Kapitel 15 – 1996 Part I

Januar 1996

Am letzten Ferientag überquerte Snape den Grimmauldplatz und steuerte grimmig auf Nummer 12 zu. Der Angriff auf Arthur Weasley kurz vor den Weihnachtsferien hatte die Ordensmitglieder zu höchster Wachsamkeit alarmiert. Besonders beunruhigend war, dass der Dunkle Lord seither die Verbindung zwischen Potter und ihm kannte. Dennoch hatte Albus Dumbledore den Jungen über Weihnachten in der Obhut der Weasleys gelassen.

Snape murmelte den Zauberspruch und klingelte, sobald sich das Haus vor seinen Augen offenbarte.

Molly Weasley öffnete so schnell, als hätte sie bereits vor der Tür gewartet. Bei seinem Anblick wirkte sie einen Moment lang enttäuscht, fing sich aber gleich wieder. „Severus! Gibt es Neuigkeiten?"

„Ich muss mit Potter sprechen. Dumbledores Auftrag", erklärte er kurz angebunden.

„Bleib doch zum Essen. Arthur wird heute aus dem Krankenhaus entlassen und jeden Augenblick hier eintreffen. Er möchte sicherlich hören, was du zu berichten hast."

Er schüttelte den Kopf. „Ich muss umgehend zurück."

Ihr prüfender Blick verriet ihm genau, was sie dachte: dass er zu dünn war, dass er nicht genug auf sich achtete. Aber wenigstens blieb ihm Arthurs Los erspart: eine lärmende Kinderschar und eine Frau, die ihn bevormundete. Er folgte Molly Weasley zur Küche.

Sie steckte ihren Kopf in den Raum. „Severus ist hier. Er möchte mit Harry reden. Ich sage ihm Bescheid."


Als Snape eintrat und ihn der Empfänger ihrer Worte finster anstarrte, zwang er sich, eine gleichgültige Miene aufzusetzen, obwohl ihm die Welle der Abneigung fast den Atem raubte.

„Was willst du von ihm?" Obwohl Snape hochgewachsen war, überragte ihn Black um einige Zentimeter. Snape starrte auf einen Punkt zwischen Blacks Augen, ohne mit der Wimper zu zucken. „Dumbledore schickt mich, um mit Potter zu sprechen. Von dir war nicht die Rede."

„Ich bleibe." Sirius Blacks Stimme klang endgültig, als er sich setzte und demonstrativ an ihm vorbeischaute. Snape zog einen weiteren Stuhl heran und blickte aus dem Fenster. Er wollte sich nicht von diesem arroganten Wichtigtuer provozieren lassen, der sich als Potters Vater aufspielte, obwohl er den Jungen kaum kannte.

Fußschritte auf der Treppe kündigten Potter an und Snape wappnete sich. In den vergangenen Wochen hatte er es geschafft, ihm aus dem Weg zu gehen, doch dieser Luxus würde ihm nun für eine ganze Weile nicht mehr vergönnt sein. Sobald das neue Schuljahr begann, musste er ihn in Okklumentik unterrichten.


Eine knappe Woche später lief Snape in seinem Büro hin und her, zog gelegentlich ein Buch aus dem Regal, blätterte, stellte es wieder zurück. Schließlich nahm er ein Heft und korrigierte ein paar Zeilen, bevor er es auf den Stapel auf dem Schreibtisch legte. Erneut sah er auf die Uhr. Noch acht Minuten. Auf dem Gang erklang das Getrampel seiner Slytherins, die von ihrer Astronomiestunde zurückkehrten.

Es würde nicht funktionieren. Snape wusste, dass Dumbledore dieses Mal zu viel von ihm verlangte. Nicht nur Potter und Black waren entsetzt von der Aussicht auf den Okklumentikunterricht gewesen. Auch seine Vorbehalte waren bei dem Besuch am Grimmauldplatz mit Gewissheit bestätigt und vertieft worden. Es war nicht nur der Fakt, dass Potters Ähnlichkeit mit seinem Vater im Laufe der Jahre noch zugenommen hatte. Es war nicht nur die Tatsache, dass ihn die Blicke aus dem verhassten Gesicht immer häufiger an Lily erinnerten und er nicht noch mehr von ihr in dem Jungen entdecken, nicht wieder an den Strudel der Verzweiflung erinnert werden wollte, in den ihr Tod ihn damals gerissen hatte.

Dumbledore hatte ihm diese heikle Aufgabe übertragen, obwohl ihm seine zwiespältigen Empfindungen ohne jeden Zweifel bekannt waren. Aber je näher der Unterricht in den letzten Tagen gerückt war, desto häufiger hatte sich Snape gefragt, ob der Schulleiter auch das ganze Ausmaß von Potters Abneigung gegenüber seinem Zaubertränkelehrer kannte. Wusste Dumbledore, dass Snape diesen Hass gelegentlich auch provoziert und gepflegt hatte, weil er ohne ihn nicht in der Lage gewesen wäre, seinen Eid zu erfüllen? Aber wahrscheinlich hätte selbst dieses Wissen keinen Unterschied gemacht, weil es keine Alternative gab. Potter musste Okklumentik erlernen und Snape war der Einzige, der ihn darin unterrichten konnte.

Dennoch erforderte dieser Zweig der Magie ein gewisses Grundvertrauen seitens des Lernenden - und das war in ihrem Fall definitiv nicht vorhanden.

Es klopfte und Potter trat ein.


Snape gab der Versuchung nicht nach, die ungewohnte Unsicherheit des Knaben auszunutzen. Er sprach mit kühler Effizienz, erklärte ihm, welches Ziel in den kommenden Wochen vor ihnen lag und ließ Potter keine Zeit zu Diskussionen. Unter Umständen konnte die Sturheit des Jungen das mangelnde Vertrauen etwas ausgleichen. Aber auch das würde nur funktionieren, wenn sich Potter permanent gegen seinen potentiellen Angreifer wappnete, besonders vor dem Schlafengehen.

Er zog seinen Zauberstab. Es galt nun, den schwierigsten Part zu überwinden: Lilys Augen. Snape wappnete sich und tauchte in die grünen Tiefen ein. Ein wirres Durcheinander von Farben und Formen strömte auf ihn zu. Es dauerte einen Moment, bis er sich an die Strukturen des noch unbekannten Geistes seines Gegenübers gewöhnt hatte. Erst nach und nach traten brauchbare Informationen zutage.

Snape ließ die Bilder auf sich wirken. Er lenkte seine Aufmerksamkeit schließlich von Lilys boshafter Schwester zu den anderen Personen, die die Hauptrollen in Potters persönlicher Chronik der Demütigungen spielten. Immer weiter drang er vor, ohne jeglichen Widerstand.

Plötzlich taumelte Potter und Snape verspürte einen Stich am Handgelenk. Er brach die Verbindung ab und betrachtete das Brandmal auf seiner Haut, das ihm der Junge gerade zugefügt hatte.

Potter erhob sich und starrte ihn hasserfüllt an.


Als Snape den Schulleiter einige Stunden später endlich in seinem Büro antraf, war dieser nicht allein. Professor McGonagall saß in dem Stuhl vor dem großen Schreibtisch. Der alte Zauberer reichte ihm wortlos ein Eilschreiben des Ministeriums.

„Wir hätten es nicht verhindern können", sagte Dumbledore und Snape glaubte, eine Spur Resignation in seiner Stimme zu erkennen. „Wenn es Voldemort gelungen ist, die Dementoren auf seine Seite zu ziehen, kann jeder aus Azkaban hinausspazieren, der dazu noch die Kraft hat."

„Ich wusste nicht, dass heute die Befreiung geplant war", erklärte Snape ruhig.

„Es hätte nichts geändert. Wir müssen abwarten, was die nächsten Tage bringen", sagte Dumbledore.

„Es ist unglaublich, dass das Ministerium immer noch die Existenz von Du-weißt-schon-wem bestreitet und Sirius Black dafür verantwortlich macht", bemerkte Professor McGonagall ärgerlich und stand auf.


Sobald sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, berichtete Snape von Potters erster Okklumentikstunde.

„Schlimm für Harry, auf diese Weise an Cedrics Tod und an seine Erlebnisse auf dem Friedhof erinnert zu werden. Aber es gibt keine andere Möglichkeit", murmelte Dumbledore. „Es ist sehr beunruhigend, dass er bereits ministeriumsinterne Bilder in seinem Geist gespeichert hat, die nicht von ihm selbst stammen können."

Snape nickte. „Gehe ich recht in der Annahme, dass es sich um die Tür zum Raum der Prophezeiungen handelt?"

Dumbledore sah ihn nachdenklich an, bis ein Luftzug über sie hinwegstrich. Ihre Blicke folgten Fawkes, der sich auf Dumbledores Stuhl niederließ. Der Phoenix wetzte seinen Schnabel an der Lehne, dann steckte er den Kopf unter das Gefieder. „Ja. Anhand Ihrer Beschreibungen ist jeder Zweifel ausgeschlossen."

„Potter muss informiert werden, was der Dunkle Lord mit diesen Trugbildern beabsichtigt. Sonst wird er zu einer leichten Beute", forderte Snape. „Besonders nach dem heutigen Massenausbruch aus Azkaban…"

„Ich kann Harry noch nicht einweihen", entgegnete Dumbledore schließlich. „Es gibt ein paar Dinge, über die ich mir erst ganz sicher sein muss. Der Moment, in dem er die Narbe erhielt, ist dabei entscheidend."

„Was für Dinge?" Snape starrte ihn herausfordernd an, doch Dumbledores Blick blieb unerbittlich.

„Es tut mir leid, aber bevor ich keine Gewissheit habe, möchte ich meine Vermutungen für mich behalten. Bitte informieren Sie mich auch weiterhin über die Okklumentikstunden, Severus."

Snape nickte automatisch, aber seine Gedanken verweilten einmal mehr bei dem Tag, an dem er erfahren hatte, dass er nie wieder Lilys Lächeln sehen und nie mehr ihre Stimme hören würde.


Februar 1996

Snape hatte gerade zwei Drittel der Wendeltreppe im Eilschritt erklommen, als eine lange dünne Gestalt in ähnlichem Tempo aus der Gegenrichtung kam.

„Huch!", rief Professor McGonagall erschrocken, als er ihr in letzter Sekunde auswich. Sie folgte ihm nach oben und sobald sie das Porträtloch verlassen hatten, drückte sie ihm eine Zeitung in die Hand. „Hier! Das müssen Sie unbedingt lesen!"

Snape kniff die Augen zusammen und musterte seine Kollegin. Sie schien über irgendetwas völlig aus dem Häuschen zu sein. Sein Stirnrunzeln vertiefte sich, als sein Blick auf den Namen der Zeitung fiel.

„Ja, ja, ich lese sonst auch nicht den Quibbler", meinte sie ungeduldig. „Aber diese Ausgabe lohnt sich wirklich. Dumbledore brachte sie mir gerade."

Snape blieb stehen und warf einen demonstrativ ergebenen Blick zur Decke. Doch sobald er die Zeitung auseinandergefaltet hatte, sprang ihn die Schlagzeile an. Er überflog mit ungläubiger Miene die erste Seite, dann die zweite, schließlich die dritte. Professor McGonagall beobachtete seine Mimik. Erst nach der vierten Seite sah er auf. Das Papier raschelte, als er es wieder akkurat zusammenlegte.

„Und? Was meinen Sie?", fragte sie begierig.

„Wenn Umbridge dieses Interview in die Hände bekommt, wird Potter im besten Fall bis zum Rest des Schuljahres nachsitzen...", begann er.

Sie richtete sich kerzengerade auf und die Spitze ihres Hutes wackelte, als hätte dieser ein Eigenleben. „Ich bin Harrys Hauslehrerin und werde ein Wörtchen mitreden, falls sie beabsichtigt, den Jungen zu schikanieren!"

„Wir sprechen von Dolores Umbridge", erwiderte er düster. Sie wischte seine Skepsis mit einer Handbewegung weg und lächelte. „Ist es nicht großartig? Der Artikel wird sich wie ein Lauffeuer verbreiten. Ich hoffe, dass nun einige ihre Meinung über die Berichterstattung des Tagespropheten ändern."

Snape schwieg nachdenklich.

„Lassen Sie uns frühstücken gehen, Severus! Die Posteulen sind heute sicherlich fleißig", sagte sie und wirkte so lebhaft wie ein junges Mädchen.


Die zahlreichen Eulen, die sich an diesem Morgen um Harry Potter gruppierten, erweckten die Aufmerksamkeit an sämtlichen Tischen. Snapes Blick wanderte währenddessen unauffällig zu Professor Umbridge. Sie hatte die Augen zusammengekniffen und verfolgte das Geschehen am Gryffindortisch mit wachsamer Miene. Es dauerte nicht lange, bis sie aufstand und hinüberlief. Minerva McGonagall warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu.

Umbridges Gekeife drang bis zum Lehrertisch vor, ebenso die aufgebrachten Stimmen von Potter und den Weasley-Zwillingen.

Snape musterte den dunkelhaarigen Jungen. Potters Worte im Quibbler klangen sachlich und schlicht, vor allem, wenn man darüber nachdachte, wer das Interview gegeben und wer es aufgeschrieben hatte. Albus lächelte zwar nur noch über die Berichte des Tagespropheten, die ihn und Potter seit Wochen als Lügner und Phantasten hinstellten, aber vielleicht würde das Interview nun tatsächlich ein paar Menschen aufrütteln und sie für die Gefahren sensibilisieren, die über ihnen schwebten.

Es war das erste Mal in all den Jahren, dass Snape Potters Bekanntheitsstatus uneingeschränkt begrüßte.