Danke an vampirequeengoddess und PetiteFleur. :)


Es war gegen Mitternacht, als Rabastan nach Malfoy Manor zurückkehrte. Er durchquerte die Eingangshalle so leise wie möglich, um niemanden zu wecken, und steuerte die Bibliothek an.

Dolohows Worte schienen sich in seine Gedanken eingebrannt zu haben. Grindelwald.

Was hatten Dumbledore und Grindelwald miteinander zu tun? Wenn man von dem berühmten Duell 1945 absah. Er hatte gesagt, Rabastan würde in Rita Kimmkorns Buch fündig werden. Er konnte sich zwar nicht vorstellen, in irgendeinem boulevardesken Machwerk einer schlechten Groschenjournalistin Antworten auf seine Fragen zu finden, aber Dolohow hatte ihn nie mit einem Ratschlag enttäuscht, so beschloss Rabastan, dem eine Chance zu geben.

Erstaunt stutzte er, als er Licht brennen sah.

„Rabastan, du bist zurück?", fragte Narcissa mit belegter Stimme. Sie saß in einem Sessel vor dem Kamin, von ihm abgewandt, und hatte ein Buch auf dem Schoß. Der Schein des Feuers erhellte den Raum und warf lange Schatten auf die Bücherregale.

„Narcissa, du bist noch wach? Es ist spät."

„Ich konnte nicht schlafen", sagte Narcissa. Rabastan fiel auf, dass sie seinem Blick auswich. Ihre Stimme war heiser und klang bedrückt, so als hätte sie geweint.

„Alles in Ordnung, Narcissa? Wo ist Lucius?"

„Lucius ist oben. Er schläft. Ich glaube, er hat ein bisschen zu viel getrunken", sagte sie mit einem gezwungenen Lächeln. „Wir haben… uns gestritten."

„Tut mir Leid." Mehr wusste Rabastan nicht zu sagen. Sie nickte nur.

„Wo ist Bella?"

„Ich weiß es nicht, sie kam auch nicht nach Hause. Vielleicht bleibt sie bei euch im Haus. Sie wollte nämlich zu Rodolphus´ Grab."

„Verstehe. Narcissa, ich möchte dich etwas fragen."

„Was denn?"

„Ich brauche ein Buch. Das Neue von Rita Kimmkorn. Besitzt du es zufällig?"

„Ich lese es gerade", antwortete Narcissa und hielt das Buch hoch. Das Gesicht von Dumbledore starrte Rabastan an. Ihr Lesezeichen war in der hinteren Hälfte zwischen den Seiten eingeklemmt. „Ich musste es bei Flourish & Blotts vorbestellen. Die Wartezeit war zwei Wochen. Es hat ziemlich eingeschlagen."

„Ähm, würdest du es mir für einige Zeit ausleihen?", fragte Rabastan.

„Ich dachte, du magst Rita nicht."

„Das tue ich auch nicht, aber… Ich brauche es für… eine kleine Recherche."

Sie schien über diese Erklärung mehr als verwundert, fragte aber nicht näher nach. „Ich bin noch nicht ganz fertig…"

„Du bekommst es ganz schnell zurück, aber… es eilt ein bisschen."

„Du willst mir natürlich nicht verraten, was du vorhast, oder?"

„Das geht leider nicht, fürchte ich."

Sie seufzte. „Lass mein Lesezeichen an der Stelle."

Sie reichte ihm das Buch und Rabastan dankte ihr. „Dauert auch nicht lange, du kriegst es so schnell es geht zurück."

Er wollte schon hinausgehen, als sie ihn zurückhielt. „Warte, Rabastan!"

Narcissa erhob sich aus dem Sessel und schlang ihren Morgenmantel enger um ihren Körper. Sie war in letzter Zeit noch dünner und blasser geworden als sonst, fiel Rabastan auf. Sie litt unter der momentanen Situation und das setzte ihr zu.

„Man sieht nicht viel von unserem Gast da oben. Was macht ihr, wenn du bei ihr bist?"

„Wir reden", sagte Rabastan knapp.

„Reden? Über was?", fragte Narcissa ungläubig.

„Wir verstehen uns recht gut und allmählich… bekomme ich Zugang zu ihr. Wenn es so gut weitergeht, habe ich in Kürze ihr volles Vertrauen."

„Und du glaubst, dass… du es schaffst, etwas aus ihr rauszubringen?"

„Ich bin überzeugt davon. Sie mag vielleicht… sehr schlau und eine begabte Hexe sein, trotz ihrer Muggelherkunft, aber am Ende ist sie nichts weiter als ein naives, unerfahrenes Mädchen. Mach ihr ein bisschen schöne Augen und sie frisst dir aus der Hand."

Sie sah ihn etwas mitleidig an. „Bella wird ungeduldig, Rabastan."

„Das soll sie. Mach dir keine Sorgen darum. Ich weiß, was ich tue. Danke für das Buch. Ich lese schnell, was ich brauche, dann bekommst du es zurück. Gute Nacht."

„Gute Nacht, Rabastan."


Es war ein paar Tage her, dass Rabastan Lestrange das Märchenbuch mitgenommen hatte und Hermine wurde langsam ungeduldig. Vielleicht hatte sie doch zu viel Vertrauen in ihn gesetzt? Er hatte ihr versichert, nein versprochen, es ihr zurückzugeben, und ihr anfänglicher Zweifel war sofort verflogen. Sie hatte gar nicht darüber nachgedacht, dass er sie belogen haben konnte. Hatte sie einen Fehler begangen?

Sie sah durch das Fenster wie draußen die Sonne unterging. Der September war rasch vergangen und in einen kühlen, düsteren Oktober übergegangen. Es wurde schnell dunkel. Sie harrte nun schon einige Wochen im Malfoy Manor aus.

Als es leise klopfte, erwartete sie einen Hauselfen, der ihr das Essen bringen sollte, doch es war Lestrange. Er brachte das Essen auf einem Tablett mit sich. Der Geruch nach Suppe erfüllte das Zimmer.

„Guten Abend", sagte er. „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihnen beim Essen Gesellschaft leiste?"

Sie war für einen Moment vor den Kopf gestoßen. Sie hatte noch nie mit jemand anderem zusammen gegessen, seit sie eine Gefangene im Malfoy- Haus war. Schließlich schüttelte sie den Kopf und deutete Rabastan, dass er mit ihr am Tisch Platz nehmen sollte.

Er stellte das Tablett mit den zwei Tellern Eintopf und dem Brotkorb auf dem Tisch ab, dann griff er in seine Umhangtasche.

„Vorher möchte ich Ihnen gerne das zurückgeben."

Er reichte ihr Dumbledores Buch. Ihr Gesicht hellte sich auf.

„Haben Sie wirklich geglaubt, ich halte mein Versprechen nicht?"

„Wäre mir nicht in den Sinn gekommen", sagte sie verlegen.

Er zwinkerte ihr zu und sie setzten sich. Hermine war froh darum, denn ihre Knie schienen sie plötzlich nicht mehr tragen zu wollen. Die Suppe schmeckte ihr sogar noch besser. Sie nahm sich gerade ein Stück Baguette aus dem Korb, als Rabastan fragte:

„Wollen Sie gar nicht wissen, ob ich etwas herausgefunden habe?"

Sie schrak auf. Sie hatte für einen Moment völlig vergessen, warum er das Buch eigentlich mitgenommen hatte.

„Doch, doch, natürlich. Also, haben Sie… etwas über das Symbol rausgefunden?"

„In der Tat. Ich habe Antonin Dolohow gefragt und er hat es sofort erkannt."

Sie sah ihn gespannt an.

„Es ist das Zeichen von Gellert Grindelwald."

„Was?" Hatte Hermine richtig gehört? „Gellert Grindelwald?"

„Ich nehme an, Sie wissen, wer er ist?"

„Ja. Natürlich. Wer kennt ihn nicht? Und das Zeichen ist…"

„Es war sein Erkennungsmerkmal. Es ist sogar in die Wände von Durmstrang eingraviert, das hat Dolohow gesagt. Er hat es selbst dort gesehen."

„Verstehe."

Hermine aß schweigend weiter. Gellert Grindelwald also. Sie hatte all die Geschichten über ihn gehört, hatte alles über das legendäre Duell zwischen ihm und Dumbledore gelesen und sie wusste auch, dass er in einem Gefängnis in Osteuropa für seine Taten einsaß. All das jedoch ergab keinen Sinn mehr, wenn Dumbledore das Symbol des schwarzen Magiers in sein Buch hineingezeichnet hatte. Hermine wollte keine Erklärung dafür finden und die Absichten des verstorbenen Schulleiters wollten sich ihr jetzt noch weniger erschließen.

„Das hat wenig Sinn, oder?", bemerkte Rabastan und riss sie damit aus ihren Gedanken.

„Ja", sagte Hermine, nahm ihren letzten Löffel Suppe und schob ihren Teller von sich.

Rabastan deutete auf das letzte Brot. „Treten Sie mir das letzte Stück ab?"

„Oh, bitte, natürlich."

„Danke."

Rabastan biss genüsslich in das Baguette. „Es ist… unbeschreiblich, was solche einfachen Momente in einem Menschen für Gefühle auslösen können. Nach 15 Jahren fade Gefängniskost, da weiß man, was man an einem guten Weißbrot hat."

Zuerst verstand sie nicht, was er damit meinte, doch dann traf Hermine die Erkenntnis wie ein harter Schlag. Sie hatte es vergessen. Sie hatte vergessen, dass Rabastan Lestrange über 14 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht hatte. Und sie schämte sich dafür, so etwas vergessen zu haben, dabei waren die Lestranges für ihre Taten, für die sie nach Askaban gekommen waren, berüchtigt.

Scham überkam Hermine allerdings auch, als sie an Neville dachte. Sie saß gerade neben einem der Peiniger seiner Eltern und plauderte vergnügt mit ihm. Sie fand Rabastan Lestrange sogar freundlich und nett. Was würde Neville von ihr denken, wenn er sie sehen könnte?

„Was ist mit Ihnen? Hab ich Sie verschreckt? Hab ich etwas Falsches gesagt?", fragte Rabastan verwundert und riss sie in die Wirklichkeit zurück. Hermine schüttelte schnell den Kopf.

„Nein, nein, ich… Ich habe nur… Ich hatte nicht mehr daran gedacht, dass Sie ja…"

„Dass ich in Askaban war?"

Sie nickte und sah beschämt nach unten.

„Klar", meinte Rabastan bitter. „Damit läuft man ja nicht prahlend durch die Gegend."

Hermine sah ihn vorsichtig von der Seite an. Er hatte seinen Blick nachdenklich nach unten gerichtet. Sein Gesichtsausdruck war ernst. Es schien auf einmal so eisig im Raum geworden zu sein, oder war es nur Hermines Einbildung? Eine Frage lag ihr auf der Zunge, aber sie zögerte, sie auszusprechen.

„Ähm, darf ich Sie… etwas fragen?"

„Sicher. Und was?"

Sie schluckte. „Wie ist es in Askaban?"

Er sah sie eindringlich an. „Wollen Sie das wirklich wissen? Sind Sie überhaupt bereit, das zu erfahren?"

Sie nickte. „Ich möchte es gerne wissen. Bitte erzählen Sie es mir, was Sie dort erlebt haben", raunte sie. Sie sah in seine dunkelbraunen Augen und verlor sich in seinem Blick.

„Also gut", sagte Rabastan und atmete tief durch. „Ich nehme an, Sie wissen, warum Bellatrix, Rodolphus und ich nach Askaban gekommen sind?"

„Ja", brachte Hermine mühevoll hervor. Ein Kloß hatte sich in ihrem Hals gebildet.

Er sah geradeaus an einen Punkt an der Wand und schien auf einmal tief in Gedanken versunken.

„Es war der November 1981, der Dunkle Lord war verschwunden und wir… wir wurden verhaftet und vor Gericht für unsere Taten verurteilt. Ich kann mich an den Tag, als wir mit den Booten dorthin gebracht wurden, sehr genau erinnern. Es war ein stürmischer Tag und sehr kalt. Es war Vormittag als wir dort ankamen und in unsere Zellen gebracht wurden. Wir wurden getrennt."

Er machte eine kurze Pause. Hermine betrachtete ihn von der Seite und musterte jede Regung in seinem Gesicht.

„Die Zellen sind… ziemlich klein und du hast nicht viel Platz. Man hat ein kleines Bett, eine Toilette und eine Waschschüssel, mehr nicht. Dir wird eine Nummer zugeteilt und fertig. Mehr bist du dann nicht mehr. Da wirkt das winzige Fenster, das man hat, geradezu großzügig."

In seiner Stimme lag Schmerz und Verbitterung.

„Wissen Sie, wo Askaban liegt?", fragte er plötzlich an sie gewandt.

„Ja, in der Nordsee, oder?"

„Ja. Sehr weit draußen auf einer einsamen Insel. Man hört das Meer immer gegen die Felsen schlagen und der eisige Wind bläst immerzu pfeifend durch das Gemäuer. Es ist immer sehr kalt dort, Sommer wie Winter. Man friert eigentlich andauernd und immer ist irgendjemand krank. Ich hab ein paar Leute dort an Lungenentzündung sterben sehen."

Hermine wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Sie fühlte sich plötzlich schlecht.

„Das Essen ist gelinde gesagt bescheiden", sagte Rabastan und er grinste jetzt sogar. „Also, die lassen einen natürlich nicht verhungern, aber… Sterneküche wird da natürlich auch nicht serviert. Ich sag Ihnen, die ersten Wochen waren echt hart."

„Inwiefern?", fragte Hermine, die froh war, dass er etwas lockerer geworden war.

„Ich habe eine Schwäche für Schokolade ein gutes Glas Rotwein zum Abendessen und die ersten Wochen waren knallharter Entzug. Das Essen ist wirklich… mehr als karg."

„Schokolade?"

„Ja, Nussschokolade aus dem Honigtopf", sagte Rabastan vergnügt. „Seit Hogwarts."

„Nussschokolade? Ist das Ihr Ernst?" Hermine lachte auf einmal. „Das ist wirklich witzig, weil… Ich mag die nämlich auch gern. An den Hogsmeade- Wochenenden bin ich ab und zu hingegangen."

„Ehrlich?"

„Ja. Und Schokoladenkuchen mag ich auch gerne. In der Winkelgasse gibt es ein Café, wo es den besten Schokoladenkuchen der Welt gibt. An meinem ersten Tag dort, als ich mit meinen Eltern die Sachen für die erste Klasse gekauft habe, waren wir zum Abschluss dort und haben Schokoladenkuchen gegessen."

„Das Café gehört der Tochter eines Freundes von mir. Und ja, ich stimme Ihnen zu, dass es dort den besten Kuchen in England gibt. Ich war auch oft dort. Annegretha Pyrites ist eine Wucht, was das Backen anbelangt."

„Pyrites?", fragte Hermine. Der Name rührte an etwas in ihrem Gedächtnis.

„Er gehört zu uns", sagte Rabastan und beantwortete damit ihre Frage. „Er hat ein Restaurant in der Winkelgasse. Seine Tochter ist Zuckerbäckerin. Er war nicht im Gefängnis."

„Verstehe."

„Solche… Annehmlichkeiten gibt es leider in Askaban nicht. Wie gesagt, die lassen einen nicht verhungern, aber… Naja, man bekommt nur zweimal am Tag etwas zu Essen, morgens und abends. Und alles ist irgendwie… so farblos und geschmacklos und trocken. Mein Bruder und ich haben in den ersten drei Monaten über zehn Kilo verloren. Am Anfang haben wir uns oft geweigert zu essen, aber… wenn du nach einer gewissen Zeit dann ausgehungert bist, dann isst du alles, Hauptsache der Magen ist irgendwie voll. Du würgst es dir runter und… denkst nicht mehr darüber nach. Das ist natürlich gewollt. Die wollen dich ja aushungern, dass du gefügiger gemacht wirst, aber das bisschen, was du kriegst, hält dich dann doch irgendwie am Leben."

„Was war das erste, was Sie gegessen haben, als Sie rausgekommen sind?", wollte Hermine wissen.

„Ein Toast mit Butter. Sie können sich nicht vorstellen, wie es ist, sich über so etwas… Simples wie einen Toast mit Butter zu freuen. 15 Jahre keine Butter, sondern nur trockenes Brot mit gar nichts."

Hermine verstand ihn.

„Ich weiß noch, dass ich sehr genüsslich eine Dusche genommen habe. Allein. Askaban hat nämlich nur Gemeinschaftsduschen. Da sieht man mehr von den Leuten, als einem lieb ist. Es gibt keine Spiegel dort. Als ich das erste Mal, das war hier bei Narcissa und Lucius, in einen Spiegel gesehen habe, habe ich mich gar nicht erkannt. Ich habe Bella und Rodolphus kaum wiedererkannt, weil wir uns sehr… verändert hatten."

„Das muss sehr hart sein, eingesperrt zu sein, oder?"

„Ja, natürlich, da braucht man nichts beschönigen", sagte Rabastan ernst. „Die ersten Wochen bin ich die ganze Zeit in meiner Zelle auf und ab gegangen. Die Untätigkeit macht einen wahnsinnig. Man tigert immerzu auf diesen paar Quadratmetern herum, aber irgendwann sitzt man nur noch in der Ecke und starrt vor sich hin. Man muss seine Kräfte sparen, damit man durchhält. Am meisten hat mir am Anfang das schlechte Essen und die Kälte zu schaffen gemacht. Die Mangelernährung schwächt dich und durch die Kälte waren wir alle permanent krank. Wie ich bereits sagte, viele stehen das nicht durch. Ab einem gewissen Punkt verliert man das Zeitgefühl, man hört auf zu zählen, wie lange man schon dort ist. Die Tage verschwimmen nur und gehen nahtlos ineinander über. Man wartet eigentlich nur. Man rollt sich zusammen, drängt sich in eine Ecke, der Körper wird irgendwie taub und gefühllos von der Kälte. Ich hatte keinen Kontakt zu meiner Familie. Ich wusste nicht, wie es Bella ging oder Rodolphus. Vielleicht hätten die mir nicht mal gesagt, wenn einer der beiden gestorben wäre…"

„Wie… wie ist es die ganze Zeit den Dementoren ausgesetzt zu sein?", fragte Hermine leise und vorsichtig.

Rabastan blickte ihr tief in die Augen und es war schwer, seinem intensiven Blick standzuhalten. Der Ausdruck von Angst und Schmerz war kaum zu ertragen. Sie verstand, dass es nicht leicht für ihn war, über seine Erlebnisse zu erzählen.

„Es ist eine Kälte, die… nichts mit dem eisigen Wind zu hat oder den harten Wintern. Sie saugen alles aus dir raus, was du noch hast. Nachdem man durch das schlechte Essen und die Witterungsbedingungen entkräftet und schwach ist, ist man leichte Beute. Die meisten werden irgendwann verrückt. Man hört sie schreien und mit sich selbst reden. Das kann einem nachts schon mal den Schlaf rauben. Man kann vom Fenster aus auch in den Hof runter sehen. Da beerdigen sie die Toten. Es erinnert einen jedes Mal daran, was mit dir passieren kann, wenn du nicht aufpasst."

„Wie? Wie haben Sie das… all die Jahre geschafft? Wie haben Sie es geschafft, das alles durchzustehen?"

„Wenn ich heute zurücksehe, dann fällt es mir schwer, das alles zu begreifen. Wie viel Zeit vergangen ist und… dass wir tatsächlich rausgekommen sind. Auch wenn Sie und Ihre Freunde uns kurze Zeit später wieder hineinbefördert haben."

„Entschuldigung, wir..."

„Schon gut. Ich kann es nicht genau sagen, was es war, dass mich das hat alles durchstehen lassen. Ich schätze aber, es war die Tatsache, dass wir ein Ziel vor Augen hatten. Wir wussten, dass der Dunkle Lord eines Tages zurückkommen und uns befreien würde. Darauf haben wir gewartet. Wir waren nur von diesem einen Gedanken beseelt."

„Haben Sie… mal irgendwann… versucht zu fliehen?"

„Nein, das wäre… Wahnsinn gewesen. Das wäre unser sicherer Tod gewesen. Nein, die Trostlosigkeit, die Dunkelheit und Verzweiflung in meinem Inneren hat mich in diesen engen vier Wänden gehalten. Ich glaube, dass es mir sehr geholfen hat, dass ich Okklumentik beherrsche. Deshalb habe ich den Dementoren keine Angriffsfläche geboten, keinen Schwachpunkt, den sie ausnutzen konnten."

„Hilft Okklumentik gegen die Dementoren?", fragte Hermine interessiert und dachte dabei an Harry, dem die Kreaturen schwer zu schaffen machten und der in Snapes Unterricht so grandios gescheitert war.

„Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber ich denke schon. Ich bin überzeugt davon, dass es hilft, seine Gefühle zu verschließen. Menschen, die sehr offen sind und ihre Gedanken und Gefühle vor sich hertragen, mit denen haben die Dementoren leichtes Spiel."

„Ich hoffe, die Frage ist nicht zu persönlich, aber… Würden Sie mir sagen, was Sie sehen, wenn die Dementoren Ihnen nahe kommen?"

Rabastan grinste. „Das ist eine sehr persönliche Frage, Ms. Granger."

„Tut mir Leid, Sie müssen natürlich nicht antworten, wenn Sie nicht möchten. Aber es interessiert mich wirklich."

Er betrachtete sie einige Zeit, dann nickte er. „Also gut. Als ich ein kleines Kind war, wäre ich einmal fast im Meer ertrunken. Meine Familie hat an der Küste ein Sommerhaus und mein Bruder und ich waren in einem Sommer dort. Wir waren am Strand und haben gespielt. Unsere Eltern haben uns verboten ins Wasser zu gehen, weil die Brandung zu stark war, aber ich wollte nicht hören. Ein paar Wellen haben mich erfasst und unter Wasser gezogen. Ich kam nicht mehr hoch und habe mich an einem Stein verletzt, sodass ich das Bewusstsein verlor. Mein Bruder hat mich rausgezogen, sonst wäre ich ertrunken."

Er schluckte. „Immer, wenn mir die Dementoren zu nahe kommen, dann schnürt sich mir die Luft ab und ich habe wieder das Gefühl unter Wasser zu sein und… die Besinnung zu verlieren. Ich durchlebe immer und immer wieder, wie ich fast ertrinke. Nach meiner Flucht aus Askaban habe ich deshalb einen Patronus gelernt."

„Wirklich? Sie beherrschen einen Patronus?", fragte Hermine erstaunt. Sie hatte eigentlich gedacht, dass Todesser keinen Patronus erzeugen mussten, um sich gegen Dementoren zu verteidigen.

„Ja. Es ist ein Vogel, ein Falke."

„Verstehe."

„Wie ich hörte, beherrscht Ihr Freud Mr. Potter ebenfalls einen Patronus. Können Sie auch einen erzeugen?", fragte Rabastan sie.

„Ja. Harry hat es mir gezeigt. Mein Patronus ist ein Otter."

„Ah, schön."

„Denken Sie noch an die Zeit in Askaban zurück?"

„Oh ja, auch wenn ich mich noch so sehr bemühe, die Zeit zu vergessen. Wissen Sie die Zellen dort sind einfach sehr klein und seit meiner Flucht kann ich mich schlecht in kleinen Räumen aufhalten. Bella, Rodolphus und ich waren Hochsicherheitsgefangene, die zu lebenslanger Haft verurteilt worden waren. Wir waren nur isoliert und durften nicht nach draußen auf den Hof. Alles, was wir hatten, war ein winziges Fenster, durch das wir das Meer und den Himmel sehen konnten. 15 Jahre keine Sonne. Das schönste, als ich wieder frei war, war… die Sonnenstrahlen auf meiner Haut spüren. Oder Regentropfen. Oder Gras unter den Füßen. Es war Februar und Winter als wir befreit wurden. Das erste, was ich gemacht habe, war, eine Handvoll Schnee in die Hand zu nehmen und zu fühlen."

Hermine konnte nachvollziehen, was Rabastan beschrieb. Es war unvorstellbar, nicht dorthin gehen zu können, wohin sie mochte, nicht die Dinge berühren zu können, die sie wollte. 15 Jahre keine Sonnenstrahlen oder nicht einfach im Sommer unter einem Baum sitzen zu können. Es musste schrecklich sein, so lange Zeit nur die eisige Kälte draußen auf dem Meer in der Einsamkeit spüren zu können. Auch wenn sie die Verbrechen, die er begangen hatte, verurteilte, verachtete sie die Praktik in Askaban als menschenunwürdig und sie empfand fast so etwas wie Mitleid mit Rabastan. Gleichzeitig erschien ein Bild von Neville und seinen Eltern, die mit einem zerrütteten Geist im St. Mungo Hospital waren, vor ihrem geistigen Auge und abermals überkam sie große Scham.

„15 Jahre Gefängnis ohne Sonne haben ihre Spuren hinterlassen", fuhr Rabastan fort. Er klang bedrückt. „Als ich mich zum ersten Mal wieder im Spiegel angesehen habe, bin ich erschrocken. Ich sah aus wie ein… Gespenst, das aus dem Grab gekrochen war. Ich wollte diese Zeit eigentlich hinter mir lassen, aber kürzlich hat sie mich eingeholt. Meine Knochen sind von der ewigen Dunkelheit kaputt. Ich brauche Heiltränke."

„Das tut mir… wirklich sehr Leid", sagte Hermine aufrichtig. „Ich hoffe für Sie, dass es besser wird."

„Das hoffe ich auch. Wir werden sehen."

Warum hatte sie gefragt?, schoss es Hermine durch den Kopf. Was hatte sie erwartet? Seine Geschichte hatte sie wirklich interessiert, aber seine Schilderungen hatten sie bedrückt und niedergeschlagen zurückgelassen. Bilder schoben sich vor ihr geistiges Auge. Bilder von ausgezehrten Menschen, die in ihren engen Zellen von den Dementoren eingeschlossen waren. Sie hatte bisher nicht darüber nachgedacht, wie es im Gefängnis Askaban sein mochte. Sirius hatte auch dort gesessen. Sie verstand jetzt, warum er nie darüber erzählt hatte. Die Erfahrungen waren zu traumatisierend gewesen und er hatte nicht mehr zurücksehen wollen.

Nachdem sie Rabastans Schilderungen gehört hatte, konnte sie sich vorstellen, wie sich Sirius unter ihnen gefühlt haben musste. Wenn er mit Harry und dem Orden zusammen gewesen war, hatte er sich nie irgendetwas anmerken lassen, war fröhlich und ausgelassen gewesen, aber die Erinnerungen mussten ihn immerzu verfolgt und geplagt haben.

Lestrange schien zu bemerken, was ihr durch den Kopf ging und dass sie merklich stiller geworden war.

„Habe ich Sie… jetzt verstört?", fragte er leise. „Das tut mir Leid, wenn ich Sie… verschreckt habe."

„Nein."

„Ich weiß selbst nicht, wieso ich das alles erzählt habe. Das habe ich nicht mal meiner Familie gesagt", sagte Rabastan und fuhr sich mit der Hand durch die dunklen Haare.

„Es ist nur, ich habe an… an Sirius gedacht. Er hat auch nie… von Askaban erzählt."

Rabastan nickte. „Wir haben ihn dort kurz gesehen. Er ist ja Bellas Cousin gewesen. Er war der Erste, der es jemals gewagt hat, von dort zu fliehen. Es gab viel Gerede."

Hermine atmete tief durch. Sie fühlte sich plötzlich unwohl, so nah neben ihm zu sitzen. Sie rang innerlich mit sich.

Rabastan schüttelte plötzlich den Kopf. „Ich hätte nichts sagen sollen. Verzeihen Sie mir." Er betrachtete sie. „Was geht Ihnen gerade durch den Kopf?"

„Wollen Sie eine ehrliche Antwort darauf?", fragte Hermine ernst.

Er nickte zustimmend.

„Ich hab die Eltern gesehen. Sie sind im St. Mungo Hospital, in der geschlossenen Abteilung. Für Geschädigte von Flüchen." Hermine erkennte ihre eigene Stimme nicht. Sie schien wie aus weiter Ferne an ihre Ohren zu dringen. War es wirklich sie selbst, die diese Worte sprach? Seit Weihnachten vor zwei Jahren hatte sie ihre Gedanken dazu nie ausgesprochen und jetzt plötzlich drängte alles nach oben.

„Sie erkennen ihren eigenen Sohn nicht."

Rabastan erhob sich und stellte die Teller auf das Tablett zurück. Sein Gesicht war plötzlich hart und unergründlich.

„Neville ist mit mir zur Schule gegangen. Sie hätten ihn erleben sollen, als Sie… vor zwei Jahren geflohen sind." Sie sah auf ihre Hände in ihren Schoß und wich Rabastans Blick aus.

„Tut mir Leid", fügte Hermine schnell hinzu, nachdem sie begriffen hatte, was sie gesagt hatte. „Ich… weiß gerade nicht, was ich noch denken soll…"

„Ich kann Ihnen sagen, was Sie denken, Ms. Granger", sagte Rabastan und auf einmal klang er nicht mehr so freundlich wie zuvor. „Sie denken doch, dass wir es verdient haben. Dass wir bis zum Rest unserer Tage in Askaban verrotten sollen, oder? Ist es nicht so?"

„Das würde ich niemals sagen…"

„Tatsächlich?", fragte er aufgebracht. „Früher schon oder erst jetzt, nachdem ich Ihnen das erzählt habe und Sie ein bisschen Mitleid mit mir bekommen haben?"

Er steuerte die Tür an, um hinaus zu gehen.

„Warten Sie mal!", sagte Hermine, doch er winkte ab.

„Nein." Sie erschrak über den Blick, den er ihr zuwarf und zum ersten Mal verspürte sie Angst in seiner Gegenwart und wurde daran erinnert, dass sie einem Todesser gegenüberstand.

„Sie werden mir jetzt zuhören, Ms. Granger. Die Frage, die sie doch brennend interessiert ist… Bereue ich, was ich getan habe?"

Er sah sie vielsagend an. Hermine wusste nicht, was sie tun sollte. Sie stand hilflos da. Rabastan war völlig außer sich, als wäre seine Person ausgewechselt worden.

„Ich habe das, was wir getan haben, keinen einzigen Augenblick meines Lebens bereut. Und das wird sich auch nicht ändern. Wir empfanden es als gerecht, was wir taten. Und selbst, wenn ich es bereuen würde, was wäre damit getan? Ich kann es nicht rückgängig machen."

Hermine blickte ihn erschrocken an, aber konnte nichts sagen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Er wandte sich um. „Das nächste Mal sollten wir wohl besser bei Märchen bleiben. Die Realität ist… vielleicht manchmal ein bisschen zu hart. Für alle Seiten."