Kapitel 6 – 1993 Part II

Juli 1993

Der alte Zauberer stand am Fenster und sah durch die Tropfen, die die Scheibe hinunterrannen, auf die enge Straße hinaus. Das gegenüberliegende Gebäude nahm viel Licht weg. Snape beobachtete Dumbledore mit verschränkten Armen. Er war an dunkle Räume und an eine Beleuchtung aus zahlreichen Kerzen und Fackeln selbst im Hochsommer gewöhnt, der Schulleiter mit seinem Büro hoch über den Dächern von Hogwarts hingegen nicht.

Snape fühlte sich zu seinem eigenen Erstaunen von Tag zu Tag heimischer in Spinners End. Er hatte mittlerweile einen Teil seiner seltener benutzten Bücher hier untergebracht, das Weinregal im Keller gefüllt und das Labor eingerichtet, das ihm auch während der Ferien das Weiterforschen ermöglichte, vor allem unter wesentlich ruhigeren Bedingungen als sonst.

„Ein Werwolf in einer Schule? Das kann nicht Ihr Ernst sein! Das Sicherheitsrisiko…"

„Ist es tatsächlich das Risiko, das Sie beunruhigt oder eher die Person, die ich zu beschäftigen gedenke?", schnitt ihm Dumbledore freundlich das Wort ab.

Snapes Gesicht verdüsterte sich, bis es dem regnerischen Sommertag Konkurrenz machen konnte.

„Ich habe den damaligen Zwischenfall nicht vergessen, Severus", fügte Albus Dumbledore hinzu. „Wollen Sie Remus Lupin wirklich dafür verantwortlich machen, dass Sie seinerzeit von Neugier geplagt das Opfer eines Streiches wurden? Die Anstifter erhielten eine Bestrafung und Ihnen ist glücklicherweise nichts geschehen."

„Er ist eine Gefahr", beharrte Snape.

„Dann helfen Sie mir dabei, diese Gefahr auf Null zu senken." Ein flüchtiges Lächeln glättete die Falten des Schulleiters.

„Soll ich etwa auch Lupin überwachen?", entgegnete Snape aufgebracht.

„Ich spreche vom Wolfsbanntrank."

An Snapes Schläfe begann eine Vene zu pulsieren. „Verstehe ich das richtig: Sie verweigern mir nach wie vor, Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu unterrichten, aber wollen mir zumuten, jeden Monat einen hochkomplizierten Trank herzustellen, damit ein Werwolf diese Stelle übernimmt?"

Albus Dumbledore nickte. „Ich würde es als Bitte formulieren, nicht als Zumutung, doch im Prinzip ist das der Inhalt meines Anliegens."

Snape vermochte einen bitteren Ausruf nicht zu unterdrücken.

„Sie können es selbstverständlich ablehnen, den Trank herzustellen. Ich finde andere Möglichkeiten", sagte Dumbledore ruhig.

„Schon gut, schon gut", blaffte Snape. „Ich braue ihn. Wenn uns dadurch der Anblick eines zähnefletschenden, heulenden Wolfs erspart bleibt…"

Dumbledore musterte ihn nachdenklich, bevor er sich verabschiedete. „Wir sehen uns in zwei Wochen in Hogwarts, Severus. Genießen Sie die restlichen Ferien!"

Snape verfolgte, wie Dumbledore ein Stück die Straße entlanglief und dann rechts abbog. Das Eckhaus versperrte die weitere Sicht und er kehrte an seinen Schreibtisch zurück. Er starrte ein paar Minuten in ein aufgeschlagenes Buch, ohne ein Wort aufzunehmen. Lupin! Schlimm genug, dass er Potter im Auge behalten musste, aber dazu noch Lupin vor die Nase gesetzt zu bekommen - auf die Stelle, die er sich seit Jahren wünschte…

Er stand auf und holte den Feuerwhisky.


Am nächsten Morgen gab Snape stöhnend ein paar Tropfen aus einem kleinen grünen Fläschchen in seinen Kaffee und tunkte sein Gesicht in eine Schüssel mit eiskaltem Wasser. Ein paar Minuten später war sein Kopf frei. Er goss das halbvolle Glas Whisky, das auf dem Schreibtisch stand, in den Ausguss und öffnete die Fenster. Während er eine weitere Tasse Kaffee trank, landeten zwei Eulen auf seinem Fensterbrett.

Der Küchenstuhl quietschte auf dem Boden, als er ihn zurückschob und zum Fenster lief. Er hatte starke Zauber um das Haus platziert, um seine Postzustellung vor neugierigen Muggelblicken zu schützen.

Als er ins Zimmer zurücktrat, warf er den gefalteten Tagespropheten auf den Tisch, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen und wandte seine Aufmerksamkeit der zweiten Sendung zu. Die Handschrift auf dem Briefumschlag war unverkennbar. Was konnte so dringend sein, dass ihn Dumbledore wenige Stunden nach seinem gestrigen Besuch per Eule kontaktierte?

Lieber Severus,

ich bedaure sehr, Ihre Ferien abzukürzen, möchte Sie jedoch aufgrund der aktuellen Ereignisse bitten, umgehend nach Hogwarts zurückzukehren. Der „Tagesprophet" ist mit seinen bisherigen Berichten recht vage, aber ich verfüge mittlerweile über weitere Informationen und setze Sie vor Ort ins Bild.

Mit den besten Grüßen

Albus Dumbledore

Snape zog die Zeitung zu sich heran und las mit wachsendem Unglauben und Zorn die aktuelle Titelstory.


„Ich bestehe darauf, dass überall Dementoren eingesetzt werden", krähte Fudge. „Black ist hochgefährlich. Je schneller wir ihn fassen, desto besser für alle."

„Zum letzten Mal, Cornelius: Über die Schwelle von Hogwarts kommt kein Dementor", donnerte Dumbledore. Eine Aura immenser Energie strahlte von ihm aus, der sich Fudge nicht gewachsen zu fühlen schien, denn er wurde immer kleiner auf seinem Stuhl.

„Schön, schön. Aber um das Hogwartsgelände herum werden wir sie platzieren. Das ist mein letztes Wort", beharrte der Minister in bockigem Ton.

„Wie konnte Black überhaupt entfliehen?", erkundigte sich Minerva McGonagall.

„12 Jahre in Azkaban, man fragt sich wirklich, woher er die Kraft nahm", murmelte Flitwick. „Und nun hat er es auf Harry Potter abgesehen. Als ob der Junge nicht schon genug Last trägt."

„Seit Potter diese Schule besucht, gibt es nichts als Aufregung und zusätzlichen Aufwand", murmelte Snape. „Durch ihn wird Hogwarts in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit gerückt."

„Harry Potter hat ein Recht, seinen Fähigkeiten entsprechend unterrichtet zu werden, wie alle anderen auch", unterbrach ihn Minerva McGonagall energisch. „Als seine Hauslehrerin werde ich Sorge dafür tragen, dass er diese Ausbildung in Hogwarts weiterhin erhält und wenn es das Letzte ist, was ich tue! Ich lasse nicht zu, dass diese entsetzlichen Muggel über sein ganzes Leben bestimmen und seine Möglichkeiten zerstören!"

Dumbledore legte ihr beschwichtigend eine Hand auf die Schulter, während er Snape einen warnenden Blick zuwarf: „Harry bleibt selbstverständlich in Hogwarts, Minerva. Außerdem ist er in Little Whinging nicht vor Black sicher."

„Und was gedenken Sie zu tun?", fragte Snape. „Black kann jeden Augenblick dort auftauchen."

„Das Ministerium hat zwei Leute zu seiner Bewachung abgestellt", warf Fudge ein.

„Wäre er bei den Weasleys nicht besser aufgehoben?", fragte Minerva McGonagall. „Ihr Haus verfügt über wirksame Schutzzauber."

„Es wäre die beste Option, aber sie sind derzeit in Ägypten. Wenn Sirius Black nicht bald ergriffen wird, muss ich Harry nach Hogwarts holen", sagte Dumbledore ernst.

„Wollen Sie ihm die Wahrheit sagen?", fragte Minerva McGonagall.

„Nur, wenn es notwendig sein sollte. Ich sehe keinen Grund, ihn unnötig zu beunruhigen."

„Black wird überall steckbrieflich gesucht, auch in der Muggelwelt. Mit den Dementoren dauert es nicht mehr lange, ihn zu schnappen", ließ sich Fudge im Brustton der Überzeugung vernehmen.


August 1993

„Harry ist von seiner Familie weggelaufen!" Professor McGonagall keuchte, als wäre sie eine längere Strecke gerannt. „Es kam gerade eine Eilmeldung des Ministeriums."

„Das heißt, er streift allein draußen herum?", fragte Snape sachlich, während er sie mit einer Handbewegung zum Eintreten aufforderte. „Wo sind seine Bewacher?"

„Sie folgten ihm, aber der Nachtbus las ihn unterwegs auf. Fudge vermutete, dass Harry die Winkelgasse als Anlaufpunkt nehmen könnte, weil er diese kennt. Er hat ihn deshalb im Tropfenden Kessel abgepasst."

„Und nun?"

„Er bleibt dort. Das Ministerium hat zusätzliche Schutzzauber veranlasst. Wir haben außerdem eine Nachricht von Arthur Weasley erhalten, dass er sich nach der Rückkehr aus Ägypten mit seiner Familie ebenfalls im Tropfenden Kessel einquartieren wird, um die Schuleinkäufe zu erledigen. Falls Black bis dahin nicht gefasst wird, sorgt das Ministerium auch für einen sicheren Transfer zum Hogwartsexpress."

„Ich gehe davon aus, dass auch der Zug mit zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen versehen wird, sollte Black bis dahin noch auf freiem Fuß sein?"

Sie nickte. „Selbstverständlich. Außerdem wissen wir bereits, dass ein Kollege mit dem Hogwartsexpress anreist, sodass die Anwesenheit eines erwachsenen Zauberers im Zug weitere Sicherheit bietet."

„Wer fährt freiwillig mit dem Express?", fragte Snape skeptisch.

„Remus Lupin. Er verzichtet unmittelbar nach der Vollmondphase auf magische Alternativen."

Snape betrachtete seine Kollegin mit unbeweglicher Miene. „Blacks Flucht verleiht Lupins Antritt in Hogwarts gleich eine ganz neue Dimension."

„Wovon sprechen Sie?"

„Lupin und Black waren Freunde."

„James Potter und Sirius Black waren ebenfalls Freunde und trotzdem hat es den einen nicht davon abgehalten, den anderen zu verraten", entgegnete sie. „Sie sollten Ihre Animositäten in den Griff bekommen, wenn Remus Lupin dem Kollegium beitritt."

„Das lassen Sie meine Sorge sein", erwiderte er mit trügerischer Sanftheit.


September 1993

„Lupin." Sein früherer Schulkamerad wirkte beträchtlich älter als er war, dachte Snape und nickte ihm kühl zu.

„Hallo Severus. Es ist lange her", lächelte Remus.

„Verteidigung gegen die Dunklen Künste also", sagte Snape und ließ es so klingen, als ob er Lupin nicht einmal die Verteidigung gegen einen Goldfisch zutraute. „Welche Qualifikationen hast du dafür vorzuweisen, Lupin?"

Remus Lupin zog eine Augenbraue hoch. „Immer noch der alte Groll, Severus?"

„Du bekommst deinen Trank in der Woche vor dem Vollmond täglich in der Mittagspause, Punkt 13 Uhr", entgegnete Snape und wandte sich ohne ein weiteres Wort ab.

War die Schule groß genug, um mit dem Werwolf unter einem Dach zu leben?, überlegte er grantig, während er die Treppen zum Kerker hinunterlief.

Schon wenige Tage später kamen ihm Gerüchte zu Ohren, dass ihn Lupin bereits in seiner ersten Unterrichtsstunde bei den Drittklässlerin zum Gespött gemacht hatte. Snape konnte in den darauffolgenden Tagen Lupin kaum ansehen, ohne den Wunsch zu verspüren, ihm seine Hände um den mageren Hals zu legen. Ebenso erging es ihm mit Longbottom. Vermutlich hatte der die Heldentat gleich brühwarm seiner Großmutter erzählt. Dieser herrische selbstgerechte Drachen machte ihn bis heute für den Zustand ihres Sohnes mitverantwortlich, obwohl er die Longbottoms nach seiner Schulzeit nicht mehr zu Gesicht bekommen, geschweige denn, ihnen jemals ein Haar gekrümmt hatte. Augusta Longbottom war für unzählige Briefe an Dumbledore verantwortlich, mit denen sie damals seine Einstellung in Hogwarts verhindern wollte.


Oktober 1993

Je mehr Beliebtheit Lupin an der Schule erlangte, desto mehr bedauerte Snape seine Zustimmung, den Wolfsbanntrank für ihn zu brauen. Missmutig rührte er im Kessel, bis die richtige Konsistenz erreicht war. Dann nahm er einen Kelch, füllte ihn und begab sich auf den Weg zu Lupins Büro. Doch sobald er die Tür öffnete, wusste er, dass es nicht der richtige Moment war, um seine Meinung zu Lupins Unterrichtsmethoden loszuwerden. Was machte Potter bei Lupin? Wieso war er nicht mit den anderen in Hogsmeade, dachte er misstrauisch. Er stellte den Kessel ab und verließ den Raum eilig.

Kurze Zeit später klopfte es an seiner Tür. „Ich bin dir sehr dankbar, dass du den Trank für mich braust, obwohl du sauer auf mich bist…", begann Remus Lupin ruhig.

„DAS ist eine Untertreibung, Lupin", unterbrach ihn Snape scharf und seine Finger umklammerten den Türknauf so fest, dass die Knöchel aus der Haut zu springen schienen. „Du kommst hierher und verhöhnst andere Kollegen, um dir die Gunst der Schüler zu verschaffen…"

„Bekannterweise entscheiden die tiefsten Ängste der jeweiligen Person über die Gestalt des Gestaltwandlers. Sollte es dir nicht eher zu denken geben, dass du jemandem so viel Furcht einflößt? Und da wir von Verhöhnen reden: Wer hat Neville Longbottom vor mir und der gesamten Klasse bloßgestellt? Oder genießt du es, Schwache zu unterdrücken, um deine eigene Unsicherheit zu überspielen?"

„Verschwinde hier!", sagte Snape mit tödlicher Ruhe.

Lupin bewegte sich nicht von der Stelle. „Ich war nie dein Feind, Severus."

Snape machte eine schnelle Bewegung in den Raum hinein, nahm den Kessel mit der restlichen Flüssigkeit vom Tisch, drückte ihn Lupin in die Hand und wiederholte gepresst: „Verschwinde!"

Irgendetwas in seinem Blick musste Lupin signalisiert haben, dass er besser den Rückweg antrat. Snape verfolgte, wie er ohne ein weiteres Wort zur Wendeltreppe ging, den Kessel in beiden Händen balancierend.


Snape knallte die Tür mit solcher Wucht hinter sich zu, dass ein kleines Tischchen gefährlich zu schwanken begann. Die darauf befindlichen Gläser schlugen aneinander und erzeugten einen disharmonischen Klang. Er zog den Zauberstab, richtete ihn auf den Tisch. „Silencio!" Wie konnte sich der Werwolf anmaßen, ihn, die Schüler und seinen Unterricht einzuschätzen? Musste etwa Lupin permanent aufpassen, dass Longbottom nicht das ganze Labor inklusive jeglicher menschlicher Existenz darin in Gefahr brachte? Sollte er Longbottom vielleicht noch dafür belohnen, dass er unfähig war, auch nur einer Anleitung konzentriert zu folgen, sodass er eine Gefahr für die ganze Klasse darstellte?

Er begann, lose herumliegende Bücher und einzelne Phiolen ins Regal einzusortieren, bis sein Schreibtisch und die kleinen Tischchen bis auf eine Schreibfeder und ein paar Briefe leere Flächen waren. Dennoch gelang es ihm nicht, die wütenden Gedanken abzustellen, die wie eine schnatternde Gänseschar durch seinen Kopf zogen.

Hatte er nicht bei jeder Gelegenheit dafür plädiert, Schüler wie Longbottom vom weiterführenden Tränkeunterricht auszuschließen und Zaubertränke spätestens nach zwei Jahren in ein Wahlfach umzuwandeln? Wie viel befriedigender wäre es für alle, wenn nur Schüler mit entsprechendem Interesse und einem bestimmten Notendurchschnitt damit fortfahren würden! Allein die Ergebnisse, die erzielt werden könnten, wenn kleinere Gruppen intensiver zusammenarbeiteten! Er wäre in der Lage, praxisorientierter zu arbeiten, die Tränke für den Krankenflügel könnte man im Unterricht herstellen… Stattdessen war er gezwungen, jede Klasse fünf lange Jahre zu unterrichten, reihenweise Kessel zu ersetzen, unzählige Zutaten an Unfähige zu verschwenden.

Aber was erwartete er, wenn nicht einmal seine Kollegen das kleinste Gespür für die Subtilität der Tränkekunst besaßen?