Er kannte den Zauber nicht, um die Tür zu öffnen, also blieb Rabastan nichts anderes übrig, als die Tür zum Grimmauld Platz aufzubrechen. Das Schloss war kaputt, aber die Tür blieb zumindest intakt.

Vorsichtig trug er Hermine über die Schwelle nach drinnen. Sie war immer noch nicht wieder zu Bewusstsein gekommen und ihr Kopf ruhte an seiner Schulter.

Er trug sie nach oben zu den Schlafzimmern, zog ihr ihren schmutzigen Umhang aus und legte sie behutsam auf ein Bett. Sie regte sich und öffnete kurz die Augen, aber schien nicht zu begreifen, wo sie war und was geschehen war. Sie fiel wieder in tiefen Schlaf.

Rabastan setzte sich an die Bettkante und beobachtete sie einige Zeit. Ihr Gesicht und ihre Kleidung waren schmutzig, weil sie auf den Boden gestürzt war und auf ihrer Wange hatte sich bereits ein blauer Fleck gebildet; dort, wo Greyback sie geschlagen hatte.

Er entschied, sie schlafen zu lassen, damit sie sich nach den schrecklichen Erlebnissen erholen konnte, und sich erst in ein paar Stunden um ihre Verletzung zu kümmern. Er verfluchte den Werwolf. Er mochte sich nicht ausmalen, was Greyback mit Hermine angestellt hätte, wenn Rabastan nicht dazwischen gegangen war. Er dankte Merlin, dass er sie rechtzeitig gefunden hatte. Nicht auszudenken, was hätte passieren können. Vor sein geistiges Auge schoben sich abscheuliche Bilder, die Übelkeit bei ihm hervorriefen und er schwor sich, Greyback früher oder später dafür bezahlen zu lassen.

Jetzt im Moment jedoch zählte nur, dass es Hermine gut ging.

Er betrachtete ihr Gesicht und strich vorsichtig eine Haarsträhne zur Seite. Sein Blick blieb an ihren Lippen hängen und er musste sich abwenden.

Schließlich verließ er ihr Zimmer, um sich selbst etwas zur Ruhe zu begeben. Erst jetzt merkte er, wie stark ihm Greyback zugesetzt hatte. Sein Brustkorb schmerzte dort, wo der Fluch ihn getroffen hatte. An seinem Oberschenkel befand sich ein oberflächlicher Kratzer, von einem Zauber, der ihn gestreift hatte. Seine Schultern und sein Nacken schmerzten von den Holztrümmern, die auf ihn gestürzt waren.

Erschöpft lehnte er sich im Flur an die Wand und atmete tief durch. Er hatte Greybacks Können offensichtlich unterschätzt. Er hatte sich ausgerechnet, keine Schwierigkeiten mit dem Werwolf zu haben, aber er war eines Besseren belehrt worden. Und ab jetzt hatte er höchstwahrscheinlich die Rache des Werwolfs zu fürchten. Wie er Greyback kannte, würde er die Schmach nicht auf sich sitzen lassen.

Er schleppte sich zur Haustür und versuchte, das Schloss zu reparieren. Danach legte er einen Schutzzauber auf die Tür, sodass niemand unbefugt eindringen konnte. Es war nicht sonderlich professionell und der Zauber war auch nicht besonders stark, aber für den Moment würde er seinen Zweck erfüllen.

Er wollte in eines der Schlafzimmer im obersten Stock schlafen gehen, aber schaffte es nicht mehr die Treppe hinauf. Er zog das Sofa im Salon einem Bett vor. Es dauerte nicht lange und er war in tiefen Schlaf gesunken.


Hermine erwachte irgendwann gegen elf Uhr Vormittag am nächsten Tag völlig verschwitzt und außer Atem aus einem Albtraum. Als sie versuchte aufzustehen, stöhnte sie vor Schmerz auf, weil ihr alles wehtat. Sie war schwindelig und hatte das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen. Dabei protestierte ihr Magen laut vor Hunger und ihre Kehle war ausgetrocknet.

Überrascht stellte sie fest, dass ihr jemand den Umhang ausgezogen hatte und dass sie auch nicht mehr in der einsamen Waldhütte in der Gewalt von Fenrir Greyback war. Sie war irgendwie zum Grimmauld Platz gelangt.

Was war passiert?

Es war anstrengend, sich die Erinnerungen an den gestrigen Tag wieder ins Gedächtnis zu rufen und ihr Bewusstsein wehrte sich vehement dagegen.

Sie hatte schon gedacht, sie müsse sterben. Sie wusste genau, was Greyback mit ihr vorgehabt hatte. Danach hätte er sie mit Sicherheit umgebracht. Es ekelte sie an und sie erschauderte vor Grausen.

Aber dann hatte jemand sie gerettet. Ihre Augen weiteten sich, als sich die Geschehnisse zu einem Bild zusammensetzten. Rabastan war gekommen. Er hatte sich mit Greyback duelliert und war dann mit ihr disappariert. Er hatte sie befreit!

Schwankend erhob sie sich vom Bett und versuchte, zur Tür zu gelangen. Ihre Knie gaben auf halbem Weg nach und sie sank erschöpft auf den Boden. Sie war völlig zittrig und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Sie fühlte sich so hilflos, schwach und ausgeliefert.

Sie hörte Schritte auf der Treppe. Für einen Moment hatte sie Angst, alles könne nur ein Traum sein und gleich würde Fenrir Greyback in der Tür stehen. Die Erinnerung an seinen Blick und sein hämisches Grinsen, als er versucht hatte, sie zu vergewaltigen, hatten sich in ihr geistiges Auge eingebrannt. Verängstigt versuchte sie, wegzukriechen.

„Ms. Granger?", fragte sie Stimme von Rabastan sanft. „Ms. Granger!"

Sie zuckte vor Angst zusammen, erst als er vor in die Hocke ging und sie ansah, erwachte sie aus ihrer Panik.

„Ra- Rabastan?"

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?"

Ein paar Tränen rannen über ihre Wangen. „Greyback hat versucht, mich…"

„Ich weiß, aber jetzt kann Ihnen nichts mehr passieren. Sie sind hier in Sicherheit und Greyback kann Ihnen nichts mehr tun, OK?"

Sie sah wie er aufmunternd lächelte. Seine warmen, braunen Augen gaben ihr das Gefühl, dass wenn sie nur in seiner Nähe war, ihr nichts mehr passieren konnte.

„Haben Sie mich verstanden? Es ist vorbei und Ihnen wird nichts mehr geschehen."

Sie nickte schwach.

„Wollen Sie noch etwas schlafen?"

Sie ließ sich von ihm zum Bett geleiten und legte sich bereitwillig hin. Es fiel ihr schwer, die Augen geöffnet zu lassen, so erschöpft war sie.

„Ich habe ziemlich großen Durst" murmelte sie.

„Ich bringe Ihnen schnell ein Glas Wasser", sagte Rabastan und eilte hinaus. Es dauerte nicht lange und er kehrte zurück. Hermine trank das Glas eiskaltes Wasser auf einmal aus.

„Tut mir Leid, ich… habe auch ziemlich großen Hunger…"

Rabastan lächelte. „Ich kümmere mich darum, aber jetzt ruhen Sie sich noch etwas aus."

Sie nickte und war auch schon wieder eingeschlafen.


Als sie das zweite Mal erwachte, hatte sie der Duft von Haferbrei geweckt. Rabastan hatte eine Schüssel auf einem Tablett neben ihr Bett gestellt. Ohne langes Zögern machte sich Hermine gierig darüber her. Es schmeckte köstlich, aber selbst wenn es nach nichts geschmeckt hätte, wäre es ihr in diesem Moment egal gewesen. Er hatte sogar daran gedacht, dass sie gerne Zimt darauf mochte.

Nachdem ihr Magen gefüllt war, fühlte sie sich viel besser. Sie war klarer im Kopf und konnte endlich vom Bett aufstehen ohne vor Erschöpfung zusammenzusinken.

Langsam verließ sie ihr Zimmer und schritt den Flur hinunter. Sie konnte Geräusche aus einem nahegelegenen Badezimmer hören. Vorsichtig näherte sie sich der offenen Tür und bereute es augenblicklich.

Rabastan stand vor dem Spiegel im Bad, mit dem Rücken zu Hermine. Und er trug keinen Umhang. Sein Oberkörper war nackt. Hermine fühlte, wie ihre Wangen heiß wurden, als sie seine breiten Schultern und seine makellose Haut sah. Die Haut, die so angenehm warm und weich war… Es war fast, als könne sie sie noch unter ihren Fingerspitzen spüren. Das einzig störende an dem Bild waren die zahllosen blauen Flecken, die seine Haut entstellten. Sie mussten von dem Kampf mit Fenrir Greyback stammen.

Hermine schüttelte den Kopf und schalt sich für ihre Gedanken.

„Ah, Ms. Granger, Sie sind wach", sagte Rabastan und Hermine zuckte zusammen. Er hatte sie im Spiegel gesehen. Von dort starrte eine erschrockene Hermine mit hochrotem Gesicht zurück.

„Ähm, ja…", stammelte sie verlegen und wandte ihren Blick ab.

Rabastan untersuchte weiter seine Schultern und heilte seine Verletzungen mit seinem Zauberstab. Er musste grinsen, als er die beschämte Hermine im Spiegel sah.

„Ich wollte Sie nicht…"

„Schon gut", sagte Hermine schnell. Ihre Wangen hatten ein tiefes Rot angenommen und sie wollte der Situation nur entfliehen.

„Wie geht es Ihrem Gesicht?", fragte Rabastan und zog sich an. Auf Hermines Wange hatte sich ein blauer Fleck gebildet.

„Es tut ein bisschen weh, aber… Es geht schon", versicherte sie mit einem gezwungenen Lächeln. Ehrlich gesagt hatte sie sich über ihr Gesicht gar keine Gedanken mehr gemacht. Sie eilte zurück in ihr Zimmer.

Rabastan wartete ein paar Minuten, bis er ihr langsam folgte. Langsam schritt er über die Dielen und blieb im Türrahmen stehen. Zum Glück hatte er sich wieder angezogen, dachte sie und ihre Wangen glühten noch mehr vor Verlegenheit.

Hermine saß auf dem Bett und schien unsicher, was sie tun sollte. Gedankenverloren betrachtete sie ihren Umhang und strich mit den Fingern über die Fasern.

„Ich sehe, Sie haben gegessen", bemerkte Rabastan mit einem Blick auf die leere Schüssel.

„Ja, danke."

„Ich bin kein so guter Koch wie die Hauselfen, aber… Ich hoffe, es hat Ihnen trotzdem geschmeckt."

„Ja, danke, es war sehr gut."

Rabastan nickte. „Ich bin froh, dass… Sie wach sind. Wie geht es Ihnen? Wollen Sie… darüber reden, was passiert ist?"

Sie überlegte kurz, aber schüttelte den Kopf. „Nein, ich möchte nicht reden." Im Moment wollte sie einfach nur vergessen, was passiert war. So kurz danach war sie nicht bereit, über irgendetwas zu reden.

„OK. Das akzeptiere ich."

„Ich glaube, ich… bin in Ordnung", sagte Hermine, um ihn wenigstens ein bisschen zu beruhigen.

„Das freut mich zu hören? Hat Greyback Sie geschlagen?", wollte er wissen und deutete auf ihr Gesicht.

„Ja, aber es ist nicht schlimm."

Die Stelle an ihrem Kiefer war empfindlich und ein wenig geschwollen, aber bereitete fast keine Schmerzen.

„Was ist mit meinen Freunden? Was haben die Greifer mit Harry gemacht?", wollte Hermine wissen.

„Sie haben sie zu uns nach Hause gebracht."

„Und was machen wir hier? Ich meine… Was machen Sie hier mit mir? Haben Sie mich… gerettet?"

„Ja, das habe ich", sagte Rabastan nachdenklich.

„Wie lange sind wir hier? Wie lange habe ich geschlafen?"

„Ungefähr zwei Tage", sagte Rabastan.

„Zwei Tage?!" Sie überlegte kurz. Wenn Rabastan so lange bereits mit ihr hier war…

„Müssen Sie nicht zurück? Sie bekommen doch Ärger?"

„Das hat sich… vermutlich erübrigt", sagte er. „Sehen Sie selbst."

Er setzte sich neben sie auf das Bett und rollte den linken Ärmel seines Umhangs nach oben. Hermine sah das Dunkle Mal, das in seinen Unterarm eingebrannt war, allerdings sah es nicht mehr so aus, wie sie es in Erinnerung hatte. Es war völlig verblasst und nur noch als verschwommener Schatten zu erkennen.

„Was ist passiert? Was bedeutet das?", fragte sie beunruhigt.

„Als Sie geschlafen haben, hat es furchtbar gebrannt. Ich dachte zuerst, der Dunkel Lord würde mich rufen, aber… Es war etwas anderes. Wir stehen jetzt wohl auf derselben Seite wie es aussieht, Ms. Granger, wenn auch aus anderen Gründen."

„Wie meinen Sie das?" Sie verstand nicht, was er sagte.

„Ich habe Potter und Ihren Freunden inklusive dem Zauberstabmacher zur Flucht verholfen. Und dann habe ich Malfoy Manor unerlaubterweise verlassen, um Sie zu suchen. Ich habe ein Schlammblut gerettet. Der Dunkle Lord ist wütend. Sehr wütend. Ich denke, dass ihm Greyback und Bellatrix die Wahrheit gesagt haben werden. Also bin ich jetzt offiziell der abtrünnige Verräter."

Hermines Augen weiteten sich vor Schreck. „Nein! Das… das wollte ich nicht…"

„Machen Sie sich keinen Kopf darüber. Lassen Sie das alles meine Sorge sein. Vielleicht war es ja auch nur eine Frage der Zeit, bis es soweit kommen sollte. Wir sitzen jetzt in einem Boot. Sie werden mich ab jetzt genauso erbarmungslos jagen, wie Sie und Ihren Freund Potter. Und wenn Sie mich finden, werden Sie mich töten, das steht fest."

Hermine schüttelte den Kopf.

„Das heißt, ich habe nicht mehr viel zu tun. Ich kann mich Ihnen genauso gut anschließen", sagte Rabastan. Hermine jedoch war um Worte verlegen. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Damit hätte sie niemals gerechnet. Es war ihre Schuld, dass Rabastan verstoßen worden war.

Er erhob sich.

„Ist Harry in Sicherheit?", fragte sie vorsichtig.

„Ich weiß es nicht. Ich habe sie aus dem Kerker freigelassen. Alles andere mussten sie alleine schaffen. Ich denke, aber… nachdem der Dunkel Lord so wütend war, dass sie tatsächlich entkommen sind. Fragen Sie mich aber bitte nicht, wohin sie appariert sind. Ach ja, das ist… Ihrer, glaube ich." Er zog Hermines Zauberstaub aus seiner Umhangtasche und überreichte in ihr. „Ich habe ihn retten können. Greyback hatte ihn eingesteckt."

Er schritt hinaus. Hermine hielt ihn nicht auf.


Die nächsten Tage krochen unerträglich dahin. Hermine vertrieb sich hauptsächlich die Zeit, indem sie die Bibliothek der Blacks nach etwas brauchbarem zu Lesen durchforstete. Sobald sie aber ein Buch anfing, verlor sie schnell die Lust daran, weil sie mit den Gedanken ganz woanders war.

Sie und Rabastan gingen sich, soweit möglich, aus dem Weg. Zugegeben wollte Rabastan manchmal mit ihr reden und Hermine war es, die vor ihm flüchtete. Sie hatte das Gefühl, sie könne ihm nicht unter die Augen treten, nach dem, was er für sie getan hatte. Er trieb sich oft draußen herum, sagte ihr aber nicht, was er vorhatte. Sie machte sich Sorgen und hatte Angst, er könne nicht mehr zurückkommen.

Sie fühlte sich schuldig, dass Rabastan verstoßen worden war und nicht mehr zurück zu seiner Familie konnte. Und noch größer wurden ihre Schuldgefühle, als er eines Tages mit einem Tagespropheten zurückkehrte. Sein Bild war in der Zeitung und nun war die Jagd auf ihn offiziell eröffnet worden. Wer es schaffte, den Verräter zu schnappen, bekam achttausend Galleonen Belohnung, fast so viel wie auf Harry ausgesetzt war.

Es wurde ausdrücklich angeordnet, ihn lebend auszuliefern, was nur bedeuten konnte, dass der Dunkle Lord persönlich das Urteil an ihm vollstrecken wollte. Es versetzte Hermine einen Stich ins Herz und sie mochte sich gar nicht ausmalen, wie es Rabastan ergehen würde, sollte er wirklich gefasst werden.

Die Abende waren eine seltene Gelegenheit, dass die beiden sich für längere Zeit sehen konnten. Nachdem Kreacher den Grimmauld Platz verlassen hatte und Hermine wollte es nicht riskieren, ihn zu rufen, mussten sie sich notgedrungen in der Küche selbst versorgen. Sie hatte nichts dagegen, aber es bedeute, dass sie Rabastan beim Kochen, Essen und Abwaschen unter die Augen treten musste.

Sie war erstaunt darüber, wie leicht er seine Situation nahm. Er schien weitaus weniger besorgt zu sein, als sie selbst und ließ sich nichts anmerken. Nach außen hin wirkte er kühl und unnahbar wie immer.

Sie hatten ihr Abendessen gerade beendet und Hermine beförderte das gebrauchte Geschirr mit einem Schlenker ihres Zauberstabes zur Spüle, um sauberzumachen. Sie wollte schon den Abwasch erledigen, als Rabastan von hinten nah an sie herantrat und eine Hand auf ihren Unterarm legte. Sie erschrak so sehr, dass sie beinahe das Geschirr hätte fallen lassen. Er zog seine Hand schnell zurück, als er sah, dass sie merklich zusammengezuckt war.

„Verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken."

„Schon gut", sagte Hermine. Sie spürte ihn dicht hinter sich. Nach den letzten Tagen, an denen sie es vermieden hatte, auch nur annähernd in seine Nähe zu kommen, fühlte sie sich ein bisschen unwohl, so zwischen ihm und der Spüle gefangen zu sein. Aber insgeheim wünschte sie sich, er würde sie noch einmal so berühren wie gerade eben. Er tat jedoch nichts dergleichen. Hermine nahm das Geschirr in die Hand.

„Lassen Sie nur, das hat bis Morgen Zeit", sagte Rabastan. „Kommen Sie." Mit einer einladenden Geste deutete er in Richtung Wohnzimmer.

Widerwillig stimmte sie zu und ließ sich von ihm in den Salon führen. Rabastan hatte eine Flasche Rotwein geöffnet und zwei Gläser für sie vorbereitet.

„Setzen wir uns."

Sie nahmen auf dem Sofa Platz und nahmen sich je ein Glas. Hermine hatte noch nie Wein getrunken und sie konnte nicht sagen, ob ihr wohl dabei war, in Rabastans Gegenwart zu trinken. Sie nahm einen Schluck. Der Wein brannte in ihrem Hals, aber sie hieß es willkommen. Der Alkohol schien ihr nach den Tagen der Tristheit endlich wieder Leben einzuhauchen. Die Anspannung zwischen ihnen war nicht zu übersehen. Rabastan schien das genauso zu merken wie sie.

„Sie können mir nicht ewig aus dem Weg gehen, Hermine. Irgendwann müssen wir miteinander reden. Sie waren die letzten Tage sehr still und ich mache mir ein bisschen Sorgen um Sie", sagte Rabastan, nachdem er sein Glas wieder abgestellt hatte.

Hermine tat es ihm gleich. Es war angenehm, neben ihm zu sitzen. Als sie und Harry unterwegs gewesen waren, hatte sie ihn vermisst und sich danach gesehnt wie jetzt neben ihm zu sitzen. Sie merkte, wie ihr Herz begann, schneller zu schlagen und ihr heiß wurde. Verlegen strich sie sich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr.

„Geht es Ihnen etwas besser?"

„Ja, mir geht es gut."

„Vor zwei Tagen habe ich Sie nachts gehört. Hatten Sie… einen Albtraum?"

„Ja, aber es war nicht schlimm", sagte Hermine schnell. „Ich… hab nur von dem geträumt, was passiert ist. Es war nur ein Traum, alles halb so wild."

„Es gibt einen Zauber, um so etwas zu verhindern", sagte Rabastan, aber Hermine wehrte sofort ab, indem sie den Kopf schüttelte.

„Nein, das ist… nicht nötig. Ich brauche einfach nur ein bisschen Zeit, das ist alles."

„OK, schon gut. Aber verraten Sie mir zumindest eines. Ich wollte Sie erst ein bisschen in Ruhe lassen, bis ich mich Ihnen rede. Wie ist das eigentlich passiert? Sie wussten doch, dass es ein Tabu auf den Namen des Dunklen Lords gibt, oder etwa nicht?"

„Ja, natürlich. Wie hätten wir das vergessen können, nachdem, was mit Ron passiert ist. Harry und ich haben uns gestritten und dabei hat er aus Versehen den Namen ausgesprochen. Es war keine Absicht, es ist einfach… im Verlauf des Gesprächs passiert. Und dann ging alles so schnell. Ich kann mich kaum erinnern. Ich weiß nur noch, dass Greyback und seine Greifer in unser Zelt kamen und Harry und ich auf der anderen Seite rausgelaufen sind. Sie haben uns durch den Wald verfolgt und uns schließlich geschnappt. Greyback hat mich dann zu dieser Waldhütte verschleppt."

„Über was haben Sie sich denn so gestritten?", fragte Rabastan, der sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, was die Freunde so gegenüber aufgebracht haben mochte.

Sie wich seinem Blick aus.

„Hermine?"

„Es ging um Sie, Rabastan."

„Um mich?", fragte er verwundert.

Hermine biss sich verlegen auf die Lippen. Als sie nicht antwortete, griff Rabastan sanft unter ihr Kinn und drehte ihren Kopf, sodass sie gezwungen war, ihn anzusehen. Sie waren sich jetzt so nah, dass sie seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte. Hitze stieg in Hermine auf und sie spürte ein Kribbeln in ihrem Bauch.

„Sehen Sie mich an. Was ist passiert?"

Sie hatte den Drang, ihn zu berühren. Sie musste sich nur ein Stück nach vorne beugen, um seine Lippen zu berühren…

Im letzten Moment jedoch schaltete sich ihr Verstand ein und sie löste sich von ihm.

„Es ist nichts", log sie. Sie konnte ihm schlecht sagen, dass ihre Gefühle für ihn den Streit mit Harry ausgelöst hatten. Wahrscheinlich hätte er sie nur ausgelacht. Es war auch zugegeben kindisch.

Rabastan machte den Eindruck, als wolle er widersprechen, er besann sich jedoch.

„Verraten Sie mir wenigstens, was Sie bei Lovegood zu suchen hatten? Oder was die Heiligtümer des Todes sind? Oder wie Sie an das Schwert gekommen sind, obwohl es eigentlich in unserem Verlies liegen sollte? Und… wie weit Sie sind, die Horkruxe zu vernichten?"

Hermines Augen weiteten sich vor Schreck. „Woher wissen Sie das alles?"

„Tja, ich habe… eben ein paar Recherchen angestellt", sagte Rabastan und grinste verschmitzt.

Er erzählte ihr, was er herausgefunden hatte, und Hermine war zugegeben beeindruckt. Das hatte sie nicht erwartet. Und sie wusste auch, dass es an der Zeit war, dass sie ihm endlich die Wahrheit sagte. Nachdem er jetzt zwangsläufig auf ihrer Seite war und sie keine Angst mehr haben musste, dass er sie an Voldemort verriet, konnte Hermine offen sprechen. Die nächste halbe Stunde erzählte sie ihm alles, von dem Erbe, das Dumbledore ihnen hinterlassen hatte, ihrer Mission, die Horkruxe zu vernichten, bis hin zu den letzten Geschehnisse, als sie das Medaillon zerstört und auf die Spur der Heiligtümer des Todes gekommen waren. Auch Regulus´ trauriges Schicksal sparte sie nicht aus.

„Und wir glauben eben, dass… in dem Schnatz der Stein der Auferstehung drin ist. Und dass der Dunkle Lord hinter dem Elderstab her ist. Und ja, gut zu wissen, dass in Ihrem Verlies wirklich ein Horkrux ist."

Rabastan nickte bedächtig. „Das ergibt alles endlich Sinn. Elder ist ja eigentlich das Wort für Holunder. Holunderstäben sagt man nach, dass sie besonders mächtig sind, aber ihrem Träger auch Unglück bringen. Deshalb werden sie seit Jahrhunderten schon nicht mehr hergestellt. Der einzige, der sich nicht daran gehalten hat, war Gregorovitsch. Von daher… Das erklärt natürlich wie er in den Besitz des Heiligtums gekommen ist." Er schüttelte den Kopf. „Am schlimmsten aber ist… die Sache mit dem armen Regulus. Also hatte ich Recht, dass er… Suizid begehen wollte."

„Woher wissen Sie das?"

Rabastan deutete mit dem Finger nach oben zur Decke. „Ich habe sein Zimmer durchsucht und dabei sein Tagebuch gelesen, dem er sein Leid geklagt hat. Er wollte nicht mehr und er konnte nicht mehr. Seine Absicht, den Horkrux zu zerstören, war wahrscheinlich nur Vorwand. Deshalb ist er in das Wasser gegangen."

Hermine nickte zustimmend. „Kennen Sie jemanden mit einer Hirschkuh als Patronus?"

Rabastan dachte darüber schon die ganze Zeit nach. „Die Geschichte ist ziemlich spannend."

Hermine hatte ihm nur den Teil verschwiegen, dass der böse Geist im Horkrux Rabastans Gestalt angenommen hatte.

„Ich kenne niemanden. Die meisten Todesser, die ich kenne, sind nicht in der Lage, einen Patronus heraufzubeschwören. Eine Hirschkuh…" Er schüttelte den Kopf. „Tut mir Leid."

„Mir kam schon mal der Gedanke, dass… es vielleicht Snape sein könnte. Er hat eine Fälschung des Schwertes angefertigt und es in das Verlies Ihrer Familie schicken lassen. Das hat uns das Portrait von Phineas erzählt."

„Das ergibt keinen Sinn. Snape steht auf unserer Seite", sagte Rabastan, obwohl er nicht ganz überzeugt von seinen Worten war. Seine Schwägerin Bellatrix war schon immer misstrauisch gegenüber Snape gewesen. Und so ganz Unrecht hatte sie nicht. Snape war zweifelsohne eine zwielichtige Gestalt, die schwer zu durchschauen war, aber Rabastan konnte sich nicht vorstellen, dass er den Dunklen Lord so hintergehen könnte.

„Ich weiß es nicht, wir dachten ja immer, dass er auf unserer Seite steht", warf Hermine ein. „Harry hat ihm nie vertraut. Er war immer skeptisch und offenbar hatte er dabei Recht."

„Dasselbe kann ich von Bellatrix sagen und auch sie hatte in der Vergangenheit damit Recht. Das ist… fast schon ein bisschen surreal. Wo wir gerade von einem Patronus sprechen… Sie sollten Ihren Freunden Bescheid sagen, dass es Ihnen gut geht. Schicken Sie einen Patronus."

Hermine tat es noch am selben Abend. Und sie überredete Rabastan, seinen Falken zusammen mit ihrem Otter mitzuschicken, damit Harry wusste, dass Rabastan sie gerettet hatte und bei ihr war.

Sie sprachen noch bis spät in die Nacht weiter und leerten die Flasche Wein zusammen. Nach ein paar Gläsern war Hermine benommen und müde und schließlich schlief sie an Rabastans Brust gelehnt ein.


In den Tagen danach war die Situation zwischen ihnen entspannter. Es hatte gut getan, dass sie keine Geheimnisse mehr vor einander hatten und endlich offen miteinander sprechen konnten. Beinahe jeden Abend verbrachten sie zusammen im Salon und unterhielten sich bis spät in die Nacht. Manchmal tanzten sie auch zu Musik aus dem Radio. Hermine merkte erst jetzt richtig, wie sehr sie Rabastan die ganze Zeit über wirklich vermisst hatte. Er war ihr so wichtig geworden, dass sie nicht mehr ohne ihn sein konnte und wollte. Sie genoss es, sich an seine Schulter lehnen zu können, seine Nähe, seine Körperwärme spüren zu können und ihn berühren zu können. Sie hatte das Gefühl, als könne draußen die Welt zugrunde gehen, solange sie nur bei Rabastan war. Alles, was außerhalb des Grimmauld Platz war, schien für die paar Tage, die sie für allein hatten, nicht zu existieren.

Eines Morgens jedoch frühstückte Hermine allein. Rabastan hatte ihr einen Zettel hinterlassen, auf dem stand, dass er draußen war, um einen aktuellen Tagespropheten zu bekommen und vielleicht etwas Näheres zur momentanen Situation in Erfahrung zu bringen.

Sie war nicht einverstanden, dass er sich so oft draußen herumtrieb, denn sie hatte Angst, ihm könnte etwas passieren. Er ließ sie diesmal bis in den Abend hinein warten. Es war fast neun Uhr, als er endlich zurückkehrte.

Hermine saß ungeduldig und wie auf Kohlen in der Bibliothek und sprang aufgeregt auf, als sie die Tür hörte.

„Rabastan!"

Sie fiel ihm vor Freude um den Hals.

„Langsam, nicht so stürmisch", sagte er und strich ihr beruhigend über den Rücken.

„Was ist das?"

Sie fühlte Blut an ihren Händen. Rabastan hatte einen Schnitt an der Seite.

„Mist, die haben mich doch erwischt."

„Wer?"

„Ich bin dummerweise… ein paar Greifern in die Arme gelaufen. Aber alles halb so wild. Es ist noch mal gut gegangen."

„Was?! Ich hab gesagt, es ist gefährlich! Wieso hören Sie nicht auf mich? Wenn die Sie schnappen, dann…"

„Ich weiß, Hermine. Ich werde jetzt nicht mehr rausgehen. Keine Sorge. Ich werde kurz nach oben gehen und die Wunde versorgen. Ich komme sofort wieder."

Er ging die Treppe nach oben ins Badezimmer. Hermine blieb im Flur zurück und wusste nicht, was sie tun sollte. Sie hatten den Drang, ihm nachzugehen, hatte aber gleichzeitig Angst vor dem, was sie sehen würde. Ihn vor ein paar Tagen ohne Umhang zu sehen, hatte ihr zum ersten Mal vor Augen geführt, wie sehr sie sich eigentlich zu ihm hingezogen fühlte. Den körperlichen Aspekt einer Beziehung hatte sie bisher nie wirklich wahrgenommen. Ja, sie hatte Krum geküsst, aber das war etwas völlig anderes gewesen. Sie war jünger gewesen und die Beziehung war nicht in die Tiefe gegangen. Bei Rabastan hingegen… Er war der erste richtige Mann, zu dem sich Hermine hingezogen fühlte und der Bedürfnisse in ihr hervorrief, die sie nicht kannte.

Sie hatte den Fuß auf der untersten Treppenstufe, aber besann sich und ging stattdessen in die Küche.

Rabastan kam nach zehn Minuten wieder herunter, allerdings kam er nicht zu Hermine ins Esszimmer. Verwundert ging sie in den Salon.

„Rabastan?", fragte sie vorsichtig. „Wollen Sie etwas essen? Ich muss es nur warm machen…"

Der Todesser hatte sich auf dem Sofa niedergelassen. Er hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt und den Kopf nach vorne gebeugt. Er sah betrübt aus.

„Danke, aber… ich habe keinen Appetit", sagte er leise.

„Was ist los?", wollte Hermine besorgt wissen.

„Ich bin…" Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen. „Ich habe alles falsch gemacht."

„Was meinen Sie?"

„Die Greifer haben… ein paar Sachen fallenlassen, haben mich verspottet, weil ich ein mieser Verräter bin und… meine Familie… jetzt unter meinem Verrat zu leiden hat. Der Dunkle Lord hat sie schwer bestraft." Er seufzte schwer. „Ich war ein Idiot, das hätte ich mir eigentlich denken können."

„Es tut mir so Leid", sagte Hermine aufrichtig mitfühlend. „Ich wünschte, ich… könnte etwas tun."

Sie trat zögerlich vor ihn.

„Ich bin ein Versager", sagte Rabastan hart. „Ich habe alles verloren, alles weggeworfen, was ich hatte." Er sah auf, ihr direkt ins Gesicht. Er war auf einmal wie ausgewechselt. Die letzten Tage waren so schön und unbeschwert gewesen, aber jetzt hatten die Schrecken draußen es geschafft, ihre Zweisamkeit zu zerstören.

„Und wofür? Dafür, dass ich jetzt mit einem Mädchen hier festsitze. Mit Ihnen, das ist alles wegen Ihnen, Ms. Granger. Vom ersten Tag weg an, seit Sie in mein Leben getreten sind, haben Sie alles auf den Kopf gestellt."

Es erschreckte sie, ihn so hilflos und zerbrechlich zu sehen.

„Es ist alles kaputt, ich habe alles falsch gemacht."

„Sie haben nicht alles falsch gemacht, Rabastan", sagte Hermine leise. „Sie haben mir das Leben gerettet und dafür bin ich Ihnen sehr, sehr dankbar."

Er sah zur Seite, um ihrem Blick auszuweichen. „Ich weiß nicht, warum ich das getan habe. Ich weiß nicht, warum ich mein ganzes Leben weggeworfen habe, um mit Ihnen hier sein zu können. Ich weiß nur, dass sich viel verändert hat. Vieles ist so anders, seit wir uns kennen." Es sah sie wieder an. „Warum habe ich Sie gerettet? Wofür das alles? Können Sie es mir sagen?"

„Ich glaube, ich kann es", raunte Hermine und im nächsten Moment saß sie auf seinem Schoß, drückte ihn nach hinten in die Kissen und küsste ihn leidenschaftlich.