Lieben Dank für eure Kommentare zu Kapitel 16 – Mutzel, SoyTryphena, Kathi und FiaR!


Kapitel 17 – 1996 Part III

Nachdem sich Potter endlich dazu herabgelassen hatte, zur nächsten Okklumentikstunde zu erscheinen, wurden sie schon wenige Minuten später von Draco Malfoy unterbrochen. Snape blieb nichts anderes übrig, als seinem Patensohn zu folgen. Ein Spieler der Slytherin-Mannschaft war offenbar verwirrt in einer Toilette aufgefunden worden.

„Was ist passiert?", fragte er grimmig. „Und was tun Sie da?"

Montague hielt eine Toilettenbürste in der rechten Hand und kratzte sich damit hinter dem Ohr. In der linken umklammerte er ein Stück Seife. „Weiß nicht."

„Woran können Sie sich zuletzt erinnern?", forderte Snape. Er bemühte sich, die Ungeduld aus seinem Ton herauszuhalten.

„Weiß nicht."

„Krankenflügel. Du bringst ihn hin", wies er Draco an, der seinen Schulkameraden mit offenem Mund anstarrte.

Snape sah auf die Uhr. Es blieb noch eine knappe halbe Stunde für den Okklumentikunterricht.

Als er sein Büro betrat, traute er seinen Augen kaum: Potter stand in das Denkarium versunken: in seine Erinnerungen, seine privatesten, intimsten, schrecklichsten Erinnerungen!

Mit wenigen Schritten hatte er den Fünftklässler erreicht und riss ihn zurück.


Noch Tage später packte ihn bei Potters Anblick siedender Zorn. Keine Strafe erschien ihm hart genug für den Bengel, der mit solcher Dreistigkeit und Rücksichtslosigkeit seine Privatsphäre verletzt hatte. Leider gebot es das Schulgesetz, dass drastische Maßnahmen vor dem Kollegium begründet werden mussten. Außerdem würde Potter in dem Fall Gelegenheit für eine Rechtfertigung erhalten, bei der er genüsslich Snapes Privatleben vor den anderen ausbreiten konnte. Nein, das war keine Option, dachte Snape zähneknirschend.

Zum ersten Mal begrüßte er die Abwesenheit von Albus Dumbledore, denn er ahnte, dass der alte Zauberer trotz allem auf der Fortführung der Okklumentikstunden bestanden hätte. Doch in jeder anderen Hinsicht sehnte Snape die Rückkehr des Schulleiters herbei.

Dolores Umbridge stolzierte durch Hogwarts, als hätte das Schloss bereits ihren Altvorderen gehört. Minerva geriet tagtäglich mit ihr aneinander und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis man auch sie auf Bewährung setzte. Umbridges Einmischung in sämtliche alltägliche Belange wurde immer unerträglicher. Selbst für die Berufsberatungsgespräche nach Ostern hatte sie ihre Teilnahme angekündigt.


„Ich habe Sie nicht verstanden, Mr. Goyle" Snape fixierte den Jungen, der einen schnellen Seitenblick zu Umbridge warf.

„Mir ist schlecht", nuschelte Goyle. Snape hatte sich also nicht verhört. Er raschelte mit den Unterlagen, die vor ihm lagen. Dolores Umbridge saß auf der äußersten Stuhlkante nach vorn gebeugt und blickte erwartungsvoll zu ihnen.

„Kann ich später mit Ihnen sprechen?" Der Bursche, dessen IQ in dichter Nachbarschaft zu seinem Lebensalter lag, sah ihn nun fast flehend an, bevor er wieder einen verstohlenen Blick zu der Zimmerecke warf, aus der nun ein kratzendes Geräusch drang. Die Schulleiterin hatte ihren Blick auf ein Klemmbrett geheftet und die rechte Hand mit dem Stift raste über das Papier.

„Melden Sie sich im Krankenflügel", ordnete Snape an.

Umbridge schaute verblüfft auf. Goyle eilte zur Tür.

„Schicken Sie vorher Mr. Zabini rein", rief ihm Snape nach und zog einen weiteren Stapel Unterlagen heran.

Dolores Umbridge kniff die Augen zusammen. „Vergessen Sie nicht, mir den neuen Termin mit Mr. Goyle mitzuteilen."


„Was sollte der Aufstand?", fragte Snape, nachdem er Goyle zu sich gerufen hatte. „Und erspare mir die Märchen. Wir beide kennen die Anzeichen, wenn dir wirklich schlecht ist."

„Ich konnte nicht … ich kann nicht … Professor Umbridge…", stotterte er.

„Was ist mit ihr?", hakte Snape nach, dem das Ganze befremdlich erschien.

„Sie ist mit meinen Eltern bekannt und…" Goyle stockte.

„Und?" Snape hob fragend eine Augenbraue.

„Ich wollte nicht, dass sie ... ich meine, mein Berufswunsch…" Goyle rutschte auf dem Stuhl hin und her. Snape verlor langsam, aber sicher die Geduld.

„Bevor du nicht an deinen verbalen Fertigkeiten arbeitest und in der Lage bist, einen Satz verständlich auszudrücken, sehe ich deine Berufsmöglichkeiten allgemein als sehr begrenzt an."

„Mein Vater … er sagt, was ich lernen muss, lerne ich nicht in einer Schule."

„Und das wäre?", fragte Snape, obwohl er die Antwort bereits ahnte.

Über Gregory Goyles Wange lief eine dicke Träne.


Während er am Abend die Gefäße und Utensilien seines letzten Experiments reinigte, dachte Snape darüber nach, was er im Fall Goyle unternehmen konnte. Er sah wenig Hoffnung für den Jungen, so lange sein gesamtes familiäres Umfeld dem Dunklen Lord diente. Er besaß weder die Intelligenz noch die rebellischen Qualitäten, die es ihm ermöglicht hätten, sich aus einer solchen Umgebung zu lösen. Gregory Goyle war ein klassischer Mitläufer, der nach fünf Jahren immer noch in Dracos Dunstkreis festhing.

Es krachte. Und dann noch einmal. Lautes Gebrüll, Gelächter und Johlen drang an sein Ohr, als er die Eingangshalle erreichte. Es schien eine Wiederholung des Tages zu sein, an dem Umbridge hilflos inmitten eines gigantischen Feuerwerks gestanden hatte. Snape sah keinen Anlass, sich zu beeilen. Eine klebrige Flüssigkeit bahnte sich einen Weg die Treppe hinunter und die Schüler, die davon getroffen wurden, quiekten. Ein paar Meter weiter fand er einige seiner Kollegen, die ihre Blicke nach oben gerichtet hatten. Fred und George Weasley saßen auf ihren Besen und nahmen Kurs auf das Fenster.

„Was denken sich die beiden nur dabei? Umbridge wird ihnen ohne Zögern den Schulverweis erteilen und sie müssen Hogwarts ohne Abschluss verlassen", murmelte Professor Sprout.

„Ich habe den Eindruck, dass sie genau das beabsichtigen", entgegnete Professor McGonagall mit gerunzelter Stirn.


Mai 1996

Severus Snape saß kaum fünf Minuten am Schreibtisch, als es an der Tür klopfte. Er verdrehte genervt die Augen und ging langsam zur Tür - in der Erwartung, Umbridges Krötengesicht zu sehen. Nach dem spektakulären Abgang der Weasley-Zwillinge tauchte sie regelmäßig bei allen Mitgliedern des Kollegiums auf, um ihre Ansichten über Disziplin und Ordnung unter vier Augen zu verdeutlichen.

Er öffnete und blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen, als er seinen Besucher erkannte. „Was willst du hier?"

„Mit dir reden. Gib mir fünf Minuten, dann bin ich wieder weg."

Snape trat wortlos zur Seite und ließ den Werwolf ein.

Remus Lupin sah noch hagerer aus, als er ihn in Erinnerung hatte.

„Harry sprach vor ein paar Tagen mit Sirius und mir", begann Remus. „Du musst ihn weiter unterrichten, Severus. Du weißt, wie wichtig Okklumentik für ihn ist."

„Potter besitzt den Nerv, sich bei euch zu beklagen, nachdem er auf rücksichtsloseste Weise meine Privatsphäre verletzte? Oder hat er dieses kleine Detail vergessen zu erwähnen?"

„Nein. Er wollte mit uns über das sprechen, was er im Denkarium gesehen hat", entgegnete Remus ruhig.

„Ich forderte ihn auf, keine Silbe darüber zu verlieren, zu niemandem!"

„Wir waren Teil der Erinnerung, über die er mit uns sprach."

„Und? Habt ihr euch gut auf meine Kosten amüsiert?" Aus Snapes Stimme klang nun nackte Wut.

„Du liegst falsch, Severus", meinte Lupin freundlich. „Harry war entsetzt über das, was er sah. Es passt nicht mit dem Bild zusammen, das er sich von seinen Vater machte."

„Dann wurde es offensichtlich höchste Zeit, dass er die Wahrheit über seinen Vater erfährt!"

„Seine Eltern sind wichtig für ihn, auch wenn er sie nie persönlich kennenlernte. Angesichts der Umstände, unter denen er aufwachsen musste, hat er sich an einer Vorstellung von ihnen festgehalten. Ich erwarte natürlich nicht, dass du das verstehst…"

„Es geht nicht darum, was ich verstehe oder nicht: Potter hat meine Privatsphäre auf das Gröbste verletzt. Wenn er dabei zu Einsichten gelangte, die von seinen bisherigen Illusionen abweichen, ist das allein sein Problem."

„Ich bin gekommen, um dich daran zu erinnern, dass auch du einmal neugierig warst. James hat dich damals noch rechtzeitig zurückgehalten..."

„Weil er selbst kalte Füße bekam!", unterbrach Snape zornig.

„Es wäre gar nicht erst so weit gekommen, wenn du mich nicht wochenlang aus purer Neugier verfolgt hättest, um meinen Verbleib bei Vollmond herauszufinden."

Snapes Augenbrauen zogen sich bedrohlich zusammen, doch Lupin fuhr unbeirrt fort: „Natürlich war Harrys Verhalten nicht richtig, aber ihn hat kein böser Wille angetrieben, sondern eine ähnliche Neugier wie dich damals. Gib ihm eine zweite Chance, unterrichte ihn weiter in Okklumentik. Bitte!"

„Potter hat kein Interesse daran, Okklumentik zu erlernen. Er ist genauso arrogant und ignorant wie sein Vater!"

„Warum nur willst du nicht wahrhaben, dass Harry in seinem Wesen Lily so sehr ähnelt?" Remus seufzte resigniert. „Ich weiß, dass du sie geliebt hast, vielleicht mehr als wir alle…"

„Raus! Es reicht jetzt, Lupin!", zischte Snape. „Ich verfahre mit Potter nach meinem Gutdünken. Er hat eine wichtige Regel gebrochen und dafür wird er die Konsequenzen tragen." Er schlug die Tür ohne ein weiteres Wort hinter Lupin zu, sank in einen Stuhl und atmete schwer.

Lange unterdrückte Erinnerungen, die über ihn hereinbrachen wie eine Sturmflut, raubten ihm in dieser Nacht jeglichen Schlaf.