Kapitel 11 – 1995 Part I
Februar 1995
Snape verfolgte das Trimagische Spektakel am See nur bis zur Verkündung des Punktestands. Nach Potters Darstellung hatte sich ein Verdacht in ihm manifestiert, den bereits ein kurzer Blick auf zwei Gläser in seinem Vorratsschrank bestätigte. Während er noch darüber nachdachte, wie er den Diebstahl ahnden könnte, klopfte es.
„Sie sind so schnell verschwunden, Severus. Ich muss Sie etwas fragen."
Snape deutete wortlos auf den hohen Lehnstuhl. Albus Dumbledore stützte seine Ellenbogen auf das weiche Leder der Armlehnen und faltete die Hände, sodass sich die Fingerspitzen leicht berührten. „Ich glaube, dass Igor Karkaroff im Begriff steht, zu fliehen. Wissen Sie etwas darüber?"
„Nein, aber ich habe den gleichen Eindruck", bekräftigte Snape.
„Ihm scheint nicht bewusst zu sein, dass er sich damit in noch größere Gefahr begibt."
„Langfristiges Abwägen lag noch nie in seiner Natur", sagte Snape verächtlich. „Karkaroff ist Sklave seiner Furcht und gehorcht seinen unmittelbaren Impulsen."
„Sehen Sie eine Möglichkeit, ihm die Flucht auszureden?"
„Nein. Es sei denn, Ihr Verteidigungslehrer steckt das, was von seiner Nase übriggeblieben ist, künftig in seine eigenen Angelegenheiten."
Der alte Zauberer warf ihm einen erstaunten Blick zu.
„Mad-Eye Moody spioniert seit Monaten in unseren Arbeits- und Wohnräumen", erklärte Snape zornig. „Karkaroff hat keinen Grund, sich in Hogwarts sicher zu fühlen."
Dumbledore nickte langsam. „Ich werde mit Alastor sprechen."
„Nirgendwo in diesem Schloss wird einem noch Privatsphäre zugestanden, Diebstähle werden sogar mit Punkten belohnt...", fuhr Snape aufgebracht fort.
„Diebstähle?" Die blauen Augen musterten ihn nun sanft und fragend.
„Potter!", spie Snape, als wäre er kurz davor gewesen, an den beiden Silben zu ersticken. „Er bedient sich aus meinen Vorräten und das nicht zum ersten Mal!"
„Was hat er Ihrer Meinung nach entwendet?"
„Sie waren Zeuge, wie er vorhin im See Dianthuskraut einsetzte. Wie der Zufall es will, fehlt eine beträchtliche Menge in meinem Labor. Ich habe es gerade überprüft." Snapes Stimme vibrierte vor unterdrückter Wut. „Er hätte mich fragen können. Aber der berühmte Harry Potter hat es ja nicht nötig, Normalsterbliche um etwas zu bitten."
„Wissen Sie denn mit Sicherheit, dass es Ihr Kraut war? Er könnte sich anderweitig darum gekümmert haben", gab Dumbledore ruhig zu bedenken.
„Es ist eines der am schwersten erhältlichen Kräuter überhaupt. Die Wartezeiten betragen 5 bis 6 Monate und…" – Snape sah seinen Vorgesetzten triumphierend an – „… es ist registrierungspflichtig und Potter minderjährig. Der Fall ist klar."
„Ich verstehe. Selbst wenn Harry das Rätsel des goldenen Eis am ersten Tag entschlüsselt hätte, wären drei Monate zwischen den Aufgaben zu knapp gewesen, um das Kraut zu beschaffen. Auch, wenn es jemand für ihn organisiert hätte…"
„Exakt", unterbrach Snape ungeduldig. „Außerdem haben Potter und seine Freunde schon früher Vorräte entwendet - für Vielsafttrank. Ich konnte es ihnen nur nie nachweisen."
„Tatsächlich?"
„Auch diese Zutaten nehmen seit einiger Zeit wieder rapide ab!"
„Warum legen Sie keine Schutzzauber auf Ihre Vorräte, Severus?", meinte Dumbledore liebenswürdig. „Wäre das nicht das einfachste Mittel gegen die Verlockungen, die Ihr Labor zweifellos beinhaltet?"
„Ich möchte ihn auf frischer Tat ertappen", knurrte Snape. „Wenn Sie Potter nicht seit Jahren diesen Tarnumhang erlauben würden, hätte ich schon längst den Beweis erbracht, dass er es ist."
„Sie glauben, der Dieb könne nur Harry sein, weil er über einen Tarnumhang verfügt? Jeden anderen hätten Sie gestellt?"
„Erst neulich lag Potters goldenes trimagisches Ei nachts in der Nähe meines Büros. Filch jagte Peeves und fand es", erklärte Snape kühl, als er das leise Lächeln sah, dass sich um Dumbledores Augen ausbreitete.
„Aha", ließ sich Dumbledore vernehmen und schwieg eine Weile nachdenklich, bevor er fortfuhr: „Sprechen Sie mit Minerva ab, wie Sie in der Angelegenheit weiter verfahren wollen. Wenn Ihr Argwohn gerechtfertigt ist, wird Harry auch Verantwortung dafür tragen."
Dumbledore erhob sich. „Andererseits komme ich nicht umhin, sein Improvisationstalent bei diesem Wettkampf zu bewundern. Jemand warf Harrys Namen in den Kelch, um ihm Schaden zuzufügen, doch nun…"
„…. erntet er stattdessen noch mehr Ruhm und darf sich sogar offiziell über geltende Regeln hinwegsetzen", kommentierte Snape bitter.
„Harry hat sich diese Situation nicht ausgesucht. Es ist erstaunlich, wie viel Reife und Verantwortungsgefühl er im See bewies."
„Mit gestohlenem Dianthuskraut. Potters Performance im See mag in der Tat ungewöhnlich gewesen sein, aber seine Neigung, als Retter der Welt auftreten zu wollen, erscheint mir eher als Anflug von … - und hier kamen ihm Igors Worte in den Sinn … Größenwahn."
Dumbledore schaute über den Rand seiner Brille, als wolle er einen besonders bockigen Schüler mit Milde zur Einsicht bewegen. „Warum nur machen Sie es sich selbst immer noch so schwer mit diesem Jungen, Severus?"
Snape lag eine harsche Entgegnung auf der Zunge, aber Albus Dumbledore hatte bereits behutsam die Tür hinter sich geschlossen.
Mai 1995
Professor McGonagall kaute Ewigkeiten auf dem gleichen Stück Kartoffel herum, bis sie schließlich ihren Teller wegschob. „Crouchs Verschwinden beunruhigt mich."
Snape rieb sich den Unterarm. Das dunkle Mal schmerzte und trat immer deutlicher hervor. Er ahnte, dass die Wiederkehr des Dunklen Lords nur noch eine Frage der Zeit war. Igor lamentierte pausenlos über ihren drohenden Untergang. Und als ob das noch nicht genug wäre, hatte ihm Albus vor ein paar Tagen von Potters Visionen berichtet. Schon der Gedanke, dass es eine mentale Verbindung zwischen dem Dunklen Lord und Potter geben könnte, war schwer zu akzeptieren.
„Die Jungen sagen, dass Barty Crouch völlig verwirrt erschien", fuhr sie fort. „Was ist geschehen?"
„Potter tauchte vor dem Schulleiterbüro auf und faselte von Crouch im Wald, der nach Albus verlangte. Doch als wir im Wald ankamen, war kein Crouch weit und breit zu sehen – nur Krum, der Potters Geschichte bestätigt."
Auch wenn er sich am Tisch gelassen gab: Snapes Gedanken liefen seither auf Hochtouren. Wieder einmal war Potter genau da aufgetaucht, wo Unheil geschah.
„Irgendetwas liegt in der Luft, etwas Bedrohliches", murmelte seine Kollegin.
Snape schwieg und wunderte sich über Minerva, die sich sonst nur an klare Fakten und nicht an vage Empfindungen hielt.
„Nehmen Sie etwa an, dass Crouchs Verschwinden Zufall ist?", beharrte sie und ihre Augen durchbohrten ihn eindringlich.
Natürlich glaubte er das nicht, doch auch er hätte nicht mit den Ereignissen gerechnet, die sich schon kurze Zeit später überschlugen.
Juni 1995
Snape blickte stirnrunzelnd auf die Uhr. Minerva saß angespannt auf ihrem Stuhl und fixierte die undurchdringliche Wand aus Grün, hinter der Potter und Diggory noch immer auf der Suche nach dem Pokal waren. Ein paar Reihen weiter redeten mehrere Mädchen aus Beauxbaton auf ihre Klassenkameradin ein, während Madame Pomfrey zwischen ihr und Krum hin und her lief und Heilzauber sprach.
„Wir müssen nachsehen. Es sind jetzt schon zehn Minuten ohne irgendeinen Laut vergangen", forderte Professor McGonagall.
„Nur bei einem Notsignal dürfen wir einschreiten", murmelte Dumbledore.
„Sie könnten irgendwo bewusstlos liegen", empörte sie sich.
„Nein. Jeder Zoll des Bodens im Labyrinth ist mit einem Schutzzauber versehen. Wenn einer der beiden länger als fünf Sekunden auf dem Boden läge, wüsste ich davon."
„Wahrscheinlich haben sie sich…", begann Snape, doch in dem Moment fuhr ein stechender Schmerz durch seinen Unterarm. Er kam so unerwartet, dass er instinktiv das Mal umfasste. Eine Welle reiner Panik überschwemmte ihn und er war einen Moment lang zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Es war unmöglich, es konnte nicht sein…
„Severus!"
Snape sah die drängende Frage in Dumbledores Augen. Das fast unmerkliche Flimmern über seinem Kopf verriet, dass der Ältere einen Muffilato-Zauber um sie beide gelegt hatte.
Die Worte sträubten sich dennoch, laut ausgesprochen zu werden, aber geflüstert klangen sie nicht weniger bedrohlich: „Der Dunkle Lord ruft mich."
Dumbledore schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, wirkte er um Jahrzehnte gealtert. „Ohne jeden Zweifel?"
Snape nickte und selbst diese kleine Bewegung kostete ihn erhebliche Überwindung.
Dumbledore sah nun sehr besorgt zum Labyrinth.„Wenn Voldemort inzwischen in der Lage ist, seine Todesser zu versammeln, hat er bereits mehr Macht, als ich annahm."
Snape stand auf. Die Furcht begann erneut, ihre lähmenden Finger nach ihm auszustrecken. „Soll ich dem Ruf folgen?", fragte er heiser.
„Noch nicht. Wir müssen sehr genau abwägen, wie wir jetzt vorgehen."
„Was gibt es so Geheimes zu besprechen?", fragte Professor McGonagall säuerlich, nachdem Dumbledore den Zauber aufgehoben hatte.
Albus Dumbledore wisperte ihr einige Worte zu und Snape sah, wie ihr Gesicht bleich wurde. Als sich ihre Augen trafen, las er in ihnen Schock und Angst. Doch bevor er etwas sagen konnte, ertönte ein kollektiver Jubelschrei und Snape erblickte die vertrauten Umrisse von Harry Potter und Cedric Diggory auf dem Rasen.
Minerva seufzte erleichtert auf, aber Snape stutzte, als sein Blick auf den Pokal fiel, der achtlos auf der Wiese lag. Hätte ihn nicht einer von beiden triumphierend in die Höhe halten müssen?
„Mr. Diggory scheint verletzt zu sein", sagte nun auch seine Kollegin irritiert. „Sehen Sie nur. Harry hält ihn im Arm."
Albus Dumbledore war der Erste, der hastig die Stufen der Tribüne hinablief. Snape und Professor McGonagall folgten ihm. Plötzlich trug der Wind einen Klagelaut aus Potters Kehle weiter, der ihre Schritte weiter beschleunigte. Aber noch bevor sie die Jungen erreichten, hatten sich weitere klagende Stimmen zu einem Trauerkonzert gemischt.
„Wir müssen den armen Jungen hier wegbringen", murmelte Professor Sprout mit belegter Stimme. „Weg von dem Lärm und dem Chaos."
Dumbledore nickte. „Ich übernehme das. Bitte sprechen Sie in der Zwischenzeit mit seinen Eltern, Pomona.
Professor Sprout schluchzte auf. Albus Dumbledore hob Cedric Diggorys leblosen Körper an, als wäre er eine Feder und verschwand mit einem Plopp. Schon wenige Minuten später kam er zurück und blickte sich suchend um.
„Haben Sie Harry gesehen?", rief er Minerva und ihm zu. „Er sollte hier warten."
„Harry Potter ist mit Professor Moody mitgegangen", sagte eine Schülerin.
„Ich bat ihn ausdrücklich, hier auf mich zu warten", erklärte Dumbledore. Er klang so alarmiert, dass ihn Snape fragend musterte. In dem Moment, in dem sich ihre Blicke trafen, wusste er, dass etwas nicht stimmte, ganz und gar nicht stimmte.
„In welche Richtung sind sie gelaufen?", fragte Dumbledore die Schülerin, die plötzlich ganz verängstigt blickte. Sie zeigte stumm zum Schloss.
„Wir müssen uns aufteilen, dann haben wir am ehesten eine Chance", drängte Dumbledore und eilte voran, die beiden anderen hinterher. „Harry ist in großer Gefahr. Ich suche in Moodys Büro. Minerva – Sie gehen zum Verteidigungszimmer, Severus – Sie nehmen sich seine Wohnung vor. Setzen Sie Moody um jeden Preis außer Gefecht, sobald Sie ihn sehen. Er führt nichts Gutes im Schilde, wenn er Harry gegen meinen ausdrücklichen Wunsch mit sich nimmt."
Snape nickte, doch Professor McGonagall schaute ihn entsetzt an. „Alastor Moody? Warum sollte er Harry Schaden zufügen wollen?"
„Wer ihn entdeckt, gibt den anderen ein Signal." Im nächsten Moment ertönte erneut ein Plopp und Dumbledore war verschwunden.
Snapes Abstand zu McGonagall vergrößerte sich, als sie auf das Schloss zueilten. Sie hielt sich keuchend die Seite. „Wieso ist es nur das Privileg des Schulleiters, auf dem Gelände apparieren zu können? Wir verlieren wertvolle Zeit!"
Im Schloss lief ihnen Dumbledore bereits entgegen und deutete auf die Tür zu Moodys Büro. „Sie sind hier. Nick beobachtete, wie sie hineingingen."
Sie hatten Moody zwar problemlos überwältigt, doch auf den Anblick des todgeglaubten Barty Crouch Junior war keiner von ihnen vorbereitet. Snapes Hand begann so unkontrolliert zu zittern, dass das Fläschchen mit dem Veritaserum fast zu Boden fiel. Dumbledore nickte immer wieder grimmig, während sie die Geschichte des Todessers hörten. Sie schloss viele Lücken, erklärte manches, das ihnen bisher unklar gewesen war.
Potter lehnte an der Wand. Es war das erste Mal in vier Jahren, dass Snape frei von den gemischten Gefühlen war, die ihn sonst beim Anblick des Jungen begleiteten. Er sah einen 14jährigen, der offensichtlich unter Schock stand, wenn nicht gar unter den Nachwirkungen dunkler Flüche. Hatte man ihn gequält? Lilys Gesicht tauchte vor seinem inneren Auge auf, doch er brauchte keine Erinnerung mehr an seinen Eid. Dumbledore hatte Recht gehabt und heute waren seine dunkelsten Befürchtungen Realität geworden.
