Kapitel 9 – 1994 Part II

Als Snape erwachte, spürte er Erde und Gras unter sich. Er setzte sich auf und rieb die schmerzenden Ellenbogen, während er versuchte, sich zu orientieren. Leises Plätschern drang an sein Ohr und Snape erkannte den See. Er erhob sich mühsam. Langsam kehrte die Erinnerung zurück. Die Schüler hatten ihn in der Heulenden Hütte angegriffen, beeinflusst durch Lupin und Black. Er fühlte das Blut, das über sein Gesicht rann.

Ein paar Schritte weiter entdeckte er einen dunklen Umriss auf der Erde und trat näher. Weasley. Das Bein des Jungen bildete einen seltsamen Winkel. Snape vergewisserte sich, dass er atmete und legte ihn in eine andere Position. Während er einen Heilzauber murmelte, durchschnitt ein grauenvolles Heulen die nächtliche Stille. Also hatte Lupins Transformation bereits stattgefunden. Waren die anderen Kinder noch am Leben?

Während er den Uferstreifen absuchte, kündigte ein eisiger Hauch die Dementoren bereits an, bevor er sie sah. Snape zog schaudernd seinen Zauberstab und verfolgte, wie sich die unheimlichen Kreaturen ein Stück entfernt versammelten. Mehr und mehr kreisten in der Luft, bis der Himmel schwarz wurde. Es war ein gespenstiger Anblick. Snape spürte, wie die Kälte in ihn eindrang, ihn lähmte, mit eisigen Fingern sein Herz umklammerte. Sein Patronus schoss aus der Spitze des Zauberstabs, tänzelte vor ihm und umhüllte ihn schließlich wie ein wärmender Kokon.

Snape wusste nun, wo er suchen musste. Doch bevor er die Stelle erreichte, über der die Dementoren kreisten, bildeten sie eine riesige dunkle Formation und verschwanden über den Wipfeln der Tannen.

Er beschleunigte seine Schritte beunruhigt. Hatten sie sich bereits geholt, was sie wollten? Seine Befürchtung schien sich zu bestätigen, als er Potter, Granger und Black bewegungslos am Ufer liegen sah. Snape beugte sich zuerst über Potter, dann über Granger und zu seiner Erleichterung waren sie unversehrt. Auch Black schien noch im Besitz seiner Seele zu sein, sofern man bei einem Mörder seines Kalibers überhaupt davon sprechen konnte. Doch was hatte die Dementoren vertrieben?

Das Wolfsheulen erklang bedrohlich nahe. Snape zauberte hastig Tragen herbei und sammelte ein Stück weiter auch Weasley ein. Mit je zwei Tragen rechts und links vor sich schwebend, erreichte er schließlich Hogwarts.


Professor McGonagall kam ihm mit wehendem Umhang entgegengeeilt. Mit einer Hand hielt sie ihren Hut fest, in der anderen den Zauberstab. „Severus, um Himmelswillen! Was ist passiert?"

Er berichtete in knappen Worten. Jeder Knochen seines Körpers schmerzte, als er die Stufen zur Eingangstür emporstieg.

„Die Kinder müssen sofort in den Krankenflügel", ordnete sie an. „Ich übernehme das und informiere Albus."

„Und ich kümmere mich um Black", stimmte er grimmig zu und ließ die Trage, auf welcher der Verbrecher lag, vor sich schweben.

Professor Flitwick warf einen erschrockenen Blick auf die Trage, als Snape an seinem Büro vorbeilief. „Black!"

„Ja", entgegnete Snape zufrieden. „Von hier entkommt er nicht wieder. Ich gehe davon aus, dass in Kürze eine Abordnung des Ministeriums eintrifft."

„Sie können mein Büro nutzen", bot Flitwick an.

„Danke, Filius." Snape vergewisserte sich, dass die Fesseln jedes Entkommen von Black unmöglich machten. Dann versiegelte er die Tür und eilte zum Krankenflügel. Ihm brannten einige Fragen auf der Zunge, die er von den Kindern beantwortet haben wollte.

Professor Dumbledore und Professor McGonagall standen vor Weasleys Bett und unterhielten sich leise.

Snape trat auf sie zu. „Glauben Sie mir jetzt, dass meine Zweifel an Lupin berechtigt waren?" Es gelang ihm nicht ganz, die Genugtuung aus seinem Tonfall zu verbannen.

Dumbledore sah ihn nachdenklich an, doch bevor er antworten konnte, wurde die Tür aufgerissen und der Zaubereiminister trat herein.

„Ist das hier eine Krankenstation oder ein Bahnhof?", rief Madame Pomfrey empört.


Orden des Merlin, dachte Snape eine halbe Stunde später immer wieder. Obwohl er den Kerl nicht ausstehen konnte, waren die lobenden Worte des Zaubereiministers nach dem Ärger der letzten Wochen wie Balsam gewesen.

Er hatte Black überführt und auch in Bezug auf Lupin Recht behalten. Angesichts der Umstände würde er sich großzügig zeigen und auf eine Bestrafung der Kinder verzichten, die ohnehin noch unter dem Einfluss des Confundus-Zaubers standen. Hauptsache, Black erhielt endlich, was er verdiente. Es brachte Lily zwar nicht zurück, aber er hatte wenigstens alles in seiner Macht Stehende getan, um den Verräter zu ergreifen und sie zu rächen.


Juli 1994

Mit dem Beginn der Ferien suchte Snape Zuflucht in Spinners End. Er konnte Albus Dumbledore nicht mehr die Augen schauen, ohne rasende Wut über die Leichtgläubigkeit des Schulleiters zu empfinden.

Umringt von sämtlichen Ausgaben des Tagespropheten der letzten Wochen und einer Flasche Feuerwhisky grübelte Snape auch an diesem Nachmittag darüber nach, wie es Potter gelungen sein könnte, den Mörder seiner Eltern zu befreien. Snape wusste nicht, wie er den Rest des Schuljahres überstanden hatte, ohne dem Jungen an die Gurgel zu gehen. Nicht einmal, nachdem der Confundus-Zauber längst verblasst sein musste, hatte Potter Entsetzen über seine Tat gezeigt. Aber die Krönung des Ganzen war die absurde Geschichte von Pettigrews Überleben und Blacks Unschuld, auf der Dumbledore nach wie vor beharrte. Snape erschien ein Stellenwechsel mittlerweile sehr verlockend, doch leider band ihn sein Eid an Hogwarts, so lange Potter dort zur Schule ging.

Er zerriss den Brief, mit dem Dumbledore einen Besuch am heutigen Nachmittag ankündigte. Dann nahm er eine Kelle und tauchte sie in den dunkelgrünen Trank, der auf niedrigster Flamme vor sich hin köchelte. Nachdem er die Flüssigkeit in ein Glas gefüllt und dieses in einem Zug geleert hatte, ließ er sich in den Sessel fallen, schloss die Augen und wartete auf das unvermeidliche Klopfen an der Tür.


Dumbledores Nasenflügel schienen die Luft im Raum aufzusaugen. Er schnupperte und richtete dann seine blauen Augen forschend auf Snape, der den Blick ungerührt erwiderte.

„Ich gehe davon aus, dass Ihnen die Langzeitwirkungen bekannt sind", begann der Schulleiter. „Wäre es nicht einfacher, die Wahrheit zu akzeptieren, statt sich von Ihrem Groll gegen Sirius Black und diesem Gebräu im Kessel zerfressen zu lassen?"

„Wahrheit?", schnaubte Snape höhnisch. „Sie decken einen Schwerverbrecher. Er hat Potter dazu gebracht, ihn zu befreien. Mir ist zwar nicht klar, wieso er ihn nicht tötete, wenn das doch offensichtlich der Grund war, der ihn nach Hogwarts führte."

„Sehen Sie Severus – genau da liegen Sie falsch. Sirius suchte Peter Pettigrew, der sich in seiner Animagus-Gestalt in Hogwarts aufhielt. Deshalb ist er in den Jungenschlafsaal eingedrungen und hat die Kinder unversehrt gelassen."

„Und das rechtfertigt die Brutalität und Vehemenz, mit der er vorgegangen ist?"

„Nein. Ich vertrete ebenfalls die Ansicht, dass Sirius Blacks Vorgehensweise nicht immer von Rücksicht auf andere geprägt war. Dennoch trägt er nicht die Schuld an der Ermordung von Lily und James Potter", entgegnete Dumbledore mit Nachdruck.

„Ist es nicht eigenartig, dass keiner, der an das Märchen von Pettigrews Verwandlung in eine Ratte glaubt, auch nur den leisesten Beweis dafür hat?"

„Ich kann es beweisen. Deshalb bin ich hier."

Snapes Ärger schlug in unverhohlenen Spott um. Er musterte Dumbledore mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wollen Sie damit ausdrücken, dass Pettigrew in der Tasche Ihres Umhangs sitzt und sich die Barthaare putzt?"

„Peter Pettigrew wurde zuletzt in Albanien gesichtet. Er war vermutlich auf der Suche nach seinem Herren, denn Voldemort hielt sich in den vergangenen Jahren dort auf."

„Und woher stammen diese erstaunlichen Insider-Informationen?"

„Ich war dort", sagte Dumbledore einfach.

„Sie waren in Albanien?", fragte Snape ungläubig.

„Vor wenigen Tagen. Ich hörte Gerüchte über ein verlassenes Dorf und suchte es auf. Im Nachbarort sagte man mir hinter vorgehaltener Hand, die Dorfbewohner seien vor einem Kukuth geflohen."

Snape verdrehte genervt die Augen. „Wovor?"

„Einem Kukuth, einem Dämon", erklärte Dumbledore. „Ein befreundeter Zauberer, der in der Nähe des Dorfes lebt, bestätigte mir, dass er dieses Wesen in Begleitung eines Mannes gesehen habe. Dessen Beschreibung passt haargenau auf Peter Pettigrew, während die weiteren Angaben auf Voldemort hindeuten."

Ein leises Fluchen unterbrach Dumbledores Bericht. Snape hatte eine Phiole so fest umklammert, dass sie zersprungen war und Blut von seiner Hand tropfte. Ohne die Augen von Dumbledore zu nehmen, spülte er sie rasch mit kaltem Wasser ab und sprach einen Zauber, der die Blutung stoppte.

„Ich bat ihn, die Augen offenzuhalten und mich zu verständigen, sobald er einen der beiden noch einmal sichtet", fuhr Dumbledore fort. „Und das traf heute bei mir ein."

Er zog ein rechteckiges Stück Papier aus der Tasche und hielt es Snape hin. „Er besitzt einen Apparat, mit dem die Muggel Abbilder erzeugen."

Snape betrachtete das Foto. Es gab keinen Zweifel. Es war Pettigrew.


Er verließ den Raum ohne Kommentar und atmete ein paar Mal tief durch. Wie war das möglich? Wieso Pettigrew, der hündisch ergebene Sklave von Potter? Steckten Black und Pettigrew unter einer Decke oder hatte wirklich nur Pettigrew im Alleingang diesen Albtraum inszeniert, war er schuldig an Lilys Tod? Snapes Kopf drohte zu zerspringen. Auch die Narbe an seinem Arm pochte seit einigen Tagen. Er betrachtete den verblassten Totenschädel angewidert und verfluchte den Moment, der ihn damals in den Kreis dieses Wahnsinnigen getrieben hatte.

Als er in den Wohnraum zurückkehrte, hielt Dumbledore eine Tasse Tee in der Hand und schwenkte sie abwesend hin und her. „Die Eule mit dem Foto war mehrere Tage unterwegs. Die Ministeriumsangestellten, die in die Gegend entsendet wurden, teilten mit, dass die beiden seither nicht mehr gesehen wurden. Wir müssen davon ausgehen, dass sie ihren Unterschlupf gewechselt haben oder sogar nach Großbritannien zurückgekehrt sind."

Snape verspürte ein ungutes Ziehen in der Magengegend. Falls das alles tatsächlich der Wahrheit entsprach…

„Sirius saß unschuldig in Azkaban", fuhr Dumbledore fort.

„Pettigrews Foto ist kein Beweis für Blacks Unschuld", entgegnete Snape scharf.

„Deshalb versteckt er sich weiterhin. Aber ich werde diesen Beweis erbringen und ich möchte Sie bitten, mir dabei zu helfen. Wir haben in Kürze auch Alastor Moody auf unserer Seite…"

„Mad-Eye Moody?", fragte Snape und verbarg nur schlecht ein Schaudern.

„Er wird im nächsten Schuljahr in Hogwarts aushelfen und Verteidigung unterrichten."

Auf Snapes Nasenwurzel bildete sich eine tiefe Kerbe. „Sie wissen, dass er mich noch immer verdächtigt, ein Todesser zu sein, dass er mich auf Schritt und Tritt beschatten wird?"

„Sie hören sich schon fast so an wie er", stellte Dumbledore amüsiert fest.


August 1994

Es sollte nicht der letzte Besuch sein, den ihm Albus Dumbledore während der Sommerferien abstattete. Drei Wochen später erschien er erneut, eine zwei Tage alte Ausgabe des Tagespropheten unter dem Arm. „Einige der üblichen Verdächtigen haben sich offenbar gezielt die Weltmeisterschaft herausgesucht, um Angst und Schrecken zu verbreiten", meinte er zur Begrüßung.

Snape musterte das Dunkle Mal, das die Titelseite der Zeitung zierte. „Ich war gestern bei Malfoy zum Dinner. Obwohl sich einige der Anwesenden mit ihrem Auftritt bei der Weltmeisterschaft brüsteten, zeigten sie sich erschrocken über das Mal. Sie fürchten seine Rückkehr."

„Wir werden herausfinden, wer dafür verantwortlich ist", sagte der alte Zauberer ernst.

„Stimmt es, dass es mit Potters Zauberstab heraufbeschworen wurde?"

„Leider ja", seufzte Dumbledore.

Snape hob eine Augenbraue. „Wie kommt es, dass immer Potter auftaucht, wenn merkwürdige Dinge geschehen?"

„Er war nicht der einzige Besucher der Weltmeisterschaft", erwiderte Dumbledore, setzte sich ans Fenster und ließ nachdenklich eine Hand durch seinen langen Bart gleiten.

„Und sein Zauberstab?"

„Zufall. Er rannte und verlor ihn in der Massenpanik."

„Hm." Snape klang nicht überzeugt, aber als er ins Gesicht des Älteren sah, behielt er weitere Kommentare zu dieser Thematik geflissentlich für sich. „Werden Sie trotz dieser Vorfälle das Trimagische Turnier in Hogwarts stattfinden lassen?"

„Ja. Ich erachte es als wichtig, die Beziehungen zu Beauxbaton und Durmstrang zu vertiefen und wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie Igor ein wenig auf den Zahn fühlen."

Snape nickte grimmig. Igor Karkaroff hatte ihn damals während seines Prozesses belastet, um seine eigene Haut zu retten. Seine Sympathien für den Schulleiter von Durmstrang hielten sich in Grenzen.


Oktober 1994

Konnten zwanzig zusätzliche Schüler eine solche Steigerung des Lärms in Hogwarts bewirken? Die Gäste waren gestern eingetroffen und Snape kam sich seither vor wie in Kings Cross. Es hatte bereits mehrere Unfälle gegeben, als Minderjährige versuchten, die Alterslinie zu überlisten, die sie von ihrer Teilnahme am Turnier trennte. In den älteren Jahrgängen gab es Gezänk und Prügeleien um die Frage, wer am besten als Kandidat geeignet sei. Snape ging nach wie vor mit unnachgiebiger Härte gegen jede Regelverletzung vor, während seine Kollegen angesichts der allgemeinen Aufregung ein Auge zudrückten.

„Wer wohl Hogwarts-Kandidat wird?", murmelte Professor McGonagall beim Halloween-Essen vor sich hin.

„Wir werden es gleich erfahren", knurrte Snape und beobachtete seine Tischnachbarn. Karkaroffs Miene war wie aus Holz geschnitzt, doch ein Flackern der Augen verriet seine Anspannung. Die Schulleiterin von Beauxbaton erwiderte seinen Blick und Snape erschauderte. Jedes Mal, wenn die Riesin ihre Zähne zu einem Lächeln fletschte, verspürte er den unwiderstehlichen Drang zur Flucht.

Im Saal war schlagartig Ruhe eingekehrt. Snape lenkte seine Aufmerksamkeit auf Dumbledore zurück, der vor dem Pokal Stellung bezog. Nur wenige Sekunden später warf der Pokal das erste Stück Papier aus.


„Harry kann seinen Namen nicht selbst hineingetan haben." Dumbledore lehnte am Bogenfenster seines Büros und betrachtete die Drehungen eines goldenen Gerätes, bevor er fortfuhr: „Bitte versuchen Sie herauszufinden, ob Igor Karkaroff etwas damit zu tun hat, Severus. Lassen Sie ihn in dem Glauben, dass Sie Harry für den Schuldigen halten."

„Karkaroff war auch mein erster Gedanke", sagte Minerva McGonagall. „Die Art, wie er Harry betrachtet, wenn er sich unbeobachtet glaubt, gefällt mir nicht."

Snape ließ seine Finger mit gerunzelter Stirn über den Pokal gleiten. Dann drehte er ihn um.

Professor McGonagall sah eine Weile zu, bevor sie das Schweigen brach. „Und? Erkennen Sie irgendeine Einflussnahme von außen?"

„Nichts. Der Pokal ist unangetastet. Jemand hat Potters Namen hineingeworfen."

„Was machen wir jetzt nur mit Harry?", fragte Professor McGonagall besorgt. „Er kann diese Aufgaben in seinem Alter unmöglich bewältigen. Auch wenn ihn Professor Moody im Blick behält..."

„Die Regeln verlangen, dass er es zumindest versucht", erklärte Dumbledore. „Es besteht jederzeit die Möglichkeit, in das Turnier einzugreifen. Ihm wird nichts passieren, Minerva."

„Das will ich hoffen", murmelte die Hauslehrerin von Gryffindor. Dann richtete sie sich auf und ging zur Tür. „Das ganze Turnier ist Wahnsinn, Dumbledore! Kinder mit ausgewachsenen Drachen zu konfrontieren, ich bitte Sie!"