Liebe Try, dankeschön für deinen Kommentar! Besonders freue ich mich darüber, dass du Snapes Sicht der Dinge spannend findest. Ich hoffe, dass die Spannung weiterhin aufrechterhalten bleibt oder vielleicht auch die eine oder andere Stelle trotz des schon bekannten Handlungsrahmens überrascht.

Ganz liebe Grüße und auch allen unbekannten Leserinnen und Lesern viel Freude beim Weiterlesen.

Kapitel 20 – 1996 Part VI

Als Snape wenige Tage später den Tagespropheten in die Hand nahm, sprang ihm sofort die Schlagzeile Igor Karkaroffs Leichnam letzte Nacht gefunden ins Auge. Er überflog den Artikel hastig. Niemand hatte den Aufenthaltsort des Schulleiters von Durmstrang während des vergangenen Jahres gekannt und es war erstaunlich, dass er überhaupt so lange unentdeckt geblieben war. Sein Tod bewies, wie unnachgiebig der Dunkle Lord diejenigen verfolgte und bestrafte, die sich von ihm abgewendet hatten, dachte er grimmig.

Er las eine Zusammenfassung von Igors Leben, studierte das abgedruckte Porträt, das mindestens zehn Jahre alt war, bevor er zu den Vermisstenanzeigen im lokalen Nachrichtenteil wechselte. Fast täglich verschwanden Menschen. Alteingesessene Läden wie die von Ollivander und Fortescue verwaisten in der Winkelgasse, weil ihre Besitzer plötzlich wie vom Erdboden verschluckt waren.

Ihm war bekannt, dass die Lestranges den Auftrag hatten, bestimmte Zauberer zu entführen. Aber nur sie wussten, nach welchen Kriterien die Auswahl getroffen wurde und was mit den Gefangenen geschah. In letzter Zeit verteilte der Dunkle Lord seine Aufgaben so, dass jeweils nur ein begrenzter Kreis über bestimmte Dinge informiert war. Offensichtlich weihte er niemanden mehr in all seine Ziele ein.

Snape rollte die Zeitung zusammen und hatte gerade die Wendeltreppe erreicht, als ihm der Schulleiter entgegenkam.

„Guten Morgen. Wie ich sehe, sind Sie bereits informiert", grüßte Dumbledore und deutete auf den Tagespropheten in Snapes Hand. „Begleiten Sie mich ein Stück? Es ist ein wundervoller Morgen."

Draußen war es noch kühl, doch es würde nicht lange dauern, bis die Sonne die Nebelschwaden verjagte, die von den umstehenden Bäumen nur noch die Umrisse erahnen ließen. Snape genoss die Stille, als sie über die Brücke liefen. Schon bald würden wieder Schülerhorden darüber trampeln, um zu Hagrids Hütte, zum Wahrsageunterricht und zur Eulerei zu gelangen.

Sie erreichten die Wiese und eine Weile dämpfte das Gras ihre Schritte. Als sie Hagrids Hütte passierten, bellte Fang und erst jetzt ergriff Dumbledore das Wort: „Ich nehme an, dass es in Ihrem Sinne ist, wenn ich mich in diesem Schuljahr verstärkt um Harry Potter kümmere? Das gibt Ihnen mehr Spielraum, Draco Malfoy im Blick zu behalten und sein Vertrauen zu Ihnen zu vertiefen."

Snape hob eine Augenbraue. „Sie sehen keine Gefahr mehr, dass der Dunkle Lord Potter gegen Sie benutzt?"

„Absolut nicht. Voldemort hat während des Kampfes im Ministerium eine Ahnung davon erhalten, was es bedeutet, Harry in Besitz zu nehmen, um mich anzugreifen. Ich bin überzeugt davon, dass er das nicht noch einmal versuchen wird."

Snape nickte und Dumbledore fuhr fort: „Allerdings werde ich in diesem Schuljahr häufiger für ein paar Tage abwesend sein. In dieser Zeit bitte ich Sie, auch weiterhin auf Harry zu achten. Ich informiere Sie über meine Abwesenheitszeiten rechtzeitig."

September 1996

Fünf Tage später beobachtete Severus Snape von seinem neuen Unterrichtsraum aus, wie sich die Boote und Wagen dem Schloss näherten. Filius Flitwick und Argus Filch hatten ihre Posten am Eingangstor bezogen, um das Gepäck jedes Ankömmlings zu überprüfen. Die Sicherheitsvorkehrungen waren höher als jemals zuvor.

Sein Blick wanderte durch den Verteidigungsraum und er nickte zufrieden. Jegliche Spur von Umbridges Nippes war ausgemerzt und das Rosa durch dunkle Farben ersetzt. Er hatte entschieden, bei der Raumgestaltung den größtmöglichen Kontrast zu seiner Vorgängerin zu wählen. Das Resultat wirkte bedrohlich und beunruhigend, aber genau das lag in seiner Absicht. Jeder sollte sehen, womit er es mit den Dunklen Künsten zu tun hatte und erkennen, dass sich diese Magie nicht allein mit ein paar Lehrbüchern bekämpfen ließ.

Die neue Aufgabe, die vor ihm lag, hatte ihm in den letzten Tagen Energie verliehen. Verteidigung gegen die Dunklen Künste bedeutete mehr für ihn als Unterricht. Es war ein Gegenschlag. Es war Vergeltung an denjenigen, die ihn als Jugendlichen auf falsche Wege geleitet hatten und die heute die Unterwerfung der Zaubererwelt anstrebten.

Eine falsche Entscheidung in seiner Jugendzeit hatte sein ganzes Leben beeinflusst und ihn zum Werkzeug anderer gemacht. In den letzten Wochen war ihm aber auch immer deutlicher bewusst geworden, dass er Albus Dumbledore nicht nur sein Leben, sondern auch seine heutige Stabilität und Erfahrung verdankte. Selbst der verhasste Eid, Potter zu schützen, war nicht ohne Wirkung geblieben. Seit er Potter mehrfach aus lebensbedrohlichen Situationen gerettet hatte, konnte er besser mit seinen Schuldgefühlen umgehen.

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Der Gong riss ihn aus seinen Grübeleien. Snape begab sich in die Große Halle. Obwohl der Raum nach den Ferien vom üblichen Wiedersehensgeschnatter erfüllt war, wirkten vor allem die Haustische der Hufflepuffs und Rawenclaws ausgedünnt. Auch die Anzahl der Erstklässler, die Professor McGonagall wenig später hereinführte, erschien ihm erheblich niedriger als in den Vorjahren. Warum begriffen manche Eltern nicht, dass ihre Kinder zu Hause viel angreifbarer waren, während ihnen Hogwarts Schutz bot?

Vom Gryffindortisch kam wie immer der größte Lärm. Snapes Augen suchten die beiden Reihen ab. Wo war Potter?

Kurze Zeit später huschte ein silbriger Umriss zum leeren Platz des Wildhüters. Snape nahm die Nachricht des Patronus entgegen und schüttelte verständnislos den Kopf. Wieso kam Potter nicht im Schutz der Gruppe an? Wo hatte ihn Nymphadora aufgelesen? Und warum schickte sie einen so jämmerlichen Patronus, der kaum die Kraft gehabt hatte, die Nachricht vollständig zu übermitteln? Was war mit ihrem alten passiert? Snape stand auf und eilte zum Eingangstor.

Snape musterte den Jungen unauffällig, während er neben ihm zum Schloss lief. Potter kam ihm fremd vor. Es waren nicht nur die angespannte Miene und die fest zusammengepressten Lippen, die ihn viel erwachsener wirken ließen. Potters ganze Haltung hatte sich verändert. Er strahlte nicht nur die übliche Abneigung aus, sondern pure Feindseligkeit und Abwehr. Es war exakt der gleiche Ausdruck, mit dem Lily ihn angeschaut hatte, als er sie als Schlammblut beschimpfte. Snape brauchte keine Legilimentik, um zu verstehen, wen Potter für den Tod seines Paten verantwortlich machte.

War es dem Jungen wenigstens einmal in den Sinn gekommen, dass er selbst nicht unerheblich zu der Situation im Ministerium beigetragen hatte? Nichts davon wäre passiert, wenn er im vergangenen Schuljahr die Bedeutung von Okklumentik erkannt und geübt hätte, dachte Snape aufgebracht. Hatte Potter wenigstens einen Bruchteil seines Zorns für Albus Dumbledore reserviert, weil er ihn nicht rechtzeitig in einige entscheidende Dinge eingeweiht hatte? Vermutlich nicht. Albus besaß in den Augen der meisten unantastbaren Heiligenstatus.

Aber auch eine weitere Frage hatte sich Snape während des Sommers immer wieder ungebeten aufgedrängt: Potter und Black schlugen jeweils zur Rettung des anderen sämtliche Vorsicht in den Wind. Wie konnten sie in der kurzen Zeit, in der sie sich kannten, ein so enges Band knüpfen?

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„Ich hörte, dass Ihr Verteidigungsunterricht bei den Schülern gut ankommt." Horace Slughorn lehnte sich nach dem Essen vertraulich zu ihm herüber. „Vermissen Sie nicht hin und wieder das Brodeln der Kessel?"

„Nein", entgegnete Snape knapp.

„Sie haben ein gutes Niveau im Tränkeunterricht erwirkt", lobte Slughorn. „Aber Sie waren ja schon als Schüler ein kleines Genie. Sie und Lily Evans…"

Snape erstarrte.

„Es ist wundervoll, dass Lily ihr Talent an ihren Sohn weitergegeben hat, einfach wundervoll", schwärmte sein früherer Lehrer.

Severus Snape hatte genug von dieser Konversation. Wenige Sekunden später ragte sein Kopf aus der Menge der Schüler, die auf den Ausgang der Großen Halle zuströmten.

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„Ich habe Ihnen schon beim letzten Mal gesagt, dass nichtverbale Zaubersprüche so genannt werden, weil sie NICHTVERBAL sind", zischte Snape, richtete seinen Zauberstab erneut auf Harry Potter und bohrte seinen Blick in die grünen Augen.

Vor ein paar Tagen war es ihm noch gelungen, Potters große Schwäche, seine Emotionalität, anzustacheln. Der Junge hatte schließlich so die Beherrschung verloren, dass er sich dafür Nachsitzen einhandelte. Doch heute stand er einfach nur da, den Zauberstab in der Hand und starrte ihn feindselig an.

Er parierte Potters Zauber mit einem schnellen Schlenker seines Zauberstabs. Ebenso rasch wehrte Potter seinen Gegenzauber ab. Die Angriffe und Gegenangriffe erfolgten immer schneller, als würden sie einen Kampf auf Leben und Tod ausfechten, den keiner gewinnen konnte. Potter war gut, sehr gut sogar und Snape begann zu ahnen, was Albus Dumbledore schon länger erkannt hatte: Wenn Potter ein konkretes Ziel hatte, gelang es ihm, Zugang zu einer bemerkenswerten Konzentration zu finden und alles andere um sich herum auszublenden. In diesem Fall war er, Snape, das Ziel. Potter wollte ihn verletzen und besiegen, das hatte er ihm während der letzten Minuten deutlich demonstriert. Snape senkte den Zauberstab und fixierte sein Gegenüber. Die grünen Augen funkelten und wieder einmal wurde er an Lily erinnert.

„Mit Herumgaffen werden Sie die dunklen Mächte nicht besiegen", herrschte er die anderen Schüler an, die ihrem Zweikampf fasziniert zugesehen hatten. „Sie üben jetzt noch zehn Minuten nichtverbale Zaubersprüche." Snape zog sich in eine Ecke des Raumes zurück, beobachtete das Geschehen und wehrte gelegentlich einen verirrten Zauber ab. Potter kämpfte jetzt gegen seinen Freund Weasley und es war nichts mehr von der verbissenen Entschlossenheit zu erkennen, die er gerade eben noch gezeigt hatte.

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„Sie untergraben meine Autorität, wenn Potter vom Nachsitzen freigestellt wird."

„Das liegt keinesfalls in meiner Absicht. Ich bin jedoch erst wieder am Samstagabend in der Schule anwesend und es ist wichtig, dass ich dann mit Harry spreche", erklärte Dumbledore ruhig.

„Was haben Sie mit ihm vor?"

„Ich werde Ihnen zu einem späteren Zeitpunkt alles erklären, Severus. Wie beurteilen Sie seine Leistung in Verteidigung?"

„Sie ist besser als seine Tränkekunst."

„Das aus Ihrem Mund kommt einer Auszeichnung gleich", sagte Dumbledore und seine Mundwinkel zuckten. „Wobei Horace voller Lob für Harrys Tränkekenntnisse ist."

„Ach was", meinte Snape spöttisch. „Vermutlich braucht er Potter für seine Sammlung an Berühmtheiten."

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Oktober 1996

„Professor McGonagall meinte, dass der Inhalt auf keinen Fall berührt werden darf!" Argus Filch hielt ihm ein schmutziges Päckchen mit einer noch schmutzigeren Hand entgegen.

„Hat sie gesagt, worum es geht?", fragte Snape.

„Nur, dass ich es zu Ihnen bringen soll." Der Hausmeister schlurfte davon, sichtlich erleichtert, dass er von seinem Botengang erlöst war.

Snape legte das Päckchen auf seinem Tisch ab und sprach einen Schutzzauber. Dann hob er den Zauberstab, ließ den Inhalt herausschweben und erstarrte. Er erkannte die Opale auf Anhieb.

Was bei Salazar dachte sich Minerva dabei, ihm ein Geschmeide auszuhändigen, das bereits das Leben von fast 20 Muggelstämmigen gekostet hatte? Woher hatte sie es? Er verlor keine Zeit und suchte seine Kollegin auf.

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Professor McGonagalls knappe Erklärungen stellten ihn nicht zufrieden. Warum sollte jemand einen Anschlag auf eine Schülerin verüben? Katie Bell war offenbar in einem so schlechten Zustand, dass sie nicht einmal mehr ansprechbar war.

Madame Pomfrey schien aufzuatmen, als er eintraf. „Es geht ihr sehr schlecht! Ich konnte nichts für sie tun, ich erkenne den Fluch nicht."

Snape beugte sich über das reglos daliegende Mädchen und murmelte die Verse, die die Ausbreitung schwarzmagischer Flüche verhinderten. Dann sprach er einen Heilzauber und in das bleiche Gesicht kehrte etwas Farbe zurück.

„Wird sie wieder gesund?"

Er nickte. „Aber es ist mit einem langwierigen Heilungsprozess zu rechnen. Sie sollte umgehend ins St. Mungos Hospital verlegt werden."

„Ich verständige Heiler Marchinggale." Poppy Pomfrey eilte mit der für sie üblichen Effizienz zu ihrem Büro. Snape warf noch einen Blick auf das Mädchen, dessen Atemzüge nun gleichmäßiger klangen und verließ dann ebenfalls den Krankensaal. Langsam breitete sich ein Verdacht in ihm aus.