Kapitel 12 – 1995 Part II
Während sich Albus Dumbledore mit Harry Potter in sein Büro zurückzog, um die Ereignisse der letzten Stunden zu erfahren, transportierte Snape den echten Moody in den Krankenflügel.
Danach begab er sich auf die Suche nach dem Zaubereiminister. Fudges quakige Stimme, die in Snape jedes Mal den Wunsch erweckte, ihn mit einem dauerhaften Schweigezauber zu belegen, drang schon von weitem an sein Ohr.
Der Minister löste sich nur widerwillig aus der Gruppe von Menschen, die ihn umringte und unterbrach Snape bereits nach den ersten Sätzen mit einer ungeduldigen Handbewegung. „Barty Crouch junior ist seit Jahren tot. Er kann unmöglich all diese Menschen ermordet haben. Das ist doch lächerlich!"
„Ich wollte Ihnen die Hintergründe gerade erklären", entgegnete Snape gereizt.
Fudges Gesichtszüge entglitten bei Snapes weiterem Bericht zusehends. „Und wo… wo ist er jetzt?", stammelte er schließlich.
„In Mad-Eye Moodys Büro. In Professor McGonagalls Obhut."
„Was? Dieser Verbrecher wird nur von einer Frau bewacht?"
Snape runzelte ärgerlich die Stirn. „Professor McGonagall ist perfekt in der Lage, die Situation unter Kontrolle zu halten."
„Niemand kann von mir verlangen, dass ich einen hochgefährlichen Geisteskranken ohne zusätzlichen Schutz befrage!" Die Stimme des Zaubereiministers erreichte inzwischen eine Tonlage, die Snape in den Ohren wehtat. „Ich habe einen Dementor am See positioniert. Sie warten hier, ich hole ihn."
Snape folgte ihm und packte ihn an der Schulter. „Sie wissen, dass Albus Dumbledore keinen Dementor auf dem Hogwartsgelände duldet."
„Ich bin der Zaubereiminister. Dumbledore ist nur so lange Schulleiter, wie das Ministerium hinter ihm steht."
Snape verfolgte mit Entsetzen, wie Fudge dem Dementor ein Zeichen gab und im nächsten Augenblick ergriff ihn ein eisiger Hauch. All die schwarzen Gedanken, die ihn nachts plagten, sanken mit tonnenschwerer Last auf ihn nieder. Er zwang sich, ein Stück Abstand zu dem grauenhaften Geschöpf zu wahren, um handlungsfähig zu bleiben, auch wenn er nur noch Schadensbegrenzung betreiben konnte.
Einige Porträts im Treppenhaus folgten ihnen durch die Stockwerke. Sie tuschelten und das Wort „Dementor" hallte von den Wänden.
Professor McGonagall blickte entsetzt auf, als Fudge den Raum betrat. „SIND SIE VERRÜCKT GEWORDEN?"
„Die einzig akzeptable Lösung, verehrte Frau Professor", krähte Fudge.
„BRINGEN SIE DIESES DING NACH DRAUßEN. SOFORT! HABEN SIE MICH VERSTANDEN?"
Doch Fudges Konzentration schien sich nun ausschließlich auf Barty Crouch junior zu richten. Die Fassungslosigkeit in seinem Gesicht hätte Snape amüsiert, wenn nicht der Dementor plötzlich mit einer schnellen Bewegung auf den Gefesselten zugeglitten wäre.
„WISSEN SIE, WIE VIELE MENSCHEN HIER WOHNEN, SIE VERANTWORTUNGSLOSER…" Professor McGonagall erstarb das Wort im Mund, als sich der Dementor über Crouch beugte.
„NEIN! WEG DA!" Snape zog seinen Zauberstab, aber es war zu spät.
Minerva McGonagall zitterte noch immer vor Wut und Entsetzen, als sie hinter Fudge zum Krankenflügel hasteten, um Dumbledore von dem Vorfall zu berichten.
„Wie kann er zulassen, dass ein so entscheidender Zeuge einfach ausgeschaltet wird!", rief sie erbittert und wäre fast auf eine Treppe gelaufen, die ins Nichts führte.
Snape zog sie in letzter Sekunde zurück. „Vielleicht will der Minister gar nicht, dass die Wahrheit bekannt wird", sagte er ruhig.
„Was? Sie glauben, dass er ihn absichtlich zum Schweigen bringen wollte? Warum? Um seinen Kollegen Crouch zu schützen?"
„Möglich", überlegte Snape.
Im Krankenflügel herrschte ein Betrieb wie in der Großen Halle. Mehrere Leute standen um Potters Bett, der Rest verteilte sich im Raum. Im nächsten Augenblick hörten sie Dumbledores Stimme hinter sich. Es stand außer Frage, dass der alte Zauberer von der Entwicklung der Dinge nicht begeistert sein würde.
Nur eine knappe halbe Stunde später beugte sich Snape über das Denkarium und betrachtete die schimmernde Substanz, in der er einige seiner heikelsten Erinnerungen abgelegt hatte. Die bevorstehende Begegnung mit dem Dunklen Lord spannte jeden Nerv in seinem Körper an. Obwohl er den Ernstfall seit Jahren geprobt und verschiedene Bilder verinnerlicht hatte, die er bei Bedarf abrufen konnte, begann die Furcht erneut, durch seine Adern zu kriechen.
Er richtete sich langsam auf, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und atmete ein paar Male tief durch. Als das lähmende Gefühl endlich nachließ, ergriff Snape seinen Umhang und legte ihn wie einen Schutzpanzer um.
Die Ignoranz des Zaubereiministers erschwerte die bevorstehende Aufgabe zusätzlich und spielte dem Dunklen Lord und seinen Gefolgsleuten in die Hände, dachte er bitter. Wenn nicht einmal die zahlreichen Zeugen und das deutlich sichtbare Todessermal auf seinem Unterarm den Zaubereiminister davon abhalten konnten, die Rückkehr des Dunklen Lords als Lügenmärchen abzutun, war eine Spaltung zwischen Albus Dumbledore und dem Ministerium unvermeidlich. Wie sollte unter diesen Umständen die drohende Gefahr abgewehrt werden, die über der ganzen Zauberergemeinschaft schwebte?
Ein weiterer unbegreiflicher Umstand war Blacks Anwesenheit im Schloss. Wie konnte Dumbledore den Sträfling auch nur in die Nähe von Harry Potter lassen? Seine Unschuld war nicht zweifelsfrei erwiesen und sein Konterfrei prangte noch immer auf sämtlichen Suchlisten des Landes.
„Mein Lord." Snape verbeugte sich und zwang sich, nicht zusammenzuzucken, als er die dünnen Finger unter seinem Kinn spürte.
Voldemort hob sein Gesicht langsam an, bevor er seine rotglühenden Augen in die schwarzen bohrte.
Snape verschloss seinen Geist und rief der Reihe nach die einstudierten Erinnerungen ab, in der Hoffnung, damit sein Gegenüber zu täuschen.
Nach einer endlos erscheinenden Zeitspanne trat Voldemort zurück.
„Severus. Ich muss gestehen, dass ich überrascht bin. Ich hatte nicht mehr mit deinem Erscheinen gerechnet." Snape ließ sich nicht von dem Klang der leisen, sanften Worte täuschen. Das war erst der Anfang seiner Prüfungen.
Voldemort deutete auf einen wackeligen Holzstuhl. „Etwas Besseres kann ich im Moment nicht anbieten. Noch nicht."
Snape nahm Platz und musterte sein Gegenüber verstohlen. Bleiche Haut spannte sich über den Knochen und seine Kleidung bestand aus zusammengewürfelten Stücken.
Voldemort setzte sich mit einer fließenden Geste und betrachtete erst seine Arme und dann seine Hände fast ehrfürchtig. „Meine Arme, meine Hände – alles, was mir genommen wurde!" Die roten Augen glommen kurz auf, bevor sie sich erneut auf Snape richteten.
„Und nun habe ich ein paar Fragen an dich, mein undurchsichtiger Freund."
„Er akzeptierte Ihre Erklärungen ohne Argwohn?" Dumbledores Blick war scharf wie ein Skalpell und durchbohrte ihn mit gleicher Intensität wie vor kurzem die unmenschlichen roten Augen des Dunklen Lords.
„Ich hoffe es." Snape ließ langsam einen Schluck Feuerwhisky durch die Kehle rinnen. Die letzte Stunde war eine der anstrengendsten seines bisherigen Lebens gewesen. Jede einzelne Sekunde hatte einen Prüfstein für seine Glaubwürdigkeit dargestellt. Beim kleinsten Lapsus wäre ihr Plan hinfällig und sein Leben in Gefahr gewesen.
Der Schulleiter sah ihn abwartend an.
Snape stellte das Glas ab und verschränkte die Finger ineinander. „Er fragte, warum ich seinem Ruf später als die anderen folgte, wie ich die vergangenen Jahre verbrachte, wie ich gedenke, Sie in Zukunft zu täuschen, was ich über Potter berichten kann…"
„Also all das, was wir vorab ahnten oder gab es unvorhergesehene Fragen?"
„Er ließ mich Wort für Wort wiederholen, was mir von der Prophezeiung im Gedächtnis geblieben ist."
Dumbledores Blick war nachdenklich in die Ferne gerichtet. „Er wird natürlich den entscheidenden Part der Prophezeiung herausfinden wollen, den Teil, den Sie damals verpassten."
Snape machte sich wenig Hoffnung, dass ihm Albus Dumbledore endlich den kompletten Wortlaut der Prophezeiung mitteilen würde.
„Wir müssen außerdem damit rechnen, dass Voldemort irgendwann die Verbindung zu Harry nutzt, um in den Besitz der Prophezeiung zu gelangen." Dumbledore schritt im Zimmer auf und ab. „Aber wir könnten ihm zuvorkommen und diesen Kanal zu unseren Gunsten nutzen."
„Potter ist ein Kind! Wie soll er Widerstand leisten, wenn es dem Dunklen Lord gefällt, ihn als sein Werkzeug zu benutzen, vielleicht gegen uns alle?"
„Harry muss Okklumentik erlernen, wenn es soweit ist."
Snape lachte ungläubig auf. „Ein so unbeherrschter Charakter wie Potter besitzt nicht die erforderliche Selbstdisziplin für Okklumentik."
„Es gelang ihm bereits, dem Imperius-Fluch zu widerstehen."
Snape zog verblüfft eine Augenbraue hoch. „In welcher Situation war Potter einem Imperius-Fluch ausgesetzt?"
„Alastor Moodys Doppelgänger behandelte die Unverzeihlichen im Unterricht. Obwohl ich diesen Unterrichtsstoff damals nicht für angemessen hielt, war ich über das Ergebnis, das aus seinem Bericht hervorging, erstaunt", erklärte Dumbledore. „Wenn Harry gegen den Imperius-Fluch ankämpfen kann, besitzt er auch gute Voraussetzungen, um Okklumentik zu erlernen."
„Dann sollten Sie bald damit beginnen. Er ist nicht der Schnellste, wenn es um das Aneignen und Anwenden von Wissen geht."
Dumbledore ignorierte den zweiten Satz. „Wir müssen Harry jetzt erst einmal Zeit geben, die heutigen Ereignisse zu verarbeiten. Eine verwundete Seele kann nicht den Widerstand aufbringen, der für Okklumentik erforderlich ist. Sie wissen das, Severus."
Snape gelang es, die Erinnerungen, die sich ihm aufdrängen wollten, auszublenden. „Nehmen ihn Arthur und Molly mit?"
„Nein. Harry geht erst einmal zurück zu seinen Verwandten. Arthur und Molly haben sich bereiterklärt, während der Schulferien mit ihrer Familie nach London zu ziehen, um das Hauptquartier für den Orden des Phoenix herzurichten. Das Haus muss von Grund auf von schwarzer Magie gereinigt werden. Momentan ist es nicht ratsam, Harry solch negativer Energie auszusetzen, schon gar nicht mit der Wunde, die ihm Voldemort zufügte."
„Der Orden übernimmt ein schwarzmagisches Gebäude?" fragte Snape fassungslos.
Der alte Zauberer seufzte. „Es handelt sich um das Haus der Familie Black am Grimmauldplatz in London. Sirius bot es uns an."
Snape holte scharf Luft, doch bevor er noch etwas sagen konnte, fuhr Dumbledore fort: „Es ist momentan unsere beste Option. Wir werden bald einen geschützten Ort für unsere Treffen benötigen."
„Was ist mit Blacks Verwandten, die das Haus kennen? Die reizende Bellatrix kann zwar momentan keine Reise nach London unternehmen, aber Narzissa durchaus."
„Kingsley kümmert sich darum. Er wird die Malfoys unter einem Vorwand im Auftrag des Ministeriums zu Hause aufsuchen und einen entsprechenden Vergessenszauber anwenden."
„Black kann theoretisch jedem den Standort des Hauses verraten, auch der dunklen Seite …"
„Nein, das kann er nicht", unterbrach ihn Albus Dumbledore und das erste Mal während ihres Gesprächs funkelten die blauen Augen beinahe heiter. „Er hat mich zum Geheimniswahrer bestimmt."
Juli 1995
Wenige Tage vor dem Einzug der Weasleys trat Snape über die Schwelle des Hauses, welches das neue Hauptquartier des Ordens werden sollte. Er spürte den misstrauischen, hasserfüllten Blick von Black in seinem Rücken, als er durch die Eingangshalle lief. Überall hingen Spinnweben von der Decke, düstere Bilder starrten von den Wänden auf ihn herab, dicker Staub hüllte jede horizontale Fläche ein. Snape zwang sich, so wenig wie möglich zu atmen. Irgendwo im Haus erklang ein lautes Poltern und im nächsten Moment brach die Hölle los.
„Blutsverräter! Verschwinde aus meinem Blickfeld!" Die schrille Stimme überschritt jedes erträgliche Maß. Snape fuhr herum und sah, dass sie aus einem Gemälde kam, das eine Frau mit verbissenem Gesicht zeigte. Black hantierte mit einem schweren Samtvorhang, der erheblichen Widerstand leistete.
„Nichts als Schande hast du über mich gebracht! Versager!", heulte die dort abgebildete Megäre, während sich Black weiter fluchend mit dem Vorhang abmühte. Snape bemerkte, dass sich ihr Blick plötzlich auf ihn richtete und die Lautstärke erreichte einen solchen Level, dass Snape einen Dämpfungszauber murmelte. Er breitete sich wie ein Kokon um ihn herum aus, aber das Geschrei drang hindurch: „Halbblüter im Hause Black! Abscheulich. Raus hier!"
Nach einem surrenden Geräusch kehrte schlagartig Ruhe ein. Black klopfte sich den Staub von den Händen und deutete auf eine Tür. Snape betrat eine große Küche, die ebenfalls vor Dreck starrte. Black hauste schlimmer als ein Troll, obwohl er mittlerweile genug Zeit zum Reinigen des Hauses gehabt hatte, dachte er angewidert. Und wer war diese Furie in dem Gemälde? Woher wusste sie von seiner Abstammung? Snapes Wachsamkeit, die mit seinem ersten Schritt in diesem Haus auf permanente Alarmbereitschaft geschaltet war, befand sich nun auf höchster Stufe.
„Ich empfange dich nur auf Albus Dumbledores ausdrücklichen Wunsch, damit das klar ist", riss ihn Blacks heisere Stimme aus den Gedanken. „Wenn du Neuigkeiten hast, wirst du immer jemanden hier antreffen. Der untere Bereich des Hauses ist frei für die Nutzung durch den Orden, der obere privat. Sehe ich dich einmal oben, wirst du es bereuen."
Snape versuchte, seine Wut zu beherrschen. Musste er sich wie ein Schuljunge abkanzeln lassen? Er ließ einen bezeichnenden Blick durch die Küche wandern. „Halten sich alle … Hausbewohner an diese Regeln?"
Er genoss Blacks Verwirrung. „Ich meine die sechs- und achtbeinigen."
Black warf ihm einen finsteren Blick zu. „Dort steht der Besen. Tu dir keinen Zwang an, Snivellus. Wasser findest du in den Highgate Ponds, bis der Anschluss ans Nachbarhaus fertig ist."
Snape ließ ein verächtliches Schnauben hören und stand auf. Irgendwann würde sich noch die Gelegenheit ergeben, Black einiges heimzuzahlen. Aber nicht jetzt und nicht hier. Die Arbeit des Ordens hatte Vorrang.
