Kapitel 18 – 1996 Part IV

Juni 1996

Mittlerweile schien ihn Dolores Umbridge als bevorzugten Ansprechpartner in Hogwarts zu betrachten. So lästig Snape diese zweifelhafte Ehre auch war, so hatte sie durchaus Vorteile, denn auf diese Weise erfuhr er von zahlreichen Plänen des Ministeriums als Erster. Ihre heutige Neuigkeit teilte sie ihm nach dem Frühstück mit besonders selbstgefälligem Lächeln mit. Sie lautete, dass Hagrid am zweiten Prüfungstag nicht nur suspendiert, sondern „unauffällig" vom Hogwartsgelände entfernt werden sollte.

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„Am besten, Hagrid verschwindet eine Weile. Wer weiß, was sie mit ihm vorhaben", seufzte Professor McGonagall, während sie Snape zur Hütte des Wildhüters begleitete. „Hoffentlich hat dieser ganze Spuk bald ein Ende."

Snape nickte zustimmend. „Gibt es Neuigkeiten von Albus?"

„Er hält sich offenbar in Cornwall auf. Ich habe Aberforth soeben eine Nachricht über den aktuellen Stand übermittelt."

„Cornwall? Was um alles in der Welt…"

Lautes Hundegebell übertönte seine Worte und bevor sie die Tür erreichten, erschien bereits Hagrids breites Gesicht im Türrahmen. Er wirkte überrascht. „Professor McGonagall? Professor Snape?"

„Sie sollten Hogwarts für eine Weile verlassen, Hagrid", erklärte Professor McGonagall.

„Verlassen?" Hagrids schwarze Augen blickten verständnislos von einem zum anderen.

„Dolores Umbridge hat Ihre Entlassung durchgesetzt. Sie will Sie notfalls mit Gewalt von hier entfernen."

Der Halbriese wurde blass. „Ich gehe nirgendwohin. Professor Dumbledore braucht mich hier."

„Professor Dumbledore ist momentan abwesend und es nützt ihm nichts, wenn man Sie einsperrt", versuchte ihn Professor McGonagall zur Vernunft zu bringen. Doch umsonst. Die Sturheit von Hagrid war legendär.

„Danke, dass Sie mir Bescheid gegeben haben, aber ich komme schon klar", sagte er, nickte ihnen zu und schloss die Tür.

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Sie nahmen einen Umweg, vorbei am See. Keiner von ihnen hatte es besonders eilig. „Das habe ich befürchtet", meinte Professor McGonagall. „Und nun?"

„Es ist seine Entscheidung." Snape zuckte die Schultern. Er fragte sich schon länger, was Hagrid außerhalb des Unterrichts trieb, denn in letzter Zeit hatte der Wildhüter häufig tiefe Wunden, die schlecht heilten. Wahrscheinlich hielt er sich wieder eine verbotene Kreatur oder hatte den Hippogreif im Wald versteckt, der vor zwei Jahren auf mysteriöse Weise verschwunden war.

Nachdem sich Minerva im Innenhof verabschiedet hatte, ging Snape zu seinem Büro. Die Unterlagen für die Jahresabschlusstests waren eingetroffen, die Tests selbst für den heutigen Nachmittag angesetzt. Die Fünft- und Siebentklässler fielen glücklicherweise in die Verantwortung externer Prüfer, doch bei allen anderen Jahrgängen musste er die Prüfungen abnehmen.

Er überflog die diesjährigen Fragebögen, die das Ministerium vorgegeben hatte. Seine Miene verfinsterte sich immer mehr: Formeln und unzählige Lebensdaten bedeutungsloser Alchimisten – was hatten diese Tests mit seinem Fach zu tun? Wollten sie die Köpfe der nachwachsenden Generation so lange mit unnützen Daten vollstopfen, bis ihnen jegliche Kreativität und Eigeninitiative abhanden gekommen war?

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In das kratzende Geräusch der Federn mischten sich Stimmen von draußen. Snape stand auf, ließ einen prüfenden Blick über die schreibenden Schüler gleiten und schloss das Fenster. Doch die erhitzte Diskussion, die sich irgendwo in der Nähe entwickelte, drang dennoch zu ihnen durch. Jemand brüllte und wurde sofort von noch lauteren Schreien übertönt. Ausnahmslos alle Schüler fuhren mit ihren Köpfen auf.

„Sitzenbleiben! Konzentrieren Sie sich auf das Papier vor Ihnen", herrschte er einen Schüler an, der im Begriff stand, aufzustehen.

Der Krach von draußen steigerte sich weiter und Snape fluchte innerlich. Er durfte das Klassenzimmer während der Prüfung nicht verlassen. Plötzlich brach der Lärm abrupt ab. Die Minuten dehnten sich endlos. Nach einer Ewigkeit läutete endlich die Glocke.

Er sammelte die Blätter ein, warf sie in einen Schrank, versiegelte ihn und trieb die Klasse zur Eile an. Nachdem der letzte Schüler den Raum verlassen hatte, lief er hastig nach draußen.

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Vor dem Eingang war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Snape nahm Kurs auf die Brücke. Das Holz knarrte unter seinen Schritten und noch bevor er das Ende erreichte, sah er die Menschenansammlung auf der Wiese. Einige beugten sich über eine Trage, auf der eine lange dünne Gestalt lag.

„Minerva", flüsterte er und eilte auf die Gruppe zu. Zwei Männer trugen die Kleidung von St. Mungos. Die Professoren Sprout und Vektra sahen erleichtert aus, als er sie erreichte.

„Sie muss ins Krankenhaus. Wurde hinterrücks mit mehreren Flüchen angegriffen", berichtete Professor Sprout grimmig. „Verdammte Feiglinge!"

„Wer hat das zu verantworten?" Minerva so reglos daliegen zu sehen, erschütterte ihn mehr, als er zugeben mochte.

„Unsere Schulleiterin und ihre Kumpane vom Ministerium", erwiderte die Hauslehrerin der Hufflepuffs. „Sie versuchten, Hagrid abzuführen. Er kämpfte wie ein Berseker. Minerva eilte ihm zu Hilfe."

„Wo ist Hagrid?"

„Vermutlich im Wald. Er konnte fliehen."

Die Heiler hoben die Trage an und nickten ihnen zu. „Sie wird wieder in Ordnung kommen. Aber es ist schockierend, welche Methoden heutzutage herrschen - und das an einer Schule!"

„Ich bin froh, dass meine Kleine in Frankreich zur Schule geht", bestätigte der andere. Dort ist es zivilisierter."

Snape dachte, dass auch Beauxbaton nicht mehr das Gleiche sein würde, wenn der Dunkle Lord erst einmal die Macht ergriffen hatte. Auf dem Rückweg zum Schloss wurde ihm schlagartig klar, dass er nun der einzige aus dem Orden war, der noch in Hogwarts die Stellung hielt.

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Es blieb ihm jedoch nur eine knappe Stunde vergönnt, um über die neue Situation ohne Albus, Minerva und Hagrid nachzudenken. Draco erschien mit einem schadenfrohen Grinsen und der Mitteilung vor seiner Wohnung, dass ihn die Schulleiterin unverzüglich zu sehen wünschte.

Worte wie „unverzüglich", „dringend" und „umgehend" prallten mittlerweile an ihm ab, sofern sie von Umbridges Seite kamen, denn sie hatte diese in den vergangenen Wochen reichlich überstrapaziert.

Snape folgte dem Jungen gemächlich, doch als ihm Draco triumphierend „sie hat endlich Potter erwischt" zurief, beschleunigte auch er seine Schritte.

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Das eigenartige Glitzern in Umbridges Augen signalisierte Snape sofort, dass er auf der Hut sein musste. Im Bruchteil einer Sekunde hatte er die Anwesenden im Raum erfasst und lenkte seine Aufmerksamkeit auf Potter, der trotzig vor ihm stand. Sein Zorn auf den Bengel kochte sofort wieder hoch. Das Eigenartige war jedoch, dass Potters Trotz nicht ihm galt. Im Gegenteil, er schien geradezu verzweifelt Blickkontakt zu suchen. Was hatte das zu bedeuten?

Während sich Snape unbeteiligt gab, tauchte er rasch in die grünen Augen ein. Er spürte keinerlei Widerstand und bereits die ersten Bilder informierten ihn darüber, was ihm Potter so dringend zeigen wollte. Er nahm den dunklen Gang des Ministeriums wahr, hörte die Stimme des Dunklen Lords, vernahm Blacks Schreie. Das konnte nicht real sein. Noch vor wenigen Minuten hatte er Lupin und Black einträchtig vor dem Kamin am Grimmauldplatz sitzen sehen. Nein, das waren falsche Visionen, die der Dunkle Lord geschickt in Potters Geist pflanzte, um ihn zu sich zu locken.

Er musste auf einen geeigneten Moment warten, um Potter unter vier Augen zu sprechen. Doch bevor er überhaupt eine Chance hatte, eine geeignete Strategie zu entwickeln, machte Potter mit einem Schlag alles zunichte: Der Junge begann, ihm kryptische Wortfetzen zuzuwerfen.

Ein einziger Blick auf Umbridge genügte. Tiefes Misstrauen stand ihr quer übers Gesicht geschrieben. Snape war klar, dass nun auch er auf ihrer Bewährungsliste stand, noch bevor sie den Mund öffnete.

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Zuerst vergewisserte sich Snape, dass Black tatsächlich wohlauf und sicher am Grimmauldplatz war. Danach stieg er die Stufen wieder empor. Er hatte entschieden, einen Alarm auszulösen, der Umbridge zwingen würde, den Raum mit allen Anwesenden zu verlassen. Alles Weitere würde sich finden. Hauptsache, er bekam Potter irgendwie für einen Moment allein zu fassen.

Doch schon auf dem zweiten Treppenabsatz kamen ihm zwei Slytherins des Inquisitionskommandos mit blutenden Nasen und Schrammen an den Händen entgegen.

„Was ist mit Ihnen los?", forderte Snape scharf.

„Sie haben uns angegriffen. Sind alle weg", murmelte der eine.

Snape packte ihn an der Schulter. „Was ist passiert?"

„Granger zeigt Professor Umbridge die Waffe, damit Potter nicht gefoltert wird."

Snape widerstand dem Bedürfnis, den Kerl zu schütteln. „Was für eine Waffe? Wer will Potter foltern?"

Stotternd und in zusammenhanglosen Sätzen gaben sie ihrem Hauslehrer schließlich eine recht vage Zusammenfassung der Ereignisse. Aber Snape konnte sich den Rest ausmalen.

„Wo sind sie hingegangen?", fragte er und bemühte sich um einen ruhigen, beiläufigen Ton.

„Keine Ahnung."

Snape wusste, wann er seine Zeit verschwendete. Vor dem Eingangstor scannte er hastig die Umgebung ab und wandte sich schließlich an eine Gruppe Schüler, die auf einem Beet arbeiteten.

„Haben Sie Professor Umbridge gesehen?"

Eine Schülerin nickte und deutete in die Ferne. „Sie ist mit Harry und Hermione in diese Richtung gegangen."

Snape lief zum zweiten Mal an diesem Tag über die Brücke. Eine Gruppe Siebentklässler, die in der Nähe von Hagrids Hütte das Ende ihrer Prüfungen feierte, informierte ihn, dass die drei vor etwa zehn Minuten in den Wald gegangen waren.

Er trat zwischen den Bäumen hindurch und probierte einen Findezauber an der ersten Weggabelung. Vergebens. Es hatte keinen Sinn, planlos durch das Dickicht zu irren. Er ging zurück zu Hagrids Hütte und schaute er nach oben. Hagrids Eulen saßen aufgereiht wie Perlen auf einem langen Ast und hatten ihre Köpfe unter dem Gefieder vergraben. Er zog den Zauberstab und murmelte ein paar Worte. Drei der Eulen schüttelten ihr Gefieder aus und drehten den Kopf hin und her, als er zu ihnen sprach. Dann flogen sie in den Wald hinein.

Er hoffte, dass sie bald zurück waren, um ihm die Richtung zu weisen, in der er suchen musste. In Hagrids Hütte nahm er noch einmal Kontakt zum Orden auf. Dann setzte er sich auf die Stufen und wartete.

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Es dauerte etwa fünfzehn Minuten, bis die erste Eule vor ihm landete. Die anderen beiden folgten Sekunden später und setzten sich gemeinsam wieder in Bewegung.

Snape zog er seinen Zauberstab und betrat erneut den Wald. Vertrocknete Blätter knisterten unter seinen Füßen, ein leises Summen erfüllte die Luft. Auf Spuren brauchte man bei dieser Trockenheit nicht zu hoffen. Er musste sich auf die Eulen verlassen. Snape markierte den Weg, den er gegangen war und folgte der ersten Weggabelung nach links. Er fragte sich erneut, was das Geschwätz von einer Geheimwaffe bedeuten sollte.

Aus der Ferne ertönte Hufgetrappel. Eine Herde Zentauren donnerte über die Lichtung, die etwa 300 Meter entfernt lag. Bevor er sie erreichte, fing sein Unterarm an zu brennen. Die hässliche Fratze des Dunklen Mals zeichnete sich so deutlich ab wie nie zuvor. Für einen Moment wallte Panik in ihm auf, doch sein Verstand übernahm sofort wieder die Zügel. Es war undenkbar, dass er dem Ruf des Dunklen Lords sofort folgte. Zuerst musste er Potter finden. Seine Verzögerung würde nicht schwer zu erklären sein, immerhin war Prüfungstag und der Dunkle Lord daran interessiert, dass sein Spion in Hogwarts die Tarnung nicht verlor. Snape beschleunigte allerdings seine Schritte noch mehr, während er den drei Eulen immer tiefer in den Wald hinein folgte.

Die Hitze brachte die Luft zwischen den Bäumen zum Flimmern, doch als er auf eine weitere kleine Lichtung trat, spürte er keinerlei Wärme mehr. Ein neuer Gedanke jagte ihm einen eisigen Schauer durch den ganzen Körper: Der Dunkle Lord hatte ihn noch nie zuvor mitten an einem Schultag zu sich gerufen. War es möglich, dass seine Aufgabe in Hogwarts und damit auch seine Tarnung nicht mehr von Bedeutung waren?