Kapitel 13 – 1995 Part III

August 1995

Severus Snape nahm in dem bequemen Lehnstuhl neben dem Bücherregal Platz und warf einen Blick in den Tagespropheten. Seine Lektüre dauerte keine fünf Minuten. Wenn ihn Dumbledore nicht zwingen würde, diesen Schund zu lesen, um zu wissen, was die Gegenseite dachte, würde er keine Zeit mehr mit diesem Schmierenblatt verschwenden. Doch bevor er es entsorgen konnte, leuchtete sein Kamin grün auf. Er erhob sich alarmiert. In den Sommermonaten wurden die Kamine zwar regelmäßig genutzt, um Wegezeiten innerhalb des Schlosses zu sparen, aber seine Kollegen wussten alle, dass seiner nur für Notfälle zur Verfügung stand.

„Verzeihen Sie den Überfall." Dumbledore klopfte sein langes Gewand aus und hustete. „Harry und sein Cousin wurden vor weniger als einer halben Stunde in Little Whinging von Dementoren angegriffen."

„Wie bitte?"

„Sie haben sich nicht verhört, Severus. Arabella Figg hat alles mit angesehen."

„Mrs. Figg?" Snapes Ton klang mehr als zweifelnd. „Es waren nicht zufällig die Schatten ihrer Katzen?

„Ich glaube ihr", bekräftigte der alte Zauberer ruhig.

Snape schüttelte noch immer skeptisch den Kopf. „Dementoren stehen unter strikter Aufsicht des Ministeriums, nur eine Handvoll Leute haben Zugang zu ihnen."

„Exakt", entgegnete Dumbledore. „Das ist es, was mir besonders zu denken gibt." Er nahm den Tagespropheten, den Snape achtlos auf den Tisch geworfen hatte und deutete auf ein Bild von Lucius Malfoy. „Bitte prüfen Sie, ob er seine Hände im Spiel hat, Severus. Ich werde ebenfalls Erkundigungen einziehen."

„Lucius gehört meines Erachtens nicht zum engeren Kreis derer, die Zugang zu den Dementoren erhalten", meinte Snape nachdenklich, dessen Blick dem Zeigefinger seines Vorgesetzten gefolgt war. „Aber vielleicht weiß er mehr. Ich gebe Ihnen in Kürze Bescheid."

„Danke", sagte Dumbledore. „Den beiden Jungen ist bei dem Vorfall glücklicherweise nichts geschehen."

„Ich bin davon ausgegangen. Wenn Potter etwas zugestoßen wäre, hätten Sie es umgehend berichtet", antwortete Snape ungerührt. „Dennoch scheint er in Little Whinging nicht mehr sicher zu sein."

„Mitglieder des Ordens sind bereits unterwegs, um ihn noch heute Nacht nach London zu bringen."

Snape zog fragend eine Augenbraue hoch. „Wollten Sie ihn nicht von Blacks Haus fernhalten?"

„Die Weasleys haben dort bereits wahre Wunder bewirkt. Ich hoffe außerdem, dass Harry inzwischen mehr Abstand zu den Geschehnissen im Juni gewonnen hat und auch der Heilungsprozess seiner Wunde abgeschlossen ist", erklärte Dumbledore. „Eine Sache bereitet mir allerdings noch Kopfzerbrechen."

„Welche?"

„Harry wehrte sich mit einem Patronus gegen die Dementoren."

Snape dachte sofort an den silbrigen Umriss, der schon vor fast zwei Jahren während eines Quidditchspiels aus der Spitze von Potters Zauberstab gekommen war. „Sie halten diese Fähigkeit für ungewöhnlich bei einem Jungen seines Alters?"

„Nein. Ich wusste, dass er dazu in der Lage ist. Remus hat ihn darin unterrichtet."

Snapes Augen verengten sich bei der Erwähnung des Werwolfs.

„Das Problem ist, dass man Harry anklagen will, obwohl es sich eindeutig um Notwehr handelte", fuhr Dumbledore fort. „Mit einem fairen Prozess ist unter diesen Umständen nicht zu rechen. Was beabsichtigt das Ministerium?"


Bei Snapes nächstem Besuch war das Haus des Ordens tatsächlich kaum wiederzuerkennen. Molly Weasley hatte gewütet und ihren kompletten Anhang zu Putz- und Aufräumarbeiten verdonnert. Man konnte jetzt gefahrlos atmen, ohne in den Staubschichten zu ersticken.

Nur das kreischende Gemälde hatten sie nicht in den Griff bekommen. Snape wusste mittlerweile von Dumbledore, dass es sich bei dem Scheusal um Blacks Mutter handelte, die mit einem unbrechbaren Zauber in ihrem Haus klebenblieb. Er fragte sich, woher Black immer seine Nonchalance bezogen hatte und wieso er als einziger aus der Familientradition gefallen und ein Gryffindor geworden war.

Snape betrat den Raum, in dem der Orden bereits versammelt saß und auf seinen Bericht wartete. Er registrierte die argwöhnische Distanz, die ihm viele Ordensmitglieder entgegenbrachten, obwohl sie seinen Worten aufmerksam und interessiert lauschten. Diejenigen, auf deren Seite er stand, trauten ihm noch immer weniger als die, gegen die er arbeitete.


„Wieso ist es unmöglich, ihn endgültig vom Angesicht dieser Erde zu verbannen?", murmelte Snape wenig später in Dumbledores Büro. Hogwarts bot ihm derzeit mehr Schutz vor dem willkürlichen Zugriff des Dunklen Lords als Spinners End und außerdem die Möglichkeit, vor jedem Treffen heikle Erinnerungen in Dumbledores Denkarium abzulegen. Viermal hatte ihn der Dunkle Lord zu sich gerufen und dabei sehr langsam agiert. Snape war nicht sicher, was hinter diesem Verhalten steckte. Wollte er ihn erst in Sicherheit wiegen, bevor er zuschlug? Katz-und-Maus-Spiele waren zumindest früher seine Spezialität gewesen und für die Maus fast jedes Mal tödlich ausgegangen.

Dumbledore schaute ihn mit einem dieser Blicke an, die auf eine aussichtslose Mission hinwiesen. „Voldemort lässt sich nicht einfach auslöschen. Ich habe noch keine zufriedenstellende Erklärung gefunden, wie er all die Jahre weiterexistieren und gewissermaßen neu auferstehen konnte. Aber in einem bin ich mir ganz sicher: Harry ist der Schlüssel. Nur er hat die Macht, ihn ganz und gar zu besiegen."

„Wollen Sie damit sagen, dass Sie einem durchschnittlichen Halbwüchsigen zutrauen, mit dem Dunklen Lord fertigzuwerden, mir hingegen nicht?", fragte Snape ungläubig.

„Es geht nicht um eine Konkurrenzsituation zwischen Ihren Fertigkeiten und Harrys", erwiderte der alte Zauberer ernst. „Voldemort hat Harry mit der Narbe gekennzeichnet und er ist mit seinem Blut wiedererstanden. Wir wissen noch nicht mit Gewissheit, welche Auswirkungen das hat."

„Und was erwarten Sie von Potter? Er beherrscht noch nicht einmal Okklumentik. Oder haben Sie während der Ferien schon angefangen, ihn darin zu unterrichten?"

Dumbledore sah ihn lange an. Dann fuhr er sich mit einer Hand durch den Bart. „Sie müssen Harry Okklumentik lehren, wenn die Zeit gekommen ist, Severus."

„Ich? Das kommt nicht in Frage!"

Dumbledore begegnete seinem aufgebrachten Blick ruhig und nickte.

„Alles, was Sie je von mir verlangten, habe ich getan, Dumbledore. Alles! Aber das können Sie mir nicht zumuten!" Der Stuhl kippte nach hinten, als Snape mit einer heftigen Bewegung aufstand.

„Bitte glauben Sie mir, dass ich Ihnen diese Aufgabe nicht gern übertrage. Aber Sie sind außer mir der Einzige, der in diesen Fertigkeiten entsprechend geübt ist", sagte Dumbledore leise.

„Und warum übernehmen Sie diese Aufgabe nicht selbst?", begehrte Snape zu wissen. Er verspürte den Drang, sich zu bewegen, um die eisige Faust abzuschütteln, die sich um sein Inneres legte. Es war völlig undenkbar, dass er in eine solche Nähe zu Potter gezwungen werden sollte.

Dumbledore lief zum Denkarium. Doch er machte keine Anstalten, eine Erinnerung heraufzubeschwören, sondern starrte auf sein Spiegelbild, das sich auf der glatten Oberfläche abzeichnete. „Ich war gestern bei Harrys Anhörung vor dem Zaubergamot. Sie wissen ja, dass er freigesprochen wurde."

„Ja. Aber ich sehe nicht, was das mit Okklumentik zu tun hat."

Der Schulleiter ergriff nun die Teekanne, die auf einem kleinen Tisch neben seinem Schreibtisch stand und goss zwei Tassen ein. „Bei meinem letzten Besuch am Grimmauldplatz prüfte ich das Haus auf Wunsch von Molly Weasley auf Reste schwarzmagischer Flüche."

Snape merkte, wie ihn die Ungeduld ergriff. Warum konnte Dumbledore nicht die wesentlichen Fakten in ein paar Sätzen zielgerichtet von A nach B vermitteln?

„Als ich eines der Spionage-Bilder untersuchte, von denen aus man die Nachbarräume überwachen kann, sah ich auf der anderen Seite der Wand Harry und seinen Freund Ronald. Anscheinend hatten sie das Geräusch vernommen, mit dem ich die Wand abtastete, denn sie schauten genau auf die Stelle, hinter der ich verborgen war."

„Und?", forderte Snape gereizt.

„In dem Moment, als Harrys Augen auf meine trafen, trat ein solcher Hass in sein Gesicht, wie ich ihn darauf noch nie gesehen habe."

„Ich hatte das Vergnügen bereits", stellte Snape lakonisch fest. „Potter war also wütend, weil er Sie entdeckte und sich beobachtet glaubte."

„Nein. Einen Moment später verzog er sein Gesicht vor Schmerz und bedeckte seine Narbe mit beiden Händen." Dumbledore sah Snape eindringlich an. „Ich bin ganz sicher, dass Harry meine Anwesenheit nicht einmal bemerkte. Es war Voldemort, der darauf reagierte."

Severus Snapes Mund wurde trocken. „Wollen Sie sagen, dass Potter vom Dunklen Lord besessen ist, dass dieser bereits nach Belieben eine Verbindung herstellen kann?"

„Nicht besessen und nicht nach Belieben. Im Moment reagiert Voldemort allenfalls auf bestimmte schwarzmagische Anreize in Harrys Umgebung und auf mich. Und das können wir beeinflussen."

„Was meinen Sie damit?"

Dumbledore nahm einen Schluck Tee, bevor er weitersprach. „Ich habe die zweifelhafte Ehre, derjenige zu sein, den Voldemort noch als ebenbürtig betrachtet und zugleich fürchtet. Deshalb wird ihm meine Präsenz durch Harrys Narbe übermittelt – zum Glück nur bei direktem Blickkontakt."

Severus Snape verbarg seine Bestürzung, doch die Falte über seiner Nasenwurzel vertiefte sich. „Er könnte Potter als Waffe gegen Sie benutzen!"

„Nun verstehen Sie, warum ich Harry nicht selbst in Okklumentik unterrichten kann."

Snape starrte ihn nur an. „Sie müssen Potter einweihen!"

„Im Moment hat er genug Last zu tragen. Doch ich muss Sie bitten, ihn zu gegebener Zeit mit Okklumentik vertraut zu machen."

„Abgesehen von allen anderen … Vorbehalten – wie soll ich vor dem Dunklen Lord Okklumentik-Stunden mit Potter rechtfertigen?"

„Voldemort wird nichts davon erfahren, wenn Sie es vor ihm verbergen. Was in diesem Schloss vor sich geht, bleibt ihm verschlossen. Legen Sie wie bisher alle heiklen Erinnerungen im Denkarium ab."

Snape war nicht überzeugt. „Ist es nicht denkbar, dass der Dunkle Lord Potters Erinnerungen und Gedanken bereits mühelos zu entziffern und zu deuten vermag?"

„Nicht aus der Ferne. Er wird Monate brauchen, um diese Kräfte zu aktivieren. Aber Sie haben natürlich Recht, dass wir diese Möglichkeit niemals aus den Augen verlieren dürfen. Wir werden Harry zur Sicherheit auch ein paar Wochen beobachten, bevor Sie mit Okklumentik beginnen."

„Derzeit besteht also Ihrer Meinung nach keine Gefahr, dass er Potters Geist aus der Ferne verwirrt und ihn inmitten der Schule Amok laufen lässt?"

„Nein", bestätigte Dumbledore nachdrücklich. „Der Einzige, auf dessen Präsenz Voldemort momentan zu reagieren vermag, bin ich. Ich werde deshalb nicht nur den Blickkontakt zu Harry vermeiden, sondern ihm gänzlich aus dem Weg gehen, um ihn nicht zu irritieren.


Die letzten Tage vor dem Beginn des neuen Schuljahres verbrachte Snape überwiegend damit, Abwehrtechniken der Okklumentik und Verschleierungszauber zu studieren. Der Gedanke an die Nähe, die ihm schon bald zu Potter aufgezwungen werden sollte, war unerträglich.

Zwei Tage vor der Ankunft der Schüler setzte Dumbledore überraschend eine Lehrerkonferenz an, um über kurzfristige Pläne des Ministeriums zu informieren.

Minerva McGonagall war die erste, die das ungute Schweigen brach. „Seit wann entscheidet Fudge über die Stellenbesetzungen in Hogwarts? So ein aufgeblasener Wichtigtuer!" Seit dem Zwischenfall mit dem Dementor ließ sie kein gutes Haar mehr an ihm. „Und was sagt Shaklebolt dazu, dass man ihm so kurzfristig den Lehrauftrag entzogen hat?"

„Er wird im Ministerium eine interessante Aufgabe übernehmen", entgegnete Dumbledore unverbindlich.

„Jemand wie Dolores Umbridge ist Gift für diese Schule", sagte Professor Flitwick kopfschüttelnd.

„Nicht so zurückhaltend, Filius. Umbridge ist eine Kröte", bemerkte Professor Sprout laut. „Eine gefährliche, widerliche Giftkröte."

„… besessen von Rassenreinheit", fügte Madame Hoch schaudernd hinzu.

„…skrupellos, status- und machthungrig", ergänzte Professor Vektra.

„Genau. Das sind die Schlimmsten", dröhnte Pomona Sprout.

Snape verfolgte erstaunt, wie sich seine Kollegen echauffierten.

„Wir müssen bei allem, was Dolores Umbridge betrifft, überlegt vorgehen", mahnte Dumbledore. „Vor allem dürfen wir dem Ministerium keine zusätzliche Munition liefern. Eine Dolores Umbridge werden wir verkraften, wenn wir zusammenhalten, aber wir müssen verhindern, dass sie uns mehrere dieser Sorte schicken, nur weil wir provokant und renitent auftreten."

„In Hufflepuff hat sie jedenfalls nichts zu sagen", meinte Professor Sprout resolut. „Ich kenne sie noch aus meiner eigenen Schulzeit und von der lasse ich mir nichts bieten."

„Ich habe keinen Zweifel daran, dass Sie alle individuelle Mittel und Wege finden werden, um subtil gegen Dolores Umbridge vorzugehen, ohne sich die Karten aus der Hand nehmen zu lassen", entgegnete Dumbledore und ein leises Lächeln huschte über sein Gesicht.

Die Anwesenden nickten beifällig und Snape, der die neue Lehrerin nur vom Hörensagen kannte, war gespannt, wie lange sie freiwillig in Hogwarts aushalten würde.


September 1995

Immer wieder wanderten neugierige Blicke von den Haustischen zum Lehrertisch, während Dumbledore seine Willkommensrede hielt. Das Zielobjekt des allgemeinen Interesses saß kerzengerade auf einem Stuhl und trug ein widerwärtig süßliches Lächeln auf den Lippen.

Snape hatte Dolores Umbridge unauffällig, aber gründlich unter die Lupe genommen, seit sie in ihrem lächerlichen Kostüm hereinspaziert war. Je länger er sie musterte, desto mehr zweifelte er am Geisteszustand des Zaubereiministers.

Eins stand jedoch fest: Hogwarts grandiose Sammlung von Verteidigungslehrern hatte ein neues Prachtexemplar hinzubekommen. Minervas Vergleich von Umbridge mit einer pinkfarbenen Zwergkröte erschien auch ihm als durchaus treffend.