Kapitel 3 - 1992 / Part I

März 1992

Das überraschend freimütige Bekenntnis des alten Zauberers hatte Snape verdeutlicht, wie wenig er über Albus Dumbledore und seine Vergangenheit wusste. Die gängigen historischen Abhandlungen zu Grindelwalds Verbrechen und zum legendären Kampf der beiden mächtigen Zauberer kannte er. Aber seit ihrem Gespräch fragte er sich, warum Dumbledore es nicht vermocht hatte, die dunklen Ideale seines Freundes in eine andere Richtung zu lenken. Wann hatte Grindelwalds radikale Entwicklung zur schwarzmagischen Seite begonnen, die schließlich ihre Freundschaft zerstörte? Was war der Auslöser dafür gewesen?

Snape scheute sich, Dumbledore direkt darauf anzusprechen. Stattdessen stöberte er in den folgenden Tagen, so oft es seine Zeit zuließ, in der Bibliothek. Die Hogwarts-Bibliothek galt als eine der bestsortiertesten und umfassendsten Sammlungen der Zaubererwelt, aber zu seinem Erstaunen waren keine Schriften und keine Zeitungen greifbar, die den Zeitabschnitt umfassten, der ihn vorrangig interessierte. Erst nach mehreren Wochen fand er einen winzigen Artikel in einer uralten Ausgabe des Tagespropheten, der nur noch mehr Fragen aufwarf.

Er starrte auf die antiquierten Schriftzeichen, mit denen Durmstrang den Schulverweis von Gellert Grindelwald bekanntgegeben hatte. Als Begründung wurden verbotene schwarzmagische Aktivitäten und nicht tolerierbare Ideologien genannt. Bisher war Snape davon ausgegangen, dass sich Grindelwald erst zu einem späteren Zeitpunkt zu einem so dunklen Magier entwickelt hatte. Er fand zwar nachvollziehbar, dass Durmstrang nicht mit einem Schüler wie Grindelwald hausieren ging, aber unfassbar, dass offensichtlich sämtliche Geschichtsbücher und Berichte diesen bedeutsamen Fakt unterschlugen.

Severus Snape fuhr sich mit der Hand über die Augen, aber auch das änderte nichts an der Tatsache, dass Grindelwalds Weltanschauung schon auffällig gewesen war, bevor Albus Dumbledore ihn kennenlernte. Dumbledore musste von Anfang an gewusst haben, welche Ideologien sein Freund verfolgte. Bei diesen Überlegungen merkte er deutlich, wie sein Bild über den Älteren ins Wanken geriet.


Auf dem Rückweg in den Kerker war er noch so in Gedanken versunken, dass er fast mit einer schmächtigen Gestalt zusammenprallte. Der Junge blieb bei seinem Anblick abrupt stehen, dann beschleunigte er seine Schritte und steuerte auf einen abzweigenden Gang zu. „Potter!"

Harry Potter stoppte erschrocken und erwiderte seinen Blick trotzig. Snape wusste, dass ihn genau dieser Gesichtsausdruck, den er schon von James kannte, zur Weißglut treiben konnte. Er zwang sich zur Ruhe. „Wohin so eilig?"

„Zum Essen."

Snape sah demonstrativ auf die Uhr und hob eine Augenbraue. „Falsche Zeit und falsche Richtung, Potter. Also?" Er verschränkte die Arme und genoss den Anblick, wie der Junge fieberhaft nach einer weiteren Ausrede suchte.

„Ich wollte Ron aus dem Gemeinschaftsraum abholen."

„Aha."

Snape beobachtete, wie sich Potter unter seinem Blick wand. Er schien zwar bemerkt zu haben, dass sie sich unverhältnismäßig oft über den Weg liefen, es hielt den Bengel aber nicht davon ab, weiterhin aus der Reihe zu tanzen. „Und was versteckst du unter deinem Umhang?"

„Nichts."

„Dann schlage ich vor, du bringst Nichts in den Gemeinschaftsraum und bleibst dort. Verstanden, Potter?"

„Ja, Sir."

Potter hatte es sehr eilig, aus seiner Sichtweite zu kommen. Aber auch Snape war froh, seinen Anblick los zu sein. Das Kind schaffte es nach wie vor, ihn durch seine bloße Existenz aus dem Gleichgewicht zu bringen.


Mai 1991

Leider ließen ihm seine schulischen Verpflichtungen in den kommenden Wochen kaum noch Zeit für private Recherchen. Quirrell verhielt sich immer merkwürdiger und jedes Mal, wenn sich die Gelegenheit ergab, folgte Snape ihm unauffällig. Mehrmals glaubte er zu hören, wie sich der Verteidigungslehrer mit jemandem unterhielt. Es gelang ihm jedoch nie, den Gesprächspartner zu entdecken. Gab es einen Komplizen unter einem Tarnumhang? Oder hatte der ewig präsente Turban Quirrells Synapsen inzwischen so sehr beschädigt, dass er mit sich selbst sprach?

Doch wann immer er den Verteidigungslehrer ansah, beschlich ihn ein ungutes Gefühl.


Juni 1991

Nachdem die Prüfungswoche vorbei war, wartete Severus Snape ungeduldig auf das Ende des Schuljahres. In den vergangenen Jahren hatte er neben seinen täglichen Verpflichtungen immer genug Freiraum für private Forschungen gehabt. Doch Potters und Dracos Anwesenheit in Hogwarts, der Schutz des Steins und Quirrells Überwachung waren so zeitintensive Unterfangen, dass er sich mehr denn je nach einem Rückzugsort sehnte, an dem er das schulische Umfeld für eine Weile hinter sich lassen konnte. Der Gedanke, dass Spinners End dieser Rückzugsort werden könnte, wenn er es schaffte, die Geister der Vergangenheit von dort zu vertreiben, erschien ihm inzwischen nicht mehr so abwegig. Das Haus stand schon sehr lange leer und er hatte beschlossen, in diesem Sommer zurückzukehren.

Snape warf seinen Umhang über, steckte den Zauberstab ein und begab sich auf die letzte nächtliche Kontrollrunde. In den unteren Etagen war alles ruhig. Peeves schien Waffenstillstand mit Filch geschlossen zu haben, zumindest hatte es schon eine Weile keine der wilden Verfolgungsjagden mehr gegeben, bei denen der Hausmeister mit seiner fauchenden Katze hinter dem Poltergeist herrannte. Das Schnarchen einiger Portraits verstummte, als er das Treppenhaus betrat, dafür hob eine Hyäne auf dem Gemälde vom Atlasgebirge den Kopf und begann nervenzermürbend zu heulen. Als er die Treppenstufen des nächsten Stockwerks erreichte, erklangen über ihm eilige Schritte und Dumbledore erschien auf dem Treppenabsatz. Snapes Augen weiteten sich, als er Potter erkannte, der leblos in den Armen des Schulleiters hing.

„Er muss schnellstens in den Krankenflügel."

Snape hielt Schritt mit ihm. „Was ist passiert?"

Dumbledore eilte weiter, bis sie den Krankenflügel erreichten. Erst als Madame Pomfrey Harry in eine Bett verfrachtete, sagte Dumbledore ruhig: „Er hatte eine Konfrontation mit Lord Voldemort."

Snape merkte, wie jeglicher Tropfen Blut aus seinem Gesicht wich. „Das ist unmöglich", flüsterte er.

„Ich fürchte, wir müssen die Tatsache akzeptieren, Severus", sagte Dumbledore grimmig. „Ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen."

„Wo?", brachte Snape hervor.

Auch Madame Pomfrey erstarrte bei jedem Wort Dumbledores etwas mehr, bis sie einer Statue glich. Erst, als der Schulleiter schließlich schwieg, löste sie ihre Hand von Harrys Kopfkissen und richtete sich langsam auf. „Ich gebe ihm einen Stärkungstrank. Aber Severus sollte ihn vorher auf dunkle Magie testen." Der Schock stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Wo ist… wo ist… der, dessen Name nicht…" Sie stockte und es schien, als müsse sie ihre Stimmbänder unter Aufbietung aller Kraft aktivieren, bevor sie fortfuhr: „Wo ist er jetzt?"

„Ich weiß es nicht, meine Liebe", erwiderte Dumbledore sanft. „Wie es aussieht, kann Voldemort langfristig nur mit fremder Hilfe existieren. Aber sein derzeitiger Zustand gibt ihm nicht die Macht, einfach jemanden in Besitz zu nehmen, sondern der Wirt muss sich freiwillig anbieten."

Snape bemühte sich, sein Entsetzen zu verbergen, als sich der Schulleiter an ihn wandte. „Ich muss die Auroren informieren. Bitte geben Sie mir Bescheid, sobald Sie Harry untersucht haben."

Severus Snape nickte. Dann trat er näher an das Bett und betrachtete den Jungen. Mit geschlossenen Augen ähnelte er noch mehr seinem Vater. Aber es war einfacher, ihn zu untersuchen, wenn ihn nicht Lilys grüne Augen dabei ansahen.


Juli 1992

Sie begruben Quirinus Quirrell in aller Stille. Sobald der letzte Schüler Hogwarts verlassen hatte, stellten die Auroren noch einmal das gesamte Schloss auf den Kopf, durchkämmten jeden Winkel, nahmen jede lebende Seele ins Kreuzverhör und verschreckten die Porträts und Geister. Zusammen mit den Lehrern verstärkten und erweiterten sie sämtliche Schutzzauber.

Snape wusste, dass man landesweit die früheren Anhänger des Dunklen Lords überwachte, falls er sich einen neuen Wirt suchte. Aber bei einem Besuch auf Malfoy Manor wurde ihm schnell klar, dass es auch in Todesserkreisen keine genauen Informationen gab, lediglich das Gerücht, dass der Dunkle Lord in ein fernes Land geflohen sei. Snape hoffte, dass es der Wahrheit entsprach und er niemals wieder in das Angesicht dieser Kreatur schauen musste.


Mitte Juli packte auch er seine Sachen und stand einige Stunden später vor seinem Elternhaus in Spinners End.

Es war das am meisten verwahrloste Gebäude in der Straße: die Tür mit Balken vernagelt, die Fensterscheiben blind und mit einer dicken Schicht aus Schmutz und Taubenkot bedeckt. Aber die Ziegel des Mauerwerks und das Dach wirkten stabil und unverwüstlich. Er murmelte einen Schutzzauber, der ihn vor neugierigen Blicken abschirmte und zog seinen Zauberstab, um sich Zugang zu verschaffen. Nachdem er die Haustür soweit repariert hatte, dass er sie hinter sich abschließen konnte, öffnete er die Tür zum Wohnraum.

Dunkelheit und schwere abgestandene Luft umfingen ihn.

„Lumos."

Bei dem Versuch, das Fenster zu öffnen, fiel ihm der Rahmen des Innenfensters entgegen. Er stellte ihn an der Wand ab und öffnete das Außenfenster und die Fensterläden. Er atmete tief durch und sah sich um. Das Zimmer erschien ihm viel kleiner, als er es in Erinnerung hatte. Alles war mit einer Staubschicht und von Spinnenweben überzogen.

Nachdem er auch in Küche und Bad die Fenster geöffnet hatte, stieg er die schmale Treppe zur oberen Etage empor. Vor der Tür seines ehemaligen Zimmers zögerte er. Doch dann drückte er die Klinke mit einem Ruck herunter und trat ein. Es war leer. Die ausgeblichenen Stellen an den Wänden, wo einst Bilder hingen, waren der einzige Hinweis auf einen früheren Bewohner.


September 1992

„Sind Sie auch heute zurückgekommen?" Professor McGonagall, die vor Energie zu sprühen schien, musterte ihn fragend. Die Haustische waren noch leer, doch das würde sich bereits in wenigen Stunden ändern.

Severus Snape schüttelte den Kopf. „Gestern."

Seine Bemühungen, das Haus in Spinners End während der Sommerferien soweit zu verändern, dass ihn kaum noch etwas an früher erinnerte, waren eine gute Ablenkung von den Ereignissen des letzten Schuljahres gewesen. Er hatte sämtliches Mobiliar entfernt, mehrere Wände herausgerissen und verfügte nun über ein großes Labor. Den Rest der Fläche hatte er in einen kleinen Wohnraum, ein noch kleineres Schlafzimmer, Küche und Bad aufgeteilt und beschlossen, den Wohnraum rundum mit Regalen zu versehen. In den nächsten Ferien würde er Platz in seinem Büro in Hogwarts schaffen und einen Teil seiner weniger benutzten Bücher nach Spinners End auslagern.

Dumbledore hatte ihn erstaunlicherweise während der gesamten Zeit in Ruhe gelassen, ihn nur hin und wieder über Aktuelles informiert. Doch in dem Moment, in dem Snape das große Eingangstor von Hogwarts wieder hinter sich zugezogen hatte, war ihm der beunruhigende Gedanke gekommen, sich erneut in sein persönliches Gefängnis aus Pflicht und Schuld einzusperren.


Ein Räuspern brachte ihn in die Gegenwart zurück. Seine Kollegin betrachtete erst eine Weile abwesend den Inhalt ihrer Tasse, bevor sie dem Geräusch Worte folgen ließ. „Haben Sie gehört, dass Gilderoy Lockhart in diesem Jahr hier unterrichtet?"

Snape hob spöttisch eine Augenbraue. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie zu seinen Bewunderinnen gehören, Professor McGonagall."

Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen, was ihn an ihre Animagus-Form erinnerte. „Mit Sicherheit nicht", schnappte sie.

„Nicht? Ich vermeinte, ein leichtes Erröten zu bemerken, als Sie seinen Namen aussprachen", erwiderte er und stand auf, bevor sich das Gewitter über ihm entladen konnte.


Am Abend hatte sich das Bild in der Großen Halle gewandelt und die Ruhe war vorbei. Snape wappnete sich vor Potters Anblick und ließ seine Augen zum Gryffindortisch wandern. Mehrere Weasleys debattierten mit Potters kleiner Freundin Granger, aber ihr jüngster Bruder fehlte – wie auch Potter.

Dumbledore war seinem Blick gefolgt. „Haben Sie Harry heute schon irgendwo gesehen?"

„Nein. Sein Busenfreund ist ebenfalls abwesend."

Der Schulleiter blinzelte und wandte sich an Professor McGonagall, die einige Meter entfernt stand, den Sprechenden Hut in den Händen. „Minerva, wo sind Harry Potter und Ronald Weasley?"

Sie schaute zum Gryffindortisch und ihre Lippen bildeten einen dünnen Strich. „Ich gehe davon aus, dass sie mit den anderen Weasleys angekommen sind. Leider beginnt die Sortierung in Kürze, sonst würde ich den beiden etwas über Pünktlichkeit erzählen."

„Das, verehrte Kollegin, können Sie nachholen", entgegnete Snape leise, schob seinen Stuhl zurück und stand auf. „Ich suche sie."