Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Geschichte, was den Inhalt von Hasbro´s My Little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum.

Kapitel 31: Was vom Tage übrig blieb

Es war ein wenig, als wäre er nie fort gewesen.

Er erwachte mit dem Schrei des Hahns, als sich die Sonne langsam, fast zögernd, über den Horizont erhob. Er öffnete seine Augen und war sofort hellwach, trotz der frühen Stunde, etwas, dass das hier und jetzt von seinen vorherigen Aufenthalten unterschied. Einige Sekunden lang betrachtete er die grün gestrichenen Bretter der Zimmerdecke zwischen den tragenden Balken über sich und genoss das vertraute, beruhigende Gefühl, das sie in ihm hervorriefen.

Er wusch sich in der einfachen Schüssel mit Wasser, die ihm Apple Bloom am Abend vorher gebracht hatte und trocknete sich mit dem Tuch daneben ab. Tatsächlich waren es nur ein, zwei wirkliche Tage gewesen, die er so auf Sweet Apple Acres verbracht hatte. Dennoch kam es ihm in diesem Moment so vor, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, als wäre Manehattan, das er bis vor wenigen Wochen nie verlassen hatte, nur ein ferner, unwirklicher Traum und die Realität hier, zwischen den hölzernen Wänden des Gästezimmers der Apples.

Eine erste Ernüchterung kam erst, als er auf den leeren Fleck sah, wo Bandits Nest in dem Eimer gewesen war, direkt neben seinem Bett. Die Ecke zwischen dem Balken und dem einfachen, gusseisernen Gestell war nun leer. Rogue betrachtete es einen Augenblick lang, nachdenklich und traurig.

Das kleine Nagetier war sein erster Vertrauter gewesen, sogar noch bevor er die Elemente kennengelernt hatte. Irgendwie, auf eine Art und Weise, kam es ihm vor, als wäre er Bandit sogar noch ein Stück näher gewesen, als seinen jetzigen Freunden. Es war bei weitem nicht so komplex gewesen, ja sogar das Gegenteil. Und vielleicht hatte darin der Reiz bestanden, der sie beide so schnell aneinander geschweißt hatte. Bandit hatte ihm vertraut. Nein, er hatte gemacht, dass das Nagetier ihm vertraut hatte. Irgendwie, auf eine Art und Weise, die ihm selbst nicht offenbar wurde, hatte er dieses an sich wilde Tier dazu gebracht sein Freund zu sein. Hatte ihm ein Versprechen gemacht. Ein Versprechen, das er letztlich nicht hatte halten können.

Es schmerzte Rogue, das Bandit nicht mehr da war. Er vermisste ihn, seine quirlige, eigensinnige Art und seine liebenswerte Neugier.

Aber letztlich hatte ihm das kleine Flughörnchen das größte Geschenk gemacht, das man einem Pony geben konnte - Sein eigenes Leben. Rogue wusste nicht, ob Bandit damit gerechnet hatte, dass das Stammespony es töten würde, aber letztlich war es auch egal. Es war passiert. Und er war nur noch hier, weil Bandit nicht gezögert hatte, für ihn, für seinen Freund, einzustehen. Das würde er nie vergessen.

Er dachte noch eine Weile lang darüber nach, während er seinen Hinterlauf vorsichtig streckte und massierte. Die Steifheit, die ihn gestern heimgesucht hatte, war wieder zurückgekehrt, wenn auch wesentlich weniger. Er hatte sich an den Rat des Hofarztes gehalten und mit Hilfe von Applejack den Verband vor dem Schlafengehen erneuert und dabei so fest wie möglich gezogen. Es war zuerst schwierig gewesen einzuschlafen, da er schrecklich gedrückt hatte, aber das Ergebnis machte das wett. Es war auch schwieriger zu gehen, aber das war kein großes Problem. Er musste heute ohnehin zur Klinik, um seine weitere Behandlung zu vereinbaren. Er warf einen Blick auf die leichten Satteltaschen über dem Pfosten seines Bettes, die seine Krankenakten beherbergten. Darunter, sauber unter das Bett geschoben, lag die große, schwere Leinentuchtasche mit dem Sauerstoffgerät, das er hier zurückgelassen hatte, als sie in das Alte Land aufgebrochen waren. Er würde es in das Dorf mitnehmen und mit der Post zurück zu seiner Wache schicken, zusammen mit einem Bericht über den Verlust der restlichen Ausrüstung und natürlich Grüßen und Kondolenzzeilen für Trotters Tod.

In Canterlot hatte er sich ganze Weile den Kopf darüber zerbrochen, wie er rechtzeitig zu Trotters Beerdigung zurück nach Manehattan kommen sollte. Es hatte eine Weile gedauert, bis er sich nach der Nachricht genug gefunden hatte, um die Sache klarer zusehen. Er wusste nicht einmal, wann Trotter genau gestorben war. Vielleicht war sein Kamerad bereits unter der Erde, mit allen Ehren, nachdem man seinen Sarg über die Fifth´ und Second gefahren hatte, mit der Fahne darauf.

Rogue wollte an seiner Seite sein, bei diesem letzten Gang, wollte ihm diese Ehre, seinen Respekt beweisen, als Dank dafür, was das alte Einhorn für ihn zu Lebzeiten getan hatte.

Es war seine Aufgabe. Es war seine Pflicht.

Für Rogue waren diese Wort ein Dogma geworden, seit er bei den Rettungsponys diente. Es beherrschte sein Leben, seit er auf die Akademie gegangen war und hatte ihn nicht mehr losgelassen, nicht einen einzigen Tag lang. Die Pflicht ging allem voran, hatte immer Vorrang und war wichtiger als alles andere. Und es war einfach, so zu denken, solange sie leicht auf seinen Schultern lag.

Pears hatte das verändert. Das fallende Fohlen, das Pony, das er nicht hatte retten können, hatte alles verändert. Sein Pflichtgefühl war immer mehr zu einem ständigen Strudel der Notwenigkeit geworden, der ihn tiefer und tiefer zog, bis er keine Wahl und keinen Ausweg mehr kannte. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er hier, eben an dieser Stelle im Gästezimmer der Apples gestanden hatte und dachte, das sein Leben zu einer Achterbahnfahrt geworden war, einem Leben auf Schienen, auf dessen Kurs er keinen Einfluss mehr hatte, auf der Fahrt von einer Katastrophe in die nächste.

Das war jetzt nicht mehr so. Es gab noch immer viele Unwägbarkeiten, aber zum ersten Mal seit scheinbar langer, langer Zeit fühlte er sich, als hätte er das Steuer über sich wieder in den eigenen Hufen.

I´m the Master of my Fate.

I´m the Captain of my Soul.

Und die Wahrheit war, das Rogue nicht gehen wollte. So sehr er Trotter auch geliebt hatte, er wollte hier nicht fort, nicht jetzt.

Es gab viele Ausreden dafür warum nicht. Er war verletzt und musste sich erholen - Das war eine der schlechteren, billigeren. Er wusste nicht ob Trotter schon begraben war - dito. Selbst dann konnte er ihm noch an seinem Grab ein paar Blumen hinterlassen und sich von ihm verabschieden. Er hatte hier Fluttershy und sie beiden mochten zum ersten Mal Gelegenheit finden, wirklich Zeit miteinander zu genießen - Das war schon besser. Hätte Trotter sie kennengelernt, er hätte es sicherlich verstanden.

Er hatte seine Pflicht erfüllt, er hatte gekämpft, geblutet und war fast gestorben für seine Freunde, für Equestria, für sein Pflicht. Und auch, wenn sie noch immer nicht zu ende war, wenn sie auch nie zu ende sein würde, war ihm eines klar geworden: Er konnte ihr niemals ganz gerecht werden. Es war zu viel für ein Pony, solche Aufgaben auf seinen Schultern zu tragen, sei es Erdpony, Element oder sogar Prinzessin. Alles was blieb, das Einzige, das wirklich Richtige war, war sein Bestes zu geben. Und nicht darüber zu verzweifeln, wenn es nicht genug war. Wenn nichts, so hatte ihn Trotter doch das gelehrt, auch wenn der Keim der Lektion erst spät in ihm aufging.

Jetzt würde er seine Wunden lecken, zu Kräften kommen und seiner Seele die Ruhe geben, nach der sie schon so lange verlangte. Denn auch wenn die Pflicht nicht schlief, so gab es doch eine Zeit, in der sie ruhen musste. Damit man sie auch morgen noch erfüllen konnte.

Also ging er nicht, stürmte Rogue nicht hin zu einer neuen Aufgabe, zu einem weiteren Ziel. Und er tat es nicht wegen der Ausflüchte, oder weil er nicht konnte. Nicht weil er egoistisch war, oder waidwund. Er tat es, weil er es nicht wollte.

Das war ein gutes Gefühl.


"Hey, Sugarcube! Schon wach?" Applejack biss genüsslich in ein Sandwich und schob ihm dann die Platte mit den belegten Broten auf dem Tisch zu. "Hau rein! Du kannst´s brauch´n."

"Hi, Granny, Big Mac, Apple Bloom. Guten Morgen Applejack.", begrüßte Rogue die Familie, als er in die Küche kam. Er hörte einen Moment lang auf seinen Magen, der erfreulicherweise mit leisem Knurren reagierte. Sein Appetit hatte in letzter Zeit etwas gelitten, was nie ein gutes Zeichen war. Also angelte sich ein Gänseblümchenbrot von dem Teller und nahm sich einen großen Bissen.

"Magste´ Rührei dazu, Rogue?" Granny Smith stand am Herd und behielt ihre Pfannen im Auge. "Mit Zwieb´ln un´ Schniddlauch?"

"Immer her damit!"

Die alte Mähre packte ihm etwas auf einen Teller und brachte es ihm. Noch bevor er reinhauen konnte, schnitt sie noch ein ordentliches Stück Butter ab und strich es auf den kleinen Berg aus geronnenem Ei. "Hier, weil de´ so dünn gewor´n bis´. Ich schau schon, dass s´ sich so schnell wie möglich änder´n tut. Mir ham´ dich im Hufumdreh´n wieda´ in Form, wirsd´ schon seh´n."

"Danke, Granny." Er besah sich seine riesige Portion einen Moment lang skeptisch, dann zuckte er mit den Schultern. Vielleicht lag es an der Landluft, aber er hatte tatsächlich mehr Appetit, selbst nach den erlesenen Speisen des königlichen Palastes. Er machte sich mit Messer und Gabel in den Hufen an die Arbeit.

Applejack trank langsam aus ihrem Kaffeebecher und sah wieder zu Big Mac, der die restlichen Brote am Tisch mehr inhalierte, als sie richtig zu kauen.

"Also nur noch die Bäume am Nordhang, eh?"

Der große, rote Hengst sah kurz auf und nickte. "Eyup." Dann machte er sich weiter über die Sandwiches her.

"Das wird nich´ lang dauern. Aba´ der Rest is´ futsch sachste, ja?"

Big Macintosh nickte noch einmal, ließ sich aber nicht mehr weiter beim Frühstück stören.

Applejack lehnte sich langsam zurück und verschränkte die Hufe hinter dem Kopf. "Na, das is´ ne verdammte Schande, aba´ da kann man wohl nichd´s mach´n. Wenigsdens´ is´ s´ Ciderfest im Herbst gesichert. Dafür reicht´s grad noch."

Rogue sah auf. "Wie... wie steht es um die Farm, Applejack? Kommt ihr trotz der Dürre über die Runden?", fragte er besorgt.

AJ lächelte besonnen, aber mit einem leichten Schmerz in ihren Augen. "Wir ham´ n´ Ausfall von über fünfzich´ Prozent der Ernte, Rogue. S´ hart, aba´ nich´ so schlimm wie´s hätt´ sein könn´. Un´ wir bekomm´ Zuschüsse vonner Regierung, jetzt wo´s allen so dreckich´ geht."

Sie schloss die Augen. "Solang´ die nächste Ernte gut is´... geht´s weiter. So wie´s immer war."

Er schwieg einen Moment lang. Dann nickte er. "Gut.", gab er von sich, unschlüssig darüber, was er noch sagen sollte. "Hoffen wir das Beste."

Applejack öffnete eines ihrer Augen und sah ihn von der Seite aus an. "Was has´ du´n noch vor Rogue? Ich hoff´ du wills´ nich´ wieder Hals über Kopf davon. Bleibste noch n´ bissch´n hier. oda´?"

Tatsächlich war dieses Thema bisher nicht zur Sprache gekommen, obwohl es schon lange überfällig war. Er schluckte seinen Bissen herunter und grinste dann. "Über diese Dummheiten bin ich hoffentlich hinaus. Wenn ihr mich noch ein bisschen hier haben wollt, bleibe ich gerne. Ich bin vielleicht keine so große Hilfe wie früher...", er nickte in Richtung seines bandagierten Hinterlaufes, "...aber ganz nutzlos bin ich auch wieder nicht. Ich kann Applebloom helfen, oder Granny. Oder wenn sonst was anfällt."

Applejack schüttelte ihren Kopf. "S´ nich´ mehr viel Arbeit zu tun, wo die Ernte verdorb´m is´. Vielleicht ham´ wa´ die Zeit n´ paar Reparaturen zu mach´n, die eingentlich schon zu lang aufgeschob´m wor´n sin´. S´ Dach vom Heuschupp´m is´ anner´ Westwand undicht un´ der Kanal am Osthain muss dring´nd ausgegrab´m werd´n." Sie sah nachdenklich an die Decke und klopfte sich in die Hufe. "Un´ der Hühnerstall braucht n´ neu´ Zaun un´ am Brunn´ sin´ die Schlusssteine lose un´ der Geräteschupp´m könnt´n neuen Anstrich vertrag´n un..." Sie hielt inne und lachte leise. "Also gut, s´ gibt imma´ noch n´ Hauf´n zu tun. Wo du kannst, biste´ gern dabei." Sie setzte sich aufrecht hin, nahm einen weiteren Schluck Kaffee und sah ihn dann ernst an. "Aba´ überanstreng dich nich´. S´ is´ mir ernst. Du gehst all´m vor, verstand´n?"

Er nickte, ernst und feierlich. "Verstanden."

Sie lächelte. "Gut. Also, was sin´ deine Pläne. Un´ sach´ mir nich´, dass se´nich´ wichtig wär´n."

Rogue antwortete ihr nicht sofort, sondern goss sich vorher noch ein Glas des frischen Apfelsaftes ein. Als er einen Schluck nahm, bemerkte er, das er anders schmeckte, als der, den er das letzte Mal auf der Farm getrunken hatte. Nicht unbedingt schlechter, aber herber, intensiver, ohne die frische Note des frühen Sommers, der darin mitgeschwommen war.

"Ich muss zu Klinik, meine Medikamente abholen und meine Therapien absprechen. Ich geh´ auch noch zur Post auf dem Weg dahin. Und morgen Abend hat mich Fluttershy auf das Lichterfest eingeladen, das möchte ich nicht versäumen."

Applejack merkte auf, genauso wie Big Mac und Granny. "Das Lichterfest? Mit Fluttershy?", fragte AJ aufmerksam. Big Macintosh grinste nur, während Granny leise lachte. Apple Bloom, die auf einem Butterbrot kaute, sah auf.

"Äh, ja?", antwortete er verwirrt. "Ist was damit?"

"Nein! Nein, gar nich´!", beeilte sich AJ zu sagen. Der große, rote Hengst schüttelte ebenfalls seinen Kopf, ohne das seine Grinsen schmaler wurde. "Nope!" Granny kicherte nur umso lauter.

Rogue fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß. "Ist das irgendein Scherz, oder was? Wenn ja, dann verstehe ich ihn nicht." Er sah sich hilfesuchend zwischen den Ponys seiner Familie um. Applejack betrachtete ihn mit einer etwas peinlich berührten Miene, während Big Mac ihn unverholen grinsend über sein Sandwich ansah. Granny Smith hingegen hatte sich wieder gefangen und rührte in ihrem Topf, jedoch nicht ohne ihm eindeutig amüsierte Seitenblicke zuzuwerfen.

"Hey! Das is´ genuch!", wandte sich Applejack an ihre Familie. "Die beid´n ham genuch zusamm´ durchgemacht! S´ nur recht un´ billich´!"

"Ja, aba´ s´ es´ Lichterfest nich´ wenn Ponys, die Fohl´n hab´m und Ponys, die welche...", begann Apple Bloom vorlaut, bevor Applejack sie mit einem hektischen Zischen zur Räson brachte.

Rogue sah sie fragend an. AJ lächelte verlegen. "S´ nicht´s Sugarcube. Wir sin´ nur n´bissch´n überrascht, s´ alles."

Das Rettungspony ließ seine Gabel sinken. "Äh,... gibt es da etwas, das ich wissen sollte?"

"Ne! Ganz sicher nich´! S´n´ alter Brauch in Ponyville!" Sie sah sich demonstrativ im Kreis ihrer Familie um. "...un´ wie´s mit alt´n Bräuch´n so is´ bedeut´n sie nich´ mehr das, was früher mal war." Sie zögerte einen Augenblick lang, dann trat sie um den Küchentisch herum auf Rogue zu und schlang ihm vertraulich einen Huf um den Hals. "S´ n´ Zeich´n des Vertrau´ns un´... un´ der Liebe die Fluttershy für dich empfind´n tut. Wir sin´ nur überrasch´d das se´ so... naja, so gerade heraus is´. Sie muss dich wirklich mögen." Sie lächelte aufmunternd. "S´ wird bestimmt n´ toller Abend für euch zwei. Hab´ keine Angst."

Er sah seine Cousine einen Augenblick lang forschend an. "Okay.", sagte er schließlich. Was blieb ihm schon anderes übrig?

"Gut.", antwortete AJ zufrieden und ließ ihn los. Auf dem Weg zurück zu ihrem Platz stieß sie Granny an, die noch immer leise vor sich hin kicherte, dass sie ihn nicht verunsichern sollte. Die alte Mähre schnupfte grinsend, widmete sich dann aber wieder ganz ihrem Herd.

"Kannst´e Apple Bloom mitnehm´?", fragte die orangefarbene Farmerstute, nachdem sie sich wieder gesetzt hatte. "Heute is´ der letzte Schultach´. Sie freut sich bestimmt mit dir zu geh´n."

"Du kommst mit mir?", platzte Apple Bloom plötzlich heraus und sprang von ihrem Stuhl auf. "Wirklich wahr? Wirklich wahr?"

Rogue schluckte den Bissen Rührei hinunter, den er sich gerade in den Mund geschoben hatte. "Äh, ja klar. Warum nicht?"

"Au, ja!", jauchzte das kleine Fohlen. "Ich kann dich Cheerilee vorstell´n, unserer Lehrerin! Un´ die anner´n wer´n bestimmt kuck´n wenn ich n´waschechtes Rettungspony aus Manehatt´n mitbring´n tu´!" Sie sprang auf und warf sich eine kleine Satteltasche über, die über ihrem Stuhl gehangen war. "Geh´n wir? Geh´n wir?"

Rogue sah auf den Haufen aus Rührei vor sich und dachte an die Tasche mit dem Sauerstoffgerät und seinen Unterlagen im Stock über ihm. Dann seufzte er schwer und begann die Reste seines Frühstückes in sich hinein zuschaufeln, so schnell es nur ging.


Die Glocke läutete zum ersten Mal, als Rogue mit Apple Bloom im Schlepptau bei der kleinen Schule von Ponyville ankam. Die einzige Lehranstalt des kleinen Dorfes glich wie vieles hier mehr einem pittoreskem Gemälde entsprungen, als einem mundanem Gebäude, wie Rogue sie aus der Stadt gewohnt war. Sein Schule war ein mehr oder minder grauer Zweckbau gewesen, gemacht, um so viele Fohlen in seine Klassen aufzunehmen wie möglich, ohne es gänzlich wie eine Anstalt wirken zu lassen. Die Ponyville- Schule dagegen war ebenso Teil der Landschaft wie es die strohgedeckten Häuser des Dorfes waren, oder die farbenfrohen Zelte der Händler, die sich in den Straßen verteilten.

Das hellrot angestrichene Gebäude erhob sich auf dem kleinen Hügel vor den weißen Zäunen wie daraus hervor gewachsen. Es fehlte ihm an nichts - nicht an dem kleinen Glockenturm mit der Uhr darin, der die Schüler zu ihren Stunden rief, noch an dem kleinen Spielplatz auf grüner Wiese daneben oder auch nur an den aufwendig verzierten Fenstern, die das Licht der anbrechenden Sommerferien hineinließen. Muster aus weißen Kringeln liefen die Fassade hinab und gaben dem Gebäude etwas so verspieltes, leichtes, das Rogue dabei einen Stoß im Herzen verspürte.

Apple Bloom stürmte ihm voran, kaum dass die Schule in ihr Sichtfeld kam und begrüßte stürmisch ihre Freundinnen, die am Zauntor warteten. Sweetie Belle und Scootaloo kannte Rogue bereits, aber es gab auch noch andere, viele andere, die sich umso mehr um das kleine Fohlen drängten, als es mit heftig gestikulierenden Läufen zu ihm deutete. Als er schließlich zu ihr aufgeholt hatte, war er schnell umringt von einer ganzen Horde aus Fohlen, die ihn neugierig ansahen.

"Mein Vater hat mir davon erzählt, das ein Hengst mit den Elementen gegangen ist. Er hat es in der Zeitung gelesen. Ich glaube, das ist er.", sagte ein Füllen ehrfürchtig, gefolgt von vielen ´Oh´s´ und ´Ah´s´

"Er ist verletzt!", stellte ein anderes mit vor Aufregung quietschiger Stimme fest.

"Wie ist das passiert?"

"Erzählst du es uns?"

"Hast du mit den bösen Ponys gekämpft?"

"Hast du gewonnen?"

"Bist du dumm? Wenn er gewonnen hätte, währe er ja nicht verletzt!"

"Selber dumm! Wenn er verloren hätte, währe er doch jetzt nicht hier, oder?"

Ein lautes Klopfen von Huf auf Huf war zu hören, was die Fohlen schnell zur Ordnung rief. Rogue sah auf. Eine schöne Stute mit lilanem Fell war aus der Tür zum Schulgebäude getreten und besah sich den kleinen Aufruhr mit freundlicher, aber auch aufmerksamer Miene. "Kommt herein, alle zusammen, oder wollt ihr zu spät kommen? Der Unterricht wartet schon!"

Die Fohlen ließen schnell von Rogue ab, nicht ohne jedoch ihm den ein oder anderen neugierigen Seitenblick zu zu werfen. Sie strömten artig an der Lehrerin vorbei hinein ins Schulhaus. Einzig Apple Bloom blieb hinter ihnen zurück und schritt langsam, aber selbstsicher auf die Stute zu.

"Guten Morgen, Apple Bloom! Wen hast du uns den da mitgebracht?", fragte Cheerilee mit einem vorsichtigen Blick auf Rogue.

"Uh, das is´ mein Cousin! Er hat mitgeholf´n als die Schatt´nwölfe angegriff´m ham´! Un´dannach hader´ den Element´n geholfen als se´ ins alte Land gefahr´n sind, zusamm´ mit meiner Schwester! Er is´ auch ihr Cousin und meiner, weißt du, Cheerilee?"

"Oh!", der Mund der Stute formte für einen Moment ein perfektes ´O´, dann atmete sie erleichtert auf und trat auf das Rettungspony zu,

"Sie müssen Rogue sein. Ich habe schon viel von ihnen gehört." Sie hielt ihm ihren Huf hin und er ergriff ihn. Sie lächelte, als er ihn schüttelte. "Ich habe in der Zeitung von ihnen gelesen. Und natürlich auch von ihnen gehört. Ganz Ponyville ist ihnen dankbar dafür, was sie getan haben."

Rogue lächelte unsicher. "Ich habe getan, was ich konnte. Das, was jedes Pony tun würde."

Cheerilee erwiderte sein Lächeln. "Bescheiden, natürlich. Seien sie uns willkommen, hier an der Schule von Ponyville. Ich freue mich, das sie den Weg zu uns gefunden haben."

Cheerilee sah einen Moment lang verlegen zur Seite, dann fasste sie sich sichtlich ein Herz. "Bitte verzeihen sie mir, das ich zuerst so misstrauisch war, aber sie verstehen sicherlich, das nach den vergangen Ereignissen eine gewisse Vorsicht angebracht ist. Wir leiden hier noch sehr unter den Angriffen und gerade die drei Freundinnen, zu denen Apple Bloom gehört, haben viel mitgemacht. Ich möchte sie unter keinen Umständen einer Gefahr aussetzen. Und als sie plötzlich auftauchten, ein Pony, das ich nicht kenne..."

Rogue unterbrach sie schnell. "Keine Sorge, ich bin nicht beleidigt. Es ist gut zu wissen, das meine Cousine und ihre Freunde in guten Hufen sind. Es ist oft besser vorsichtig zu sein, als sich im Nachhinein Vorwürfe zu machen."

Die Lehrerin atmete erleichtert auf. "Das ist gut zu wissen. Ich war mir mir wirklich nicht sicher gewesen... es ist ungewohnt für mich anderen Ponys zu misstrauen, auch wenn sie kaum mit Schattenwölfen zu verwechseln sind... ha, ha." Ihr Lachen war unsicher und gezwungen. Sie sah ihn gepresst an. "Sie meinen doch nicht, das ich zu übervorsichtig bin, oder?"

Rogue schüttelte seinen Kopf. "Sie tragen die Verantwortung für das Wertvollste, das wir haben. Wachsamkeit ist kein Fehler. Aber lassen sie es nicht in Misstrauen umschlagen, ja?"

Cheerilee nickt entschlossen. "Sie haben recht. Es tut mir leid, noch einmal. Es ist nur schwierig die Grenze zu finden..." Sie verstummte. Dann sah sie sich vorsichtig um, ob keine Fohlen in Hörweite waren. "Ich habe Angst.", gestand sie ihm schließlich vertrauensvoll. "Genau wie so viele andere hier. Es hat sich so viel verändert, so schnell... ich weiß nicht mehr, was... wie... ich weiß einfach nicht mehr." Sie blickt verlegen auf. "Zuerst diese Dürre, die sich keiner erklären konnte und dann geht Prinzessin Celestia... ich weiß nicht mehr, was ich den Fohlen sagen soll, um sie zu beruhigen." Sie sah unsicher auf ihre Hufe. "Sicher, ich kann ihnen erzählen, das alles wieder gut werden wird und Celestia noch immer über sie wacht und das Luna an ihre Stelle getreten ist, aber..." Sie sah langsam auf. "Aber ich selbst bin mir nicht sicher, dass das, was ich ihnen sage, auch wahr ist. Ich weiß, dass diese Fohlen Hoffnung brauchen und das ich sie nicht mit Lügen großziehen kann. Aber ich selbst kenne nicht mehr die Wahrheit. Es ist alles... so ungewiss geworden, verstehen Sie?" Sie sah betreten zur Seite. "Ich will nicht lügen. Aber ich kann ihnen nicht die Antworten geben, nach denen sie verlangen."

Rogue sah sie lange an, bevor er sich zu einer Antwort durchrang. "Aber sie glauben, das ich es kann?"

Cheerilee´s Gesicht leuchtete erleichtert auf. "Ja! Ja, wenn nicht sie, wer sonst? Ich könnte natürlich noch die Elemente fragen, aber..." sie zögerte, bevor sie fortfuhr.

"Aber was?", sprach Rogue letztlich die Frage aus.

Die Lehrerin ließ sich noch einen Moment mit ihrer Antwort Zeit und wägte ihre Worte sorgsam ab. "Sie wissen sicherlich, das es viele Stuten in unserer Regierung gibt, oder?"

Rogue blinzelte überrascht. Dann dachte er einen langen Moment nach, während er intensiv in seinen Erinnerungen kramte. Er hatte sich niemals wirklich mit Politik beschäftigt. Das war ein Thema, das irgendwie auch statt fand, während er sein Leben lebte. Es gab die Prinzessinnen, zuerst Celestia und nun auch Luna. Und nun nur noch Luna, die einstmals Nightmare Moon gewesen war, eine Gestalt aus den Märchen für böse Fohlen, die aber doch so viel mehr war als das. Es gab das Parlament mit Oberhaus und Unterhaus, wobei ersteres nur aus Adligen bestand, vornehmlich Pegasie und Einhörner und das letztere fast ausschließlich aus Erdponys. Beide wurden gewählt, jeweils aus ihrer Volksklasse und konnten Gesetzesvorschläge einbringen und hatten ein Vetorecht, das allerdings mehr zeremonieller Natur war.

Rogue hatte Schwierigkeiten sich eines seiner Vertreter im Unterhaus zu entsinnen, der nicht weiblich war. Das war ein Umstand, der ihm nie in den Sinn gekommen war. Die Vertreter standen für bestimmte Richtungen in der Volksmeinung ein, wobei sie allerdings keine echte Macht hatten, diese durchzudrücken. Sie waren mehr ein Stimmungparameter, dass die Meinung ihrer Mehrheit mit geschickten, flammenden Reden zur Geltung brachten. Die Prinzessinnen blieben die absoluten Herrscherinnen, auch wenn sie sich gerne dem Willen des Volkes beugten, wenn es ihnen angemessen erschien. Und es gab kaum Hengste unter der Reihen beider Häuser. Die Präsidentin des Kongresses war eine Stute. Es gab fast nur Bürgermeisterinnen im Reich (mit Ausnahme von Stalliongrad - Red Rubel hielt sich seit fast zwei Jahrzehnten alle Konkurrentinnen erfolgreich vom Leib).

"Ja, aber...", begann er.

"Genau das.", unterbrach ihn Cheerilee "Ich möchte ihnen nicht zu nahe treten, aber die Elemente sind alles Stuten. Die Prinzessinnen sind Stuten. Unsere Bürgermeisterin ist eine Stute. Stuten, Stuten und Stuten, so weit das Auge blickt. Es gibt ein paar Hengste, die in Positionen geduldet werden, die seit je her eine männliche Domäne waren und auch gerne darin gesehen werden... dort wo Kraft und Aggressivität gefordert sind. Und selbst dort versuchen wir euch allen Rang abzulaufen. Ich will nicht..." Cheerilee atmete tief durch. "Verstehen sie mich nicht falsch, aber ich denke, wenn wir unsere Fohlen zu gleichberechtigten Mitbürgern erziehen wollen und diesen Grundgedanken ihn ihnen verankern möchten, brauchen sie mehr als nur weibliche zeitgemäße Vorbilder, zu denen sie aufblicken können. Und daran... fehlt es uns nun einmal gerade. Deshalb bin ich froh, das sie heute hier sind und bereit dazu, ein paar erklärende Worte zu sprechen. Nicht jedes unserer männlichen Fohlen hat einen Vater, der...", sie zögerte einen Moment lang. "...nun, der ihm jede Möglichkeit in seinem Leben aufzeigen kann, verstehen sie?"

Rogue dachte einen Moment lang nach, dann nickte er. Er hatte zwar nicht damit gerechnet, das sein Besuch in der Ponyville-Schule so bedeutsam werden würde, aber er verstand, worauf Cheerilee hinaus wollte.

Er selbst stammte aus einer Familie in der die Rollen in ihren Grundzügen immer klar definiert waren. Seine Mutter besorgte den Haushalt, während sein Vater das Geld verdiente. Es war ein Konzept, das als sehr traditionell galt und in den Kreisen der gehobenen Mittelschicht Manehattans noch immer recht verbreitet war. Gleichzeitig gab es genug Beispiele aus ihrem Bekanntenkreis, in denen es genau umgekehrt war. Der Hengst besorgte die Hausarbeit, während die Stute arbeiten ging. Wenn beide Seiten mit ihrer Rolle einverstanden waren, gab es keinen Anlass zu Streitereien. Die Entscheidung war etwas, das zur Geburt eines Fohlen dazugehörte, wie die Einrichtung des Kinderzimmers, oder rechtzeitige Wahrnehmung der Schwangerschaftsnachuntersuchungen. Es galt als normal, das der besserverdienende Teil der Eltern im Beruf blieb, während der andere sich um das Fohlen kümmerte. Trotzdem gab es genügend Ausnahmen, die davon abwichen und auch Paare, die eine Fohlenstute einstellten (Ein Hengst war in dieser Stellung bislang unerhört), blieben keine Seltenheit.

Aber es war auch richtig, dass wenn man die Leitern der Macht höher hinaufging, die Geschlechter doch eher... einseitig wurden. Rogues Feuerwache wurde wie fast siebzig Prozent ihrer Schwestern von Hengsten geführt, aber der General-Chief des Manehattan Fire-Departments war eine Stute. Burn Out war eine Veteranin des Feuerwehrdienstes, die sich ihre Sporen im großen Feuer 46´ verdient hatte und sogar noch härter und grimmiger war als Chief Caller. Sie hatte nach langer Debatte mit ihrer letzten Rede im Stadtausschuss dafür gesorgt, das die Feuerwehrponys das Recht hatten jeden Karren zu Kleinholz zu verarbeiten, der den Zugang zu einem Hydranten versperrte, wenn Ponys in Gefahr waren, womit sie die Herzen ihrer Kameraden im Sturm erobert hatte. Niemand zweifelte daran, das sie die richtige Stute am richtigen Platz war. Aber wenn man ihre Vorgänger ansah... oder mehr ihre Vorgängerinnen... mochte sich der Verdacht aufdrängen, das es eher Stuten waren, die für diesen Posten vorgemerkt wurden.

Rogue dachte daran, während er Cheerilee in die Klasse folgte. Wenn ein Hengst wie er selbst nur Stuten in den Positionen über sich sah, wohin mochte er noch streben? Auch wenn ihm niemand verbat, aufzusteigen und wenn die Gleichberechtigung scheinbar eine Selbstverständlichkeit war, woran sollte er sich orientieren? Welche herausragenden Persönlichkeiten konnte er sich in diesen jungen, aber so wichtigen Jahren zum Vorbild nehmen?

Für ihn war das niemals ein Problem gewesen. Er war ein Erdpony und er hatte in die Feuerwehr der MCA gewollt. Er hatte gewusst, das in seinem Leben nicht viel mehr als ein Job als Zugpony auf ihn warten würde. Aber er liebte auch seine Aufgabe, denn sie war wichtig und sie musste erfüllt werden. Und er war der Beste dafür, zumindest bis zu seiner Verletzung.

Was würde die Zukunft für ihn bereit halten, wenn er nicht mehr den Wagen ziehen konnte? Wohin wollte er, wenn er über sich hinauswachsen musste, nicht in dem, was er ohnehin schon getan hatte, sondern als Rettungspony? Wachleiter? Der Alte, das Pony, das mit allen Wassern gewaschen war, das alles gesehen und alles schon erlebt hatte? Er konnte das, so seltsam es auch war, sich das einzugestehen. Er war jung, aber er war nicht mehr so dumm wie am Anfang. Und er hatte Dinge erlebt... Dinge getan, die viele seiner erfahreren Kameraden erbleichen lassen würden. Er war den schweren Weg gegangen... viele Male. Er wusste, er konnte lernen, ihn auch für andere zu gehen, jeden Tag. Er wusste, er konnte nicht alle durchbringen... aber er konnte dafür sorgen, das es die meisten schafften. Und mehr noch: Er konnte dafür sorgen, das die Ponys, die ihnen halfen, es auch taten. Das sie ganz blieben, das sie ihre Pflicht taten, das sie zu Ende brachten, was getan werden musste. So wie er es mit Twilight getan hatte.

Es war niemals leicht und es war niemals schön. Aber es war notwendig. Und es war ihre Pflicht. Seine Pflicht... damals und vielleicht einmal wieder. Wenn er den Wagen nicht mehr ziehen konnte.

Wohin wollte er dann? Wohin wollte er dann, als Rettungspony, als Erdpony, als Hengst? Wie weit konnte er kommen? Er hatte so viel erlebt, so viel getan, so viel geschafft... gab es eine Grenze? Gab es einen Punkt, wenn er sagen musste: ´Ich bin ein Hengst, ich komme nicht weiter?´ Einen Punkt, wenn die Stuten übernehmen mussten?

Es hatte Einen gegeben. Als Celestia schließlich auf eigenen Entschluss verbannt worden war, hatte er nicht zugegen sein können. Obwohl er ein Teil diese Kreises geworden war, obwohl er alles mit ihnen durchgestanden hatte, obwohl er alles gegeben hatte, was sie auch gegeben hatten... und noch mehr... war es dennoch nicht an ihm gewesen, auch dem Schlussakt beizuwohnen. Nicht weil er ein Hengst war. Aber weil er dennoch nicht so sehr bei ihnen war, wie er geglaubt hatte. Denn es stand noch etwas zwischen ihnen, das offensichtlich war, aber das sich bis auf seine Cousine niemand hatte auszusprechen trauen: Er war kein Element. Er war ihr Freund, aber er war auch nur ihr Freund. Er war kein Element und würde es niemals sein. Und so nahe er ihnen auch gekommen war, seiner Cousine, Twilight und letztlich Fluttershy, die er mit ganzem Herzen liebte, das würde sich nicht ändern.

Nicht jetzt, nicht für ihn. Er begriff, das Cheerilee von den kommenden Generationen gesprochen hatte, einer, die sich jetzt vor ihnen befand, nur durch eine dünne Tür getrennt. Ein Klassenraum voller Fohlen, deren eine Hälfte davon träumen konnte eines Tages die Elemente zu beerben und eben solche Abenteuer wie sie zu erleben, während die andere Hälfte nicht einmal wusste wie hoch sie wirklich kommen konnte, wenn sie wollte.

Aus den Tiefen seines Verstandes erklang eine finstere, böse Stimme, eine dunkle Erinnerung deren Ursprung er sich nicht erklären konnte. `Ihr seid nicht unersetzbar, wisst ihr? Keine einzigartigen Schneeflocken im Gestöber der Magie Equias. Das hat sie dir nicht erzählt, oder du ´treue Studentin´? Harmonie bedeutet auch Ausgleich. Und die Wellen der Magie scheren sich nicht um das Leben eines Ponys, egal für wie wichtig es sich hält.´

Seltsamerweise gaben ihm diese Worte, gesprochen von jemanden, an den er sich nicht recht erinnern konnten, Hoffnung. Die Elemente würden nicht ewig leben. Wer würde ihren Platz übernehmen? Währen es nur andere Stuten, die auf das Muster passten? Oder war die Quelle wirklich ohne Vorurteil und wählte nur nach den wahren Charakterzügen eines Ponys? Würde es ein Hengst sein? Könnte es ein Hengst sein?

Könnte ein Hengst dannach streben ein Element zu werden?

"Hallo, alle zusammen. Heute ist der letzte Tag des Schuljahres, aber es ist nicht zu spät noch etwas zu lernen!", rief Cheeriliee fröhlich aus, während sie vor die Klasse trat. Sie hörte das angestrengte Stöhnen ihrer kleinen Schüler, beachtete es aber nicht weiterhin. "Keine Angst, das wird nicht in einem überraschendem Quiz auftauchen und ihr müsst auch keinen Aufsatz darüber schreiben." Sie sah ernst auf. "Statt dessen möchte ich, dass ihr aufmerksam zuhört, was das Pony zu sagen hat, das Apple Bloom mitgebracht habe. Er ist ein Hengst, der gegen die Schattenwölfe gekämpft hat und die Elemente während ihrer Reise im Alten Land unterstützt hat, um die Dürre zu beenden. Außerdem ist er ein ausgebildetes Rettungspony aus Manehattan! Begrüßt Rogue Runner bitte mit ordentlich Hufgeklapper, meine Lieben!"

Sie selbst war die Lauteste, aber das lag mehr an den kleinen Hufen, als an fehlendem Enthusiasmus. Es schien, das Apple Bloom und die Zeitungen tatsächlich schon einiges vorgearbeitet hatten. Als Rogue vor die Klasse trat, verstummten alle Gespräche ehrfürchtig und die Fohlen sahen ihn neugierig an.

"Hi!", begrüßte er die warteden Fohlen nervös. Ein paar erwiderten sein Winken, aber nicht alle. Er schluckte schwer und ging bis zum Mittelpunkt der Tafel. Dort ließ er sich vorsichtig auf sein schmerzendes Hinterteil nieder.

Als er einigermaßen bequem saß, sah er auf, nur um einige Hufe fragend in der Luft zu sehen. Einen Moment zögerte er, dann entschied er sich, seine Geschichte hinten an zu stellen, um die Fragen zuerst zu beantworten. Das war kein Verhör, sondern eine Schulklasse. Es mochte nicht schaden, das sie Antworten bekamen, auf deren Fragen sie sich selbst noch nicht einig waren. Er war einmal selbst so gewesen. Neugier mochte ihren Geist für das, was er für sie bereit hielt, schärfen. Für Wahrheiten, die sie nicht einmal in Erwägung ziehen würden. Bis jetzt.

Er musste sich nur daran erinnern, wie jung sie waren. Das durfte er nicht vergessen. Das war wichtig.

"Also gut, wer hat eine Frage an mich?" Er versuchte, so freundlich und zuversichtlich wie möglich zu klingen. Es war nicht leicht seine Angespanntheit aus seiner Stimme zu verbannen. "Nur heraus damit."

Aufs Geradewohl wählte er eines der kleinen Füllen aus, das ihn vor dem Unterricht so sorglos bedrängt hatten. "Du!", fragte er laut. "Wie heißt du?"

Das Füllen schreckte auf und tippte sich fragend einen Huf auf die eigene Brust, ob es selbst gemeint war. Schließlich schluckte es schwer und rang sich sichtlich zu einer Antwort durch.

"Ha... Ich bin Pipsqueak. Ich habe eine Frage: Haben sie diese Verletzungen durch die Ponys im Alten Land bekommen, Herr Runner?"

Rogue nickte anerkennend ob des Mutes, die diese Frage verlangte und warf einen kurzen Seitenblick zu Cheerilee, die ihm aufmunternd zulächelte. Es sollte keine Lügen sein, mit denen diese Fohlen aufwuchsen. Aber sie waren noch immer Füllen. Er musste seine Antworten klug und weise wählen. Er durfte nicht vergessen, welche Verantwortung in seinen Hufen lag.

"Ja, das sind die Wunden eines der Speeres des Stammes der ´Schwinge, Huf und Horn´, einer der dominanten Stämme des Alten Landes.", erklärte er bewusst dozentenhaft. "Dieser Stamm definiert sich zuerst über die fast unangefochtene Herrschaft über die Abbaugebiete von Eisenerz und der fortgeschrittene Verarbeitung ihrer Schmiedeprodukte," Er sah auf seine bandagierte Wunde. "Das hier war ein Missverständnis, ein Versehen. Die Ponys diese Landes leben innerhalb eines Systems, das von jedem Einzelnen Wachsamkeit erfordert und die Bereitschaft mit Gewalt die eigene Sippe zu verteidigen." Er sah sich langsam im Kreis der Schüler um. Seine Worte waren hoch gegriffen, vor allem was die Reife der Ponys bertraf, mit der er es zu tun hatte. Er war gerade im Begriff es etwas leichter auszudrücken, als einer der männlichen Füllen das Wort anführte.

"Heißt das, dass sie für ihre Familie kämpfen, komme was wolle? Der neue ´Conan´, den ich lese..."

"Nein, das sind Barbaren!", bemerkte ein hellbraunes Fohlen entschieden. "Sie haben nicht einmal von Celestia gehört! Wir sollten versuchen mit anderen auszukommen, sagt meine Mama immer!", postolierte sie.

"Also, eigentlich haben wir das versucht, das Problem war nur...", begann Rogue.

"Aber Conan ist ein echtes Barbarenpony! Sogar das stärkste...", begann das Füllen bereits, als ein anderes Fohlen es bereits unterbrach

"Mussten sie um ihre Leben kämpfen, Herr Rettungspony? Haben... haben sie zurückgeschlagen?", fragte ihn ein Füllen mit piepsiger Stimme.

"Nein!", antwortete Rogue entschlossen und etwas lauter, als er es beabsichtigt hatte. Sein lauter Ton ließ die vielen fragenden Hufe, die sich in die Höhe streckten, sich langsam sinken.

Er atmete tief durch. "Nein, ich habe nicht zurückgeschlagen.", gab Rogue noch einmal bekräftigend von sich. "Ich war zu überwältigt. Sie hatten mich so plötzlich überfallen, das ich nicht reagieren konnte. Ihr Speer durchbohrte meine Flanke, bevor ich reagieren konnte. Es war..." Er brach ab und suchte für einen Moment lang nach den richtigen Worten, die der Situation angemessen waren. "Es tat sehr, sehr weh. So sehr, das ich mich nicht rühren konnte. Ich..." Er sah schmerzhaft auf, als ihn die Erinnerung daran einholte. "Ich konnte einfach nicht." Er konnte ihnen nicht sagen, wie es sich angefühlt hatte, als kalter Stahl in sein Fleisch gefahren war, es zerteilte, so mühelos wie ein Fleischerbeil. Wie er die Wärme seines Blutes auf der Flanke gespürt hatte, sein Leben, das aus ihm herausran.

"Es war ein Freund, der mich gerettet hat. Ein Freund, der meine Angreifer lange genug ablenkte, bis sie erkannten, das ich keine Bedrohung für sie war. Sonst... sonst währe ich nicht hier." Er schwieg einen Moment lang. Schwieg über die Natur seines Freundes, schwieg darüber, das es ´nur´ ein Flughörnchen gewesen war, das ihm das Leben gerettet hatte. Es wäre zu schmerzhaft gewesen. würden diese Fohlen, die es nicht besser wussten, sein Andenken nicht zu würdigen wissen.

Er sah, wie sich Cheerilee anschickte, einzuschreiten, jetzt, da die Stunde eine Richtung eingeschlagen hatte, die gefährlich nahe an etwas kratzte, das zu früh für diese Fohlen war. Aber Rogue wies sie mit einem Hufzeig zurück. Er wollte die Wahrheit erzählen, auch wenn sie nicht schön war. Und wenn es Fohlen waren, denen er sie erzählen sollte, so war er bereit die schmale Linie entlang zu gleiten, die es zu wahren galt. Aber keinen Lügen. Keine Lügen.

Er atmete tief durch. "Mein Freund starb für mich an diesem Tag.", erklärte er fest.

Er konnte das entsetzte Atmen der Fohlen in der Klasse vor sich hören. Kein Weinen, kein Schluchzen. Sie waren zu überrascht dafür, aber es war nahe, das konnte er fühlen.

Kein Huf hob sich jetzt noch in die Höhe. Ihre tausend Fragen waren zurückgedrängt von den schrecklichen Erkenntnissen, die sie bereits aus ihm hervorgeholt hatten. Und dennoch harrten sie gespannt und gleichzeitig furchtsam, was er ihnen noch erzählen konnte.

Wie sehr sie ihm doch glichen! Wie sehr sie ihn doch an sich selbst erinnerten! Nicht nur. als er in ihrem Alter war, sondern auch schon viel älter, aber nicht weiser, den Kopf voller Flausen und nur eine Idee ärmer daran, wie die Welt wirklich war. Er konnte es ihnen nicht nehmen, er durfte es nicht. Diese Zeit war eine Zeit der Träume, wie alles sein konnte, wie es letztlich sein musste, irgendwann. Der Geist eines Fohlen kannte keine Vorurteile, die ihm nicht eingetrichtert worden waren, kannte keinen Hass, der ihm nicht vorgelebt und keine falschen Prinzipien, die ihm nicht gepredigt wurden. Er konnte ihnen das nicht nehmen. Er durfte nicht.

Celestia und Luna und der Herrin Faust sei Dank, war sein Herz nicht zornig, oder voll Rache. Es war nicht hochmütig oder geizig. Es war nicht bitter oder einsam. Es war, trotz seines Verlustes, von Liebe geprägt. Liebe zu Fluttershy und von Freundschaft zu den Elementen. Und voll Dankbarkeit für das Opfer, das Bandit für ihn gebracht hatte.

"Er brachte das eine, letzte Opfer, das man für einen echten Freund bringen kann.", erzählte Rogue und lächelte dabei, traurig, aber dennoch froh. "Er warf sich meinem Tod entgegen und bezahlte mit seinem Leben dafür." Er sah sich langsam in dem Klassenzimmer um und bemerkte kaum kein einziges Gesicht, das nicht zumindest todernst, wenn nicht sogar bis zu Tränen gerührt war. "Er bezahlte den letzten, endgültigen Preis. Und wenn für nichts anderes...", fuhr er fort und spürte, wie ihm selbst die Tränen in die Augen traten, Tränen, die er stolz zur Schau trug und derer er sich nicht schämte. "...so allein dafür ist er mein Freund gewesen. Heute und für immer. Und es vergeht kein Tag, an dem ich mir nicht wünschte, ich wäre nicht an seiner Stelle gewesen." Er sah eine Weile auf seine Hufe, gefangen von der Erinnerung an Bandit, die ihn seine Umgebung fast vergessen ließ. Aber der Moment verging und er erinnerte sich wieder, warum er hier war.

"Ich mache den Ponys des Alten Landes keinen Vorwurf. Sie haben gehandelt, wie sie es gewohnt waren und wie es ihr Überleben ihnen diktierte, in diesen Zeiten. Aber es macht die Trauer nicht schmäler, oder das Opfer geringer. Ich hasse sie nicht dafür, das sie meinen Freund getötet haben. Dafür..." Er zögerte einen Moment lang. "Dafür verstehe ich sie zu gut."

Als ihn die Fohlen fragend ansahen, hob er seinen Kopf und begann zu erklären: "Um den Feind zu besiegen, muss man ihn zuerst verstehen. Aber ihn zu verstehen heißt auch, sich in seine Lage hinein zu versetzen. Empathie für ihn zu empfinden. Seinen Standpunkt für sich einzunehmen wissen. Und wenn man erst einmal dort steht, wo er steht... wenn man begreift, was ihn antreibt, was ihn bis dorthin führt, wo Gewalt von Nöten ist... muss die Lösung letztlich offenbar werden. Nur wenn die Ziele unvereinbar sind und sich gegenseitig schaden, wenn eine Seite darauf besteht, das nur Konfrontation das letzte Mittel ist, wenn die Front zu verhärtet ist... ist Kampf die letzte Möglichkeit. Als Ponys dürfen wir es uns leisten, zu zögern und zu zaudern, dürfen wir zurückschrecken vor dieser letzten, endgültigen Wahrheit. Aber wir dürfen niemals vergessen, das gerade diese Zurückhaltung uns vieles kosten mag. Vieles, das uns wichtig und treu geworden ist und dessen Verlust uns schmerzen wird. Dennoch ist sie ein Privileg, eine Besonderheit, die wir uns über lange Jahre erkauft haben. Und wer immer dagegen antritt, soll wissen, das wir niemals unseren Huf der Freundschaft zurückziehen wollen, vor dem, der sie ergreifen will. Das dürfen wir nie vergessen."

Rogue sah auf und fixierte mit seinem Blick jeden in der Klasse. "Ich hasse die Ponys des Alten Landes nicht, auch wenn sie mir viel Leid angetan haben. Ich versuche sie zu verstehen und das Gute in ihnen zu sehen, das sie unzweifelhaft in sich tragen. Es ist nicht immer leicht und nicht immer machen sie es einem leicht." Er dachte an Torden Hallen und die Tortur, die er Twilight angetan hatte, nur um seinen Standpunkt klar zu machen. "Aber ich verdamme sie nicht."

Er lächelte sanft und unterbrach sich selbst. Es war genug für heute, das spürte er. Es war der letzte Tag der Schule vor den Sommerferien und er hatte den Fohlen genug zum Nachdenken, zum Grübeln und auch zum Träumen gegeben. Oder so hoffte er zumindest. Es gab noch viel zu sagen, aber das musste warten, bis diese Fohlen älter, gereifter waren und seinen Blick der Dinge zwiespältiger betrachten konnten. Für Heute war es genug.

Er warf einen Blick auf Cheerilee, die ein etwas zweideutiges Lächeln in die Klasse warf, unsicher darum, wie sie die Stunde abschließen sollte. Schließlich rang sie sich durch, klopfte laut in die Hufe und verkündete: "Jetzt wollen wir Herrn Rogue Runner noch mit einem schönen Ständchen verabschieden! Singen wir die Hymne von Equestria!"

Das Rettungspony war etwas verblüfft, wie sehr er die nette Lehrerin aus dem Konzept gebracht hatte, das sie auf solche Tricks zurückgriff, griff sich aber dennoch mit dem Huf fest auf die Brust, als das erste Fohlen die feierliche Melodie aufgriff: "Equestria, mein Heimatland, Mutter aller Freuden..."

"Ich... ich habe sie doch nicht in Verlegenheit gebracht?", fragte Rogue aus den Mundwinkeln, während die Füllen die Strophen mit gewohnter, aber kindlicher Leidenschaft schmetterten.

"Nein! Nein...," Beeilte sich Cheerilee zu sagen, während sie eine aufmerksame Miene zur Schau trug. "Es war etwas unerwartet, aber doch sehr bewegend. Ich wünschte nur..." Sie überlegte kurz. "Ich wünschte nur, ich hätte ihnen mehr Zeit zur Vorbereitung gegeben. Es war sicherlich nicht leicht, über das alles zu reden."

Er bedachte sie kurz mit einem bitteren Blick. "Miss Ceerilee, ich habe nicht einmal an der Oberfläche gekratzt. Es... es sind nur Fohlen."

Sie warf ihm einen kurzen, ungläubigen Blick zu. Und in diesem Moment verstand er es. Verstand er, das Sie ihn nie verstehen würde, so wie er sie verstehen machen wollte. Verstand er, das die Fohlen vor ihm, so unerfahren und jung sie auch sein mochten, ihn vielleicht mehr begriffen, als diese Lehrerin es jemals konnte. Sie war hier groß geworden, umschmiegt von der zuckerweichen Heimeligkeit von Ponyville und der erste Ansatz des Unbehagens in ihrem Leben war wahrscheinlich tatsächlich der Angriff der Schattenwölfe gewesen. Wahrscheinlich hatte sie niemals ein Pony vorher wirklich leiden und sterben gesehen. Ihr fehlte jede fundamentale Erfahrung mit diesen Wirklichkeiten des Lebens und auch wenn sie das zu einem glücklichen Pony machte, konnte Rogue dennoch nicht anders, als sie zu bemitleiden. Das Sterben, das Vergehen, der Schmerz und das Leid gehörte zum Leben ebenso dazu wie die Freude und die Dankbarkeit darum. Er konnte sich nicht vorstellen, wie schal das Licht sein mochte, in dem Sie lebte, wenn man nicht auch den Schatten kannte. Es war kein Wunder, das sie zutiefst beunruhigt war, durch die letzten Ereignisse und das sie ihren Schülern keine Antwort darauf wusste. Es war kein Wunder, das sie ihn darum gebeten hatte, diesen Part zu übernehmen. Leider, so wurde ihm bewusst, hatte er wahrscheinlich mehr Fragen aufgeworfen, als er beantwortet hatte und sicherlich nicht immer die Richtigen (Gab es überhaupt so etwas wie falsche Fragen?). Sicherlich mehr, als Cheerilee beantworten konnte.

Die Hymne endete, mit der engelsgleichen Stimme von Sweety Belle, die den letzten Ton weiter forttrug, weit nachdem alle geendet hatten. "...In der Einigkeit, für Immmmmmmer!"

Cheerilee lächelt gezwungen und stimmte ein Hufgeklapper an, in das Rogue schnell mit einstimmte. "Sehr schön.", Sagte er und lächelte dabei. Die Hymne war für Schulklassen dummes Zeug, eine Pflichtveranstaltung, aber sie erzeugte ein wenig von dem Zusammenhalt, die die Feuerwehrponys empfanden, wenn sie sie sangen. Für Rogue war sie das Lied auf seinen Eid, auf seine Bestimmung, die alle die mit ihm waren, auf die eine Sache einschworen. Es war für ihn eine Ehre sie zu singen und er erhob sich, wenn andere sitzen blieben, wann immer sie gesungen wurde. Für diese Fohlen war sie nur eine Pflichtübung. Noch.

Er verabschiedete sich von der Klasse und trat mit der Lehrerin nach draußen, auf den Flur. Etwas verlegen rieb er sich über den Vorderlauf. "Ich...ich hoffe, ich habe ihnen keine Umstände gemacht...", begann er. Von seiner Selbstsicherheit, die er vor den Füllen gezeigt hatte, war wenig übrig geblieben. Er war sich seiner Worte, die er im Klassenzimmer nicht mehr so sicher, wie noch vor wenigen Augenblicken. Im Nachhinein erschienen sie im wirr und im Wesentlichen zu... emotional, um sie diesen Fohlen anzutun. Er bereute seine Entscheidung auf Ceerilees Bitte einzugehen bereits.

Cheerilee sah noch einen Moment lang auf die geschlossene Tür, hinter der sich der gewohnte Radau einer heranwachsenden Klasse ohne Aufsicht wieder breit machte, dann atmete sie tief durch. "Nein.", sagte sie schließlich, ein wenig nachdenklich, so als müsste sie erst verarbeiten, was gerade geschehen war. aber letztlich wiederholte sie es noch einmal, entschlossener diesmal. "Nein, das war gut." Ihr Lächeln glitt etwas ins Gezwungene ab, aber sie behielt es. "Es war nicht ganz das, was ich erwartet habe, aber..." Sie sah auf und suchte seinen Blick. "Es war gut. Es hat sie aufgerüttelt. Und es hat sie nachdenklich gemacht. Das habe ich gespürt. Und das ist gut. Vielleicht war es ein bisschen zu erwachsen für sie, aber..." Sie zwinkerte Rogue aufmunternd zu. "Bei diesen Fohlen heutzutage weiß man nie. Vielleicht ist ein wenig mehr gerade gut genug."

Sie sah ihn eine Moment lang aufmerksam an, dann schüttelte sie ihren Kopf. "Es tut mir Leid, das sie nicht hier bleiben, also auf Dauer. Das heute lässt viele Fragen offen und ich glaube, das gerade unsere heranwachsenden Hengste viel von ihnen lernen könnten. Ich wünschte..." Sie verstummte schnell. "Verzeihen sie mir meine dummen Gedanken. Ich weiß ebenso gut wie alle hier im Dorf, das sie ihre Aufgaben in Manehattan haben. Und das sie bald dahin zurückkehren müssen."

Rogue sah sie aufmerksam an. "Nun, ich verschwinde nicht von heute auf morgen. Ich..." Er dachte einen Moment lang nach. Er hatte seinen dreiwöchigen ´Urlaub´ bereits überschritten, aber Prinzessin Celestia hatte mehr als nur durchblicken lassen, das solcherlei Lappalien fürs erste nicht seine Sorge sein sollten. Er fühlte seine Pflicht wie eine kleine nagende Stelle in seinem Hinterkopf, aber noch ließ sie sich ignorieren. Er fühlte, das er sich diese Auszeit genehmigen konnte, das er sie sich genehmigen wollte. "...Ich bin noch immer hier.", beendete er seinen Satz schwach, aber mit einem Lächeln. "Und ich werde auch nach den Sommerferien nicht aus der Welt sein. Wenn sie meiner bedürfen... oder die Fohlen Fragen haben... ich werde nicht ´Nein´ sagen. Es gibt immer freie Tage, auch für mich."

Er hatte es ausgesprochen ehe er darüber nachdenken konnte. Aber genauso war es doch, oder? Sein Urlaub hier würde enden und er würde zurück nach Ponyville gehen, irgendwann. Aber das würde die Bande, die er in Ponyville geknüpft hatte, nicht auftrennen. Wie würde seine Zukunft aussehen, mit ihm in Manehattan und mit Fluttershy hier? Er erkannte, das er daran noch keinen Gedanken verschwendet hatte.

Cheerilee ließ ein bezauberndes Lächeln auf ihr Gesicht treten. "Das ist sehr nett von ihnen.", sagte sie mit aufrichtigem Dank in ihrer Stimme. Er nickte ihr freundlich zu und wandte sich zum gehen.

"Einen Moment noch!", rief die Lehrerin aus, bevor er den Weg zum weiß gestrichenen Zaun entlang gehen konnte.

Er drehte sich neugierig um. "Ja?", fragte er.

Cheerilee strich sich nervös mit dem Huf durch ihr zweifarbige Mähne. "Sie sind doch mit Big Macintosh verwandt, nicht wahr?"

Rogue sah sie einen Moment lang verblüfft an, dann dämmerte es ihm. Er lächelte breit. "Soll ich ihm etwas von ihnen ausrichten, Miss Cheerilee?"

Die Stute kicherte verhalten und ein wenig unsicher. "Bitte erinnern sie ihn einfach an das Versprechen, das er mir gemacht hat, ja? Das Lichterfest ist schon morgen und... und ich habe ein wenig Angst, das er es vergessen hat."

Das Rettungspony nickte ernst. "Ich werde ihn daran erinnern. Machen sie sich keine Sorgen, Miss Cheerilee." Damit wandte er sich um und ging weiter den Weg nach Ponyville hinab.

Die lilafarbene Stute sah ihm von der Tür der Schule noch eine Weile lang nach, während sie nervös ihre gelockte Mähne zwischen den Hufen glattstrich. "Aber ich mache mir Sorgen, Rogue. Nicht jeder hat sein besonderes Pony in so festen Hufen wie du.", flüsterte sie zu sich selbst. Schließlich, als er hinter dem Hügel, der die Schule von dem Dorf trennte, verschwand, wandte sie sich endlich um und ging zurück zu ihrer Klasse, die bereits unwillig den Aufgaben harrte, die während der Sommerferien auf sie warteten.


Als Rogue die Aufnahme des Ponyville Krankenhauses betrat, blieb er einen Moment lang auf der Schwelle der doppelflügligen Türen stehen und wartete angespannt auf die Welle aus Nostalgie und Grauen, die er erwartet hatte. Zu seiner eigenen Überraschung blieb beides aus. Er stand einfach nur da, im Vorraum der Ambulanz und guckte doof, während er über die fast leeren Sitzreihen der Bänke sah und den Tresen, wo eine gut aufgelegte Schwester Tender Heart sich ihren Papieren widmete. Sie sah nicht auf und so war es an ihm, sich durch den Wartebereich, der nur durch einen alten Esel mit Gehhilfe und einer jungen Stute mit Fohlenwagen besetzt war, ihr zu nähern.

"Guten Tag, Schwester Tender Heart.", begann er fröhlich.

"Einen Moment, bitte!", antwortete ihm die Stute freundlich, ohne den Blick von den Papieren zu nehmen. "Füllen sie doch schon mal den Fragebogen aus, ich bin gleich bei ihnen."

Rogue besah sich kurz das bereitelegte Formular auf dem Tresen, dann kratzte er sich sich kurz unter dem Kinn.

"Ich bin Privatpatient Schwester, komme ich früher dran?", fragte er in gespielt drängelndem Tonfall. Er bemerkte mit einem zufriedenem Schmunzeln, wie ihre Augenbrauen gefährlich nach oben wanderten und sie bereits zu einer gesalzenen Antwort Luft holte, als ihre Augen ihn schließlich erkannten.

"Rogue!" Sie stieß es als überraschten Schrei hervor und schlug sofort die Hufe vor ihren Mund, als sie bemerkte, wie laut sie gerufen hatte. Einen Moment lang sah sie sich entschuldigend im Wartesaal um, dann hüpfte sie einfach nur über den Tresen und zog das überraschte Rettungspony so fest in ihre Vorderläufe, das ihm für einen Moment die Luft weg blieb.

"Du bist wieder da!", quietschte die Krankenschwester aufgeregt, während sie den Hengst noch immer an sich drückte.

"Äh, ja, ich glaube schon.", antwortete ihr Rogue überrascht und etwas verlegen. Seine Worte drangen nur gequetscht durch ihre feste Umarmung. Er atmete etwas erleichtert durch, als sie loslies.

Tender Heart hüpfte aufgeregt vor ihm auf und ab. "Wir haben alle deine Abenteuer hier über die Zeitung verfolgt! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr sich alle freuen werden, dich wieder zu sehen!"

Er strich sich verlegen mit dem Huf über die Mähne. "Ei... eigentlich will ich gar kein großes Aufgeschau machen... ich will nur meine Therapie..."

"Ach, Papperlapp!", schnauzte die Krankenschwester entschieden. Sie hackte sich entschlossen bei ihm ein und knallte das ´Bin gleich wieder da´ Schild auf den Tresen. "Komm erstmal mit. Der Rest kommt später." Damit führte sie ihn durch die Türen der Ambulanz ins Herz der Station.

Der warme, willkommene Geruch von Kaffee, tausendmal frisch aufgebrüht, empfing ihn ebenso herzlich wie die überraschten und freudigen Rufe der Schwestern, Pfleger und Ärzte, als er in die kleine Teeküche trat, die dem Personal als Aufenthaltsraum diente. Ihm blieb nichts anderes übrig, als an der Tür stehen zu bleiben und die vielen Grüße und Beglückwünschungen mit einem halb gezwungenem, halb ernst gemeinten Lächeln entgegen zu nehmen, die auf ihn einprasselten. Er schüttelte Hufe und erwiderte Umarmungen, während er Freundlichkeiten mit Ponys austauschte, die er kaum kennengelernt hatte. Auf eine gewisse Weise erinnerte es ihn an den Abend des Balls, aber davon abgesehen fühlte er sich hier wesentlich besser aufgehoben und mehr unter seines Gleichen.

Er wurde auf die bequeme Bank geschoben und es dauerte kaum ein Augenzwinkern, bis eine Tasse dampfenden Kaffees und eine Schale mit frischem Gebäck vor ihm stand. Jeder stimmte sowohl darüber ein, das er nicht nur ´Großartiges´ geleistet hatte, in dem er die Elemente als Sanitäter begleitete, sondern auch, das er sich wieder einmal ´in die Bresche geworfen hatte´, das er ´gezeigt hatte, wozu auch Erdponys in der Medizin fähig waren´ und dass ´sein Vorbild an Aufopferung ihnen allen ein Vorbild sein sollte´. Außerdem sei er ´Ziemlich dünn geworden´ und das ´im Hufumdrehen die Klinik Ponyville alles tun würde, um ihn wieder auf Vordermann zu bringen.´

Rogue schob sich gerade eine Zuckerschnecke, in deren Geschmack er unverkennbar Pinkies Huf erkannte, ins Gesicht, als die Chefärztin persönlich in der kleinen Teeküche vorbeisah, ihn nach ein paar herzlichen Worten kurz in eines der Behandlungszimmer bat und ihn von den Hufspitzen bis zum Mähnenansatz so gründlich untersuchte, das ihm dabei fast schon mulmig zumute wurde. Anschließend rief sie Tender Heart zu sich und klappte einen Terminkalender auf, wobei der Bleistift auf der einen Seite neben ihr schwebte und ein Radiergummi einsatzbereit auf der anderen.

Fünfzehn Minuten später fand sich Rogue in einem spontanen Barbecue auf der Rettungswagenauffahrt des Krankenhauses wieder, mit einem Therapieplan, der faktisch jeden Tag der Woche abdeckte, unter der persönlichen Aufsicht der Klinkleiterin, garantiert ohne Wartezeit und mit einem gelben Schein, der ihn auf unbestimmte Zeit vom Dienst freistellte (Von einem frischen, wesentlich bequemer sitzenden Verband ganz zu schweigen). Er blinzelte noch etwas ungläubig, während ihm ein kräftig gebauter Pfleger den ersten Heuburger in die Hufe drückte, zusammen mit dem ersten mit Limonade verdünnten Cider (und das auch nur, weil er gerade keine Medikamente brauchte).

Nach dem ersten Becher, als die Realität langsam zu ihm aufschloss, entspannte er sich. Die Arbeit im Krankenhaus hörte nicht auf, aber alle nahmen sich etwas Zeit, um vorbei zu sehen, eine Kleinigkeit zu essen und sich mit allen ein Wenig zu unterhalten. Und wenn ihre Schicht zu ende war, blieben sie auch etwas länger, schenkten sich ein und unterhielten sich, schwätzten gemeinsam und lachten zusammen. Nach und nach tauchten immer mehr der Freiwilligen Feuerwehrponys zwischen dem Krankenhauspersonal auf, einfach aufgrund des unnachvollziebaren Prinzips wie sich Gerüchten in einem so kleinen Dorf wie Ponyville verbreiteten. Carrot Top brachte eine Ladung Karotten und Pasteten mit, die schnell auf dem Grill landeten, während Lyra zusammen mit ihrer Freundin BonBon Süßigkeiten verteilten. Light Lime, die er noch von seinem Erste Hilfe-Kurs kannte, war ebenso vertreten wie Rose Quarz und viele mehr, die in der Nacht des Wolfsmondes nur schemenhafte Gesichter geblieben waren. Rogue ließ viele Umarmungen über sich ergehen, sprach viele gute Worte und solche des Trostes, wenn die Tränen der Erinnerung kamen. Es schien ihm selbst wie einen Ewigkeit, da die Schattenwölfe über Ponyville hergefallen waren, aber er musste sich in Erinnerung rufen, das es für die Ponys hier nur kurze zwei Wochen gewesen waren.

Schließlich, er war bereits satt gefressen und trotz des verdünnten Ciders angenehm angeschwipst, fiel im Pinkie in die Vorderläufe.

"Hey, Rogue! Na, hast du deinen Spaß?"

Das Rettungspony lächelte der pinken Stute, die so unverwandt auf seinem Schoß aufgetaucht war, zu. "Und ob. Und dabei hab ich gar nicht damit gerechnet. Hast du etwa dabei deine Hufe im Spiel?"

Der Chief der Ponyville Feuerwehr, die ihren Amtshut keck seitlich auf ihrer Mähne balancierte, kicherte nur. "Vielleicht. Aber vielleicht auch nicht." Sie drückte ihm einen freundschaftlichen Schmatzer auf die Wange. "Vielleicht liegt es auch diesmal nur an dir, das sich alle freuen." Sie sprang von seinem Schoß und blickte sich so unschuldig und vergnügt zwischen den Feiernden um, das er nicht anders konnte, als ihr freudig zu zu lächeln. "Wenn ich nichts tun muss... wenn ich nicht diejenige bin, die ´Party!´ rufen muss... und wenn trotzdem der Bär steppt..." Sie sah sah sich nach ihm um und ihr Grinsen war so breit, so fröhlich und ansteckend, das es die heranbrechende Dämmerung mit ihrem eigenen Licht erfüllte. "...dann sind das mir die liebsten Feiern. Ganz ehrlich! Es geht nichts darüber!"

Sie stand einen Moment lang da und sah sich im Kreis der Ponys um, die sich fröhlich um sie herum der Party nachgaben. Rogue wartete geduldig einen Vorderlauf auf Abstand zu ihr, aber er konnte dennoch sehen, wie ihre Augen bei dem Anblick glitzerten, zu offensichtlich war die Freude, die Pinkie abstrahlte. Und er freute sich mit ihr.

Es stand ihr noch immer ins Gesicht geschrieben, als sie schließlich zu ihm herumwirbelte. "Willst du tanzen?", fragte sie so aufgeregt und quierlig, gerade in dem Moment, wo jemand seine Geige hervorholte und eine schnelle, lebendige Melodie spielte.

Er lächelte gequält. "Ich würde gerne... aber du weißt..." Er klopfte auf seinen bandagierten Hinterlauf und ließ den Rest ungesagt.

"Ach, Paperlapap!", stieß Pinkie hervor und packte seine Vorderläufe.

"Pinkie, ich sollte wirklich nicht...", konnte er gerade noch sagen, da wurde er schon von seinem Platz gewirbelt.

"Au! Au! Au?", Die ersten Schritte waren schmerzhaft, aber das verging schnell. Das pinke Pony hielt ihn fest, bewegte sich langsam mit ihm, so das er nur wenig hinzutun musste.

"Ist es so gut?", fragte sie ihn leise, während sie ihn führte.

Er nickte wortlos, während er versuchte mit ihr Schritt zu halten. Sie machte es ihm leicht. Langsam fand er den richtigen Rhythmus zu der Musik und passte ihr sich an. Er hatte schon zuvor mit Pinkie getanzt, damals, auf Sweet´s Leichenschmaus. Aber diesmal waren ihre Bewegungen langsamer, weniger fordernder. Sie passte sich ihm an, statt das sie darauf wartete, das er sich ihr anpasste. Anders hätte es auch kaum geklappt.

So blieben sie eine Weile, eng genug, das Rogue sich Sorgen machte, weit genug voneinander, das ihm Zweifel blieben. Als sich schließlich die Frage, die ihm den Hals verschloss, unaufhaltsam hervordrängte, ließ sie von ihm ab.

Ihr Tanz stockte und die pinke Stute löste sich von ihm. Lächelnd sah mit leicht zur Seite geneigten Kopf zu ihm auf. Er war etwas größer als sie.

"Danke, Rogue."

Er leckte sich nervös über die Lippen und sah verlegen zur Seite. "Pinkie, ich will, das du das nicht falsch verstehst..."

Sie schüttelte ihren Kopf und legte einen Huf auf seinen Lippen. "Nein, ich möchte, das DU das nicht falsch verstehst. Rogue. Du liebst Fluttershy. Fluttershy liebt dich. So einfach ist das. Jetzt weiß ich, wie sich das für sie anfühlt. Das war mir wichtig." Sie drehte ihren Kopf bis er fast zum Himmel zeigte, weiter, als es ein Pony eigentlich können sollte. "Aber, ach..." Sie warf melodramatisch ihren Vorderlauf gegen ihre Stirn "Du bist einfach nicht mein Typ..." Sie sah sich verwundert einen Moment lang um. "Wo ist meine Couch? Bei Rarity funktioniert das immer!"

Statt dessen fing Rogue sie auf, als die Schwerkraft sich ihrer entsann und sie fast zu Boden fiel.

"Heda, Lady!", fragte er in seinem besten Rettungsponyton, jetzt da er die Scharade als das harmlose Spiel erkannt hatte, das es war. "Geht es ihnen gut? Soll ich einen Krankenwagen rufen?"

Sie ließ sich weiter in seine Hufe fallen, dann kicherte sie leise. "Nein, Herr Rettungspony, ich habe alles, was ich brauche." Dabei kuschelte sie sich noch etwas weiter in seinen Griff. Als er sich etwas unbehaglich umsah, da er sie nicht loslassen konnte ohne das sie vor ihm in den Dreck fiel, schlug sie die Augen auf und fixierte ihn. "Du passt mir doch gut auf sie auf, oder, Rogue?", fragte sie ihn unvermittelt und so ernst, das er unwillkürlich aufmerkte. Er sah auf sie herab. "Immer. Mit jeder Faser meines Herzens." Der misstrauische Blick in ihren Augen verschwand nicht. "Pinkie Versprechen?", fragte sie ihn, noch immer so toternst, das es ihm einen Schauder über den Rücken jagte. Aber er nickte dennoch. "Pinkie Versprechen."

Sie setzte sich auf die Hinterhufe und vollführte eine komplizierte Abfolge von Hufbewegungen. "Huf aufs Herz, kannst mir vertrau´n, will mir sonst nen´ Muffin in´s Auge hau´n?"

Er sah sie einen Moment lang entsetzt an, dann dämmerte es ihm, das es ihr noch immer ernst war. "Äh... Huf auf´s Herz, kannst mir vertrau´n..." Rogue war sich nicht sicher, wie es weiter ging.

Pinkie war nur zu gerne bereit, es ihm zu zeigen.

"...will mir sonst nen´ Muffin in´s Auge hau´n! Aua!" Rogue rieb sich sein schmerzendes Auge, in das er sich gerade mit dem eigenen Huf gefasst hatte. Er wollte sicherlich alles andere, als sich auch noch einen Muffin da hinein zu schieben. Ganz abgesehen davon, Fluttershy auf irgendeine Art und Weise zu enttäuschen.

Überhaupt... Sie fehlte ihm hier. So sehr er es auch genoss mit den anderen Ponys zu feiern, weswegen auch immer... sie war nicht da. Ihm fehlte der sanfte kleine gelbe Fleck aus weichen Federn und leiser Stimme in all dem Trubel, der ihr wahrscheinlich doch nicht gefallen hätte. Sie war es, mit der er wirklich tanzen wollte, langsam und ein wenig zaghaft, wie alles, was sie miteinander taten. Mit der süßen Zurückhaltung, die sie beide umfing, die sie bremste, die sie zögern ließ, die sie aber dennoch langsam immer enger umeinander kreisen ließ... die sie immer weiter in die Anziehungskraft des anderen zog, unausweichlich, aber nicht ohne Widerstand. Vielleicht war genau das für ihn so erregende an ihr. Er scheute vor ihr nicht weniger zurück, als sie vor ihm. Aus so verschiedenen Gründen, aber doch so gleich... und doch war die Anziehung zwischen ihnen unverleugbar, so stark, das sie beide nicht mehr anders konnten, als sich ihr letztlich hinzugeben.. Wie zwei celestische Körper drehten sie sich immer enger umeinander, gefangen in der Gravitation des anderen.

So war es für Rogue. Er spürte ihre Nähe, ihre Präsenz selbst über die Entfernung hinweg. Er spürte, wie sie ihn an sich zog, obwohl sie nicht dort war, obwohl sie weit von ihm entfernt war. Er spürte, wie sie ihn rief, ohne Stimme, aber dennoch fühlbar. Sein Herz schrie nach ihr. Doch als Pinkie ihm zulächelte und ihm Tender Heart ein Stück Kuchen auf einem Teller in den Huf drückte, wusste er, das ihre Zeit noch nicht gekommen war. Als er schicksalsergeben lächelte und mit den beiden auf die Tanzfläche ging, um sein Bestes zu geben und zu feiern, das er und der Rest, das alle anderen noch am Leben waren, heute und wahrscheinlich auch morgen, war er dennoch in Gedanken bei ihr, Und in Gedanken tanzte er mit ihr und lachte mit ihr und freute sich mit ihr, das sie beide noch immer hier waren. Und morgen Abend... wenn sie beide allein waren... würde er ihr all das sagen. Alles, was er jetzt nur mit seinen Freundinnen teilen konnte. Was er jetzt nur mit unsicheren Hufen und steifen Läufen auszudrücken konnte. Er würde es ihr sagen, auch, wenn die Worte nicht weniger linkisch und steif heraus kommen wollten. Für sie konnte er sich zum Narren machen, für sie konnte er all die dummen Worte sprechen, die aus seinem Herzen herauskamen und die keine andere Sprache fanden. Er wusste, sie würde sie verstehen. Er wusste, das ihre Herzen die gleiche Sprache verstanden.

Er musste sie nur aussprechen.

Es wurde spät an diesem Abend. Sie feierten, sie tanzten und aßen, bis sie nicht mehr konnten. Rogue übergab Schwester Tenderheart das Sauerstoffgerät, die versprach es für ihn zur Post zu bringen und es kostenlos mit der Klinikpost zu verschicken, aber erst nachdem er morgen seine Briefe dazu geschrieben hatte. Schließlich verabschiedete er sich, während es noch hoch vor der Klinik herging. Als sie die Musik und das bunte Treiben bereits weit hinter sich gelassen hatte, sah sich Rogue noch einmal um.

"Was ist?", fragte ihn Pinkie Pie, die ihn bereitwillig zurück zur Farm begleiten wollte.

Er schüttelte langsam seinen Kopf und setzte den Weg an ihrer Seite fort. "Ich dachte nur...", begann er, brach dann aber ab.

"Was dachtest du? Verrätst du es mir? Hä? Hä?" Die Erdstute war sogar noch etwas aufgedrehter als sonst, was wahrscheinlich daran lag, das sie die Party früher als sonst verlassen musste. Sie sprang hüpfend um ihn herum, während er nur langsam durch die beleuchteten Straßen Ponyvilles trotten konnte. "Was is los, Rogue? Heraus damit! Komm schon!"

Er sah sie einen Moment lang mit einem halb belustigten, halb tadelnden Blick an. Er hatte gelernt Pinkie in diesen Momenten nicht nur zu ertragen, sondern sie auch dafür zu lieben, so wie der Rest ihrer Freunde. Entgegen der weitläufigen Meinung war die quierlige Erdstute nicht immer gut drauf. Tatsächlich war sie es wesentlich weniger, als die meisten es vermuteten. Aber, und das war der wichtige Unterschied, war sie nie lange schlecht aufgelegt. Das war eine Gabe, um die Rogue sie sehr beneidete. Trauer traf sie genauso tief wie alle anderen, Enttäuschungen und Rückschläge waren ihr nicht fremd und selbst Verzweiflung hatte dieses Pony bereits ertragen müssen. Aber so düster die Zeiten auch waren, so finster es um sie auch wurde, es blieb nie lange an dem pinken Erdpony haften. Sie fand ihre Sonne immer wieder, egal, wie tief das Loch war, in dem sie sich wieder fand.

Von Außen mochte es scheinen, das wenig sie erschüttern konnte, aber Rogue wusste mittlerweile, dass auch Pinkie genauso litt wie alle anderen. Sie überwand es einfach nur schneller, durch ihren ungebrochenen Optimismus und ihre angeborene Frohnatur.

Er war dankbar dafür. Er war in dieser Hinsicht gänzlich anders gestrickt, überdachte alles bis in kleinste Detail, kam vom hundertfachen ins tausendfache und machte sich oft mehr Sorgen als nötig war. Das war nicht immer ein Nachteil. Aber oft genug stand er sich damit selbst im Weg. Pinkie war ein willkommener Ausgleich für diesen Charakterzug, der vieles in die Waage brachte.

"Ich wundere mich nur darüber, wie das alles hier entstanden ist..." Er machte einen unbestimmten Hufzeig auf die Party, die hinter ihnen zurückblieb. Der willkommene Schleier aus verdünntem Alkohol machte eine eloquente Wortwahl schwierig. "Das Barbeque meine ich und das alles. Es ist... ist.. " Er kämpfte einen Moment lang mit den Worten. "Es ist irgendwie... verzweifelt..." Er hielt kurz inne und schüttelte seinen Kopf. "Nein, nicht verzweifelt, das ist zu viel, eher... eher.." Er seufzte. "Mir fällt kein Wort ein." Er sah hilfesuchend zu Pinkie, die ihn jedoch lediglich neugierig ansah. Er holte tief Luft. "Es ist, als würden sie heute tanzen, weil sie nicht wissen, ob sie es morgen noch können, verstehst du? Und sie tun es umso mehr, je größer die Unsicherheit wird." Er klopfte sich mit dem Huf gegen den Kopf. "Ich bin mir sicher, das es dafür einen Ausdruck gibt, ein Wort... es will mir bloß nicht einfallen."

"Ich weiß, was du meinst.", unterbrach ihn die Erdstute in seinem Nachsinnen.

Er sah überrascht auf. "Ja?"

Pinkie nickte. "Viel hat sich verändert. Niemand kann sagen, wie es weiter geht. Es ist nur natürlich, das wir das feiern, was uns sicher ist." Sie lächelte, trotz der ernsten Worte.

Rogue sah sie neugierig an. "Was denkst du darüber? Hast du keine Angst vor dem, was kommen könnte?"

Pinkie prustete einen Moment los. Dann sah sie ihn fröhlich an. "Können wir noch etwas daran ändern, Rogue? Haben wir nicht alles getan, was ins unsere Macht steht?"

Das Rettungspony sah sie ungläubig an. "Nein, aber..."

Sie unterbrach ihn. "Aber, aber, aber! Immer aber, aber nicht weil! Wir haben uns, wir haben einander, noch immer, trotz allem. Die Zukunft ist ein unentdecktes Land und wir brechen dahin auf, jeden Tag. Was mag es bringen? Ich weiß es nicht, du weißt es nicht, keiner weiß es! Aber es wird kommen, so oder so. Es mag gut ausgehen, oder nicht, aber heute sind wir noch froh und voll Hoffnung. Was bringt es, sich schon über die Sorgen von Morgen den Kopf zu zerbrechen? Wir können nur das Beste hoffen und uns auf das Schlechteste vorbereiten. Und für beides ist eine Feier gerade gut genug."

Er sah sie zweifelnd an. Es hörte sich in seinen Ohren nicht gerade verantwortungsvoll an, was sie von sich gegeben hatte. Sie sah es und seufzte leise. Während sie zusammen in Richtung von Sweet Apple Acres trotteten, verkürzte sie den Abstand zwischen ihnen etwas.

"Schau, Rogue. Hast du heute Abend besorgte Gesichter gesehen?", fragte die Stute ihn.

Er dachte kurz nach, dann schüttelte er seinen Kopf. Gerade das machte ihm Sorgen. Das ganze war zu schnell, zu natürlich, zu reibungslos entstanden, als das es in seinem Verstand bequem werden wollte.

Pinkie warf ihre Vorderläufe in die Luft. "Genau! Trotz allem was passiert ist, trotz aller Unsicherheit, trotz der Angst und der ungewissen Zukunft konnten wir einen kleinen Kreis aus Freude, aus Unbeschwertheit und Gemeinschaft formen, all dessen, was es ausmacht, ein Pony zu sein. Das ist keine Ignoranz, das ist keine Verzweiflung, niemals! Das ist ein Licht, ein Licht in einer Dunkelheit, die uns immer finsterer scheint, die herausruft ´Ich fürchte mich nicht! Ich hoffe! Ich glaube! Ich glaube, das die Dunkelheit vergeht und das Licht wieder scheint!´" Sie sah ihn an. "Verstehst du das?"

Er dachte einen Moment lang darüber nach, dann begann er langsam zu nicken. "Ja.", sagte er schließlich. "Ich glaube, ich verstehe."

"Gut!" Pinkie grinste von einem Ohr zum anderen.

Seite an Seite gingen sie den nächtlichen Pfad in Richtung der Farm entlang, dort wo die weiß gestrichenen Zäune die ersten Ausläufer des großen Apfelhains von der Straße trennten. Die Spitze der großen Scheune lugte bereits über die Kuppe des sanften Hügels, den sie gerade hinaufschritten. Es war nicht mehr weit.

"Bist du morgen eigentlich dabei, Pinkie?"

Pinkie merkte auf. "Beim Lichterfest? Naja, nicht direkt. Ich werde zusammen mit den anderen Singles aus der Feuerwache und ein paar freiwilligen Helfern den Wagen besetzen und die Augen offenhalten. Dieses Jahr müssen wir besonders vorsichtig sein, jetzt wo alles so ausgetrocknet ist." Sie warf ihm einen Seitenblick zu. "Warum fragst du?"

Rogue beeilte sich, einen unschuldigen Tonfall anzuschlagen. "Och, nichts besonderes." Er mied ihren Blick und konzentrierte sich auf den Weg vor ihnen.

"Mhm.", machte Pinkie, ein Laut der zu Deuten unmöglich war.

Sie gingen ein paar Schritte, ohne das ein weiteres Wort fiel, obwohl die Fragen in der Luft hingen wie die Leuchtreklamen am Broadway von Manehattan.

"Fluttershy hat dich eingeladen, oder?", fragte die Stute schließlich in einem leicht belustigten Tonfall.

Rogue verdrehte die Augen. "Ich muss für jeden zu lesen sein wie ein offenes Buch." Er stieß verdrossen einen Stein vom Pfad vor sich in die Büsche und wurde promt mit einem leichten Stich in seiner Flanke belohnt, als sein Gewicht sich verlagerte. Er überspielte den Schmerz mit einem Schnauben. "Ich habe keine Ahnung, was morgen Abend auf mich zu kommt. Von so einem Fest höre ich das erste Mal." Er sah sich verstohlen nach der pinken Stute um. "Ich habe ein wenig Angst etwas falsch zu machen."

Pinkie warf ihm einen überraschten Blick zu, dann kicherte sie, hell und glockenklar. Die Miene des Rettungsponys nahm einen säuerlichen Ausdruck an, als er hörte wie seine Unwissenheit ein weiteres Mal zur Belustigung einer seiner Freunde beitrug. "Das muss ja sehr witzig sein."

Das pinke Erdpony stoppte in seinem Schritt und legte ihm einen Huf vor die Brust, so das er ebenfalls anhielt. Sie waren auf der Kuppe des Hügels angekommen und die Sweet Apple Acres Farm breitete sich vor ihnen im sanften Licht der funkelnden Sterne und des fast vollen Mondes aus.

"Mach dir keine Sorgen Rogue.", begann Pinkie und ihre Stimme war ernst, auch wenn die Stute noch immer ein breites Grinsen zur Schau trug. "Morgen Abend wirst du es verstehen. Vertrau mir. Und vertrau ihr. Das ist alles, was du wissen musst."

Er sah sie einem Moment lang an. Sah in ihre großen, blauen Augen, die ihn aufrichtig und ohne jeden Hintergedanken ansahen. Und dann nickte er. Langsam und ein wenig widerstrebend, aber bestimmt.

Er wusste nicht, woher sein Misstrauen stammte. Es gab keinen Grund dafür. Er vertraute Fluttershy, so wie es nur ein Liebender konnte: Blind und ohne Argwohn. Was aus ihm sprach war... war lediglich die Angst, seine eigene Unsicherheit, die er noch immer nicht ablegen konnte. Es war schwierig loszulassen, einem anderen Pony die Kontrolle zu überlassen. Es war schwierig, sich fallen zu lassen, in dem Wissen, dass derjenige, der einen auffangen sollte, selbst nur ein Pony war, fehlbar und seltsam und voll von unbekannten Gedankengängen, voll von Vorstellungen, die sich vielleicht so sehr von den eigenen unterschieden. Es gab so viele Missverständnisse, die plötzlich auftauchen konnten, so viele Unwägbarkeiten, so viele... so viele Dinge, die er nicht wusste und die alles ruinieren konnten...

Es war schwer, all das zu vergessen. Sich einfach hinzugeben, ohne Halt, ohne Plan und ohne bereit gelegte Entschuldigung.

Wann hatte sie ihn jemals enttäuscht? Wann war sie nicht da gewesen um ihn aufzufangen, um ihn auf ihren weichen Flügeln zu betten und fest zu halten, wenn es notwendig war? Wenn er sie brauchte? Gab es es einen Gedanken in ihr, der weniger an sein Wohlergehen dachte, als er an ihres? Gab es eine linkische Geste, einen unvorteilhaften Gesichtsaudruck, ein unbedachtes Wort, die sie ihm nicht verzeihen konnte? War das, was zwischen ihnen war, so zerbrechlich?

Doch wahrscheinlich war all dies nur wieder eine Ausgeburt seines Kopfes, dieser seltsamen, unergründliche Schaltzentrale am Ende seines Halses, von der er einmal geglaubt hatte, das sein Verstand darin den Vorsitz führte.

Morgen Abend würde das erste Mal sein, das er bei Fluttershy war, ohne Verpflichtungen, ohne Zeitnot, ohne anstehende Katastrophen. Wenn alle Schlachten geschlagen, alle Freunde heimgekehrt, alle Opfer begraben und alle Pflichten erfüllt waren. Morgen Abend würde er erfahren, was für ihn vom Tage übrig blieb.


Prinzessin Luna erhob sich auf flüsternden Schwingen über das dunkle Equestria. Sie ließ das Singen der Zykaden hinter sich und die Lichter der Glühwürmchen, die unruhig über den trockenen Halmen tanzten. Höher und höher stieg sie, bis die Luft um sie herum kalt und dünn wurde.

Die Nacht brachte die Träume ihrer Untertanen hervor, wie tausend Leuchtfeuer in der Dunkelheit. Vor den Augen der Prinzessin erblühten auf dem samtschwarzen Stoff des schlafenden Landes Funken aus Licht und Leben. Vergangenes und Erlebtes, Hoffnungen und Ängste. Viele, viele Ängste.

Sie sah es an den wirbelnden Farben. Träume von eigener Unsicherheit pulsierten in einem tiefen, beunruhigenden Lila, während die Sorge um Geliebte in rötlichem Pink schillerten, wild und verzweifelt. Ein kränkliches Grün zeigte die Offenlegung peinlicher Geheimnisse an. Graue Streifen zeugten von einem Traum der dem Träumenden ausweglos erschien, gefangen in beängstigenden Umgebungen oder unfähig fürchterlichen Alpdrücken zu entfliehen, weil die eigenen Bewegungen wie in Honig erstarrten.

Und es gab viele, viele cobaltblaue Lichter, die wie Gewitterwolken über dem Land hingen. Angst vor der Zukunft, Angst vor einem schrecklichen Schicksal, vor dem man nicht fliehen konnte.

Als Luna ihr Reich betrachtete und die Aufgabe begriff, die ihr bevorstand, sank ihr eigenes Herz, schwer und betrübt. Sie hatte gewusst, das es schwer werden würde, dass die Verbannung ihrer Schwester tiefe Wunden reißen würde, aber das schiere Ausmaß an Verzweiflung, dem sie sich jetzt gegenüber sah, war überwältigend. Sie hatte geglaubt, dass die starken Bande des Reiches, der Wohlstand und die Zufriedenheit seiner Ponys den Schock mildern würden, das die Worte der Hoffnung ihrer Schwester den Ponys Mut geben würde und dass das Misstrauen gegen sie selbst nicht so groß war, wie sie befürchtete. Sie hatte sich geirrt. In jedem Punkt.

Für einen kurzen, schrecklichen Augenblick flammte Wut in ihr auf. Was war es, das Sie so sehr an ihrer Schwester liebten? Was war es, das Celestia hatte, was Sie, Luna, ihnen nicht geben konnte? Sie hatte den Tag für sie gebracht, sie brachte den Mond und wachte über ihre Träume, in jeder Nacht seit ihrer Rückkehr. Wie konnte sie sich noch beweisen? Wie konnte sie diesen undankbaren Ponys beibringen...

Sie erkannte die Falle, in die sie schon einmal getappt war und stoppte den verhängnisvollen Lauf ihrer Gedanken, bevor er außer Kontrolle geraten war. Einen Moment lang war sie vor sich selbst erschreckt, wie weit er sie fortgeführt hatte, bevor sie ihm Einhalt gebot.

Sie war diesen dunklen, verhängnisvollen Weg schon einmal entlang geschritten und hatte darauf nichts anderes als Leid und Bedauern gefunden. Diesen Fehler würde sie kein zweites Mal begehen. Sie hatte... Demut gelernt. Celestia hatte ihr gesagt, während ihres Gesprächs als sie ihr offenbarte, das sie sich diesmal für Luna aufopfern würde, das dies eine der herausragendsten Tugenden einer Herrscherin war. Und das sie selbst oft genug darin versagt hatte.

Luna war zu außer sich gewesen, um diesen Worten richtig zu verstehen. Sie hatte sich gedemütigt gefühlt, zurückgesetzt, das ihre Schwester dies einfach ohne sie entschieden hatte, so als würde ihre Meinung in dieser Sache nicht zählen. Doch aus ihrem Herzen hatte die Angst gesprochen, die Angst, ihre Schwester noch einmal zu verlieren, noch einmal ohne sie zu sein, tausend lange, lange Jahre lang. Erst als sie dem Palast geflohen war, diesem Ort aus schimmernden Marmor und blitzendem Gold, aus hellen Fenstern und weiten Fluren, diesem Monument, das nichts anderes war, als ein Tempel der Sonne, ihrer Schwester, an dem es fast keinen Platz für sie zu geben schien, konnte sie wieder anfangen klar zu denken.

Langsam und schmerzhaft war das Verstehen in sie eingesickert, wie eine bittere Medizin, die sich nur schwer schlucken ließ. Es durfte nicht ihre Schwester sein, die sie ihr eintrichterte. Es musste sie selbst sein, die sich diese Wahrheit verabreichte, die nicht überredet wurde, mit süßen und eindringlichen Worten, sondern die verstand, erkannte und begriff. Verstand, dass ihre Schwester es nicht verkraften würde, sie noch einmal für etwas büßen zu lassen, wofür Sie sich noch immer selbst die Schuld gab. Erkannte, das all ihre Beteuerungen und alles Flehen die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen, Celestia nicht von ihrer eingebildeten Schuld befreien würden. Begriff, das ihre Schwester dies für sich ebenso tun musste wie für Sie, als eine Buße, ein Opfer, das hoffentlich endlich die Kluft zwischen ihnen schließen würde, die klaffte, seit Luna sich ihrer eigenen Hybris hingegeben hatte.

Aus diesem Grund konnte sich Luna trotz aller Verzweiflung, trotz der schieren Unmöglichkeit ihrer Aufgabe nicht der dunklen Seite in ihrem Herzen hingeben. Sie war es ihrer Schwester schuldig. Sie hatte einen Dolch aus Feuer und Eis in Lunas Herz gerammt, als sie verlangte, das sie zuließ, das sie auf den Mond verbannt wurde, das ehemalige Gefängnis ihrer Schwester. Aber sie hatte damit auch ein unausgesprochenes Versprechen in sie gepflanzt, ein mächtiges Sigul, das Luna nicht mehr zu verletzen wagte.

Die Schuld, die Pflicht - schwer und erdrückend, sie antreibend und sie niemals ruhend lassend - war nun an ihr. Auch wenn es das Letzte war, was ihre Schwester im Sinn hatte, war es doch die Wahrheit. Es lag nun an Luna Celestias Werk fortzuführen und ihr Andenken zu bewahren. Es lag an ihr, Equestria durch die Stromschnellen der Geschichte zu manövrieren, was auch da kommen mochte. Es war nun ihre Aufgabe, das Vertrauen der Ponys zu gewinnen, denn die Alternative war nur... Sie zu enttäuschen. Ihre Schwester, die sie so sehr liebte, das sie ihr alles anvertraute, was sie in tausend Jahren aufgebaut hatte. Und die dennoch so weise und klug und so berechnend und kalt war, als ihr keine Wahl zu lassen.

Möge Mutter Faust Sie dafür verfluchen, dachte Luna bitter, aber nicht ohne das sie spürte, wie auch tief in ihr sich Liebe, Bewunderung und Dankbarkeit regten. Celestia war schon immer die Beherrschtere, Planende von ihnen gewesen, der Anker, der sie schon vor tausend Jahren und mehr zum Erfolg geführt hatte. Aber der Preis dafür war Arroganz gewesen, eine Blindheit, die letztlich...

Luna schüttelte energisch den Kopf. Sie konnte ihrer Schwester keine Schuld an ihren Fehlern zuschieben. Ihre Verwandlung in Nightmare Moon war allein ihren verletzten Gefühlen und eingebildeter Missachtung zuzuschreiben und nicht mehr. Sie hatte sich vom Licht ihrer Schwester blenden lassen und darüber vergessen, das ihr eigener Part in diesem Stück nicht weniger wichtig war. War das Hier und Jetzt nicht Beweis genug? Alle Macht in ihren Hufen. Und tausend Jahre Zeit... tausend Jahre allein... tausend Jahre für eine Prinzessin, die ungeliebt war, die Dinge zu verändern...

Hör auf, schalt sie sich selbst. Jetzt war nicht der rechte Zeitpunkt über solche Dinge nachzudenken. Sie hatte ein Pflicht zu erfüllen, die keinen Aufschub duldete.

Die Ponys des Reiches fürchteten sich. Und die Prinzessin des Mondes, die Herrscherin über die Nacht und die Träume hatte die Macht diese Angst zu mildern, wie Celestia es nie gekonnt hatte. Es würde nicht leicht werden - die Bevölkerung Equestrias hatte in den tausend Jahren ihrer Verbannung stark zugenommen - aber sie konnte es schaffen. Sie hatte in früheren Zeiten, in lange vergangenen Jahren, als das damals noch junge Königreich um seine Existenz kämpfen musste, als Ponys zu seiner Verteidigung in den Krieg zogen und sie weit von der Harmonie und der Sicherheit der heutigen Tage entfernt waren, ähnliche Nächte erlebt.

Lunas Horn blitzte auf und einen Moment später schwebte sie nicht mehr hoch über dem schlafenden Land, sondern stand auf einem der hohen, grasbewachsenen Hügel östlich von Ponyville, dort wo die stetig aufsteigenden Grate des Wolkenspitz-Gebirges den Everfree Forest von der Ostküste des Kontinents trennte. Wie um sie zu begrüßen erhob sich ein leichter Wind, der die Gerüche des Tals mit sich brachte, Sommergras und und grünes Laub, frisches Heu und fließendes Wasser. Die Brise pflückte die Samen des reifen Lövenzahns und ließ die kleinen Fallschirme einen Moment um ihre schlanke Gestalt tanzen, bevor sie in die Dunkelheit verschwanden, um sich anderswo nieder zu lassen und zu sprießen.

Vor ihr breitete sich das Herz Equestrias aus, das breite Tal, das mehr Vergangenheit in sich trug als jeder andere Streifen Land im Reich. In seiner Mitte lag Ponyville, eine kleine Ansammlung von Lichtern, ein Dorf das noch Jahrzehnte verschlafen und vergessen hätte bleiben können, wenn es nicht die Elemente beherbergen würde. Luna erinnerte sich gerne an ihre Erlebnisse dort, ihre erste Nightmare Night, die ihr immer unvergesslich bleiben würde. Sie hatte an diesem Abend Freunde gefunden, die ersten, seit tausend Jahren.

Am Rand Ponyvilles, ihr zugewandt und sich nach Norden ausdehnend, lauerte der dunkle Schatten des Everfree Forest, der die Ruinen ihres ersten Schlosses mittlerweile so hungrig verschlungen hatte, wie einer der gefährlichen Räuber, die in seinen Tiefen noch immer lauerten. Luna war seit ihrer Rückkehr oft dort gewesen, hatte die nun stillen und leblosen Mauern durchwandert und allein darüber nachgedacht, was sie verloren und was sie gewonnen hatte. Für die Prinzessin des Mondes war es ein Ort ambivalenter Gefühle: Sie hatte viel schönes dort erlebt, damals, als ihre Regentschaft noch jung war. Die schwierige Aufgabe ein Reich zu erschaffen hatte die beiden Schwestern zusammengeschweißt, sogar noch enger als während ihres Kampfes gegen Discord. Es war aufregend gewesen, zusammen zu planen, ihre Ideen zu spinnen und wirklich etwas aufzubauen, das Bestand haben sollte. Es war ein Traum gewesen, den sie zusammen zur Wirklichkeit werden lassen wollten.

Aber dieses Schloss war auch eine stete Erinnerung an ihren eigenen Fall, ihre eigene Torheit. Bitterkeit brütete still in diesen Wänden, Bedauern und Scham. Die Steine trugen noch immer die Zeichen ihres Kampfes, als Schwester den Huf gegen Schwester erhob und zerbrach, was nicht zerbrechen durfte. Sie hielt es nie lange dort aus. Und doch konnte sie nicht anders, als immer wieder dahin zurück zu kehren. Der Grund dafür lag auf der anderen Seite des Tals, so weit entfernt, das es nur ein fahles Schimmern an der Flanke der fernen Berge war.

Canterlot, die Hauptstadt des Reiches, die dort aus der Flanke der Berge wuchs. Celestia hatte ihrem gemeinsamen Zuhause den Rücken gekehrt, nicht weniger von Erinnerungen gequält als Luna selbst und sich eine neue Heimstatt geschaffen. Die Herrin des Mondes war sich sicher, das ihre Schwester seit dem keinen Huf mehr in das Schloss der zwei Schwestern gesetzt hatte, wie es früher genannt wurde. In Canterlot, und natürlich im königlichen Palast, der das Herz der Stadt war, trug praktisch jeder Stein das Zeichen ihres Hufes an sich. Tausend Jahre lang hatte Celestia dort Hof gehalten, die Regentin der Sonne.

Es war schwer für Luna, sich dort heimisch zu fühlen.

Diesen Platz hatte sie auf ihren Ausflügen gefunden, wenige Wochen nach ihrer Rückkehr, als sie dieses neue, unvertraute Equestria erkundete. Er erinnerte sie sehr an einen Teil ihres Nachtgartens, den sie besonders geliebt hatte und der nun nur noch in ihrer Erinnerung existierte. Er übte eine angenehm beruhigende Wirkung auf sie aus, nach der sie sich immer häufiger sehnte. Das war etwas, das sie nun brauchte.

Luna ließ sich in das duftende Gras sinken. Ein paar Zikaden verstummten und sprangen fort, um woanders ihr Lied fortzusetzen. Die Glühwürmchen, durch ihr plötzliches Auftauchen verschreckt erloschen, blühten wieder um sie herum auf. Sie schloss die Augen.

Im Gewebe der Realität, im Muster, das sie alle umfasste, sie alle einschloss, gab es tausend mal tausend mal tausend Gabelungen. Jede Entscheidung, jeder Entschluss formte das Muster um, schaffte neue Verknüpfungen, ließ das Muster wandern, sich verändern, entwarf es neu. Individuen mit genug magischen Talent und Kraft waren in der Lage es zu sehen. Und mit genug Erfahrung oder Intelligenz war man in der Lage dazu es zu lesen, soweit das möglich war. Nicht jede Veränderung war weltumspannend oder konnte die Zukunft radikal verändern. Es gab Knotenpunkte, Nexus, um die sich das Muster ordnete. Es gab Wahrscheinlichkeiten und Bestimmungen, aber diese mussten nicht immer zutreffen. Manchmal reichte ein einzelner Faden aus, der die Richtung unvorhergesehen änderte, um alles neu zu gestalten.

Doch was wurde aus den Möglichkeiten, die nicht Realität wurden? Was wurde aus dem Prinzip von Aktion und Reaktion, das in die Ewigkeit fortlief, unnachgiebig, aber doch so leicht zu beeinflussen? Der Verstand beobachtete das Sein und veränderte es nach seinem Ratschluss. Das Eine veränderte das andere und wurde vom anderen beeinflusst. Aber dennoch konnte die Kette nicht gebrochen werden. Statt dessen verzweigte sie sich.

Luna konnte nicht allein in einer Nacht alle Träume ihrer Untertanen besuchen. Auch wenn die Zeit in dieser imaginären Sphäre anders verlief, war das unmöglich. Sie hätte ihre Energie und ihren Verstand aufgebraucht, lange bevor sie das Ziel erreicht hätte. Aber sie war nicht allein, zumindest nicht hier.

Träume waren eine nicht gefundene Tür. Eine Tür die nicht offen war, weil sie Glas war.[1] Eine Tür, die keine Tür, sondern Glas war. Eine Tür, die offen war, wenn sie Glas war. Eine Tür die überall hinführen konnte, auch in Wirklichkeiten, die nicht wirklich waren. Träume mussten keinen Sinn ergeben. Träume folgten ihren eigenen Regeln.

Meist waren Träume Wiederholungen, Schnippsel, Fetzen des Erlebten, neu zusammengesetzt und gewürzt mit Ängsten, Hoffnungen und Sehnsüchten. Doch das war nur ein Teil dessen, was sie sein konnten, wie ein Pony, das sich in seinem vertrauten Haus versteckte. Doch manchmal trat es hinaus und folgte einer der Straßen, die von seiner Haustür (Eine Tür. Ein Glas. Eine Rose. Ein Stein. Ein Blatt.) abzweigte.

Die Kette konnte nicht zerreißen. Sie verzweigte sich nur. Und auf ihren Gliedern ritten mehr als nur eine Luna.

Und mehr als nur eine Prinzessin des Mondes sandte ihren Geist aus und tastete mit erfahrenen Hufen nach den glitzernden Lichtern in der Finsternis...


Die Sonne zog ihre Bahn im strahlend blau Himmel über Ponyville, ungetrübt durch auch nur eine einzelne Wolke. Rogue sah mit zusammengekniffenen Augen zu ihr auf und machte sich Sorgen, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte. Damit war er nicht allein. Er sah immer öfter Ponys, die sehnsuchtsvolle und besorgte Blicke in den Himmel warfen, besonders als er heute morgen zu Klinik gegangen war, um seine erste Therapiesitzung abzuarbeiten und dabei seinen Bericht für seine Heimatwache abzugeben. Obwohl, ´Sitzung´ war wohl eher nicht das richtige Wort dafür.

Man hatte ihn im Keller in einen kleinen Pool steigen lassen und in einem Gestell, das ihn am Rumpf über Wasser hielt, Laufbewegungen ausführen lassen, bis er ganz rot im Gesicht war und völlig aus der Puste. Anschließend hatte sich eine junge Stute mit dem unschuldigen Namen Mercy sich seiner angenommen und mit ´angenommen´ meinte er, sie hatte ihn sich geschnappt und ihn so lange drangsaliert, bis er glaubte aus versehen in die Folterabteilung des Krankenhauses geraten zu sein. Sie strafte ihren eigene Namen lügen, als sie ihn unerbittlich durch immer neue Übungen mit Medizinbällen, Gummiseilen und Streckbarren jagte, bis ihm die vorhergehende Hydrotherapie wie ein Spaziergang vorkam. Sie lies keine Ausrede gelten und beobachtete mit Argusaugen jeder seiner Bewegungen, bereit jede kleine Abweichung sofort zu korrigieren.

Seltsamerweise, so sehr es ihn auch anstrengte, führte sie ihn nie an seine Schmerzgrenze heran, an der die sich langsam schließenden Wunde an seinem Hinterlauf laut zu protestieren begonnen hätte. Es zog und kniff und er schwitzte wie ein frischer Rekrut, aber er hatte nie das Gefühl sich zu überanstrengen. Nach dem sie ihn neunzig Minuten lang durch ihren eigenen, kleinen Tarterus geschickt hatte, ließ sie von ihm ab und übergab seine Überreste einem kräftigen, blauen Hengst, der ihn mit schweren, Stalliongrader Akzent begrüßte und sich als ´Rolik´ vorstellte, sein Masseur. Dann begannen die Schmerzen.

Rolik bearbeitete mit seinen großen, geschickten Hufen Muskeln, von denen Rogue nicht einmal gewusst hatte, das er sie am Leib trug. Sein Rücken und die unverletzten Läufe waren noch nicht so schlimm, aber als er sich seiner Hinterpartie widmete, begann das Rettungspony sich zu fragen, ob das ganze ein perfider Plan war, ihn loszuwerden. Oder umzubringen. Als der Masseur die Muskeln bearbeitete, durch seine Schonhaltung verkrampft und hart, bohrte, drückte und quetschte, schien ihm der Tod wie eine süße Erlösung.

Aber schon wenige Minuten später, als das widerstrebende Gewebe der rauen Behandlung langsam nachgab und sich lockerte und auch Rolik sanfter wurde, wurde aus der Pein langsam echte süße Erlösung. Und dann begann er es richtig zu genießen.

Als er gut drei Stunden, nachdem er das Krankenhausgebäude betreten hatte, es mit einem frischen Verband und einer Tüte mit Salben und Medikamente verließ, fühlte er sich wie ein neues Pony. Sein Hinterlauf, an dessen Steifheit er sich sich mittlerweile schon gewöhnt hatte, war wesentlich beweglicher geworden und sein Schritt, der vorher ein leichtes Humpeln aufgewiesen hatte, war fast schon wieder normal.

Er hatte auf dem Weg zurück zur Farm noch ein paar Stationen abgeklappert, allen voran dem Sugarcube Corner, um sich ein einen Kaffee und ein dringend benötigtes zweites Frühstück zu gönnen, sowie ein paar süße Köstlichkeiten für die Apples mitzunehmen. Pinkie hatte sich die Zeit genommen und ein paar Worte mit ihm geplaudert, während er sich gierig über die Zimtschnecken hermachte. Anschließend war er zuerst bei der Carousel Boutique vorbeigetrottet, wo er jedoch nur ein Schild ´Betriebsferien - Für ein paar Tage´ fand. Rarity schien nicht Zuhause zu sein. Also machte er kehrt und stattete der Bibliothek einen Besuch ab.

Er hatte an die Tür mit der Kerze daran geklopft und war sich dabei ein wenig dumm vorgekommen. Letztlich war das ein öffentliches Gebäude und er kam innerhalb der Geschäftszeiten. Trotzdem wartete er gespannt auf eine Antwort. Als die Tür sich nach einigen Sekunden öffnete, linste ein neugieriger Baby-Drache nach draußen. Als er ihn erkannte, verfinsterte sich das schuppige Gesicht. "Oh. Du bist´s." Spike trat zurück und ließ die Tür für ihn offen. "Twilight ist oben, auf der Galerie." Ohne ihn weiter zu beachten schnappte er sich eine Liste von dem runden Tisch mit dem geschnitzten Ponykopf in der Mitte des Raumes und fuhr damit fort zurückgegebene Bücher einzuordnen.

Rogue schluckte schwer, dann trat er einen Schritt in die Bibliothek hinein. Es schien, als würden seine Abenteuer zumindest auf einen der Bewohner Ponyvilles keinen Eindruck machen. Er schlich durch den Hauptraum, so leise er konnte und erklomm langsam die Stufen zu der Galerie. Dabei ließ er den jungen Drachen nicht aus den Augenwinkeln. Er hatte irgendwie gehofft, das seine Freundschaft mit Twilight die Probleme mit ihrem Assistenten Nr. 1 irgendwie lösen würde, aber das schien nicht der Fall zu sein. Erneut, zum vielleicht hundersten Mal, verfluchte er sein Ungeschick bei seiner ersten Begegnung mit den beiden. Einen Moment lang war er versucht, Spike darauf anzusprechen, hielt sich aber gerade rechtzeitig davon ab. Was sollte er ihm sagen? ´Er hatte es nicht so gemeint´? Das wäre eine glatte Lüge und der kleine Drache wusste das wahrscheinlich sogar.

Rogue seufzte noch einmal leise und setzte seinen Weg nach oben fort. Dieses Problem musste auf eine anderes Mal warten. Nicht aus Zeitdruck oder Notwendigkeit diesmal - das war wichtig - sondern, weil es einfacher war, abzuwarten. Kommt Zeit, kommt Rat, dachte er und fühlte eine gewisse Zufriedenheit dabei. Er konnte es sich leisten zu warten. Irgendwann musste dieses Problem gelöst werden... aber nicht heute. Und Twilight konnte ihm vielleicht dabei helfen.

Er stieg den Rest der Stufen hinauf und freute sich dabei unterschwellig wie protestlos ihm sein Hinterlauf dabei zu Diensten stand. In Canterlot war dererlei noch eine Qual für ihn gewesen, jetzt bewältigte er die Stiege fast ohne Unannehmlichkeit. Die Schmerzen und Anstrengungen der Physiotherapie hatten sich gelohnt - er war selbst überrascht, wie schnell.

Er fand Twilight, nicht ganz wie von Spike beschrieben auf der Galerie, sondern auf einem der Balkone, die davon abzweigten. Ein großes Teleskop nahm den meisten Platz darauf ein, vor dessen Okular Twilight mit Hilfe ihrer Magie ein weißes Stück Papier hielt, während sie abwechselnd auf dieses und ein aufgeschlagenes Buch auf dem Boden neben ihr sah.

"Hallo, Twilight!", begrüßte er sie fröhlich.

Bei seiner Begrüßung fuhr die Stute sichtlich zusammen und ließ das Blatt aus dem Griff ihrer Magie fallen. Die leichte Brise erfasste es und ließ es durch die Streben der Balustrade segeln, bevor sie es wieder einfangen konnte.

"Oh, Rogue! Du bist es!" Sie lächelte ein wenig aufgesetzt und sah verstohlen dem Papier nach, das langsam dem Rasen vor der Bibliothek entgegen sank.

Er bemerkte ihren abwesenden Blick und fragte: "Störe ich?"

"Nein!", beeilte sie sich zu sagen, ein wenig zu schnell. "Nein. Natürlich nicht. Was kann ich für dich tun?"

Er warf ihr einen unsicheren Blick zu. "Ähm, nichts, eigentlich. Ich wollte nur sehen, wie es dir geht."

Twilghts Gesicht nahm einen warmen Ausdruck an. "Das ist sehr lieb von dir, aber mir geht es gut."

Das Rettungspony nickte in Richtung des verschwundene Blattes, das nun als weißes Rechtecke auf der Wiese zum Liegen gekommen war. "Was machst du?"

Die violette Stute kratzte sich verlegen hinter dem Kopf. "Ich... nun, ich beobachte die Sonne und die Veränderungen auf ihrer Oberfläche."

Rogue leckte sich nervös über seine Lippen. Die Sache zwischen Twilight und Celestia war für ihn und ihre Freundinnen mittlerweile eine offenes Buch. Eines, das kein Happy End kannte. Er verstand, das es zu einer Aussprache zwischen der Studentin und ihrer Mentorin gekommen war, aber es brauchte weder seine Ponykenntnis, noch einen Psychologen, um zu verstehen, das die Prinzessin der Sonne es zwar geschafft haben mochte, die scharfen Spitzen des Verlustes aus dem Herzen Twilights fern zu halten, aber diese Sache dennoch weit davon entfernt war, ausgestanden zu sein.

Das war der eigentliche Grund, warum er heute hier war, um nach ihr zu sehen. So sehr er auch die Freundschaft bewunderte, die die Stuten miteinander teilten, eine Freundschaft, in deren Mitte er sich mittlerweile angekommen glaubte, er glaubte nicht, das sie die selbe Erfahrung wie er darin hatten, was es bedeutete, jemanden zu verlieren, der einem so viel bedeutete. Mehr noch - zurückgewiesen zu werden, die eigenen Gefühle nicht erwidert zu sehen. Er konnte das. Er hatte es einmal durchlitten. Und auch wenn wahrscheinlich tausend Wege gab, die besser waren, als sein eigener, steiniger Pfad, wusste er dennoch im Ansatz, was in dieser Stute vor sich ging und konnte ihren Weg vielleicht etwas leichter gestalten. Wenn sie ihn ließ. Wenn er es nicht irgendwie verbockte.

"Hast du irgendwas gesehen?", fragte er und bemühte sich, jeden ernsthaft investigativen Tonfall aus seiner Stimme zu verbannen.

"Nein.", brachte Twilight hervor und schlug verdrossen das Buch neben sich mit dem Huf zu.

"Nun, es ist ja auch noch nicht viel Zeit vergangen.", begann Rogue aufmunternd. "Ich bin mir sicher, das bald..." Er stockte und wusste nicht recht, was er weiter sagen sollte. "... das es bald Regen geben wird.", endete er schließlich unsicher.

"Ja. Ja, bestimmt.", antwortete ihm Twilight mit einem gezwungenem Lächeln. Einen Moment lang standen sie sich wortlos gegenüber, dann sah die Stute zum Himmel auf. "Bald." flüsterte sie leise, so das er es kaum hören konnte. "Bald."

Rogue erschauderte ein wenig, als er an diese Worte zurückdachte. Er hatte sich letztlich überstürzt von Twilight verabschiedet und war zurück auf die Apple-Farm geflüchtet. Er wusste, das diese Wunden Zeit brauchten um zu heilen und ein Pony, das verlassen worden war, vieles mit sich selbst ausmachen mussten, trotzdem war sein Abschied nicht weniger als das gewesen: eine Flucht. Er hatte sich in die Arbeit gestürzt und darüber versucht den sehnsüchtigen Blick zu vergessen, den Twilight in den Himmel geworfen hatte.

Nun war der Zaun fertig und erstrahlte wieder in dem selben strahlenden Weiß wie an dem Tag, da er zum ersten Mal aufgerichtet worden war. Big Mac hatte ihn erst vor zwei Tagen ausgebessert und die fehlenden Latten ausgetauscht, war aber nicht dazu gekommen ihm einen neuen Anstrich zu verpassen. Diese Arbeit war gerade leicht genug für den armen, verletzten Rogue.

Das Rettungspony schnaubte etwas abfällig über diesen Gedanken und klaubte den Farbeimer zusammen mit dem Pinsel vom Boden auf.

Celestia hatte noch keinen Erfolg gehabt. Keine Wolken über dem ausgetrockneten Land. Keine Regen in Equestria. Sorgen? Ja. Verzweiflung? Nein. Es war noch weit zu früh dafür. Was immer auf dem Mond schief ging, es war sicherlich mehr, als selbst eine Prinzessin an zwei Tagen richten konnte. Dessen war er sich sicher.


Er fand Big Mac unter dem selben Kastanienbaum unweit der Farm, wo er ihn schon zuvor gefunden hatte, wenn dieser seine Pausen genoss, in denen er nicht Essen in sich hinein schob.

Das große, rote Pony hatte sich bequem an den Stamm des Baumes auf den Rücken gelegt, seinen obligatorischen Strohalm zwischen den Zähnen und die Augen geschlossen. Er war ein Bild in sich ruhender Kraft, entspannt, aber dennoch eine Macht und Lebendigkeit ausstrahlend, neben der sich Rogue gerade in seinem Zustand kümmerlich vorkam.

"Hallo, Großer.", begrüßte er seinen Cousin fröhlich und schlüpfte unter den kühlen Schatten des Baumes neben ihn.

Big Mac öffnete eines seiner Augen und bedachte ihn mit einem Nicken. Der Strohhalm wanderte von einem Mundwinkel zum anderen.

"Ich bin mit dem Zaun fertig. War ein ganzes Stück Arbeit." Rogue setzte sich neben den roten Riesen auf die Erde und strich sich seine verschwitzte Mähne glatt. "Ich hab den Pinsel ausgewaschen und zusammen mit der Farbe in den Schuppen gestellt."

Macintosh nickte leicht. "Eeyup."

Einen Moment lang saßen sie einfach nebeneinander. Die Luft war erfüllt vom Duft des trocknen Grases und dem Gesang der Zikaden.

Langsam ließ sich Rogue gegen den Stamm der alten Kastanie sinken und tat es damit seinem Cousin nach. Das Moos, das hier das Gras ablöste, war trocken, aber kühl und weich genug, um bequem zu liegen. Nachdem er eine Weile in das grüne Geäst über sich geblickt hatte, pflückte er einen einsamen, zähen Halm in seiner Reichweite und steckte ihn sich in den Mund, es seinem Cousin nachtuend. Der frische, grüne Teil schmeckte süß und frisch und er kaute nachdenklich darauf. Er konnte sehen, warum Big Mac es so gerne hatte.

Nachdem genug Zeit und Stille zwischen ihnen verstrichen war, regte sich Rogue wieder. "Miss Cheerilee lässt dir ihre Grüße ausrichten."

Ein unbestimmtes Grunzen neben ihm. Aber er konnte an der Bewegung der roten Ohren erkennen, das Big Mac aufhorchte.

"Und ich soll dich an dein Versprechen erinnern. Das Lichterfest, weißt du noch?"

Plötzlich schoß eine eine rote Wand neben ihm in die Höhe. "Buck! Wie hab´ ich´s verdamm´ich das´n vergess´n könn´?"

Rogue spürte eine kleine Welle der Genugtuung in sich hochsteigen, als Ausgleich für das Gelächter, das seine eigene Unwissenheit in dem Hengst hervorgerufen hatte. Trotztdem war er geistesgegenwärtig genug um seinem Cousin die Frage hinterher zu werfen, die er eigentlich hatte stellen wollen: "Big Mac! Wo ist Applejack?"

"Im´n Osthain!", rief ihm der davoneilende Hengst über die Schulter zu.

"Danke!", ließ ihm Rogue noch nachschallen, aber Big Mac hörte es bereits nicht mehr. Das Rettungspony wunderte sich noch darüber, das sich ein Pony von dieser Größe so schnell bewegen konnte, als er bereit den engen Pfad in die gewiesene Richtung betrat.

"Ja, genau, ´Im Osthain´.", stieß Rogue grimmig hervor. Um ihn herum reihten sich die Stämme der Apfelbäume scheinbar endlos auf. Seine kurze Zeit auf der Farm der Apples hatte ihm noch nicht die Zielsicherheit in den scheinbar immer gleichen Anordnungen der Bäume verliehen, die seinen Verwandten mit so beiläufiger Zeilsicherheit gelang. Er orientierte sich nur an der langsam sinkenden Sonne, so das er sich zumindest in der Richtung sicher war. Abgesehen davon hatte er keine Ahnung, wie er seine Cousine in dem weitläufigen Hain finden sollte.

"Wenn nur Bandit hier wäre...", flüsterte er zu sich selbst. Das letzte Mal, als er in dieser Situation gewesen war, hatte ihn das kleine Nagetier und Winona aus dem Schlamassel geholfen. Er fühlte einen kurzen Stachel des Bedauerns in sich. Die beiden Tiere hatten eine kurze Hassliebe zueinander entwickelt, die ihre Besitzer recht belustigend gefunden hatten (auch wenn das Wort ´Besitzer´ für Rogue und Bandit einfach falsch zu sein schien)

Bandit hätte ihm stimmt auch diesmal aus der Bredoullie gerettet. Er hätte es bestimmt irgendwie geschafft Applejack aufzu...

Rogue horchte auf. Es ging noch immer eine leichter Wind, der die Blätter der Apfelbäume zum Flüstern brachte, eine stetes Rauschen, das ihn ebenso begleitete wie das Singen der Insekten im Gras dazwischen, seit er den Hain betreten hatte. Aber dennoch drang nun auch etwas anderes an sein Ohr. Leise nur und fast nicht zu hören, aber dennoch stach es vor den anderen Geräuschen hervor. Seine Ohren drehten sich wie Antennen hin und her, bis er den Ursprung ausgemacht zu haben schien. Langsam und zögernd verließ er den ausgetretenen Pfad und ging den Abhang eines nahen Hügels hinauf, von wo die Laute zu kommen schienen. Nach einigen Schritten glaubte er sie zu erkennen. Es waren die Saiten einer Gitarre, die mit geübtem Huf angeschlagen wurden.

Je weiter er den Hügel erklomm, umso klarer hörte er die Musik, die dort gespielt wurde. Und je besser er sie hörte, umso langsamer wurde sein Schritt. Es war eine melancholische Melodie, voll von Bedauern und verpasster Gelegenheiten, eine Melodie, die er in seinem Geiste gut kannte.

Auf der Kuppe des Hügels stand ein einzelner Baum, älter, größer und knorriger als die vielen jungen Ableger, die sich in geraden Reihen um ihn herum ausbreiteten. Seine Rinde war vom Alter scheckig geworden, aber sein Stamm war kräftig und seine Wurzeln krallten sich fest in das fruchtbare Erdreich, so das er auch noch jetzt süße Früchte trug. An den alten Stamm gelehnt, nicht viel anders als ihr Bruder, lag Applejack, von ihm abgewandt, mit der Gitarre in ihren Hufen.

Rogue wollte ihr gerade zurufen, als sie mit leiser, trauriger Stimme zu singen begann:

[2]We met in the springtime when blossoms unfold

The pastures were green and the meadows were gold

Our love was in flower as summer grew on

His love like the leaves now has withered and gone.

The roses have faded, there's frost at my door

The birds in the morning don't sing anymore

The grass in the valley is starting to die

And out in the darkness the whippoorwills cry.

Sie strich die Seiten mit ihrem Huf und für einen Moment schien es, als wollte sie eine weitere Strophe singen, aber dann führte sie die Melodie einfach wortlos weiter, während sie auf die langen, sorgsam gepflanzten Reihen ihrer Apfelbäume sah, die sich bis zum Rand des dunklen Waldes erstreckten.

Er löste sich aus der Erstarrung, die ihre sanfte, traurige Stimme in ihm ausgelöst hatte und ging zögernd ein paar Schritt auf sie zu. Dann fiel ihm ein, wie es auf sie wirken musste, wenn er plötzlich neben ihr auftauchen würde und er blieb abrupt stehen.

Er leckte sich nervös die Lippen und bemühte sich seiner Stimme die selbe Unbedarftheit zu verleihen, die er verspürt hatte, als er hier zu ihr hinauf gekommen war. "Hey, Applejack! Was spielst du da?"

Ihr Kopf wirbelte so schnell herum, das ihr Spiel in einem letzten, disharmonischen Akkord endete. Er sah, wie ihr Gesicht einen beinahe entsetzten Ausdruck annahm, als sie ihn und seine Stimme erkannte. Dann war der Moment vergangen und der Ausdruck wie weggewischt, als hätte es ihn nie gegeben.

"Rogue! Dammich´, du has´ mich´ erschreckt!" Ihr Akzent war noch eine Spur breiter geworden, wie er es oft tat, wenn sie nervös, oder sehr, sehr wütend war. Das Rettungspony hoffte es wäre ersteres, auch wenn das eigentlich sehr seltsam war...

"Was machste hier drauß´n? Biste fertich´ mit´m Zaun?"

Er nickte und sah demonstrativ auf die Flecken weißer Farbe auf seinem Fell, als müsste er es beweisen.

"Gut gemacht! Un´ warum schleichste´ jetzt hier drauß´n rum?" Die Frage war in dem selben belustigten Tonfall ausgesprochen worden wie die erste, aber Rogue spürte doch eine Spur von Schärfe darin, die vorher nicht da gewesen war. Etwas war hier nicht in Ordnung, aber er wusste nicht, was es war.

"Ich wollte es dir eigentlich nur sagen. Naja, und nach dir sehen. Wir haben heute Morgen kaum zwei Worte miteinander gewechselt."

Sie entspannte sich etwas und lächelte, als er das sagte. "Das is´ lieb von dir. Aba´ ich genieß´ nur´n bisschen die freie Zeit. Weiß Celestia s´ gibt nich´ viel davon für unsrereins."

Er sah auf. "Oh, willst du alleine sein? Ich wollte nicht..."

Sie lachte leise und schüttelte den Kopf. "S´ nich´ schlimm. S´ außerdem nich´ gut zu lang allein mit sein´ Gedank´n zu sein. "Sie tippte sich mit dem Huf unter ihren Hut. "Macht einen komisch im Kopf."

Er sah sie einen Moment lang verblüfft an. Er war vor nicht all zu langer Zeit zur selben Erkenntnis gekommen.

"Was kuckst´n so?", fragte sie ihn.

"Nichts!", beeilte er sich zu sagen. "Ich habe nur eine ganze Weile gebraucht, um selbst darauf zu kommen."

Sie nickte fröhlich. "Mhm, sieht dir ähnlich, Sugarcube. Hier, kannst dich setz´n wennste´ magst." Sie rückte etwas zur Seite und machte Platz für ihn. Er zögerte nicht lange und ließ sich neben ihr nieder.

Eine Weile lang saßen sie dort zu zweit und genossen still das Panorama, das sich vor ihnen ausbreitete. Die Sonne hatte ihren Zenit bereits überschritten und tauchte das Land unter ihnen in ihren strahlenden Schein, über den die Hitzeschleier tanzten. Das Singen der Zikaden vermischte sich mit dem Rauschen der Blätter in der leichten Brise, die gerade ausreichte, um die Temperaturen erträglich zu machen. Das weiche, trockene Moos unter ihm war wie ein Bett, das sich bequem an ihn schmiegte, ihn empfing, als hätte es nur auf ihn gewartet. Die Rinde des Apfelbaumes, vom Alter gefurcht und borkig, war angenehm kühl und schien eine eigene Art der Ruhe auszustrahlen, die schnell auf ihn überging.

Als einige Minuten vergangen waren, begann Applejack wieder leise eine Melodie auf der Gitarre zu spielen, langsam und gedankenverloren und die Laute der singenden Saiten vermischten sich mit den Geräuschen des Sommers um sie herum.

Es lag Kraft in diesem Moment, in dieser winzigen Ewigkeit hier draußen. Kein reißender Strom, keine wilde Energie, sondern eine ruhende Macht, sanft und doch durchdringen. Eine Kraft, die nicht stieß, nicht trieb, sondern nur in sich selbst wuchs, langsam und ungesehen. Rogue konnte sie fast fühlen, wie sie durch den Stamm zu ihm aufstieg, wie ein leises Vibrieren, gerade so leise, das er es nicht mit den Sinnen wahrnehmen konnte, sondern nur in seinem Innersten begriff. Etwas, das immer da gewesen war, das er aber erst jetzt, hier bemerkte, weil es eine Spur stärker war als sonst.

Rogue hatte fast sein ganzes Leben auf den mit Kopfstein gepflasterten Straßen von Manehattan verbracht, einer Stadt, die Tag und Nacht vor Leben pulsierte. Seine Hufe hatten auf den Wegen Funken geschlagen, während er sie entlang gallopiert war, waren den Lebensadern der Stadt gefolgt, im Takt des Schlages, der sein ganzes Leben zu bestimmen schien. Jetzt hörte er zum ersten Mal einen anderen Rythmus, tiefer und älter, viel älter. Ein Rythmus, den er erkannte, der durch seine Hufe zu ihm aufgestiegen war, seit er sich zum ersten Mal darauf hatte halten und gehen können, der unendlich vertraut und doch fremd war, so lange überdeckt durch andere Geräusche, durch Lärm und Alltag.

Der Herzschlag des Landes unter ihm, der Erde und der Bäume. Ein Takt, das mit seinem Herz im Einklang schlug. Der darin wiederhallte und eine Saite anschlug, sanft und klingend wie das Gitarrenspiel seiner Cousine.

"Ich gehöre hierher.", flüsterte er kaum hörbar, seine Lippen entführt von dem alles umfassenden Rhythmus, den er bis in seine Adern spürte.

"Mhm? Has´ du was gesacht, Sugarcube?", fragte ihn Applejack, die selbst wie aus einem Tagtraum zu erwachen schien.

"Was? Oh, nichts, nichts." beeilte er sich zu sagen. Es war ihm, als wäre er kurz weggedöst. Hatte er das gerade ernst gemeint?

Er erhob sich langsam und merkte sofort, das die Erschöpfung, die die Arbeit in der heißen Sonne ihm beschert hatte, von ihm abgefallen war. Er sah noch einmal über das weite Land vor ihnen. Vielleicht hatte ja doch etwas magisches in diesem Moment gelegen. Er fühlte sich auf jeden Fall großartig.

"Ich muss langsam los. Ich will auf jeden Fall noch unter die Pumpe hüpfen, bevor ich zu Fluttershy gehe. Meinst du ich kann Big Mac überreden mir das Fell zu schrubben? An ein paar Stellen komme ich nur verdammt schwer ran."

Applejack sah zu ihm auf und einen Augenblick lang meinte er einen entfernten, fremden Schmerz in ihren Augen zu lesen. Dann lächelte sie und er verschwand.

"Nah, der geht dir bestimmt gern zu Huf. Ansonst´n kannst´ ja Granny frag´n."

Er machte ein säuerliches Gesicht. "Das behalten wir mal als Ultima Ratio im Hinterkopf." Er sah sie neugierig an. "Kommst du mit?"

Sie zögerte kurz, dann schüttelte sie ihren Kopf. "Ich bleib noch´n bisschen hier. Genieß´ die Abendsonne un´ so." Sie sah verlegen weg.

Rogue blickte einige Sekunden lang unentschlossen auf ihren Hinterkopf. Er hatte die ganze Zeit gespürt, das etwas zwischen ihnen beiden hing, etwas, das nicht ausgesprochen werden wollte. Etwas, das er jetzt nicht mehr ignorieren konnte.

"AJ, was..." Er kam nicht weiter. Ihr Kopf fuhr herum und sie fixierte ihn mit ihren stechend grünen Augen, so das er unwillkürlich zurückzuckte.

"Geh zu ihr.", sagte sie leise zu ihm. "Sie wartet auf dich." Und ihr Tonfall ließ keinen Widerspruch zu.

Er nickte mechanisch und zog sich langsam zurück.

Als er den Hügel hinuntertrottete, verwirrt und unsicher, hörte er, wie hinter ihm wieder eine melancholische Melodie aus der Gitarre erklang, voll Bedauerns und verpasster Gelegenheiten.


Er hatte Big Macintosh um eine halbe Stunde verpasst, der gestriegelt und gebügelt nach Ponyville aufgebrochen war, mit einem hoffnungsvollen Lächeln auf den Lippen und einem Strauß frisch gepflückter Feldblumen in der Schnauze.

Es war schließlich doch Granny, die ihm den Rücken schrubbte.

Rogue saß in der Wanne hinter der Scheune und ließ die Duschen aus eiskaltem Wasser ebenso gefasst über sich ergehen, wie die vielfältigen und farbigen Anzüglichkeiten, die sich seiner Meinung nach nicht für eine Mähre gesetzteren Alters gehörten. Das er - wieder einmal - über vieles nachzudenken hatte, das nichts mit der kecken Art der Großmutter zu tun hatte, half ihm dabei.

Er prustete, als ein weiterer Schwall herrlich kalten Wassers über seinen Rücken gekippt wurde, dann bürstete er weiter an einem besonders hartnäckigen Fleck auf seinem Vorderlauf weiter. Sie hatten die Farbe bisher gut aus ihm heraus bekommen, aber dieser Eine bereitete ihm Schwierigkeiten.

Es war doch alles geklärt zwischen ihm und Applejack, oder? Es hatte diesen einen, seltsamen und doch wundervollen Kuss am Rande des Everfree Forest gegeben und dann waren sie beide zur Besinnung gekommen. Das war alles gewesen.

Wirklich alles?

Er erinnerte sich, unter ihr gelegen zu haben, überwältigt, hilflos in mehr als nur einer Hinsicht. Ihren heißen Atem an seinem Ohr und ihren Leib auf dem Seinen, der ihn niederdrückte...

Plötzlich war Rogue in mehr als nur einer Hinsicht dankbar für das kalte Wasser in der Wanne. Und das verwirrt ihn noch mehr.

Er liebte Fluttershy. Es hatte lange genug gedauert, bis er sich dieser Wahrheit gestellt hatte, zögerlich und vorsichtig, wie ein gebranntes Fohlen. Aber egal wie tief er in sich hineinhorchte, wie laut die Stimmen der Vorsicht und Zögerlichkeit in ihm auch wurden, es war die Wahrheit: Er liebte das Pegasus, wenn er jemals geliebt hatte. Er war sich darin so sicher, wie er seinem Herzen noch vertrauen konnte - Diesem kleinen, miesen Verräter in seiner Brust. Es war mehr als Schwärmerei, es war mehr als nur eine Liebelei. Es war, sollte es so etwas geben, das Große, das Ganze. Das fühlte er mit jeder Faser seines Seins. Er konnte es, so unfair das auch war, nur an dem messen, was er schon erlebt hatte: Seine erste, große Liebe.

Es gab Unterschiede. Er selbst war gereift, war erfahrener, war vernünftiger geworden. Er blickte realistischer in die Zukunft und verschloss seine Augen nicht blind vor dem, was ihn und Fluttershy trennte. Er konnte die rosarote Brille vor seinen Augen fühlen und versuchen, darüber zu blicken. Er konnte sehen, wo Klippen und Untiefen auf sie warteten, wo sich erste Stürme abzeichneten, die sie zu überstehen hatten.

Aber da brannte auch ein Feuer in ihm für sie, das sich nicht löschen ließ. Das heiß war und fordernd und das ihn mit einer Wärme anfüllte, die er schon zu lange vermisst hatte. Eine Anziehung, der er nicht entkommen konnte. Die ihn trieb und nicht ruhen ließ. Die den Tanz zwischen ihnen, langsam und zaghaft, süß und unwiderstehlich machte.

Zwischen ihm und Applejack war es anders gewesen. Die Kraft war die selbe gewesen, urtümlich und klar, ohne viele Schnörkel. Sie war plötzlich gekommen, wie ein Damm der lange Jahre seine Wasser im Verborgenem gesammelt hatte, um plötzlich zu brechen und sie mit sich fort zu spülen. Sie waren beide davor zurückgeschreckt, voreinander und vor dem, was in schnellen, grünen Trieben zwischen ihnen wuchs. Und das sie verdorren ließen, weil die Angst größer war als das Verlangen.

Es war leichter für ihn gewesen, erkannte Rogue nun. Es war leichter gewesen zu vergessen und sich auf der bequemen Ausrede aus zu ruhen, die sie erfunden hatten, um die andere Wahrheit nicht zu sehen: Es gab etwas zwischen ihnen, das mehr war als Cousin und Cousine, mehr als nur Familie, so sehr sie es sich auch einzureden versuchten. Rogue war darin besser gewesen als Applejack. Seine langsam aufkeimende Beziehung mit Fluttershy war sicherlich nicht unschuldig dabei gewesen.

Aber die Wahrheit war: Er liebte das kanariengelbe Pegasus. Er empfand viel für Applejack, mehr als es sich für einen Cousin gebührte. Aber sie waren einen anderen Pfad gegangen. Sie beide.

"Puh! Brauchste noch´n Schwall?" Granny wischte sich den Schweiß mit ihrem Halstuch ab, während sie den Eimer neben der Pumpe abstellte.

Rogue merkte auf und schüttelte sich das Wasser und die letzten Seifenreste aus dem Pelz. "Nein, danke, Granny. Ich bin so sauber wie ein Fohlen nach der Geburt."

Die alte Mähre kicherte. "Aba´ kräfdiger auf jed´n Fall! Da wird Fluddershy Aug´n mach´n." Sie gab ihm einen saftigen Klapps auf die Hinterbacken. Rogue zuckte zusammen, mehr aus Scham, als aus Schmerz.

"Was is´n mit dei´m Verband?"

Das Rettungspony schüttelte noch einmal seinen Hinterlauf aus. "Der trocknet schnell. Es geht jetzt mehr darum Druck auf die Narbe auszuüben. Die Pflaster darüber sind wasserdicht." Tenderheart verstand ihr Hufwerk vorzüglich und wusste, was ein junger Hengst brauchte. Er musste sich keine Sorgen machen, vor allem, weil schon morgen Nachmittag (Seltsamerweise Nachmittags - was wurde von ihm heute Abend erwartet?) ein Verbandswechsel anstand. Ohne Physio.

"Na, komm´ ich rubb´l dir´n noch trock´n." Granny strich mit einem Frotteetuch über seine Flanke. Schließlich ließ sie zufrieden von ihm ab. "Na, ich will ja nich´ Fluddershy den ganz´n Spaß nehm´", lachte sie fröhlich.

Er lächelte unsicher und zeigte auf die halb gefüllte Wanne. "Alles klar, danke Granny. Ich räume hier noch auf und mache mich dann auf den Weg."

Die alte Mähre winkte resolut ab. "Ach, was! Des´ had´ auch Zeit bis morg´n. Sie zu das de´ dir die Mähne kämmst un´ dann ab dafür! Zeit isses´!"

Rogue zögerte kurz, dann ging er zu der Spiegelscherbe am Holzverschlag und richtete sich Mähne und Schweif mit dem Kamm. Als er sich schließlich zufrieden umdrehte, empfing ihn eine Wolke erstickender Dämpfe.

"Was zum Buck...!", hustete er erstickt, während Granny den Flakon mit dem kleinen Blasebalg beiseite legte.

"Jetz´ hab dich nich´so, Jungchen! S´ is´ `Obschesion´ von dem Calfin Klein. Had´ mein Hengst imma aufgelechd´ un´ ich kann dir sag´n, s´ had´ mich imma ganz verrückt gemacht. Wirsd´ schon seh´n!"

Er hustete die letzten Duftwolken aus seinen Lungen, als ihn bereits faltige, aber überraschend kräftige Huf packten und in eine aufrechte Position zogen.

"So, lass´ dich mal anschau´n." Granny nickte zufrieden. "Was´n Hengst! Da wird sich die kleine Stude aba´ umschau´n!"

Rogue kratzte verlegen mit dem Huf im Gras. "Aber Granny..."

"Ach, Papperlapapp! Zu meina´ Zeit häd´ ich bis auf´s Blut mid´ de´ anner´n Stut´n um´en Tanz mid´ dir kämpf´m müss´n! Jetz´ schnapp´ se´ dir! Oda´ muss ich mitkomm´?"

Die Androhung genügte. Rogue gab Fersengeld.

Das Gackern der alten Mähre verfolgte ihn, bis er aus dem Tor der Farm brach.


Die Sonne schickte sich bereits an hinter dem Horizont zu verschwinden, als er endlich an Fluttershys Hütte ankam.

Er zögerte kurz, als er auf der kleinen Brücke stand, die den Bach überspannte, der vor ihrem Haus floss und strich sich nervös die Mähne glatt. Sein Herz flatterte in der Brust wie ein aufgeregter Schmetterling, ein Gefühl, das zugleich beängstigend als auch erregend war. So hätte es von Anfang sein sollen: Keine lebensbedrohlichen Abenteuer, keine verrückten Weltuntergänge, kein Ganz-oder-gar-nicht. Nur eine wunderschöne Stute und ein verliebter Hengst, der Angst hatte, an ihre Tür zu klopfen. Nur sie beide, ohne Drama, ohne die Welt, die sich immer zwischen sie drängen wollte. Er verfluchte seine Wunde still, die diese Illusion zerstörte.

Die kleine Hütte, von Gras überwachsen und so grün, das sie mehr einem natürlichen Hügel, als einem von Hufen geschaffenem Gebäude ähnelte, war umschwärmt von farbenfrohen Vögeln, deren Gesang eine einzige Melodie zu zwitschern schien. Kleine Kaninchen grasten friedlich vor der Eingangstür, die ihn mit schwarzen, aufmerksamen Augen betrachteten, als er den kleinen Hügel erklomm. Er strich sich noch ein letztes Mal mit dem Huf durch die Mähne und hob gerade dazu an, an die Tür zu klopfen, als er den Zettel bemerkte, der daran geheftet war.

Rogue stutzte kurz, dann kniff er die Augen zusammen, um die kleine, geschwungene Schrift zu lesen, die darauf geschrieben stand.

Lieber Rogue,

Ich habe dich leider nicht mehr rechtzeitig erreichen können und die Pflege meiner kleinen Freunde nach so langer Zeit hat verhindert, das ich selbst dich besuchen konnte. Bitte sei nicht böse mit mir, das ich nicht hier sein kann, aber ich habe etwas besonderes für uns vorbereiten wollen. Ich habe meine kleinen Freunde gebeten, dir den Weg zu mir zu weisen. Ich hoffe sehr, sehr, das wir uns bald sehen.

Mit lieben Grüßen,

Fluttershy

Rogue blinzelte überrascht, als er die Nachricht zuerst einmal, dann ein zweites Mal las. Er war kaum damit fertig, als ihn etwas gegen den Hinterlauf trat.

Das Rettungspony drehte auf dem Absatz um und sah sich Auge in Auge mit einem Kaninchen gegenüber. Das alleine war schon seltsam genug, wurde aber nur seltsamer, als Rogue realisierte, dass das kleine Tier auf dem Rücken zweier anderer Hasen stand und ihn mit misstrauischem Blick ansah.

Es waren tatsächlich zwei große, braune Feldhasen und ein weißes Kaninchen, die sich so vor ihm aufbauten. Letzteres strahlte aus seinen kleinen, schwarzen Knopfaugen so viel berechnender Kälte aus, das dem Rettungspony ein unwillkürlicher Schauder über den Rücken lief. Langsam hob es seine Pfote und deute erst mit zwei seiner kleinen Krallen auf seine eignen Augen, dann auf Rogue. Die Geste war unmissverständlich: ´Ich hab dich im Auge´. Rogue kramte in seinem Gedächtnis. "Angel?". fragte er vorsichtig. Das Kaninchen nickte ernst.

Einen Moment zögerte der junge Hengst, dann faste er sich Mut. "Wo ist Fluttershy?", fragte er in festem Tonfall.

Angel rollte kurz mit den Augen, dann zog er widerstrebend eine kleine Pappkartonkarte hinter sich hervor, auf die ein Pfeil gemalt war. Er zeigte auf einen schmalen Pfad, der um die Hütte herumführte.

Rogue nickte, wie von einem respektierten Kontrahenten zum anderen. "Danke." Dann wandte er sich ab und folgte dem Pfeil.

Der Pfad, kaum eine ausgetretene Spur im hochgewachsenen, trocknen Gras des Sommers, führte ihn tiefer in die Weiden vor dem Evergreen Forest. Das Singen der Zikaden um ihn herum schwoll zu einem allumfassenden Chor an, während die Halme sich immer dichter um ihn schlossen. Als die letzten Strahlen der Sonne über die Hügel blitzten, blühten die Lichter der Glühwürmchen um ihn herum auf und leuchteten ihm den Weg.

Als er an eine Abzweigung kam, wartete ein Waschbär mit dem nächsten, auf Pappe gemalten Pfeil auf ihn. Kaum hatte er ihn gesehen, verschwand das Tier keckernd im Unterholz des nahen Waldes.

Er ging weiter, umschwirrt von Schwalben, die ihm folgten. Er war aus dem hohen Gras auf einen breiteren Fuhrweg getreten, der von einem verfallenen Zaun gesäumt wurde. An einer Stelle hielten die Vögel einen Streifen Stoff in ihren Schnäbeln, der mit einem gemalten Pfeil die Richtung ins weite Feld zeigte.

Rogue folgte den hellen Rufen der Vögel durch das Gras, das höher war, als er schauen konnte, so weit er auch seinen Kopf reckte. Über die wogenden Köpfe der Gräser konnte er in der Nähe die schwarzen Wipfel einer Zunge des dunklen Waldes erkennen, die in das Land hineinragte und auf das er genau zugelotst wurde. Er schluckte schwer, behielt seinen Schritt aber bei, angetrieben von der süßen Belohnung, die am Ende dieser Schnitzeljagd auf ihn warten würde.

Das hohe Gras teilte sich abermals und er trat in den Schatten der Bäume hinaus. Die Sonne war nur noch eine ferne Erinnerung, die ihre letzten Strahlen als dunkelroten Abgesang an den Himmel malte. Unsicher und ängstlich blieb er stehen und sah sich nach weiteren Hinweisen für seinen Weg zu seiner Geliebten um. Er spürte bereits die Kälte, die zwischen den uralten Stämmen zu ihm hervorkroch und meinte ungesehene Augen auf sich zu spüren, die ihn aus der Finsternis des Unterholzes betrachteten.

Noch während er den vor ihm liegenden Pfad nach verräterischen Bewegungen absuchte, schälte sich aus dem Unterholz eine Gestalt aus dem Schatten.

Rogue blieb fast das Herz in der Brust stehen. Die breite Gestalt war so leise gewesen, das er sie nicht bemerkt hatte, bis sie praktisch vor ihm stand. Sie ragte vor ihm auf, wie ein beweglicher Berg, wie ein Hügel aus Muskeln, und Fell und weißen Zähnen und einem Knurren, dass...

...seltsam vertraut klang.

Der alte, narbige Bär machte einen unbeholfen Schritt auf ihn zu, da eine seiner Pfoten ein Schild hielt. Er hielt es ihm ins Gesicht und blickte verlegen weg, als sei dies eine unangenehme Pflicht, zu der er sich nur sehr unwillig hatte überreden lassen. Er huffte unzufrieden und ließ sich wieder auf alle Viere nieder. Einen Moment lang schien er mit sich selbst zu ringen, dann schob er sich langsam den schmalen Pfad entlang. Nach ein paar Metern blieb er stehen, wandte seinen Kopf und grollte fragend.

Rogue war im Angesicht dieser Kreatur wie erstarrt. Es hatte nicht viel bedurft, um in dem großen Bären diejenige zu erkennen, die ihn vor Fluttershys Haus fast zerrissen hätte. Der Schreck dieser Nacht steckte ihm noch genug in den Gliedern, um jede Bewegung des Tieres mit Angst zu betrachten. Er hatte wirklich um sein Leben gefürchtet und nach seiner Begegnung mit den Schattenwölfen war dies auch keine übertriebene Reaktion.

Als der der Bär sah, wie ihn das Pony nur aus großen, angsterfüllten Augen ansah, grunzte er nur verzweifelt. Meister Petz warf einen verstohlenen Blick nach links, dann nach rechts und vergewisserte sich, das keine ungebetenen Zuschauer zugegen waren. Es ziemte sich nicht für einen Bär wie ihn, so etwas zu tun, aber er konnte nicht einfach die Bitte Fluttershys abschlagen. Er war nicht mehr der Jüngste und die Suche nach einer Gefährtin gestaltete sich zunehmend schwieriger für ihn. Er hatte sich bei der Verteidigung einer seiner Partnerinnen eine üble Scharte am Rücken zugezogen und auch wenn er noch fast so kräftig und natürlich wesentlich erfahrener war, seit er das paarungsfähige Alter erreicht hatte, half ihm das halbjährliche Einrenken doch sehr sein Territorium gegen jüngere Kontrahenten zu verteidigen. Und er achtete den unausgesprochenen Vertrag zwischen den Bären des Waldes und den Ponys, etwas, das man nicht von jedem jungen Herausforderer aus den Tiefen des Evergreen Forest sagen konnte.

Meister Petz schluckte seinen Stolz herunter und kehrte auf dem Weg um, während er sich bemühte, so unbedrohlich zu wirken, wie es ihm möglich war. Als er in seiner ganzen Körpergröße vor dem kleinen Pony aufragte und seine Pfote ausstreckte, versuchte es zu fliehen. Er bemerkte schnell, das es auf einem Lauf lahm war und es kostete ihn wenig Mühe es zu fangen. Er hielt es mit einer seiner Pranken auf und benutzte die andere um es von weiterer Flucht zu hindern. Er achtete darauf so sanft zu sein, wie es ihm möglich war. Er verstand, dass das Pony in seinen Klauen seine wohlmeinende Intention nicht erahnen konnte und er selbst keine Möglichkeit hatte diese mitzuteilen, also hielt er das Pony einfach fest in seinem Griff und wartete geduldig darauf, das es sich beruhigte.

Es dauerte eine kleine Weile, dann verebbte der Kampf zwischen seinen Krallen. Er konnte das aufgeregte Klopfen des Herzens des Ponys in seinen Pfoten fühlen, als es still darin lag, furchtsam, was als nächstes mit ihm passieren würde. Einen Moment lang war er versucht es einfach so bis zum Rand des Waldes zu tragen und dann frei zu lassen, wie einen seltenen Schmetterling, der sich in seine Nähe gewagt hatte. Es würde vieles einfacher machen...

Aber da war auch die Bitte von Fluttershy in seinem Kopf, die, eindringlicher als jemals zuvor, gebeten, ja fast verlangt hatte, das dieses Pony mehr seiner Aufmerksamkeit, seiner Zeit und seiner Geduld bedurfte als jedes andere zuvor.

Er wartete ab, bis das Klopfen zwischen seinen Pranken leiser wurde, dann entließ er das Pony aus seiner Umklammerung.

Es zitterte ein wenig, als er es auf die Erde setzte, aber es machte keine weiteren Anstalten zu fliehen, was Meister Petz als gutes Zeichen verstand. Das Pony Fluttershy verstand ihn ohne das er viel Nachdenken musste, etwas in dem er nicht wirklich gut war und wofür er sie sehr achtete. Ihm dämmerte, dass das mit diesem Pony anders war. Aber das Pony Fluttershy hatte ihn darum gebeten und er schuldete ihr zumindest das, wenn nicht sogar mehr. Er hatte das Aroma dieses Ponys schon einmal gerochen und er war damals gescholten worden, obwohl er das Pony Fluttershy nur beschützen wollte, so wie sie ihn gebeten hatten. Dieses Pony war nicht schlecht, wie die Schattenwölfe oder die Parasprites, es war willkommen, zumindest im Kreis von dem Pony Fluttershy und ihrer Hütte. Das hatte er gelernt. Deshalb sollte er es durch diesen Abschnitt des Everfree Forest begeleiten. Das war ihre Bitte gewesen.

Er setzte es so vorsichtig vor sich ab, wie es ihm möglich war und betrachtete es kurz, ob sein Griff auch keinen Schaden angerichtet hatte (Ponys waren sehr zerbrechlich). Dann nickte er versöhnlich in die Richtung des Hengstes und machte sich langsam auf den Weg zum Rand des Waldes.

Rogue erholte sich nur langsam von dem Schrecken, das der Bär in ihm hervorgerufen hatte. Es war eine alte Angst, abgerufen durch das halb vergessene Grauen in Ponyville und seinen alptraumhaften Erfahrungen vor Fluttershys Hütte. Einen Moment war er genau an dem selben Platz gewesen, als dieser Titan über ihn hergefallen war und ihn drohte auszulöschen, zu betrunken und zu unbedarft, als das er ernsthafte Gegenwehr leisten konnte. Als sich die Pranken um ihn schlossen, fest und unnachgiebig, war der Gedanke an sein eigenes Ende nicht weniger Fern gewesen, als auf den Zwiligsgipfeln. Es war nur ein Augenblick gewesen, schnell und vergänglich und ebenso leicht zu vergessen, wie es ihm jetzt schien. Aber es war kein Wunder, das er schwer atmend daraus hervor ging, mit klopfendem Herzen und aufgestelltem Fell.

Als er endlich wieder die Kontrolle über sich errang, ängstlich und unsicher, fand er sich in der sanften Umklammerung des Wesens wieder, das viele seiner Alpträume mit Material gefüttert hatte. Das in seiner Vorstellung zu monströsen Dimensionen gewachsen war und letztlich doch nur groß und aus Fleisch und Blut war. Das nicht feindlich war, sondern nur ein weiteres Wesen, dem Fluttershy genug Vertrauen entgegen brachte, um ihn zu führen. Trotz... nein, gerade wegen ihrer vergangen Begegnungen.

Die Krallen, die ihn ohne weiteres zerreißen hätten können, setzten ihn sanft auf den weichen Boden des Waldes ab. Der gewaltige Leib des Bäres verweilte noch einen Moment über ihm, beobachtete ihn scharf, wie er reagieren würde. Als das Rettungspony keine Anstalten machte zu fliehen, brummte er zufrieden und wandte sich um, der Richtung des Pfades folgend. Einen Moment lang zögerte Rogue noch, dann folgte er seinem Beschützer.

Der letzte Teil dieser Schnitzeljagd war dagegen ein Fohlenspiel. Rogue ließ Meister Petz am Rande des Waldes zurück und folgte dem immer schmaler werdenden Pfad durch das Dickkicht, durch das hohe, ungestutzte Gras, vorbei an Blutweiderich und Fieberklee, an Rohrkolben und Vergissmeinnicht, das ihn mit berauschenden, sinnlichen Düften umgab, bis sich im Vorhang der dichten Gewächse ein Spalt auftat. Eine Lichtung im blühenden Leben des Sees, wo das glitzernde Wasser das Licht des aufgehenden Mondes widerspiegelte.

Fluttershy drehte sich zu ihm um, als er sich aus dem hohen Gras kämpfte. Sie war zugleich überrascht als auch verlegen, so als hätte sie nicht wirklich mit seiner Ankunft gerechnet. Aber ihr Lächeln zeigte die kaum verhaltene Freude, die sie darüber empfand. Er streifte die letzten, hartnäckigen Grasstengel von seinem Fell und stand letztlich vor ihr.

"Hallo Fluttershy."

Diesmal war er es, vielleicht zum ersten Mal, der er sie zuerst begrüßte, bevor sie tat. Er sprach ihren Namen atemlos aus, wie ein Flüstern, das so sehr demjenigen ähnelte, das sie so oft benützte. Es hätte der Anblick des Sees hinter ihr sein können, dunkel und weit, gekrönt durch silbern glänzende Wogen, die sanft im leichten Wind an das Ufer wogten. Es hätte die Szenerie des Firmamentes über ihnen sein können, dieses Gewölbe aus glitzernden Sternen und dem vollem, großen Mond, der über allem hing und sie in ein magisches, verzaubertes Licht badete. Aber was ihm die Sprache verschlug, was ihn ehrfürchtig flüstern ließ, war Sie, nur sie, die wundervolle, wunderschöne Stute, deren Fell im Licht der Glühwürmchen leuchtete und deren Mähne der Mond zum Schimmern brachte.

"Hallo Rogue." begrüßte sie ihn leise, sacht, wie ein Flüstern in der Dunkelheit, wie ein gehauchtes Geheimnis, so wie es ihre Art war.

Neben ihr ragte etwas aus dem Schlick des Ufer hervor, wie Riff im Wasser, aber zu regelmäßig geformt, um natürlichen Ursprungs zu sein.

Sie trat auf ihn zu und er vergaß sofort den Schemen, der dort im Wasser lag.

Sie strich ihm mit ihrer Nüster über den Nasenrücken, eine Geste die für sie seltsam forsch und doch intim und vertraut war. Rogue wunderte sich einen Moment lang, erwiderte die Liebkosung aber ohne jedes Zögern. Er fühlte, wie sein Herz einen freudvollen, herrlichen Sprung in seiner Brust tat. Er hob seinen Kopf langsam, genoss das weiche Fell ihres Kinn an seiner Schnauze einen Moment lang. Dann wendete er seinen Kopf und rieb sanft seine Backe an der ihren. Er konnte den Duft ihrer Mähne riechen, durchmischt mit ihrem Fell, ein Duft nach frischem Spreu und nach reifen Himbeeren, durchdringender als er ihn jemals zuvor wahrgenommen hatte. Er konnte fühlen, wie ihm dieses unvergleichliche Aroma zu Kopf stieg, ihn schwindeln ließ und drohte jeden bewussten Gedanken auszulöschen. Ohne sein Zutun forschte seine Schnauze tiefer in die Tiefen ihrer Mähne, drängte weiter nach diesem Geruch, der ihn verrückt werden ließ, der an seiner Beherrschung zerrte, in einem Begehren, von dessen Wildheit er selbst überrascht war.

Sie zuckte zurück, überrascht, überwältigt, und diese Bewegung war wie eine kalte Dusche für seine überhitzten Gefühle. Er bremste sich selbst aus, wie einen Zug in voller Fahrt, biss sich selbst auf die Zunge und ermahnte seinen erbebenden Körper zur Disziplin. Er konnte unter seinen Hufen ihr Zittern fühlen und erklärte es sich selbst als ihre Angst. Angst vor dem was vor ihr lag, Angst vor dem was passieren würde. Rogue trat einen Schritt zurück und merkte verwundert, wie sie sich weiter ängstlich versteifte, anstatt sich zu entspannen. Er hob schnell seinen Huf an ihre Wange und strich liebevoll darüber.

"Fluttershy, wenn es dir zu schnell geht..."

Sie schüttelte ihren Kopf, bevor er den Satz zuende bringen konnte. Dann sah sie zu ihm auf. "Bitte... bitte sei sanft zu mir. Und hab Geduld. Ich... habe ein wenig Angst. Aber nicht genug, um es nicht zu wollen."

Er nickte langsam und schenkte ihr das aufrichtigste Lächeln zu dem er im Stande war. Er nahm ihr Gesicht in seine Vorderhufe und hielt es fest. "Ich habe nicht weniger Angst.", offenbarte er ihr und meinte es auch so. Einen Moment lang sahen sie sich so an, dann lehnten sie sich langsam nach vorne, bis ihre Lippen sich trafen.

Ihr Kuss dauerte einen Augenblick, einhundert Herzschläge, ein Millennium und mehr, oder weniger. bis sie voneinander ließen, Schmetterlingen in der Brust und Sterne in ihren Augen. Keiner von ihnen konnte es sagen, außer das die Zeit verflogen war, wie die aufgeregten Schläge ihrer Herzen, schnell und unbemerkt, als sie sich so berührten.

Fluttershy löste sich von seinen Augen, widerstrebend und unwillig und sah hinauf zum Sternenhimmel, wo der Mond noch tief über den Bergen im Osten hing. Sie zuckte zusammen und warf einen Blick hinter sich, dort wo der hoch aufragenden Schatten im Schilf lag. "Bei Celestia und Luna! Fast zu spät! Wir müssen uns beeilen!" Sie sah Rogue flehentlich an. "E... es tut mir leid. Ich... wir... " Sie sah panisch zwischen dem Ufer und ihrem Geliebten hin und her.

Rogue legte ihr beruhigend einen Huf auf die Brust. "Was ist los?"

Sie hielt inne und sah flehentlich zu ihm auf. "Ich habe alles geplant! Aber jetzt ist es fast zu spät! I... Ich wollte das... dass wir auf dem See sind... wenn..."

Rogue trat einige Schritte auf den aufragenden Schatten am Ufer vor. Aus der Nähe und im unsteten Licht des Mondes und der tanzenden Glühwürmchen erkannte er, das es ein kleines Boot war, dessen Sprit hoch über ihm aufragte. das dort am Ufer lag. Es tanzte leicht in den kleinen Wellen, die die Nacht über den See brachte.

Einen Moment lang betrachtete er es kritisch, dann hob er einen Huf und stieß es gegen die Planken. Ein befriedigendes, volltönendes *Bonk* ertönte. Rogue hatte keine Ahnung von Booten, aber dieses Holz hörte sich so an, als könnte es mehr als nur seinen Hufstoß widerstehen. Letztlich musste er sich auf seine Intuition verlassen. Und diese riet ihm...

"Spring auf!" Er nickte auf die Ladefläche. Fluttershy zögerte kurz, dann hüpfte sie auf das schaukelnde Gefährt.

Als er spürte, wie das Boot unter ihrem zusätzlichen Gewicht schaukelte, holte er kurz Luft, vergewisserte sich seines Standes gegen den Bugsprit und schob. Einen Moment lang widersetzte sich das kleine Wassergefährt seinen Anstrengungen, dann fühlte er, wie der Rumpf über den Schlick am Boden glitt. Er drückte noch weiter, bis er merkte, das der Kiel frei war, dann trat er neben dem Rumpf Wasser und beeilte sich an Bord zu kommen. Flutterhy half ihm sich über die Reling zu ziehen und lachte laut auf, als er sie mit einem Schwall Wasser tränkte, während er über sie fiel. Sie fiel auf den Rücken, die Flügel ausgebreitet und er über sie. Einen Moment bleiben sie so, Angesicht zu Angesicht, während Tropfen aus seinem Fell auf das ihre fielen. Sie schüttelte die Feuchtigkeit unter ihm von sich und aus ihren Flügeln, dann glitt sie unter ihm hervor, scheinbar ohne die peinliche Situation zu bemerken. Rogue wandte sich schnell ab und sah zurück auf das Ufer, das sich langsam von ihnen entfernte.

"Nun, wir sind jetzt unterwegs...", sagte er nervös und achtete darauf, sich ihr nicht zuzuwenden. Er musste sich erst... unter Kontrolle bringen. Der Anblick von Fluttershy unter ihm, während die Tropfen des Sees auf ihr Fell und Gefieder tropften... war ein bisschen viel für einen Hengst, um nicht...

Rogue bemerkte, trotz aller Ablenkungen, das die leichte Brise, die hin und wieder die Hitze des Abend durcheinander gewirbelt hatte, langsam zu einem stetem Strom wurde und Strähnen seiner kurzen Mähne nach vorne über sein Gesicht blies. Gleichzeitig entschwand der unbestimmte Schatten des Ufers langsam in der Dunkelheit.

Als er sich umwandte, neugierig und sorgsam darauf bedacht seinen Schritt mit den Hufen zu bedecken, sah er Fluttershy am Bugsprit stehen, die Hufe fest im Holz verankert und die Flügel so schnell schlagend, dass sie vor seinen Augen verschwammen. Einen Welle, größer als die kleinen Kräusel am Ufer, traf das Boot und er hielt sich überrascht fest, als sie darüber hinweg setzten. Das kleine Boot bockte in der sanften Dünung, als sie weiter Fahrt aufnahmen, angetrieben von Fluttershys Flügelschlag. Rogue setzte sich unbequem in der Ecke zurecht, in der er gelandet war und wartete geduldig, wohin sie die Reise führen würde.

Es dauerte nicht lange, dann faltete Fluttershy ihre Schwingen wieder zusammen und seufzte zufrieden und ein wenig außer Atem. Rogue reckte seinen Hals und sah über die Reling. Um sie herum war nur das dunkle, schillernde Wasser des Sees, dessen Wellen die Strahlen des Mondes wiederspiegelten. Noch während er hinaussah, beruhigte sich die Oberfläche langsam. Die letzten Wellen tanzten noch einen Moment über die Oberfläche, dann lag der See still. Selbst die leise Brise, die er vorher gespürt hatte, war nicht mehr. Sie schwebten auf einem vollkommen Spiegel, so rein, so klar, das es zwischen Himmel und Erde keinen Unterschied zu geben schien.

Rogue stand auf und lehnte sich über die Reling. Sein Spiegelbild, ein wenig dunkler, aber gekrönt von den glitzernden Sternen des Firmaments blickte ihm entgegen. Einen Herzschlag später erschien das Gesicht Fluttershys neben ihm. Vielleicht war es die Verlagerung des Gewichts im Boot, oder vielleicht auch Schicksal, aber eine kleine Welle ging durch ihre Angesichter, verzerrte sie, veränderte sie. Und für einen Moment war es, als würden die Sterne einen Schein um ihrer beiden Köpfe bilden, ein herrliches Halo aus ihrem zauberhaften Licht und der Magie dieses Abends. Ihr Spiegel waberte, schien sie in einem Moment zusammen zu treiben und im nächsten auseinander.

Rogue spürte, wie sein Mund trocken wurde. Er konnte Fluttershys Gesicht im Wasser unter ihm erkennen, Er musste nur hinunter sehen und sah sie so, wie sie war, so wahr wie im wirklichen Leben. Aber gleichzeitig war sie neben ihm, war hier und konnte hören, was er sagte. Und es war so viel einfacher all das zu sagen, was er empfand, wenn er sie nicht direkt ansehen musste, als könnte er sich hinter dem Glas verstecken, dass das Wasser zwischen sie warf...

"Rogue...", begann sie und er schluckte all die Worte in sich hinunter. Und blickte in ihr Gesicht, das aus dem dunklen Spiegel unter ihm zu ihm hinauf sah.

"Fluttershy...", hauchte er und konnte doch nicht den Blick von ihrem Spiegelbild im Wasser nehmen.

All die Zeit, vertan und vergeudet...

Langsam, wie betrunken, hob er seinen Blick. Alles was er sagen hatte wollte, alle Wahrheiten, alle versteckten Geständnisse, vertrockneten in seiner Kehle, als er aufsah.

Der nächtlicher Himmel begann langsam aufzublühen. Das ferne Ufer wurde erleuchtet von sanftem Schein.

Fluttershy hatte noch immer ihren Kopf gesenkt und blickte auf die dunklen Wasser, scheinbar blind für das Licht im Osten.

All die Zeit, die ich niemals wahrhaft gesehen, wahrhaft begriffen habe...

Ein Feuer stieg am Ufer jenseits von ihnen auf. Tausend Lichter, Tausend Funken in der Dunkelheit. Ein Schein, der nun nur sie umgab. Der die feinen Linien ihres Gesichtes nachzeichnete, die Strähnen ihrer Mähne und den sanften Schimmer ihres Fells. Der sie in der Dunkelheit für ihn neu erstehen ließ, wie auf einer Leinwand, von meisterlichem Huf gezeichnet.

Flutterhy sah auf. Sie stützte sich auf die Reling des Bootes und es krängte etwas unter ihnen. Aber nicht genug, als das Rogue die Augen von ihr nehmen konnte.

Zuerst im Sternenlicht...

Die Lichter vom östlichen Ufer stiegen langsam auf. Wie freie Geister strebten sie langsam auseinander, flackernd und unsteht. Wie Feuervögel, blitzende Libellen, wie träge Glühwürmchen stiegen sie auf. Und das Gemälde füllte sich mit Farbe, mit Licht und Kontur. Malte seine Liebe auf die Dunkelheit der Nach vor ihm.

...dann im Licht meines Herzens...

"Rogue, sieh nur!" Sie deutete mit ihrem Huf auf die tausend flackendernden Lichter vor ihnen.

...sehe ich dich, wahrhaftig...

Die Dunkelheit über dem See wich zurück, vertrieben von dem hellen, warmen Schein hunderter Lichter, die langsam auf dem See auf sie zu trieben. Das Lichtfest hatte begonnen.

Rogue richtete sich auf, und versuchte einen genauen Blick zu erhaschen. "Was ist das Fluttershy?"

Der Pegasus setzte ihren Huf auf den Sprit des Bootes und breitete ihre Flügel aus, doch diesmal nicht, um die leichte Brise zu fangen, sondern nur aus Freude.

"Das sind keine Glühwürmchen, Rogue! Das sind Laternen!"

...als würde der Nebel sich lichten...

"Laternen..."

Die hellen, warmen Punkte schwebten über den See auf sie zu und der dunkle Spiegel des Wassers ließ ihren Schein sich verdoppeln, ließ ihn auf jeder kleinen Welle tanzen und schimmern. Füllte die Dunkelheit um sie mit Licht.

...es ist warm und hell und endlich wahr...

Die Laternen, leichte Gebilde aus Stoff und Schilf tanzten im leichten Wind der Nacht, angetrieben von den kleinen Kerzen, die in ihnen brannten. Einige wenige schwebten langsam herab, berührten die Wasseroberfläche und verloschen jäh, aber so viele andere erfüllten die Luft um sie herum mit ihrem Licht, das es keinen Unterschied machte. Als der Wind sie näher an ihr Boot trieb, konnte er erkennen, das sie alle mit Symbolen geschmückt waren. Drei BonBons. Eine Harfe. Ein Kompass. eine Schriftrolle. Drei geschliffene Diamanten. Zwei Wolken. Eine Rose. Eine Tür. Ein Blatt. Ein halb gefülltes Glas. Ein Stein. Und hundert andere Symbole, die in den leichten Stoff der Laternen gestickt waren.

...und die Welt dreht sich...

Hunderte Cutie-Marks umschwärmten sie, zogen an ihnen vorbei, tanzten im gegenseitigen Aufwind umeinander, um einen Moment später wieder zurück zu sinken. Die beiden Ponys folgten ihnen mit ihrem Blick, wie sie über ihnen hinweg zogen, in einem fantastischen Ballett, das die Nacht wie am Tage erhellte.

...und auf einmal...

Ihre Blicke trafen sich, trotz des Schauspiels um sie herum. Er am Heck des Bootes, sie am Bug, getrennt nur durch zwei, drei Schritte. Fluttershy sah verlegen auf ihre Hufe und strich sich nervös mit dem Huf ihre Mähne aus dem Gesicht. Dann, langsam, zögernd und doch sehnsüchtig, sah sie wieder zu ihm auf.

...ist alles anders...

Sie hielten noch einen Moment lang inne, beide unsicher, beide beinahe zu ängstlich, den ersten Schritt zu tun. Und dann, wie auf ein geheimes Zeichen, taten sie ihn doch, im selben Herzschlag. Und trafen sich in der Mitte, ohne dass das Boot unter ihnen auch nur einen Zentimeter kränkte. Überrascht sahen sie sich gegenüber, Auge in Auge, Blau in Blau, das sich so sehr glich und ein letztes Flattern der Angst erhob sich in ihren Herzen.

...jetzt, da ich dich wahrhaftig erkenne.

Im Licht der tanzenden Laternen fanden sich ihre Lippen und besiegelten zuletzt was an unausgesprochenen Versprechungen, an unverhofften Hoffnungen und ungeträumten Träumen in ihnen beiden noch war.


Später am Abend, nach dem er das Boot wieder in den Schlick des Seeufers gezogen hatte und an ihrer Seite noch einmal den zuvor so beschwerlichen Pfad zurück ging, fand Rogue sich vor ihrer Hütte wieder. Die Zeit zwischen seinem ersten Schritt auf diesem Pfad und dem Hier und jetzt schien ihm wie ein Traum, wie eine fast vergessene Zeit, die zu schnell und zu herrlich vergangen war, als das er sich jedes Momentes erinnern konnte. Er war an ihrer Seite gegangen, so nahe, das mit jedem Schritt ihre Flanke die seine streifte, so nahe, das die Kälte des Forstes von der Wärme ihres Körpers vertrieben wurde. So nahe, das sie alle paar Schritte anhielten und sich noch einmal küssten, noch einmal so nahe sein wollten, das es fast keinen Unterschied zwischen ihrer beiden Körper gab.

Noch einmal trennten sich ihre Lippen voneinander, auf der kleinen Brücke vor ihrer Tür, umschwärmt von Glühwürmchen und dem Gesang der Zykaden. Atemlos und aufgeregt ließen sie voneinander, unwillig und ein wenig verzweifelt.

"Rogue..." flüsterte Fluttershy und trennte sich langsam von ihm. "Rogue..."

Er atmete tief durch und drängte das Verlangen in sich zurück, das in ihm loderte wie eine helle Flamme. "Ich weiß...", keuchte er und trat noch einen Schritt zurück. Ihre reine Präsenz war in diesem Moment wie eine lodernde Fackel für ihn. Und er war nur weiches Wachs in ihren Hufen.

"Rogue...", begann sie sanft, eine schmerzvolle Entschuldigung auf den Lippen.

Es kostete ihn alles an Willenskraft, die er noch besaß, um zu nicken. Er machte noch einen Schritt zurück. Je mehr Abstand er zu ihr gewann, umso besser. Am liebsten währe es ihm gewesen, einfach über die niedrige Ballustrade der Brücke zu springen und sich mit jedem Schritt auf dem Weg zurück nach Sweet Apple Acres darin abzukühlen. Aber er begann langsam zu bezweifeln, ob alle noch übrig gebliebenen Wasser Equestrias ausreichen würden, um die in ihm entfachte Glut zum verlöschen zu bringen.

"G-gute Nacht F-Fluttershy...", stotterte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch.

Er wollte fliehen, wollte fort von dieser so verlockend süßen Frucht, deren Duft allein ihn schwindelnd machte. Er wollte in die Dunkelheit hinausrennen, trotz seines geschwächten Hinterlaufes, trotz der schwülen Hitze der Nacht, die ihm keine Erleichterung verschaffen würde. Er wollte laufen, laufen, bis der Wind ihm die Hitze nahm und die Erschöpfung und die Schmerzen das Verlangen, bis er wieder denken, wieder klar denken konnte...

"Gute Nacht... Gute Nacht Rogue." Sie sah ihm nach, wie er unsicher über den Pfad stolperte.

Einen Moment lang brandete etwas in ihr hoch und sie hob den Huf und öffnete ihren Mund, um ihn zurück zu rufen, aber es drang kein Laut zwischen ihren Lippen hervor. Langsam ließ sie ihren Huf wieder sinken. Einige Sekunden saß sie noch auf dem dunklen Weg vor ihrer Hütte, seltsam traurig und gleichzeitig erleichtert. Sie sah auf und sah, wie das graue Fell ihres Geliebten mit dem Schwarz der Nacht verschmolz, als er von der Brücke heruntertrat.

Als der letzte Schimmer seines blonden Schweifs von der Nacht verschluckt wurde, ging ihr ein harter, kalter Stachel des Bedauerns und der Verzweiflung durch ihr Herz, so das sie nicht anders konnte, als leise aufzuschluchzen. Sie spürte das Brennen in ihren Augen, die heraufsteigenden Tränen, so vertraut und verhasst und doch unabänderlich.

Einen Moment gelang es ihr, sie zurückzukämpfen. Einen kostbaren Moment, genug um sich umzudrehen und das kurze Stück bis zu ihrer Tür zurückzulegen. Sie zu öffnen, in die vertraute Behaglichkeit ihrer Hütte zu treten und sie hinter sich wieder zu verschließen. Ein zwei Sekunden konnte sie sich noch selbst davon überzeugen, das sie diese Scharade noch weiter aufrecht erhalten konnte. Noch etwas weiter tapfer sein konnte. Noch ein paar Momente... bis sie im Bett war... und dann noch ein paar... bis sie eingeschlafen war. Und dann... bis sie ihn wieder sah... und dann...

...und dann...

Sie fühlte, wie die Wogen über ihr zusammenbrachen, hart und unversöhnlich und sie fortspülten, was sie an kläglichen Verteidigungen aufgebaut hatte.

Sie sackte auf der Schwelle zu ihrer Hütte zusammen, kraft- und haltlos, wie eine Marionette, deren Fäden durchschnitten worden waren. Tränen strömten aus ihren großen Augen hervor, gleich einer Flut, die alle Dämme gebrochen hatte.

Warum musste sie so sein?

Warum konnte sie nicht einfach sagen, was sie wollte? Aussprechen, was sie beide wollten?

Warum musste sie immer Angst haben? Warum sich immer fürchten, vor all den Wenn´s und Aber´s?

Warum war die kalte Angst in ihr so viel Stärker als die Liebe, die Wärme in ihrem Herzen?

Warum hatte all die Zeit mit ihren Freunden, alle Vertrautheit, alle bestandenen Abenteuer, alle Kraft, die sie daraus gesammelt hatte, keinen Bestand, wenn es wirklich darauf ankam?

Warum konnte sie nicht einmal stark sein... wenn es um sie selbst ging?

Fluttershy hielt sich beide Hufe gegen die Augen und weinte, weinte hemmungslos, während Schluchzer der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit ihren Körper erbeben ließen.

Wenn nicht heute, wann dann? Alles war richtig gewesen, alles war perfekt gewesen. Aber sie hatte dennoch im letzten Moment den Schwanz eingezogen. Sie konnte es ihm nicht einmal zum Vorwurf machen. Sie wusste, das sie dünnhäutig war, verletzlich und delikat. Nicht immer... aber meistens. Und sie... wusste, das sie wenig tat, dies zu verbergen. Aber sie wollte nicht, das sie für so zerbrechlich gehalten wurde, das Er nicht wagte sie anzufassen, das er davor zurückschreckte, auch die letzten Geheimnisse ihrer Liebe mit ihr zusammen zu erforschen, das er einfach floh...

Sie zuckte zusammen, als die Tür an ihrem Rücken durch ein heftiges Klopfen erschüttert wurde.

"Fluttershy? Fluttershy, bist du noch wach?"

Sie wischte sich überrascht die Tränen aus den Augen und richtete sich auf. Diese Stimme... konnte es sein...?

"Rogue?", fragte sie laut und verzweifelt und mit gebrochener Stimme.

Einen Moment lang herrschte Schweigen vor ihrer Tür, ein Moment, der sie im Herzen fast zerriss. Dann antwortete der nächtliche Besucher mit neuerlichem Klopfen.

"Ja... ja ich bin es."

Sie könnte fühlen, wie er hinter der Tür, wenige Zentimeter von ihr entfernt unsicher auf der Stelle trat. Ein kleiner, verrückter Teil in ihr, der Teil, den sie sich noch vor wenigen Augenblicken so sehr fortgewünscht hatte, ließ sie in schrillem und ängstlichem Tonfall fragen, ohne die Tür zu öffnen: "Was willst du?"

Eine Sekunde lang Pause. Sie horchte atemlos mit ihrem Ohr am Holz, gleichzeitig entsetzt über ihre eigene Dummheit und doch wie ein Bogen gespannt auf seine Antwort.

"Ich... Ich..." Er kämpfte mit seinen Worten. Sie konnte sich vorstellen, wie als währe das Holz durchsichtig geworden, wie er dastand, die Läufe weit von sich gespreizt, so als müsste er eine wilde Anstrengung stemmen. Sie sah fast, wie er mit seinen, großen, verzweifelten Augen auf die Tür starrte, wie die Haut unter seinem Fell so rot anlief, als würde er jeden Moment zur Tomate mutieren. Und dann konnte sie hören, wie er... wie er mit den Zähnen knirschte, wie er etwas aus sich herausließ, das so tief aus ihm herauskam, das es alles, was darüber lag, durcheinander wirbelte. Und bedeutungslos machte.

"Ich... Ich will dich Fluttershy. Ich brauche dich. Ich..."

Er kam nicht weiter.

Die Tür wurde aufgerissen und ein Ball aus Federn, Fell und Freude sprang ihn an, küsste ihn so heftig, das er jedes weitere Wort vergaß und umschlang ihn mit seinen Flügeln.

Der Spalt Licht aus Fluttershys Tür wogte einen Augenblick lang auf dem wilden Rasen vor ihrer Tür, auf der Brücke, auf den Vogelhäuschen in den Bäumen und dem Bach davor, während die Schatten der beiden Ponys davor tanzten. Dann verlosch er jäh, als die Tür zugeschlagen wurde.

All die Tiere um die Hütte, Kaninchen, Vögel, Hasen, Frettchen, Mäuse, Waschbären und ein besonders großer Bär sahen noch einen Moment lang dem verschwunden Licht hinterher, dann nickten sie sich zufrieden zu, bevor sie sich in ihre Nester oder den nahen Wald zurückzogen. Ihre Arbeit war getan. Alles andere mussten die Ponys unter sich ausmachen.

In dieser Nacht drehte sich die Welt um Rogue. Und um Fluttershy. Und bis zum frühen Morgengrauen, als sie fest umeinander geschlungen einschliefen, wollte sie nicht mehr damit aufhören.

[1] "When is a door not a door? When it´s ajar - When it´s a jar." Stephen King, der dunkle Turm.

[2] Frei nach: "Alone and Forsaken", Hank Williams