Disclaimer: Yu-Gi-Oh gehört mir natürlich nicht und ich verdiene auch kein Geld mit dieser Geschichte.

Ich hoffe, ihr mögt die erste Fanfiction, die ich selbst gut genug finde, um sie hier der Öffentlichkeit zu präsentieren. Wenn ich irgendwann Mal viel Zeit habe, dann werde ich auch versuchen, eine Englische Übersetzung zu Stande zu bekommen - falls jemand Interesse hat, das Ganze betazulesen, ob nun auf Deutsch oder sogar auf Englisch, schreibt mir einfach :-)
Wenn ich es schaffe, wird es immer zum Monatsanfang ein neues Kapitel geben, aber ich kann nichts versprechen. Jetzt aber genug gelabert, hier kommt das erste Kapitel:

Von Jungen und von Männern

Atemu hatte blutige Fingerknöchel und sein Kiefer würde die nächsten Tag über sicherlich von einem hübschen blauen Fleck gezeichnet sein, wenn ihn sein Gefühl nicht täuschte. Das war zwar unangenehm, aber andererseits sah Marik wesentlich schlimmer aus als er selbst.

Frustriert stelle Atemu fest, dass er sich immer noch nicht angemessen für einen Prinzen benahm – die Erkenntnis, dass er den jungen Adligen unansehnlich zugerichtet hatte, sollte ihn nicht trösten, sondern eher noch weiter quälen. Er hatte keine Selbstbeherrschung und erst Recht nicht so wichtige Eigenschaften wie Güte oder Rechtschaffenheit an den Tag gelegt. Und das ausgerechnet an dem Tag, an dem gefeiert werden sollte, dass er nicht länger ein Kind war.

Meister Mahado hatte ihn noch nicht zu sich gerufen, denn vermutlich war die Episode noch nicht bis zu ihm vorgedrungen, da der Magier die Ruhe seines Arbeitszimmers den lauten Feierlichkeiten zum sechzehnten Geburtstag seines Schülers vorgezogen hatte. Doch er würde sicher davon hören, und es war Atemu lieber, wenn es aus seinem eigenen Mund kam. Dann könnte er darauf hinweisen, dass er nicht gänzlich unprovoziert gehandelt hatte und überhaupt reagierte Meister Mahado nicht ganz so streng, wenn Atemu sich einsichtig zeigte.

Es war schon seit einiger Zeit dunkel und die drückende Hitze des ägyptischen Sommers hatte sich verflüchtigt, doch es war nicht ungewöhnlich, den Magier zu dieser Zeit noch in seinem Arbeitszimmer anzutreffen.

Allein die Tatsache, dass der junge Mann stehen blieb, um an den Rahmen der offenen Tür zu klopfen, würde ausreichen, um Meister Mahado zu zeigen, dass Atemu nicht nur kurz vorbeischaute, um zu fragen, ob es im Westen tatsächlich Bäume gab, an denen Edelsteine wuchsen, oder so etwas in der Art.

Wie immer, wenn er schrieb, sah Meister Mahado kurz von seiner Tätigkeit auf und stellte sicher, dass derjenige, der ihn unterbrach nicht gerade verblutete, bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwand und den Absatz beendete – bevor der Gedanke ihm entschwand, wie er es selbst erzählte. Atemu vermutete allerdings, dass es dabei weniger um Meister Mahados eigene Arbeit ging, als darum, seinen Besuchern etwas Zeit zu geben, ihre Gedanken in kohärente Sätze zu formulieren, bevor sie ihn ansprachen.

Als er dann erneut aufsah wusste Atemu, dass er die volle Aufmerksamkeit seines Lehrers hatte und es nicht viel gab, was diesen ablenken würde. Einerseits war es wunderbar, wenn man wusste, dass das eigene Gegenüber in Gedanken wirklich bei dem Gespräch und nicht irgendwo anders war, aber die dunklen Augen von Meister Mahado sahen oft auch mehr, als gut für Atemu war.

Es brauchte keine große Geste, allein die Tatsache, dass der Magier ihn direkt ansah erklärte dem jungen Mann, dass Meister Mahado jetzt Zeit für ihn hatte und er eintreten konnte.

Zwar stand auf der dem Eingang zugewandten Seite des Schreibpultes ebenfalls ein Stuhl, doch Atemu setzte sich nicht – es hatte sich über Jahre so eingespielt, dass Atemu immer vor seinem Lehrer stand, wenn er etwas ausgefressen hatte und sich eine Standpauke dafür abholen musste. Und nur weil er jetzt volljährig war, würde er daran nichts ändern wollen. Nicht nur Meister Mahado hatte ihn vieles gelehrt, sondern auch sein eigener Vater, der Pharao Aknamkanon. Eine der wichtigsten Lektionen seines Vaters war es gewesen, dass man kein guter Herrscher sein konnte, wenn niemand einem die Meinung sagte, wenn man einmal etwas falsch machte. Und da es nur wenige Leute gab, die dem Pharao die Meinung sagen würden, musste man die, die man hatte in Ehren halten, denn sie waren unersetzlich. Der Mann, der ihm als Kind den Hintern versohlt hatte, wenn Atemu sich daneben benommen hatte, würde sicherlich auch dann noch ehrlich zu ihm sein, wenn er erst einmal die Doppelkrone trug – vorausgesetzt, Atemu ruinierte die Beziehung zu ihm in der Zwischenzeit nicht.

Die Tatsache, dass Atemu sich entschlossen hatte zu stehen, quittierte Meister Mahado mit einer hochgezogenen Augenbraue, die gleichzeitig eine Aufforderung darstellte, diese Entscheidung zu erklären. Dummerweise konnte Atemu es perfekt rationalisieren, aber das machte es nicht einfacher. Indem er Meister Mahado signalisierte, dass er immer noch als sein Schüler, und nicht als Prinzregent und als Thronfolger Ägyptens hier war, würde vermutlich zur Folge haben, dass Meister Mahado auf die Geschichte, die Atemu gleich erzählen würde genau so reagierte, wie er es auch gestern noch getan hätte. So, wie Atemu es für seine Handlungen verdient hatte.

Im Nachhinein konnte der junge Mann sich wirklich nur Fragen, was ihn geritten hatte, sich so dermaßen unangemessen zu verhalten. Wie hatte er auch nur für den Bruchteil eines Herzschlags denken können, dass es eine gute Idee wäre, sich mit Marik zu prügeln, als wären sie zwei Straßenjungen?

Aber das Wissen darum, dass er sich seine Strafe verdient hatte, machte es Atemu nicht einfacher, seine Schuld Meister Mahado gegenüber einzugestehen. Er musste sich zusammen nehmen, doch er hatte genügend Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was er sagen wollte, und brachte es jetzt heraus, ohne wie ein Kind zu stottern oder den Blick nervös schweifen zu lassen.

Er hatte sich schon lange nicht mehr dermaßen gravierend daneben benommen, dass er sich mehr als eine ernste Standpauke eingehandelt hatte, aber er würde es ertragen, wie ein Mann, immerhin sollte er ab heute einer sein.

„Ich habe mich mit Marik geschlagen", brachte er ohne große Vorrede hervor. Das war vielleicht nicht ganz die richtige Beschreibung von dem, was geschehen war, aber die Details würde Meister Mahado sicherlich noch erfragen, und Atemu musste erst einmal das größte Problem hinter sich bringen, das darin bestand, es seinem Lehrer gegenüber zuzugeben.

Die Reaktion des Magiers war so unauffällig, dass ein Fremder wohl gedacht hätte, dass Meister Mahado keine Miene verzogen hatte, doch Atemu kannte ihn besser und konnte sehen, wie nach einem kurzen Moment des Unglaubens vor allem Enttäuschung im Gesicht des Magiers zu lesen war. Das war wohl zu erwarten gewesen, doch irgendwie schmerzte das Wissen, seinen Lehrer enttäuscht zu haben mehr, als eine physische Strafe es tun würde. Doch da war auch Sorge zu sehen, eine Emotion, die Atemu im Moment nicht ganz zuordnen konnte.

„Bist du verletzt worden?", erkundigte sich der Magier. Daher also die Sorge. Als könnte dieses verwöhnte Fürstensöhnchen ihm etwas anhaben – wobei natürlich das Pochen in seinem Kiefer etwas anderes besagte als der Stolz des Kronprinzen.

„Nur Kratzer, Meister", versicherte Atemu deshalb sofort. Es war nicht sein Wohlergehen, um das es hier ging, das hatte keinen Schaden genommen und nachdem das geklärt war, stellte Meister Mahado eine Frage, die eher zu dem passte, was Atemu von diesem Gespräch erwartet hatte:

„Aus welchem Grund hast du dich mit Marik geschlagen?"

Das war typisch, denn Meister Mahado wollte nie nur wissen, was Atemu angestellt hatte, sondern welche Motive ihn dazu bewegt hatten.

„Er hat Mana beleidigt, Meister", antwortete Atemu und verkniff sich die Erklärung, dass ihm inzwischen durchaus wieder eingefallen war, dass das kein guter Grund war, jemanden anzugreifen. Doch Meister Mahado kannte ihn gut genug um zu wissen, dass Atemu seine Freunde eher mit den Fäusten, oder wenn nötig mit den Schatten verteidigte, als sich in so einer Situation viele Gedanken zu machen. Er mochte Marik nicht, und als dieser ihm einen Anlass gegeben hatte, war sein Temperament mit ihm durchgegangen.

„Du warst demnach der Erste, der zugeschlagen hat?", vermutete der Magier. Natürlich hatte er Recht, denn egal wie groß die Antipathie zwischen den beiden jungen Männern war, so war Marik doch nicht wahnsinnig genug, um den Kronprinzen zu schlagen. Zumindest nicht, solange er nicht zuerst angegriffen wurde.

„Korrekt, Meister. Er hat nur einen richtigen Schlag platziert, bevor die Wachen eingegriffen haben."

Das war selbstverständlich als Nächstes passiert. Eine Feier im königlichen Palast lief niemals ohne die Anwesenheit der Palastwache ab, und diese konnten natürlich nicht tatenlos zusehen, wie der Kronprinz geschlagen wurde, selbst dann nicht, wenn er die Schlägerei angefangen hatte.

„Er hat geredet, du hast ihn geschlagen, er dich und dann haben die Wachen euch getrennt. Was das alles, oder gibt es da noch mehr zu berichten?", wollte Meister Mahado erfahren.

Auf den Teil, der jetzt kam, war Atemu wirklich nicht stolz und obwohl er sich vorgenommen hatte, sich nicht länger wie ein Kind zu benehmen konnte er nicht anders, als den nächsten Teil dem Boden des Schreibpultes statt dem Mann dahinter zu sagen.

„Die Wachen haben ihn festgehalten und ich habe weiter zugeschlagen. Acht Mal, denke ich, an empfindliche Stellen, bis Mana dazwischen gegangen ist", gestand er, wobei er gegen Ende leiser wurde.

„In welchem Zustand sind Mana und Lord Marik jetzt?", fragte Meister Mahado mit emotionsloser Stimme, die aussagte, dass in seinem Inneren gerade einiges vorging.

„Mana geht es gut, sie hat die anderen Gäste beruhigt und feiert wohl immer noch die Reste einer Feier, die sonst niemand mehr für noch zu retten hält. Marik ist von den Wachen in Gewahrsam genommen worden. Ich denke, ich habe seine Nase gebrochen, aber er ist nicht lebensgefährlich verletzt und wird morgen nach Hause geschickt."

Die kurze Pause, in der Meister Mahado ihm keine weitere Frage stellte signalisierte Atemu, dass der Magier sich ausreichend über den Verlauf der Ereignisse informiert fühlte. Wenn er noch etwas hinzufügen wollte, müsste er es jetzt tun. Da er den Mund hielt, ging sein Lehrer zum nächsten Teil der Befragung über.

„Dir ist bewusst, dass dein Verhalten unangemessen war. Kannst du mir sagen, weshalb?"

„Weil man keine anderen Menschen schlägt?", versuchte Atemu es. In seinem Kopf war es eine Feststellung gewesen und doch war es irgendwie als Frage aus seinem Mund gekommen. Er brauchte Meister gar nicht anzusehen, um zu wissen, dass diese Antwort nicht zufrieden stellend war. Aber er wartete trotzdem ab, was sein Lehrer sagen würde, bevor er es erneut versuchte. Er hatte mit einer Nachfrage, die ihn auf die richtige Antwort stoßen sollte, oder einem kühlen Versuch das noch einmal gerechnet.

„Du bist der Prinzregent, Atemu. Wer außer dem Pharao sollte dir verbieten, zu schlagen, wen immer du nicht leiden kannst?"

Das war so unerwartet, dass Atemu überrascht aufsah. Es passte nicht zu seinem Lehrer, so etwas zu sagen, Meister Mahado sollte ihm doch einschärfen, dass er eben nicht alles tun konnte, was er wollte.

„Du, natürlich!", platzte er ohne allzu viel Nachzudenken hervor. Für Atemu war es selbstverständlich, dass Meister Mahado ihm Vorschriften machen konnte, immerhin war der Magier schon sein ganzes Leben lang sein Lehrer gewesen.

Doch Meister Mahado schüttelte verneinend den Kopf.

„Der Erzmagier, selbst wenn er Berater des Pharaos ist, steht zweifelsfrei unter dem Prinzregenten", erinnerte Meister Mahado an eine Tatsache der ägyptischen Hierarchie, die Atemu durchaus bekannt war.

„Ja, aber, Meister...", begann der Jüngere und schloss dann den Mund, als er bemerkte, dass kein sinnvoller Satz dabei heraus kam. Geduldig wartete Meister Mahado ab, bis er es schließlich geschafft hatte, seine Gefühle in Worte zu fassen:

„Wir reden doch nicht von irgendeinem hypothetischen Erzmagier, sondern von dir, Meister Mahado."

„Das stimmt, wir sprechen von dir und mir und von der Tatsache, dass du dich aus freiem Willen entschieden hast, hierher zu kommen, und mir Rechenschaft abzulegen. Ich handle demnach innerhalb der Rechte, die du mir gewährt hast."

Das allein hätte ausgereicht, um Atemu sprachlos zu machen, doch Meister Mahado war noch nicht fertig.

„Du könntest jederzeit gehen. Ich gehe davon aus, dass dein Vater dir ein paar Takte erzählen würde, aber so wie ich ihn kenne, wird er dich nicht zwingen, gegen deinen Willen zu mir zu kommen, egal in welcher Angelegenheit."
Atemu hätte das selbst anders eingeschätzt, doch Meister Mahado kannte den Pharao schon länger, als dessen Sohn lebte und Atemu hatte noch nie erlebt, dass sein Lehrer die Reaktionen seines Vaters falsch vorhergesagt hatte.

Da es offensichtlich war, dass Atemu so weit nicht gedacht hatte, als er hergekommen war, gab Meister Mahado ihm einen Moment Zeit sich zu entscheiden, ob er bleiben wollte. Doch das war für den Prinzen nicht wirklich eine Frage, natürlich würde er bleiben. Jetzt zu gehen wäre vermutlich noch schlimmer, als sich mit Marik zu schlagen.

Als Kind hätte Atemu es lieber vermieden, Meister Mahado daran zu erinnern, warum er eigentlich hier war, doch er war jetzt erwachsen und würde sich den Konsequenzen seiner Handlungen stellen, also machte er seine Entscheidung deutlich, indem er versuchte, der richtigen Antwort auf die Frage von vorhin auf die Spur zu kommen. Leider fiel ihm nichts anderes ein, als das, was er schon gesagt hatte, nämlich dass es grundsätzlich falsch war, andere Menschen zu schlagen.

„Wenn es unter Umständen in Ordnung ist, Menschen zu schlagen, dann waren die Umstände das, was mein Verhalten unangemessen macht", schlug er vor.

Meister Mahado nickte und setzte die Fragerei fort:
„Unter welchen Umständen wäre es angemessen, mit Gewalt zu reagieren?"

Das war eine wesentlich generellere Frage, die sich nicht nur auf ein paar Faustschläge, sondern auch auf den Einsatz der Schatten oder eben der Palastwache, wenn nicht sogar einer Armee bezog.

„Um die Hilflosen und Schwachen zu beschützen", erklärte Atemu im Brustton der Überzeugung. Die Unterhaltung darüber, ob und wann es gerechtfertigt sein könnte, Krieg zu führen, hatten sie schon lange und ausführlich geführt und auch über Exekutionen hatte sein Vater vor nicht allzu langer Zeit mit ihm gesprochen.

Meister Mahado nickte zustimmend.

„Ich denke wir sind uns einig, dass es einer Art akustischem Suizid nahe käme, Mana in ihrer Hörweite als hilflos zu bezeichnen. Aber nehmen wir an, es wäre nicht Mana gewesen, sondern jemand anderes, den Lord Marik beleidigt hätte. Wie würdest du dein Handeln dann bewerten?"

Atemu hasste es, wenn ihm das passierte. Meister Mahado hatte ihm gerade Recht gegeben und gleichzeitig darauf hingewiesen, dass noch mehr dahinter steckte, als dem Prinzen klar gewesen war.

„Es wäre immer noch falsch, Meister, unangemessen hart. Es waren nur Worte und nicht einmal die Sorte, die wirklich tief schneidet. Ich hätte von ihm verlangen sollen, es zurück zu nehmen und sich bei seinem Opfer zu entschuldigen."

Er erntete erneut ein Nicken und offensichtlich nährten sie sich langsam aber sicher dem Ende von dem, was er sich fragen sollte. Doch noch war Meister Mahado nicht ganz fertig mit ihm.

„Das wäre wesentlich angemessener gewesen.

Sind dir die Konsequenzen bewusst, die deine Handgreiflichkeit mit Marik haben wird?"

Verdammt. Wenn Meister Mahado so etwas fragte, dann hatte Atemu noch etwas Wichtiges übersehen, und dabei schämte er sich jetzt schon deutlich dafür, dass er sich nicht zusammen gerissen hatte.

„Nein, Meister", musste er zugeben und sah erneut nach unten. Meister Mahado würde ihn sicherlich gleich darauf stoßen, was er vergessen hatte, doch eigentlich sollte er das inzwischen selbst wissen. Er sollte gelernt haben, über die Konsequenzen seiner Handlungen nachzudenken, statt einfach das Erste zu tun, was ihm in den Sinn kam.

„Wo wirst du in... sagen wir, zwanzig Jahren sein?"

Das war die Frage, die ihn erkennen lassen sollte, was er ausgelöst hatte. Das ergab noch keinen Sinn für den jungen Mann und so erwiderte Atemu:

„Hier, vermutlich?"

Nicht gerade ein Geistesblitz und er wusste genau, dass Meister Mahado seine wenig ausgefeilten Humor in dieser Situation nicht zu schätzen wissen würde.

Offensichtlich fand der Magier die Antwort nicht nur wenig amüsant, sondern regelrecht enttäuschend, denn er sackte ein klein wenig aus seiner kerzengeraden Position zusammen, wie Atemu es kaum je gesehen hatte und sprach leise, als er fortfuhr.

„Wenn ich das zu entscheiden hätte, dann würde dein Vater hundertfünfzig Jahre leben, aber die Götter fragen mich nicht um Rat, Atemu. Eines Tages wirst du Pharao sein, wie du sehr wohl weißt. Ich bete dafür, dass dieser Tag noch fern ist, aber er wird kommen.

Lord Marik wird dann aller Wahrscheinlichkeit nach Gaufürst von Iqer sein. Du könntest dich dazu entscheiden, ihn aus dem Amt zu nehmen oder ihm den Gau gar nicht erst anzuvertrauen, doch einen neuen Herrscher einzusetzen würde sowohl dich als auch denjenigen, dem du den Ort übergibst eine Menge Arbeit und Gold kosten, zwei Dinge, die vielleicht andernorts dringender gebraucht würden.

Entschließt du dich also, Lord Marik als Herrn von Dendera zu belassen, dann wirst du diplomatisch mit ihm zu tun haben. Diplomatie mit jemandem, den man nicht mag, kann schwierig sein, aber wenn man jemandem gegenüber steht, den man sich zum Feind gemacht hat, dann wird es noch wesentlich unangenehmer.

Noch hast du allerdings Zeit, dein Verhältnis zu ihm wieder zu verbessern, und ich würde dir raten, das zu versuchen, um dir selbst das Leben in der Zukunft nicht unnötig schwer zu machen."

Meister Mahado musste von dem Gedanken wirklich bedrückt sein, denn er hatte all das einfach erzählt. Normalerweise würde er nicht aufhören, Atemu mehr oder weniger offensichtliche Dinge zu fragen, bis dieser endlich verstanden hatte, was er verstehen musste und es selbst gesagt hatte.

„Ich bitte um Verzeihung, Meister", versuchte Atemu es kleinlaut.

„Du hast Mariks Nase gebrochen, nicht meine, deshalb musst du auch nicht mich um Verzeihung bitten."

Es war schwierig, aber Atemu stellte fest, dass es nicht so schwer war, wie der erste Satz, den er sagen musste. Bisher hatte er seinen eigenen Gefühlen nachgegeben und es immer ignoriert, so getan, als wäre Meister Mahado tatsächlich nicht involviert. Aber das stimmte nicht ganz.

„Ich habe nicht um Verzeihung gebeten, weil ich dir die Nase gebrochen habe. Ich habe die Beherrschung verloren und mich daneben benommen, obwohl du mir besseres beigebracht hast. Ich habe dich enttäuscht, Meister."

Nun war Meister Mahado an der Reihe, überrascht auszusehen. Ganz offensichtlich hatte er nicht erwartet, diese Worte von Atemu zu hören. Er sah seinen Schützling einen Moment lang prüfend an, bevor er feststellte:
„Ich war der Meinung, dass der sechzehnte Geburtstag nicht so viel bedeutet, wie gerne behauptet wird. Der eine Tag Unterschied zwischen gestern und heute sollte so viel nicht ändern, aber offenbar habe ich mich geirrt. Du bist tatsächlich erwachsen geworden."

In Atemus Augen machte das die Sache eigentlich nur noch schlimmer. Einem Kind konnte man einige Dummheiten verzeihen, aber ein erwachsener Mann sollte so etwas nicht tun. Offenbar sah sein Lehrer das allerdings anders.

„Nach der Schlägerei kann ich dir kaum sagen, dass ich stolz auf dich bin, aber vielleicht hat gerade das dir ja dabei geholfen? Aus den eigenen Fehlern lernt man doch immer noch am meisten."

Atemu wusste, dass das Gespräch über seine Verfehlung jetzt beendet war. Früher hatte er Angst davor gehabt, was noch kam, wenn er sich schlimm genug benommen hatte, doch jetzt war ihm der körperliche Schmerz wesentlich weniger unangenehm als das Wissen, seinen Meister enttäuscht zu haben – denn trotz der schönen Worte hatte dieser das nicht geleugnet. Er wollte es lieber schnell hinter sich bringen, statt die Angelegenheit noch ewig hinaus zu zögern und fragte deshalb so leichthin, wie er konnte:

„Und wie viel habe ich mir eingehandelt?"

„Wie bitte?"

Wie bitte? Atemu hatte nicht genuschelt, und es war auch nicht laut im Arbeitszimmer des Magiers.

„Meister Mahado, ich habe heute vielleicht schlechtes Urteilsvermögen bewiesen, aber ich weiß zumindest, wann ich es geschafft habe, mir deine Rute zu verdienen", stellte er trotzdem klar.

Wieso genau überraschte diese Aussage Meister Mahado so sehr? Es war zwar schon ein paar Jahre her, dass er es das letzte Mal geschafft hatte, aber selbst als er noch wirklich klein war, hatte Atemu immer gewusst, wann er diese Grenze überschritten hatte.

„Atemu, du hast mein Wort darauf, dass ich dich immer ausschimpfen und zurechtweisen werde, solange zu mich dazu brauchst und es mir gestattest, aber ich werde ganz sicher nicht die Hand gegen den Prinzregenten erheben!", verkündete Meister Mahado, der für sein sonst so ruhiges Gemüt ungewöhnlich aufgebracht war.

„Warum nicht? Früher hattest du kein Problem damit", erwiderte Atemu.

„Ich war dein Lehrer und du ein Kind, das sich geweigert hatte, auf andere Art zu lernen. Einerseits bist du jetzt ein erwachsener Mann, dem man die Dinge mit logischen Worten vermitteln kann und noch dazu bin ich dir zum Gehorsam verpflichtet, mein Prinz", erklärte Meister Mahado sachlich. Das klang ganz plausibel, aber dummerweise wusste Atemu genau, dass er sich seine Strafe verdient hatte, und wenn er sie nicht bekam, würde er vermutlich eine ganze Weile nicht ruhig schlafen können. Wenn sein Lehrer sie ihm nicht gab, dann würde er zu seinem Vater gehen müssen. Und bevor er diese Alternative wählte, würde er lieber noch eine Weile versuchen, Meister Mahado zu überzeugen.

Er überlegte einen Moment und stellte dann fest, dass er das Argument, das er brauchte, gerade erst auf dem Silbertablett serviert bekommen hatte.

„Du hast vorhin gesagt, du handelst innerhalb der Rechte, die ich dir gegeben habe."

Er konnte sehen, dass Meister Mahado genau wusste, worauf er hinaus wollte, aber er sagte es trotzdem.

„Einerseits tut die Tatsache, dass ich verstanden habe, was ich falsch gemacht habe, für die Bestrafung nicht wirklich etwas zur Sache. Und andererseits gebe ich dir hiermit offiziell das Recht, mich zu versohlen, wenn ich es verdient habe."

„Das war gerade ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie man etwas inoffiziell tut, Atemu", korrigierte Meister Mahado, doch Atemu nickte nur, da er ganz genau wusste, dass es seinem Lehrer zwar zur zweiten Natur geworden war, ihn bei solchen Fehlern zu korrigieren, aber im Grunde hatte er es gerade nur getan, um etwas zu sagen, während er noch über die Antwort auf diesen Schachzug Atemus nachdachte.

Und nach langen Jahren, in denen es umgekehrt gewesen war, konnte er endlich einmal darauf warten, dass Meister Mahado sich entschieden hatte, was er sagen wollte.

„Du hättest es mir befehlen können", stellte dieser nach einer Weile fest.

„Du hast mir den Unterschied zwischen können und dürfen oft genug erklärt, und jetzt verwechselst du die beiden selbst? Ich hätte vielleicht das Recht dazu, es dir zu befehlen, aber das kann ich nicht tun, Meister. Es gibt einen guten Grund dafür, dass ich nicht aufgehört habe, dich Meister zu nennen, und dagegen hast du auch nicht protestiert. Ich bin vielleicht erwachsener, als ich es gestern war, aber ich brauche dich als meinen Meister. Du hast doch gerade eben noch demonstriert, dass ich selbst nicht in der Lage bin, die Konsequenzen meiner Handlungen vollständig zu durchdenken.

Und bevor du mir jetzt vorschlägst, dass mein Vater meine Bestrafung übernehmen könnte: Ich bin vielleicht erwachsen genug um einzusehen, dass ich es mir verdient habe, aber wenn ich die Wahl habe, bis morgen Abend nicht sitzen zu können, oder die ganze nächste Woche, dann weiß ich genau, wofür ich mich entscheide."

Meister Mahado war immer noch still und Atemu wusste, dass er dabei war, eine Entscheidung zu treffen. Vermutlich war es jetzt zu spät, noch etwas am Ausgang des Gedankengangs zu ändern, der bereits begonnen hatte, doch eine Sache musste Atemu doch noch hinzu fügen.

„Zwing mich nicht, dich darum zu bitten."
Das allein war schon eine Bitte, aber noch nicht die, die ihm wirklich im Hals stecken bleiben würde.

„Dreißig", verkündete Meister Mahado. Nachdem er sich entschieden hatte, verlor er keine Zeit mehr, sondern ging gleich zum Wesentlichen über.

Atemu allerdings fragte sich gerade, wieso er nur darauf bestanden hatte. Er hätte mit einer Standpauke hier heraus gehen können, und jetzt bekam er:
„Dreißig?"

Nicht direkt ungläubig, aber doch ziemlich erschrocken echote Atemu die Zahl, die er gerade gehört hatte. Er hatte noch nie so viele Hiebe auf einmal von Meister Mahado kassiert. Einmal waren es zwanzig gewesen, und das war, als er seinen Cousin Seto durch seine Gedankenlosigkeit in Lebensgefahr gebracht hatte.

Scheinbar gelassen hatte Meister Mahado eine Rute hervor geholt. Wäre Atemu nicht so schockiert über die Zahl, dann wäre ihm in den Sinn gekommen, dass Meister Mahado zwar gelassen aussah, es aber sicher nicht war. Und dass er genauso aussah, wie schon damals, als Atemu noch ein Kind gewesen war. Statt zu schließen, dass Meister Mahado selbst damals seine Schwierigkeiten damit gehabt haben könnte, ihn zu züchtigen, sandte Atemu eine stumme Bitte an Isis, ihm Gnade zu erweisen.

„Wieso verdiene ich dreißig?", wollte er wissen, dabei hatte er sich doch vorgenommen, das Ganze nicht unnötig in die Länge zu ziehen.

„Du hast mir innerhalb unseres Gespräches gerade zweimal bewiesen, dass du kein Kind mehr bist, und dich trotzdem wie eines benommen, indem du dich mit Lord Marik geschlagen hast.

Wenn du möchtest, dann nimm deine Einwilligung hierzu zurück, Atemu. Ansonsten zieh die Tunika hoch und beug dich über mein Schreibpult", verlangte der Magier.

Offensichtlich hatte er sich zu früh gefreut, als er behauptet hatte, dass er morgen Abend schon wieder ohne Probleme sitzen können würde, wenn die Strafe von seinem Lehrer und nicht von seinem Vater kam.

Mit einiger Überwindung schaffte er es, der Aufforderung folge zu leisten und Meister Mahado seinen blanken Hintern darzubieten. Wie schon als Kind nahm er sich vor, auf keinen Fall irgendwelche Anzeichen von Schmerz zu äußern. Doch Meister Mahado machte seine Sache nicht halbherzig und nach acht Schlägen war es mit der verbissenen Stille vorbei. Atemu stöhnte schmerzverzerrt auf.

Er hatte ganz vergessen, wie schmerzhaft die ganze Prozedur tatsächlich war und sein Kiefer war im Vergleich dazu relativ harmlos.

Nach fünfundzwanzig Hieben konnte Atemu sich überhaupt nicht mehr zusammen reißen und begann zu weinen. Schmerzen und Scham waren keine gute Kombination, aber die Tränen waren ihm nur ein bisschen peinlich. Vor Meister Mahado konnte er damit ehrlich sein, der würde sie nicht als Zeichen von Schwäche werten, die er ausnutzen musste, oder so etwas in der Art, wie es viele andere Menschen getan hätten.

Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, doch objektiv betrachtet dauerte es nicht lange, bis Meister Mahado fertig mit der Bestrafung war, und die Rute weglegte und Atemus Kleidung richtete, bevor der den jungen Mann tröstend über den Rücken strich, bis dessen Tränen versiegt waren.

„Hier", sagte Meister Mahado und gab Atemu ein Taschentuch.

„Wisch dir die Tränen ab, die soll nun wirklich nicht jeder zu Gesicht bekommen. Und dann gehen wir zum Familienflügel. Ich denke, du brauchst jetzt deinen Vater, und ich muss etwas mit dem Pharao besprechen."

Die Unterscheidung, die er machte, kannte Atemu nur zu gut. Sein Vater, oder auch Aknamkanon, war ein guter Freund von Meister Mahado, mit dem er ein nettes Gespräch führen und über private Dinge reden konnte. Der Pharao war der Herrscher von Ober- und Unterägypten, den der Magier um diese Zeit nur mit einem guten Grund stören würde.

„Ich habe dich von etwas Wichtigem abgehalten, nicht wahr?", wollte Atemu wissen.

„Wichtig schon, aber nicht so wichtig, wie mich um dich zu kümmern", erwiderte Meister Mahado gelassen. Atemu fragte nicht weiter nach. Sein Vater würde ihn ab jetzt nach und nach in die Staatsangelegenheiten mit einbeziehen, aber Meister Mahado wollte offenbar jetzt gerade nicht sagen, worum es sich dabei handelte, und damit war es noch nicht Atemus Problem.

Es war nicht weit, da die wichtigsten Berater des Pharaos, zu denen Meister Mahado eindeutig gehörte, ihre Räume dicht bei denen der königlichen Familie hatten, die zur Zeit nur aus Vater und Sohn bestand, und so gingen die beiden nicht lange schweigend nebeneinander, bis sie vor der Tür der Familienräume standen.

Und von dort hörten sie einen Schrei. Atemu erkannte die Stimme seines Vaters, und den brachte nichts so leicht aus der Ruhe, geschweige denn zum Schreien.

„Ra stehe uns bei!", fluchte er und stürmte den Wachen hinterher, die dem Schrei ihres Herrn folgten. Meister Mahado folgte kurz dahinter, da er sich noch die Zeit genommen hatte, die Schatten zu sich zu rufen, um ihnen jederzeit Befehle erteilen zu können.