Kapitel 2 - 1991 / Part II

November 1991

Severus Snapes Hoffnung, von seiner Aufpasserrolle entbunden zu werden, war endgültig verflogen, nachdem sich Potter und seine Freunde am Halloween-Abend mit einem ausgewachsenen geifernden Troll in einer Toilette verschanzt hatten. Kurz nach Mitternacht teilte ihm ein Porträt in seinem Wohnraum mit, dass ihn der Schulleiter zu sprechen wünsche. Snape starrte ungläubig auf die alte Wanduhr, bevor er seinen Zauberstab ergriff und die Wendeltreppe emporeilte.

Dumbledore schritt in seinem Büro auf und ab, die Hände hinter dem Rücken gefaltet. „Der Stein ist nicht sicher. Wir müssen die Schutzmaßnahmen verstärken."

Snape nickte. „Ich gehe davon aus, dass der Troll als Ablenkungsmanöver gedacht war. Aber von wem? Wie ist er ins Schloss gelangt?"

„Das versuchen Minerva und Filius gerade herauszufinden. Ein Troll dieser Größe manifestiert sich nicht aus dem Nichts."

„Quirrell schlich im 3. Stock herum, als alle anderen Kollegen den Kerker durchkämmten."

Dumbledore runzelte die Stirn. „Vielleicht wollte auch er sich nur vergewissern, dass niemand die Situation ausnutzt."

„Vielleicht", sagte Snape. Er wusste, dass Dumbledore keine bloßen Verdächtigungen gelten ließ. Aber er nahm sich vor, den Verteidigungslehrer in den nächsten Tagen im Blick zu behalten.

„Ich möchte Sie bitten, ab morgen weitere Tränke zu brauen, die den Stein schützen und auch Harry und seinem unmittelbaren Umfeld noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken, bis wir die Sache aufgeklärt haben. Das Kollegium ist bereits informiert, mir alle außergewöhnlichen Vorkommnisse zu melden."


Severus Snape erhöhte die Hitze unter dem Kessel und beobachtete, wie die Flüssigkeit kleine Blasen bildete. Dieser Trank war der heikle Part des Rätsels, das er sich zum erweiterten Schutz des Steins ausgedacht hatte.

Wenige Meter neben ihm ertönte ein Gähnen und kurz darauf ein Fluch. „Autsch."

Snape sah auf. Der rothaarige Drittklässler hielt einen Finger in die Luft, von dem ein dünnes Rinnsal Blut hinab lief, während er fieberhaft in seinen Taschen kramte. Man konnte nie sicher sein, welcher der Zwillinge tatsächlich zum Nachsitzen auftauchte, aber er hatte seine eigene Methode entwickelt, sie auseinanderzuhalten.

„Unterste Schublade rechts", sagte Snape und wandte sich wieder seinem Trank zu, dessen Blasen inzwischen größer geworden waren.

George Weasley zog aus der Sammlung von Papiertaschentüchern, die exakt übereinander gestapelt waren, eins heraus und wickelte es um den Schnitt an seinem Finger.

„Muss ich weiterschnippeln?", fragte er und hielt seine Hand wie ein Schwerverletzter hoch.

„Sie sind in der Lage, einen einfachen Heilzauber zu sprechen", sagte Snape, ohne sich umzudrehen. „Wenn Sie die restlichen acht Wurzeln geschnitten haben, können Sie gehen."

George stöhnte und murmelte etwas, das in Snapes Ohren wie „Sadist" klang.

„Ich empfehle Ihnen außerdem, exakt zu arbeiten, sonst werden es weitere fünf", fügte er daraufhin hinzu und füllte die kochende Flüssigkeit vorsichtig in eine dicke Glaskruke um. Er konnte den Trank erst in ein paar Stunden austesten, doch Snape hoffte, dass das Resultat seinen Vorstellungen entsprach. In den nächsten Tagen würde er auch noch alle Hände voll damit zu tun haben, in seinem Klassenraum und in den Pausen für Disziplin zu sorgen. Das erste Quidditchspiel der Saison stand unmittelbar bevor und damit der übliche Ausnahmezustand an der Schule.


Am Spieltag herrschte schon beim Frühstück ohrenbetäubender Lärm, der sich auf Snapes Weg zur Tribüne noch steigerte. Früher war Quidditch auch für ihn eine Flucht aus dem Schulalltag gewesen. Auf dem Besen hatte er sich frei und unbeschwert gefühlt – bis ihm James Potter und seine Kumpane auch diese Freude nahmen, dachte er bitter, während er seinen grün-weißen Schal fester band. Natürlich wurde seine Anwesenheit bei jedem Spiel erwartet und an Tagen wie heute auch eine gehörige Portion Hauspatriotismus, die seinen Status als Slytherin-Oberhaupt untermauerte. Erfolge und Misserfolge einer Quidditch-Mannschaft waren nicht nur in Hogwarts ein Maßstab für Ansehen und Respekt. Sie besaßen in der ganzen Zaubererwelt geradezu politische Qualitäten.

Er lehnte sich zurück und beobachtete seine Slytherins in der Luft. Die Mannschaft war bekannt dafür, bei der Auswahl der Spieler bevorzugt auf Größe und Stärke zu setzen und der Pokal war ihnen mehrere Jahre in Folge sicher gewesen.

Minerva McGonagall neigte sich zu ihm. „Sehen Sie, warum ich Harry in das Team aufgenommen habe?"

Seine Augen suchten Potter und seine Mundwinkel hoben sich. „Weil er seinen Besen nicht beherrscht?", fragte er spöttisch. Der jüngste Sucher aller Zeiten, die Hogwarts-Berühmtheit, hampelte ungelenk an dem Stück Holz und blamierte sich öffentlich. Die Existenz ausgleichender Gerechtigkeit war vielleicht doch nicht ganz so abwegig.

„Da stimmt etwas nicht", murmelte Professor McGonagall irritiert. „Harry ist normalerweise sehr souverän auf seinem Besen."

Ein Slytherin-Mädchen lachte schrill auf. Snape drehte sich gereizt in ihre Richtung. Dabei fiel sein Blick auf Quirrell, der einen Ausdruck höchster Konzentration trug. Snape stutzte und folgte seinem Blick zum Spielfeld. Potter hing mittlerweile mit einer Hand am Besen, der wilde Sprünge auf und abwärts vollzog. Seine Kollegin hatte Recht, hier ging etwas Merkwürdiges vor. Snape verlor keine Zeit, er fixierte das Kind und murmelte dann einen Schutzzauber.

„Feuer!" Jemand schrie, hinter ihm entstand Unruhe und Snape sah, wie eine Flamme am Saum seines Umhangs aufloderte und gierig nach oben züngelte. Er löschte sie hastig.

„Was ist hier los?" Die Gryffindor-Hauslehrerin klang erschrocken.

Snapes Blick blieb an einer krausen Haarmähne hängen, die sich schnell von der Tribüne wegbewegte. Er stutzte kurz, doch dann ließ er seine Augen suchend in die entgegengesetzte Richtung wandern. Aber von Quirinus Quirrell war nichts mehr zu sehen. Er vergewisserte sich, dass Potter die Gewalt über seinen Besen wiederhatte, dann beugte er sich zu seiner Kollegin und sagte leise: „Ich informiere Albus Dumbledore."


„Sie glauben, dass Professor Quirrell einen Anschlag auf Harry Potter verübte und dann Feuer legte?"

„Es hatte den Anschein."

„Warum sollte er das tun?", murmelte Dumbledore.

„Wie ist Quirrell zu dieser Stelle gekommen?", fragte Snape scharf.

Albus Dumbledore musterte sein Gegenüber. „Er bewarb sich auf meine Stellenausschreibung. Ich war froh, kurzfristig noch jemanden zu finden."

Snape zog eine Augenbraue hoch.

„Sie wissen, weshalb ich Ihnen die Stelle nicht gebe", fügte der Schulleiter ruhig hinzu. „Ich brauche Sie langfristig an dieser Schule."

„Weisen Sie Ihre Bewerber darauf hin, dass der Posten angeblich verflucht und ihre Zeit in Hogwarts auf ein Jahr begrenzt ist? Oder überlassen Sie es jedem selbst, diese kleine … Überraschung herausfinden?", hakte Snape sanft nach.

„Ihre Besorgnis um andere ehrt Sie", erwiderte Dumbledore und die blauen Augen blitzten ironisch auf. „Die meisten wollten ohnehin nur vorübergehend unterrichten und sind mit einem Jahr voll und ganz zufrieden."

„Exzellent", meinte Snape und sah auf die Uhr. „Ich würde gern weiter mit Ihnen plaudern, aber das Spiel ist gleich vorbei und meine erzieherischen Pflichten lassen mir bedauerlicherweise keinen Spielraum."

„Wie geht es Ihrem Bein?"

Snape blieb auf dem Weg zur Tür stehen. „Ausgezeichnet. Ein vierköpfiger Hund wäre effektiver gewesen."


Sein Verdacht, dass Quirrell etwas im Schilde führte, erhärtete sich in den darauffolgenden Tagen. Er hatte ihn inzwischen mehrere Male um die Tür schleichen sehen, hinter der das dreiköpfige Biest lag.

Die zunehmende Kälte schreckte die Schüler zwar vor verbotenen Streifzügen übers Gelände und in den Wald ab, dafür war der Lärmpegel im Schloss erheblich gestiegen. Filch ließ keinen Tag aus, um Unruhestifter zu melden, wobei sich die Weasley-Zwillinge auch weiterhin besonders hervortaten. Snapes Unterrichtsraum und sein Labor waren sauberer und ordentlicher denn je, da er mehr Schüler als sonst zum Nachsitzen zugeteilt bekam. Er wusste, dass Strafarbeiten bei ihm als besonders durchgreifende Erziehungsmethode galten und betrachtete es als Kompliment. Normalerweise ließ er die Schüler Kessel schrubben, Zutaten schneiden und seine Vorräte sortieren und mischte sich nicht ein. Seine Präsenz genügte, dass sie taten, was man von ihnen verlangte und es gab selten Probleme. Finnigan und Thomas hatten in den letzten beiden Stunden murrend, aber gründlich die Reste von Murtlapp-Flüssigkeit aus einer Reihe Phiolen entfernt.

Er war daher überrascht, als ihm Professor McGonagall in der Eingangshalle mit saurer Miene entgegentrat. Ihre Augen bohrten sich in seine. „Übertreiben Sie es nicht!"

Er blieb am Fuß der Treppe stehen und betrachtete sie abwartend.

Sie stand stocksteif, die Lippen ärgerlich zusammengepresst. „Wenn Sie Strafpunkte abziehen, berücksichtigen Sie auch die Anstifter Ihres Hauses!", forderte sie.

Aha, daher wehte der Wind. „Ich war bisher der Auffassung, dass Prügeleien gegen die Schulregeln verstoßen. Ronald Weasley ist auf Draco Malfoy losgegangen", sagte er gemächlich.

„Nachdem Mr. Malfoy ihn provozierte. Ich dulde nicht, dass Schüler aufgrund ihres familiären oder finanziellen Hintergrunds beleidigt werden – egal, zu welchem Haus sie gehören. Das sollten Sie am besten wissen, Severus!" Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und stieg die Treppen empor.

Severus Snape sah ihr einen Moment nach, bevor er zur Wendeltreppe lief, die in den Kerker führte. Es stimmte, während seiner Schulzeit hatte Minerva McGonagall seinen Peinigern oft Hauspunkte abgezogen, obwohl sie zu ihrem eigenen Haus gehörten. Aber Dumbledores Auftrag war klar: Für Malfoy galten Sonderregeln.


Dezember 1991

„Er sitzt wieder vor dem Spiegel."

Dumbledores Büro war in ein Lichtermeer getaucht. Ab und zu flog ein kleiner Holzengel durch die Luft, der „Fröhliche Weihnachten" piepste. Snape streckte die Hand aus und schnappte einen, ließ ihn jedoch schnell los. Die kleine Figur hatte ihn in den Finger gebissen und blies ihm jetzt höhnisch mit seiner Trompete ins Ohr.

Dumbledore verfolgte das Ganze mit unerschütterter Miene. Schließlich strich er mit der rechten Hand durch seinen Bart. „Danke, Severus. Ich denke, Harry hat jetzt genug Zeit damit verbracht. Der Spiegel wird morgen ein neues Zuhause finden."

Als Snape Potter vor ein paar Tagen zum ersten Mal nachts vor dem Spiegel des Begehrens entdeckt hatte, war sein erster Impuls gewesen, ihn am Schlawittchen zu packen und zu bestrafen. Doch als ihm klar wurde, mit wem der Junge sprach, hatte er sich unentdeckt zurückgezogen und den Vorfall Dumbledore gemeldet. Seither wiederholte sich Nacht für Nacht Potters Ausflug zum Spiegel, ohne dass der Schulleiter einschritt. Als Snape von Potters Tarnumhang erfuhr, war er heftig mit dem alten Zauberer aneinandergeraten. Wie sollte er Potter schützen, wenn ihn Albus nachts unsichtbar umherziehen ließ?

Auch der Spiegel des Begehrens war für Snape ein brisantes Thema, denn er hatte ihn vor vielen Jahren beinahe um den Verstand gebracht. Inzwischen widerstand er seinen Verlockungen, aber Dumbledores Ankündigung, dass er ihn wegbringen würde, weckten erneut das Verlangen nach einem letzten Blick in das matte Glas.

Die blauen Augen seines Gegenübers musterten ihn sanft. „Sie haben eine Stunde Zeit, wenn Sie noch einmal hineinschauen möchten."

Es war erschreckend, wie gut ihn der Ältere kannte. „Zehn Minuten reichen. Sollte ich dann nicht wieder hier sein…"

„Das werden Sie, Severus."

Snape sah Dumbledore grübelnd an. Doch wenig später trat er ein paar Stockwerke tiefer vor den Spiegel.


Das vertraute Bild zeichnete sich ab. Sie stand neben ihm, doch dieses Mal erschrak er vor der Trauer in seinem Gesicht, vor den Linien und der Bitterkeit, die sich seit seinem letzten Blick in den Spiegel eingegraben hatten. Snape schloss für einen Moment die Augen. Noch nie war ihm so deutlich geworden, dass sie in eine andere Epoche seines Lebens gehörte, dass es viele Jahre ohne sie weitergegangen war und er sie dennoch nicht loslassen konnte.

Er hatte geschworen, ihren Sohn zu schützen. Aber niemand hatte ihn vorgewarnt, wie schwer es werden würde, ihre Augen wiederzusehen – in einem Gesicht, das er so hasste. Severus Snape sammelte sich und sah sie zum Abschied noch einmal lange an, bevor er den Raum verließ.


Als er in Dumbledores Büro zurückkehrte, sank er in den Lehnstuhl auf der anderen Seite des Schreibtischs.

„Ich verstehe", sagte der Ältere ruhig.

„Sie glauben immer alles zu verstehen, Dumbledore", rief Snape aufgewühlt. „Was wissen Sie schon von …"

„Mehr als Sie denken, Severus, mehr als Sie denken. Feuerwhisky?"

Snape ergriff das Glas, das vor ihm auf dem Tisch erschien und nahm einen großen Schluck. Wärme rieselte durch seinen Körper. Er leerte es in einem weiteren Zug. Sein Pulsschlag wurde langsamer und seine Muskeln begannen sich zu entspannen.

Dumbledore war aufgestanden und blieb vor ihm stehen. Aus dieser Perspektive erschien er Snape noch imposanter, doch irgendetwas in Dumbledores Haltung wirkte seltsam und seine Stimme klang ungewohnt rau, als er weitersprach: „Auch ich war einmal jung, Severus."

Dumbledore ging zum Regal und zog eine alte brüchige Zeitung heraus. Er legte sie schweigend vor Snape auf den Tisch. Eine riesige Schlagzeile prangte auf der ersten Seite: Spektakulärer Kampf – Albus Dumbledore besiegt Gellert Grindelwald. Darunter befand sich ein magisches Bild des blonden Zauberers.

„Es ist Allgemeinwissen, dass Sie ihn besiegten", bemerkte Snape irritiert. Die Minuten vor dem Spiegel des Begehrens hatten ihn mehr mitgenommen, als er zugeben mochte.

Dumbledore sah ihn unverwandt an. „Gellert Grindelwald war einmal mein Freund."

„Bis er den dunklen Weg wählte", ergänzte Severus Snape. Irgendetwas in den blauen Augen begann ihn zu beunruhigen. Er kannte Albus Dumbledore nun schon sehr lange, aber diesen Ausdruck hatte er noch nicht im Gesicht des Älteren gesehen.

„Ich empfand für Gellert eine Weile mehr als Freundschaft."

Die Traurigkeit im Gesicht des alten Zauberers war lähmend, doch plötzlich schien ein Ruck durch ihn hindurchzugehen. „Ein kleiner Anflug von Sentimentalität. Je älter man wird, desto anfälliger scheint man dafür zu sein."

Snape starrte ihn wortlos an.

„Habe ich Sie etwa schockiert?", meinte Dumbledore und nun spielte ein feines Lächeln um seine Augenwinkel. „Sie werden darüber hinwegkommen. Ach und noch eine Bitte, Severus: Würden Sie beim nächsten Quidditch-Spiel Schiedsrichter sein? Ich möchte das Spiel nicht abblasen und den Kindern die Freude nehmen."

Snape warf ihm einen düsteren Blick zu. „Halten Sie es für ratsam, Potter unter diesen Umständen spielen zu lassen?"

„Ich vertraue Ihnen", sagte Dumbledore.