Kapitel 8 – 1994 Part I

Februar 1994

„Ich dachte, den Dementoren ist es ausdrücklich untersagt, sich auf dem Gelände aufzuhalten?", rief Professor McGonagall empört.

Dumbledore stand auf und auch Snape folgte ihrem Blick. Auf dem Quidditchfeld bewegte sich eine große dunkle Gestalt. Eine einzelne Person löste sich aus der Menge der Spieler, die am Himmel entlang rasten, und nahm Kurs auf den Dementor. Wenige Augenblicke später erschien ein heller Umriss. Snape kniff die Augen zusammen. Ein Patronus? Mehrere Blitze zuckten durch die Luft, doch zu Snapes Verwunderung verschwand der Dementor nicht, sondern brach auf dem Boden zusammen.


„Was habt ihr euch dabei gedacht?" Snape blieb vor Draco stehen, der ihn aufsässig ansah, die Hände in den Taschen vergraben.

„Es war nur ein Scherz", murmelte Goyle.

Professor McGonagall ging wie eine Furie auf ihn zu, bevor Snape antworten konnte. „Das war ein Foul, ein feiger, unrühmlicher Versuch, das Spiel zu stören und Slytherin einen Vorteil zu verschaffen!"

„Wir wollten Potter einen Schreck einjagen, okay?" Draco Malfoy erinnerte Snape immer mehr an Lucius, allein die Arroganz, mit der er Minerva ansah, der herablassende Ton…

„Unfaires Verhalten wird in Hogwarts nicht toleriert!", fuhr ihn Professor McGonagall an. Dann schaute sie über den Rand ihrer Brille zu Snape. „Ich verlasse mich darauf, dass Sie angemessene Strafarbeiten für sie finden."

Sie nickte ihm zu und als sich die Tür hinter ihr schloss, sah Snape einen nach dem anderen mit unbeweglicher Miene an. „Ihr liefert mir einen Aufsatz über das Wesen der Dementoren und ihre Wirkung auf Menschen. Eine Länge von 30 Inch sollte genügen."

„30 Inch?", riefen Crabbe und Goyle synchron, während Malfoy finster vor sich hinstarrte.

„Und danach meldet ihr euch bei Mr. Filch", fügte Snape hinzu und deutete zur Tür.

Nachdem die drei Jungen maulend sein Büro verlassen hatten, grübelte Snape über seine Beobachtung auf dem Quidditchfeld nach. Es war Potter gewesen, der dem vermeintlichen Dementor einen Patronus entgegengesetzt hatte. Wie konnte ein Dreizehnjähriger in der Lage sein, einen Patronus zu manifestieren?


In der darauffolgenden Nacht gelang es Sirius Black erneut, in den Gryffindorturm einzubrechen.

„Es ist mir ein Rätsel", murmelte Dumbledore, während er seinen Zauberstab in einer eleganten Schleife über die dicken Mauern bewegte. Snape und er überprüften jeden einzelnen Zauber, der Hogwarts schützte. Doch bisher waren alle intakt gewesen.

„Warum sind Sie so bestrebt, das Offensichtliche zu ignorieren?" Es fiel Snape schwer, seinen Zorn über den Schulleiter zu beherrschen. Wieso ergriff Albus noch immer für Lupin Partei? „Black hätte ihren kostbaren Potter töten können und die anderen Jungen gleich mit. Wie wollen Sie die Schüler schützen, wenn Sie dem Werwolf nicht Einhalt gebieten?"

„Remus hat damit nichts zu tun", erwiderte Albus Dumbledore ernst.

„Wer weiß, wie lange sich Black schon im Gebäude aufhält!"

„Sämtliche Räume wurden noch einmal durchkämmt. Sirius Black ist nicht mehr hier."

„Black besitzt also die Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen?"

Dumbledore schüttelte über den aggressiven Ton seines Tränkemeisters nachsichtig den Kopf. „Wir werden ihn finden. Bis dahin bitte ich Sie, Harry Potter unvermindert im Blick zu behalten, vor allem am Hogsmeade-Tag."

„Sie erwarten doch wohl nicht im Ernst, dass ich einen ganzen Nachmittag durch Süßwaren- und Scherzartikelläden laufe?"

„Das ist nicht nötig." Snape hätte schwören können, dass es um Dumbledores Mundwinkel kurz zuckte und sein Gesicht verhärtete sich.

„Harry hat keine Erlaubnis, Hogsmeade zu besuchen", erklärte Albus Dumbledore ruhig.

„Tatsächlich?", vergewisserte sich Snape sichtlich überrascht. Deshalb also hatte er Potter am letzten Hogsmeade-Tag bei Lupin angetroffen.

„Seine Familie gab ihm erwartungsgemäß keine Erlaubnis."

„Ich dachte, bei Kindern aus Muggelfamilien, die wenig Interesse an der Zaubererwelt und ihren Gepflogenheiten zeigen, kann der Hauslehrer stellvertretend eine solche Erlaubnis erteilen?"

„Das stimmt, aber Professor McGonagall stimmt mit mir überein, darauf zu verzichten, so lange Sirius Black auf freiem Fuß ist. Wir müssen jedoch davon ausgehen, dass Black einen solchen Tag ausnutzen könnte, um erst Hogsmeade und dann Hogwarts einen Besuch abzustatten. Harry ist im Schloss sicherer als draußen."


Snape hatte schlecht geschlafen und seine Stimmung war entsprechend gereizt. Immer wieder kreisten seine Gedanken um die Frage, wie es Black gelungen sein könnte, aus einem Gefängnis wie Azkaban zu fliehen und warum er ein solches Interesse an Potter bekundete. Wollte er sich dafür rächen, dass der Dunkle Lord an diesem Kind gescheitert war?

Sobald die Schülerschar Richtung Hogsmeade am Horizont verschwunden war und Filch sämtliche Eingänge verriegelt hatte, entdeckte er Potter in einem verlassenen Gang, zusammen mit Longbottom. Snape verbarg sich hinter einer Säule und beobachtete jede Bewegung der beiden Jungen, die offensichtlich etwas ausheckten. Doch als Minute um Minute ereignislos verrann, beschloss er, die Sache abzukürzen. Longbottom schrak bei seinem Anblick zusammen, doch Potter räumte nur zögernd das Feld. Snapes Misstrauen verdoppelte sich, aber die Statue der einäugigen Hexe gab ihm keinen Hinweis darauf, ob sie der Grund für das Treffen der beiden Jungen gewesen war. Er verharrte eine Weile an Ort und Stelle, falls sie die Dreistigkeit besaßen, zurückzukehren.

Schon wenige Minuten später hörte er Schritte, aber es war Professor Vektor, die von seltsamen Lauten hinter einer verschlossenen Tür im dritten Stock berichtete. Nachdem sie zwei panische Zweitklässler befreit und mit Strafarbeiten versehen hatten, wog Snape seine Möglichkeiten ab. Er konnte nicht nachprüfen, ob Potter tatsächlich in den Gemeinschaftsraum zurückgekehrt war, da Minerva keine Einmischung in ihrem Bereich tolerierte. Aber er würde wenigstens dafür sorgen, dass Potter den Nachmittag nicht wieder bei Lupin verbrachte. Nach den jüngsten Ereignissen war damit zu rechnen, dass Lupin Potters Vertrauen erwarb, um ihn Black auszuliefern.

Doch Lupin hatte sich hinter einem gigantischen Papierstapel verschanzt und es sah so aus, als stünde beim Werwolf bis auf weiteres die Korrektur von Hausaufgaben und Aufsätzen auf der Agenda.


Er drehte eine Kontrollrunde in den oberen Etagen, bevor er in den Kerker zurückkehrte, um einen Stapel Bibliotheksbücher zu holen. Wenn er schon den ganzen Nachmittag als Wachhund durchs Schloss laufen musste, konnte er das genauso gut mit ein paar Erledigungen verbinden.

Am Fuß der Wendeltreppe kam Draco Malfoy keuchend auf ihn zu. „Professor! Professor!"

„Was ist los? Solltest du nicht in Hogsmeade sein?", fragte Snape streng. Doch als ihn Malfoy erreichte, sah er, dass seine Kleidung durchweicht und mit Schlamm verschmiert war. Die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht - keine Spur mehr von der üblichen blasierten Arroganz.

„Potters Kopf! Ohne Körper!" Draco fing an zu zittern.

„Was?" Im ersten Moment schoss Snape nur ein Gedanke durch den Kopf: dass Harry Potter tot war. Er packte den Jungen an der Schulter und schüttelte ihn. „Wo? Was ist passiert? Rede, Draco!"

„In Hogsmeade. Sein Kopf - er SCHWEBTE IN DER LUFT! Direkt vor uns! Es waren auch Fußspuren zu sehen, aber er hatte keinen Körper mehr!", schrie Malfoy hysterisch.

Der Tarnumhang. Natürlich. Snape durchflutete solche Erleichterung, dass ihm für einen Moment seine Beine nachzugeben schienen. Doch im nächsten Augenblick wurde sie von Zorn abgelöst. Black war auf freien Fuß und auf der Suche nach Potter und der Junge hatte keine Erlaubnis, Hogsmeade zu besuchen. Und dennoch setzte sich Potter wieder einmal arrogant über alles hinweg, was andere an Mühe, Zeit und Überlegung investierten, um ihn zu schützen?

Draco begann, unkontrolliert zu zittern. Snape hob den Zauberstab und murmelte einen Wärmezauber. „Geh zurück in den Gemeinschaftsraum."

„Aber Potters Kopf…"

„Ich kümmere mich darum", sagte Snape knapp und ergriff den Umhang. Er hatte auch schon eine Ahnung, wo er den Bengel abpassen konnte.

Doch bevor er die Statue der einäugigen Hexe erreichte, kam ihm Potter bereits außer Atem entgegen. Sein Erschrecken, das Schuldbewusstsein, die verdreckten Schuhe und die schmutzigen Hände sagten Snape alles, was er wissen musste.


„Zum letzten Mal, Lupin: Was ist das für ein Pergament?"

„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass es sich um einen Zonko-Scherzartikel handelt", erklärte Remus Lupin geduldig.

„Du weißt, was es ist, also erspare mir die Lügen", entgegnete Snape mit stählernem Unterton. „Ich habe ein solches Pergament bereits in James Potters Händen gesehen. Und nun besitzt es sein Sohn."

Mit Befriedigung registrierte Snape, dass Lupin einen Augenblick verunsichert schien.

„Auch James war regelmäßiger Zonko-Besucher", sagte er schließlich mit einem Schulterzucken.

„Es ist mir unbegreiflich, dass Dumbledore jemandem wie dir vertraut", spie Snape und der ganze Frust über die erfolglose Suche nach Black, Potters Unverschämtheit und Dumbledores offensichtliche Sorglosigkeit pulsierte durch seine Adern wie Feuer.

„Seltsam, Severus, das Gleiche habe ich mich auch gefragt, als ich hörte, dass du hier unterrichtest. Ein Todesser..."

Snape zog seinen Zauberstab und stand mit wenigen Schritten so dicht vor dem Verteidigungslehrer, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. „Ich war immer loyal zu…"

„… zu deinen Herren, nicht wahr? Erst Voldemort…"

Snapes Lippen bewegten sich kaum, als er antwortete. „Obwohl ich als Jugendlicher in die falsche Richtung ging, gab mir Albus Dumbledore diese Chance in Hogwarts. Ich weiß sehr wohl, bei wem meine Loyalität liegt. Kannst du das Gleiche von dir sagen, Lupin?"

Remus Lupin erwiderte den lodernden Blick gelassen, ohne die Augen abzuwenden, was Snape noch mehr in Rage brachte. „Ihr habt euch immer damit gebrüstet, zum „richtigen" Haus zu gehören, das ach so hehre Ziele verfolgt – doch in Wirklichkeit wart ihr eine Horde feiger Tyrannen."

„Verallgemeinerst du nicht ein bisschen?" Lupin ging zum Fenster und schaute nachdenklich auf die dicke schwarze Qualmwolke, die von Hagrids Hütte emporstieg.

„Und schließlich verriet Black seinen engsten Freund und löschte mehrere Leben aus", fuhr Snape unbeirrt fort. „Das nenne ich wirklich den Gipfel an tapferem gryffindor'schem Edelmut." Er begann, in Lupins Büro auf und ab zu laufen, die Arme fest vor der Brust verschränkt, Abscheu im Blick.

„Ich war ebenso schockiert von Sirius Verrat."

„DU", Snapes Zeigefinger deutete direkt auf Lupins Herz, als wolle er es durchbohren, „…du bist ein Feigling. Und daher wundert es mich umso mehr, dass du überhaupt keine Bedenken zu haben scheinst, dass Black auch dich erledigen könnte. Bei James Potter und Pettigrew war er nicht zimperlich. Und ich weiß, warum: Weil du mit ihm unter einer Decke steckst, weil du ihm Zugang zum Schloss verschaffst!"

„Du irrst dich." Remus Lupin schloss das Fenster und strich sich mit einer resignierten Geste durch die Haare.

„Ich behalte dich im Auge, Lupin. Verlass dich darauf", sagte Snape und ging zur Tür.

„Mach, was du willst, Severus", erwiderte Remus Lupin müde.


Mai 1994

Während der Frühlingsmonate war Snape Harry Potter mehrere Male bei seinen nächtlichen Ausflügen gefolgt, immer auf der Hut und gut vorbereitet auf eine eventuelle Konfrontation mit Black. Potter machte sich mit seinen Regelverletzungen zum perfekten Köder. Doch der Sträfling blieb unsichtbar, obwohl auch das Ministerium das Kopfgeld erhöhte und intensivere Suchmaßnahmen einleitete.

Die Loyalität, die Dumbledore dem Werwolf entgegenbrachte und Lupins steigender Beliebtheitsgrad an der Schule machten es Snape zunehmend schwieriger, den Status des Verteidigungslehrers zu untergraben. Als auch noch Slytherin den Quidditchpokal an Gryffindor verlor und Minerva tagelang betonte, wie gut es dem Pokal tat, endlich Tageslicht zu sehen, hatte Snapes Stimmung den absoluten Tiefpunkt erreicht.


Juni 1994

Albus Dumbledore warf ihm einen freundlichen Blick zu, als er eintrat und den Kessel mit dem Wolfsbanntrank auf dem kleinen Tisch neben der Tür abstellte. „Welch angenehme Überraschung. Was bringen Sie mir Schönes, Severus?"

„Lupin hat seinen Trank nicht eingenommen", sagte er grußlos. „Sein Büro und seine Wohnung sind seit Stunden verschlossen."

„Tatsächlich?"

„Sie wissen, was passiert, wenn er den Trank vergisst. Es ist der Gipfel der Verantwortungslosigkeit, inmitten all der Schüler! Vielleicht hat er sich auch aus dem Staub gemacht und leistet Black Gesellschaft."

„Er war noch vor einer halben Stunde hier bei mir. Vermutlich ist er inzwischen in seine Räume zurückgekehrt."

„Dann hätte ich ihn unterwegs getroffen", knurrte Snape gereizt, ergriff den Kessel mit dem Wolfsbanntrank und begab sich fluchend zum dritten Mal an diesem Tag zu Lupins Büro. Auch wenn Lupin jetzt anwesend wäre, hätte er den Trank schon vor Stunden das erste Mal einnehmen müssen. Wieder antwortete niemand auf sein Klopfen, doch als er dieses Mal die Klinke herunterdrückte, öffnete sich die Tür.

„Lupin?"

Nachdem keine Antwort kam, trat er ein und schob er einen Stapel Hefte auf dem Schreibtisch beiseite, um Platz für den Kessel zu schaffen. Ein Stück Pergament, auf dem sich zahlreiche schwarze Punkte bewegten, erregte seine Aufmerksamkeit. Er nahm es in die Hand und je länger er es studierte, desto mehr weiteten sich seine Augen: Alle Punkte waren mit Namen versehen, Namen, die er kannte. Er hielt einen geradezu unglaublichen Plan von Hogwarts mit den Bewegungen sämtlicher Bewohner in den Händen und nicht nur das – es war zweifellos die Karte, die er in Potters Besitz entdeckt hatte. Wenn Lupin wusste, wie sie funktionierte: Hatte er damit Black ins Schloss gelotst? Fieberhaft suchte er Lupins und Blacks Namen. Sobald er ersteren fand und erkannte, dass sich der kleine Punkt in schnellem Tempo Richtung Ausgang bewegte, verlor er keine Zeit.

Snapes Schritte hallten auf dem Steinboden, als er die Gänge entlang rannte. Sobald er das Schloss verlassen hatte, sah er Lupin zielgerichtet auf die Peitschende Weide zugehen und dort eine Stelle am Stamm berühren. Er verlangsamte sein Tempo und beobachtete im hellen Mondlicht, wie die Äste stillstanden und der Werwolf im Inneren des Baumes verschwand.


Als er die Weide erreichte und das dünne glitzernde Gewebe erkannte, das am Fuß des Baumes lag, bildete sich ein Eisklumpen in seinem Magen. War Potter etwa hier? Kam er zu spät? Er warf den Tarnumhang über und folgte einem schmalen Gang geradeaus. Aus der Ferne drang Stimmengemurmel an sein Ohr. Je weiter er lief, desto lauter wurden die Geräusche, bis der Gang schließlich vor einer alten Tür endete. Snape öffnete sie langsam und trat ein.

Eine Welle des Hasses überrollte ihn, als er Black und Lupin wie zwei alte Freunde plaudern sah. Hatte er Dumbledore nicht wieder und wieder gewarnt? Snape scannte den Raum. Sie hatten nicht nur Potter, sondern auch Weasley und Granger in ihre Gewalt gebracht. Alle drei Kinder schienen unter dem Confundus-Zauber zu stehen, denn sie hörten den beiden Verbrechern gebannt zu.

Snape wog rasch seine Möglichkeiten ab. Black sah aus, als ob ihn ein Lufthauch umwehen würde, ausgemergelt und schwach. Aber er durfte weder ihn noch Lupin unterschätzen. Er richtete den Zauberstab direkt auf Blacks Herz, trat vor und legte den Tarnumhang ab.