Die Show war ein voller Erfolg. Die Fans tobten vor Begeisterung, und sie mussten drei Zugaben spielen, bis sie sich guten Gewissens zurückziehen konnten.

Bill war fix und fertig, seine Kleidung war schweißdurchtränkt und er sehnte sich nach einer heißen Dusche und nach seinem Bett. Beides würde noch ein wenig warten müssen, denn ein gutes Konzert allein reichte nicht, um die Fans voll und ganz zufrieden zu stellen. Autogramme und Fotos waren ebenso fester Bestandteil, auch wenn Bill sich nach den Shows nur selten fotogen fühlte. Den Fans war das zum Glück herzlich egal, sie liebten ihn immer, ganz gleich wie schrecklich er auch aussah.

Begleitet von der Security traten die Jungs an den Zaun, gegen den sich massenhaft kreischende Mädchen drückten. Bill fand es immer wieder beeindruckend, welche Lasten sie auf sich nahmen, nur um ihnen so nahe wie möglich zu sein. Er zog einen Edding aus der Hosentasche und machte sich daran, die zahllosen Alben, Poster, Shirts und andere Fanartikel zu signieren, die sich ihm entgegenstreckten.

„Bill!", schrie ihm ein Mädchen schrill ins Ohr. „Bill, ich liebe dich! Bleib hier, geh nicht weg!"

Bill lächelte das Mädchen freundlich an, sagte aber nichts. Er hatte gelernt, dass es besser war den Mund zu halten, denn die Fans legten jedes Wort auf die Goldwaage und gaben sich den skurrilsten Interpretationen hin. Liebesgeständnisse gehörten zu Bills Alltag wie die Frage nach dem Befinden, er reagierte darauf höflich, aber stets so knapp wie möglich.

Durch den Zaun streckte sich ihm eine Hand mit einem Fotoapparat entgegen.

„Darf ich ein Foto mit dir machen?", fragte die Besitzerin und lächelte ihn scheu an. Sie sprach mit starkem, südländischem Akzent, daher vermutete Bill, dass sie aus Spanien oder Italien kam.

„Ja, klar."

Er beugte sich hinunter und lächelte in die Kamera. Dann betrachtete er das Mädchen genauer. Sie war hübsch, hatte lange schwarze Locken, braune Augen und volle, rosige Lippen. Als sie bemerkte, dass sein Blick auf ihr ruhte, schoss ihr das Blut in den Kopf.

„Ähm…Danke", sagte sie hastig und verschwand in der Menge.

Bill seufzte leise und unterschrieb ein weiteres Album. So lief es jedes Mal ab. Erst flippten die Mädchen völlig aus, und dann wurden sie so verlegen, dass sie keinen Ton mehr herausbrachten und das Weite suchten. Wie sollte er da die Eine finden…?

Nach weiteren zehn Minuten wandten sie sich zum Gehen. Bill versuchte, die enttäuschten Schreie der Fans, die zu kurz gekommen waren, zu ignorieren. Es frustrierte ihn, dass er nie alle zufrieden stellen konnte, obwohl er wusste, dass es nicht seine Schuld war. Es war unmöglich, jedem ein Autogramm zu geben, zumindest nach Konzerten. Selbst bei den Autogrammstunden herrschte meist ein so gewaltiger Andrang, dass nicht alle auf ihre Kosten kamen. Das war schade, aber einfach nicht zu ändern.

Im Bus angekommen ging Bill schnurstracks in den Schlafbereich, ließ sich aufs Bett fallen und schloss mit einem tiefen Seufzer die Augen. So sehr er seine Band und das damit verbundene Leben auch liebte, er konnte nicht leugnen, dass die große Anstrengung an ihm zehrte. Eine Solokarriere wäre für ihn undenkbar gewesen; er brauchte die anderen um sich herum, den Austausch und die gegenseitige Unterstützung.

Nach einigen Minuten erhob er sich wieder, ging ins Bad und nahm die ersehnte Dusche. Er sah zu, wie der aufgelöste Kajal und die Mascara sich mit dem Wasser vermischten und wie Tinte an seinem Körper hinunterliefen. Schließlich drehte er den Hahn zu, trocknete seine Haare mit einem Handtuch, streifte Boxershorts und ein T-Shirt über und ging zurück ins Bett. Er hörte, wie die anderen sich weiter vorne unterhielten, fand aber nicht den Elan, noch einmal aufzustehen. Sie würden früher oder später kommen, und wenn er noch nicht eingeschlafen war, konnten sie sich immer noch unterhalten…

Bill schreckte aus dem Halbschlaf hoch, als plötzlich Licht aufflammte und ihn unangenehm blendete. Er blinzelte und erkannte seinen Bruder, der seine Reisetasche auf sein Bett gestellt hatte und darin herumwühlte.

„Tom, du Idiot", stöhnte Bill. „Weißt du, wie spät es ist?!"

Tom drehte sich halb zu ihm um und grinste ihn über die Schulter an.

„Viertel nach elf, Bruderherz. Pennst du schon, oder was?"

„Ich war gerade dabei. Was machst du hier?"

Der Blonde verzog das Gesicht.

„Darf ich nicht hier sein?"

„Nicht, wenn du mich aufweckst!"

Toms Grinsen wurde breiter. Er ließ von seiner Tasche ab und wandte sich nun ganz seinem Bruder zu.

„Jetzt sei mal nicht so angepisst, war doch keine Absicht."

„Schon klar. Wo sind Georg und Gustav?"

„Irgendwo draußen. Hoffen wahrscheinlich, noch ein paar Fans zu treffen. Andererseits, warum sollten die noch hier sein, jetzt, wo ich nicht mehr da bin?"

Bill boxte ihn gegen die Schulter.

„Niemand hat so eine hohe Meinung von dir wie du selbst- naja, von mir mal abgesehen."

„Ich bin dein großer Bruder, du musst mich respektieren."

Bill zog die Augenbrauen hoch.

„Ach, muss ich das, ja?"

Tom packte seine Handgelenke und drückte sie rechts und links von Bills Kopf ins Kissen. Die Blicke aus den zwei rehbraunen Augenpaaren trafen sich.

„Ja, das musst du."

Toms Gesicht war Bills mittlerweile so nah, dass dieser den Atem seines Bruders auf seinem Gesicht spüren konnte. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper. Tom liebte und vertraute er mehr als jedem anderen Menschen auf der Welt.

„Hast du mir eben zugehört?", fragte Tom leise.

Bill runzelte die Stirn.

„Ich denke schon, wieso?"

„Naja, ich habe gesagt, Georg und Gustav sind draußen. Also, was heißt das?"

„Keine Ahnung, worauf willst du hinaus?"

„Darauf, dass wir den Bus für uns alleine haben?"

„Und?"

Statt einer Antwort schob Tom seinen Bruder ein Stück zur Seite und legte sich neben ihn. Dann wandte er den Kopf nach rechts und sah Bill tief in die Augen.

„Ich sehe es dir an", sagte er leise. „Bei jedem Konzert guckst du die ganzen Mädchen an, es sieht so aus, als würdest du jemanden suchen. Du weißt, du kannst mich nicht verarschen. Dir fehlt eine Freundin, Bill. Du hast Sehnsucht nach Liebe."

Bill schluckte. Toms Worte trafen ihn mitten ins Herz, weil sie absolut der Wahrheit entsprachen. Er versuchte in der Regel, nicht über den leeren Platz an seiner Seite nachzudenken, doch in letzter Zeit verfolgte ihn die Tatsache, dass er nicht verliebt war, wie ein langer, schwerer Schatten, der immer an ihm haften blieb, egal wie viel Licht es gab.

„Hey", sagte Tom sanft und verschränkte seine Finger mit Bills. „Mach dir da keinen Kopf drüber. Du wirst deine Prinzessin schon finden. Du bist ja nicht so wie ich; meine Liste von Frauen würde wahrscheinlich schon um die halbe Welt reichen."

Bill lachte trocken.

„Selbst wenn ich so wäre wie du, würde ich mich trotzdem einsam fühlen. Es ist so komisch, überall sind Menschen, die von uns begeistert sind und Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um zu den Konzerten zu kommen, und ich stehe mittendrin und komme mir ganz alleine vor."

„Ich versteh dich. Sehr gut sogar."

„Ich weiß, und ich bin froh darüber. Was würde ich machen, wenn du nicht da wärst, Tom?"

„Mach dir da mal keine Sorgen. Ich werde immer da sein."

Und dann legte Tom eine Hand in Bills Nacken, zog ihn zu sich heran und küsste ihn.

Bill war so überrascht und schockiert, dass er wie gelähmt dalag und Toms warme, weiche Lippen auf seinen spürte. Es wäre ein wunderschöner Kuss gewesen, wäre Bill sich nicht voll und ganz darüber im Klaren gewesen, dass es sein Bruder war, der ihm so nahe war.

„Tom…nicht…", murmelte er und schob seinen Zwilling von sich. Dieser schaute ihn pikiert und belustigt zugleich an.

„Was ist? Warum bist du so verklemmt?"

„Tom, wir sind-…"

„Geschwister? Brüder? Zwillinge? Ja, ganz genau. Wir wissen alles voneinander, und weil ich im Prinzip alles fühle, was du fühlst, versuche ich nach Möglichkeit, dir zu helfen."

„Helfen? Indem du mich küsst?"

„Ja. Dir fehlt Liebe, und die kann ich dir geben."

„Ich weiß nicht, ob-…"

„Ach komm. Wir bleiben doch die, die wir sind. Bill und Tom Kaulitz. Ein Herz und eine Seele."

Tom näherte sich seinem Bruder ein weiteres Mal, und diesmal entspannte Bill sich und erwiderte den Kuss seines Zwillings zaghaft.

Es war viel besser, als Bill sich je hätte vorstellen können. Vielleicht lag es an der unvergleichlichen Verbindung, die zwischen Tom und ihm bestand oder einfach daran, dass es schon viel zu lange her war, seit er zuletzt jemanden geküsst hatte. Als er sich auf die Lippen seines Bruders einließ fühlte es sich an, als würde ein Feuerwerk in seinem Magen explodieren, dessen Hitze sich in Sekundenschnelle durch seine Adern fraß und seinen gesamten Körper mit heißem Verlangen füllte. Bill griff in Toms üppige Rastalocken und zog ihn so nahe wie nur möglich an sich heran. Es dauerte nicht lange, bis der Blonde seine Lippen öffnete und die Zungen der Zwillinge einen leidenschaftlichen Ringkampf begannen, den Tom überdeutlich für sich entschied.

Als sie sich schließlich schwer atmend voneinander lösten, brauchte Bill einige Sekunden um zu verstehen, was gerade passiert war. Er lag tatsächlich mit Tom im Bett und küsste ihn mit einer Leidenschaft, die für kein Geschwisterpaar der Welt, nicht einmal für sie beide, normal sein konnte.

„Alles okay?", fragte Tom und strich seinem Zwilling eine schwarze Haarsträhne aus der schweißglitzernden Stirn.

Bill verzog das Gesicht.

„Oh, klar, alles super, außer dass ich gerade mit meinem Bruder rumgeknutscht habe ist alles bestens."

Tom bemerkte den deutlichen Sarkasmus und seufzte theatralisch.

„Jetzt chill doch mal. Mann, Bill, es war nur ein Kuss, okay? Hätte ich gewusst, dass du direkt so ausrastest…"

„Natürlich raste ich aus, das ist doch nicht mehr normal!"

„Na und? Seit wann sind wir denn normal? Wen interessiert es, ob irgendetwas angemessen ist, solange es Spaß macht?"

Bill blinzelte irritiert.

„Warte…es hat dir Spaß gemacht?"

Tom zuckte die Schultern und verzog keine Miene.

„Ja, wieso?"

Bill rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht und stöhnte.

„Oh Gott, Tom, du machst mich wahnsinnig!"

Der Blonde grinste.

„Ich weiß."

Bill warf ihm durch die gespreizten Finger einen funkelnden Blick zu.

„Und jetzt, Schlaukopf?"

„Jetzt", sagte Tom, stand auf und schnappte sich ein Handtuch und Shampoo aus seiner Reisetasche, „geh ich duschen. Bis gleich, Bruderherz."

Tom verließ den Raum und knipste beim Rausgehen mit einem vielsagenden Blick auf Bill das Licht aus. Dieser blieb vollkommen aufgewühlt und irritiert in der Dunkelheit zurück.