Bad Hermione: Die Horkruxe zu erwähnen wäre wirklich nicht gut. Was Hermine Rabastan erzählen wird, das weiß sie selber noch nicht so genau, aber es wird schon. :) Ob Harry und Ron in den kommenden Kapiteln einen Auftritt haben werden, weiß ich leider noch nicht. Mal sehen.


Hermine stand nachdenklich am Fenster ihres Zimmers und blickte hinaus auf den Garten des Malfoy-Anwesens. Sie sah dem weißen Pfau zu, wie er mit erhobenem Kopf über den Rand des Brunnens stolzierte. Es war Herbst geworden und die Blätter der Bäume hatten sich braun verfärbt. Der Wind wirbelte sie durch die Luft und verteilte sie über dem ganzen Hof. Ab und zu war ein Hauself damit beschäftigt, das Laub mit einem Rächen zusammenzutragen.

Zum ersten Mal seit Rabastan Lestrange sie vor ein paar Tagen vom Kerker in das Zimmer gebracht hatte, war sie vom Bett aufgestanden. Ihre Verletzungen von der Folter waren vollständig geheilt worden und sie fühlte sich endlich etwas besser.

Seit ihrem Gespräch mit Rabastan hatte sie niemanden mehr zu Gesicht bekommen. Zumindest hatte er nicht gelogen und sie bekam regelmäßig anständige Mahlzeiten. Nach dem Hunger unten in der Zelle war nahrhaftes Essen mehr als nur willkommen. Sie konnte endlich wieder Kraft schöpfen.

Ihre Tasche lag immer noch auf dem Tisch. Hermine hatte sie durchsucht und dabei festgestellt, dass alle ihre Habseligkeiten noch da waren. Es war zwar alles durcheinander, aber offenbar hatten die Todesser nichts Verdächtiges daran entdecken können, dass sie ein Zelt und ein paar Bücher dabei hatte. Beim Gedanken daran, dass man so in ihre Privatsphäre eingedrungen war, überkam sie große Scham.

Zumindest hatte sie Harry den Horkrux gegeben. Wenn man ihn bei ihr gefunden hätte, hätte man ihn mit Sicherheit an Umbridge zurückgegeben. Oder wäre Voldemort auf den Vorfall aufmerksam geworden? Was hätte er wohl getan, wenn er wüsste, dass ein Teil seiner Seele nicht mehr an seinem vorgesehenen Platz war? Was, wenn er wüsste, dass sie, Harry und Ron ihn gestohlen hatten? Er wüsste sofort, auf was sie aus waren und Hermine wäre mit Sicherheit nicht mehr am Leben. Sie konnte nur beten, dass der Vorfall und die Einzelheiten nicht bis zu Voldemort durchdrangen.

Das Medaillon rief ihr das Gespräch mit Rabastan in Erinnerung, das sie am Abend zuvor geführt hatten.

Sie musste zugeben, dass er sehr nett zu ihr gewesen war, aber seine Botschaft hätte trotzdem nicht eindeutiger sein können. Entweder erzählte sie alles, oder es würde ihr schlecht gehen.

Hermine wollte nicht zurück in den Kerker und erst recht nicht wollte sie Bellatrix Lestrange noch einmal begegnen. Wenn sie beides vermeiden wollte, musste sie reden, so viel stand fest. Was sollte sie denn sagen? Sie wusste zum Glück nicht, wo Harry und Ron waren und sonst blieb nur ihr Plan. Aber sie konnte, nein, sie durfte nichts über die Horkruxe sagen. Wenn Voldemort davon erfuhr …

Sie verdrängte den Gedanken.

Wie lange würde es dauern, bis Rabastan wieder zu ihr kam? Er würde nicht zu lange warten. Vielleicht hatte sie ein paar Tage Zeit, aber ihre nächste Begegnung, bei der er Informationen verlangen würde, stand unweigerlich und unmittelbar bevor.

„Hermine, denk nach …", ermahnte sie sich selbst und zerbrach sich den Kopf, wie sie aus dieser misslichen Lage irgendwie rauskommen sollte.

Sie war eine Gefangene im Haus der Familie Malfoy, noch dazu ohne ihren Zauberstab und wenn sie an das zurückdachte, was sie im Ministerium erlebt hatten, stand es um die Aussicht, ihn wiederzubekommen, sehr schlecht. An Flucht war unter den momentanen Umständen gar nicht zu denken. Sie konnte sich zwar grob erinnern, dass sich das Anwesen der Malfoys irgendwo in Wiltshire befand, aber sie hatte keine Ahnung, wo sie war, wie die Umgebung aussah und ob sie apparieren konnte. Außerdem sollte sie die Freundlichkeit ihrer Gastgeber wohl besser nicht überstrapazieren. Wenn sie ihre neugewonnenen Privilegien sogleich nutzte, etwas Dummes zu tun, dann … Sie mochte sich lieber nicht vorstellen, was man mit ihr anstellen würde. Es war ohnehin fraglich, wie lange man mit ihr Geduld haben würde.

Als sie sich im Raum etwas näher umsah, entdeckte sie einen runden Durchgang, der sie in ein Bad führte, das an das Schlafzimmer angrenzte. Es war schwarz gefliest und die Badewanne bestand aus schwarzem Marmor. Die Wasserhähne stellten Schlangenköpfe dar. Als Hermine in den Spiegel über dem Waschbecken sah, erschrak sie über den Anblick, den sie bot.

Sie war blass und hatte schwach dunkle Ringe unter den Augen. Ihre Haare waren durcheinander und strähnig, weil sie sich seit einer Ewigkeit nicht gekämmt und gewaschen hatte. Sie trug immer noch dieselbe Unterwäsche und dasselbe Top, das sie am Tag ihres Einbruchs ins Ministerium getragen hatte. Auch ein Bad wäre schön gewesen. Als sie ihre Tasche durchsuchte, fand sie glücklicherweise ihren Kulturbeutel und frische Kleidung.

Sie warf der Badewanne einen sehnsüchtigen Blick zu. Sie sehnte sich nach dem warmen Wasser, aber musste entmutigend feststellen, dass sie nicht mal Handtücher hatte. Sie hätte danach fragen müssen und der Mut verließ sie schon beim Gedanken daran. Vielleicht konnte sie einen Hauselfen darum bitten, wenn ihr das Essen gebracht wurde.

Bis dahin blieb ihr nichts anderes übrig, als in ihrem Zimmer zu sitzen und abzuwarten.


Rabastan hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen und saß an seinem Schreibtisch. Nachdenklich drehte er Hermines Zauberstab langsam in seinen Fingern hin und her. Er war lang, hellbraun und hatte geschnitzte Verschnörkelungen am Griff. Er war aus dem Holz einer Weinrebe, der Kern war aus Drachenherzfaser.

Rabastan hatte ihn nach ihrer Gefangennahme an sich genommen. Er war sich sicher, dass ihn das Mädchen bereits vermisste, doch so schnell würde sie ihn nicht zurückbekommen.

Ihr erstes richtiges Gespräch war besser verlaufen, als er gedacht hatte und irgendwie sah er ihrem nächsten Zusammentreffen mit gewisser Vorfreude entgegen. Er wusste, dass sie ein kluges Mädchen war, sie würde mit Sicherheit die richtige Entscheidung treffen. Sie hatte etwas Anregendes an sich, das er bei den Frauen, mit denen er bisher zu tun gehabt hatte, vermisst hatte. Warum konnte er nicht sagen. Erst jetzt, als er Hermine näher kennenlernte, bemerkte er überhaupt, was ihm gefehlt hatte.

Sie hatte beeindruckende Fähigkeiten und war intelligent, etwas, das manche reinblütige Frau sträflich missen ließ. In ihren Augen sah er Kampfgeist. Sie gab sich nicht so schnell mit den Umständen ab. Sie war bereit zu kämpfen und sie wusste es gut, selbst in einer schwierigen Situation den Kopf oben zu behalten. Er war zugegebenermaßen beeindruckt von ihr.

Er legte ihren Zauberstab in die Schublade des Tisches zurück. Als er sich aus dem Stuhl aufrichtete, verspürte er einen unangenehmen Schmerz in seiner Wirbelsäule. Schon wieder. Es war in der letzten Zeit öfter aufgetreten, vor allem wenn er in Kämpfe verwickelt und verletzt wurde. Zum ersten Mal waren die seltsamen Beschwerden nach seiner ersten Flucht aus Askaban aufgetreten, aber er hatte ihnen keine weitere Beachtung geschenkt. Erst als sie nicht mehr zu ignorieren waren, nach der Verfolgungsjagd über Little Whinging, hatte er sich an die Heilerin gewandt.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Er bat die Heilerin herein.

„Mr. Lestrange."

„Haben Sie etwas gefunden?", fragte er ohne Umschweife. Er nahm einen Schluck Feuerwhiskey.

„In der Tat", sagte sie vorsichtig. Ihr Blick verriet ihm, dass es nichts Gutes sein konnte.

„Mr. Lestrange …"

„Ist es etwas Ernstes?"

„Ja und nein", sagte sie. „Die Schmerzen, die sie verspüren, sind Ihre Knochen. Ich vermute, dass sie über all die Jahre, die sie in Askaban verbringen mussten, Schaden genommen haben."

„Wie meinen Sie das?", fragte Rabastan.

„15 Jahre kein Sonnenlicht hinterlassen Spuren, Mr. Lestrange. Ihre Knochen haben an Substanz verloren und könnten leicht brechen, sollten Sie in einem Kampf verletzt werden. Es gibt aber auch eine gute Nachricht", fügte sie hinzu.

„Welche?"

„Die Krankheit ist nicht weit fortgeschritten und wir können sie behandeln." Sie holte eine Schachtel unter ihrem Umhang hervor und stellte sie offen auf den Schreibtisch. Darin befand sich eine Reihe von kleinen Glasfläschchen, die alle mit einem dunkelroten Zaubertrank gefüllt waren.

„Ich habe Ihnen Heiltränke zusammengestellt. Bitte nehmen Sie jeden Tag einen", erklärte die Heilerin. „Damit sollten wir es in ein paar Monaten geschafft haben, dass Sie wieder vollständig gesund werden."

Rabastan nickte. „Was ist mit Bellatrix? Wie ist es bei ihr?"

„Bei Ihrer Schwägerin sieht es leider nicht so gut aus. Bei ihr ist die Krankheit so weit fortgeschritten, dass es nicht mehr heilbar ist. Sie bekommt bereits Heiltränke von mir, aber … Es tut mir leid."

Rabastan sagte nichts, sondern nickte nur.

„Gute Nacht, Mr. Lestrange. Wenn Sie erneut Heiltränke brauchen, kontaktieren Sie mich."

Sie verließ sein Zimmer.

Rabastan nahm den ersten Zaubertrank sofort ein. Das Zeug schmeckte bitter und brannte im Hals, aber die Wirkung trat sofort ein. Seine Schmerzen im Rücken ließen nach.

Es klopfte erneut und diesmal trat Narcissa ein.

„Wie geht's dir?", fragte sie sanft.

„Es wird schon", gab er als knappe Antwort zurück.

„War die Heilerin schon bei dir?"

„Ja."

„Bella hat …"

„Die Heilerin hat es mir gesagt", sagte Rabastan. „Ich weiß es."

„Was soll jetzt werden? Ich meine …"

„Es wird alles schon werden", sagte Rabastan.

„Ich meine das Mädchen. Hermine Granger. Was soll mit ihr passieren? Ist sie immer noch oben im Zimmer?", fragte Narcissa. „Was hast du dir dabei gedacht, Rabastan? Sie ist doch kein Gast hier!"

„Das vielleicht nicht, aber der Dunkle Lord hat Anweisungen erteilt, dass den Kindern nichts geschehen soll", erinnerte sie Rabastan. „Sie besitzt Wissen, das wir brauchen, und wenn ich sie Bellatrix weiterhin überlassen hätte, dann wäre nicht mehr viel von ihr übrig geblieben. Du verstehst sicher, was ich damit sagen will."

„Ja, natürlich, aber soll mit ihr passieren? Hast du mit ihr gesprochen? Hat sie irgendetwas gesagt?"

Rabastan schnaubte. „Mit Gewalt wird sie nichts sagen, das ist wahr. Ich versuche es diplomatisch. Aber das wird eine Zeit dauern. Früher oder später wird sie etwas sagen müssen, wenn sie nicht zurück in die Kerker will."

„Diplomatisch heißt was genau?", wollte Narcissa wissen.

„Ich bin ein wenig netter zu ihr als Bellatrix", sagte Rabastan. „Mal sehen, was ich damit erreichen kann."

„Rabastan, brauchst du vielleicht Hilfe dabei? Soll ich mit ihr reden?"

„Nein, Narcissa. Der Dunkle Lord … Ich … mach das schon allein", sagte Rabastan abwehrend.

Narcissa betrachtete ihn mit einem seltsamen Blick, dann trat Erkenntnis auf ihr Gesicht.

„Rabastan, du bist seit der Versammlung, seit du mit dem Lord gesprochen hast … merkwürdig. Du verhältst dich merkwürdig. Und du beschäftigst dich seitdem nur noch mit diesem Mädchen. Was hat der Dunkle Lord zu dir gesagt? Hast du irgendeinen Auftrag von ihm bekommen, der mit Hermine Granger zu tun hat?"

„Ich versichere dir, selbst, wenn es so wäre", sagte Rabastan langsam, „dürfte ich es dir nicht sagen."

„Rabastan …"

„Ist schon gut. Gute Nacht, Narcissa."

Für Rabastan war das Gespräch beendet und Narcissa blieb nichts anderes übrig, als ihn allein zu lassen.


Seit Hermine vom Kellerverlies in das Gästezimmer gezogen war, war tatsächlich so etwas wie eine Routine für sie entstanden. Sie bekam dreimal am Tag eine Mahlzeit und beschäftigte sich dazwischen notgedrungen mit den Büchern, die sie für ihre Suche nach den Horkruxen eingepackt hatte, nur um nicht den ganzen Tag nichts zu tun.

Sie ertrug es kaum, so tatenlos nur herumzusitzen und vor allem, nicht zu wissen, was draußen vor sich ging und wie es Harry und Ron ging, aber für den Moment blieb ihr keine andere Wahl. Alles war ruhig und sie deutete das als gutes Zeichen. Wenn Harry und Ron etwas passiert wäre, oder wenn die Todesser einen Erfolg gegen den Orden des Phönix verbucht hätten, hätte ihr Rabastan oder jemand anderes mit Sicherheit davon erzählt oder es wäre in der Zeitung gestanden.

Manchmal fand sie auf dem Tablett, auf dem ihr Frühstück stand, einen Tagespropheten. Sie las jeden Artikel, auch wenn er noch so unwichtig erschien, aber bislang war nichts Außergewöhnliches dabei gewesen. Auf Harry war immer noch ein hohes Kopfgeld ausgesetzt und die Fahndung nach ihm war immer noch ausgeschrieben. Sie hoffte, es möge so bleiben.

Einmal hatte sie tatsächlich einen Hauselfen abfangen können und ihn nach Handtüchern für das Bad fragen können. Das kleine Wesen war völlig verschüchtert und verängstigt und Hermine vermutete, dass es eine freundliche Behandlung nicht gewohnt war. Es versprach aber, ihr ihren Wunsch zu erfüllen. Kurze Zeit fand sie im Bad neben dem Waschbecken einen Stoß Handtücher. Sie war erleichtert, endlich ein Bad nehmen zu können.

Ihre Schulbücher, die sie eingepackt hatte, waren schnell ausgelesen, zumal Hermine sie beinahe auswendig kannte. Während sie versuchte, die Vormittage und Nachmittage zwischen den Mahlzeiten sinnvoll zu verbringen, wandte sie sich der einzigen Möglichkeit zu, die ihr blieb: die Märchen von Beedle dem Barden, die Dumbledore ihr vererbt hatte.

Die Seiten des Buches waren vergilbt und der lederne Einband stark abgegriffen. Alle Geschichten waren in Runen verfasst, sodass Hermine ab und zu ihr Wörterbuch zurate ziehen musste, dass sie in Alte Runen benutzt hatte. Es dauerte ein paar Tage, bis sie die erste Geschichte übersetzt hatte. Es war ein albernes Kindermärchen um einen hüpfenden Topf. Beim Lesen musste sie nicht nur einmal schmunzeln. Wie sollte ihnen ein Märchenbuch für Kinder bei der Suche nach den Horkruxen helfen?

Hermine konnte nur auf Dumbledore vertrauen. Wenn er ihr das Buch vererbt hatte, musste es eine tiefere Bedeutung haben. Sie hoffte nur, dass sie diese tiefere Bedeutung möglichst schnell ergründen würde.

Sie überflog die Titel der anderen Geschichten nur noch. Sie war im Begriff, das Buch beiseite zu legen, aber die letzte Geschichte zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie handelte von drei Brüdern und war offenbar keine Kindergeschichte. Sie seufzte und entschloss sich, dem Buch noch eine Chance zu geben. Zuerst aber wollte sie ein Bad nehmen.

Eine halbe Stunde später stieg sie erleichtert aus der Wanne und trocknete sich ab. Sie wickelte sich ein Handtuch um den Körper und kämmte sich vorsichtig die Haare. Sie merkte, dass sie immer noch einen erbärmlichen Anblick bot, wenn sie in den Spiegel sah, aber zumindest war sie wieder halbwegs zu Kräften gekommen.

Sie kehrte in das Zimmer zurück und suchte in ihrer Tasche nach frischer Kleidung. Sie schrak fürchterlich zusammen und hatte beinahe ihr Handtuch fallen gelassen, als eine Stimme von der Tür ertönte.

„Ein schöner Rücken kann auch entzücken, Ms. Granger."

Als sie sich umdrehte, erkannte sie Rabastan Lestrange, der lässig am Türrahmen lehnte.

„Keine Sorge, ich habe nichts gesehen", sagte er grinsend.

Hermine nahm schnell ihre Kleidung und kehrte mit hochrotem Kopf ins Bad zurück, wo sie sich in Windeseile anzog. Sie traute sich kaum, in den Raum zurückzugehen, wo sie wusste, dass der Todesser wartete. Und Antworten von ihr wollte.

Die ganze Zeit über, die sie allein im Zimmer gesessen hatte, Bücher gelesen oder den Pfau draußen im Garten beobachtet hatte, hatte sie sich den Kopf darüber zerbrochen, was sie tun sollte, wenn Lestrange ihr erneut einen Besuch abstatten sollte. Ihn jetzt im Zimmer vor sich zu sehen, brachte sie völlig durcheinander.

Als sie ihm jetzt gegenüberstand, waren ihre Wangen heiß. Rabastan musste bemerken, dass sie sich unwohl fühlte. Er schenkte ihr ein freundliches Lächeln.

„Habe ich Sie ein bisschen verschreckt?", fragte er.

Hermine konnte nichts sagen, ein Kloß hatte sich in ihrem Hals gebildet. Sie wagte es kaum, ihn anzusehen. Mit Schrecken bemerkte sie, dass der Todesser die Märchen von Beedle in der Hand hielt.

„Sie lesen Märchen, Ms. Granger?", fragte er. „Und im Original, wie ich sehe. Dem entnehme ich, dass Sie Alte Runen in der Schule hatten."

Hermine nickte.

„Das ist schön. Ich auch. Ah, die Silbentabelle." Rabastan schritt zum Bett und nahm das aufgeschlagene Wörterbuch, das Hermine dort liegengelassen hatte. „Die kenne ich noch aus meiner Schulzeit", meinte Rabastan und Hermine bemerkte den Anflug von Nostalgie in seiner Stimme. „Das ist lange her", sagte er tief in Gedanken versunken. „Meine müsste in irgendeinem Bücherregal vor sich hinschimmeln, sofern die nicht alles ausgeräumt haben …" Hermine kam nicht dazu, nachzufragen, was er damit meinte, denn er schüttelte den Kopf und fügte hinzu: „Aber das ist heute nicht mehr wichtig."

Er schlug das Wörterbuch zu und legte beide Bücher zurück auf das Bett. „Wie ist es Ihnen seit unserer letzten Begegnung ergangen? Wie ich sehe, haben Sie sich ganz gut eingerichtet?"

Sie errötete ein wenig.

„Haben Sie über das nachgedacht, was ich gesagt habe?"

Natürlich hatte Hermine das. Aber sie war zu keiner befriedigenden Lösung gekommen. Sie konnte nichts sagen, egal was. Sie konnte unmöglich preisgeben, was sie, Harry und Ron im Ministerium zu tun hatten. Sie saß in der schlimmsten nur vorstellbaren Zwickmühle.

„Schweigsam wie zuvor, wie ich sehe", sagte Rabastan Lestrange ernst. Er schritt langsam auf sie zu.

„Wie kann ich Sie zum Reden bringen?"

Er hielt vor ihr. Sie musste den Hals ein wenig recken, um ihm in die Augen sehen zu können. Es waren dieselben braunen Augen, in die sie am Tag der Hochzeit gesehen hatte, als sie getanzt hatten. Die Augen, die ihr gefallen hatten …

„Vielleicht habe ich mich ja beim letzten Mal nicht klar ausgedrückt. Aber nein, eigentlich … denke ich, dass Sie ein kluges Mädchen sind, Ms. Granger. Sie wissen, in welcher Lage Sie sich befinden."

Sie sah ihn nur an, während er sprach. „Und Sie wissen auch, was Ihnen droht, wenn Sie nichts sagen sollten."

Ihr Blick schien genug Antwort für ihn zu sein. Er wandte sich von ihr ab und schritt durch den Raum.

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag", sagte Rabastan. „Wir machen ein kleines Spiel. Sie erzählen mir etwas von Ihnen und als Gegenleistung erzähle ich Ihnen etwas von mir. Wie ist das?"

Hermine glaubte, sich verhört zu haben. „Wie … meinen Sie das?"

„Ganz einfach. Quid pro quo, Ms. Granger. Leistung für Gegenleistung. Sie sagen mir, was ich möchte, und dafür bekommen Sie auch etwas von mir. Einverstanden?"

Hermines Gedanken rasten. Sie musste sich möglichst schnell etwas einfallen lassen. Warum nur wollte ihr Verstand nicht richtig arbeiten, wenn sie Rabastan Lestrange gegenüberstand? Sie war jedes Mal außerstande klar zu denken und ihr Körper war stocksteif, als wäre sie auf der Stelle festgewurzelt oder jemand hätte sie mit einer Ganzkörperklammer belegt. Sie fühlte sich fast wie ein junges Schulmädchen, das in ihren Lehrer vernarrt war, wenn er vor ihr stand. Einfach lächerlich.

Rabastan war einschüchternd und die Tatsache, dass er ein Todesser aus Voldemorts innerstem Kreis war, machte die Sache nicht besser.

Hermine schluckte. Er sah sie eindringlich an und wartete auf eine Antwort. Was hatte sie für eine Wahl?

„Heißt das, Sie erzählen mir was aus Ihrem Leben?", fragte sie vorsichtig.

„Sie können mich alles fragen."

„Was soll das bringen? Was habe ich davon?", wollte Hermine wissen, die sich langsam aber sicher wie im falschen Film vorkam.

„Das müssen Sie entscheiden. Es kommt darauf an, was Sie daraus machen."

„Hab ich denn … irgendeine andere Möglichkeit? Vermutlich nicht, also … Sie erpressen mich sozusagen."

„Ich möchte nur, dass Sie in Ihrem eigenen Interesse handeln", sagte Rabastan ernst.

„Mir bleibt wohl nichts anderes übrig."