Hermine wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Als sie erwachte, war sie erschöpft und ihr Kopf schmerzte. Ihr Gesicht und ihre Augen waren verklebt vom vielen Weinen.
Sie wollte sich aufrichten, aber schaffte es nicht. Sie war viel zu kraftlos und sie fühlte sich dort, wo sie lag, viel zu wohl. Am liebsten hätte sie die Augen wieder geschlossen und hätte weitergeschlafen, wenn sie nicht bemerkt hätte, wo sie die Nacht verbracht hatte oder besser, mit wem.
Rabastan schlief noch. Hermine löste sich vorsichtig von ihm, was kein einfaches Unterfangen war, denn sie hatte eng an ihn geschmiegt geschlafen und ihr Kopf ruhte auf seiner Brust. Außerdem hatte er seinen Arm um sie gelegt.
Sie richtete sich verschlafen auf, entwand sich vorsichtig seiner Umarmung und rutschte weg von Rabastan an die andere Seite des Bettes. Peinlich berührt und beschämt von sich selbst schlang sie ihre Arme um ihren Körper.
Was hatte sie getan?
Sie konnte sich kaum erinnern, was passiert war. Rabastan hatte von Ron gesprochen und sie wusste nur noch, dass ein gewaltiger Schmerz sie ergriffen hatte und dass sie sich gefühlt hatte, als würde der Schmerz sie vernichten. Sie hatte geweint und hatte sich nicht mehr auf den Beinen halten können. Zwei starke Arme hatten sie aufgefangen, danach hatte sie Dunkelheit umschlossen. Sie musste in Rabastans Armen eingeschlafen sein und weil er sie nicht hatte allein lassen wollte, war er über Nacht bei ihr geblieben.
Es war ein seltsames Gefühl, das sich in ihr ausbreitete. Hermine war noch nie von einem Mann in die Arme genommen worden. Noch dazu von einem, für den sie eine gewisse Zuneigung empfand. Und sie hatte sich selten so wohl und sicher gefühlt. Seine Nähe gab ihr Schutz und Geborgenheit, selbst in den widrigen Umständen, in denen sie seit so langer Zeit schon gefangen war. Doch Rabastan Lestrange war immer noch ein Todesser.
Er verkörperte alles, gegen das sie kämpfte. Und trotzdem fühlte sie sich mit ihm verbunden. Die letzten Wochen, die sie im Malfoy Anwesen verbracht hatte, hatten sie und ihre Welten einander näher gebracht und auch wenn es Hermine nicht gern zugab, sie fühlte sich bei Rabastan verstanden. Mochten sie auch noch so verschieden sein.
Große Scham überkam Hermine und sie stand schnell vom Bett auf, um ins Bad zu flüchten. Sie stieg über die Zeitung hinweg, deren Blätter noch auf dem Boden ausgebreitet lagen. Sie warf nur einen kurzen Blick auf die Titelseite, wo über die schreckliche Nachricht berichtet wurde, wagte es aber nicht, es länger anzusehen. Sie wollte es auch nicht lesen. Zum ersten Mal in ihrem Leben wollte sie nichts lesen. Sie schloss die Tür hinter sich, drehte den Schlüssel im Schloss herum und lehnte sich erschöpft dagegen. Langsam sank sie auf den Boden. Sie war verwirrt und durcheinander. Tränen stiegen ihr in die Augen und rannen ihre Wangen hinab.
Sie hoffte, dass alles möge ein böser Traum sein und sie würde aufwachen, bevor sie, Harry und Ron ins Ministerium eingebrochen waren. Dann wären all diese schrecklichen Dinge niemals passiert. Dann wäre sie nicht hier, dann wäre Ron nicht tot.
Ron war tot. Sie würde ihn niemals wiedersehen. Vielleicht würde sie niemanden jemals wiedersehen…
Rabastan richtete sich verschlafen auf. Sogleich stellte er fest, dass er allein war. Hermine lag nicht mehr neben ihm. Sie war auch nicht mehr im Zimmer. Alarmiert richtete er sich auf und zog seinen Zauberstab.
Er wollte schon aufspringen, doch dann stellte er fest, dass die Tür immer noch verschlossen war. Sie hätte nicht entkommen können. Ein leises Schluchzen aus dem Bad verriet ihm, wo Hermine war.
Er steckte seinen Zauberstab zurück unter seinen Umhang, näherte sich vorsichtig und lauschte an der Tür. Das Mädchen weinte, höchstwahrscheinlich wegen Ron Weasleys Tod.
„Ms. Granger? Hermine, alles in Ordnung?", fragte er.
„Gehen Sie weg, ich will nicht mit Ihnen reden!", tönte es von drinnen. Hermine klang aufgewühlt und wütend und für einen Augenblick war Rabastan etwas vor den Kopf gestoßen. Gestern Abend noch war sie in seinen Armen eingeschlafen und jetzt schien sie ihn regelrecht von sich zu stoßen.
„Machen Sie die Tür auf", sagte er ernst.
„Nein! Gehen Sie einfach weg! Lassen Sie mich in Ruhe! Ich will Sie nicht sehen!" Ihre Stimme war verzerrt vom Weinen. Sie schluchzte laut und er konnte sie kaum verstehen.
Rabastan zog seinen Zauberstab und richtete ihn auf das Türschloss. Er war im Begriff, einen Zauberspruch zu sagen, um sich gewaltsam Zutritt zu verschaffen, doch dann hielt er inne. Ihr verzweifeltes Weinen versetzte ihm innerlich einen Stich. Es ging ihm nah, dass die Nachricht vom Tod ihres Freundes sie so sehr mitnahm.
Er entschied sich, sich ihr nicht aufzudrängen. Er verstand, dass sie jetzt allein sein wollte, und er ihr Zeit geben musste.
„Wie hat sie es aufgenommen?"
Rabastan schnaubte. „Wie würdest du so eine Nachricht aufnehmen?"
Narcissa beschloss, besser nicht weiter nachzuhaken. Ihr Schwager hatte sich sehr verändert, seit Hermine Granger bei ihnen im Haus lebte.
„Tut mir Leid, es ist nur…"
„Nein, schon gut. Wolltest du denn nicht schon vor ein paar Tagen etwas mit mir besprechen?"
Rabastan hatte es in der Aufregung völlig vergessen.
„Ach ja, gut dass du mich daran erinnerst. Ja, ich wollte tatsächlich mit dir über etwas reden."
Die beiden Malfoys sahen Rabastan erwartungsvoll an. „Allerdings allein", meinte dieser mit einem Seitenblick auf Lucius. „Unter vier Augen."
„Es dauerte bestimmt nicht lange", meinte Narcissa beschwichtigend, die die Spannung, die plötzlich entstand, deutlich spürte. Lucius sah verärgert zwischen beiden hin und her, dann erhob er sich vom Esstisch.
„Nicht nur, dass mein Haus in Beschlag genommen wird, jetzt bittet mich meine eigene Familie schon aus meinem Esszimmer hinaus."
Rabastan wollte schon etwas erwidern, aber Narcissa legte ihm ihre Hand auf den Arm, um ihm zu deuten, dass er keine Diskussion eingehen sollte.
„Was ist mit ihm los?!", fragte Rabastan wütend. „Wo ist sein Problem?!"
„Das alles macht ihm… ein bisschen zu schaffen", sagte Narcissa, die plötzlich traurig und erschöpft wirkte. „Der Lord hat ihn bei der Versammlung ziemlich gedemütigt. Und er hat keinen Zauberstab mehr. Die anderen Todesser sehen auf uns herab. Unsere Familie hat an Ansehen verloren, Rabastan. Jeder sieht Lucius als Versager. Und meine Schwester ist auch nicht gerade hilfreich."
Rabastan glaubte, ein verräterisches Glitzern in ihren Augen zu erkennen. „Ich mache mir auch Sorgen um Draco."
„Er ist in der Schule sicher", sagte Rabastan und versuchte, möglichst zuversichtlich zu klingen. „Er hat nur noch ein paar Monate und wenn er den Kopf unten hält, dann wird er gut durchkommen."
„Ich hoffe, du behältst Recht", sagte sie. „Mit Lucius und mir, das… ist einfach ein bisschen schwierig im Moment. Er leidet sehr unter der Situation und… ertränkt seinen Kummer in Alkohol."
„Ihr streitet euch viel, oder?"
Sie nickte. „Vor allem, wenn er zu viel getrunken hat. Und wenn wir beide dann… allein reden und ihm ausschließen…"
„Oh nein, ernsthaft? Das denkt er doch nicht wirklich?"
„Lucius denkt zu viel in letzter Zeit. Was wolltest du mit mir bereden?"
„Das Mädchen, Hermine, sie hat kürzlich… Sie hat mir endlich etwas Brauchbares gesagt."
„Wirklich? Und was? Hast du es dem Dunklen Lord schon berichtet?"
„Nein, damit möchte ich noch warten. Deshalb komme ich ja zu dir. Ähm, wie soll ich sagen… Das, was sie gesagt hat, ist… ein klarer Hinweis, aber ich kann wenig damit anfangen. Ich brauche deine Hilfe."
„Meine Hilfe?"
„Es geht nämlich um deine Familie, die Blacks."
Sie sah ihn fragend an.
„Die Kinder wissen, was mit Regulus passiert ist."
Auf Narcissas Gesicht trat ein Ausdruck von Skepsis und Ungläubigkeit.
„Rabastan, das ist… hanebüchen. Das hat sie doch mit Sicherheit erfunden. Das kannst du ihr doch nicht im Ernst glauben, oder?"
„Ich glaube Hermine", sagte Rabastan entschieden. „Ich vertraue ihr, sie würde mich nicht belügen. Außerdem hat sie mittlerweile Vertrauen zu mir. Sie mag mich, also glaube ich ihr."
Narcissa schüttelte den Kopf. „Woher sollten die das wissen? Regulus verschwand vor fast 20 Jahren. Keiner hatte auch nur die geringste Spur von ihm. Nicht mal der Dunkle Lord weiß, was mit ihm passiert ist."
„Die Lösung des Rätsels lag die ganze Zeit direkt vor unseren Augen, Narcissa, aber weil niemand von uns etwas auf einen alten Hauselfen gab, ruhte das Geheimnis all die Jahre."
„Hauselfen?"
„Kreacher." Narcissas Augen weiteten sich vor Schreck. „Er wusste es die ganze Zeit."
„Kreacher wusste, was mit Regulus passiert ist?! Das darf doch nicht wahr sein!"
„Es ist leider wahr. Regulus ließ ihn schwören, dass er niemandem erzählen würde, was wirklich passiert ist. Das hat er wahrscheinlich getan, um euch, seine Familie zu schützen."
„Warum? Und was genau ist passiert?"
„Die Kinder sind auf der Suche nach etwas, mit dem sie den Dunklen Lord aufhalten können. Den Auftrag dazu hat ihnen Dumbledore persönlich gegeben. Auch der Orden ist nicht in die Pläne eingeweiht. Sie wollte mir aus naheliegenden Gründen nichts Genaues sagen, nur so viel, dass Regulus damals offenbar dasselbe gesucht hat, wie die Kinder heute und dabei leider… sein Leben verloren hat."
Narcissa biss sich auf die Unterlippe. „Regulus ist tot?"
„Ja. Sein Plan war es, den Dunklen Lord zu vernichten", sagte Rabastan. „Er ging auf die Suche nach was auch immer und wurde vielleicht fündig, ich weiß es nicht. Dabei ist er… Kreacher muss Zeuge geworden sein, aber weil Regulus ihm befahl, keinem etwas zu sagen, blieb die Geschichte solange unentdeckt."
„Das ist ja… furchtbar", raunte Narcissa betroffen. „Regulus hat nach einem Weg gesucht, den Dunklen Lord aufzuhalten? Aber er… Er war doch… der Jüngste und er war so voller Tatendrang. Er wollte den Verrat seines Bruders wieder gutmachen, er wollte allen Beweisen, dass er…"
„Offensichtlich setzte aus welchem Gründen auch immer ein Umdenken bei ihm ein", meinte Rabastan. „Deshalb brauche ich dich. Regulus war dein Cousin, du warst öfter bei ihm Zuhause, du kanntest ihn viel besser als ich. Du musst mir bitte alles sagen, was du von damals weißt."
„Natürlich", sagte Narcissa und nickte.
„Wir werden uns das Haus ansehen. Nachdem der Schutzzauber gebrochen ist und es unter Verwaltung des Ministeriums steht, kann uns Yaxley sicher eine Erlaubnis erteilen. Ich rede mit ihm, OK? Es kann allerdings ein paar Tage dauern. Solange bitte kein Wort zu niemanden, auch nicht zu deinem Mann. Das ist alles inoffiziell. Ich will erst sehen, wohin mich diese Spur führt, bevor ich den Dunklen Lord unterrichte."
Seit der Nachricht von Rons Tod, hatte sich Hermine vollkommen verändert. Und so ungern er es auch zugab, es beunruhigte Rabastan. Sie hatte sich sehr zurückgezogen und verweigerte oft das Essen. Wenn er nachts an ihrer Zimmertür vorbeiging, konnte er sie oft weinen hören. Wenn Rabastan sie besuchte, waren ihre Unterhaltungen einseitig. Hermine war wortkarg geworden, sie empfand keine Freude mehr daran, dass er zu ihr kam. War sie die letzten Male fröhlich gewesen, wenn er bei ihr gewesen war, war sie jetzt still und niedergeschlagen. Sie war dünner und blasser geworden und distanzierte sich von ihm.
Rabastan sah ihren Zustand mit Besorgnis. Nicht nur, dass es ihr gesundheitlich schlechter ging, sie hatte sich ihm gegenüber wieder völlig verschlossen und Rabastans Arbeit von Wochen schien zunichte gemacht. Er bekam noch weniger Auskunft über die Pläne des Potter- Jungen als zuvor.
Das einzige, was er tun konnte, war, sie in den Arm zu nehmen und sie zu trösten, wenn sie wieder weinte, oder ihr gut zuzusprechen. Er fühlte sich hilflos und allmählich überkam ihn Verzweiflung. Der Dunkle Lord wollte Antworten, Antworten, die er nicht liefern konnte. Hermine ging es schlecht und das wollte er nicht. Er sah sie lieber lachend und fröhlich.
Zu sehen, wie sie immerzu bitterlich weinte und um ihren verlorenen Freunde trauerte, ging ihm näher als ihm lieb war. Er konnte ihren Schmerz nachfühlen, denn es war keine paar Monate her, dass er ebenfalls einen nahestehenden Menschen verloren hatte.
Er wusste nicht, wie er mit der neuen Situation umgehen sollte. Hermine Granger war ein starkes Mädchen, aber im Moment war sie innerlich tief erschüttert und zerbrechlich.
Er musste irgendetwas tun, aber er wusste keinen Rat.
Rabastan hatte es satt, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie er Hermine dazu bringen konnte, wieder mit ihm zu sprechen. Er brauchte dringend Ablenkung, um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können und dann einen neuen Versuch zu starten.
Die Heilerin, die ihn behandelt hatte, hatte ihm geraten, sich sportlich zu betätigen, um seine Knochen zu stärken. Narcissa hatte ihm vorgeschlagen, eine Runde durch den Wald auf den Ländereinen hinter dem Anwesen zu laufen und Rabastan hatte es dankend angenommen.
Nachdem der Dunkle Lord die Zaubererwelt übernommen hatte, mussten sich Rabastan und die anderen Todesser, die aus Askaban geflohen waren, nicht mehr verstecken, sondern konnten sich frei bewegen. Rabastan genoss es sichtlich, das Haus verlassen zu können, wann er wollte und frische Luft atmen zu können ohne ständig auf der Hut vor Auroren sein zu müssen.
Als er langsam durch den Wald lief, stellte er fest, dass er trotz seines langen Aufenthaltes im Gefängnis seine Ausdauer nicht eingebüßt hatte. Er war immer noch so sportlich wie früher. In seiner Jugend hatte er als Jäger in der Quidditch- Mannschaft von Slytherin gespielt und später als Erwachsener war er regelmäßig geritten. Eine Leidenschaft, die er mit Andromeda geteilt hatte…
Das Wetter, das schlechter wurde, zwang ihn allerdings, bald wieder umzukehren. Der Himmel hatte sich bedrohlich verdunkelt und ein eisiger Wind fegte über die Ländereien hinweg. Rabastan erreichte das Haus gerade rechtzeitig, bevor ein starker Graupelschauer einsetzte.
Er nahm eine heiße Dusche und ließ sich sein Essen von einem Hauselfen auf sein Zimmer bringen. Er fand eine Nachricht von Yaxley auf seinem Tisch.
Dieser hatte ihm zugesichert, dass sie den Grimmauld Platz betreten durften. Die Durchsuchungen war schon vor geraumer Zeit abgeschlossen worden. Es musste sie nur jemand vom Ministerium begleiten, um das magisch verschlossene Haus zu öffnen. Neben dem Brief fand er außerdem ein Paket. Yaxley hatte ihm etwas zukommen lassen, was dem Weasley- Jungen gehört hatte.
Es war der Deluminator, die Erfindung von Albus Dumbledore, die er Ron in seinem Testament vermacht hatte. Hermine hatte ihm davon erzählt. Das Ministerium hatte den Gegenstand mehrfach überprüft, aber daran nichts Sonderbares von Nutzen feststellen können.
Rabastan wandte ihn nachdenklich in seiner Hand hin und her. Es hatte Hermines Freund gehört, vielleicht bestand dadurch eine Chance, Hermine dazu zubringen, sich ihm gegenüber wieder etwas zu öffnen. Und vielleicht würde sie das Geschenk irgendwie aufmuntern, überlegte er. Zumindest hoffte er das und es war einen Versuch wert.
Er klopfte um die Mittagszeit an ihre Tür. Die Hauselfen hatten ihr ein Tablett mit einem Teller hingestellt, doch Hermine zog es lieber vor, am Fenster zu sitzen und hinauszusehen. Ihr Gesicht war gerötet, ihre Augen verweint. Sie hatte ihre Knie angezogen und ihre Arme eng um ihren Körper geschlungen. Ihre Haare waren durcheinander und ungekämmt.
„Reden Sie jetzt wieder mit mir?", fragte Rabastan vorsichtig.
Sie sah ihn nur kurz an, wandte aber dann ihren Blick sofort wieder zum Fenster hinaus.
„Ich habe Ihnen ein paar Tage Zeit gegeben, um für sich zu sein. Ich verstehe sehr gut, wie Sie sich fühlen, Ms. Granger", sagte Rabastan. „Ich kenne den Schmerz, wenn man einen nahestehenden Menschen verliert. Und… in der ersten Zeit hat man kein Bedürfnis, jemanden um sich zu haben."
Rabastan zog sich einen Stuhl heran. Sie sah nur stumm nach unten und wich seinem Blick aus. Tränen rannen ihre Wangen hinab.
„Ich habe etwas für Sie. Yaxley hat es mir für Sie gegeben."
Er hielt ihr den Deluminator hin. Zuerst reagierte sie nicht, dann wandte sie langsam den Kopf in seine Richtung und betrachtete den Gegenstand in seiner Hand. Sie nahm ihn zaghaft.
„Das gehörte doch Ihrem Freund, oder?"
Sie nickte schwach.
„Sie dürfen es behalten", sagte Rabastan.
„Danke", hauchte sie schwach.
„Soll ich vielleicht hierbleiben?"
Ein Hauch von Rosa zog sich über ihre Wangen. Sie schüttelte den Kopf. Als er das Zimmer verlassen wollte, begann sie wieder heftig zu weinen. Der Deluminator glitt aus ihrer Hand auf den Boden. Er setzte sich über ihren Wunsch hinweg und kehrte an ihre Seite zurück. Sie wehrte sich, aber schließlich ließ sie sich von ihm in den Arm nehmen.
Sie schmiegte sich eng an ihn, bis sie am späten Nachmittag schließlich einschlief.
„Du meinst wirklich, dass das eine gute Idee ist?", fragte Narcissa skeptisch.
„Ja", versicherte Rabastan zuversichtlich. „Sie braucht mal frische Luft und muss endlich mal was anderes sehen. Ich denke, es wird ihr gut tun. Keine Sorge", fügte er hinzu, weil ihn seine Schwägerin misstrauisch musterte „ich passe schon auf, dass sie nicht auf dumme Gedanken kommt."
„Von Ollivander weiß sie aber nichts, oder?"
„Nein. Ich habe darauf geachtet, dass sie nicht von ihm erfährt. Seit sie oben ist, ist er wieder unten in den Kerkern. Sie kam ja nie raus aus dem Zimmer."
„Das sollte eigentlich so bleiben", sagte Lucius ernst, der eben in den Salon kam. „Sie ist hier kein Gast, Rabastan."
Lucius verhielt sich ihm gegenüber merklich kühl und Rabastan vermutete, dass sein Schwager immer noch eingeschnappt war.
„Ich weiß, aber… Ihr geht's wirklich mies und… ich möchte sie ein bisschen aufmuntern. Sofern das überhaupt gelingen kann."
Hermine ließ den Deluminator immer wieder Klicken und der kleine Lichtball einer Kerze verschwand entweder in seinem Inneren oder wanderte durch die Luft zu seiner Quelle zurück. Stumme Tränen rannen ihre Wangen hinab. Sie erinnerte sich, wie Ron das am Grimmauld Platz immer getan hatte und wie er sie damit geärgert hatte, als sie lesen wollte. Die Erinnerungen an Ron schienen wie aus einer anderen Zeit aus einem anderen Leben zu sein und schmerzten sie tief in ihrem Inneren. Es war so unbegreiflich und unvorstellbar, dass er nicht mehr da sein sollte. Dass sie und Harry von nun an allein weitermachen mussten. Was sollte nur werden? Was sollte nur werden, wenn sie weiterhin bei den Malfoys gefangen war?
Sie war gerade dabei den Schein wieder verschwinden zu lassen, als Rabastan in ihr Zimmer trat. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie erschrak und zusammenzuckte. Schnell versteckte sie den Deluminator in ihrer Umhangtasche.
„Schon gut. Verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken."
Eilig verbarg sie ihr verweintes Gesicht vor ihm und wischte sich die Tränen mit ihrem Ärmel weg.
Rabastan setzte sich zu ihr auf das Bett und betrachtete sie. Hermine war seine Nähe unangenehm und willkommen zugleich. Sie versuchte sich verbissen gegen die aufkeimende Zuneigung für Rabastan Lestrange zu wehren, aber je mehr Zeit sie miteinander verbrachten, desto schwieriger wurde es für sie. Jedes Lächeln oder jeder Blick von ihm ließ Hitze in ihre Wangen steigen. Manchmal ertappte sie sich dabei, wie sie sich wünschte, von ihm in den Arm genommen zu werden. Wenn er sie getröstet hatte, fühlte sie sich beschützt und gut aufgehoben.
Warum nur empfand sie das? Noch nie hatte sie bei irgendjemandem solche Gefühle gehabt. Warum bei Rabastan Lestrange? Er war ein Todesser, ein Reinblüter, der auf Menschen wie Hermine herabsah. Es war eine bitterböse Ironie.
„Geht es Ihnen etwas besser?", fragte er sanft. „Ich hoffe ich habe mit meinem Geschenk keinen Fehler gemacht."
„Nein, nein. Haben Sie vielen Dank", sagte Hermine. „Es tut mir Leid, aber ich… mir geht es nicht gut."
„Ja, das sehe ich. Deshalb habe ich mir etwas überlegt."
Er erhob sich und ging Richtung Tür. Er öffnete sie weit, geradezu einladend. Dann drehte er sich zu Hermine um und winkte sie zu sich.
„Kommen Sie mit", sagte Rabastan. „Ich habe heute eine kleine Überraschung für Sie."
Sie verstand nicht. Was meinte er?
„Kommen Sie schon", sagte er auffordernd.
Unsicher, was sie jetzt tun sollte, erhob sich Hermine langsam vom Bett.
„Nehmen Sie einen warmen Umhang mit. Es ist kalt geworden."
Sie tat wie geheißen und zog sich ihren Winterumhang über. Rabastan bat sie durch die Tür.
Es war ein komisches Gefühl, die bislang stets verschlossene Tür durchschreiten zu können. Das einzige, das Hermine bisher vom Haus gesehen hatte, waren die Kerker und ihr Zimmer gewesen. Jetzt stand sie auf einmal im Flur, in einer wie ihr schien, völlig anderen Welt. Nach den langen Wochen ihrer Gefangenschaft fühlte sich das kleine Stück Freiheit seltsam und fremd an.
„Wo gehen wir hin?", fragte Hermine leise.
„Wir gehen nach draußen in den Garten", erklärte Rabastan. „Folgen Sie mir."
Sie folgte ihm schüchtern. Die Portraits an den Wänden, die vermutlich die Familiengeschichte der Malfoys zeigten, folgten ihnen stumm mit den Augen. Sie kamen an einigen anderen Türen vorbei, aber Hermine konnte nicht sehen, was sich dahinter verbarg; alle waren verschlossen. Sie fragte sich, wo Rabastan sein Zimmer hatte.
Rabastan steuerte auf eine breite Treppe zu und sie schritten nach unten in die Eingangshalle des Anwesens. Hermine staunte nicht schlecht, wie prachtvoll das Anwesen der Malfoys war. Sie konnte einen kurzen Blick in den Salon werfen, wo Bellatrix sie nach ihrer Ankunft gefoltert hatte. Sie wandte sich angewidert ab. In ihrem Magen hatte sich ein Knoten gebildet. Sie schloss schnell zu Rabastan auf, der ein Stück vorausgegangen war, um die Tür zu öffnen.
„Kommen Sie."
Kühle, frische Luft schlug ihnen entgegen, als sie den Garten des Anwesens betraten. Ein breiter Kiesweg führte zu einem großen, breiten schmiedeeisernen Tor. In der Mitte des Gartens stand der runde Brunnen, den Hermine bereits vom Fenster aus gesehen hatte. Rundherum befanden sich hohe Hecken. Hinter dem Anwesen gab es einen Wald. Der weiße Pfau war allerdings nicht mehr da. Die Umgebung war mit einer dünnen weißen Schneeschicht überzogen.
Hermine atmete tief durch, um so viel wie möglich von der Luft durch ihre Lungen strömen zu lassen. Es war ein wunderbares Gefühl.
„Gefällt Ihnen der Garten?", fragte Rabastan.
Hermine nickte. „Es ist schön, ja."
„Schade, dass Sie es nicht im Sommer sehen konnten, wenn alles blüht. Dann lässt es sich hier wirklich aushalten."
Sie spazierten langsam durch den gesamten Garten. Rabastan zeigte ihr die Umgebung und führte sie schließlich zu einer Bank, die unter einem Apfelbaum stand.
„Es ist wirklich schön hier", sagte Hermine, die ihren Ausflug sichtlich genoss. „Vielen Dank, dass Sie mit mir rausgegangen sind."
„Bitte, gern. Ich freue mich, wenn es Ihnen besser geht."
Sie verfielen in Schweigen. Hermine spielte mit einem Blatt in ihren Händen, als Rabastan wieder das Wort ergriff.
„Sagen Sie, möchten Sie gerne mal sehen, wo ich früher gewohnt habe?"
Erstaunt sah sie ihn an. „Wie bitte?"
„Sie haben richtig gehört. Ich möchte Ihnen gerne zeigen, wo ich gelebt habe. Kommen Sie."
Ihr Weg führte sie diesmal zum Tor.
„Was… was tun wir?", fragte Hermine verängstigt. „Ich… ich glaube nicht, dass ich…"
„Sie sind mit mir zusammen und ich erteile Ihnen die Erlaubnis. Haben Sie keine Angst. Wir müssen nur hinter das Tor, damit wir apparieren können."
Sie schritten hindurch. Hermine fühlte sich, als trete sie durch eine unsichtbare Wand.
„Das ist unser Schutzzauber. Auf das Gelände um das Anwesen kann man nicht apparieren. Nur wer das Dunkle Mal trägt, darf das Tor sicher passieren. Halten Sie sich an mir fest."
Er hielt ihr seinen Arm hin. Sie ergriff ihn zögerlich, ein paar Augenblicke später spürte sie schon das vertraute Gefühl des Apparierens.
Sie tauchten mitten in einem Wald wieder auf. Hohe Bäumen umringten sie. Ihre kahlen Äste ragten in den Himmel hinauf. Es dämmerte allmählich. Es war kalt und ihr Atem gefror in der Luft. Eine dünne Schneeschicht bedeckte den Boden.
Hermine fröstelte und schlang ihre Arme eng um ihren Körper. Sie folgte Rabastan einen Waldweg entlang, bis sie ein altes, verrostetes, mit Pflanzen verwachsenes Tor erreichten. Rabastan zerschnitt die Pflanzen mit einem Schlenker seines Zauberstabes und öffnete das Tor.
Sie blickten auf einen breiten Garten und einen gepflasterten Zufahrtsweg. Ein ansehnliches Herrenhaus zeichnete sich zwischen den Bäumen ab.
„Kommen Sie", sagte Rabastan und schritt voraus.
„Das ist mein Elternhaus, hier sind mein Bruder und ich aufgewachsen. Er und Bellatrix haben nach dem Tod unserer Eltern bis zu unserer Inhaftierung hier gelebt. Es ist bedauerlich, dass Sie es nicht in seinem vollen Glanz erleben können. Es ist ziemlich heruntergekommen, leider. Jetzt, da ich kein Verbrecher auf der Flucht mehr bin, werde ich es vielleicht restaurieren lassen, damit es wieder bewohnbar wird."
Die Natur hatte sich viel zurückerobert. Zwischen den Pflastersteinen spross Gras in die Höhe. Büsche und Gestrüpp hatte die Beete überwuchert. Efeu hatte das Haus bewachsen. Die Äste eines Baumes waren über das Haus gewachsen und hatten ein Loch in das Dach gerissen. Die Fensterscheiben waren verschmutzt und Feuchtigkeit war in die Wände gezogen, sodass sich schwarze Flecke gebildet hatten. Hermine sah einige zerbrochene Dachziegel im Hof liegen. Links von ihnen stand ein alter ausgetrockneter Brunnen, der von Moos bewachsen war. Die Steinfigur, die in der Mitte des leeren Beckens stand, hatte sich unansehnlich schwarz gefärbt und Teile waren abgebrochen.
„Es ist schön hier", sagte Hermine. Ihr gefiel, dass nicht alles so geordnet war, wie auf dem Landsitz der Malfoys. Man hatte dem Garten mehr Raum gelassen, sich selbst zu entfalten.
„Gehen wir rein?", fragte er. „Ich war selbst noch nicht drin. Ich habe nur einen Blick durch das Fenster geworfen."
„Ähm, ich… ich weiß nicht…", sagte Hermine schüchtern. Sie war sich unsicher.
„Ich sehe schon, dass heben wir uns für ein andermal auf", sagte Rabastan. „Zum Abschluss möchte ich Ihnen allerdings noch etwas im Garten zeigen."
Er führte sie hinter das Haus, wo ein schmaler Weg in den Wald führte. Unter einer Gruppe von Büschen stand eine Bank.
„Mein Bruder und ich sind dort als Kinder immer gesessen", erklärte Rabastan und deutete auf die Bank. „Das sind Brombeersträucher. Immer im Spätsommer haben wir die Beeren gepflückt. Manchmal haben die Hauselfen sie in der Küche verarbeitet."
Er schritt zielstrebig weiter in den Wald. Der Boden war von altem, braunem Laub bedeckt. Hermine fragte sich, wohin er wohl ging. Sie fühlte sich zunehmend unwohler. Sie waren schon geraume Zeit unterwegs und sie hoffte, dass Rabastan mit niemandem Ärger bekam, weil er sie mitgenommen hatte.
Als sie sah, wo er hielt, fuhr ein Schreck durch ihren Körper. Sie standen an einem Grab. Es war erst bei näherem Hinsehen als Grabstätte zu erkennen, denn nur ein Holzkreuz und die Erde, die bewegt worden war, deuteten darauf hin. Sonst unterschied es sich kaum vom Waldboden.
„Ist das…"
„Mein Bruder. Ich hielt es für eine gute Idee, ihn hier zu begraben. Schließlich hat er die meiste Zeit seines Lebens hier verbracht. Das hätte er sicher gewollt", sagte Rabastan leise. Er ging vor dem Grab in die Hocke und wischte die dünne Schneeschicht von dem Kreuz. Dann ließ er einen vertrockneten Strauß Blumen mit einem Schlenker seines Zauberstabes verschwinden und ersetzte ihn durch einen Kranz mit Weihnachtsschmuck.
„Bella muss die Blumen hergelegt haben."
Hermine musste sich vom Grab abwenden. Es erinnerte sie zu sehr an Ron. Sie fragte sich, ob er auch begraben worden war und wo. Die Weasleys hatten mit Sicherheit ebenfalls Blumenschmuck niedergelegt.
Sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Rabastan schien zu bemerken, dass es ihr nicht gut ging. „Gehen wir nach Hause."
Schließlich kehrten sie zurück zum Malfoy Manor. Hermine hielt sich an Rabastans Arm fest und er apparierte sie vor das Tor. Sie hatte den Ausflug sehr genossen und die Aussicht, wieder in ihr Zimmer zurückzumüssen, wo sie erneut eine Gefangene sein würde, dämpfte ihre Stimmung enorm. Es hatte gut getan, die Luft von Freiheit zu atmen. In wenigen Augenblicken, wenn sie durch die Tür trat, war alles vorbei.
Sie ließ Rabastans Arm widerwillig los und die beiden gingen auf das Tor zu. Rabastan hob seinen linken Arm wie zu einem Gruß und die Flügel des Tores schwangen langsam auf. Plötzlich schien sich ihr Verstand auszuschalten. Ihre Beine wollten sich nicht mehr bewegen. Sie machte kehrt und lief. Sie rannte so schnell sie konnte in den Wald hinein. Kalte Luft fegte durch ihre Haare. Ihr Umhang wehte hinter ihr her. Sie lief, sie wollte nur so weit vom Malfoy- Haus weg wie möglich. Sie dachte nicht mehr an Rabastan Lestrange, nicht mehr an Ron und auch nicht an Harry. Das einzige, was sie in diesem Moment wollte, war so viel Abstand wie möglich zwischen den Todesser und sich zu bringen.
„So haben wir nicht gewettet, kleines Fräulein!"
Hermine spürte einen Schlag gegen den Rücken und geriet ins Taumeln. Sie fiel mit dem Gesicht voran auf den Erdboden und schlitterte ein paar Meter weit. Ein Zauber hatte sie von hinten getroffen. Sie schmeckte Erde in ihrem Mund.
Sie hatte keine Kraft mehr weiterzukämpfen. Sie wurde grob herumgerissen. Rabastan war über ihr und drückte ihre Arme links und rechts von ihrem Kopf auf den Boden. Er war wütend.
„Was glauben Sie, was Sie tun?!", fragte er verärgert. „Was fällt Ihnen ein?! Ich habe gedacht, dass Sie schlauer sind. Sie haben meine Gutmütigkeit ausgenutzt! Ich wollte…" Er brach mitten im Satz ab. Seine Wut schien mit einem Mal verflogen, als er Hermines Gesicht sah.
Sie weinte. Tränen rannen ihre Wangen hinab. Sie wehrte sich nicht mal mehr gegen seinen Griff. Jeder Widerstand war aus ihrem Körper gewichen. Die pure Verzweiflung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Er sah es in ihren Augen, etwas in ihr war zerbrochen und das erschreckte Rabastan.
„Ich will nach Hause", schluchzte sie leise. „Ich will zu meiner Familie…"
Entsetzt starrte er sie an. Er konnte ihr plötzlich nicht mehr böse sein für das, was sie getan hatte.
Er empfand auf einmal zwei völlig fremde Gefühle, die er seit langer Zeit nicht mehr gefühlt hatte: Mitleid und Verständnis.
Er lockerte seinen Griff um ihre Arme und richtete sich wieder auf. Hermine drehte sich zur Seite und kauerte sich zusammen. Eine innere Leere erfasste ihn, als er auf sie hinuntersah. Er brauchte eine Ewigkeit, bis er sich wieder gefangen hatte, und Hermines zitternden Körper schließlich hochhob, um sie zurück ins Haus zu bringen.
Er trug sie diesmal nicht in ihr, sondern in sein Zimmer, wo er sie sachte auf sein Bett legte. Er wollte gehen und warten, bis sie sich wieder beruhigt hatte, doch Hermine ergriff vorsichtig seine Hand und hielt ihn zurück.
„Bitte, gehen Sie nicht weg", flehte sie leise. „Bitte bleiben Sie hier."
„Ms. Granger…"
„Ich kann nicht… allein sein. Bitte."
Er wusste nicht, warum er es tat, aber er gab nach. Er zog seinen Umhang aus und legte sich neben sie. Sie schmiegte sich eng an ihn, fast wie eine Ertrinkende, die sich an ihren Retter klammerte, und war kurz darauf vor Erschöpfung eingeschlafen.
Rabastan betrachtete sie, während sie schlief und strich vorsichtig über ihre Haare. Er hatte nicht gemerkt, dass Narcissa ihnen nach oben gefolgt war. Sie stand in der Tür und beobachtete Rabastan. Dieser wollte sich gerade zurücklehnen und selbst die Augen schließen, als er sie aus dem Augenwinkel heraus bemerkte.
„Narcissa, was machst…"
„Ich habe gesehen, dass ihr reingekommen seid."
Ihr Blick wanderte zu Hermine, die sich eng an Rabastans Brust kuschelte.
„Sie hat dich gern, hab ich Recht? Was auch immer du erreichen wolltest, zumindest das hast du geschafft."
„Ich habe nicht das geschafft, was ich schaffen sollte", seufzte Rabastan. „Der Dunkle Lord macht Druck. Er will Potter, um jeden Preis. Wenn ich es nicht bald schaffe, etwas aus Hermine rauszubekommen, dann… Stattdessen verliebt sich ein 17-jähriges Mädchen in mich."
„Was hat der Dunkle Lord mit ihr vor?", fragte Narcissa. Sie sprachen im Flüsterton, um Hermine nicht aufzuwecken.
„Früher oder später wird er sie töten", sagte Rabastan. Der Gedanke daran bereitete ihm einen fauligen Geschmack im Mund. So ungern er es auch zugab, aber das letzte, was er wollte, war, dass dem Mädchen etwas geschah. Dafür hatte er sie viel zu sehr an sie gewöhnt und hatte ihre gemeinsame Zeit zu sehr genossen.
„Der Dunkle Lord hat keine Spur von Potter?"
Rabastan schüttelte den Kopf. „Ich weiß im Moment nicht mal, wo der Dunkle Lord ist. Er hat uns angewiesen, wenn wir Potter finden, sollen wir ihn rufen. Und dem Jungen darf nichts geschehen, weil er selbst ihn töten muss, das hast du ja bei der Versammlung im Sommer gehört. Alles andere scheint ihn nicht mehr zu interessieren. Er ist im Ausland glaube ich."
Sie nickte zum Zeichen, dass sie verstanden hatte.
„Irgendwie ist das alles merkwürdig. Der Dunkle Lord will einen neuen Zauberstab, weil er mit seinem alten den Jungen nicht töten kann. Das leuchtet ein. Er entführt Ollivander, um von ihm mehr über die Zauberstäbe zu erfahren. Er verschwindet einfach, ohne seine Todesser zu unterrichten, dann kommt Regulus ins Spiel, der irgendwas rausgefunden hat. Dann ist irgendwie noch Gellert Grindelwald in die Sache verwickelt… Ich werde aus all dem einfach nicht schlau."
„Wann willst du denn zum Grimmauld Platz gehen?"
„Yaxley hat mir die Erlaubnis schon zukommen lassen. Also können wir jeden Tag, wann es dir recht ist."
„Gut. Dann sollten wir keine Zeit verlieren. Gehen wir morgen Abend. Hat es ihr draußen eigentlich gefallen?", wollte Narcissa wissen.
„Ja, ich denke schon." Er sah auf ihr tränennasses Gesicht hinunter. „Sie ist ziemlich verzweifelt. Ich weiß nicht, wie lange sie es hier noch durchhält. Sie hat Angst. Sie kann nichts sagen und das wird sie auch nicht tun. Aber sie weiß ganz genau, dass dieses Spielchen hier nicht ewig weitergehen kann."
„Hast du ihr klargemacht, was mit dir passiert, wenn du den Auftrag des Lords nicht erfüllst?", fragte Narcissa. „Wenn sie dich wirklich mag, dann wird sie nicht wollen, dass dir etwas passiert. Sei etwas… strenger mit ihr."
Narcissa hatte Recht. Hermine war genau in der Zwickmühle, die der Dunkle Lord vorhergesagt hatte. Rabastan hatte es geschafft, sie so zu beeinflussen, dass sie Zuneigung und Gefühle für ihn entwickelte. Die drei Freunde waren getrennt, einer sogar ermordet worden. Das Goldene Trio, das sich so erfolgreich dem Dunklen Lord widersetzt hatte, war zerschlagen. Und er hatte Hermine sogar so weit gebracht, über ihre Pläne zu sprechen. Auch wenn es noch nicht viel war, einen Hinweis hatten sie immerhin schon. Der Tod ihres Freundes hatte sie Rabastan weiter in die Arme getrieben. Es brauchte nicht mehr viel und sie war ihm voll ergeben.
Es verlief alles so, wie es geplant war. Er widersprach dem Lord nur in einem Punkt: Das Band zwischen den Freunden war stark und nicht leicht zu kappen, wenn es überhaupt möglich war.
Warum fühlte sich Rabastan nicht gut mit dem, was er erreicht hatte? Es sollte sich um Hermine, um ein einfaches Schlammblut, keinen Deut scheren, er sollte stets die Kontrolle behalten, doch es war anders gekommen. Er spürte zunehmend, wie ihm der Auftrag mehr und mehr entglitt und wie er Mitgefühl für das Mädchen empfand. Trotz der Tatsache, dass sie aus völlig verschiedenen Welten kamen und auf unterschiedlichen Seiten eines Krieges standen, fühlte sich Rabastan ihr näher als jeder anderen Person seit langem.
„Ich werde ihr nicht drohen, Narcissa. Das bringt in der momentanen Situation überhaupt nichts. Sie ist völlig mit den Nerven am Ende. Wenn sie sich dann noch Sorgen um mich macht, dann… bricht sie mir völlig zusammen. Nein, ich werde… einfach selbst ein bisschen… forschen, mal sehen, was dabei herauskommt."
„Wie du meinst. Ich hoffe nur, du weißt, was du tust."
Hermine erwachte zu einem vertrauten und wohligen Gefühl. Sie hatte dicht an Rabastan gepresst mit ihrem Kopf auf seiner Brust geschlafen und ihn mit einem Arm umfasst. Er schlief noch und sie konnte den langsamen, rhythmischen Schlag seines Herzens hören. Er trug diesmal seinen Umhang nicht mehr und zum ersten Mal nahm sie richtig seinen Körper war. Ihre Hand ruhte auf seinem Oberkörper und sie spürte seine schlanke, muskulöse Statur. Sehr zaghaft strichen ihre Finger über seinen Arm. Seine Haut war weicher als sie erwartet hatte.
Als er sich regte, zog sie ihre Hand sofort peinlich berührt zurück.
„Sie sind ja schon wach", raunte Rabastan, seine Stimme heiser vom Schlafen.
Hermine errötete und richtete sich langsam auf.
„Tut mir Leid, was ich… Ich wollte nicht… Ich verliere glaube ich… meinen Verstand…", sagte sie, verzweifelt nach einer Erklärung für ihr Verhalten suchend. Sie konnte sich nicht erklären, was mit ihr geschah.
„Ist schon gut", sagte Rabastan.
„Es tut mir Leid, Sie waren so nett zu mir und haben mich mit nach draußen genommen…"
„Vergessen Sie es einfach, Ms. Granger."
Rabastan setzte sich auf und atmete tief durch. Er massierte sich den Nacken, dann stand er auf und zog sich seinen Umhang über. „Heute Abend werden ich und Narcissa nicht hier sein, also kann ich für ein paar Stunden nicht bei Ihnen sein. Nur Lucius wird im Haus sein, Bellatrix ist nicht hier, also müssen Sie sich um sie keine Sorgen machen, OK?"
„Was haben Sie denn vor? Wenn ich das fragen darf?" Der Gedanke, dass Rabastan außer Haus sein würde, beunruhigte sie. Bislang hatte er sie vor allem beschützt, das ihr irgendwie hätte schaden können. Sogar Bellatrix hatte er von ihr fernhalten können. Wenn er nicht da war, bestand Gefahr für sie.
„Fragen dürfen Sie, allerdings… Es ist etwas Privates und ich kann Ihnen nichts darüber sagen", sagte Rabastan entschieden. „Ich bringe Sie jetzt zurück auf Ihr Zimmer. Dort werden Sie bleiben. Verstanden?"
Das Licht der Straßenlaternen erhellte den kleinen Platz. Travers begrüßte sie, als Rabastan und Narcissa vor dem Grimmauld Platz mit einem leisen Plopp aus dem Nichts erschienen.
„Lange nicht gesehen, Lestrange", sagte er. Er nickte Narcissa höflich zu. „Madame Malfoy."
„Travers", sagte Rabastan. „Wie geht es dir? Du arbeitest wieder im Ministerium, wie ich sehe."
„Ja. In der magischen Strafverfolgung. Die Abteilungen werden allerdings im Moment einigen Neuerungen unterzogen."
Die drei gingen auf die Haustür zu. Ein mächtiger Riegel war davor geschoben, der Besucher ohne Erlaubnis daran hinderte, das Haus zu betreten.
„Ich war ein wenig überrascht als Yaxley mich hierher geschickt hat. Was wollt ihr denn in dem alten Haus? Das ist nichts Interessantes drin, das kann ich versichern. Wir haben es von oben bis unten gründlich auf den Kopf gestellt. Wir wissen nur, dass Potter und seine Freunde einige Zeit lang dort gewohnt haben."
„Ich wollte gern das Haus meiner Tante und meines Onkels besuchen", sagte Narcissa. „Nachdem ich so viele Jahre keine Gelegenheit dazu hatte."
„Verstehe. Ihre Schwester ist nicht hier, Madame?"
„Bellatrix? Nein, sie... ist nicht zugegen, deshalb konnte sie nicht kommen."
„Wie schade, ich wäre ihr gern begegnet. Ich habe sie lange nicht gesprochen und ich hatte keine Gelegenheit, ihr… mein Beileid auszusprechen."
„Ich werde es an sie weitergeben, danke."
Travers zog seinen Zauberstab und fuhr damit über den Barren, der vor die Tür geschoben war. Er glitt langsam zur Seite und ein Klicken ertönte.
„Geht rein, ich warte hier draußen."
„Danke."
Rabastan und Narcissa betraten zögerlich den Flur und schlossen die Tür hinter sich. Sie brauchten ihren Zauberstab, um die Räume zu erleuchten. Überall waren die Spuren der Durchsuchung sichtbar. Möbel waren grob verrückt und Teppiche zurückgeschlagen worden.
„So sieht es hier also aus", meinte Rabastan, der sich interessiert umsah. Er war nur ein einziges Mal hier gewesen und das lag weit mehr als 20 Jahre zurück.
„Es weckt Erinnerungen", murmelte Narcissa gedankenverloren. „Schön mal wieder hier zu sein."
„Du warst doch öfter hier?"
„Ja. Immer wenn wir meine Tante und meinen Onkel und Regulus besucht haben", erklärte sie. „Wir saßen dann entweder dort drüben im Salon oder im Esszimmer. Warte, dort geht es lang."
Sie ging voraus und führte ihn in den geräumigen Salon, der zur Straßenseite hin gewandt war. „Dieselbe Einrichtung wie damals", sagte Narcissa und strich über die Lehne des Sofas.
„Wo hatte Regulus sein Zimmer?", fragte Rabastan.
„Oben. Ganz oben."
Sie sahen sich alle Räume an und arbeiteten sich nach oben durch. Die meisten Zimmer waren uninteressant, nur der Wandteppich mit dem Stammbaum zog ihre Aufmerksamkeit länger auf sich. Rabastan verfolgte nachdenklich die Linien, bis in die jüngsten Generationen. Andromedas Name war nur noch ein Brandloch, ebenso der von Sirius und Nymphadora Tonks, ihrer Nichte.
„Hermine hat mir erzählt, dass Nymphadora ein Kind bekommt", sagte Rabastan tief in Gedanken versunken. „Mit ihrem Werwolf, Remus Lupin."
„Das ist nicht gut, Rabastan", sagte Narcissa traurig. „Ich habe eine Schwester verloren und kann mich über… ihre Familie nicht mal freuen."
„Andromeda hat mir nie die Wahrheit gesagt", sagte Rabastan.
„Rabastan, sie ist nicht deine Tochter. Und außerdem was würde das für eine Rolle spielen?"
„Du hast Recht. Selbst wenn ich ihr Vater wäre, Nymphadora würde mich niemals als Vater akzeptieren. Von daher spielt es wirklich keine Rolle. Aber die Wahrheit tut es dennoch."
Rabastan seufzte und entschied sich besser das Thema zu wechseln.
„Wer ist das?", fragte er und deutete auf ein schwarzes Loch neben Sirius´ und Regulus´ Mutter.
„Das ist Alphard. Er hat Sirius damals in seinem Testament sehr großzügig bedacht, deshalb hat die Familie ihn verstoßen", sagte Narcissa.
„Verstehe. Und wie ich sehe, ist der Stammbaum ziemlich aktuell. Sogar das hat mit einbezogen." Bitterkeit schwang in Rabastans Stimme mit.
Narcissa wollte gerade sagen, dass der Teppich verzaubert war, um von selbst alle Entwicklungen in der Familie zu verzeichnen, bis sie verstand, was Rabastan meinte. Sein Blick war auf den Namen geheftet, der durch eine dünne Linie mit Bellatrix verbunden war. Unter Rodolphus Lestrange war ein Kreuz mit dem Sterbedatum erschienen.
„Tut mir so Leid." Rabastan wandte sich ab.
„Hast du dich schon mal… irgendwann gefragt, Narcissa", sagte Rabastan nachdenklich. „Ob das, was wir tun… ob es das alles wert ist?"
Sie sah ihn voll Unverständnis an. „Wie meinst du das?"
„War es Sirius wert? War es Regulus wert? War es Andromeda wert?"
„Sie haben die Familie verraten, Rabastan! Wie kannst du… Wie kannst du sie in Schutz nehmen?"
„Das tue ich nicht. War es mein Bruder wert? Tut mir Leid, ich weiß nicht, was ich…"
Er ging hinaus und steuerte die Treppe nach oben an. Narcissa folgte ihm besorgt.
Das Haus war in einem heruntergekommenen Zustand, auch wenn man sah, dass bis vor nicht allzu langer Zeit Menschen hier gewohnt hatten. Der Orden hatte versucht, es nach der langen Zeit, in der es leer gestanden hatte, wieder halbwegs bewohnbar zu machen. Im obersten Stockwerk jedoch, wo sich Sirius´ und Regulus´ Zimmer befanden hatte sich offenbar niemand die Mühe gemacht, sauber zu machen. Der Teppich war schmutzig und eine dicke Staubschicht lag auf den Möbeln. Ein Spiegel, der im Flur hing, war milchig vom Schmutz.
Sie warfen nur einen kurzen Blick in Sirius´ Zimmer. Es war in Unordnung, weil jemand es durchsucht hatte. Schubladen waren aus den Schränken gerissen und ihr Inhalt achtlos über den Boden verteilt worden. Als Rabastan die Farben von Gryffindor sah, musste er schmunzeln. Sirius hatte alles Erdenkliche versucht, sich vom Rest der Familie abzuheben. Sogar Muggelbilder hingehen an der Wand.
Regulus war das genaue Gegenteil seines Bruders gewesen. Sein Zimmer erstrahlte in Grün und Silber, den typischen Slytherinfarben. Das Wappen der Familie- Black prangte stolz an der Wand. Im Laufe der Zeit hatte es jedoch seinen Glanz eingebüßt. Staub und Schmutz überdeckten die Farben. An der Tür hing ein Schild, dass sie darauf hinwies, dass sie ohne Regulus´ Erlaubnis keinen Zutritt hatten.
„Ich kann mich erinnern", sagte Narcissa. „Die letzten Monate, bevor er verschwand, war er sehr zurückgezogen. Ich glaube sogar, dass er einen Zauber über die Tür gelegt hat, damit niemand ohne sein Wissen eintreten konnte."
„Wirklich?"
„Ja. Als Bellatrix und ich das letzte Mal hier waren, wollte er gar nicht mehr runterkommen. Er hat sehr viel Zeit allein in seinem Zimmer verbracht. Lucius und ich waren schon lange verheiratet und haben schon einige Zeit in unserem Anwesen gewohnt, da kamen Onkel, Tante und Regulus einmal zu Besuch. Wir haben eine Gesellschaft mit Gästen ausgerichtet und die Familie war natürlich eingeladen. Regulus hat sich bald in unsere Bibliothek verkrochen, wo er alle möglichen Bücher gelesen hat. Ich weiß nicht, was er gesucht hat."
Rabastan sah sich interessiert um und sah in die Schränke und Schubladen. „Wie war er die letzte Zeit vor seinem Verschwinden? Ist dir etwas aufgefallen an ihm?"
„Ja. Wir hatten ja keinen regen Kontakt, weil Tante und Onkel mit Sirius einigen Ärger hatten, aber… Ich kann mich erinnern, dass er sehr still und blass geworden ist. Er hat sich sehr zurückgezogen. Regulus war noch nie ein geselliger Mensch gewesen, aber in diesen letzten Monaten sprach er kaum noch mit irgendjemandem ein Wort. Vermutlich nur mit Kreacher. Er vergrub sich lieber in Büchern. Er lieh sich sogar einige von uns aus, aber brachte sie nicht mehr zurück."
„Was waren das für Bücher?", fragte Rabastan, der sich auf dem Bett niedergelassen hatte.
„Regulus interessierte sich für alles Mögliche. Ich weiß leider nicht, was er sich ausgeliehen hat. Die meisten Bücher stammen aus dem Besitz der Malfoys, also von Lucius´ Eltern, und ich hatte nie Gelegenheit alles durchzusehen."
„Vielleicht sind die Sachen noch hier", murmelte Rabastan abwesend, erhob sich und sah ein zweites Mal in die Schränke und Schubladen. Er fand die alten Schulbücher, alte Kleidung, einen Stapel Quidditchkarten, aber sonst nichts Brauchbares. Das fuchste ihn. Er hatte sich mehr erhofft.
„Das gibt's doch nicht!", knurrte er verärgert, nachdem er eine Schulblade mit Zeitschriften auf dem Boden ausgeleert hatte. „Hier muss es doch irgendwas geben!"
„Rabastan, nach was suchen wir?", fragte Narcissa vorsichtig.
Rabastan stütze sich mit beiden Händen auf einem Schrank ab und atmete tief durch. „Hermine hat gesagt, Regulus hat dasselbe rausgefunden, wie die Kinder. Irgendwoher musste er diese Informationen ja haben. Wenn er so viel in Büchern gelesen hat, vielleicht ist ja noch irgendwas hier… Wo würde jemand mit 19 seine privaten Sachen verstecken, damit niemand sie zufällig entdecken kann?"
Er schritt langsam im Zimmer auf und ab. Narcissa stand hilflos da und wusste nicht, was sie tun sollte. „Rabastan, was… Was erhoffst du dir davon?"
„Ich will wissen, hinter was die Kinder her sind."
Er stemmte die Hände in die Hüften und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Ein paar Mal ruhten seine Augen auf dem Bett.
„Narcissa, hilf mir mal schnell."
Sie schwangen ihre Zauberstäbe und schoben das Bett beiseite. Ein Teppich und ein paar Kisten kamen zum Vorschein, in denen Regulus Fotos seiner Familie aufbewahrt hatte.
„Da ist nichts Rabastan", sagte Narcissa. „Komm, mach dich doch nicht verrückt. Gehen wir wieder."
„Nein, bitte… Noch nicht. Ich weiß, dass hier irgendetwas sein muss."
Er ging in die Knie und fuhr mit seinem Zauberstab gedankenverloren über die Dielen unter dem Bett. Er schlug sogar den Teppich beiseite, doch darunter war nichts Außergewöhnliches. „Das kann nicht sein! Ich hatte so gehofft…"
„Warte mal, Rabastan", sagte Narcissa plötzlich und ging neben ihm in die Hocke. „Du hast doch nach einem Versteck gesucht, wo jemand Privates so aufbewahren kann, dass es niemand findet."
Vorsichtig klopfte sie mit der Faust auf den Boden. Rabastans Augen weiteten sich. „Das klingt hohl!"
„Da ist ein Loch im Brett." Sie deutete auf ein Loch, das man für ein unscheinbares Astloch halten konnte. Rabastan fuhr vorsichtig mit einem Finger hinein und hob die Diele nach oben.
„Ich komm nicht ran." Er zog seinen Zauberstab, zielte unter das Loch und sprach eine Zauberformel, um das Holz aufzubrechen.
Das Dielenbrett gab einen Hohlraum preis, in dem ein ganzer Stapel Bücher und Papiere versteckt geruht hatten. Eine dicke Staubschicht lag auf ihnen, sodass man die Titel nicht mehr erkennen konnte, und Spinnweben zogen sich über sie. Rabastan zerriss sie mit seinem Zauberstab und holte vorsichtig die Bücher heraus. Eine Staubwolke erhob sich in die Luft und sie mussten sich hustend abwenden.
Rabastan legte den Stapel Bücher auf das Bett und sah sie nacheinander durch.
„Alles über schwarze Magie. Du hast nicht untertrieben, als du sagtest, Regulus hätte sich für alles Mögliche interessiert. Vieles von dem ist nicht mal mir bekannt."
„Dieses Buch kenne ich!", sagte Narcissa und deutete auf ein Exemplar mit dem Titel „Alte Flüche". „Da war es also all die Jahre!"
Sie sahen ihren Fund zusammen durch. Rabastan fand ein altes Tagebuch.
„Hier hat Regulus etwas vermerkt", sagte Narcissa und hielt eine Enzyklopädie hoch, in der ein Lesezeichen steckte.
„Hör dir das mal an", sagte Rabastan, der einen Eintrag kurz vor Regulus´ Verschwinden in dem Tagebuch aufgeschlagen hatte. Er las laut vor:
„Ich weiß nicht, wie lange ich das alles noch ertragen soll. So viele Menschen sind gestorben. Jeder Tag ist von Angst begleitet. Ich habe es endlich herausgefunden. Ich bin mir sicher, dass ich hinter sein Geheimnis gekommen bin. Meine Familie ist so stolz auf mich, weil ich für eine gute Sache kämpfe, ich sehe es in ihren Augen. Sie loben mich, weil ich nicht so bin wie Sirius. Ich vermisse meinen Bruder. Manchmal verstehe ich, warum er gegangen ist, warum Andromeda gegangen ist. Ich habe Angst, dass er es weiß.
Ich darf Mutter und Vater nicht enttäuschen. Der Dunkle Lord verlangt so viel von mir. Ich musste einen Verräter zu Tode foltern. Ich habe danach geweint. Ich schäme mich für das, was ich getan habe. Ich kann es nicht mehr. Ich wünsche mir, dass es bald zu Ende geht. Nur Kreacher tröstet mich. Er spricht mir Mut zu. Den brauche ich, damit ich das tun kann, was ich…"
Der Satz endete abrupt, weil die Seite unten abgerissen war. Rabastan hielt inne.
Narcissa sah ihn betroffen an. Sie hatte Tränen in den Augen. „Das hört sich an, als wolle er… Ich… Niemand wusste, dass es ihm so schlecht geht."
„Hermine hat die Wahrheit gesagt", sagte Rabastan ernst. „Regulus hat den Dunklen Lord wirklich verraten. Er hat nicht mehr für unsere Sache gekämpft. Er hat unter dem gelitten, was er tun musste. Es ging ihm sehr schlecht damit, aber aus Rücksicht auf seine Familie hat er es über sich ergehen lassen."
„Was sollen wir mit diesem Wissen anfangen?", fragte Narcissa.
„Ich will mir erstmal ansehen, an was Regulus gearbeitet hat", sagte Rabastan und schlug das Tagebuch zu. „Du musst mir versprechen, dass du niemandem etwas erzählst. Ich will erst sehen, wohin mich das führt, bevor ich den Dunklen Lord einweihe. Wir nehmen alle Sachen mit und dann sehen wir weiter."
Seit ihre Ankunft im Malfoy- Anwesen hatte Hermine nicht mehr so große Angst gehabt. Sie fand in dieser Nacht keinen Schlaf und tigerte unentwegt in ihrem Zimmer auf und ab.
Ab und zu trat sie an die Tür und horchte, ob jemand den Flur entlangschritt und womöglich zu ihrem Zimmer kam, glücklicherweise jedoch blieb alles still. Sie kam sich albern vor, aber Rabastan konnte ihr noch so oft versichern, dass niemand ihr in seiner Abwesenheit etwas tun würde, sie musste trotzdem vorsichtig sein. Sie hatte mitbekommen, dass Bellatrix sehr ungeduldig wurde, weil Rabastan ihr Hermine vorenthielt. Es war seinem Einfluss geschuldet, dass sie nicht schon zu Tode gefoltert worden war. Wenn er nicht da war, hatte Bellatrix die Möglichkeit, die Gelegenheit beim Schopf zu packen.
Sie ließ sich auf ihr Bett fallen und starrte nach oben an die dunkle Decke. Sie fragte sich, was Rabastan und Narcissa Malfoy vorhaben könnten und warum Bellatrix und Lucius nicht beteiligt waren. Zumindest konnte es nichts mit Harry oder jemand anderem aus dem Orden zu tun haben, das war schon mal beruhigend.
Sie drehte sich zur Seite und seufzte. Da spürte sie plötzlich etwas in ihrer Tasche. Als sie verwundert nachsah, merkte sie, dass es der Deluminator war, den ihr Rabastan geschenkt hatte. Sie hatte ihn ja tags zuvor eilig in ihre Tasche gesteckt. Das kleine Licht der Kerze steckte noch darin.
Sie dachte an Ron und ihr Herz krampfte sich regelrecht zusammen. Die Trauer wiegte schwer auf ihr und sie konnte die Tränen nicht zurückhalten, so sehr sie sich auch bemühte, stark zu sein. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich ihre Freunde wiedersehen zu können.
Hermine entschied sich, den gelben Schein zu befreien und zu seiner Quelle zurückkehren zu lassen. Sie ließ den Deluminator klicken und das kleine Licht erschien in der Luft. Doch statt zur abgebrannten Kerze zurückzufliegen, blieb es vor ihr in der Luft stehen. Es strahlte ein helles warmes Licht aus und auf einmal überkam sie ein merkwürdiges Gefühl, fast so als könne sie ihre Freunde durch das Licht spüren und sie wären sich ganz nah.
„Was…?" Als sie es berühren wollte, flog es Richtung Tür.
Misstrauisch folgte Hermine dem kleinen Licht. Es schwebte einfach vor ihr in der Luft, ohne etwas zu tun, als wolle es ihr etwas zeigen. Hermine konnte sich keinen Reim darauf machen. Die Tür war verschlossen, dafür sorgte Rabastan persönlich. Als hätte das Licht ihre Gedanken gelesen, leuchtete es einmal heller auf, so als wolle es sie ermutigen, es zu versuchen.
Langsam drückte Hermine die Türklinke nach unten. Ihr Herz machte einen Hüpfer. Das konnte nicht wahr sein!
Die Klinke gab nach und die Tür ließ sich öffnen. Sie war nicht verschlossen!
Hermine reagierte sofort. Innerhalb von zehn Minuten hatte sie alle ihre Sachen in ihre verzauberte Tasche gesteckt und sich einen groben Plan zurechtgelegt. Das war ihre Chance. Eine Chance, die sich mit Sicherheit kein zweites Mal ergeben würde. Wenn sie sie jetzt nicht ergriff, dann sah sie schwarz, jemals wieder von diesem Ort wegzukommen.
Sie zog sich ihren warmen Reiseumhang über, hängte die Tasche über ihre Schulter und ließ das Licht wieder im Deluminator verschwinden.
„Danke", flüsterte sie, dann trat sie in den Flur hinaus.
Mit pochendem Herzen schlich Hermine die Gänge hinunter. Sie konnte in der Dunkelheit kaum etwas sehen und musste sich an der Wand entlangtasten. Wenn sie ein Gemälde passierte, ging sie in die Knie und kroch unter den Rahmen hindurch, nur um nicht zu riskieren, von einem Portrait gesehen zu werden, dass dann Alarm schlagen könnte.
Sie kannte sich im Haus der Malfoys nicht aus, da alles, was sie bislang vom Haus gesehen hatte, die Kerker und ihr Zimmer gewesen waren. Gestern, als Rabastan sie in sein Zimmer gebracht hatte, war sie so blind vor Tränen gewesen, dass sie nicht wusste, wo er hingegangen war. Aus seinen Erzählungen konnte sie sich nur erschließen, dass sein Zimmer ein Stockwerk unter ihrem lag. Sie war sich sicher, dass ihr Zauberstab in seinem Zimmer war, denn ein paar Mal hatte er im Gespräch fallen lassen, dass er ihn nicht zerstört hatte, sondern aufbewahrte.
Die Treppe war mit einem dicken Teppich ausgelegt, der ihre Schritte dämpfte. Sie hoffte inständig, Lucius Malfoy möge tief schlafen und dass Rabastan und Narcissa nicht so bald zurückkehren würden. Wenn jemand sie erwischte, war alles aus. Sie betete, keinem Hauselfen zu begegnen, der sie verraten könnte.
Rabastans Zimmer zu finden war ein äußerst schwieriges Unterfangen, denn das Anwesen der Malfoys schien zu einem großen Teil nur aus Zimmern zu bestehen. Ein paar Mal öffnete sie die falsche Tür und je länger sich ihre Suche hinzog, desto größer wurde die Panik, die in ihr aufstieg. Je länger sie sich hier aufhielt, desto größer wurde die Gefahr, dass sie entdeckt wurde. Jedes Geräusch ließ sie zusammenzucken. Ihr Herz pochte so laut gegen ihren Brustkorb, dass es sie nicht erstaunt hätte, wenn man es in der Stille des Haues laut gehört hätte.
Endlich nach einer schieren Ewigkeit hatte sie die richtige Tür gewählt. Rabastans Zimmer war größer als das ihre und anders eingerichtet. Er hatte einen großen Schreibtisch und sogar einen Balkon, der über eine große Glastür zu erreichen war.
Auf seinem Tisch stapelten sich Unmengen an Büchern und Aufzeichnungen, darunter auch Rita Kimmkorns Buch „Lebenund Lügen des Albus Dumbledore". Hermine sah kurz auf das Bild des Hogwarts- Schulleiters, wie er mit leeren Augen zu ihr hinaufblickte, dann entschied sie sich kurzerhand, das Buch einzustecken. Es war Diebstahl, das wusste sie und eigentlich war es nicht ihre Art, aber die Dinge, die ihr Rabastan über Dumbledore und Grindelwald erzählt hatte, hatten sie neugierig gemacht und es war die einzige Gelegenheit, das Buch in seiner Gänze zu lesen.
Nachdem sie es eingesteckt hatte, durchsuchte sie eilig, aber so vorsichtig wie möglich die Schreibtischschubladen. Sie wurde tatsächlich fündig. In der dritten Schublade von oben lag, verpackt in eine schmale Schachtel, ihr Zauberstab.
Hermine öffnete die Schachtel aufgeregt. Es war ein großartiges Gefühl, endlich wieder ihren eigenen Zauberstab in der Hand zu halten. Sie fühlte sich gestärkt, unaufhaltbar, nichts schien sie mehr aufhalten zu können. Nur noch wenige Meter trennten sie von der Freiheit und nichts würde sie davon abhalten, endlich von hier zu fliehen.
Die Nacht war kalt und es hatte angefangen zu schneien. Hermine warf noch einen letzten Blick auf das Haus, dann rannte sie den breiten Kiesweg entlang.
Mit einem Schwung ihres Zauberstabes öffnete sie das Tor und schlüpfte eilig hindurch. Sie holte den Deluminator aus ihrer Tasche und ließ ein zweites Mal das Licht frei. Es schwebte erneut vor ihr in der Luft. Hermine konzentrierte sich. Sie stellte sich ihre Freunde vor, rief sich alle Gefühle in Erinnerung, die sie in ihrer Nähe empfand und hoffte, das Licht möge ihr abermals den Weg zeigen.
Das Licht strahlte plötzlich heller und schwebte langsam auf sie zu. Es machte nicht Halt, sondern schien mit ihrem Körper zu verschmelzen. Sie spürte ein warmes Gefühl in der Brust und glaubte, Harrys Stimme hören zu können.
Sie wusste genau, wohin sie gehen musste. Mit einem leisen Plopp verschwand sie.
