Kapitel 7 – 1993 Part III
Der Lärm beim Halloween-Essen trug nicht dazu bei, dass sich Snapes anhaltend schlechte Stimmung verbesserte. Lupin hingegen schien das Fest zu genießen, auch wenn sich schon abzeichnete, welche Wirkung die derzeitige Mondphase auf ihn hatte. Sein Gesicht nahm mehr und mehr die Farbe einer Kalkwand an und Snape war sicher, dass die Schweißperlen auf Lupins Stirn nicht von der Hitze in der Halle herrührten. Schließlich stand der Verteidigungslehrer auf und verabschiedete sich frühzeitig.
Auch Snape hätte das Fest gern verlassen, doch er musste noch eine reichliche Stunde ausharren. Erst, nachdem alle Slytherins in ihre Räume zurückgekehrt waren, ließ er erleichtert die Tür seines Büros hinter sich ins Schloss fallen.
Er nahm einen Stapel Aufsätze und einen Stift, doch in dem Moment, als das erste Pergament die glatte Mahagonifläche seines Schreibtischs berührte, zerriss ein lautstarkes Klopfen die nächtliche Stille. Snape runzelte die Stirn. Da er seinem Haus strikt abgewöhnt hatte, während der regulären Schlafenszeit die Räume zu verlassen, musste es sich um einen Notfall handeln.
Bevor er öffnen konnte, ging das Klopfen in ein Hämmern über. „Professor Snape!", erklang die vertraute Stimme seines Kollegen. „Professor Snape! Severus!"
„Was ist los, Filius?", fragte er verärgert.
„Sirius Black ist im Schloss! Er hat das Porträt der fetten Dame aufgeschlitzt!", erklärte Professor Flitwick. Er fuchtelte aufgeregt mit den Armen und spätestens das überzeugte Snape vom Ernst der Lage.
Nachdem er alle Slytherins im Gemeinschaftsraum instruiert und zur Ruhe aufgefordert hatte, versiegelte er die Eingänge seines Hauses mit verstärkenden Schutzzaubern. Dann eilte er die Treppe empor, um sich der Suchaktion seiner Kollegen anzuschließen.
November 1993
„Ich vertraue Remus, so wie ich Ihnen vertraue, Severus", sagte Dumbledore nachdrücklich am nächsten Morgen nach erfolgloser Suche.
Vor ihm lag ein Stapel amtlich aussehender Dokumente, die Feder, die er bei Snapes Eintritt aus der Hand gelegt hatte, formte einen kleinen dunklen Klecks auf dem Schreiben, das zuoberst lag.
„Keine Menschenseele kann einfach in Hogwarts hereinspazieren. Jemand muss Black Zugang verschafft haben – jemand, dessen Einstellung von Anfang an ein hohes Risiko war."
Albus Dumbledore neigte leicht den Kopf. „Sie wissen, dass sich Remus seit gestern Abend in einem Zustand befindet, in dem ihn niemand erkennt, eingeschlossen in seinem Büro..."
„Er hätte Black vorher einlassen können. Schon Tage vorher, wenn man es genau nimmt."
„Nein. Ich bin ganz sicher, dass Sirius Black auf eigene Faust handelt, auch wenn mir noch nicht klar ist, wie."
„Wenn Lupin Ihrer Meinung nach über jeden Verdacht erhaben ist, sehe ich keine Möglichkeit, Potter weiter zu schützen. Er verbringt außerordentlich viel Zeit mit ihm."
„Harry ist bei Remus sicher."
„Lupin war eng mit Black befreundet! Black hat seine Verpflichtung als Geheimniswahrer missbraucht und die Potters verraten", sagte Snape leise und Lilys Gesicht erschien vor seinen Augen. Er riss sich zusammen. „Wir müssen davon ausgehen, dass Lupin sein Komplize ist."
„Das ist kein Argument, Severus. Remus war ebenso mit James und Lily befreundet und entsetzt von dem Verrat und dem Tod seiner Freunde. Er ist nicht schuldiger an ihrem Tod als Sie."
Snape starrte den Schulleiter an, als hätte er ihn mitten ins Gesicht geschlagen.
„Vergessen Sie bei Ihren Beschuldigungen nicht, dass Sie die Prophezeiung damals weitergaben", sagte Dumbledore mit einem Anflug von Resignation in seiner Stimme. „Außerdem besaß Lily auch für Remus Lupin eine besondere Bedeutung. Können Sie Ihren Zwist nicht endlich begraben? Es wäre sicher nicht in Lilys Sinn, dass Sie sich noch Jahre später so…"
Snape verließ das Schulleiterbüro mitten im Satz. Es war unerträglich, wie Dumbledore Lupin in Schutz nahm. Ein Hauch der früheren Eifersucht auf James und Lupin hielt ihn gefangen. Lily hatte James geheiratet und ihn, ihren langjährigen Jugendfreund, irgendwann mit Verachtung gestraft. Es tat immer noch weh, nach all den Jahren. Ebenso schmerzhaft klangen Dumbledores Worte über seine Mitschuld nach. Als ob er das nicht wüsste! Als ob er nicht jeden Tag mit dieser Schuld weiterleben und ihrem Sohn in die Augen sehen musste! Black hingegen hatte die Potters wissentlich dem Tod ausgeliefert und ihr Vertrauen missbraucht.
Es würde ihm nichts weiter übrigbleiben, als die Schule im Alleingang für die Gefährlichkeit des Werwolfs zu sensibilisieren, dachte Snape erbittert.
Die Gelegenheit ergab sich schneller als gedacht. Während der nächsten Vollmondphase sollte er die Vertretung für Lupin übernehmen. Der Verteidigungsunterricht bot unzählige Möglichkeiten, um die Werwolf-Thematik heranzuziehen. Im Lehrplan der Drittklässler war sie sogar offiziell vorgesehen. Dort würden ein paar einführende Worte und eine entsprechende Hausaufgabe ausreichen, damit die Schüler Parallelen zwischen den regelmäßigen Erkrankungen des Verteidigungslehrers und gewissen Mondphasen erkannten. Bei allen anderen Klassen konnte er entsprechende Verteidigungsstrategien am Beispiel von Werwölfen einflechten und damit das wahre Wesen ihres ach so beliebten Lehrers offenbaren.
Snape begann, sich auf seine Vertretungsstunden zu freuen.
Doch schon vier Tage später hatte er die Nase von jeder einzelnen Klasse gestrichen voll. Die Schüler waren durch Lupin so gründlich verdorben, dass sie im Verteidigungsunterricht nicht einmal mehr die unverzichtbare Konzentration für gefährliche Zauber und Flüche aufbrachten. Wenn er nicht hart durchgegriffen hätte, würde die Hälfte der Sechst- und Siebentklässler im Krankenflügel liegen, so gering war ihre Aufmerksamkeitsspanne. Bei den Fünftklässlern, deren Anführer generell zu Anarchie und Chaos neigten, hatte er die Weasley-Zwillinge zu Strafarbeiten verdonnert, an die sie noch bis ans Ende ihrer Schulzeit denken würden. Selbst die Drittklässler zeigten schon eine solche Renitenz angesichts seiner Präsenz, dass er auch dort den Klassenraum unzufrieden und irritiert verließ. Nur der Gedanke, dass es ihm mit seinen Hausaufgaben gelingen könnte, Lupins wahre Identität zu enthüllen, hob seine Stimmung etwas.
„War das wirklich notwendig, Severus?"
Remus Lupin kam aus einem Seitengang auf ihn zu und betrachtete ihn intensiv. Irgendetwas Unberechenbares haftete ihm an. Der Wolf war noch in ihm aktiv, dachte Snape unbehaglich. Sein Kollege blieb mit gerunzelter Stirn dicht vor ihm stehen.
„Ich danke dir für die Vertretung, aber du hattest kein Recht, umfangreiche Hausaufgaben abzufordern", sagte Lupin knapp. „Vielleicht erklärst du mir, was du mit dem Essay über die Erkennung von Werwölfen bezweckst?"
„Er ist Teil des Lehrplans der Drittklässler."
„Aber erst zum Ende des Schuljahres." Lupin strich seinen Umhang glatt, der an einigen Stellen an ihm schlotterte. „Ich habe zwar erwartet, dass du gegen meine Einstellung an dieser Schule stimmst, allerdings nicht damit, dass du niedere Rachegefühle auslebst. Hast nicht du mir neulich einen Vortrag über Fairness gehalten? Ist das deine Definition von Kollegialität?"
Snape warf ihm einen verächtlichen Blick zu und ging weiter, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Die Tage wurden immer kürzer und grauer, doch in der Schule vibrierte die übliche Aufregung vor dem nächsten Quidditchspiel. Am Spieltag knallte Snape zuerst kommentarlos einen Kessel mit Wolfsbanntrank in Lupins Büro auf den Tisch, bevor er den Massen zur Tribüne folgte. Snape war froh, dass ihm Lupins Anwesenheit während des Spiels erspart blieb. Er setzte sich neben Professor McGonagall.
Sie verzog die Mundwinkel zu einem erwartungsvollen Lächeln. „Es wird Zeit, dass der Pokal aus dem Kerker herauskommt", stichelte sie, als das Spiel angepfiffen wurde.
„Unwahrscheinlich", entgegnete er lakonisch.
„Und? Wie ist der neue Hufflepuff-Sucher?", erklang Dumbledores Stimme plötzlich neben ihm. Snape sah überrascht zur Seite. Es war selten, dass der Schulleiter an Quidditchspielen teilnahm, geschweige denn, darüber im Bilde schien, wie sich die Mannschaften zusammensetzten.
„Cedric Diggory spielt gut", bemerkte Professor McGonagall. „Zügig und effektiv, aber ich glaube, gegen Potters Wendigkeit hat er langfristig keine Chance."
Snape verfolgte die Jagd der beiden Sucher ohne großen Enthusiasmus, doch plötzlich stürzte Potter in rasantem Tempo zu Boden. Die Masse schrie auf. Dumbledore hob seinen Zauberstab und brüllte. Potter schien kurz in der Luft innezuhalten, den Bruchteil einer Sekunde später schlug er auf der Erde auf. Seine Mitspieler landeten einer nach dem anderen neben der reglosen Gestalt. Dumbledore scheuchte alle weg, während Minerva McGonagall wie erstarrt auf ihrem Platz saß.
„Kommen Sie", sagte Snape leise. Plötzlich schien ein Ruck durch sie hindurchzugehen und sie rannte zu Harry.
„Wenn Sie nicht den Verzögerungszauber gesprochen hätten…" Minerva McGonagall lief neben Professor Dumbledore, vor ihnen schwebte die Trage, auf der Harry Potter lag.
Dumbledores Augen flackerten und sein Bart bebte. „Das gibt ein Nachspiel!", rief er so laut, dass die Umstehenden erstaunt zu ihm schauten. Snape hatte den Schulleiter selten so wütend erlebt.
„Nicht auszudenken, was hätte passieren können", murmelte Professor McGonagall erschüttert.
Madame Pomfrey wuselte sofort um Potter herum und komplimentierte sie aus dem Krankenflügel hinaus.
„Was wollen Sie tun?", fragte Snape, während sie Dumbledore zum Schulleiterbüro folgten.
„Ein Besuch im Ministerium erscheint jetzt angemessen", entgegnete Dumbledore, dessen Gesicht wenig von der sonstigen Milde zeigte. „Fudge hat ausdrücklich zugesichert, dass die Dementoren nicht die Grenze zum Schulgelände überschreiten!"
Dezember 1993
Als die Schüler in den Weihnachtsferien bis auf wenige Ausnahmen abgereist waren, atmete Snape auf. Er mochte Weihnachten nicht und die von Dumbledore verordnete Teilnahme an gemeinsamen Mahlzeiten noch viel weniger. Aber er genoss die freie Zeit, die ihm ohne das Unterrichten für seine eigenen Interessen blieb.
Am Weihnachtsmorgen lag der übliche Geschenkstapel seiner Kollegen vor der Tür. Auch wenn er jedes Jahr erneut betonte, dass man sich den Aufwand sparen könnte, hielt sich niemand daran und mittlerweile wäre er enttäuscht, wenn er den Platz vor seiner Tür tatsächlich leer vorfinden würde. Er selbst hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, Anfragen seiner Kollegen nach diversen Kreationen seiner Zaubertränkekunst zu sammeln und ihnen dann zu Weihnachten als Jahresvorrat zu überreichen. Es war eine stillschweigende Vereinbarung, doch er wusste, dass sie sich darauf verließen, dass er ihnen die gewünschten Tränke bis dahin zubereitete.
Er trug die Geschenke in seinen Wohnraum. Das purpurfarbene Papier mit den silbernen Sternen stammte garantiert von Dumbledore. Er riss es achtlos ab, bis er den gigantischen Wälzer „Tränkekunst Australiens" freigelegt hatte. Snape lächelte zufrieden und legte das Buch auf dem Regal ab, um es später genauer in Augenschein zu nehmen. Dumbledore kannte seine Mitarbeiter.
Der penetrante Moschusgeruch eines kleinen Pakets deutete auch schon auf die Absenderin hin. Snape rümpfte die Nase und öffnete es mit spitzen Fingern. Ein schmaler Band mit dem Titel „Zauber des Mondes" kam zum Vorschein. Wahrscheinlich hatte Trelawny wieder einmal zu tief ins Cherryglas geschaut und ihm Lupins Geschenk untergejubelt. Sinistra und Vektor hatten ihm gemeinsam eine große Flasche Feuerwhisky gekauft, dieses Mal sogar eine akzeptable Sorte, wie er anerkennend feststellte. Ein weiteres Paket enthielt ein unförmiges Ledergefäß. Er suchte eine Weile den Verschluss und als er es öffnete, fielen ihm getrocknete Flubberwürmer entgegen. Er nickte beifällig, denn sie eigneten sich hervorragend für Heiltränke. Doch nicht nur Hagrids, sondern auch Flitwicks Päckchen enthielt Zutaten. Snape wusste, dass sein Kollege über interessante Bezugsquellen verfügte.
Minerva McGonagalls Geschenk entlockte ihm wie jedes Jahr ein Grinsen. Ein Löwenkopf zierte das filigrane Tintenfass. Sie hielt sich genauso an die Tradition wie er, denn der Verschluss seines diesjährigen Geschenks für Minerva war einer Boa constrictor nachempfunden. Sie musste inzwischen eine ganze Sammlung an Schlangengefäßen besitzen, hatte aber nie ein Wort darüber verloren, ebenso wenig, wie er jemals ihre Löwenverzierungen kommentierte.
Als ihm Professor McGonagall am Abend ein weiteres Paket entgegenhielt, hob er erstaunt die Augenbrauen.
„Ich möchte Sie bitten, genaueste Untersuchungen damit anzustellen", erklärte sie.
Er wickelte den Gegenstand aus seiner Verpackung und sah den Feuerblitz einen Moment verständnislos an. „Ein guter Besen. Beabsichtigen Sie, das Gryffindorteam zu verstärken?"
„Harry Potter bekam diesen Besen anonym zugeschickt."
„Anonym?"
„Sagte ich doch gerade", erwiderte sie knapp. „Vielleicht stammt er von Black."
„Sie glauben, Black hat ihn gestohlen und verflucht?", vergewisserte sich Snape skeptisch.
„Ich halte es ebenfalls nicht für sehr wahrscheinlich, wir müssen allerdings sicher sein. Filius und Madame Hooch werden den Feuerblitz gründlich prüfen, aber vorher sollten wir abklären…"
„… ob es sich um Dunkle Magie handelt", beendete er ruhig den Satz, ließ seine Finger über das glatte Holz gleiten und schüttelte den Kopf. „Man würde sie spüren."
„Wären Sie dennoch so freundlich, ein paar Tests durchzuführen? Es hat keine Eile."
„Ich wette, dass Potter das anders sieht", sagte er spöttisch.
Snape prüfte den Besen noch am gleichen Abend und konnte keinerlei Anzeichen für Manipulationen entdecken. Aber wer schickte Potter anonym einen Feuerblitz?
Er hatte geschworen, den Jungen zu schützen - und wäre er in Slytherin, würde er ihm unter den derzeitigen Umständen ganz sicher keinen mysteriösen Besen aushändigen.
Doch wie weit erstreckte sich seine Verantwortung, wenn der Schulleiter und Potters Hauslehrerin entschieden, dass der Held der Zaubererwelt weiterhin mit seinem Tarnumhang durch die Gegend laufen und anonyme Geschenke benutzen durfte?
