Rabastan wusste nicht, wie ihm geschah. Hermine drängte ihn mit ihrem Gewicht nach hinten, sodass er gegen die Lehne des Sofas gedrückt wurde. Ihre Hände wanderten über seine Brust, ihre Lippen verschlossen seine mit fordernden Küssen.
Er war im ersten Moment zu perplex, um überhaupt reagieren zu können. Es dauerte, bis er langsam auf sie einging und ihre Küsse erwiderte. Er umfasste sie mit seinen Händen, drückte sie näher an sich und fuhr mit seinen Fingern über ihren Rücken in ihre Haare.
Es war so lange her, dass Rabastan zuletzt in den Genuss einer Frau gekommen war. Sein Körper hungerte regelrecht nach ihren Küssen und Berührungen. Gerade als er kurz davor war, sie herumzurollen und Hermine auf das Sofa zu drücken, löste sie sich plötzlich ruckartig von ihm.
Entgeistert stand sie vor ihm und wusste offenbar nicht, was gerade passiert war.
„Was habe ich… getan?", sagte sie mehr zu sich selbst, dann rannte sie hinaus und die Treppe hoch.
Rabastan war wie vor den Kopf gestoßen von ihrem plötzlichen Sinneswandel. Er erhob sich und folgte ihr.
„Hermine!" Er stieg ihr die Treppenstufen hinterher. Sie hatte fast ihr Zimmer erreicht.
„Hermine!"
Er packte sie am Arm und hinderte sie so daran, in ihr Zimmer zu flüchten und die Tür vor ihm zuzuschlagen.
„Bitte", flehte sie. „Lassen Sie mich, es tut mir Leid, ich weiß nicht… was ich da getan habe."
„Hey, ist schon gut", sagte Rabastan einfühlsam. „Sie… Sie haben nichts falsch gemacht."
„Doch, das habe ich", widersprach sie und jetzt rannen Tränen über ihre Wangen. „Doch, das habe ich."
„Wie meinen Sie das?", fragte Rabastan verwirrt.
„Ich habe alles verraten, wofür ich gekämpft habe, Harry, Ron, alle Leute im Orden", sagte sie schluchzend. „Ron ist tot und meine Freundschaft mit Harry ist kaputt. Und wir wissen nicht, wie wir das alles schaffen sollen. Wollen Sie wissen, worüber Harry und ich uns so gestritten haben? Wollen Sie es wirklich wissen?"
Ihr Gesicht war jetzt verweint.
„Es ging um Sie oder nein, eigentlich ging es viel mehr um mich. Und um die Tatsache, dass ich jemanden liebe, den ich nicht lieben darf. Nämlich Sie."
Sie sah ihn aus traurigen Augen an. Rabastan brauchte einen Moment, bis die Bedeutung ihrer Worte richtig zu ihm durchgedrungen war und er konnte sie kaum begreifen. Was er nie für möglich gehalten hätte, war tatsächlich passiert. Während der gemeinsamen Zeit im Malfoy- Haus hatte es Rabastan wirklich geschafft, dass Hermine Gefühle für ihn entwickelt hatte. Und offenbar war die Freundschaft zu Harry Potter dadurch zerbrochen.
Der Dunkle Lord hatte all dies richtig vorausgesagt, Rabastan hatte also eigentlich nicht versagt. Er hatte seinen Auftrag erfüllt. Aber aus seinem Auftrag war so viel mehr geworden. Dinge waren entstanden, die er sich nie erträumt hätte. Hermine hatte für ihn an Bedeutung gewonnen und er hatte den starken Wunsch, für ihr Wohlergehen zu sorgen und sie zu beschützen. Dazu kam das körperliche Verlangen, das er seit einiger Zeit fühlte, wenn er in ihrer Nähe war. Er schämte sich sogar ein wenig dafür. Er schämte sich für das, was er durch Hermine geworden war.
Er betrachtete ihr verweintes Gesicht und es tat ihm weh. Er hatte gar nicht gewusst, dass er zu Mitgefühl, zu Mitleid so in der Lage war. Er entschloss sich, ihr endlich reinen Wein einzuschenken.
„Ich werde Ihnen jetzt auch eine Wahrheit erzählen, Hermine. Letzten Sommer gab mir der Dunkle Lord einen Auftrag. Ich sollte Sie verführen, um einen Keil zwischen Sie und ihre Freunde zu treiben und an Harry Potter heranzukommen."
Ihre Augen weiteten sich vor Schreck. „Ja, so ist es. Ich sollte Ihnen Gefühle vorspielen, damit Sie mir vertrauen."
„Dann waren Sie erfolgreich, herzlichen Glückwunsch", sagte Hermine bitter.
„Nein, war ich nicht. Es ist alles falsch gelaufen. Ich habe… meinen Auftrag nicht erfüllt. Statt mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren, habe ich versagt. Als mir der Dunkle Lord diesen Auftrag gab, wusste ich nicht, wie ich das bewältigen sollte. Und dann kam mir der Zufall zu Hilfe, als sie plötzlich im Malfoy Manor auftauchten. Alles schien nach Plan zu laufen, ich musste nichts tun und Sie wurden mir praktisch auf dem Silbertablett serviert. Aber dann…"
Er sah nach unten und wich ihrem Blick aus. „Am Anfang war es noch der Auftrag, aber mit der Zeit geriet das mehr und mehr in den Hintergrund. Es geriet alles aus dem Ruder. Ich habe in jeder Hinsicht versagt. Sie waren nicht mehr nur ein Mittel zum Zweck, Sie waren plötzlich mehr als das." Seine Stimme war nur noch ein Raunen. „Ich wollte Sie nur vor Schaden bewahren, vor Bellatrix´ Zorn und dem Dunklen Lord. Ich wollte nicht, dass Ihnen etwas geschah. Und wissen Sie, warum?"
Hermine schüttelte kaum merklich den Kopf, ohne den Blick von Rabastan zu nehmen. Er sah jetzt auf und ihre Blicke begegneten sich. „Seit wir uns kennen, hat sich soviel verändert. Sie haben… mich verändert. Es sind Dinge geschehen, mit mir, die ich nicht für möglich gehalten hätte."
„Ich bin doch nur ein Schlammblut für Sie…", warf Hermine ein und ließ traurig den Kopf hängen.
„Nein, Sie sind viel mehr als das. Sie bedeuten etwas. Sie bedeuten mir etwas", sagte Rabastan leise.
Er fuhr vorsichtig mit einer Hand unter ihr Kinn und hob ihren Kopf hoch, sodass sie sich in die Augen sahen. Dann beugte er sich zu ihr hinunter und küsste sie.
Zuerst wich sie vor ihm zurück. Er drängte sie in ihr Zimmer. Er umschloss sie mit seinen Armen und drückte sie näher an sich. Hermine entfuhr ein leises Keuchen und langsam ging sie auf seinen Kuss ein. Es dauerte nicht lange, bis ihre Hände ihm seinen Umhang von den Schultern streiften. Sie stöhnte leise auf, als seine Hände über ihre Taille und ihre Hüften glitten.
Hermines Herz schlug heftig gegen ihren Brustkorb. Sie konnte kaum atmen. Sie spürte ein starkes Kribbeln in ihrem Bauch. Die Küsse mit Rabastan waren mit nichts zu vergleichen, was sie bisher erlebt hatte. Sie spürte auf einmal, wie ein Verlangen in ihr aufstieg, dass sie bisher nicht gekannt hatte. Sie wollte mehr. Sie wollte Rabastan.
Sie ließ sich von ihm zu ihrem Bett leiten. Ihre Küsse wurden heftiger und fordernder. Sie dachte nicht mehr daran, was draußen war, nicht mehr an Harry an Ron, nicht mehr an die Gefahren, die dort lauerten, oder die Mission, die sie zu meistern hatten. Und sie dachte auch nicht an die Folgen ihres Handelns. In diesem Moment zählte nur, dass sie bei Rabastan war.
Nachdenklich stand Harry auf der Veranda von Shell Cottage und blickte auf das Meer hinaus. Eine Brise, die salzige Luft vom Wasser zu ihnen hinübertrug, ließ das Windspiel neben ihm leise erklingen.
In Gedanken war er bei Hermine. Er machte sich immer noch Vorwürfe wegen dem, was passiert war. Durch seine Gedankenlosigkeit hatte er seine beste Freundin in Gefahr gebracht. Das war unverzeihlich. Als die Patroni vor ein paar Tagen zum Haus von Bill und Fleur gekommen waren, war er sehr erleichtert gewesen. Und vor allem war er Rabastan dankbar, dass er Hermine geholfen hatte.
Es war immer noch schwer zu glauben, dass Lestrange, ein Todesser, der zum innersten Kreis um Voldemort gehörte, sie aus dem Kerker befreit hatte. Ohne seine Hilfe, wäre Harry jetzt tot. Und Hermine hätte vermutlich ein schlimmeres Schicksal in den Fängen von Fenrir Greyback ereilt. Harry war immer noch skeptisch, was den Todesser und seinen Sinneswandel anbelangte, aber nichtsdestoweniger war er ihm zu tiefer Dankbarkeit verpflichtet.
Er wusste, dass es allmählich Zeit war. Er zog den Zauberstab, den er im Malfoy- Haus gewonnen hatte. Es war Draco Malfoys Zauberstab, den er ihm zufällig im Kampf abgenommen hatte. Ollivander hatte gesagt, der Stab würde ihm gute Dienste leisten, da er seine Gefolgschaft zu Harry gewechselt hatte.
Die letzten Tage hatte er viel damit geübt und hatte festgestellt, dass der Zauberstab ohne Probleme für ihn arbeitete, besser als Hermines Zauberstab. Er hatte den Patronus zur Nachrichtenübermittlung immer wieder geübt, bis es schließlich geklappt hatte. Jetzt konnte er Hermine endlich ebenfalls eine Nachricht schicken.
Er konzentrierte sich auf den Wunsch, sie wieder in die Arme schließen zu können und im nächsten Moment brach der silberne Hirsch aus seinem Zauberstab hervor. Harry gab ihm nur zwei Worte mit auf den Weg, von denen er wusste, dass Hermine sie verstehen würde: Shell Cottage.
Der Hirsch machte eine Kopfbewegung, als hätte er Harry verstanden und war im nächsten Moment schon in den Himmel hinauf verschwunden.
Ein Sonnenstrahl fiel durch das Fenster herein und weckte Hermine. Sie blinzelte und streckte sich genüsslich. Sie fühlte sich so wohl und entspannt, wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sie hatte letzte Nacht hervorragend geschlafen und war ausgeruht und voller Energie.
Sie schlug die Decke zurück und setzte sich auf. Das helle Licht blendete sie immer noch und sie musste sich schützend eine Hand vor ihr Gesicht halten. Als sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, sah sie, dass es nicht die Sonne war, die sie aufgeweckt hatte, sondern das silberne, strahlende Licht eines Patronus in Hirschgestalt, der neben ihrem Bett stand.
„Rabastan! Wachen Sie bitte auf!" Hermine wollte schon neben sich greifen, um Rabastan an der Schulter zu rütteln, da bemerkte sie, dass die andere Betthälfte leer war. Rabastan war wohl schon aufgestanden.
Der Patronus sprach mit Harrys Stimme: „Shell Cottage", sagte er, dann löste er sich allmählich auf.
Hermine begriff sofort. Harry war zu Bill und Fleur zurück, wo er und Ron bereits nach ihrer Entführung untergekommen waren. Seine Botschaft war zwar kurz, aber eindeutig. Hermine sollte nachkommen. Sie dachte kurz nach, was Harry ihr gesagt hatte, wo Shell Cottage lag, da wurde sie durch Geräusche aus dem Badezimmer nebenan aus ihren Überlegungen gerissen.
Rabastan trat langsam ins Zimmer. Er hatte sich ein Handtuch um seine Hüften geschlungen und trocknete sich gerade die Haare. Hermine erschrak, als sie ihn sah und ihre Wangen wurden augenblicklich heiß, beim Anblick seines schlanken, muskulösen Oberkörpers. Verlegen sah sie zur Seite und zog die Bettdecke etwas weiter über sich.
Letzte Nacht hatte sie nicht genug von seinem Körper bekommen können. Sie erinnerte sich genau an das Gefühl seines Oberkörpers unter ihren Händen und wie sich ihre Finger in seinen Rücken gekrallt hatten. Er hatte etwas in ihr entfacht, von dem sie nicht gedacht hatte, dass es überhaupt existierte. Leidenschaft. Hingabe. Ihr Verstand war einmal nicht Herr der Lage gewesen, sondern sie hatte sich ganz ihren Gefühlen hingegeben. Sie hatte sich völlig fallenlassen und Rabastan hingegeben. Und sie hatte es genossen.
Sie biss sich verlegen auf die Unterlippe. Ein wenig Scham überkam sie, als sie daran dachte, was er in ihr ausgelöst hatte, doch andererseits hätte sie nichts anders machen wollen. Sie bereute nicht, mit ihm geschlafen zu haben. Sie hatte es gewollt und ein schöneres erstes Mal hätte es für sie nicht geben können.
„Guten Morgen", raunte Rabastan mit heiserer Stimme. „Gut geschlafen?"
Hermine nickte.
„Ich dachte, meinen Namen gehört zu haben…"
„Ja. Ich dachte natürlich,…" Hermine zögerte für einen Moment. Bislang hatten sie immer mit höflicher Distanz miteinander gesprochen, doch nachdem ihre Beziehung jetzt weit darüber hinaus ging und sie sogar die intimsten Momente miteinander geteilt hatten, entschied sich Hermine, dass es Zeit war, das höfliche Sie abzulegen.
„Ich dachte, du liegst neben mir. Harry hat mir einen Patronus geschickt."
Rabastans Miene hellte sich auf. „Dann hat er also geantwortet?"
„Ja, sie sind in Shell Cottage."
„Shell Cottage? Wo ist das?"
„Dort wohnen Bill und Fleur, das Paar von der Hochzeit. Nach meiner Entführung waren Harry und… Ron einige Zeit dort. Sie sind wohl dorthin zurückgekehrt."
„Willst du… auch dorthin?"
Hermine nickte. „Ich will zu meinen Freunden."
„Verstehe." Rabastan wirkte plötzlich enttäuscht. Er wandte sich um und kehrte ins Bad zurück.
„Rabastan, warte!"
Er blieb im Türrahmen stehen, aber drehte sich nicht um.
„Was ist denn jetzt los?"
„Wenn Sie… Ich meine, wenn du zu deinen Freunden zurückgehst, dann… dann müssen wir uns wohl trennen. Denn es ist wohl nicht gut, wenn ich als… Todesser dort auftauche. Die werden mich nicht gerade mit offenen Armen empfangen."
„Nein, das ist doch Unsinn!", widersprach Hermine sofort vehement. Panik überkam sie bei dem Gedanken, Rabastan könne sie allein lassen. „Du sollst mitkommen! Nein, du musst mitkommen! Ich will nicht, dass du allein da draußen bist!"
„Das ist nett von dir gemeint", sagte Rabastan ernst. „Aber ich kann nicht…"
„Doch du kannst!", unterbrach Hermine ihn energisch. Sie wickelte sich das Betttuch um ihren Körper, stand auf und umarmte Rabastan. „Du wirst mitkommen! Ich… ich lass dich nicht gehen."
„Hermine…"
„Wir werden sie überzeugen, dass du… die Seiten gewechselt hast. Harry weiß ja, dass du mich gerettet hast. Dann müssen sie uns einfach glauben, dass du gut bist."
Rabastan seufzte leise. Er wusste, dass er mit Hermine nicht würde diskutieren können. Und leider musste er zugeben, dass sie Recht hatte. Wo sollte er hin? Er hatte keinen Ort mehr zu dem er gehen konnte, denn er war nirgendwo mehr willkommen. Also konnte er genauso gut bei Hermine bleiben und sich „ihren Leuten" anschließen. Ob er die Seiten gewechselt hatte, konnte er selbst nicht mit Sicherheit sagen.
„Also gut, ich werde mitkommen", sagte er schließlich.
„Danke. Wir kriegen das alles hin. Wir werden Bill und Fleur überzeugen."
Seit Harry den Patronus losgeschickt hatte, wartete er ungeduldig auf ein Zeichen von Hermine. Hatte sie den Patronus erhalten? Hatte sein Zauber funktioniert? Diese Fragen stellte er sich pausenlos, während er auf der Veranda stand und in die Ferne blickte, immer darauf wartend, Hermines Otter mit einer Antwort zu sehen oder sie selbst, wie sie den Strand entlang auf das Haus zukam.
Er bemerkte nicht, wie Bill neben ihn trat.
„Sie wird kommen, Harry, mach dir keine Sorgen", sagte er zuversichtlich.
„Das hoffe ich", meinte Harry nur und sah geistesabwesend in die Ferne zu den sandigen Hügeln.
„Um Hermine mache ich mir ehrlich gesagt weniger Gedanken", sagte Bill ernst. „Was ist mit diesem Lestrange? Er ist bei Hermine, oder?"
„Er hat uns gerettet", ertönte Lunas Stimme hinter ihnen. „Ohne ihn und seine Hilfe hätten wir nicht aus dem Kerker entkommen können."
„Das stimmt und er hat Hermine gerettet, Bill", sagte Harry. „Ich kann mich auch nicht wirklich damit anfreunden, aber… Es ist so. Er und Hermine… da ist irgendetwas."
„Ist Hermine irgendwie… in ihn verliebt, oder sowas? Sie sollte vorsichtig sein… Sie weiß wohl nicht, wer Lestrange ist…"
„Das habe ich ihr auch gesagt, aber..."
„Ich finde, das passt sogar irgendwie", meinte Luna mit einem Lächeln, so als ginge es um irgendeinen Schuldfreund und nicht um einen Todesser.
Harry erwiderte nichts. Er seufzte nur und wandte seinen Blick wieder hinaus, um den Strand zu beobachten.
Eine salzige Brise wehte Hermine durch die Haare, als sie und Rabastan am Meer auf einem weißen Sandstrand erschienen. Weit und breit waren nur die sanften Hügel und der weite Ozean zu sehen.
„Hier muss es irgendwo sein", sagte sie und sah sich um. „Auf dem Haus liegt der Fidelius- Zauber, deshalb weiß ich nicht genau, wo es ist. Ich denke aber, wenn wir in die Schutzzauber eindringen, dann werden sie uns bemerken."
Rabastan sagte nichts. Er hielt sich bereits die ganze Zeit über zurück. Er hielt es nach wie vor nicht für eine gute Idee, hierher zu kommen und hatte es auch nur Hermine zuliebe getan. Er folgte ihr als sie zielstrebig voraus über den Strand ging. Es dauerte nicht lange und eine Gruppe Menschen kam ihnen entgegen. Sie hatten ihre Zauberstäbe erhoben. Als sie die beiden Neuankömmlinge sahen, verlangsamten sich ihre Schritte.
„Hermine!"
„Harry! Ich bin so froh, dich zu sehen!"
Die beiden Freunde liefen und fielen sich gegenseitig in die Arme.
„Und ich erst. Geht es dir gut?! Hermine, es tut mir so Leid. Hat Greyback dir was getan?"
„Nein, es ist alles OK. Mir ist nichts passiert. Das verdanke ich Rabastan."
Es tat gut, Harry wiederzusehen und zu wissen, dass er in Ordnung war. Hermine hatte sich die schlimmsten Dinge ausgemalt, als die Greifer sie geschnappt hatten und sie getrennt worden waren.
„Hermine!"
„Luna? Was machst du denn hier?"
„Luna war auch im Malfoy- Haus gefangen. Sie ist mit uns geflohen."
„Verstehe. Schön dich zu sehen."
„Ist… Rabastan Lestrange auch hier?", wollte Harry wissen, doch Bill und Fleur, die sich beide mit angespannten Gesichtern und erhobenen Zauberstäben näherten, beantworteten seine Frage sofort.
Lestrange stand einige Meter entfernt von ihnen und er hob beschwichtigend die Hände, um zu zeigen, dass er keine Gefahr darstellen würde.
„Keine krummen Dinger!", warnte Bill.
Hermine löste sich von Harry und stellte sich schützend vor Rabastan.
„Wartet! Rabastan ist nicht böse! Er hat mich gerettet! Er ist auf unserer Seite!"
„Das fällt mir schwer zu glauben", sagte Bill und jeder wusste, was er meinte. Rabastan Lestrange galt als einer der treuesten Anhänger des Dunklen Lord und er war für seine Taten berüchtigt. Misstrauen und Skepsis ihm gegenüber waren also verständlich.
„Bitte, Bill, Fleur, gehen wir erst mal rein, dann erklären wir euch alles, OK?", bat Hermine flehend.
„Bill, isch bin nischt einverstanden damit, einen Todesser bei uns im ´aus zu ´aben", flüsterte Fleur.
„Rabastan wird euch nichts tun", versicherte Hermine. „Er ist nicht böse!"
„Schon gut, Hermine", sagte Rabastan. Er zog seinen Zauberstab aus seinem Umhang. Bill und Fleur musterten ihn argwöhnisch. „Ich gebe ihn vorerst in eure Hände, damit ihr seht, dass ich… keine krummen Dinger mache. Einverstanden?"
Er reichte Bill seinen Zauberstab, der ihn mit einem Nicken einsteckte. „Das ist akzeptabel. Ich denke, es gibt einiges zu klären. Also…"
Rabastan fiel auf, dass er überaus misstrauisch beäugt wurde, vor allem von Fleur Weasley, die mehrmals ihr Missfallen über die Gäste im Haus äußerte. Ihr Ärger galt vor allem einem Kobold namens Griphook, der ebenfalls im Malfoy Manor gefangen gewesen war und mit Harry und den anderen geflohen war. Ein Todesser noch dazu verbesserte ihre Laune natürlich nicht.
Zuerst erzählte Harry, was seit der Trennung der Freunde passiert war, dann berichtete Hermine. Sie verteidigte Rabastan, betonte immer wieder, dass er sie gerettet hatte und dass er nicht böse war. Dass er die Seiten gewechselt hätte. Als Beweis verwies sie auf den Tagespropheten und das Kopfgeld, das auf ihn ausgesetzt war und ließ ihn Bill und Fleur das Dunkle Mal zeigen, das verblasst war.
Sie tat alles, um seine Person in gutem Licht darzustellen. Rabastan fühlte sich geschmeichelt, dass sie ihn so sehr verteidigte. Andererseits erschreckte es ihn, dass sie ihm so blind vertraute. Er verstand, dass er ihr sehr viel bedeutete. Die Gefühle ließen sie über Dinge hinwegsehen, über die man eigentlich nicht hinwegsehen konnte. Rabastan war immer noch ein Todesser und seine Taten konnte er nicht rückgängig machen. Er war immer noch ein Reinblüter, der damit aufgewachsen war, dass Menschen wie Hermine keinen Wert besaßen.
Er war selbst so hin und her gerissen zwischen beiden Welten, dass er nicht mehr wusste, wer oder war oder sein sollte. Sich für Hermine zu entscheiden, bedeutete sein Todesurteil und seine Familie zu verlassen. Sich gegen Hermine zu entschieden, bedeutete ihr Todesurteil und sie nie wieder zu sehen. Er wollte weder das eine noch das andere. Er wusste nicht, wie er zu Hermine stehen sollte. Er war gern mit ihr zusammen, er fühlte sich zu ihr emotional und körperlich hingezogen, er wollte Hermine in seinem Leben nicht mehr missen. Andererseits wollte er seine Familie nicht verlassen. Narcissa, Lucius, Draco, ja selbst Bellatrix nie wieder zu sehen, schmerzte ihn. Es gab keinen Ausweg aus seinem Dilemma, nur den Tod.
„Dann waren wir die letzten Tage am Grimmauld Platz", beendete Hermine ihre Erzählung. „Und jetzt sind wir hier."
Bill Weasley nickte. „So ist das also." Er betrachtete Rabastan eingehend. „Ich habe kürzlich gehört, dass ein Todesser abtrünnig geworden sein soll, aber ich hätte mir niemals träumen lassen, dass es ausgerechnet Rabastan Lestrange sein würde. Ich hielt das für… Gerüchte, aber…"
„Was ´aben Sie denn jetzt vor?", fragte Fleur. „Sie ´aben doch nischt etwa vor, ´ier zu bleiben?"
„Es tut mir Leid, dass ich Ihnen beiden diese Umstände bereiten muss. Seien Sie versichert, dass ich wegen Hermine hier bin. Ich werde Ihre Gastfreundschaft nicht lange in Anspruch nehmen."
„Das ´offe ich", sagte sie und verheimlichte ihre Abneigung gegenüber dem Todesser nicht.
„Sag mal, Harry, wenn Dobby euch gerettet hat, wo ist er denn jetzt?", wollte Hermine wissen.
Das Gesicht des Potter- Jungen zeigte zuerst Zorn, dann Trauer.
„Hermine, Dobby ist tot", sagte er schließlich. Es fiel ihm sichtlich schwer, die Worte auszusprechen.
„Was?! Nein! Wie ist das passiert!"
Harry warf Rabastan einen kurzen Blick zu. „Bellatrix hat ihn getötet. Mit ihrem Messer. Dobby hat uns hierherappariert, er hat uns geholfen aus dem Haus der Malfoys zu fliehen, aber… Bellatrix hat ein Messer nach ihm geworfen. Es hat ihn… genau in die Brust getroffen. Wir haben ihn auf dem Hügel beerdigt. Du kannst hingehen, Hermine, wenn du möchtest. Luna hat auch schon Blumen hingelegt."
„Ja, das werde ich machen", sagte Hermine mit Tränen in den Augen. Rabastan hegte insgeheim Bewunderung für sie, wie sie wegen einem Hauselfen so besorgt und traurig sein konnte. In der Welt, in der Rabastan aufgewachsen war, hatte man für Hauselfen keine Gefühle. Sie waren einfach da und dienten den Zaubererfamilien. Sollte einer von ihnen versterben, würde an seine Stelle einfach ein anderer treten. So war es immer gewesen. Rabastan hatte diese Sichtweise durch Kreacher und Regulus und auch durch Hermine in gewisser Weise revidieren müssen.
„Das werde ich auf jeden Fall machen", raunte sie betrübt über den Verlust des Hauselfen. Dann wandte sie sich an ihre Gastgeber. „Bill, Fleur, bitte gebt uns ein paar Tage, bis wir wissen, wie es weitergehen soll. Wir werden versuchen, euch möglichst wenig zur Last zu fallen. Aber wir brauchen ein bisschen Zeit. Seid ihr einverstanden?"
Bill seufzte, aber schließlich willigte das junge Paar ein.
Harry und Hermine zogen sich oft zusammen in ein Zimmer zurück, wo sie sich über ihre Mission berieten, wie Rabastan genau wusste. Manchmal warf Potter ihm einen nachdenklichen Blick zu, so als ob er überlege, Rabastan in ihre Pläne mit einzubeziehen und Rabastan wusste auch, warum. Hermine hatte ihm gesagt, dass im Verlies seiner Familie ein Horkrux war. Früher oder später würden sie auf ihn zukommen und Rabastan musste sich entscheiden, wie es in Zukunft mit ihm weitergehen sollte.
Bis es soweit war, verbrachten Rabastan und Hermine ihre freie Zeit am Strand, wo er sie in die Kunst des Duellierens einführte. Er stellte fest, dass Hermine talentiert war und bereits viele Zauber kannte und effektiv nutzen konnte. Was ihr fehlte, waren Übung und die letzten Feinheiten, außerdem war ihre Verteidigung eher dürftig, sodass sie an ihrer Deckung arbeiten mussten.
Rabastan natürlich hatte als Todesser viel Erfahrung auf dem Schlachtfeld, die er an Hermine weitergeben konnte. Sie war eine willige Schülerin und in den wenigen Tagen, die sie zur Verfügung hatten, machte sie bereits gute Fortschritte.
Nachts teilten sie sich zusammen ein Zimmer, um beim anderen sein zu können.
Es war ausgelassen zwischen ihnen und Rabastan hatte nach langer Zeit wieder Grund zum Lachen. Und dieser Grund war Hermine.
Harry beobachtete aufmerksam, was zwischen dem Todesser und Hermine vor sich ging. Er hatte Bedenken wegen Rabastan Lestrange. Auch wenn er sah, wie fröhlich Hermine in seiner Nähe war, konnte er doch seine Zweifel nicht beiseiteschieben.
Hermine hatte Harry gefragt, ob er an ihrem Training teilhaben wollte, doch Harry hatte dankend abgelehnt. Stattdessen stand er auf der Veranda und sah zu, wie Rabastan Hermine unterrichtete. Er musste zugeben, dass der Todesser ein sehr guter Duellant war. Von vielen Zaubern, die er Hermine zeigte, hatte Harry noch nie gehört. Er konnte sich glücklich schätzen, dass er noch nie wirklich einem Todesser im Kampf gegenübergestanden hatte, denn vermutlich hätte er keine Chance gehabt. Rabastan Lestrange wäre er hoffnungslos unterlegen.
Bei ihrem Kampf im Ministerium vor einigen Jahren hatten sie viel Glück gehabt. Die Tatsache, dass die Todesser die Prophezeiung unbeschadet hatten bekommen wollen, hatte Harry und seinen Freunden das Leben gerettet.
„Ich finde, die beiden ergeben ein gutes Bild", meinte Luna, die hinter ihm auf die Veranda trat. Der Wind ließ das Windspiel, das neben der Verandatür hing, erklingen. „Ich denke, die beiden haben sich gefunden."
Mit diesem Gedanken konnte sich Harry nicht anfreunden, doch wer Rabastan und Hermine zusammen sah, konnte nicht leugnen, dass zwischen ihnen ein besonderes Band bestand. Mochten sie auch noch so verschieden sein. Auch wenn es schwer zu begreifen war, warum es war, so war es doch nicht zu leugnen, dass Rabastan Hermine guttat. Der Todesser schien ihr nach Rons Tod wieder neuen Lebensmut gegeben zu haben. Es freute Harry, sie wieder fröhlich und lachend zu sehen. Und es war ebenfalls nicht zu übersehen, dass sich Rabastan Lestrange durch Hermine geändert hatte.
„Sie sieht glücklich aus", bemerkte Luna.
„Ja, es sieht wohl so aus", sagte Harry, der gerade mit Missfallen beobachtete, wie Rabastan dicht hinter Hermine trat und sie am Arm fasste, um ihre Haltung beim Ausführen eines Zaubers zu korrigieren. Es gefiel ihm nicht, wie Rabastans Hand über Hermines Unterarm strich und welchen Blick ihm Hermine dabei zuwarf. Er mochte sich nicht vorstellen, was wohl zwischen den beiden passiert war, als sie allein am Grimmauld Platz gewesen waren.
„Ich reise bald ab", sagte Luna.
„Das ist schade", meinte Harry mit Bedauern. „Gehst du nach Hause zurück? Ist dein Dad in Ordnung?"
„Ja, es geht ihm gut. Unser Haus wird bald wieder aufgebaut sein. Bis dahin sind wir bei meinen Großeltern. Ich gehe auch bald wieder nach Hogwarts zurück."
Dean war bereits vor einer Woche aufgebrochen, auch Ollivander war schon abgereist. Nachdem es feststand, dass Voldemort auf den Elderstab aus war, hatte Harry den Zauberstabmacher dazu befragt. Leider hatte er enttäuschend feststellen müssen, dass Ollivander die alte Legende nicht kannte.
Harry hatte immer noch Probleme die Bilder aus dem Kopf zu bekommen, die sich förmlich in sein Gehirn eingebrannt hatten. Voldemort war auf dieselbe Spur gekommen, wie er und Hermine, nämlich dass Grindelwald den Elderstab in seiner Jugend gestohlen hatte. Voldemort war daraufhin nach Osteuropa gereist, um Grindelwald in Nurmengard aufzusuchen. Als er hatte, was er wollte, hatte er den alten, gebrechlichen Mann umgebracht. Von da an war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Voldemort sich den Elderstab aus Dumbledores Grab holen würde. Harry kam bei diesem Gedanken und die scheußliche Tat, die damit verbunden war, die Galle hoch und sein Wunsch Voldemort ein für alle Mal zu vernichten, wuchs nur noch mehr.
In ihrer momentanen Situation, ein unerreichbarer Horkrux in Gringotts, Voldemort in Besitz des Elderstabes, seine beste Freundin, die er wie eine Schwester liebte, mit einem Todesser verbandelt, war seine Laune nicht gerade auf dem Höhepunkt.
Sie waren ungefähr eine Woche bei Bill und Fleur, als es zumindest eine gute Nachricht gab. Eines Abends, als sie beim Abendessen saßen, bekamen sie unerwartet Besuch von Remus Lupin.
Er sah etwas mitgenommen und müde aus, war aber sonst wohlauf. Sie verloren nicht viele Worte, als er stolz verkündete:
„Es ist ein Junge! Dora hat das Kind bekommen! Und es ist ein Junge!"
„Das ist toll!", sagte Hermine, die sich als Erste wieder gefangen hatte. „Herzlichen Glückwunsch!"
„Ja, herzlichen Glückwunsch!", sagte auch Harry.
„Darauf sollten wir anstoßen", meinte Bill und Fleur war schon in die Küche geeilt, um eine Flasche Feuerwhiskey und Gläser zu holen. Sie kehrte bald zurück und schenkte ihnen allen reihum ein.
„Wir haben ihn Ted genannt, nach Doras Vater", erklärte Lupin überschwänglich.
„Wem sieht er ähnlisch?", fragte Fleur, während sie die Gläser verteilte.
„Er kommt ganz nach der Mutter. Er verändert jetzt schon seine Haarfarbe!"
„Das ist toll", sagte Harry. „Es war… nicht ganz fair von mir, was ich am Grimmauld Platz zu dir gesagt habe, das tut mir Leid."
„Ach, das ist vergessen, Harry", sagte Lupin. „Das zählt nicht mehr. Auf den kleinen Teddy!" Sie stießen mit klirrenden Gläsern an und tranken.
„Glückwunsch, auch von mir", sagte plötzlich eine Stimme von der Treppe. Rabastan kam die Stufen herunter und trat langsam in die Küche, wo sie alle versammelt waren.
Als Lupin ihn sah, verdüsterte sich sein Gesichtsausdruck sofort und er zog seinen Zauberstab. „Lestrange! Was zum Henker macht der hier?!"
Rabastan hatte nur ein Grinsen für den Werwolf übrig, als dieser ihn mit erhobenem Zauberstab bedrohte. Lässig lehnte sich Rabastan an den Türrahmen.
„Nein!", rief Hermine und stellte sich zwischen die beiden.
„Remus, Rabastan ist nicht böse!"
Lupin sah Hermine entgeistert an. „Hermine, weißt du, wer dieser Mann ist?! Was er getan hat?! Er ist ein Todesser! Was hat er hier zu suchen?!"
„Rabastan ist kein Todesser mehr!", versuchte sie verzweifelt zu erklären. „Er ist jetzt auf unserer Seite und wir…"
Sie trat neben ihn und nahm seine Hand in die ihre. „Wir beide sind… sozusagen… zusammen."
„Wie bitte?!", fragte Lupin fassungslos. „Hermine, das…"
„Remus", sagte Harry. „Ich hab es am Anfang auch nicht verstanden, aber… Rabastan Lestrange hat Hermine das Leben gerettet."
„Wie das?"
„Fenrir Greyback hatte sie in seiner Gewalt und Lestrange hat sie befreit. Er hat sich Du-weißt-schon-wem widersetzt und ist jetzt ein Ausgestoßener. Hast du den Tagespropheten nicht gelesen?"
Lupin verneinte. „Wir bekommen ihn nicht mehr und in der letzten Zeit waren wir anderweitig beschäftigt."
„Da stand es drin", sagte Hermine. „Auf Rabastan ist ein hohes Kopfgeld ausgesetzt. Er soll lebend an Du-weißt-schon-wen ausgeliefert werden. Er ist ein Verräter für die, deswegen ist er jetzt bei uns."
Lupin musterte Rabastan von oben bis unten. Sein Gesichtsausdruck sagte deutlich, dass er dieser Geschichte nicht traute und misstrauisch war.
„Rabastan zeig es ihm", bat Hermine. „Das Dunkle Mal, dann sieht er es!"
Rabastan seufzte, dann stimmte er widerwillig zu und rollte seinen Ärmel nach oben, damit Lupin sich selbst von der Geschichte überzeugen konnte. Remus blickte einige Augenblicke stumm auf das verblasste Tattoo, dann musterte er Rabastan eindringlich.
„Ich verstehe", sagte er schließlich, doch noch immer klangen Skepsis und Unmut in seiner Stimme mit. Er warf Hermine einen Blick zu, die immer noch neben Rabastan stand und dessen Hand hielt. Dann wandte er sich an Harry.
„Glaubst du ihm? Oder anders gefragt, traust du ihm?"
Harry lachte kurz auf. „Ehrlich gesagt, nein. Besser gesagt, ich weiß nicht, was ich noch glauben soll. Ich weiß aber nur eins: Hermine vertraut Rabastan und ich vertraue Hermine."
Lupin nickte. „Also gut, dann muss ich mich mit dieser Erklärung wohl zufriedengeben."
„Ich verfolge keine bösen Absichten", sagte Rabastan langsam. „Ich habe eine Entscheidung getroffen. Der Entschluss, Hermine zu retten, hat mein Schicksal besiegelt. Ich kann nicht mehr zurück. Ich habe meine Familie, alles verloren, auf mich steht ein Todesurteil. Ihr müsst mir nicht vertrauen, aber seid versichert, dass ich alles tun werde, um Hermine zu beschützen."
Stille trat in der Küche ein.
„Also, noch einmal Glückwunsch", sagte Rabastan schließlich. „Und… Willkommen in der Familie würde ich sagen, denn immerhin sind wir jetzt durch Verwandtschaft verbunden, wenn auch entfernt. Du weißt ja, dass deine Frau meine… meine Nichte ist."
„Zweifelhafte Verwandtschaft, sollte ich doch meinen. Ich nehme mal an, so willkommen in eurer Familie bin ich vermutlich nicht", sagte Lupin verbittert.
„Bellatrix solltet ihr nicht über den Weg laufen, das ist wohl wahr. Sie hat Rache geschworen, also solltet ihr euch ein wenig… bedeckt halten."
„Danke für den Ratschlag", sagte Lupin, aber es klang überhaupt nicht nach Dankbarkeit. „Vielleicht sollte… ich dann gehen. Die warten bestimmt schon auf mich."
„Nein, bleib doch bitte noch!", sagte Bill. „Du musst die Situation entschuldigen, es ist… alles ein wenig… kompliziert."
„Genau deswegen möchte ich nicht unnötig Aufsehen erregen und alles noch mehr aufwühlen", sagte Lupin, nahm seinen Reiseumhang und steuerte die Haustür an, nachdem er sein Glas auf dem Tisch abgestellt hatte.
„Warte mal", sagte Rabastan.
Lupin hielt auf der Schwelle der Tür inne, aber drehte sich nicht um.
„Richte deiner Frau und Andromeda bitte einen Gruß von mir aus."
„In Ordnung, ich werde es weitergeben. Lebt wohl."
Harry hatte das Gespräch hinausgeschoben, aber er wusste, dass er das nicht ewig konnte, vor allem nicht, nachdem ihm Hermine erzählt hatte, dass sich im Verlies der Familie Lestrange ein weiterer Horkrux befand. Den Verdacht hatte er bereits seit seiner Gefangennahme gehabt, denn Bellatrix war praktisch an die Decke gegangen, als sie das Schwert von Gryffindor gesehen und gedacht hatte, sie wären in Gringotts gewesen. Es gab neue Zuversicht, zu wissen, wo der nächste Horkrux versteckt war, doch Harry hatte eigentlich gehofft, er hätte sich geirrt. Das bevorstehende war nicht gerade erbauend.
Es war ein paar Tage nach Lupins Besuch, als Harry schließlich in den sauren Apfel biss und Hermine und Rabastan Lestrange zu einem Gespräch unter vier Augen bat. Danach wollte er sich den Kobold Griphook vornehmen. Harry hatte gegenüber dem Kobold bereits angedeutet, dass sie eventuell in Gringotts einbrechen mussten und Griphooks Hilfe brauchen würden. Der Kobold erwartete als Gegenleistung nichts Geringeres als das Schwert von Gryffindor. Das bereitete Harry große Bauchschmerzen. Das Schwert war unverzichtbar, um die restlichen Horkruxe zu zerstören. Vorerst jedoch musste er sich mit Lestrange auseinandersetzen.
„Es geht um den Horkrux", mutmaßte Hermine richtig.
„Ganz genau. Nachdem jetzt ja feststeht, wo er ist", Harry warf einen kurzen Blick auf Rabastan, „müssen wir uns Gedanken machen, wie wir an ihn herankommen."
„Was wollen Sie von mir?", fragte Rabastan.
„Eigentlich hätte ich Sie bitten wollen, den Horkrux für uns zu besorgen, aber… nachdem Sie ja jetzt ein Verstoßener sind, scheidet diese Möglichkeit aus", sagte Harry und seufzte.
„Was sagt Ihnen, dass ich das getan hätte, Mr. Potter?", fragte Rabastan vielsagend. „Haben Sie so schnell vergessen, wer ich bin?"
„Das habe ich nicht vergessen und ich versichere Ihnen eins: Ich vertraue Ihnen nicht. Ich vertraue Hermine und sie vertraut Ihnen", stellte Harry klar. „Ich hätte nicht verlangt, es für mich zu tun, sondern für Hermine. Ich weiß, dass sie Ihnen viel bedeutet, deshalb…"
„Verstehe."
„Das erschwert unser Unterfangen natürlich um einiges", fuhr Harry fort. „Wir müssen nach Gringotts hinein in Ihr Verlies, da führt kein Weg daran vorbei, wenn wir den Horkrux wollen. Hermine und ich müssen deshalb bald wieder los."
„Und Sie wollen wissen, ob ich mitkomme und Ihnen helfe", schlussfolgerte Rabastan.
„Es ist Ihre Entscheidung", sagte Harry schnell und er konnte nicht ganz verbergen, dass er nicht unbedingt damit einverstanden gewesen wäre, wenn Rabastan sie begleitet hätte. „Wir werden Sie zu nichts zwingen, immerhin sind Sie kein Gefangener hier. Sie sind ja freiwillig bei Hermine."
Rabastan nickte.
„Ich habe mir schon ein paar Gedanken gemacht", sagte Harry. „Im Prinzip bleibt uns nur eine Möglichkeit, nämlich in Gringotts einbrechen."
„Das ist keine gute Idee", widersprach Rabastan.
„Wir müssen", sagte Harry selbstsicher. „Wir haben keine andere Wahl. Ich habe schon mit dem Kobold gesprochen. Er hilfst uns unter Umständen."
„Unter Umständen? Kobold helfen Zauberern nicht so einfach", sagte Rabastan. „Was verlangt er?"
„Das Schwert von Gryffindor."
„Was? Aber das können wir ihm nicht geben, Harry!", sagte Hermine sofort. „Das brauchen wir doch!"
„Ja, genau das habe ich ja auch gesagt…"
„Vertrauen Sie Griphook auf keinen Fall, Mr. Potter", mahnte Rabastan eindringlich. „Selbst wenn er Ihnen hilft, in Gringotts einzudringen, dort drinnen sind Sie auf sich gestellt. Griphook kann jederzeit behaupten, Sie hätten ihn gezwungen und zu den anderen Kobolden zurückkehren. Er ist dort unter Seinesgleichen, Sie aber sind allein. Er wird Sie bei der erstbesten Gelegenheit übers Ohr hauen."
„Rabastan!", protestierte Hermine und Rabastan verstand, dass sich ihr Gerechtigkeitsempfinden meldete. „Wenn wir immer so denken, ist es kein Wunder, dass andere magische Wesen die Zauberer nicht mögen!"
„Hermine, dasselbe hat mir Bill auch gesagt. Er hat das so grob nämlich mitbekommen", warf Harry ein. „Mr. Lestrange hat Recht. Wir brauchen Griphook, aber vertrauen können wir ihm nicht. Er kann das Schwert nicht bekommen. Das ist aber unsere einzige Möglichkeit, ihn dazu zubringen, uns zu helfen."
„Harry, ernsthaft?", fragte Hermine vorwurfsvoll. „Du willst es ihm versprechen und ihn dann reinlegen?"
„Ich mach das nicht gern, aber…"
„Das wird Ihre einzige Chance sein", sagte Rabastan zustimmend. „Aber welche Rolle soll ich dabei einnehmen?"
„Es ist wie gesagt Ihre Entscheidung, Mr. Lestrange, aber… Vielleicht brauchen wir Sie. Und Sie haben selbst gesagt, dass Sie Hermine beschützen wollen."
Rabastan grinste, aber antwortete nicht.
„Hermine und ich werden uns einen Plan überlegen", sagte Harry. „Wir haben noch Vielsafttrank übrig und… Mein Vorschlag war, dass sich Hermine in Bellatrix verwandelt. Ich habe nämlich ihren Zauberstab hier."
Harry zog Bellatrix Lestranges Zauberstab aus seiner Tasche und zeigte ihn Rabastan.
„Das ist… Bellas Zauberstab. Wo haben Sie den her?", fragte Rabastan fassungslos.
„Bei dem Kampf hat sie ihn verloren, genauso wie Draco seinen." Er hielt Dracos Zauberstab, der vor kurzem seiner geworden war, hoch.
Rabastan nickte. „Willst du das machen, Hermine? Das ist verdammt riskant, ich glaube, einfach einzubrechen, wäre mit weniger Risiken verbunden."
„Was bleibt mir für eine Wahl", sagte Hermine seufzend.
„Wann wollen Sie das durchziehen?"
„Sobald wie möglich. Morgen werden wir noch einen genauen Plan ausarbeiten und dann… würde ich sagen, brechen wir übermorgen bei Tagesbeginn auf. Werden Sie mitkommen?"
Rabastan musterte Harry nachdenklich. „Also gut, ich werde sehen, was sich machen lässt."
Harry nickte. „Gut.
