Kapitel 14 – 1995 Part IV

Oktober 1995

In den kommenden Wochen revidierte Snape seinen ersten Eindruck von Grund auf: Dolores Umbridge war eine Fanatikerin. Er hatte schon häufiger Umgang mit Leuten ihres Schlags gehabt: Fanatiker konnten nicht nur dogmatisch, sondern sehr gefährlich werden, sobald jemand ihnen und ihren Überzeugungen in die Quere kam. Die Ministeriumsangestellte machte keine Ausnahme und ihr Ziel war bald offensichtlich: Sie wollte die totale Kontrolle in Hogwarts und sie würde einen Lehrer nach dem anderen auf Bewährung setzen, bis das Ministerium eine politisch konforme Lehrerschaft versammelt hatte.

Umbridges Methode bestand aus Zuckerbrot und Peitsche, sie befragte Schüler, kontrollierte die Lehrer im Unterricht und fabrizierte ellenlange Pergamentrollen. Es war anzunehmen, dass sie den Wahrheitsgehalt dieser Berichte ihren zahllosen Vorurteilen anpasste. Auch seine Unterrichtsstunden wurden regelmäßig von ihr heimgesucht. Snape war klar, dass er sich ihr gegenüber keinerlei Blöße geben, aber auch nicht zu viel Einmischung in seinen Kompetenzbereich dulden durfte, um von ihr langfristig respektiert zu werden. Gerade jetzt hing sehr viel von seiner Mission als Spion ab.

Als er an diesem Morgen erneut das verhasste „Hem hem" aus der rechten Ecke seines Unterrichtsraums hörte, kostete es ihn jedes Quäntchen Selbstbeherrschung, ihr zum Gruß wortlos zuzunicken und sie ansonsten einfach zu ignorieren. Er richtete stattdessen seine ganze Aufmerksamkeit auf die Siebentklässler. Bei dieser Klasse zeigte die Mehrzahl der Schüler noch ein gewisses Grundinteresse an der Tränkekunst, was man von den nachfolgenden Jahrgängen nicht mehr behaupten konnte. Allerdings haperte es auch hier bei fast allen Gründlichkeit und Achtsamkeit.

„Hem hem."

Snape entschied, das Geräusch auch weiterhin zu ignorieren. Das zunehmende Blubbern der Kessel kam ihm dabei entgegen.

„Wollen Sie den ganzen Raum in Tiefschlaf versenken?" Er blieb an dem Tisch stehen, den sich Lee Jordan und Angelina Johnson teilten. Die Wurzeln des Mädchens lagen akkurat geschnitten nebeneinander, während Jordan die Knolle nur geteilt hatte. „Was ist ein Achtel, Jordan?"

Der Junge schaute ihn verständnislos an. „Na der achte Teil von was."

Snape deutete auf den Tisch. „Und das?" Lee Jordan schaute auf die halbierte Knolle. „Das sollte gerade ein Achtel werden." Er hieb mit dem Messer los.

„Ich war der Auffassung, Ihnen in den letzten sechs Jahren verdeutlicht zu haben, wie entscheidend die exakte Befolgung der Rezepturen und die Einhaltung von Zeitvorgaben ist", sagte Snape leise. „Das, was Sie…"

„Und ich bin der Auffassung, dass der Trank der Ruhe kein geeigneter Unterrichtsstoff ist", unterbrach eine gezierte Stimme unterhalb seines Bauchnabels. Er blickte nach unten in das selbstgefällig lächelnde Gesicht von Professor Umbridge. Sie hatte die Arme in die Hüften gestemmt und begann, durch die Reihen zu stolzieren. Ihre Augen fingen an zu glänzen, als sie vor dem Lehrerpult stehenblieb: „Unsere Welt braucht aufgeweckte, disziplinierte Zauberer, die mit wachen Sinnen gemeinsame Ziele verfolgen. Solche Tränke sind den Kranken und Schwachen vorbehalten. Unsere Stärke wird es sein, jede Schwäche von vornherein auszumerzen."

Einige Schüler stöhnten hörbar, andere verdrehten die Augen. Snape konnte es ihnen ausnahmsweise nicht verdenken.

„Ob Snape uns lieber einen Trank gegen Größenwahn lehren soll?", ertönte es leise von der Bank, an der die Weasley-Zwillinge saßen.

„Oder gegen Kontrollitis?", wisperte der andere und beide kicherten.

„Ruhe", forderte Snape und fixierte Professor Umbridge, die den Wortwechsel offenbar nicht mitbekommen und inzwischen Snapes Lehrbuch für die Siebentklässler ergriffen hatte.

„Sie gestatten, dass ich mir das ausleihe?", zwitscherte sie. „Dann können wir gemeinsam einen geeigneten Lehrplan für unsere Abschlussklassen aufstellen."

„Der Trank der Ruhe steht in keinem Widerspruch zu Stärke", erklärte Snape ungerührt. „Mein Lehrplan wurde mit dem Schulleiter abgestimmt." Danach drehte er sich zur Klasse um. „Vollenden Sie den Trank und füllen Sie am Ende des Unterrichts eine Probe ab.

„Dieser Plan für die höheren Klassenstufen bedarf einer dringenden Erneuerung, Professor Snape. Das Ministerium hat konkrete Vorstellungen, welche Tränke Hogwartsabsolventen beherrschen sollten." Dolores Umbridge blätterte weiter im Buch und schüttelte demonstrativ den Kopf. „Ich spreche mit Albus Dumbledore und dem Minister darüber. Aber ich zweifle nicht an Ihrer Kompetenz, die Wünsche des Ministeriums im Fach Zaubertränke den Schülern entsprechend zu vermitteln."

Nur die Vorstellung, wie Albus auf ein solches Ansinnen reagieren würde, hielt Snape davon ab, seinem Ärger an Ort und Stelle Luft zu machen.


Auch im Lehrerzimmer herrschte seit Tagen eine aufgeheizte Stimmung. Umbridge war an diesem Nachmittag glücklicherweise zum Rapport ins Ministerium bestellt. Das Kollegium nutzte jede ihrer Abwesenheiten, um sich abzusprechen.

„Albus hat ihr gestern eindeutig übermittelt, dass er den diesjährigen Lehrplan in allen Fächern beibehalten wird", berichtete Professor McGonagall zufrieden.

„Lass mich raten, Minerva: Sie war nicht erfreut", grinste Professor Sprout.

„Ich höre mittlerweile jeden Tag Beschwerden über Professor Umbridge", bemerkte Charity Burbage. „Immer wieder durchsetzt sie ihren Unterricht mit abfälligen Bemerkungen über Muggelgeborene und ihre Herkunft. Sie betrachtet sie als völlig minderwertig."

„Sie terrorisiert nicht nur Muggelgeborene. Abel Hallstone musste bereits Madame Pomfrey aufsuchen, weil er keine Feder mehr halten kann", warf Professor Flitwick ein. „Wir können nicht tatenlos zusehen, dass sie Schüler quält."

Professor Sprout sah ihn fragend an. „Was macht sie mit Hallstone?"

„Sie holt ihn unter fadenscheinigsten Vorwänden nach fast jeder Stunde zum Nachsitzen. Ihre Strafarbeit besteht darin, ihn unzählige Male den gleichen Satz schreiben zu lassen, bis er sich in der Haut einbrennt", erklärte er aufgebracht. „Hallstones Vater ist Ministeriumsmitarbeiter und steht dort offenbar auf der schwarzen Liste."

Snape runzelte die Stirn. Lucius hatte neulich angedeutet, dass Dolores Umbridge Sympathien für die Ideale des Dunklen Lords hegte. Wahrscheinlich war das der Grund, dass sie bei der Bestrafung von Slytherin-Schülern bisher Zurückhaltung übte.

„Ich habe das Gleiche neulich bei Harry Potter registriert", sagte die Hauslehrerin der Gryffindors langsam.

„Das wundert mich nicht", murmelte Professor Flitwick.

„Potter muss sich besser in den Griff bekommen, Minerva", forderte Snape schneidend.

„Ich habe Harry schon mehrfach darauf hingewiesen, dass er sich in Gegenwart von Dolores Umbridge zusammennehmen muss, wenn er nicht einen Schulverweis oder Schlimmeres riskieren will", seufzte Professor McGonagall. „Sie wartet doch nur darauf!"

„Nachdem ich in Hallstones Fall nur ein abwertendes Lächeln von ihr erntete, schaltete sich Albus ein. Sie erklärte ihm zuckersüß, dass das Ministerium unsere nachgiebigen Erziehungsmethoden missbilligt und ihr ausdrücklich die Macht verliehen hätte, in Hogwarts nach ihren Vorstellungen durchzugreifen", sagte Professor Flitwick bitter.


In den nächsten Tagen hörte Snape häufiger von Umbridges Bestrafungsmethoden. Noch immer war kein Slytherin bei ihm gewesen, um einen solchen Vorfall zu melden. Doch immer häufiger fielen ihm nun Schüler auf, die ihre Hände untereinander begutachteten und sich flüsternd Tipps zur Heilung gaben.

Als er das Lehrerzimmer betrat, ließ er einen Stapel Hefte mit Wucht auf den Tisch fallen. Erst dann bemerkte er, dass er nicht allein im Raum war. Charity Burbage saß in einem Sessel und ihr Kinn war angriffslustig vorgestreckt. Sie erwiderte seinen Gruß nicht, sondern schaute grimmig vor sich hin. „Ich frage mich, was Umbridge jetzt schon wieder im Schilde führt."

Er wartete und sie fuhr fort: "Sie hat mich für morgen Abend zum Essen eingeladen."

"Tatsächlich?"

„Was meinst du, Severus? Soll ich ihrer Einladung folgen?"

Snape ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Er zweifelte nicht daran, dass Charity zu denjenigen gehörte, die das Ministerium aus Hogwarts entfernen wollte. Sie war schon immer eine Kämpfernatur gewesen, die für ihre Überzeugungen eintrat. Angesichts der aktuellen Situation hatte es bereits mehrere Gespräche zwischen Albus und ihr gegeben, in denen sie der Schulleiter zur Vorsicht gemahnt hatte. Snape stimmte Albus in dem Punkt zu, denn Dumbledores Rechte wurden vom Ministerium von Tag zu Tag mehr beschnitten. Wenn Charity weiterhin in Hogwarts bleiben wollte, was trotz aller Einschränkungen Schutz bot, musste sie diplomatisch vorgehen.

Charity stapelte vor dem Sessel einige Hefte zu einem ordentlichen Haufen und packte sie dann in ihre Tasche. Noch fünf Minuten, dann würde die Glocke zur Pause ertönen und sich das Lehrerzimmer wieder füllen. Die Muggelkundelehrerin und er waren im vergangenen Jahr während gemeinsamer Freistunden immer häufiger ins Gespräch gekommen. Obwohl er von sich und seiner Gesinnung nur wenig preisgab, war er bisher keiner ihrer Fragen ausgewichen. Charitys Hauptinteresse galt der Gleichberechtigung aller, unabhängig von der jeweiligen Abstammung. Sie wollte diejenigen überzeugen, die andere Ansichten vertraten und sein Haus stand somit ganz oben auf ihrer Prioritätenliste. Doch er fand ihre Meinungen interessant, zum Beispiel die, dass es schädlich sei, Elfjährige auf ein Haus festzulegen. Auch mit Albus hatte sie bereits darüber diskutiert, ob es nicht sinnvoller wäre, den Sprechenden Hut abzuschaffen und lieber Häuser zu haben, in denen die verschiedenen Charaktere und Naturelle gemischt wären und so voneinander lernen könnten.

„Nun?", drang ihre Stimme zu ihm durch. Charity war aufgestanden und hatte ihre Tasche umgelegt. „Soll ich zu Umbridge gehen und mich überraschen lassen oder dankend ablehnen oder Unwohlsein vortäuschen?"

„Sie wird keine Ruhe geben, bis sie ihren Willen durchgesetzt hat. Ich halte es für sinnvoll, wenn du der Einladung folgst und herausfindest, was sie damit bezweckt."

„Ich habe befürchtet, dass du so denkst", seufzte sie. „Also begebe ich mich wohl lieber in die Höhle des Löwen. Dann nervt sie mich hoffentlich nicht weiter."

Snape nickte. „Es wäre allerdings ratsam, eine gewisse Vorsicht walten zu lassen."

„Logisch." Sie verdrehte die Augen. „Ich binde meine lockere Zunge an."

„Sie hat neulich Veritaserum von mir verlangt."

„Du meinst, sie mischt mir Veritaserum ins Essen, um mich ins Kreuzverhör zu nehmen?", fragte sie perplex. „Aber wenn ich Magenprobleme vortäusche und nichts esse und trinke, wird sie es bei einer anderen Gelegenheit erneut versuchen, wenn ich nicht darauf vorbereitet bin."

„Exakt. Aber ich gehe davon aus, dass du ihre Speisen gefahrlos zu dir nehmen kannst, so lange ihr jetziger Vorrat an Serum reicht."

Sie hob überrascht eine Augenbraue, dann lächelte sie. „Du bist und bleibst ein Rätsel, Severus Snape."


Am Abend hatte der erste Herbststurm in diesem Jahr orkanartige Ausmaße erreicht. Die umstehenden Bäume bogen sich und ächzten, als die nächste Windböe sie erfasste. Der Wind zerrte an der Leine von Hagrids Boot, das von den hohen Wellen hin und her geworfen wurde.

„Potter muss den Verstand verloren haben", sagte Snape gereizt und blieb am Ufer des Sees stehen. „Er riskiert Kopf und Kragen."

„Ich finde es sehr mutig", entgegnete Albus Dumbledore und richtete seinen Zauberstab auf das Boot. Das Seil verstärkte sich und die Wellen rundum schienen flacher zu werden. „Ich unterstütze nachdrücklich, wenn Schüler aus eigenem Willen ihre Abwehr erproben, zumal der jetzige Verteidigungsunterricht darauf abzielt, jegliche Stärke zu unterdrücken."

„Sie üben direkt unter Umbridges Nase!"

„Lassen wir sie gewähren. Harry verfügt über ausgezeichnete Kenntnisse des Fachs und soweit es in meiner Macht steht, werde ich Sorge dafür tragen, dass sie im Raum der Wünsche niemand stört."

„Wie wollen Sie das erreichen?"

„Es gibt einen Hauselfen, dem Harry einmal einen großen Gefallen getan hat. Er arbeitet zurzeit in unserer Küche und er wird überglücklich über diesen Auftrag sein."

„Ein Hauself?"

Dumbledore lächelte hintergründig. „Er heißt Dobby." Im nächsten Moment flog sein Hut davon. Snape reagierte geistesgegenwärtig und ließ ihn langsam zurückschweben.

„Danke, Severus." Albus Dumbledore setzte den Hut wieder auf und hielt ihn mit einer Hand fest. „Lassen Sie uns unseren kleinen Spaziergang mit einem Glas Feuerwhisky abschließen. Rosmerta schickte mir neulich eine Flasche, der neue Jahrgang ist ganz vorzüglich."

Sie kamen im Gegenwind nur langsam voran. Die meisten Fenster waren bereits dunkel, als sie das Schloss erreichten. In Dumbledores Büro umfing sie das Knistern des Kamins und in Snape breitete sich sofort eine angenehme Wärme aus.

Der alte Zauberer holte eine Flasche und zwei Gläser aus einem altertümlich wirkenden Schränkchen, stellte sie auf den Tisch und schaute Snape fragend an.

„Haben wir eine Liste der Teilnehmer?"

Snape zog eine Kopie der Namensliste der DA-Mitglieder aus seinem Umhang. „Hier."

Der Schulleiter überflog die Liste und nickte. „Ungefähr, was ich erwartete. Die eine oder andere Überraschung ist allerdings dabei."

„Longbottom", schnaubte Snape. „Er wird höchstens die anderen Kinder gefährden, wenn es keine qualifizierte Aufsicht gibt."

„Ich sprach nicht von Neville Longbottom. Er trägt viel Mut in sich, ihm fehlt nur das Vertrauen seiner Umwelt."

Snape warf ihm einen schrägen Blick zu, aber er argumentierte nicht.

„Es sind keine Kinder mehr, Severus. Wir müssen ihnen ausreichend Spielraum für ihre weitere Entwicklung geben. Es ist gut, wenn sie Verantwortung übernehmen und auch die Konsequenzen ihres Handelns einschätzen und tragen."


November 1995

Die Kälte schien seinem Gegenüber nichts auszumachen. Snape betrachtete die Eisblumen am Fenster, um seine Gedanken zu sammeln und seinen Geist von allem zu befreien, was ihm schaden konnte. Erst dann wandte er den Kopf. Der Dunkle Lord lief noch immer auf und ab, die fest zusammengepressten Lippen verrieten den Druck, unter dem er stand. Schließlich fixierte er Snape.

„Ich brauche die Prophezeiung, Severus."

„Hat Lucius eine … Möglichkeit gefunden?", erkundigte sich Snape vorsichtig. Er wusste noch nicht, wer der Auserwählte war, der per Imperius gezwungen werden sollte, Zugang zum Raum der Prophezeiungen zu geben, aber sobald er mehr darüber erfuhr, konnte er Kingsley warnen.

„Ich erwarte seinen Bericht in den nächsten Tagen. Aber ich habe dich nicht deshalb gerufen."

"Mein Lord?"

"Wir müssen in Erfahrung bringen, welchen Fluchtweg Black damals aus Azkaban nahm. Ich übertrage dir diese Aufgabe."

Snape schwieg überrascht.

„Nun?"

„Mein Lord weiß, dass ich alles versuche, um ihm die Informationen zu bringen, die er begehrt…"

Voldemort deutete ein Nicken an.

„… aber Black vertraut mir nicht", entgegnete Snape ruhig.

„Vielleicht ist diese Information unwichtig, wenn es uns gelingt, die Dementoren dem Einfluss des Ministeriums zu entziehen. Es ist allerdings immer gut, mehrere Optionen zur Verfügung zu haben."

„Die Tatsache, dass Black ein unregistrierter Animagus ist, könnte ein wesentlicher Part…"

„Sagtest du nicht, er sei als Animagus ein Hund? Ein Hund kann niemals die Entfernung zwischen dem Gefängnis und der Küste überwinden. Ich will, dass du alles herausfindest. Sofort."

Snape verneigte sich und verließ die eisige Hütte ohne ein weiteres Wort.