplomaten, Staatsvertreter, Würdenträger und geladene Gäste.", begann Celestia mit lauter Stimme, die klar bis in die letzten Winkel des Saals vordrang. "Wir freuen uns, das sie unsere Gastfreundschaft an diesem Abend angenommen haben. Und wir freuen uns, das sie diesen Abend der Freude mit uns begehen. Denn es gibt Grund genug zu feiern!" Sie schwieg einen Augenblick lang, um die Erwartung zu steigern. "Wir sind in der jüngsten Vergangenheit von einem Übel heimgesucht worden, das die Lebensweise, ja, sogar das Überleben so vieler von uns bedroht. Trotz unser aller Anstrengungen war es bisher nicht möglich die Ursache zu ermitteln, die dazu führte, das sich weder Wolken noch Regen über Equia bilden wollten. Bis heute." Celestia beugte ihren Kopf und sah auf den Fuß der Treppe, wo die sieben Ponys ihren Blick erwiederten. "Es sind wieder einmal die Elemente der Harmonie, die nicht nur unser Reich, sondern auch so viele andere gerettet haben. Sie sind trotz schrecklicher Widerstände, furchtbarer Hindernisse und unvorstellbarer Widrigkeiten ins Herz der Wahrheit vorgestoßen und haben für uns alle die Antwort entdeckt. So schwierig war ihre Aufgabe, das sie es nicht ohne die Hilfe und das selbstlose Opfer eines tapferen Rettungsponys geschafft hätten. Ihnen allen gebührt unser Dank."

Rogue fühlte, wie die Anerkennung der Prinzessin ihm die Brust schwellen ließ. Ein Blitzlichtgewitter flammte um sie herum auf und er bemerkte wie seinen Freundinnen nicht weniger stolz aufmerkten.

"Sie brachten uns, wie so oft zuvor, den Schlüssel zu unserer Erlösung: Die Wahrheit." Celestia sah zu ihrer Schwester. "Vor vielen Jahren beging ich einen Fehler. Einen Fehler, der so schwerwiegend war, das er seinen Schatten sogar auf den heutigen Tag wirft. Tausend Jahre sind seither vergangen, aber er ist nicht vergessen und nicht vergeben." Sie senkte wieder ihren Kopf, diesmal in einer Geste der Demut. "Vor zwei Jahren kehrte Nightmare Moon aus ihrer Verbannung auf dem Mond zurück. Dank der Elemente konnte diese Bedrohung abgewendet werden und meine Schwester wieder ihren rechtmäßigen Platz als Prinzessin des Reiches einnehmen. Die Gefahr für Equia schien damals gebannt. Aber das war ein Irrtum." Die Prinzessin sah auf. "Wie die Elemente erfahren haben, ist der Grund der Dürre eine letzte Gemeinheit von Nightmare Moon, ein letzter Plan uns zu zerstören, sollte sie selbst versagen."

Ein Raunen ging durch die anwesenden Würdenträger der Aristokratie und der Vertreter der Presse. Die Diplomaten hingegen bleiben überraschend still. Luna´s Gesichts blieb starr, aber Rogue konnte erkennen, wie sich ihre Kiefermuskeln verkrampften, als sie ihre Zähne zusammen biss.

Celestia fuhr fort. "Das Problem kann nur an der Wurzel bekämpft werden. Unser Feind, die besiegte Nightmare Moon hat einen letzten Diener auf dem Mond zurückgelassen. Er befiehlt dem Wasser über das Himmelsgestirn. Wir, ich und meine Schwester, mögen nur den Aufgang und den Untergang von Sonne und Mond zu befehlen. Um diesen Umtrieben Einhalt zu gebieten…", die Herrin der Sonne schwieg einen Moment lang, bevor sie fortfuhr. "...muss ein Opfer gebracht werden. Eines, das schwierig für uns alle ist."

Der Saal hielt den Atem an, während alle auf die nächsten Worte der Prinzessin warteten.

Celestia hob den Kopf. "Der Mond ist durch keine uns bekannte Magie erreichbar, außer der Elemente der Harmonie. Leider kann ein Pony, das durch die Kraft der Elemente dorthin verbannt wurde, nicht vor dem Ablauf von Tausend Jahren zurückkehren. Meine Schwester hat durch meine Fehler diese Verbannung einmal ertragen müssen. Und obwohl sie es mit Nachdruck verlangt hat, kann und will ich sie nicht noch einmal die Konsequenzen für meine Fehler tragen lassen. Morgen werden die Elemente mich auf den Mond schicken. Und ich werde unser aller Leiden ein Ende bereiten."

Hatte die Bekanntgabe der Hintergründe der Dürre nur Unruhe unter den Gästen nach sich gezogen, verursachte die letzte Offenbarung eine wahre Explosion. Der Geräuschpegel im Ballsaal schwoll schlagartig an, als jeder seinem Unglauben und Überraschung laut Luft verschaffte.

Rogue, durch die Aussage der Prinzessin zutiefst schockiert, sah hilfesuchend zu Fluttershy an seiner Seite. "Was hat das zu bedeuten?", fragte er sie ängstlich. Der kanariengelbe Pegasus, deren weit aufgerissene Augen von nicht weniger Furcht zeugten, schüttelte ihren Kopf. "I...ich weiß es nicht."

"Dieser Schritt mag drastisch erscheinen und sicherlich viele Fragen aufwerfen. Aber leider ist er der einzige, der Erfolg verspricht. Ich werden selbst den Umtrieben auf dem Mond ein Ende bereiten und den Regen zurückbringen. Auch wenn das bedeutet, das ich selbst ein Millenium auf dem Himmelsgestirn gefangen sein werde."

"Ich... ich kann nicht glauben, das sie niemandem von uns etwas davon gesagt hat. Twilight, weißt du..." Rogue sah sich nach der violetten Einhornstute um. Aber in der Gruppe von Freunden, die sich am Fuße der breiten Treppe gegeseitig unsicher ansahen, fehlte die treue Studentin plötzlich. "Was? Wohin..."

"In dieser Zeit wird es meiner Schwester zufallen, die Staatsgeschäfte alleine zu führen, so wie ich es bis vor kurzem getan habe. Ich habe vollstes Vertrauen darin, das sie sich als ebenso gütige wie vorausschauende Herrscherin erweisen wird, die Equestria als einen Ort von Frieden, Toleranz und Freundschaft erhalten wird."

Das Rettungspony sah sich weiter hektisch nach Twilight um, während seine anderen Freunde enger zusammentraten.

"Was sollen wir jetzt tun?", brachte Pinkie die Frage, die sie alle beschäftigte, auf den Punkt.

Rogue zögerte einen Moment. "Ich weiß es nicht.", flüsterte er schließlich. Ein Blick in die Runde verriet ihm, das auch niemand sonst die Antwort kannte.

Um sie herum wogte die Menge noch immer, gellten die Reporter Fragen und murmelten die Diplomaten untereinander. Die Elemente, vergessen für diesen Moment, standen ratlos beieinander.


Spät in dieser Nacht, die kein Ende zu nehmen schien, legte Celestia in ihren privaten Gemächern endlich ihren schweren Goldschmuck ab, nachdem sie sich des eleganten, aber hinderlichen Festgewandes entledigt hatte. Nachdem das letzte Stück klappernd auf die Anrichte gefallen war, seufzte die Herrscherin erschöpft. Der heutige Abend hatte sie Kraft gekostet, Kraft, die sie in Anbetracht der ihr bevorstehenden Aufgabe kaum entbehren konnte. Sie wusste nicht genau, was sie auf dem Mond erwarten würde und welche Fallen Nightmare Moon für sie vorbereitet hatte, aber sie musste mit dem Schlimmsten rechnen.

Einen Moment lang nahm sie sich Zeit und betrachtete sich selbst im Spiegel, der die ganze Seite der Tür zu ihrem Ankleidezimmer einnahm. Ihre Erscheinung war noch immer die selbe wie vor tausend Jahren, als ein solcher Spiegel aus wesentlich unreinerem Glas bestanden hatte und bereits wenige Tage nach seiner Fertigung schwarze Flecken korrodierten Silbers zeigte.

Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie ihrer Mutter unendlich dankbar für ihre fast unveränderliche Gestalt gewesen war. Um genau zu sein, kurz nach der Entdeckung raffinierten Zuckers für Torten und Kuchen. Jetzt jedoch empfand sie einen gewissen Zynismus darüber, der sich ihr schwer aufs Gemüt legte.

Celestia fühlte sich sich zum ersten Mal seit langer, langer Zeit, wirklich alt. Alicorns waren für die Ewigkeit gemacht, nicht nur mit fast unvergänglichen Körpern ausgestattet, sondern auch mit einem Geist, der vor Energie und Optimismus nur so sprühte und die langen Jahrhunderte, voller Herausforderungen, Rückschläge und Verluste erträglich machte. Aber alles hatte seine Grenzen. Celestia war müde.

Während sie sich im Spiegel betrachtete und versuchte das Bild von Jugend und Leben darin mit ihrem eigenen Befinden in Einklang zu bringen, kam ihr der Gedanke, das dies vielleicht das letzte Mal in langer, langer Zeit sein mochte, das sie diesen Luxus genießen konnte. Vor ihr lag eine lange Zeit des Exil, egal wie ihre Mission ausgehen würde.

Langsam erkannte sie, das sie ein wenig Angst hatte. Nicht vor dem, was der böse Avatar ihrer Schwester für sie zurückgelassen haben könnte. Zum ersten Mal, seit sie zu ihrem Entschluss gekommen war, sich selbst in die Bresche zu werfen, erlaubte sie sich vollends zu begreifen, das sie im Begriff war, alles was sie kannte, alles was sie aufgebaut hatte, alles was sie liebte, zurück zu lassen. Und nichts davon mochte noch bestehen, wenn sie zurückkehrte. Und dazwischen...

Tausend Jahre allein. Allein. Sie erschauderte.

Mit einem Aufblitzen von Magie warf sie die Spiegeltür ins Schloss und entzog sich so ihres eigenen Anblicks.

Als sie sich in ihr breites, ausladende Bett legte, kehrte der Gedanke hartnäckig zurück. Würde der Staub des Mondes ebenso weich und warm sein? Wie würde es sein, Aufzuwachen und zu wissen, das es kein Pony, keine Kreatur um sie herum gab, mit dem sie sprechen konnte, dem sie einen guten Morgen wünschen konnte? Mit dem sie ein paar Worte austauschen konnte, so unverbindlich und seicht sie auch sein mochten? Wie mochte es sein, keine andere Aufgabe zu haben, als einen weiteren Tag zu existieren, einen weiteren Strich zu ziehen und zu warten, warten...

Als sie sich entschlossen hatte, war es für einen Moment gewesen, als wäre eine unglaubliche Last von ihren Schultern genommen worden, von der sie nicht einmal mehr gewusst hatte, das sie sie niedergedrückt hatte. So verrückt es ihr auch schien, der Gedanke all die tausend und abertausend Verpflichtungen, Intrigen, Verantwortungen und Pflichten abzugeben, die sie täglich beanspruchten, einfach abzustreifen, war ihr fast als Segen erschienen. Aber der Preis dafür war hoch. Luna würde nun an ihrer Statt diese Last tragen müssen.

Die Prinzessin war gerade dabei über ihren schweren Gedanken in einen leichten Schlaf abzudriften, als sie ein trockenes Ploppen vernahm. Sie musste nicht aufsehen, um zu wissen, was es bedeutete. Aber sie tat es trotzdem. Soviel war sie schuldig.

"Hallo, Twilight.", begrüßte die Prinzessin das Einhorn freundlich, das gerade neben ihr Bett teleportiert war.

Die violette Stute sah nicht gut aus. Ihre Mähne glich einem Rabennest und ihre Augen waren von Tränen rot und geschwollen. Einen Moment schien sie ob der fehlenden Überraschung Celestias verunsichert, dann wurde ihr Blick wieder fest und entschlossen.

"Nein." Das eine Wort, das ihre Lippen sprachen, war alles was sie sagte. Es trug mit sich tausend andere Worte, Worte die unausgesprochen blieben, aber dennoch so klar und scharf wie Kristallscherben zwischen ihnen hingen.

Celestia blieb einen Moment lang stumm und betrachtete ihre treue Studentin bewundernd. Wie weit sie im Verlaufe dieser zwei Jahre gekommen war! Sie erinnerte sich gut, wie sie eine verklemmte, unsichere Stute auf ihren Weg geschickt hatte, um Freunde zu finden und, fast nebenbei, die Welt zu retten. Und heute stand diese Stute vor ihr und bot ihr die Stirn, widersetzte sich ihrem königlichen Entschluss mit einem einzigen, klarem Wort, das keinen Widerspruch duldete. Selbst wenn Celestia nicht schon gewusst hätte, das von Twilight großes zu erwarten war, sogar noch mehr als sie mit Hilfe ihrer Freunde ohnehin schon geleistet hatte, wäre dies der Beweis gewesen.

Die Prinzessin nickte sacht, machte mit einer leichten Geste klar, das sie Twilights Einspruch respektierte, sich ihm aber nicht beugte.

"Du bist wütend.", stellte sie sanft fest.

"Und ob ich das bin!", bellte die Einhornstute laut, vielleicht lauter, als sie es beabsichtigt hatte. Aber entgegen ihres sonstigen Wesens zögerte sie nicht ob ihres Fehlers. "Ich bin stinkwütend! Ich koche vor Wut! Wie konntest du? WIE KONNTEST DU?"

Celestia bemerkte, wie Twilight ins ´Du´ ihr gegenüber verfallen war, ein Fauxpas, den sie sich niemals vorher erlaubt hatte. Aber sie ging darüber hinweg. Es war wichtig, das Twilight verstand.

"Ich verstehe, dass das ebenso überraschend für dich kommt, wie für deine Freunde. Aber ich habe meine Gründe für diese Entscheidung."

Twilight schnaubte. "Und die wären?"

"Ich bin jetzt entbehrlich." Die Worte waren leise gesprochen, aber auf die violette Einhornstute, die fast außer sich war, wirkten sie wie ein Donnerschlag.

"Was?", flüsterte Twilight schwach.

"Ich bin entbehrlich.", wiederholte Celestia sanft. Sie zog die seidenbezogenen Laken des Bettes über ihren Rumpf, da sie eine unwillkürliche Kälte verspürte, die der warmen Nachtluft Lügen strafte. "Ich bin austauschbar geworden. Frei."

Einen Moment lang kämpfte Twilight mit dieser überraschenden Antwort ihrer Mentorin. "Frei?", fragte sie.

"Frei", bestätigte die Prinzessin. "Frei meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Meinem Herzen zu folgen. Nicht der Notwenigkeit. Luna kann meinen Platz einnehmen, wenn es notwendig wird. So wie jetzt."

"Aber... aber warum?", flehte Twilight zu wissen. "Wir sind die Elemente der Harmonie! Wir sollten es sein, die auf den Mond gehen. Du bist zu wichtig! Wir… das Reich braucht dich! Noch immer. Auch mit Luna. Es braucht euch beide." Einen Moment lang kämpfte sie mit sich selbst, als noch etwas anderes aus ihr herausdrängen wollte, etwas, von dem sie geglaubt hatte, es so tief in sich vergraben zu haben, das es niemals wieder das Tageslicht erreichen würde. Sie wusste, das es ein Fehler war, es auszusprechen und das sie es bitterlich bereuen würde. Aber die Wunde in ihr war noch zu frisch und sie selbst zu verwirrt und verängstigt, um echte Gegenwehr zu leisten.

Mit zitternden Lippen fügte sie leise hinzu: "Ich brauche dich."

Celestia sah ihre junge Studentin mitfühlend an. "Ja, ich weiß, Twilight." Sie stand langsam auf und das seidene Laken glitt an ihrem seidenweichen, schimmernd-weißen Fell hinunter. Einen Moment lang spreizte sie ihre großen Flügel, als sie vom Bett hinunter und auf die junge Stute zu trat. Twilight sah zu dem großen Alicorn auf, das sie so weit überragte und versuchte das Gefühl von Angst zu vertreiben, das sich langsam um ihre Herz legte. Sie hatte sich so lange in der Gegenwart der Prinzessin sicher und geborgen gefühlt, das dieses Gefühl ihr zutiefst falsch vorkam. Trotzdem wollte es nicht weichen. Celestia´s Ablehnung hatte sie bis in ihr Innerstes verletzt und die Erinnerung an diesen Schmerz, der tief in ihr noch immer pochte, brachte die Furcht mit sich.

Celestia sah diese Angst in den Augen ihrer Studentin und spürte ein kalte Welle des Bedauern über sich hinwegbranden. Wie so oft in ihrem langen, langen Leben fragte sie sich, wie es dazu gekommen war, dass das, was sie am wenigsten wollte, trotz all ihrer Macht, trotz ihrer weisen Vorraussicht, unausweichlich doch eingetroffen war. Und wie schon so oft zuvor kam sie wieder zum selben Ergebnis: Es war notwendig gewesen. Ein verhängnisvoller Schritt nach dem nächsten, eine unabdingbare Entscheidung nach der anderen, bis es keine Entscheidungen mehr gab, sondern nur noch einen erstickend engen Pfad, der mit Bedauern gepflastert war.

Die Prinzessin der Sonne war diesen Pfad weit gegangen, aber nicht bis zum Ende. Ihre Entscheidung, ihre freie Wahl sich selbst und niemand anderen zum Opfer zu bestimmen, war ein Bruch mit ihren Regeln gewesen, einen, den sie sicherlich noch auf die eine oder andere Weise bereuen würde. Aber gleichzeitig hatte es sie von der Unabänderlichkeit befreit, hatte ihr erlaubt einen neuen Weg einzuschlage, der nicht so festgefahren und mit Zwängen behaftet war. Aber entgegen ihrer eigenen Worte bedeutete das nicht, das sie gänzlich frei war. Freier als zuvor, ja. Aber nicht gänzlich frei. Das war ein Privileg, das nur die Verrückten und wahrhaft Bösen für sich beanspruchen konnten.

Sie war nicht frei. Sie war nicht frei Twilight diese Angst aus den Augen und dem Herzen zu nehmen, wie nur sie es vermochte. Sie war nicht frei, diesen Schmerz in ihr auszulöschen wie eine Kerzenflamme, so leicht dies auch war.

Aber sie konnte beides lindern. Also senkte sie ihren Kopf, bis sich ihre Wange an die von Twilight schmiegte, so das sie ihr leichtes Zittern fühlen konnte. Und sie breitete ihre schwanenweißen, riesigen Schwingen aus und hüllte den kleinen Körper ihrer Studentin darin ein. Sie konnte fühlen, wie das violette Einhorn sich zuerst versteifte, als die weichen Federn sie einhüllten, aber ihr Widerstand dauerte nicht lange an.

"Ich kann euch nicht gehen lassen, Twilight. Ebenso wenig wie ich Luna das noch einmal antun kann. Tausend Jahre, Twilight. Es gibt keine Amnestie, keine frühzeitige Entlassung von der Verbannung. Das sind die Regeln. Ich muss gehen. Ich muss es tun. Auch wenn ich es nicht darf. Auch wenn es Leid und Verzweiflung hervorbringt, in dir, deinen Freunden, meiner Schwester, meinen Untertanen. Auch wenn ich weiß, das so vieles an mir selbst hängt, das meine Schwester nicht übernehmen kann, so sehr sie es sich auch wünscht und es versucht. Auch wenn es das Klügste währe, das Vernünftigste, euch zu bitten Luna noch einmal in die kalte Leere zu schicken, ich kann es nicht. Nicht ohne daran zu zerbrechen. Dafür… bin ich nicht stark genug."

Sie hielt ihre Studentin in ihrer warmen Umarmung fest und fühlte, wie heiße Tränen langsam auf den Pelz ihrer Brust rannen. "Gibt es den keine andere Möglichkeit?" Twilights Stimme drang nur gedämpft durch die Decke aus weißen Federn, unterbrochen von tiefen Schluchzern. "Gibt es keinen anderen Ausweg?"

Celestia schüttelte traurig ihren Kopf, auch wenn ihre Studentin die Geste nicht sehen konnte. "Nein. Es wäre für jeden außer uns Prinzessinnen ein sicheres Todessurteil. Es muss eine von uns sein. Nightmare Moon dachte, das wenn sie scheitern sollte, ich sie vernichten würde, zusammen mit meiner Schwester. Deshalb hat sie überhaupt erst diesen Plan ersonnen. Es kam Ihr nie in den Sinn, das die Elemente dazu eingesetzt werden könnten ihren schädlichen Einfluss zu revidieren und Luna von ihr zu läutern. Es ist eine schreckliche Intrige. Letztlich läuft trotz ihres Scheiterns alles nach ihrem Plan: Ich bin es, der ihren Platz einnehmen wird. Was für einen verrückte Welt." Celestia lächelte freudlos.

Unter ihrem Gefieder regte sich der Kopf Twilights und sie schob ihre Flügel ein wenig auseinander. Das verweinte Gesicht ihrer Studentin sah ihr darunter entgegen.

"Gibt es den gar nichts, das wir tun können?", fragte Twilight schluchzend.

Celestia lächelte sanft und gab der Stute einen Kuss auf die Stirn, direkt unterhalb des Horns. Twilight erschauderte. "Eine wichtige Aufgabe habe ich noch für dich, meine treue Studentin."

Die feuchten Augen des Einhorns wurden groß. Celestia wusste, das sie jetzt alles von Twilight verlangen konnte und die junge Stute würde es ohne zu Zögern ausführen. Die anfängliche Wut, die sie hierher getrieben hatte, die jeden Respekt und jede Zurückhaltung davongefegt hatte, war verschwunden und wieder der bedingungslosen Loyalität gewichen, die Twilight ihr gegenüber seit frühester Jugend gezeigt hatte. Die Prinzessin konnte nicht anders, als ein wenig Enttäuschung darüber zu empfinden. Auch wenn sie sich im tiefsten Herzen davor gefürchtet hatte, war der Mangel an Kampfgeist ihrer Studentin frustrierend.

Einen Moment später schalt sie sich selbst für diese Gedanken. Celestia hatte Twilight seit frühester Kindheit unter ihre Fittiche genommen und sie nach ihren Wünschen geformt. Zwar war sie nie ein Zuchtmeister gewesen, der die junge Persönlichkeit zerbrach, um sie nach ihren Wünschen neu zu errichten, aber sie hatte dennoch viel Einfluss auf die Entwicklung des Ponys genommen, das heute vor ihr stand. Sie konnte sich nicht aus der Verantwortung nehmen, nur weil ihr das Ergebnis manchmal nicht gefiel. Tatsächlich musste sie sich selbst die Schuld an vielem geben, was Twilights genialen Verstandes und fähigen Hufen entglitten war. Es war unfair, die Einhornstute danach zu richten, was sie für ihre lebenslange Mentorin empfand.

"Ein letzter Auftrag von mir an dich." Sie fühlte das Erschaudern ihrer kleinen Studentin, das mit der Endgültigkeit ihrer Worte einherging, aber sie ignorierte es. "Ich habe dich alles Notwendige gelehrt und du hast meinen Erwartungen bereits jetzt weit übertroffen. Du bist über dich selbst hinausgewachsen und auch wenn du noch viel zu lernen hast, möchte ich, das du weißt, das ich sehr, sehr stolz auf dich bin."

Sie fühlte, wie Twilights Körper ob ihres Lobs leicht anzuschwellen schien, so als würde es ihr mehr Gewicht und Substanz verleihen.

"Ich muss dich hier zurücklassen, ohne meinen Rat, auf den du dich so sehr verlassen hast. Aber ich glaube, das du weit genug bist auch ohne ihn zurecht zu kommen. Du hast es bereits oft bewiesen. Was ich dir aber noch mit auf den langen Weg geben möchte, der vor dir liegt ist folgendes:" Celestia beugte ihren Kopf weit zu Twilight hinab, was ihren Worten etwas zu zutiefst intimes verlieh. "Wenn das Undenkbare eintritt, wenn ich versage, wenn der Regen nicht innerhalb von sieben Tagen nach Equestria zurückkehrt, darfst du mir auf keinem Fall folgen, oder zulassen, das Luna es tut. Meine Schwester und die Elemente der Harmonie sind die einzige Garantie dafür, das Equia auch dann überleben kann. Sie braucht dann eure Stärke und Zusammenhalt, um das Schlimmste zu verhindern. Beschütze Equestria, zusammen mit deinen Freunden."

Twilight bewegte sich wieder unter ihr, aber diesmal zögerte das Alicorn, dem Drängen nachzugeben. Trotzdem gab sie schließlich nach. Sie war es Twilight schuldig.

"Was hast du gesehen?", fragte die Stute in seltsam dumpfen Tonfall.

Celestia erschauderte. Nicht nur wegen der Erinnerung an die Schicksalslinien, die sich in dieser Wahrscheinlichkeit verzweigten, sondern auch wegen des Wissens ihrer Studentin. Sie hatte oft vermutet, das Twilight während des Rituals zur Kontaktierung der Ming im Tarterus in Sphären vorgestoßen war, die den meisten Einhörnern verschlossen blieben, aber die Klarheit der Frage erstaunte sie dennoch. Wie wie so oft wusste die violette Einhornstute sie immer wieder zu überraschen.

"Die Not bringt oft das Beste, aber auch das Schlechteste in uns zum Vorschein, Twilight. Eine Zukunft, an die ich lieber nicht denken mag, beweist das besser als alles andere. Zuerst ist sie strahlend und voll von Hoffnung, aber sie endet immer Tod und Verzweiflung." Die Prinzessin erschauderte unwillkürlich. "Wenn Ihr oder Luna mir folgt, wird diese Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit wahr werden. Eine kurzes Zeitalter des Fortschritts und der Wunder, gefolgt vom Armageddon. Aber nicht das Ende allen Seins, nein, sondern schlimmer. Viel schlimmer. Es ist besser, gar nicht daran zu denken."

Bei diesen finsteren Worten schwieg Twilight und schmiegte sich nur enger an das Fell ihrer Lehrerin. Celestia strich ihr mit der Schnauze über die Mähne am Kopf. "Ich möchte dich nicht alleine lassen. Genauso wenig wie meine Schwester. Aber ich muss es tun. Für mich. Zum ersten Mal seit tausenden von Jahren für mich selbst. Verstehst du das?"

Twilight verstand es. Sie verstand es gut. Aber ebenso wie die Prinzessin für sich selbst entschieden hatte, wollte eine selbstsüchtiger Teil von Twilight nicht aufhören Vernunft und Verständnis zu verfluchen. Und so sehr sie sich auch bemühte, sie vermochte nicht ihn zum Schweigen zu bringen.

Ihr Geist hatte Sehnsucht. Aber ihr Herz wusste, das es nur Celestia gehörte.

In dieser Nacht, die schon kurz geworden war, lag Twilight eng an Celestias Körper und sonnte sich in der Wärme, die weißes Fell und Federn ausstrahlten, wie die Sonne in diesem Sommer, der nicht enden wollte. Und während sie dort lag, ihrer Mentorin, ihrer Prinzessin, ihrer wahren Liebe so nahe, wie sie es seit Kindheitstagen nicht mehr gewesen war, flüsterte ihr Celestia Geheimnisse ins Ohr. Es war alles, was sie noch über die Elemente der Harmonie wusste.

Es war die letzte Lehrstunde. Und wie so oft, war es die Wichtigste.