Der Mond hatte sich fast vollständig gerundet. Der Himmel war sternenklar. Es war ungewöhnlich kühl für eine Nacht im Juli und die beiden Männer schlangen ihre schwarzen Umhänge enger um ihren Körper. Der Weg vor ihnen wurde vom silbernen Mondlicht und einigen Straßenlaternen schwach erleuchtet. Sie befanden sich in einem feineren Wohngebiet in Muggel-London. Sie passierten ordentliche Vorgärten und stattliche Einfamilienhäuser.

Ihre Gesichter waren von Kapuzen verdeckt. Die meisten Häuser lagen in Dunkelheit, doch in einigen Fenster brannte noch Licht. Sie beeilten sich, um nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Sie wollten es vermeiden, womöglich von Muggeln gesehen zu werden.

Ihr Ziel war ein Haus am Ende der Straße. An dem kleinen eisernen Türchen zum Vorgarten, hielten sie inne und zogen ihre Zauberstäbe. Sie verharrten für einige Augenblicke dort, bis einer der Männer seinen Zauberstab zurück in seinen Umhang steckte.

„Sieht nicht so aus, als wäre das Haus geschützt", murmelte Yaxley und es war schwer zu sagen, ob er davon enttäuscht oder belustigt war.

Sein Gefährte zögerte. Er behielt seinen Zauberstab in der Hand, als sie vorsichtig das Türchen aufstießen und über einen kurzen gepflasterten Weg schritten. Links und rechts von ihnen befanden sich Blumenbeete, doch jemand schien die Pflanzen vor langer Zeit vergessen zu haben. Die meisten waren bereits braun und verdorrt. Offenbar hatte sich niemand die Mühe gemacht, sie zu gießen.

Rabastan Lestrange stoppte vor der Haustür und überprüfte ein weiteres Mal, ob wirklich keine Schutzzauber über dem Grundstück lagen, dann öffnete er mit dem Alohomora die Tür.

Die Tür schwang auf und gab einen kleinen Flur Preis. Die beiden Männer traten ein und entzündeten Lichter an ihren Zauberstäben. Ihre Schritte knarzten auf den hölzernen Dielen.

Homenum revelio!", flüsterte Rabastan. Der Zauberspruch blieb ergebnislos. Das Haus war menschenleer.

„Es ist niemand hier", sagte Yaxley, der mit seinem Zauberstab die Garderobe untersuchte. Kein einziges Kleidungsstück hing am Haken, kein einziges Paar Schuhe stand darunter.

Sie schritten weiter durch alle Räume, aber doch das gesamte Haus war leer. In keinem Raum waren Möbelstücke. Auf dem Kaminsims im Wohnzimmer standen ein paar leere Bilderrahmen. Im ersten Stock bot sich ihnen das gleiche Bild. Sämtliche Räume waren leer und verlassen.

„Scheint, als wären sie ausgezogen", bemerkte Yaxley. „Das Mädchen wird ihre Familie gewarnt haben."

Rabastan nickte nur. Wieder im Erdgeschoss kehrte er nochmal ins Wohnzimmer zurück und besah sich die leeren Bilderrahmen.

„Das Mädchen hat einen Gedächtniszauber über ihre Familie gelegt und sie fortgeschickt. Wahrscheinlich hat sie schon geahnt, dass wir kommen würden. Ziemlich clever. Die könnten überall sein."

„Gehen wir, hier gibt's ja nichts mehr", sagte Yaxley. „Wir können hier nichts mehr tun. Sie steht ja ohnehin bereits auf unserer Liste."

„Das heißt?", fragte Rabastan.

„Wenn das Ministerium unter unserer vollen Kontrolle steht, müssen sich alle muggelstämmigen Hexen und Zauberer bei der neueingerichteten Registrierungskommission für Muggelstämmige eintragen lassen. Der Aufruf wird im Tagespropheten veröffentlicht werden. Wer sich nicht meldet … Und ich gehe mal davon aus, dass sich das Mädchen nicht freiwillig melden wird. Sie wird sich mit Potter verstecken. Früher oder später werden wir die Kinder finden. Was ich aber nicht verstehe ist, warum der Lord sie lebend will." Yaxley zuckte gleichgültig mit den Schultern.

„Verstehe", antwortete Rabastan schlicht, ohne auf Yaxleys Kommentar einzugehen.

„Gehen wir, erstatten wir dem Lord Bericht", sagte Yaxley und wartete, dass Rabastan ihm folgte. Dieser zögerte kurz. Er schritt noch einmal die Räume im Erdgeschoss ab, warf sogar einen Blick in einen kleinen Abstellraum, dann folgte er Yaxley hinaus.

Was hatte er erwartet? Was hatte der Dunkle Lord erwartet, als er sie zum Haus der Grangers befohlen hatte? Es war abzusehen gewesen, dass das Mädchen vorgesorgt hatte. Sie musste damit gerechnet haben, dass ihre Eltern in Gefahr sein würden und hatte sie vorsorglich weggeschickt. Die Grangers mochten am anderen Ende der Welt sein und wahrscheinlich wussten sie noch nicht einmal, dass sie eine Tochter hatten.

Sie schlossen das Gartentürchen hinter sich und disapparierten im Schutz der Dunkelheit.


Hermine seufzte, als sie sich im Spiegel betrachtete. Sie strich die Falten ihres lilafarbenen Kleides glatt, wandte sich um, sodass sie sich von hinten betrachten konnte und brachte ihre Haare in Ordnung.

„Du siehst toll aus", sagte Ginny, die hinter ihr stand, lächelnd. „Echt umwerfend."

„Danke."

„Bist du dann fertig? Wie sollten langsam mal runtergehen. Ich glaube, alle Gäste sind schon da."

„Ich komme gleich, geh schon mal vor."

Ginny nickte und schritt hinaus.

Hermine blieb vor dem Spiegel stehen und besah sich von unten nach oben. Sie trug Schuhe mit einem leichten Absatz, die sie etwas größer erscheinen ließen. Ihr Kleid schmiegte sich sanft an ihren schlanken Körper. Ihre Mutter hätte sie mit Sicherheit bildschön genannt. Und das war sie. Blicke von anderen waren ihr sicher und wahrscheinlich hätten sich viele Jungen darum gerissen, mit ihr tanzen zu können.

Sie wusste, dass sie ihrem Kleid ein Blickfang sein würde. Nur warum fühlte sich Hermine nicht richtig wohl damit? Sie hatte natürlich den Wunsch, ein bestimmter Junge möge mit ihr tanzen, doch mittlerweile hatte sie beinahe die Hoffnung aufgegeben, Ron würde sie endlich einmal als Mädchen bemerken. Er war ihr zugeneigt, das spürte sie, aber trotzdem blieben sie distanziert zueinander. Niemand wagte einen ersten Schritt. Vielleicht war es nicht richtig mit ihnen? Vielleicht war es Hermines Unterbewusstsein, das ihr sagte, dass sie einen Fehler machte, wenn sich zwischen ihr und Ron mehr als nur Freundschaft entwickeln würde. Sie schätze Rons Freundschaft sehr und sie musste sich eingestehen, dass sie Angst darum hatte. Wenn es zwischen ihnen nicht funktionieren sollte, was würde aus ihrer Freundschaft werden?

Hermine seufzte erneut. Sie nahm ihre kleine Handtasche und schritt hinaus. In dem perlenverzierten Beutel befanden sich Kleidung, der Tarnumhang, unzählige Bücher, Geld, ein magisches Zelt und vieles mehr, was die Freunde für ihre Reise auf der Suche nach den Horkruxen brauchen würden oder was sich als nützlich erweisen könnte. Sie hatte sie mit einem Ausdehnungszauber belegt, um alles verstauen zu können. Von außen wirkte sie unscheinbar und niemand würde in einem winzigen Täschchen einen gesamten Hausstand vermuten.

Hermine hatte sich angewöhnt, sie überall mit sich herumzutragen. Es war albern, aber sie war gern auf alle Eventualitäten vorbereitet. Wer wusste schon, ob sie nicht spontan aufbrechen würden? So war sie auch auf der bevorstehenden Hochzeit ihr stetiger Begleiter.


Die Zeremonie war vorbei und die Gäste hatten sich an den Tischen zu Essen und Trinken zusammengefunden. Musik spielte und das Brautpaar schritt als erstes auf die Tanzfläche, viele andere folgten dem Beispiel. Hermine sah aus dem Augenwinkel Harry, getarnt als Weasley-Junge mit einem älteren Mann sprechen, von dem sie sich sicher war, dass es Elphias Doge war, dann forderte sie Viktor Krum zum Tanz auf. Ihr fiel nicht auf, dass sie aus sicherer Entfernung beobachtet wurde.

Hermine war völlig außer Puste vom Tanzen mit Viktor, sodass sie erst einmal eine Pause und etwas zu trinken brauchte. Sie entschuldigte sich von ihm und begab sich zum Büffet, wo sie sich ein Getränk und einen kleinen Snack nahm. Sie ließ sich auf einem leeren Stuhl an einem Tisch nieder und sah den anderen Paaren zu. Sie musste lachen, als sie Luna und ihren Vater sah, wie sie zur Musik durch den Raum wirbelten.

Sie war so in Gedanken versunken, dass sie nicht bemerkte, wie sich ihr jemand näherte.

„Darf ich um diesen Tanz bitten, Ms.?", fragte eine sanfte, tiefe Stimme hinter ihr.

Hermine erstarrte und wandte sich langsam um. Ein großer, dunkelhaariger Mann stand vor ihr und hatte seine Hand einladend ausgestreckt. Hermine war irritiert und brauchte einen Moment, sich zu fangen.

Der Mann war ihr unbekannt und sie vermutete, dass er zu den Bekannten der Weasleys gehörte. Er trug einen langen schwarzen, sehr edlen Festumhang. Seine schwarzen Haare umspielten sein Gesicht. Er hatte warme, dunkelbraune Augen und aristokratische Züge. Hermine wurde von seinem plötzlichen Erscheinen völlig aus der Fassung gebracht und verlor sich für einen kurzen Moment in seinem freundlichen Blick. Sie hätte beinahe ihr Glas fallen gelassen, so sehr zitterten ihre Finger. Sie stellte es schnell auf den Tisch zurück, dann schüttelte sie den Kopf und stotterte:

„Ähm … Kennen wir uns? Ich meine …"

„Nun, ich würde die Lady gerne kennen lernen", sagte der Mann und lächelte sie an. „Also, gestattet mir die Lady diesen einen Tanz?"

Sie sah auf seine Hand, dann zurück in sein Gesicht. Ohne den Blick von seinen dunkelbraunen Augen zu nehmen, nahm sie vorsichtig seine angebotene Hand und er führte sie auf die Tanzfläche etwas abseits der anderen Paare. Im Trubel der Feier und des ausgelassenen Treibens bemerkte sie niemand.

Er führte sie langsam zur Musik und Hermine vergaß für einen Moment, dass sie immer noch auf Bills und Fleurs Hochzeit war. Die anderen Gäste um sie herum schienen zu einem Meer aus Farben zu verschwimmen. Sie war wie gefangen im Blick des Unbekannten. Seine Hand war sanft und er führte sie genau nach ihrem Tempo. Er schien zu spüren, dass sie verunsichert war und ließ ihr Zeit. Hermine brauchte etwas, bis sie sich entspannen konnte. Sie war angespannt und ihre Gliedmaßen waren unbeweglich, sodass es ihr vorkam, als bewege sie sich irgendwie steif, erst als sie einige Zeit getanzt hatten, wurde sie lockerer und ließ sich sogar zu einem Lächeln hinreißen.

Während sie langsam über die Tanzfläche schritten, hatte sie Gelegenheit, sein Gesicht eingehender zu mustern. Sie musste zugeben und dabei spürte sie, wie ihre Wangen heiß wurden, dass der Mann sehr gutaussehend war. Er mochte vielleicht Ende 40 sein, aber sie konnte es nicht genau schätzen. Seine Gesichtszüge waren sanft und es lag noch eine gewisse Jugendlichkeit darin. Er war attraktiv, aber Hermine erkannte auch, dass irgendetwas, und sie war sich absolut sicher, dass es nicht sein Alter war, ihn seines einstigen Glanzes beraubt hatte. Sie erkannte auf seinem Gesicht auch Schmerz aus vergangenen Tagen, der sich in seine Züge eingegraben hatte.

Es war seltsam, aber sein Gesicht kam ihr sogar etwas bekannt vor, sie wusste nur nicht, woher. Und im Moment wollte sie nicht darüber nachdenken. Sie war völlig eingenommen von ihrer neuen Begegnung und ihr Kopf war leer. Sie wollte nicht nachdenken, nicht jetzt.

„Woher kennen Sie die Weasleys?", fragte sie schließlich. In ihrem Hals hatte sich ein Kloß gebildet und sie musste sich anstrengen, um mit klarer und lauter Stimme zu sprechen.

„Ich bin ein alter Bekannter. Wir trafen uns vor vielen Jahren zum letzten Mal und als ich hörte, dass eine Hochzeit stattfinden würde, nutzte ich die Gelegenheit", sagte der Fremde.

„Verstehe."

„Die hübsche junge Lady hat mir noch gar nicht ihren Namen verraten", sagte er und Hermine sah kurz zur Seite, um zu verbergen, dass sie errötete. Sie lächelte verlegen.

„Hermine Granger", sagte sie.

„Hermine Granger, es freut mich Sie kennenzulernen", sagte der Fremde und nickte ihr höflich zu.

„Sie haben mir noch gar nicht Ihren Namen verraten", stellte Hermine fest. Sie merkte, dass sie umso selbstsicherer wurde, je länger sie tanzten. „Wer sind Sie?"

Ihr Tanzpartner grinste. „Es tut mir Leid, aber … Ich fürchte, ich kann Ihnen meinen Namen nicht so einfach verraten."

„Wieso das nicht? Ist er etwa ein Geheimnis?", fragte Hermine erstaunt.

„Sozusagen."

Sie tanzten schweigend weiter, bis Hermine das nagende Gefühl, dass sie den Mann in Schwarz irgendwoher kannte, nicht länger beiseiteschieben konnte. Eine Stimme meldete sich in ihrem Kopf und ihr Verstand schien allmählich wieder Herr ihrer Sinne zu werden.

„Verzeihen Sie, wenn ich so direkt frage, aber …", begann sie, darauf bedacht, nicht unhöflich zu werden. „Ich habe das Gefühl, dass ich Sie kenne, aber ich weiß nicht … Wenn Sie sagen, dass Sie … ein Bekannter der Weasleys sind … Sind wir uns schon mal begegnet?"

Der Fremde lachte leise auf. „Ja, Ms. Granger, wir sind uns tatsächlich schon einmal begegnet. Erinnern Sie sich nicht daran?"

„Es tut mir Leid, aber … Nein."

„Nun, ich habe unser letztes Zusammentreffen sehr deutlich in Erinnerung. Es war … sehr aufregend … und amüsant. Wenn ich mich recht erinnere, dann … ging es um eine … gläserne Kugel."

Irgendetwas veränderte sich an seinem Gesicht, das Hermine nicht gefiel. Die Nähe zu ihm war ihr plötzlich unangenehm und sie wollte Abstand zwischen sich bringen. Als sie ihre Hand von seiner löste und zurücktreten wollte, hielt er sie fest und zog sie näher an sich. Der linke Ärmel seines Umhangs rutschte ein Stück nach unten und Hermine erkannte schwach den Teil einer schwarzen Tätowierung.

Sie starrte ihn entsetzt an und trat zurück. Diesmal ließ er sie gewähren. Hermine hatte sofort begriffen. Sie wirbelte herum und blickte durch die Menge, ob sie Harry und Ron fand. In diesem Moment fiel ein silbern strahlender Patronus in Form eines Luchses durch das Zelt.

Das Ministerium ist gefallen. Scrimgeour ist tot. Sie kommen."

Es dauerte nur Sekundenbruchteile, bis der Tumult losbrach. Die Hochzeitsgäste schrien wild durcheinander und versuchten, aus dem Zelt zu entkommen. Viele disapparierten. Die Schutzzauber um den Fuchsbau waren aufgehoben worden. Hermine wurde angerempelt, einmal beinahe umgeworfen. Dann erblickte sie Ron und Harry, die auf sie zugerannt kamen. Todesser stürmten auf die Feier. Zauber schossen durch die Luft. Das Zelt fing Feuer. Die drei Freunde griffen sich an den Händen und ohne noch einen Blick zurück zu werfen, drehten sie sich auf der Stelle und verschwanden ins Nichts.


Hermine handelte wie mechanisch. Sie schritten die Tottenham Court Road entlang und bogen in eine Seitengasse ein, wo sie sich in aller Eile umzogen.

„Unaufspürbarer Ausdehnungszauber", sagte Hermine, während sie in ihrer Handtasche wühlte und den Jungs ihre Kleidung reichte. „Knifflig, aber ich glaub, ich hab ihn einigermaßen hinbekommen; jedenfalls hab ich es geschafft, alles, was wir brauchen, hier reinzukriegen."

„Sag mal Hermine, mit wem hast du da vorhin auf der Hochzeit eigentlich getanzt?", fragte Harry, während er seinen Festumhang aus- und sich normale Kleidung anzog. „War das …"

Hermine war halb den Tränen nahe, als sie mit dem Kopf nickte. Sie gab vor, weiter in ihrer Tasche etwas zu suchen, nur um ihren Freunden nicht in die Augen sehen zu müssen.

„Ich … ich war so dumm", schluchzte sie verzweifelt. „Ich … ich hätte ihn erkennen müssen! Die ganze Zeit kam er mir so bekannt vor!"

„Hermine, wer war das?!", fragte Ron eindringlich.

„Ich glaube … Es war Rabastan Lestrange."

„Lestrange? Ist das nicht der Mann von …", meinte Ron, doch Harry unterbrach ihn.

„Nein. Ich habe es auf dem Stammbaum am Grimmauldplatz gesehen. Bellatrix ist mit Rodolphus Lestrange verheiratet. Sirius meinte, dass Rabastan Rodolphus' Bruder ist."

„Was hatte der auf der Hochzeit verloren?!", fragte Ron. „Wie ist er durch die Schutzzauber gekommen?!"

„Genauso wie es die Todesser geschafft haben, das Ministerium zu übernehmen", sagte Harry missmutig. „Was wollte er von dir, Hermine? Hat er dir was getan?"

Sie überkam große Scham. Sie schämte sich, dass sie sich von Rabastans gespielt freundlicher Art so hatte einvernehmen lassen, dass sie nichts bemerkt hatte. Nicht mal ihr sonst so scharfer Verstand hatte sie gewarnt. Wie lange mochten sie getanzt haben? Fünf Minuten? Zehn Minuten? Vielleicht sogar länger. Während dieser Zeit hätte sie die anderen Gäste warnen können. Sie hätte womöglich schlimmeres verhindern können. Warum hatte sie nichts gemerkt?

„Ich habe keine Ahnung", sagte sie. Sie hatte die Hand noch in ihrer Tasche und tastete gerade nach den Büchern, die sie säuberlich nach Themen geordnet hatte. Alle waren durcheinander. „Er hat mich nur zum Tanz aufgefordert. Er … Er war die ganze Zeit so nett. Wieso habe ich ihn nicht erkannt? Sein Foto war oft genug im Tagespropheten. Wenn ich doch nur …"

„Mach dir keine Vorwürfe, Hermine", sagte Harry. „Andere Gäste hätten ihn auch erkennen können. Aber keiner hat gemerkt, wie er sich auf die Feier geschlichen hat. Wir können froh sein, dass er dir nichts getan hat."

Sie nickte nur, aber sie konnte Harrys Einschätzung nicht teilen. Sie hätte sich ohrfeigen können. Und sie fühlte sich schlecht. War womöglich jemand auf der Hochzeit zu Schaden gekommen, nur weil sie nicht nachgedacht hatte? Weil sie nicht rechtzeitig ihren Kopf benutzt hatte wie sonst.

Harry schlüpfte unter seinen Tarnumhang und die drei kehrten zurück auf die Hauptstraße. Während sie diskutierten, wohin sie gehen sollten, steuerten sie ein Café an. Hermines Hände zitterten. Immer wieder sah sie hinter sich, um sicherzugehen, dass sie nicht verfolgt wurden. Sie ertappte sich, wie sie ihre Hände immer wieder an ihrem Kleid rieb, so als könne sie damit die Berührung des Todessers ungeschehen machen. Die Berührung, die sie genossen hatte. Sie konnte es nicht glauben, dass der Mann, der so charmant zu ihr gewesen war, einer der gefürchtetsten Todesser aus Voldemorts innerstem Zirkel war. Und sie völlig blind und willig auf ihn hereingefallen war!

Sie betraten ein kleines Café und drängten sich zusammen auf die Sitzbank. Harry blieb unsichtbar unter dem Tarnumhang. Hermine gab für sich und Ron eine Bestellung auf. Sie war nervös und immer noch völlig zittrig und durcheinander von ihrer Begegnung, ließ sich aber im Gespräch mit ihren Freunden nichts anmerken. Sie sah oft über ihre Schulter zur Eingangstür. Es behagte ihr nicht, dass sie mit dem Rücken zur Tür saß.

Zwei großgewachsene Männer betraten das Café und setzten sich auf die Sitzbank neben sie. Hermine sah sie nur aus den Augenwinkeln. Die nächsten Ereignisse geschahen so blitzschnell, dass sie nur noch instinktiv handeln konnten.

Die beiden Männer zogen ihre Zauberstäbe und feuerten Zauber auf sie. Harry erwiderte das Feuer unsichtbar unter dem Tarnumhang hervor. Er traf damit den großen blonden Todesser, der nach hinten geschleudert wurde und gegen die Wand krachte. Er sank bewusstlos zu Boden. Sein Gefährte war für einen Moment verwirrt und Hermine konnte ihn mit der Ganzkörperklammer außer Gefecht setzen.

Staub und kleine Mauerteilchen regneten auf sie herab. Das Café war durch ihren Kampf völlig verwüstet worden. Ein großes Loch klaffte in der gefliesten Wand und ein paar Tische waren zersplittert. Die Bedienung lag leblos am Boden nahe der Tür. Vermutlich hatte ein Fluch sie mitten im Gefecht erwischt.

Sie näherten sich langsam den beiden außer Gefecht gesetzten Todessern.

„Das ist Dolohow", sagte Ron. „Ich erkenne ihn von den alten Fahndungsplakaten her. Ich glaube, der Große ist Thorfinn Rowle."

„Ist doch egal, wie sie heißen!", sagte Hermine. „Wie konnten die uns finden? Was sollen wir jetzt tun?"

Harry ergriff das Wort. „Schließ die Tür ab und Ron, mach die Lichter aus."

„Was stellen wir mit ihnen an? Wir können sie doch nicht …", sagte Hermine verängstigt.

„Sie töten?", fragte Ron vorsichtig. „Die wollten eben mit uns genau das machen."

„Nein", sagte Harry entschieden. „Wir sollten ihre Gedächtnisse löschen. Hermine kannst du …"

„Ich habe noch nie einen Gedächtniszauber angewandt, ich kann es nur theoretisch." Sie atmete tief durch und machte sich bereit. „Wird schon irgendwie hinhauen."

Sie machte sich daran, Rowles und Dolohows Erinnerung auszulöschen, während Harry und Ron sich um das Chaos kümmerten, das sie im Kampf angerichtet hatten.

Als sie das Café verließen, wirkte es so, als wären sie niemals dort gewesen.