Kapitel 16 – 1996 Part II

Wie es Professor McGonagall vorausgesagt hatte, verbreitete sich der Inhalt des Interviews in den nächsten Tagen in der Schule wie ein Lauffeuer. Dolores Umbridges Gegenmaßnahme, ein neuer Ausbildungserlass, war bisher ohne Konsequenzen geblieben. Nicht nur das Lehrpersonal, sondern auch die Schüler bewiesen Kreativität, um den Besitz des Quibblers zu verschleiern.

Doch trotz aller Bemühungen Potters, die Zauberwelt auf das Überleben des Dunklen Lords hinzuweisen, schien dem Jungen immer noch nicht klar zu sein, welche Bedeutung Okklumentik für seine eigene geistige Gesundheit und Sicherheit besaß. Wie so oft in den vergangenen Wochen saß Snape auf der anderen Seite von Dumbledores Schreibtisch.

„Es bringt nichts! Absolut nichts, verstehen Sie, Dumbledore? Er übt nicht einmal!"

„Hat Harry noch immer die Visionen vom Ministerium?"

Snape nickte. „Kritischer denn je. Ich sah kürzlich in seinem Geist, wie der dunkle Lord einen Mitarbeiter der Ministeriumsabteilung für sein Versagen strafte."

„Rockwood?

„Ja."

„Kingsley hat Lucius Malfoys Imperius-Fluch aufgehoben", murmelte Dumbledore. „Es ist ernst, Severus. Harry muss lernen, seinen Geist zu verschließen oder Voldemort wird diese Verbindung früher oder später bewusst zu seinem Vorteil nutzen!"

Snape lachte bitter auf. „Was glauben Sie, womit ich mir seit Wochen die Abende um die Ohren schlage? Dennoch dringt Potter immer weiter vor und irgendwann wird er den Raum zu den Prophezeiungen öffnen. Ich sehe keine Möglichkeit, es zu verhindern, wenn er nicht übt!"

Dumbledore wollte etwas sagen, doch Snape sprach erregt weiter: „Der Dunkle Lord kann falsche Visionen in Potters Geist pflanzen, um ihn dorthin zu locken. Sie müssen Potter endlich einweihen und warnen!"

„Es ist wirklich besser, wenn Harry noch nichts von dieser Prophezeiung weiß", sagte Dumbledore mit Nachdruck. „Bitte vertrauen Sie mir in dieser Angelegenheit, Severus."

„Werden Sie mir endlich verraten, wie das Ende der Prophezeiung lautet?"

Der alte Zauberer schüttelte langsam den Kopf und Snape unterdrückte ein frustriertes Seufzen.

„Dann stoppen Sie wenigstens die Treffen von Potters Verteidigungsgruppe! Umbridge ahnt etwas. Sie hat Schüler angeworben, um ihnen aufzulauern. Das Risiko ist zu groß geworden."

„Ich werde Sorge tragen, dass den Schülern nichts geschieht, falls es ihr gelingen sollte, die Aktionen der Gruppe aufzudecken." Der alte Zauberer erhob sich. Die fließenden Bewegungen seines Umhangs, während er das Büro durchschritt, ließen die lange, hagere Gestalt imposant wirken. „Noch bin ich der Schulleiter von Hogwarts!"


April 1996

Alle Beteuerungen des Schulleiters verhinderten nicht, dass Snapes Vorhersage schließlich eintraf. Es war Minerva McGonagall, die ihm die niederschmetternde Nachricht kurz vor dem Abendessen überbrachte. Sie lief so erregt durch sein Labor, dass ihr Umhang zwei Glasphiolen vom Tisch fegte. „Verhaften wollten Sie ihn! Albus Dumbledore verhaften!", wiederholte sie mehrfach fassungslos. „Angeblich soll Harry Potter in seinem Auftrag eine illegale Verteidigungsgruppe geleitet haben, die sich DumbledoresArmee nennt."

„Was ist mit Albus?", fragte er ruhig.

„Er konnte mit dem Phoenix entkommen und will später mit uns Kontakt aufnehmen."

„Gut", entgegnete Snape erleichtert, was ihm einen verwirrten Blick von Professor McGonagall einbrachte.

„Gut?"

„Dass er entkommen ist. Wie ist Potters Gruppe aufgeflogen?"

„Aufgeflogen? Sie glauben doch nicht etwa diesen Blödsinn? Albus hätte niemals Schüler wissentlich in seinem Namen in Gefahr gebracht."

„Er ließ Potter seit Monaten gewähren."

Professor McGonagall sah ihn konsterniert an. „Also stimmt es? Harry hat andere Verteidigung gelehrt?"

„Ja."

Ihr Gesichtsausdruck wechselte von Überraschung zu Stolz, bevor es sich wieder verdüsterte. „Sie wussten davon und ich nicht, obwohl es Schüler meines Hauses betrifft?"

„Albus Dumbledore wollte es so. Sie kennen ihn", meinte er vage. „Was genau ist geschehen?"

Professor McGonagall wirkte verstimmt, aber sie informierte ihn lückenlos über die Ereignisse.

„Potter hat sein Vertrauen leichtfertig in Schüler gesetzt, die er teilweise kaum kannte", sagte er nach einer langen Pause verärgert. „Ich habe Albus mehrfach gewarnt, dass solche Treffen unter Umbridges Nase nicht unentdeckt bleiben."

„Wir müssen beraten, wie es weitergehen soll", sagte Minerva McGonagall resigniert.

„Noch ist Filch der einzige, der ausführt, was Umbridge verlangt. Sorgen wir dafür, dass es so bleibt", entgegnete er nachdrücklich. „Ich gehe davon aus, dass wir bald von Albus hören."


„Die Schulleiterin hat es aber gesagt!" Draco Malfoy sah ihn so arrogant und spöttisch an, dass sich Snape beherrschen musste, damit ihm nicht die Hand ausrutschte. Leider blieben solche Reaktionen ausschließlich seiner Phantasie vorbehalten.

„Wenn Professor Umbridge Crabbe, Goyle und dich von meinem Unterricht freistellt, wird sie mir eine entsprechende Information selbst zukommen lassen. Bis dahin nehmt ihr eure Kessel und richtet euch nach den Anweisungen auf Seite 175", entgegnete er gemächlich und ignorierte die aufsässigen Blicke seines Patensohns.

Er musste nicht lange warten. Noch am gleichen Nachmittag tauchte Dolores Umbridge höchstpersönlich auf der Schwelle seines Büros auf.

„Guten Tag, Professor Snape", säuselte sie, trat unaufgefordert ein und blickte sich neugierig um. „Viele Bücher."

„In der Tat."

Sie scannte eine Weile seine Regale, als wolle sie prüfen, ob er die richtigen Bände dort stehen hatte. Snape bezweifelte, dass sie auch nur die Hälfte der Buchtitel des Kräuterregals verstand. Schließlich wandte sie sich ihm wieder zu und ein widerwärtiges süßliches Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Sie wollten Draco nicht vom Unterricht befreien?"

Snape sah sie demonstrativ fragend an.

„Draco Malfoy berichtete Ihnen, dass ich seine Freunde und ihn zu mir gebeten hatte, um ihnen Aufgaben zu erteilen. Sie sind jetzt Mitglieder des Inquisitionskommandos."

„Ja."

„Und trotzdem zwangen Sie sie, sich meiner Anweisung zu widersetzen?" Ihre Stimme hatte den gezuckerten Ton beibehalten.

„Selbstverständlich hätte ich Draco Malfoy und seine Freunde umgehend vom Unterricht befreit, wenn Sie als Schulleiterin dies so wünschen", sagte er gedehnt. „Aber Sie befinden sich selbst in einer Autoritätsposition und werden daher verstehen, dass ich keine Anweisungen von Schülern entgegennehmen kann, egal, um wen es sich handelt."

Sie schwieg eine Weile und ihr Blick war ihm so unangenehm, als würden Nacktschnecken über seinen ganzen Körper kriechen. Plötzlich verzog sich ihr Gesicht. „Ich bin zufrieden mit Ihnen, Snape. Hogwarts braucht mehr Lehrer, die ihre Autorität nicht von Schülern untergraben lassen. Ich teile Ihnen künftig selbst mit, wenn ich Schüler für Aufgaben benötige."

Er neigte seinen Kopf ganz leicht, dass es gerade noch so als zustimmendes Nicken durchgehen mochte. Doch sie machte keine Anstalten zu gehen.

„Ich brauche noch mehr Veritaserum. Mir ist noch nie ein so verlogener, aufsässiger Schüler untergekommen wie Mr. Potter."

Snape ging langsam zum Regal, während sich seine Gedanken überschlugen. Aus Potters Mund durfte keine Silbe über den Orden, über seine Visionen und über Okklumentik kommen. Doch da Umbridge den Schwindel beim letzten Mal nicht bemerkt hatte, ignorierte er erneut die rot beschriftete Flasche, in der das Veritaserum schimmerte und ergriff stattdessen eines der Fläschchen mit grüner Beschriftung, die Dumbledore und er für Fälle wie diesen angefertigt hatten. Der Inhalt bestand aus Wasser, das dank eines komplexen Verwandlungszaubers nach ein paar Tagen die äußerlichen Merkmale des Veritaserums angenommen hatte.

Snape verfolgte mit gerunzelter Stirn, wie sie die Flasche ergriff und damit schnurstracks aus dem Raum eilte. Es bestand kein Zweifel daran, dass die Flüssigkeit schon in den nächsten Minuten zum Einsatz kommen sollte.


„Wo ist das Schellenkraut?", murmelte er, während er eine Regalreihe nach der anderen absuchte. Es fiel ihm schwer, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, da seine Gedanken um das Verhör kreisten, das Umbridge vermutlich gerade mit Potter führte. Ein Knall riss ihn aus seinen Grübeleien. Hatte er etwa vergessen, den Unterrichtsraum abzuschließen? Machte sich dort jemand an den Kesseln zu schaffen? Bevor er die Phiole abstellen konnte, um nach dem Rechten zu sehen, erschütterte ein weiteres ohrenbetäubendes Krachen seine Tür. Die Gefäße klirrten aneinander.

„Was zum…" rief er laut, doch der weitere Teil des Satzes wurde vom nächsten Knall übertönt. Er öffnete die Tür und observierte den Gang. Mehrere Slytherins waren zusammengelaufen und starrten auf riesige Feuerwerkskörper, die über die Treppenstufen rasten.

„Wer ist dafür verantwortlich?", fragte er gereizt in die Runde.

Mehrere Schüler zuckten die Schultern und schüttelten synchron die Köpfe. „Keine Ahnung. Es kam von oben", sagte ein Sechstklässler.

Snape lief in die Eingangshalle. Es war wie im Tollhaus. Kreischende Schüler und unzählige Feuerwerkskörper, die lärmend in alle Richtungen stoben. Dann sah er Minerva und traute seinen Augen nicht. Sie grinste. Und zwar über das ganze Gesicht.

„Sehen Sie mal", sagte sie. Er folgte ihrem Blick und bemerkte am anderen Ende die plumpe Gestalt der neu ernannten Schulleiterin, die von einer Stelle zur nächsten rannte, stehenblieb, hysterisch brüllte und hilflos mit dem Zauberstab fuchtelte.

„Was ist hier los?" Snape verstand seine eigenen Worte kaum, denn über ihnen explodierte ein Feuerwerk aus Grün und Rot.

„Wow! Toll!", erklang es begeistert rundum.

„Ich verbiete es! Ich verbiete es!" Dolores Umbridge rannte mit erhobenem Zauberstab durch die Halle und Professor McGonagall liefen nun Tränen übers Gesicht.

„Sie hat keine Chance", murmelte es hinter ihnen. Auch Professor Flitwick sah Umbridges Bemühungen sichtlich vergnügt zu.


„Wo waren Sie alle? Warum ist niemand von Ihnen eingeschritten?"

„Ohne Zauberstab hätten wir auch nicht mehr viel ausrichten können. Laut Ausbildungserlass Nummer 41 ist es doch untersagt, außerhalb der Unterrichtsstunden einen Zauberstab bei sich zu tragen", erklärte Professor Flitwick unschuldig.

Umbridge starrte ihn an. „Aber Sie hätten sich in der Halle versammeln können, um gemeinsam gegen diese … diese Unruhestifter vorzugehen!"

„Es ist verboten, dass mehr als zwei Lehrer auf einmal zusammentreffen. Ausbildungserlass Nummer 57", meinte Professor McGonagall knapp. „Um einer Verschwörung vorzubeugen, Sie wissen schon."

„Sie wollen mich provozieren!", schrie Umbridge.

„Wir befolgten Ihre Regeln, Schulleiterin", ließ sich Snape in seinem sanftesten Tonfall vernehmen, wobei er besonders das Wort „Ihre" im tiefsten Bass umschmeichelte.

„Wenn wir als Lehrer die Schulregeln nicht einhalten, wer dann?", schnappte Professor Sprout alles andere als freundlich.

Umbridge sah sichtlich mitgenommen von einem zum anderen. „Geben Sie mir umgehend Bescheid, sobald weitere Feuerwerkskörper auftauchen!" Dann fegte sie aus dem Raum.

„Aber sicher doch", murmelte Professor Sprout. „Darauf kannst du dich verlassen."