Liebe Try, was für eine schöne Überraschung, dass du noch/wieder mit dabei bist! Ich habe mich riesig gefreut, deine Gedanken zum vorigen Kapitel zu lesen. Nachdem ich die traurige Nachricht hörte, hatte ich das Bedürfnis, diese Geschichte aus Snapes Blickwinkel hier nicht unvollendet stehenzulassen. Ich fand es immer sehr reizvoll, Snapes mögliche Perspektive zu den Ereignissen auszuloten, da die Bücher ja ausschließlich aus Harrys Sicht geschrieben sind. Die vielen hellen und auch dunklen Facetten von Snape machen ihn für mich nach wie vor zum interessantesten Charakter der Harry-Potter-Reihe. Ganz liebe Grüße aus dem Norden!
Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich viel Freude mit dem nächsten Kapitel und einen sonnige Winterwoche.
Kapitel 19 – 1996 Part V
Albus Dumbledore wirkte erschöpft und müde. Er stützte sich mit der rechten Hand am Schreibtisch ab, während er sich langsam in den Lehnstuhl sinken ließ. „Dank Ihrer umsichtigen Reaktion ist der Orden gerade noch rechtzeitig eingetroffen."
Snape stellte fest, dass sein Gegenüber sichtbare Spuren eines langen Kampfes trug. Er selbst war dem Ruf des Dunklen Lords mit einer Verspätung von einer knappen Stunde gefolgt und hatte sich auf dessen Geheiß vom Ministerium ferngehalten. Ganz im Gegensatz zu Potters Eigenmächtigkeit, der mit seinem Ausflug nach London nicht nur sich selbst, sondern auch seine Schulkameraden in Gefahr gebracht hatte. Es grenzte an ein Wunder, dass die Kinder so glimpflich davongekommen waren.
„Blacks Tod…", begann er zögernd, doch Dumbledore unterbrach ihn sofort mit einer energischen Bewegung. „Niemand hätte Sirius zwingen können, am Grimmauldplatz zu bleiben, während sein Patensohn in Gefahr ist und alle anderen kämpfen. Er war ein erwachsener Mann und es war seine Entscheidung."
Snape spürte kein Bedauern über Blacks Tod. Aber der Abbruch des Okklumentikunterrichts hatte Potter anfälliger für die Manipulationen des Dunklen Lords gemacht.
Er spürte, wie ihn die Blicke seines Gegenübers einer langen und aufmerksamen Musterung unterzogen. „Sie trifft kein Vorwurf, Severus. Sie haben alles getan, was unter den gegebenen Umständen möglich war."
Snape wusste, dass Albus Dumbledore mühelos Schuldgefühle erzeugen, diese aber auch mit wenigen Worten zerstreuen konnte. Im Moment war er dankbar für letzteres. „Ich bin froh, dass Sie wieder hier sind", sagte er.
Ein feines Lächeln durchzog das verwitterte Gesicht des Älteren. „Das bin ich auch. Begleiten Sie mich ins Lehrerzimmer? Wir müssen das Kollegium über die jüngsten Ereignisse informieren."
sssssssssssssssssss
Als der Tagesprophet offiziell das Überleben von dem, dessen Name nicht genannt werden durfte, bekanntgab, herrschte helle Aufregung in der Zaubererwelt. Am panischsten reagierten diejenigen, die seine Existenz am hartnäckigsten geleugnet und Albus Dumbledore monatelang als Lügner hingestellt hatten. Immer mehr Eltern holten ihre Kinder vorzeitig aus dem sicheren Schutz der Schule ab.
Auch der Häuserkampf hatte eine neue Dimension bekommen. Die Slytherins, deren Eltern verhaftet worden waren, machten Potter und seine Mitstreiter dafür verantwortlich. Snape stand nicht nur vor der Herausforderung, seine Tarnung aufrecht zu erhalten, er musste gleichzeitig Potter vor den Vergeltungsmaßnahmen schützen. Er atmete auf, als die Ferien begannen und alle Schüler in den Hogwartsexpress eingestiegen waren.
sssssssssssssssssss
„Versager!"
Mehrere Todesser duckten sich unter dem Wort wie unter einem Hieb. Snape stand abseits und beobachtete die devote Geste angeekelt. Was für ein erbärmlicher Haufen menschlichen Abschaums, dachte er. Sie stürzten sich wie Hyänen auf Schwächere, aber standen wie Schafe vor der Schlachtbank, sobald ihr Führer das Wort an sie richtete.
Die Augen des Dunklen Lords glommen aus verengten Schlitzen. „Wenn ihr mich noch einmal enttäuscht, werdet ihr euch wünschen, nicht geboren zu sein!"
Er schritt durch die Reihen. Nicht wenige wandten den Blick ab oder versuchten, sich so klein wie möglich zu machen. Schließlich blieb er stehen und sah in die Runde. „Ich habe neue Aufgaben für euch."
sssssssssssssssssss
Bei Pettigrews Anblick auf seiner Türschwelle in Spinners End konnte Snape nur schwer das Zucken seiner Hände unterdrücken, die sich dem Verräter am liebsten um den Hals gelegt hätten.
‚Lily', dachte er verzweifelt und versuchte, den Anblick ihres leblosen Körpers aus seiner Erinnerung zu verdrängen. Er musste sich zusammenreißen. Es stand so viel auf dem Spiel.
Pettigrew schien die Gefahr zu ahnen, die einen Moment lang über ihm schwebte. Seine rattenähnlichen Züge verrieten Nervosität, seine Haltung war devot und unsicher.
Snape trat zur Seite und deutete nach oben. „Erste Tür links. Dort bleibst du und kommst mir nicht unter die Augen. Verstanden?"
Snape musterte die jämmerliche Gestalt verächtlich, die hastig die Treppen hochhuschte. Doch er durfte die Ratte nicht unterschätzen. Es war davon auszugehen, dass Pettigrew über jede seiner Bewegungen Bericht erstattete und dass darin der eigentliche Zweck seines Aufenthalts lag. Zum Glück konnte Snape schulische Verpflichtungen vorschieben, wenn er Spinners End für eine Weile entfliehen wollte.
sssssssssssssssssss
„Weshalb möchten Sie mich so dringend sprechen, Severus?"
„Der Dunkle Lord plant Ihren Tod."
„Tatsächlich?", fragte Dumbledore in leichtem Ton, als hätte er soeben erfahren, dass die Regenperiode weiterhin anhalten sollte.
„Draco wurde bei der letzten Zeremonie als Ersatz für seinen Vater in die Reihen der Todesser aufgenommen."
Dumbledore saß plötzlich kerzengerade in seinem hohen Lehnstuhl. „Als vollwertiges Mitglied?"
Snape nickte. „Er trägt das Dunkle Mal. Sein Auftrag lautet, Sie bis zum Ende des Schuljahres zu töten."
Sein Gegenüber schwieg sehr lange. Snape forschte in dem alten Gesicht, doch es gab nichts preis. Schließlich lehnte sich Dumbledore zurück und schüttelte langsam den Kopf. „Der arme Junge. Ich glaube nicht, dass er zu einem Mord fähig ist."
„Was gedenken Sie zu tun?"
„Ich danke Ihnen für Ihre Warnung, Severus. Ich gehe aber davon aus, dass er einige Vorbereitung braucht, um mich anzugreifen und mir genug Zeit bleibt, um eine Lösung zu finden. Im Moment habe ich erst einmal Wichtigeres zu tun."
„Und was ist in Ihren Augen wichtiger als Ihr Leben, wenn Sie die Frage erlauben?", entgegnete Snape ätzend. Der vertraute Frust breitete sich in ihm aus, wie immer, wenn er bei seinem Gegenüber auf Granit stieß.
„Ich erlaube die Frage, aber ich kann Ihnen keine Antwort darauf geben", sagte Dumbledore liebenswürdig.
sssssssssssssssssss
Nur wenige Tage später geschah das Entsetzliche. Als ihn Dumbledore zu einer ungewöhnlichen Stunde zu sich rief und ihm die dunkel verfärbte Hand zeigte, wusste Snape, dass dem Schulleiter nicht mehr viel Zeit blieb. Seine erste Reaktion war Entsetzen, die zweite bitterer Zorn. Er konnte es nicht fassen, dass Dumbledore im Umgang mit einem schwarzmagischen Gegenstand so unachtsam gewesen war. Gerade jetzt, in diesen immer dunkler werdenden Zeiten, wurde die Autorität und Macht des alten Zauberers so dringend gebraucht.
„Was haben Sie sich nur dabei gedacht?", fragte Snape zum dritten Mal wütend, während er den Verband erneut in eine klebrige Flüssigkeit tauchte, bevor er ihn um die Hand legte. „Werden Sie mir endlich beantworten, warum Sie sämtliche Schutzmaßnahmen außer Acht ließen?"
Dumbledore schwieg lange. Doch schließlich murmelte er: „Ich wollte dem Tod ein Schnippchen schlagen."
„Ach was!" Snape betrachtete den hässlichen Ring, der auf dem Schreibtisch des Schulleiters lag. „Woher haben Sie ihn und wieso wollten Sie ihn zerstören?"
„Sie verstehen das nicht", flüsterte Albus Dumbledore. „Wie auch."
„Dann klären Sie mich auf." Je länger Snape seine Blicke zwischen dem Ring und der schwarzverfärbten Hand hin und her schweifen ließ, desto zorniger wurde er.
Dumbledore seufzte. „Vor einigen Tagen informierten Sie mich über den Besuch von Narzissa und ihrer reizenden Schwester. Sie legten einen unbrechbaren Schwur ab, um Ihre Tarnung zu wahren."
Snape nickte ungeduldig, doch bevor er etwas sagen konnte, hob Dumbledore die unverletzte Hand. „Wir waren uns einig, dass Sie diesen Schwur erfüllen, um mir einen letzten Dienst zu erweisen."
Snapes Augen verengten sich und er presste seine Lippen fest zusammen. Er wusste, dass es sinnlos war, die Argumente zu wiederholen, die ihm auf der Zunge lagen.
„Sie gaben mir zu verstehen, dass es Ihre Seele belasten könnte, wenn Sie meinem … Anliegen folgen", fuhr Dumbledore leise fort.
„Was Sie nicht davon abhielt, diesen Dienst von mir zu fordern!", entgegnete Snape bitter.
„Ich sah darin die beste Lösung zu Ihrem Schutz und zum Schutz der Schule. Doch noch am gleichen Nachmittag erhielt ich eine Information, die alles, wirklich alles hätte ändern können." Dumbledore schloss für einen Moment die Augen. „Aber ich war zu ungeduldig und habe es damit zunichte gemacht."
Snape nahm das ungewöhnliche Zittern in Dumbledores Stimme wahr und registrierte die dunkelroten Flecken auf seinen Wangen. Sein Zustand schien sich zu verschlimmern, das Fieber war ein schlechtes Anzeichen.
„Trinken Sie das, Albus", meinte er ruhig und reichte ihm einen Kelch, dessen Inhalt goldfarben schimmerte. „Lassen Sie uns das Gespräch später fortführen."
Dumbledore nahm einen Schluck und lehnte sich dann wieder zurück. „Ich hätte den Tod meistern können, Severus! Doch ich war ein gieriger Narr." Sein Blick war weit weg, als befände er sich an einem Ort, zu dem nur er Zugang hatte. „Ich wäre unsterblich gewesen."
„Nur leider gelangt man nicht in diesen Zustand, indem man schwarzmagische Objekte ohne Schutz malträtiert!", entgegnete Snape grimmig. Er packte das Verbandsmaterial und die Schale mit den Heilkräutern zusammen und schob alles in eine Ecke des Tisches.
Die blauen Augen verfolgten seine Bewegung und die Wärme, die plötzlich daraus strahlte, ließ Snape innehalten.
„Ein unbrechbarer Schwur greift nur dann, wenn er in der Realität auch umsetzbar ist."
Noch während Snape fragend eine Augenbraue hob, begann sich etwas in ihm zu lösen, etwas schmolz unter der Wärme dieses Blicks. Ein Kloß bildete sich in seiner Kehle. So hatte er unzählige Male Eltern ihre Kinder anschauen sehen, eine Mischung aus Stolz, Zuneigung und unbegrenztem Vertrauen. Er brach den Blickkontakt ab, um die Fassung nicht zu verlieren.
„Ihr Schwur wäre belanglos gewesen. Verstehen Sie, was ich meine, Severus?"
„Nein." Er wagte nur das eine Wort, damit seine Stimme nicht an Festigkeit verlor.
„Einen Unsterblichen zu töten ist unrealistisch – egal, ob Draco den Versuch unternommen hätte oder ob Sie für ihn eingesprungen wären. Jeglicher Eid wäre dann wirkungslos geblieben."
Snape schüttelte langsam den Kopf. Dumbledores Hände zitterten, als er den Kelch abstellte. „Versuchen Sie, etwas zu schlafen, Albus. Ich schaue später noch einmal vorbei."
Er schloss sacht die Tür und setzte sich auf die Steinbank am Fuß der Treppe. Dumbledores Gerede von Unsterblichkeit beunruhigte ihn. Der alte Zauberer hatte in einem Augenblick verwirrt und geschwächt gewirkt und im nächsten Moment wieder von stählerner Entschlossenheit. Doch noch mehr beunruhigten ihn seine eigenen Empfindungen, denn ihm war aufgegangen, dass er es nicht ertragen würde, den Menschen zu verlieren, der ihm eine zweite Chance gegeben und der ihn einen Moment lang wie einen Sohn betrachtet hatte.
sssssssssssssssssss
August 1996
Zwei Wochen später schien Albus Dumbledore trotz der abgestorbenen Hand wieder ganz der Alte zu sein. Das Wort „Unsterblichkeit" war nicht noch einmal gefallen. Als Snape an diesem Abend mit einem weiteren Heiltrank das Büro des Schulleiters betrat, verriet nur das Kratzen einer Feder, dass sich jemand hinter dem riesigen Bücherstapel auf dem Schreibtisch befand. Im nächsten Moment tauchte Dumbledores Kopf über dem Papier auf. „Ah, Severus. Danke, dass Sie mir so regelmäßig Tränke brauen."
Der alte Zauberer trat hinter dem Schreibtisch hervor und deutete auf die kleine Sitzecke. Dann hob er den Zauberstab und ließ die Papierhaufen, die sich auf den Sitzflächen der Sessel befunden hatten, auf eine freie Stelle auf dem Schreibtisch schweben. Snape fragte sich, wie man so arbeiten konnte.
„Wie ist die Situation in Spinners End?" Dumbledore goss etwas von der Flüssigkeit in ein Glas, nippte daran und verzog das Gesicht.
„Unverändert", entgegnete Snape. „Aber Pettigrew wird für eine neue Aufgabe abgezogen, sobald ich mit Beginn des neuen Schuljahres wieder überwiegend in Hogwarts bin."
„Gut", nickte Dumbledore.
„Er selbst sieht das anders", meinte Snape spöttisch. „Er dachte offenbar, er kann sich weiterhin in meinem Haus verkriechen, in der Hoffnung, dass der Dunkle Lord dann seine Existenz vergisst."
„Ich bedaure sehr, dass Sie seine Anwesenheit während des Sommers erdulden mussten."
„Er hat keine Ahnung, wie oft sein jämmerliches Leben in dieser Zeit in Gefahr war." Snapes Hände hatten sich unwillkürlich zu Fäusten geballt.
„Ich möchte Ihre Zeit nicht über Gebühr in Anspruch nehmen, aber da wäre noch eine Sache." Dumbledore deutete auf das Chaos auf seinem Schreibtisch.
Snape sah ihn verständnislos an.
„Das sind sämtliche Aufzeichnungen von Horace Slughorn, die nach seinem Weggang in Hogwarts verblieben. Ich beabsichtige, ihn für das nächste Schuljahr als Mitglied des Kollegiums zu gewinnen."
Snape runzelte die Stirn. „Sehen Sie die Notwendigkeit, einen zweiten Lehrer für Zaubertränke einzustellen?"
„Nein. Ich möchte, dass Horace Ihre Stelle übernimmt und Sie stattdessen
Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichten."
Snape hörte die Worte, nahm ihre Bedeutung auf und unzählige Gedanken und Fragen schossen gleichzeitig durch seinen Kopf. Er schwieg so lange, dass ihn Dumbledore forschend ansah: „Ich hatte den Eindruck, dass Ihnen dieser Unterricht sehr am Herzen liegt und Sie sich seit Jahren nichts sehnlicher wünschen, als derjenige zu sein, der die Schüler darin unterrichtet?"
„Warum jetzt?", fragte Snape schließlich.
„Ich habe meine Gründe", entgegnete Dumbledore. „Einer davon ist, dass es nach dem letzten Jahr in diesem Fach viel aufzuholen gibt. Ich bin der Ansicht, dass Sie der Richtige für diese Aufgabe sind."
„Und was ist mit dem ominösen Fluch, der Ihrer Meinung nach auf dieser Stelle liegt?", fragte Snape ironisch. Er vermochte noch keine Freude über die lang ersehnte Herausforderung zu finden, dazu waren Dumbledores Beweggründe zu diffus.
Doch der Schulleiter schmunzelte plötzlich. Das feine Netz der Fältchen um seine Augen betonte das strahlende Blau, als das Lächeln seine Augen erreichte. „Ich zähle darauf, dass Sie noch viele Jahre in Hogwarts sind, wenn auch nicht als Verteidigungslehrer. Ich beabsichtige, Sie als meinen Nachfolger zu bestimmen."
Snape sah ihn verblüfft an, doch bevor er antworten konnte, fuhr Dumbledore fort: „Wir benötigen natürlich noch eine plausible Erklärung für Lord Voldemort, warum Sie von mir gerade jetzt als Lehrer für Verteidigung eingesetzt werden."
„Das wird nicht schwierig sein. In gewisser Weise kommt es ihm entgegen, nicht wahr?", sagte Snape und nun spielte auch um seine Lippen ein leises Lächeln.
