Memory 2
Gemächlich trank ich den Becher leer. Bis elf Uhr blieb mir noch genug Zeit, ganz in Ruhe sämtliche Vorbereitungen zu treffen, die für das bevorstehende Ereignis von Nöten waren. Ich war nicht der Typ, der sich durch das Überstürzen von Dingen Fehler erlaubte, und das würde sich auch jetzt nicht ändern. Ich genoss den letzten Tropfen Kaffee, wie er lauwarm auf meiner Zunge zerging, danach überließ ich den Becher NutritionX7.0, der sofort mit dem Reinigungsprogramm begann. Mit der Ruhe eines Scharfrichters machte ich mich an dem Schränkchen über der Arbeitsfläche zu schaffen, brachte eine noch eingeschweißte Spritze und das Fläschchen mit Pentobarbital zu Tage. Beides platzierte ich auf einem schlichten Metalltablett, welches bereits mit Cellulosetuch ausgelegt war. Bevor ich das Tablett aber auf einen Hoverwagen stellen konnte, blieb mein Blick erneut an den Reagenzgläsern und dem Plasmamikroskop hängen. Zwar waren sie alle Teil meiner gegenwärtigen Gift-Forschung, doch dass ich mich zuvor an Big Reds Ausrüstung bei seinem Eintreffen erinnert hatte, brachte mich auf gänzlich neue Ideen. Vielleicht ließ sich das Rätsel darum, weshalb Ilexx-Gift für Gauoron so fatal war, ja lösen, indem ich die von den Ilexx zur Jagd verwendeten Gegenstände mit in meine Forschungen einbezog. In der Theorie mochte das weit hergeholt und für die Kulturforscher nicht gerade überzeugend klingen, das musste ich zugeben, aber nichtsdestotrotz würde ich Big Reds Ausrüstung bekommen. So oder so. Ich hatte meine Beziehungen.
Schon im nächsten Moment hatte ich am Telekommunikator die Nummer des Archivs gewählt. Keine fünf Sekunden dauerte es und am Bildschirm tauchte ein Gesicht mit kreisrunder Brille auf.
»Law, ich hoffe, du machst es kurz. Irgendjemand hat gestern am Zentralcomputer herumgespielt und das halbe System lahm gelegt. Die Arbeit, die ich jetzt habe, kannst du dir gar nicht vorstellen. Ich muss fast ein Viertel der Archivdokumente retten.«
Monet seufzte genervt auf, dann fügte sie noch an: »Wie kann es ein einzelner Mensch schaffen, aus Versehen so viel Schaden anzurichten?«
Auf diese Frage und Neuigkeit hin sagte ich erst einmal gar nichts. Wie auch immer der Fehler es ins System geschafft hatte – bis zu mir schien er glücklicherweise nicht vorgedrungen zu sein. Zumindest hatte am heutigen Morgen sämtliche Technologie in Labor 5 einwandfrei funktioniert. Meine Erklärung für den Vorfall war allerdings simpel.
»Wir hatten gestern Besuch vom stellvertretenden Geschäftsführer, oder?«
Vielsagend sah ich Monet an, die daraufhin erst etwas erwidern wollte, dann aber nur missbilligend einen Mundwinkel verzog und es sich anders überlegte. Die Gespräche per Telekommunikator wurden aus Sicherheitsgründen aufgezeichnet. Für keinen von uns wäre es besonders gesund gewesen, auch nur ein negatives Wort über den jüngeren Bruder des Vorsitzenden der Smile-Corporation zu verlieren. Selbst, wenn selbiger Katastrophen anrichtete, wo auch immer er ging und stand. Sein Bruder feuerte ausnahmslos jeden, der schlecht über ihn sprach. Höchstpersönlich. Und wenn man wusste, wie Furcht einflößend Don Quichotte de Flamingo sein konnte, war das nicht gerade etwas, das man anstrebte.
»Also...«, überbrückte Monet die Stille, die sich in unser Gespräch eingeschlichen hatte, und strich sich eine ihrer langen, hellgrünen Strähnen zurück, »Weswegen rufst du an, Law?«
»Ich bräuchte für meine Forschungen die Ausrüstung von Big Red. Erstens komplett und zweitens möglichst heute noch. Halb zwölf, wenn es ginge. Früher wäre sogar noch besser.«
»Big Red? Der Ilexx? Forschungsobjekt 11091?«
Ich nickte und war einmal mehr beeindruckt von Monets Talent, sich wichtige Informationen bis ins kleinste Detail zu merken. Noch beeindruckter war ich zwar zugegebenermaßen von ihrem üppigen Dekolleté, das beim Tippen Aufmerksamkeit heischend wackelte, doch ich zwang mich, nicht dorthin zu sehen. Sie nach einem Date zu fragen, war wohl mein schlimmster Tritt in ein Fettnäpfchen bisher gewesen. Es mochte wohl sein, dass ich eine Schwäche für intelligente Frauen mit Biss hatte, nur leider hatte sie hingegen so gar nichts für Männer übrig. Das war schade, aber immerhin hatte sie mir meine Frage damals nicht übel genommen.
»Hmm... sieht so aus, als wären die Daten über besagte Objekte dem Systemfehler zum Opfer gefallen...«
Ihre Stimme holte mich schnell wieder in die Gegenwart zurück und hinterließ tiefe Sorgenfalten auf meiner Stirn. Monet schien das aus dem Augenwinkel wahrgenommen zu haben, da sie kurz aufblickte und mit einem schiefen Lächeln meinte: »Oh, das bedeutet nicht, dass ich keinen Zugriff darauf habe. Tatsächlich kommt uns das sogar gelegen.«
Sie sah wieder auf ihren Computerbildschirm hinab, weiterhin Zahlen- und Buchstabenkolonnen in wahnsinniger Geschwindigkeit eintippend.
»Ich nehme nämlich nicht an, dass du einen Antrag gestellt hast«, sagte sie sachlich.
»Du kennst mich besser als du solltest«, stimmte ich ihr zu.
»Eigentlich nicht. Ich bin es nur schon gewohnt, dass du von mir das Unmögliche verlangst als wäre es selbstverständlich.«
»Das Unmögliche?«
Ich hob belustigt eine Braue. Mir war bewusst, dass ich ein Leuteschinder sein konnte, der nicht vor Tricks und Betrug zurückschreckte, um an sein Ziel zu kommen. Nur war das eben die Art und Weise, wie das Leben funktionierte. Wenn ich also Zugriff darauf hatte, nutzte ich eine Quelle auch.
»Forschungsobjekte 11c402, 11c403 und 11c404, nicht wahr?«, hakte Monet nach, wobei sie meinen vorherigen Kommentar komplett ignorierte und auch keine Antwort von meiner Seite abwartete, »Ich habe eine Mail in Labor 9 rübergeschickt, dass ich alle drei dringend zur erneuten Registrierung im Archiv brauche. Sobald ich sie habe, kann ich sie dir zukommen lassen, Law. Länger als zwei Tage wirst du sie aber nicht behalten können.«
»Zwei Tage reichen völlig. Danke, Monet.«
»Bitteschön. Was bekomme ich dafür?«
Ein herausforderndes Lächeln im Gesicht nahm sie ihre Brille ab und sah mich mit blitzenden Augen an. Nein, umsonst bekam man nichts von ihr.
»Das Übliche«, versprach ich ihr, »Meinen Chip für den Langstreckentelekommunikator, sobald wir ihn diesen Monat ausgehändigt bekommen.«
»Wirklich?«, sie schien freudig überrascht, »Die letzten vier hast du mir auch schon überlassen. Sicher, dass du dich nicht auch mal erkundigen willst, wie es bei dir zuhause allen geht?«
»Ganz sicher.«
Wen sollte ich ohne Familie schon großartig anrufen? Shachi? Bestimmt nicht. Monet mit meinen LTK-Chips zu bestechen war eindeutig vorteilhafter.
»Na dann«, lächelte sie, »Vielen Dank, Law. Sugar wird sich freuen.«
Mit einem kleinen Winken beendete Monet das Telefonat.
»Ja, ja, ruf du nur deine Schwester an«, seufzte ich daraufhin und wandte mich vom Telekommunikator ab, »So hat wenigstens jeder was davon.«
Mit einem seltsamen Gefühl in der Brustgegend stand ich da und hing einen Moment dem Gedanken an eine Kindheit nach, die fröhlich hätte sein sollen. Dann jedoch sah ich ein, dass dies keinen Nutzen für mich hatte und riss mich zusammen. Das Leben ging weiter. Ich hatte eine Aufgabe zu erfüllen.
Geschäftig zog ich mir die Latexhandschuhe von den Händen, dann ging ich aus Gewohnheit zum Waschbecken und ließ dort kühles Wasser über sie laufen. Es war angenehm, den seltsamen, nach Gummi riechenden Schweiß abzuwaschen, der sich dort jedesmal ansammelte. Auch, wenn ich dabei ein wenig zu lange auf meine Handrücken starren konnte. Frische Narbenmale prangten auf dem linken der beiden. Fast weiß hoben sie sich vom Rest der Haut ab und erinnerten mich unaufhörlich daran, dass man Big Red besser nicht unterschätzte...
…
..
.
Es war an der Zeit, dass ich mich auf den Weg machte. Eine Woche war vergangen, seit man meinen neuen Ilexx gefangen genommen und in eine der Beobachtungszellen im Untergeschoss gesperrt hatte. Ungeduldig hatte ich ihm diese sieben Tage zur Eingewöhnung gewährt, doch heute würden wir uns endlich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. In den Forschungsdaten war er bereits als Objekt 11091 registriert, doch sehr viel mehr hatte ich über ihn bisher nicht notiert.
Etwas, was sich nun ändern würde.
Mit einem voll beladenen Hoverwagen verließ ich mein Labor und folgte den Gängen, die mich hinab in die tiefer liegenden Etagen führten. Vorbei an Türen, hinein in Aufzüge, durch das Sicherheitstor hindurch, welches den Zellentrakt vom Rest der Forschungsstation trennte. Dann wieder Gänge entlang, die gesäumt waren von in einem Quadrantensystem durchnummerierten Türen. Nur eine einzige davon ließ sich mit der Schlüsselkarte öffnen, die ich stets bei mir trug. Tür F8. Vor dieser machte ich nun Halt, entriegelte sie protokollgemäß und schob meinen Wagen anschließend in den schmalen Vorraum. Hinter mir verschloss sich die Tür automatisch von selbst. Die Sicherheitsvorkehrungen hier unten waren streng, denn immerhin hielten wir rund eintausend Lebewesen zu Forschungszwecken gefangen, denen niemand ungeschützt auf einem der Flure begegnen wollte.
Aus dem Raum direkt vor mir war ein aufgeregtes Quietschen zu vernehmen. Der Warnruf der Schneespringer. Sie zählten nicht zu den gefährlichen Spezies auf Punk Hazard, weswegen ich die rattengroßen Tiere in einfachen Terrarien hielt. Ebenso wie einige Insekten und kleinere Reptilien, die zwar nicht unbedingt harmlos waren, aber dafür leichter zu handhaben als beispielsweise ein Gauoron-Kalb. Jeden Tag verbrachte ich bis zu zwei Stunden damit, sie zu versorgen, bevor ich sie zur Beobachtung in das begehbare Terrarium in der Mitte des Raumes setzte. Oder sie in mein Labor holte, um Versuche an ihnen durchzuführen.
Keines von beidem konnte ich mit den Wesen machen, die hinter der Tür warteten, die links von mir noch einmal mit einem Kartenschloss versehen war. Von fast schon kindlicher Vorfreude erfüllt öffnete ich diese nun, dann zwängte ich mich samt Hoverwagen in den schmalen Gang dahinter. Drei geräumige Hochsicherheitszellen säumten ihn und während die beiden zu meinen Seiten gegenwärtig leer standen, konnte ich in der hintersten Licht erkennen. Süffisant lächelnd ging ich darauf zu, meinen Wagen im Schlepptau.
Durch die Konstruktion aus Glas, Stahl und Plasma hindurch sah ich ihn dann – den roten Ilexx. Anstatt sich ängstlich in eine Ecke zu drängen bei meiner Ankunft oder in einer wütenden Raserei die Tür anzuspringen, saß er abwartend auf der Kante des einzelnen Bettes, das man ihm gewährt hatte. Seine Schwanzspitze schlug warnend auf und ab, sein stechend orangeroter Blick war auf mich gerichtet. Er erkannte mich wieder. Ohne Maßnahmen zu meinem Schutz wäre ich in dem Moment tot, in dem ich einen Fuß in die Zelle setzte.
Ich steckte meine Schlüsselkarte in den dafür vorgesehenen Schlitz neben der Zellentür und der kleine Bildschirm darunter erwachte zum Leben. Virtuelle Tasten erschienen, auf denen ich sogleich mehrere Buchstabenkombinationen eingab. Die Ringe, die man dem Ilexx um sämtliche Gliedmaßen gelegt hatte, reagierten darauf und verbanden sich durch straff gespannte Plasmaketten mit speziellen Halterungen an den Wänden. Dass dies dem Alien keineswegs gefiel, sah man ihm an, doch immer noch hielt er es wohl für unter seiner Würde, seine wahre Gefühlslage durch eine Reaktion zu verraten. Einzig seine Augen ruhten weiterhin warnend auf mir, die sonst schlitzförmigen Pupillen riesig und schwarz. Doch ich ließ mich nicht davon beunruhigen, dass ich auf diese Weise fokussiert wurde; jetzt, da der Ilexx gezwungenerweise alle Viere von sich gestreckt und weitestgehend bewegungsunfähig auf dem Bett lag, konnte er mir rein gar nichts mehr anhaben. Weswegen ich nun auch mit einem weiteren eingetippten Befehl die Zellentür entriegelte. Es zischte leise, als sich die entweichende, tropenwarme Luft mit der kühlen des Zellentraktes vermischte. Im Umgang mit Ilexx war eine hohe Temperatur immer wichtig, da sie zwar dazu in der Lage waren, Wärme über einen längeren Zeitraum hinweg zu speichern, doch selbst produzieren konnten sie sie nur geringfügig – waren folglich wechselwarm. Die für einen Menschen angenehm klimatisierten Räumlichkeiten der Forschungsstation würden nach ungefähr drei Tagen zur Todesfalle für einen jeden Ilexx werden, der dort verweilte. Ein denkbar kurzes Zeitfenster, wenn man die Tatsache beleuchtete, dass sie es für gewöhnlich nutzten, um zur Gauoronjagd in die Eiswüste Punk Hazards vorzustoßen.
Hinein in erdrückende Hitze zog ich also den Hoverwagen, danach nahm ich mein Holoboard zur Hand und lud das Dokument über Forschungsobjekt 11091. Es gab dort eine Menge an Informationen, die ich einzutragen hatte.
»Alias: Big Red. Spezies: Ilexx. Geschlecht: männlich. Größe...«
Ich hielt im vor mich hin Murmeln inne und blickte auf. Der Ilexx verfolgte misstrauisch jede meiner Bewegungen, die haarlosen Brauen finster zusammengezogen.
Ein sadistisches Lächeln begann sich auf meinem Gesicht breit zu machen.
»Sieh mich ruhig so an«, sagte ich und legte das Holoboard bei Seite, »Wenn du glaubst, dass dir das nützt. Bei meiner Arbeit wird es mich jedenfalls nicht stören.«
Zur Antwort gab Big Red einzig ein leises Knurren von sich. Etwas anderes hatte ich aber auch nicht erwartet – die Ilexx sprachen nicht. Selbst wenn ihr Entdecker in seinen Aufzeichnungen genau das Gegenteil behauptete. Da aber selbiger Entdecker ebenfalls darüber schrieb, dass er der Schönheit eines Ilexx-Weibchens erlegen war, und er nur wenige Wochen später als vermisst gemeldet wurde, stellten viele seine Arbeit in Frage. Sich in ein Forschungsobjekt zu verlieben verschleierte die Sinne. Das wusste jeder. Sobald dies geschah, konnte man nicht mehr objektiv beurteilen und man tat gut daran, sich aus den Forschungen zurückzuziehen.
Nichts, was mir jemals widerfahren würde. Meine Gefühlskälte war die beste Voraussetzung für meinen Beruf. Attraktiv konnte ich den ein oder anderen Ilexx, Tarani oder Horug durchaus finden, aber Liebe würde daraus niemals werden. Auch nicht, wenn es sich um ein Prachtexemplar wie Big Red handelte. Mein Interesse an ihm war von rein wissenschaftlicher Natur, seine Gefühle tangierten mich nicht im Geringsten. Und wenn die Zeit gekommen war, ihm die Todesspritze zu verabreichen, würde ich einzig darum trauern, ein solch perfektes Forschungsobjekt verloren zu haben.
»Perfekt in der Tat«, meinte ich leise zu mir selbst, während ich mit gezücktem Maßband an dem weiterhin wütend stierenden Ilexx herumhantierte, »2,70 m von Kopf bis Schwanzspitze. Das ist rekordverdächtig.«
Ich machte eine Notiz auf dem Holoboard, dann fuhr ich mit meinen Untersuchungen fort. Vermaß ihn bis ins kleinste Detail, ergänzte Informationen zur Beschaffenheit seiner Federn und Schuppen, wog ihn – wobei ich auf stattliche 166,7 kg kam – und stellte sicher, dass er weder von gefährlichen Krankheitserregern, noch Parasiten, noch Pilzen befallen war. Er ließ die gesamte Prozedur mit finsterem Gesicht über sich ergehen und zuckte nicht einmal, als ich eine Kanüle zur Blutentnahme in die weiche, weiße Haut der Armunterseite stach. Ganze 4 ml brauchte ich, um ein ausreichendes Blutbild zu erstellen. Nachdem auch das zweite Röhrchen gefüllt war, drückte ich mit einem Cellulosetupfer auf die Einstichstelle und entfernte die Kanüle wieder. Einem Patienten hätte ich nun geraten, weiterhin selber Druck auf die Stelle auszuüben, doch in seiner Lage war der Ilexx dazu nicht fähig. Weswegen ich das für fünf Minuten selbst in die Hand nahm, bevor ich das Blutentnahmezubehör fachgemäß entsorgen konnte. Fünf Minuten, in denen wir beide uns anstarrten. Ich mit einer gehässigen Eiseskälte, die ihm klar machen sollte, wer hier das Sagen hatte, er mit dem unterdrückten Feuer des Zorns. Fast schon fand ich Gefallen an unserem unterschwelligen Kräftemessen. Besonders deswegen, weil ich in diesem Spiel die Oberhand behielt.
Natürlich war es ganz und gar nicht professionell, sich während ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen zu derartigen Machtdemonstrationen hinreißen zu lassen, aber Big Reds fortwährende Reaktionslosigkeit stachelte mich an. Es juckte mich förmlich danach, einen Weg zu finden, der ihm wenigstens ein weiteres Knurren entlockte.
Gut nur, dass ich weit mehr als nur noch ein Ass im Ärmel hatte.
Seine werte Männlichkeit überprüfen, beispielsweise. Eine Untersuchung, die ich für gewöhnlich bei Tieren mit viel Gleichgültigkeit, bei Humanoiden eher angenervt durchführte. Schwer war es nicht, doch hatte ich nicht unbedingt Spaß daran, Aliens manuell zu befriedigen, von denen viele Exemplare waren, die man aufgrund von Altersschwäche eingefangen hatte. Big Red allerdings schien in der Blüte seines Lebens zu stehen. Alleine sein gesunder, kräftiger Körperbau sagte mir, dass das Testosteron nur so durch seine Adern wallen musste. Und dasselbe sagte mir sein unverändert stechender Blick.
»Na, das wollen wir sehen«, lächelte ich, »Ob dich das gleich auch noch so kalt lässt.«
Mit meiner üblichen Gelassenheit entfernte ich das schlichte, weiße Stück Stoff, das man dem Ilexx im Austausch gegen den reichlich verzierten Ledenschurz überlassen hatte. Einen behandschuhten Finger ließ ich über seinen weichen Unterbauch wandern, bis hin zur Peniswurzel, wo eines dieser wärmespeichernden Organe saß, welche auch auf Fuß- und Handrücken, überhalb der Knie, zwischen den Augen, an der tiefsten Stelle der Wangen und anstelle von Bauchnabel und Brustwarzen vorzufinden waren. Es schimmerte in einem schwachen, roten Licht, umgeben von vereinzelten, dunkelgrauen Schuppen, die etwas größer und stärker ausgeprägt als die restlichen waren. Ich wusste ganz genau, wie empfindlich die Wärmeorgane der Ilexx auf Berührung reagierten – besonders jenes im Genitalbereich – und konnte nicht umhin, meinen abschätzenden Blick immer wieder zu Big Reds Gesicht flackern zu lassen, während ich sachte an dem Leuchten hinabstrich. Weiterhin bekam ich nur ein böses Starren zu spüren, aber ich merkte auch, wie sich der sehnige Körper unter meiner Hand langsam anspannte. Da wollte wohl jemand um jeden Preis verbergen, dass ihn mein Tun erregte. Er wollte mich von ganzem Herzen hassen. Und sobald ich fertig war mit dem, was ich vorhatte, würde er mich wohl noch sehr viel mehr hassen als zuvor. Aber mir war das einerlei.
Nein, das war nicht ganz richtig.
Es war mir sogar recht! Das Wissen, dass ich ein Wesen in meiner Gewalt hatte, welches mich unter normalen Umständen ohne viel Federlesen mit geringster Anstrengung umgebracht hätte, war ein enormer Adrenalinkick für mich. Es bereitete mir ungemeine Freude, zu sehen, wie sehr Big Red mir an die Gurgel wollte und dennoch nicht dazu fähig war. Selbstverständlich also, dass ich seine Wut auf mich gerne noch um ein Vielfaches steigerte.
»Halt schön still. Ich brauche nur eine Spermaprobe. Tut auch gar nicht weh.«
Die Floskeln, die beruhigend hätten klingen sollen, verließen mit einem unheilvollen Grinsen meinen Mund. Ich nahm einen eigens für diese Prozedur vorgesehenen Becher vom Hoverwagen, danach die Genitalien des Ilexx genauer in Augenschein. Er war mehr als nur gut bestückt, aber im Anbetracht seiner Größe hatte ich auch nichts anderes erwartet. Langsam fuhr ich mit einem Finger wieder über das Wärmeorgan, dann weiter hinab, das Glied in voller Länge entlang. Big Red gab ein wütendes Schnauben von sich, denn nun war nicht mehr zu übersehen, dass zumindest seinem Körper gefiel, was gerade mit ihm geschah. Besonders, da ich einmal mehr mit Staunen feststellte, dass die nun gut sichtbare Eichel eines Ilexx nur ein weiteres, empfindliches Wärmeorgan war. Fast schon erschien es mir zu einfach, wie schnell ich ihn in diesen Zustand versetzt hatte. Da Latex auf Haut einen ungewollten Widerstand darstellen und nur Schmerzen anstatt dem gewünschten Ergebnis erzielen würde, holte ich mir mit einem routinierten Handgriff eine großzügige Portion wasserbasierten Gels aus einem bereitstehenden Spender und verteilte es kurz zwischen meinen Fingern. Anschließend packte ich beherzt zu, um die Erektion des Ilexx gleichmäßig zu reiben.
Ein tiefes Knurren ertönte, wahrscheinlich hauptsächlich durch die Kälte des Gels hervorgerufen, und wieder wandte ich mich nach Big Reds Gesicht um. Zufrieden stellte ich fest, dass er seine spitzen Reißzähne gebleckt hatte, halb vor Wut, halb vor Erregung, und die Augen zu glühenden Schlitzen verengt waren. Auf die steten Bewegungen meiner Hand hin ließ er sich zwar verbal immer noch keine weitere Reaktion entlocken, aber seine Wärmeorgane verrieten ihn. Durch die erhöhte Durchblutung angeregt leuchteten sie heller und setzten wie bei einer Infrarotlampe überschüssige Wärmeenergie frei, die sie nicht mehr aufnehmen konnten. Ich verstärkte den Druck ein wenig und war ebenso verzückt wie auch überrascht, ein leises Keuchen von Big Red zu vernehmen. Die riesigen Klauen an seinen saurierartigen Füßen zogen sich in demselben Rhythmus immer mehr zusammen, in dem ich seinen Penis bearbeitete, ebenso wie die Spitze seines gefesselten Schwanzes zuckte. Präejakulat hatte sich zudem rascher gebildet als ich es bisher von männlichen Ilexx kannte. Er war doch nicht etwa schon gleich so weit? Nicht, nachdem ich kaum in meine Trickkiste für faule Samenspender hatte hineingreif...?
Unter einem kehligen Grollen krampfte sich Big Red mit einem Mal zusammen und ich hatte gerade noch genug Zeit, den Becher in die richtige Position zu bringen. Ein klein wenig erschrocken sorgte ich dafür, dass nichts daneben ging, während er sich füllte. Alles hatte ich erwartet, aber nicht, dass Big Red es so eilig hatte. Obwohl ich einige Praktiken kannte, die einen Orgasmus hinauszögerten, wäre ich hier eindeutig zu spät gewesen, hätte es sich nicht um reine Forschung, sondern eine sexuelle Handlung im gegenseitigen Einvernehmen gehandelt. Eine einzige Sekunde länger und ich hätte nicht nur erstens das ganze Prozedere wiederholen, sondern auch noch Putzfrau spielen müssen. Angesichts der Menge an Ejakulat, die der Ilexx zu Tage förderte, eine wahrhaft undankbare Aufgabe.
Ich wartete, bis auch der letzte Tropfen versiegt war, danach verschloss ich den Becher sorgfältig und stellte ihn kühl. Sein Inhalt vertrug sich nicht besonders gut mit Wärme. Anschließend nahm ich einige Blätter Cellulosetuch, um Spermareste und Gel vom Glied des Ilexx abzuwischen. Dass man mir dabei wieder Blicke wie Nadeln zukommen ließ, entging mir nicht. Diesmal allerdings bereiteten sie mir keine Genugtuung. Dadurch, dass er zu früh gekommen war, hatte Big Red mir einen großen Teil meines Spaßes verdorben; die Sache war ganz einfach nicht verlaufen wie geplant. Nun musste ich mir etwas Neues einfallen lassen, um das Gefühl von vollkommener Dominanz wieder zurück zu erlangen.
Energisch zog ich mir die verklebten Handschuhe von den Händen, nur, um sie gegen frische einzutauschen und dann über den Schambereich Big Reds mehr schlecht als recht das Stofftuch zu werfen. Ordentlich anziehen würde er sich später sicher auch alleine können. Was ich jetzt noch von ihm brauchte, war sein Gift und nichts weiter. Dazu benötigte ich eine spezielle Vorrichtung, bei der es sich um eine mit einer Gummimembran bespannte, flache Schale handelte. Kaum hatte ich diese in Händen, kehrte der Nervenkitzel und damit auch mein kaltes Lächeln wieder zurück. Ziel der Sache war es, dass ich den Ilexx reizte, bis er sich gezwungen sah, in die Gummimembran zu beißen und das Gift in die Schale darunter abzugeben. Ähnlich wie beim Melken von Schlangen. Und so sauer, wie er gegenwärtig auf mich war, würde ich hier leichtes Spiel mit Big Red haben.
»Wir sind fast fertig«, sagte ich beinahe schon sanft und kam seinem Gesicht näher, »Du musst nur noch einmal kurz den Mund für mich aufmachen.«
Ich drückte die flachere Kante der Schale gegen seine Lippen, darauf gefasst, dass er sofort zuschnappte. Tat er aber nicht. Sein wütender Blick richtete sich nur auf mich, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank, und wurde gleich darauf zu einem trotzigen. So gut er konnte, da er auch um den Hals gefesselt war, drehte er den Kopf weg.
Na, das hatte ich gern.
»Du willst doch wohl nicht rebellisch werden, hm?«
Mit einem manischen Grinsen, welches an das von Dr. Crown sicher nahe heran kam, packte ich den Federansatz an Big Reds Stirn und drehte sein Gesicht wieder in meine Richtung. Dabei presste ich mit Hilfe meiner Linken und der Schale seine beiden Kiefer auseinander. Irgendwie musste es doch möglich sein, den Ilexx zum Zubeißen zu bewegen.
Ich bekam einzig das Geräusch mit, mit dem sich eine Plasmakette von ihrem Ring ablöste. Wahrscheinlich handelte es sich um einen Defekt am Ring selbst, da Plasma nicht so ohne weiteres riss. Danach ging alles sehr schnell.
Aus purem Instinkt heraus ließ ich sofort alles los, was ich festhielt, und zog meine Arme zurück. Das Poltern der herabfallenden Schale ertönte und beinahe glaubte ich, es noch rechtzeitig geschafft zu haben. Aber ein scharfer, brennender Schmerz am linken Handrücken sagte mir etwas anderes. Geblendet davon taumelte ich zwei Schritte rückwärts, dann hob ich die Hand zitternd in meine Sichtweite. Angstschweiß breitete sich auf meiner Stirn aus, als ich die blutigen Löcher wahrnahm, welche meinen Handschuh zierten. Der Ilexx hatte seine Chance ebenso schnell genutzt wie ich die Gefahr erkannt hatte. Sein eigentliches Ziel war dabei zwar vielleicht sogar gewesen, mir die Hand abzubeißen, aber dass er mich mit seinem Giftzahn erwischt hatte, war schlimm genug. Blut rann nun in Sturzbächen meinen Arm hinab und ich spürte mit laut pochendem Herzen, wie er mit jeder Sekunde schwerer wurde. Heftig atmend presste ich ihn mir mit der anderen Hand gegen die Seite, dann sah ich wieder zu Big Red hinüber. Das Gift machte mir zu schaffen, doch ich konnte durch den Schleier des Schwindels hindurch klar und deutlich erkennen, zu welch einer boshaften Grimasse das Gesicht des Aliens verzerrt war. Ein Grinsen. Ein breites, zähneblitzendes Grinsen. Rings um die linke Mundhälfte konnte ich gelblich glänzende Spritzer verschmierten Giftes ausmachen. Der Ring um seinen Hals hatte sich vollständig abgelöst.
Das alles reichte aus, um mich nach Luft schnappend einige Schritte in Richtung Tür stolpern zu lassen. Das war kein ordinärer Ring-Defekt gewesen. Nein. Big Red hatte unsere Technik durchschaut und es zumindest geschafft, sie an dieser einen Stelle lahmzulegen. Dann hatte er abgewartet. Gewartet und Gift in seinen Drüsen gesammelt, bis ich ihm nahe genug kam, damit er mir eine größtmögliche Dosis verpassen konnte.
»Shit!«
Ich taumelte aus der Zelle hinaus, immer noch den Arm an meine Seite gepresst, doch zu diesem Zeitpunkt spürte ich ihn schon gar nicht mehr. Das Verriegeln der Tür war unwichtig. Stattdessen hieb ich mit der Faust auf den Alarmknopf. Danach schleppte ich mich den Gang entlang und in den Vorraum hinein. Ich musste den Arm kühlen. Kälte dämmte das Ilexx-Gift zumindest halbwegs ein.
Im Raum mit den Terrarien riss ich einfach die Abdeckung vom Schneespringergehege. Quietschend suchten die kleinen Tiere Unterschlupf in ihren Höhlen, zwei von ihnen entsprangen in den Raum hinein, doch das alles bedeutete gerade eben wenig. Mit fest zusammengebissenen Zähnen hievte ich den nutzlos gewordenen Arm in die Kälte des Terrariums. Umso erschreckender, dass ich absolut gar nichts davon spürte. Noch schlimmer: Die Lähmung begann meine Schulter hinaufzukriechen.
»Sie werden kommen«, flüsterte ich mir selber zu, fiel auf die Knie und versuchte, meine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen, »Sie werden kommen und mir helfen. Ich muss wach bleiben. Ich darf nicht ohnmächtig werden.«
Im Terrarium bildete sich eine Lache aus Blut, während ich mich dafür schalt, dass ich Big Red unterschätzt hatte. Dass wir alle ihn unterschätzt hatten. Er war ein stattlicher Jäger. Vielleicht sogar der Anführer des Jagdtrupps, der uns angegriffen hatte. Und dass man diesen Posten unter Ilexx nicht mit roher Gewalt alleine besetzten konnte, war mir nun klarer als alles je zuvor. Big Red war intelligent. Er war berechnend. Er wusste, wann er zuschlagen musste. Er war gefährlich. Und er war genau aus diesen Gründen überaus faszinierend.
Die Welt verschwamm vor mir, während sich ein schwaches Lächeln auf meinem Gesicht abzeichnete. Umbringen würde mich das Ilexx-Gift nicht. Höchstens für längere Zeit außer Gefecht setzen. Das hieß – wenn ich nicht vorher verblutete.
Bevor ich das Bewusstsein verlor, hörte ich deutlich, wie die Tür zu Zellentrakt F8 aufgerissen und laut umhergebrüllt wurde. Die orangeroten Augen Big Reds tauchten vor mir auf und mein letzter Gedanke war, dass sie ihn bitte nicht unüberlegt erschießen sollten.
