Hermine raffte Bellatrix´ Kleid, als sie keuchend das Seeufer hinaufstieg. Ihre Haare und die zu große Kleidung klebten an ihrem Körper und sie hinterließ eine nasse Spur auf den Steinen. Einige Meter von ihr entfernt, kämpfte sich Harry aus dem Wasser. Der Drache war über den See geglitten und hatte sich auf der anderen Seite am Ufer niedergelassen, um zu trinken.

Erschöpft fiel Hermine auf die Knie. Sie zitterte.

„Hermine…" Harry kam zu ihr herüber und wollte ihr aufhelfen, doch Hermine wehrte ihn ab. Sie wollte nicht angefasst werden.

„Hermine, es tut mir Leid."

„Sie werden ihn töten, Harry. Sie werden ihn töten." Sie begann zu schluchzen und schließlich heftig zu weinen.

Harry stand hilflos daneben und wusste nicht, was er tun sollte. Er legte Hermine eine Hand auf die Schulter, aber sie wies ihn zurück. Er seufzte verzweifelt.

„Hermine, er hat das getan, um uns zu retten. Wir haben den Kelch." Harry hielt das kleine goldene Gefäß hoch.

„Und was nutzt uns das?", fragte Hermine trotzig. „Wir haben das Schwert nicht mehr. Rabastan und Bill hatten Recht, Griphook hat uns wirklich verraten. Er hat jetzt das Schwert."

Harry konnte nicht widersprechen. „Wir kriegen das schon irgendwie hin…", sagte Harry, der um Worte verlegen war.

„Und wie?!", schrie Hermine ihn jetzt an. Ihr Gesicht war verweint, ihre Augen gerötet. Es erschreckte Harry, wie außer sich sie war. „Kannst du mir das mal erklären?! Und was soll aus Rabastan werden?! Sie werden ihn umbringen! Sie haben ihn jetzt!"

„Ich…" Bevor Harry weitersprechen konnte, begann plötzlich seine Narbe zu schmerzen. Gewaltiger Zorn durchflutete ihn und er wusste sofort, dass Voldemort gerade erfahren hatte, was passiert war.

Er sah die echte Bellatrix Lestrange und Lucius Malfoy aus dem Salon im Malfoy- Haus stürzen, während Voldemort seinen Zauberstab schwang und den Raum in grünes Licht tauchte. Er war wütend über die Nachricht, dass der Horkrux aus dem Verlies gestohlen worden war. Sie alle, die ihm die Botschaft überbracht hatten, bekamen seinen Zorn zu spüren und mussten mit ihrem Leben büßen.

Er stieg über die Leichen hinweg und rief seine Schlange zu sich. Zusammen mit Nagini steuerte auf den Kerker zu, in dem bereits der Verräter auf seine Strafe wartete…

„Harry!"

Hermine rüttelte ihn an der Schulter und er wurde in die Wirklichkeit zurückgerissen. Er starrte den Himmel an und spürte den steinernen Boden des Flussufers unter sich, doch er war nicht überrascht darüber, dass er zusammengebrochen war. Schweratmend rappelte er sich auf.

„Harry, geht's dir gut? Was ist los?"

Er schüttelte nur den Kopf. So stark und intensiv hatte er Voldemorts Gefühle schon lange nicht mehr gespürt. Aber er konnte sich jetzt darüber keine Gedanken machen, viel zu dringend waren die Dinge, die er gesehen hatte. Er klammerte sich an einen Stein und stemmte sich hoch.

„Hermine, wir müssen nach Hogwarts", sagte Harry mit Nachdruck. „Du-weißt-schon-wer weiß Bescheid. Der letzte Horkrux ist in Hogwarts. Wir müssen sofort nach Hogsmeade."

„Woher weißt du das, Harry?", wollte Hermine wissen.

„Ich hab es gesehen. Ich hatte wieder eine dieser Visionen", erklärte er, während er sich eilig seinen nassen Pullover über den Kopf.

„Was ist mit Rabastan?", fragte Hermine sofort hoffnungsvoll.

„Ich hab Rabastan gesehen. Er hat es dem Dunklen Lord gesagt, dass wir Horkruxe jagen. Er weiß, was wir aus dem Verlies der Lestranges gestohlen haben. Wir müssen sofort los!"

„Aber woher weißt du, dass der letzte Horkrux in Hogwarts ist?"

„Ich hab es gesehen. Es ist in der Vision aufgetaucht. Es ist das Diadem von Ravenclaw. Und es ist in Hogwarts. Ich wusste es ja von Anfang an."

„Was?! Und was ist mit Rabastan?! Ist er am Leben?!", fragte sie mit Tränen in den Augen.

„Ja, er ist am Leben. Du-weißt-schon-wer will, dass die Todesser nach Hogwarts gehen. Er hat gesagt, dass Rabastan zum rechten Zeitpunkt seine Strafe bekommen will. Er selber will wahrscheinlich prüfen, ob die anderen Horkruxe noch da sind. Wir müssen uns beeilen. Wir müssen vor ihm in Hogwarts sein und das Diadem finden!"

Auch Hermine begann nun, sich umzuziehen. Sie schlüpfte aus Bellatrix´ Umhang und trocknete sich die Haare. „Harry, das Schloss ist riesig! Wie sollen wir den Horkrux darin finden?! Wenn auch Dumbledore ihn nirgendwo finden konnte, wie sollen wir das in der kurzen Zeit schaffen? Wie viel Zeit wird uns bleiben, schätzt du?"

„Ich weiß es nicht", sagte Harry. „Ich weiß es wirklich nicht. Vor allem haben wir ja keine Möglichkeit mehr das Ding zu zerstören. Uns bleibt nur, es zu finden und dann wieder zu verschwinden. Wenn Du-weißt-schon-wer vor uns da ist, haben wir keine Chance mehr, den Horkrux rauszuholen."

„Was wird aus Rabastan?", fragte Hermine.

Harry ertrug ihren Blick nicht. Er wandte sich von ihr ab. Als er in trockene Sacken schlüpfte, drehte er ihr den Rücken zu.

„Harry, wo ist Rabastan?", fragte sie weiter.

„Er war im Malfoy- Haus, sie haben ihn eingesperrt. Er wird nach Hogwarts gehen, genau wie die anderen. Er ist am Leben, Hermine. Vielleicht finden wir ihn ja", sagte Harry, nur um überhaupt irgendetwas zu sagen. Er war sich seiner Worte nicht sicher. Hermine antwortete nicht mehr darauf. Sie zogen sich schweigend um, fassten sich an den Händen und apparierten nach Hogsmeade.


Die Nacht war angebrochen. Die Schutzzauber um das Schloss waren gebrochen und die Todesser strömten auf das Gelände. Rabastan stand neben Narcissa und Lucius und beobachtete, wie die ersten Kämpfe im Innenhof begannen. Helle Lichtblitze durchzuckten die Nacht.

Er dachte an Hermine. War sie im Schloss? Was taten sie und Harry Potter? Hatten sie womöglich einen weiteren Horkrux entdeckt? Er musste zu ihr, so schnell wie möglich, doch man hatte ihm seinen Zauberstab abgenommen. Sich so in die Schlacht zu stürzen, wäre blanker Wahnsinn gewesen.

Er war so in Gedanken, dass er unbewusst ein paar Schritte nach vorne gegangen war. Eine Hand, die sich um seinen Oberarm schloss, riss ihn aus seinen Gedanken.

„Rabastan, wo willst du hin?", fragte Lucius.

„Ich muss ins Schloss, ich muss Hermine finden", antwortete Rabastan mechanisch.

„Du kannst doch nicht kämpfen", drängte sein Schwager. „Du hast keinen…"

„Ich weiß!", sagte Rabastan ungeduldig und riss sich aus dem Griff seines Schwagers. „Du musst mich nicht daran erinnern!"

„Rabastan, tu das nicht. Der Dunkle Lord ist wütend, er wird dich bestrafen", sagte Narcissa flehend. Sie hatte Tränen in den Augen, so sehr in Sorge war sie um ihre Familie. Auch sie hatte keinen Zauberstab mehr. Harry Potter hatte bei seiner Flucht vom Malfoy- Haus Dracos Zauberstab an sich genommen und sie hatte ihrem Sohn ihren eigenen gegeben. Die beiden konnten damit nicht an der Schlacht teilnehmen. Rabastan wusste, dass sie Draco finden wollten.

„Ich muss zu ihr", erwiderte Rabastan diesmal ruhig. „Geht, sucht Draco."

„Rabastan!"

Er hörte nicht auf Narcissa, er war schon Richtung Schloss geeilt.


Der Dunkle Lord war nicht unter den Kämpfenden und Rabastan fragte sich, wo er war und was er vorhatte. Er hielt sich im Hintergrund, als er sich langsam durch Hogwarts kämpfte, immer darauf bedacht, nicht von einem der unzähligen Zauber getroffen zu werden, die durch die Luft schwirrten. Er sah Dolohow, Rookwood, Yaxley und viele andere, die sich mit Schülern und Lehrern duellierten. Riesen versuchten, von außen in Hogwarts einzudringen. Das Schloss war arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Überall klafften riesige Krater in den Wänden, lagen Gesteinstrümmer herum. Immer wenn ein Zauber in den Stein einschlug, verdeckten Staubwolken die Sicht.

Rabastan bog um eine Ecke und traf auf eine Gruppe Kämpfender. Er hörte Bellatrix´ höhnisches Lachen. Er sah Nymphadora, die am Boden kniete und sich eine Seite hielt. Ihr Zauberstab lag nutzlos am Boden und sie blutete stark. Bellatrix grinste und holte zum finalen Schlag aus: „Du darfst deinem Mann Gesellschaft leisten!"

Rabastan wusste nicht, was ihn antrieb. Er sah nur noch Bellatrix, die dabei war, zu töten… vielleicht Rabastans Tochter zu töten. Und Nymphadora hatte erst einen Sohn geboren. Er überlegte nicht länger. Er blendete das andere Kampfgetümmel aus und stürmte nach vorne. Bellatrix machte eine kreisende Bewegung mit ihrem Zauberstab und hatte schon den Spruch auf den Lippen, als Rabastan sie von der Seite umriss.

Sie schrie vor Überraschung auf. Sie stürzten auf den harten Steinboden und Bellatrix´ Zauberstab rollte davon. Sie fauchte und tobte unter ihm, aber Rabastan hielt sie fest.

„Lass mich los, du Verräter!", keifte sie und schlug ihm mit dem Ellbogen hart in Gesicht, worauf Rabastan seinen Griff lockern musste. Sie rollte ihn von sich herunter und rappelte sich sofort hoch.

„Wo ist sie?! Wo ist das Flittchen?!", wütete sie, während sie ihren Zauberstab vom Boden aufhob. „Du! Du hast sie entkommen lassen!"

Nymphadora hatte es geschafft, sich davonzuschleppen. Rabastan hoffte, dass sie irgendwo Zuflucht suchen würde. Bellatrix wollte gerade auf ihn losgehen, als sie durch eine gewaltige Explosion von den Füßen gerissen wurden. Kleine Steine und Staub rieselten auf sie. Die Wucht ließ die Mauern des Schlosses erschüttern. Kurz darauf hörten sie jemanden schreien.

„ROOKWOOD!" Unmittelbar danach sagte eine wohlvertraute Stimme hastig: „Harry, wir sind die Einzigen, die es beenden können! Bitte- Harry- wir brauchen die Schlange, wir müssen die Schlange töten!"

Rabastan zögerte keine Sekunde. Hermine war ganz in seiner Nähe. Er musste zu ihr. Doch er kam nicht weit. Ein Zauber traf ihn in den Rücken und er schlitterte über den Boden. Stechender Schmerz fuhr durch seine Wirbelsäule und er war sich sicher, dass mindestens eine Rippe gebrochen war.

„Du bleibst hier!", giftete Bellatrix hasserfüllt.

Vielleicht einen Meter vor sich lag ein bewusstloser Todesser, daneben sein Zauberstab in seiner leblosen Hand. Rabastan robbte sich vorwärts, griff den fremden Zauberstab und drehte sich gerade rechtsseitig um, um Bellatrix´ Fluch abzublocken, der auf ihn zuschoss. Bellatrix taumelte zurück und Rabastan nutzte den kurzen Moment, als sie aus dem Gleichgewicht war, um selbst einen Fluch auf sie abzufeuern. Mit einem Schwung seines Zauberstabes riss er sich von den Füßen und schickte sie ein paar Meter nach hinten. Er wollte sie nicht verletzen und er hatte kein Interesse daran, gegen seine eigene Schwägerin zu kämpfen. Er wollte nur Hermine in Sicherheit wissen. Sie war ganz in seiner Nähe…

Er eilte in die Richtung, aus der ihre Stimme gekommen war, doch weit und breit war niemand zu sehen, nur ein paar Todesser, die Schüler verfolgten.

„Nein!", fluchte er. „Hermine, wo bist du?!"

In diesem Moment kam eine Gruppe Todesser in den Gang, angeführt von Travers. Bellatrix erschien hinter ihm.


Die Nacht war kalt, als Harry sich auf den Weg in den Verbotenen Wald aufmachte, doch die Kälte störte ihn nicht. Sein Körper fühlte sich seltsam taub, empfindungslos an, nachdem er die Wahrheit aus dem Denkarium erfahren hatte. Er dachte an seine Freunde, die er im Schloss zurückgelassen hatte, Hermine, Ginny, die anderen Weasleys, Neville, den er noch angewiesen hatte, dass die Schlange vernichtet werden musste… Es tat ihm Leid, sie ohne Erklärung zurücklassen zu müssen. Hermine hatte seine Hilfe gebraucht. Sie war am Boden zerstört, weil sie Rabastan nicht gefunden hatte und sie nicht wusste, ob er am Leben war. Das letzte, was er nun von ihr in Erinnerung halten würde, war ihren ihre traurigen, verweinten Augen…

Sie waren so weit gekommen, hatten den Kelch von Hufflepuff und das Diadem von Ravenclaw vernichtet. Bis auf Voldemort selbst war nur noch die Schlange übrig. Harry musste auf seine Freunde hoffen, denn er selbst würde zu Voldemorts Vernichtung nicht mehr beitragen können. Oder, nun ja, nicht mehr wie er gedacht hatte. Er musste selbst sterben, er musste genauso vernichtet werden, wie die anderen Horkruxe. Sein Schicksal, das von der Prophezeiung vor langer Zeit vorhergesagt wurde, würde sich nun endlich erfüllen. Keiner konnte leben, während der andere überlebt.

Er war bereits tief in den Verbotenen Wald vorgedrungen, als er auf einer Lichtung stehenblieb. Er nahm den Schnatz aus seiner Tasche, führte ihn an den Mund und flüsterte ihm zu: „Ich werde gleich sterben."

Der goldene Schnatz öffnete sich und gab einen kleinen schwarzen Stein frei, durch den sich ein Riss zog. Dort hatte das Schwert den Horkrux gespalten. Der kleine Kreis, das Dreieck und der Strich waren aber noch zu erkennen.

Harry schloss seine Finger fest um den Stein der Auferstehung, schloss die Augen und dachte an seinen kommenden Tod. Ein behagliches, warmes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus und er wusste, dass er keine Angst haben musste.

Als er seine Augen wieder öffnete, standen fünf Personen um ihn herum. Sie alle waren durchscheinend und blass wie Geister, nur ihre Konturen wurden schärfer, als sie näherkamen. Es waren seine Eltern, Lily und James Potter, sein Pate Sirus Black, Remus Lupin und Ron.

Harry lächelte sie an. Er freute sich, sie zu sehen. Sie erfüllten ihn mit einem Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit in dieser schweren Stunde. Für Harry hätte es keine schöneren letzten Momente geben können, als sie mit den Menschen zu verbringen, die er liebte und die ihm etwas bedeuteten.

„Hey", sagte Ron.

„Hey", sagte Harry. „Wie geht's dir?"

„Mir geht's gut", sagte Ron und grinste.

Harry nickte. „Es tut mir so Leid, Mann."

„Geht es Hermine gut?", wollte Ron wissen. „Sie ist doch nicht wirklich mit diesem… Lestrange zusammen, oder?"

Harry grinste. „Doch, ich fürchte ja."

Ron wirkte plötzlich verlegen. „Ich find das ja nicht so doll…"

„Sie passt gut auf sich auf", versicherte Harry.

„Klar, das ist ja unsere Hermine."

„Harry."

„Mum, Dad." Seine Eltern lächelten ihm aufmunternd zu. Lily trat langsam nach vorne auf ihn zu.

„Du bist so mutig", sagte sie sanft.

„Du bist fast am Ziel", sagte James. „Ganz nah, wir sind so stolz auf dich."

„Bevor du gehst", sagte Sirius. „Sollst du jemanden kennenlernen."

Auf einmal erschien eine weitere Gestalt unter ihnen und stellte sich neben Sirius. Es war ein junger Mann, vielleicht nur wenig älter als Harry, dünn, beinahe schmächtig, in einen schwarzen Umhang gekleidet. Er hatte dieselben dunklen Haare und ähnliche Gesichtszüge wie Sirius.

„Harry Potter, welche Ehre, dass wir uns doch noch einmal begegnen", sagte er.

Harry musterte ihn verwundert, doch dann verstand er.

„Regulus Black, oder? Sirius, dein Bruder!"

Sirius nickte.

„Ihr habt tatsächlich nach all den Jahren mein Geheimnis gelüftet", sagte Regulus. „Dafür danke ich euch. Sag mir, wie geht es Kreacher?"

„Er vermisst Sie sehr", sagte Harry. „Er hat versucht, das Medaillon zu zerstören, wie Sie ihm gesagt hatten."

Regulus wirkte plötzlich schuldbewusst. Ein trauriger Ausdruck trat auf sein Gesicht. „Ich habe ihm das aufgetragen, aber ich wusste, dass er es nicht schaffen würde. Ein Horkrux ist sehr schwierig zu zerstören. Der arme Kreacher. Es tat mir Leid, ihn zu verlassen. Was er durchgemacht haben muss…"

„Er hat immer zu Ihnen gehalten", sagte Harry. Er hatte Mitleid mit Regulus. „Es tut mir sehr Leid, was passiert ist. Wenn Sie Voldemorts Geheimnis herausgefunden haben, warum haben Sie nicht versucht, die anderen Horkruxe zu finden?"

Regulus lächelte und schüttelte den Kopf. „Ich stieß nur durch Zufall über die Wahrheit, aber ich wusste, dass meine Tat eines Tages einen Beitrag leisten würde."

„Ich verstehe nicht ganz. Sie waren doch ein Todesser, oder?"

„Ja, am Anfang." Er zog seinen Ärmel nach oben und zeigte sein Dunkles Mal, dann sah er vorsichtig seinen Bruder an. „Nachdem Sirius gegangen war, wollte ich seinen Verrat wiedergutmachen. Ich wollte meine Eltern zufriedenstellen, ihnen zeigen, dass ich nicht so war. Dass ich kein Verräter, sondern ein guter Sohn war. Ich schloss mich dem Dunklen Lord an, der jüngste, der jemals in seine Dienste trat." Er sah beschämt zu Boden. „Zuerst war ich mit voller Begeisterung dabei, mein Enthusiasmus war groß, aber… Ich konnte die Dinge, die ich tun sollte, nicht tun. Ich konnte das nicht erfüllen, was der Dunkle Lord von mir verlangte. Ich habe… einmal einen Menschen getötet und danach… ich war… am Boden zerstört über das, was ich getan hatte. Ich wusste, dass ich es nicht konnte."

„Wollten Sie… aussteigen?", fragte Harry.

„Das war nicht möglich. Dem Dunklen Lord verpflichtet man sich für das ganze Leben. Er duldet keine Verräter. Der einzige Ausweg ist der Tod." Seine Stimme zitterte, als er das sagte.

„Wie haben Sie es rausgefunden? Die anderen Todesser wussten es nicht", bemerkte Harry.

„Es war ein Zufall. Wir hatten ein Treffen, spätnachts. Der Dunkle Lord hatte uns andere bereits entlassen, nur Bellatrix und Lucius waren noch bei ihm. Ich hielt mich im Verborgenen, weil ich wissen wollte, was vor sich ging. Der Dunkle Lord hatte sich die Wochen davor bereits sehr geheimnisvoll verhalten und an diesem Abend überreichte er den Lestranges und den Malfoys jeweils einen Gegenstand. Der Dunkle Lord hatte immer davon gesprochen, dass er weiter gegangen sei, als jeder andere, auf dem Weg, den Tod zu überwinden. Ich habe schon immer viel über magische Gegenstände gelesen und eines Tages stieß ich auf die Horkruxe. Ich wusste sofort, dass der Dunkle Lord davon gesprochen hatte. Ich war der einzige, der die Botschaft verstanden hatte. Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte. Dann verlangte der Lord nach einem Hauselfen. Ich schickte ihm Kreacher. Ich zwang Kreacher danach, mir die Wahrheit zu sagen. Und da wusste ich es, dass der Dunkle Lord Horkruxe geschaffen hatte."

„Wollten Sie sie zerstören?", fragte Harry.

„Zuerst, ich hatte diesen absurden Gedanken, dass… wenn ich es schaffe, alle Horkruxe zu finden und zu zerstören, ich den Dunklen Lord vielleicht aufhalten könnte", erklärte Regulus. „Aber… ich war… jung… naiv…"

„Sie wollten kein Todesser mehr sein, oder?"

„Ich hatte keine Wahl. Meine Familie hatte so viele Erwartungen an mich, die ich nicht erfüllen konnte. Der Dunkle Lord verlangte so viel, was ich nicht tun konnte. Er folterte mich mehr als einmal, weil ich versagt hatte. Meine Eltern wollten, dass ich bald eine Reinblutehe eingehen sollte. All das war zu viel. Ich habe sehr gelitten", sagte er mit Blick auf seinen Bruder. „Und ich litt vor allem darunter, dass du weg warst." Er wandte sich wieder an Harry. „Ich habe meinen Bruder geliebt und als er fortging, war ich sehr unglücklich. Ich wusste einfach nicht mehr, was ich tun sollte. Ich wagte es nicht, wegzulaufen wie Sirius. Ich wollte meine Eltern nicht enttäuschen und… der Dunkle Lord hätte meine Ermordung angeordnet. Ich… wusste einfach nicht, was ich tun sollte." Er lächelte schwach. „Nur Kreacher hat es geschafft, mich irgendwie wieder aufzubauen."

Harry nickte. Er hatte Verständnis für Regulus´ Situation.

„Ich ertrug es", fuhr Regulus fort. „Aber… es fiel mir von Tag zu Tag schwerer. Ich spielte mit dem Gedanken, es zu beenden. Aber es blieb nur ein Gedanke, ich tat nichts. Doch dann kam der Tag…"

„Was für ein Tag?", hakte Harry nach.

„Es war kurz vor Ende des Krieges, 1980, die Kämpfe wurden immer schlimmer damals und… viele sind gestorben. In einem Kampf mit Auroren wurde Evan Rosier getötet und daraufhin brach eine Welt für mich zusammen. Ich… mochte ihn, ich begehrte ihn mehr als ich durfte. Als er starb, gab es für mich nichts mehr. Ich verkroch mich tagelang in meinem Zimmer und weinte nur noch. Dann fasste ich einen Entschluss. Ich ging zu Kreacher und ließ mir den Weg zeigen zu der Höhle. Ich gab vor, dass wir den Horkrux holen wollten. Kreacher bot an, den Zaubertrank zu trinken, aber ich tat es. Und dann ging ich zum Wasser…"

„Sie haben also den Tod freiwillig gewählt?", schloss Harry daraus.

„Ja, es war mein einziger Ausweg", sagte Regulus. „Es tat mir Leid, dass ich Kreacher zurücklassen musste und dass meine Eltern so viel Kummer haben würden, aber für mich gab es keinen anderen Weg mehr. Die Inferi zogen mich nach unten und ich ließ es geschehen. Ich kann mich erinnern, wie es war. Es war nicht schlimm, eher eine Befreiung, als ob ich die Augen schloss, um einzuschlafen."

„Es tut mir sehr Leid, Regulus", sagte Harry aufrichtig. „Ich… Hätte es keine andere Lösung gegeben?"

„Bedauere mich nicht, Harry", sagte Regulus. „Ich verdiene kein Mitleid und ich habe mein Schicksal selbst gewählt. Es ist nicht zu ändern und ich würde es auch nicht ändern."

Harry überlegte kurz. Er hatte sich sein Schicksal nicht selbst gewählt. Er wurde dazu gezwungen, dies zu tun.

„Ich habe leider keine Wahl", sagte er leise mehr zu sich selbst, als zu den Leuten, die um ihn herumstanden.

„Harry", sagte Regulus. „Du hast immer eine Wahl. Auch wenn es so erscheint, als könnten wir uns nicht entscheiden, wir haben immer eine Wahl. Denke daran."

Er verschwand.

„Regulus hat Recht", sagte Sirius. „Du hast eine sehr mutige Entscheidung getroffen, Harry. Nicht viele haben diesen Mut überhaupt."

„Denk immer daran, was Dumbledore dir gesagt hat", sagte Lupin. „Diese Gaben, Harry, die du hast, machen dich gegen Voldemort stark. Und werden dich zum Sieg führen."

Wenn Harry diese Worte nur glauben könnte.

„Tut es weh?", fragte er. Die kindische Frage war ihm einfach herausgerutscht.

„Sterben? Überhaupt nicht", sagte Sirius. „Schnell und leichter als einschlafen."

„Ich wollte nicht, dass ihr sterben müsst. Keiner von euch. Es tut mir Leid…"

Er sprach vor allem Lupin an, beinahe flehentlich. „… so kurz nachdem dein Sohn geboren wurde. Remus, es tut mir Leid…"

„Mir tut es auch Leid", sagte Lupin. „Mir tut es Leid, dass ich ihn nie kennen lernen werde… Aber er wird wissen, warum ich gestorben bin, und ich hoffe, er wird es verstehen. Ich habe versucht, eine Welt zu schaffen, in der er ein glücklicheres Leben führen kann. Bevor du gehst, Harry, sag mir nur eins: Hast du meine Frau gesehen? Geht es Dora gut?"

„Ja, ich habe sie gesehen", sagte Harry. „Sie ist am Leben."

Lupin lächelte erleichtert.

„Ihr werdet bei mir bleiben?"

„Bis ganz zum Schluss", sagte James.

„Sie werden euch nicht sehen können?", fragte Harry.

„Wir sind ein Teil von dir", erklärte Sirius. „Für jeden anderen unsichtbar."

Harry sah Lily an. „Bleib in meiner Nähe", sagte er leise.

Sie nickte ihm aufmunternd zu, dann machte sich Harry auf seinen letzten Weg. Es dauerte nicht lange und er vernahm die Stimmen von Yaxley und Dolohow.


Der Triumphzug der Sieger zog Richtung Schloss. Hermine, Ginny, Neville und die anderen konnten die Todesser in der Ferne sehen, wie sie angeführt von Voldemort selbst, zum Schloss zurückkehrten. Die Schlange ringelte sich in ihrem magischen Schutzkäfig neben Voldemort in der Luft. Neben ihm ging Hagrid und er hielt Harrys leblosen Körper im Arm. Ein Stich traf Hermines Herz. Sie konnte nicht glauben, dass Harry wirklich tot war. Das durfte einfach nicht sein. Sie hatte alles verloren, jeder war von ihr gegangen, erst Ron, dann Rabastan und jetzt auch noch Harry. Sie spürte, wie ein leiser Schluchzer sie durchfuhr und stumme Tränen ihre Wangen hinabliefen.

„Halt", sagte Voldemort und seine Gefolgsleute hielten inne. Sie standen in einem Halbkreis vor dem offenen Portal der Schule.

„Harry Potter ist tot. Er wurde getötet, als er wegrannte, als er versuchte, sich selbst zu retten, während ihr euer Leben für ihn gegeben habt. Wir bringen euch nun seine Leiche zum Beweis für seine Feigheit. Zum Beweis, dass euer Held gestorben ist."

Hagrid trat nach vorne und legte Harrys Körper auf das Gras.

„Wir haben die Schlacht für uns entschieden", sagte Voldemort. „Ihr habt fast all eure Kämpfer verloren und meine Todesser sind in der Überzahl gegen euch und der Junge, der überlebt hat, ist tot. Jeder von euch, der weiterhin Widerstand leistet, ob Mann, Frau oder Kind, wird niedergemetzelt werden. Kommt und kniet vor mir nieder und ihr werdet verschont werden. Eure Eltern und Kinder, eure Brüder und Schwestern werden leben, ich werde ihnen verzeihen und ihr werdet euch mir anschließen. Zusammen werden wir in die neue Zukunft schreiten, die wir errichten werden."

„Harry, oh, Harry…", schluchzte Hagrid.

„Hermine, er ist…", schluchzte Ginny neben Hermine.

„Ich weiß."

„NEIN!" Diesmal kam der Schrei von Professor McGonagall. Bellatrix lachte verächtlich. Offenbar genoss sie das Schauspiel in vollen Zügen.

„Nein! Harry!"

„RUHE!", polterte Voldemort und die Menge verstummte von einem gewaltigen Schweigezauber.

„Seht ihr nicht?", Voldemort deutete auf Harrys Leiche. „Harry Potter ist tot! Und er ist dort, wo er hingehört, zu meinen Füßen! Ihr wurdet betrogen. Er war niemals etwas anderes als ein Junge, der lieber andere für sich sterben ließ."

„Nein!" Voldemort musste sie mit einem zweiten noch kraftvolleren Schweigezauber verstummen.

„Er wurde getötet, als er sich vom Schlossgelände davonstehlen wollte. Er wurde getötet, als er sich selbst retten wollte."

Neville löste sich von ihnen und stürmte nach vorne. Hermine hatte keine Kraft, ihn zurückzuhalten. Sie war wie gelähmt auf ihrem Platz. Es gab einen Knall und Voldemort entwaffnete Neville.

„Wen haben wir denn da? Wer hat sich freiwillig gemeldet, um vorzuführen, was mit denen passiert, die weiterhin so dumm sind und meinen, kämpfen zu müssen?"

„Das ist Neville Longbottom, Herr!", sagte Bellatrix. „Der Junge, der den Carrows so viel Ärger gemacht hat! Der Sohn der Auroren, Ihr erinnert euch?"

„Ah, ja, ich erinnere mich", sagte Voldemort und blickte auf Neville hinab, der auf dem Boden lag und sich nun mühevoll hochrappelte. „Aber du bist ein Reinblüter, nicht wahr, mein tapferer Junge?"

Neville hatte seine Hände zu Fäusten geballt. Ohne Zauberstab stand er da. „Und was, wenn ich einer bin?"

„Du beweist Kampfgeist und Mut und du bist von edler Abstammung. Wir brauchen Leute wie dich bei uns."

„Bei euch würde ich nicht mal im Tod mitmachen!", schrie Neville voller Zorn, doch er wurde erneut von einem Zauber getroffen und stürzte nach hinten.

Die Menge wurde unruhig. Der Schweigezauber konnte sie nicht mehr zurückhalten.

Voldemort lachte spöttisch, dann schwang er seinen Zauberstab und irgendwo in der Ferne zersprang eine Fensterscheibe. Der Sprechende Hut kam durch die Luft geflogen und landete auf Nevilles Kopf.

„Fortan wird es keine Auswahl mehr in Hogwarts geben. Das Haus Slytherin, das Haus meines edlen Vorfahren wird für alle genügen!"

„Das werden wir nicht zulassen!", schrie Neville, dem der Hut über die Augen gerutscht war.

„Ich sehe, dass ihr meine Worte nicht voll ernst nehmt", sagte Voldemort. „Um meiner Botschaft Nachdruck zu verleihen, werde ich euch nun zeigen, was mit denen geschieht, die sich mir weiterhin widersetzen", sagte der Dunkle Lord boshaft und hob kurz seine Hand, um irgendjemandem ein Zeichen zu geben. Er stieß Neville unsanft zur Seite.

Die Menge teilte sich und zwei Todesser führten einen Mann nach vorne. Mit Entsetzen erkannte Hermine, dass es Rabastan war.

Sie hatten ihm seinen Umhang ausgezogen, sodass sein Oberkörper frei war. Links und rechts gepackt, zerrten sie ihn vor die Menge und warfen ihn auf den Boden zwischen die beiden Fronten.

„Das ist doch… Lestrange, Rabastan Lestrange", flüsterte Ginny neben Hermine. „Was machen die mit ihm?"

„Rabastan…" Hermine schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund. Rabastan lebte und er war hier!

Der Dunkle Lord trat langsam um Rabastan herum und sah verachtend auf ihn hinab.

„Seht nur her", sagte er an die Menge gewandt, sowohl in Richtung Hogwarts als auch in Richtung seiner Todesser. „Ich nannte diesen Mann einst einen meiner loyalsten Anhänger. Ich schenkte ihm Vertrauen, ich hielt hohe Stücke auf ihn. Und doch… Und doch hat Rabastan Lestrange es gewagt, mich zu verraten."

Rabastan sah nach oben und begegnete dem Blick des Lords. In seinen kalten Augen lag Abscheu. Er zog langsam seinen Zauberstab aus seinem Umhang.

„Der Dunkle Lord ist gnädig, er hat Erbarmen. Ich wünsche, nicht noch mehr magisches Blut vergießen zu müssen. Schließt euch mir an und eure Leben werden verschont werden. Doch wenn ihr euch weigert, wird euch dasselbe Schicksal zuteilwerden, wie Rabastan Lestrange."

Rabastan wusste schon, was kommen würde. Im nächsten Moment fuhr ein gewaltiger Schmerz durch seinen Körper. Der Lord hatte den Folterfluch gegen ihn verwendet. Rabastan versuchte nach Kräften, sich nicht die Blöße zu geben und vor Schmerz zu schreien. Er biss die Zähne zusammen und hoffte, es möge bald aufhören.

Erleichterung durchströmte ihn, als der Lord den Fluch von ihm nahm. Voldemort wandte sich nun an seine Todesser.

„Ich überlasse es euch, den Verräter angemessen zu bestrafen."

Wie zu erwarten, war Bellatrix die erste. Sie lachte höhnisch, als sie ihn folterte. Danach trat einer nach dem anderen vor und ließ Rabastan seine Abscheu spüren. Er bekam den Cruciatus- Fluch mehrere dutzend Mal zu spüren, irgendjemand verletzte ihn am Rücken, dass er blutete. Er spuckte mehrmals Blut auf den Boden. Nur noch verschwommen sah er die Menschen vor ihm, die beim Eingangsportal standen. Manche hatten ihre Blicke abgewandt, manche blickten mit Entsetzen auf die Szene, die sich vor ihnen abspielte. Er war am Rande der Ohnmacht und er wusste nicht, wie lange sein Körper die Tortur noch mitmachen würde.

Hermine hatte das blanke Grauen gepackt. „Nein! Aufhören!", schrie sie verzweifelt. Ginny und Neville hielten sie zurück. „Nein, nein! Bitte!"

Die Menge der Todesser hatte nur ein herablassendes Lachen für sie übrig.

Rabastan wusste nicht, wer ihn zuletzt verletzt hatte. Er sah aus dem Augenwinkel einen schwarzen Umhang zur Menge zurückkehren, doch danach trat niemand mehr vor. Gespenstische Stille hatte sich über den Hof gelegt.

Hermine riss sich von ihren Freunden los und rannte auf ihn zu.

„Nicht, Hermine!", rief Ginny, doch Hermine hörte nicht auf sie.

Rabastan hörte ihre Schritte auf den Steinen näherkommen. Sie schienen laut widerzuhallen. Augenblicke später war sie schon an seiner Seite, ihr Gesicht verweint, und half ihm auf.

„Rabastan, geht's dir gut? Kannst du aufstehen?"

Seine Knie zitterten und seine Muskeln wollten ihm nicht richtig gehorchen. „Ich… ich glaube nicht."

„Nun möchtest du nicht auch?", fragte der Dunkle Lord. „Hat nicht dein Schwager Schande über deine Familie gebracht? Bist du gar nicht gewillt, ihm eine Lektion dafür zu erteilen?"

„My Lord…" Es war Lucius´ Stimme.

„Ach, ich habe ja glatt vergessen, dass du ja keinen Zauberstab mehr hast." Wieder ging ein Lachen durch die Reihen der Todesser.

Rabastan begriff sofort. Der Dunkle Lord nutzte die Gelegenheit, um Lucius erneut zu demütigen.

„Geh nach vorne!", befahl der Lord.

Rabastan und Hermine blickten beide auf Lucius Malfoy, der sich ihnen nun langsam und steif näherte. Sein Gesichtsausdruck war wie versteinert und keinen Augenblick ließ er den Blick von Rabastan. Narcissa war gezwungen, an ihrem Platz stehenzubleiben. Verzweifelt sah sie ihrem Mann nach, der jetzt in der Mitte des Hofes über Rabastan und Hermine gebeugt stand und auf sie hinuntersah.

Der Dunkle Lord schritt auf ihn zu. „Da du keinen Zauberstab mehr besitzt, Lucius, werde ich dir Abhilfe verschaffen." Der Lord schwang seinen Zauberstab und zeichnete etwas in die Luft. Im nächsten Moment erschien eine Peitsche in seiner Hand.

Lucius Malfoy sah auf das Werkzeug in seiner Hand hinab. Er stand stocksteif da und tat nichts.

„Was hast du denn Lucius?", fragte der Lord spöttisch. „Tu es!"

Hermine umschlang Rabastan eng und ließ ihn nicht mehr los. Sie würde es nicht mehr zulassen, dass irgendjemand ihn quälte. Lucius Malfoy sah nur auf die beiden hinunter, aber regte sich nicht. Hermine sah mit verweintem Gesicht zu ihm hinauf. Der Dunkle Lord stand hinter Lucius und wartete ungeduldig, dass dieser tat, was ihm befohlen worden war.

„Bestraf ihn", befahl der Lord.

Die Totenstille, die sich über den Hof gelegt hatte, war erdrückend. Niemand sagte etwas, niemand regte sich, jeder hielt den Atem an. Sogar Bellatrix verhielt sich vollkommen still.

Lucius hob seine Hand mit der Peitsche; sie zitterte. Hermine sah die ledernen Riemen bereits auf sich niederfahren, wartete bereits auf den Schmerz, doch nichts geschah.

„Nein", sagte Lucius Malfoy leise.

Der Dunkle Lord trat hinter Lucius. „Was hast du gesagt? Ich glaube, wir haben dich nicht verstanden."

Lucius drehte sich langsam um. Er baute sich zu seiner vollen Größe auf, hob seinen Kopf und sah dem Dunklen Lord direkt ins Gesicht.

„Nein, ich werde es nicht tun", sagte Lucius Malfoy, diesmal lauter und selbstbewusster. „Ich werde es nicht tun."

Die Menge war völlig still, doch jeder starrte entgeistert auf die Szene. Hermine und Rabastan sahen ebenfalls verwundert zu Lucius Malfoy.

„Ich werde es nicht tun", wiederholte dieser noch einmal, dann warf er die Peitsche auf den Boden zwischen sich und den Dunklen Lord. Sie schien wie in Zeitlupe zu fallen, bis sie mit lautem Knall auf den Steinboden aufschlug. In diesem Moment passierten mehrere Dinge gleichzeitig.

Eine Herde Zentauren stürmte auf das Schlossgelände und stürzte sich in die Schlacht gegen die Todesser. Grawp kam um eine Ecke und Voldemorts Riesen brüllen laut. Die Erde bebte unter ihnen. Pfeile schossen in die Reihen der Todesser.

Neville riss sich den Sprechenden Hut vom Kopf und zog etwas Silbernes mit einem rubinbesetzten Griff heraus. Das Schwert glitt im Brüllen der Menge lautlos durch die Luft und traf den Kopf der Schlange, die daraufhin mit einem dumpfen Schlag zu Boden fiel.

Schüler und Lehrer und die Todesser wurden durch die Ankunft der Zentauren und der Riesen gleichsam nach drinnen in die Eingangshalle gedrängt. Hermine sah sich um, aber sie sah Harry nicht. Er war weg und plötzlich hatte sie begriffen. Sie nutzte ihre Chance und half Rabastan auf die Füße. Sie stützte ihn, als sie langsam zurück ins Schloss gingen.

„Geht es dir gut?", raunte Rabastan in ihr Ohr. „Ich habe dich gesucht. Wo warst du?"

„Harry und ich habe die beiden anderen Horkruxe vernichtet", erklärte sie. „Aber das ist jetzt nicht wichtig. Es tut mir so Leid, hast du große Schmerzen?"

Voldemort war selbst in die Schlacht gezogen. Auch die Hauselfen waren hinzugekommen, angeführt von Kreacher, und stachen mit Messern aus der Küche auf die Todesser ein. George und Lee Jordan streckten Yaxley nieder, Dolohow fiel schwer verletzt auf den Boden und bewegte sich nicht mehr, Hagrid schleuderte Macnair durch den Raum, sodass er gegen eine Wand krachte und bewusstlos auf den Boden sank. Neville nahm es mit Fenrir Greyback auf, Aberforth erledigte Rookwood, Arthur und Percy Weasley schockten Thicknesse. Auch Tonks duellierte sich wieder. Sie belegte ein paar Todesser mit der Ganzkörperklammer. Narcissa und Lucius Malfoy liefen durch die Menge und riefen nach ihrem Sohn.

Voldemort duellierte sich mit Slughorn, Kingsley und McGonagall gleichzeitig. Bellatrix kämpfte vielleicht fünfzig Meter von ihm entfernt mit ein paar Kindern. Als ein grüner Lichtblitz an der jüngsten Weasley- Tochter ganz knapp vorbeirauschte, sprang Molly dazwischen.

„Rabastan, gehen wir daran. Ich sehe mir deine Verletzungen an", flehte Hermine, doch Rabastan steuerte die Große Halle an, wo sich jetzt die Kämpfe abspielten.

„Bella… Nein!"

Molly Weasleys Zauber rauschte unter Bellatrix´ ausgestrecktem Arm hindurch und traf sie genau in die Brust, direkt über dem Herzen. Bellatrix ließ ihren Zauberstab fallen und griff sich nach Luft ringend an die Brust. Sie stand noch für einen kurzen Moment auf der Stelle, dann knickten ihre Knie ein und sie fiel nach vorne auf den Boden.

„Nein!"

Voldemorts Wut über den Fall seiner treuesten Dienerin entlud sich mit der Wucht einer Bombe. Rabastan und Hermine konnten die Druckwelle an sich vorbeiziehen spüren. Kingsley und die beiden Lehrer wurden nach hinten geschleudert. Dann rief jemand: „Protego!"

Harry Potter erschien in ihrer Mitte und stellte sich dem Dunklen Lord. Der entscheidende Kampf war gekommen.

Alle starrten gebannt auf die Szene. „Er lebt!" „Er ist am Leben!"

Rabastan sank an der Tür zur Großen Halle entlang nach unten. Er wollte zu Bella gelangen, aber er konnte nicht mehr weiter.

„Rabastan, komm hier rüber!", bat Hermine verzweifelt.

Sie zwang ihn, mit ihr zu einem leeren Klassenzimmer zu kommen, wo er sich auf das Pult legte. Er musste sich zwingen, wach zu bleiben. Hermine untersuchte seinen Rücken und heilte die oberflächlichen Wunden. Sie suchte, ob es irgendwelche Tränke im Raum gab, und gab ihm schließlich einen schwachen Stärkungstrank, sodass er wieder aufstehen konnte. Durch das Fenster strömte bereits das Licht der aufgehenden Sonne herein.

„Geht es dir besser?", fragte sie heiser.

„Ja, danke."

Ihre Haare waren durcheinander. Ihr Gesicht und ihre Kleidung waren schmutzig. Sie blutete an der Wange. Rabastan strich vorsichtig mit dem Daumen darüber. Es tat gut, ihre zarte Haut unter seinen Fingern spüren zu können und zu wissen, dass sie wohlauf war. Sie beugte sich nach vorne und küsste ihn, so wie sie ihn bisher noch nie geküsst hatte. Dann lehnte sie sich an ihn. Sie schlossen sich in die Arme und genossen für ein paar Minuten einfach nur die Nähe des anderen.

Beide hätten sich gewünscht, dass dieser Moment niemals enden würde, doch sie wussten, dass die Schlacht noch nicht zu Ende war.

„Wir müssen zurück", sagte Hermine und löste sich widerwillig von ihm.

Sie erreichten die Große Halle gerade in dem Moment, als der Körper Voldemorts leblos nach hinten fiel. Die Menge johlte.

„Es ist vorbei", sagte Hermine überglücklich, dann eilte sie zu ihren Freunden. Sie alle fielen sich in die Arme, beglückwünschten sich. Sie feierten Harry Potter, den Jungen, der den Dunklen Lord geschlagen hatte. Es war also entschieden. Die Todesser hatten verloren.

Niemand achtete auf Rabastan, als er vorsichtig in die Halle trat. Er sah die Malfoys, die an einem der Haustische saßen und Draco freudig in die Arme schlossen, völlig gleichgültig wie die Schlacht ausgegangen war, sondern einfach nur froh, dass sie ihren Sohn wieder hatten. Ein paar Todesser und Schüler lagen tot am Boden und wurden gerade weggeschafft. Niemand achtete auf eine Gestalt, die zwischen Trümmern am Boden lag und sich schwach regte. Rabastan hatte sie gesucht.

„Bella! Bella…"

Rabastan war an Bellatrix´ Seite, drehte ihren Körper vorsichtig um und stützte ihren Kopf mit seinem Arm. Blut lief ihr aus Mund und Nase und sie röchelte schwach. Sie bekam kaum Luft. Ihr Körper zitterte und verkrampfte.

„Bella, hey", sagte Rabastan sanft und strich ihr vorsichtig Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Süße, tu mir das nicht an. Bleib bei mir, OK?"

Ein leichter Ruck fuhr durch Bellas Körper, dann würgte sie einen weiteren Schwall Blut hervor.

„Bella…"

„Rabastan", sagte sie schwach. „Rabastan, haben wir… gewonnen? Hat… der Dunkle Lord… gesiegt?"

Rabastan überlegte einen Moment, was er sagen sollte. Er sah auf und bemerkte den Potter- Jungen und seine Freunde. Die Leiche des Dunklen Lord wurde gerade fortgeschafft.

Er begegnete Bellatrix´ Blick. Ihre Augen waren nur halb geöffnet, ihr Blick seltsam leer.

„Ja, Bella, das haben wir." Er lächelte sie an. „Wir haben tatsächlich gesiegt. Der Dunkle Lord hat gesiegt."

Ein Ausdruck der Freude trat auf ihr Gesicht und sie lächelte schwach. „Wirklich?", fragte sie voller Hoffnung. „Ist das wirklich wahr?"

Rabastan nickte und streichelte ihr über die Wange. „Ja, Bella."

„Wo… wo ist… der Dunkle Lord?"

„Er wird gleich zu dir kommen", sagte Rabastan. „Er ist sehr stolz auf dich und das, was du heute Nacht geleistet hast."

„Dann… dann bin ich… glücklich…" Ihre Augen schlossen sich und ihr Kopf sank zur Seite. Ihr Körper erschlaffte in Rabastans Armen.

„Bella! Nein! Bella…"

„Bella? Was ist mit meiner Schwester?"

Es war Narcissa, die sich vorsichtig näherte.

„Tut mir so Leid, ich…", sagte Rabastan mechanisch. Er fühlte sich hilflos, unfähig und schuldig, dass er seiner Schwägerin nicht geholfen hatte. Er hätte etwas tun müssen, er hätte doch handeln müssen, er…

„Bella…" Narcissa sank neben ihm auf die Knie. Sie hatte Tränen in den Augen.

„Narcissa, ich… Ich habe es nicht geschafft, sie ist tot…"

„Ich weiß, Rabastan, ist schon gut", sagte Narcissa, während ihr Tränen übers Gesicht liefen. Sie legte trostspendend eine Hand auf seinen Arm. Hinter ihr näherten sich langsam Lucius und Draco. Lucius legte einen Arm um seine Frau.

„Rabastan…" Narcissa nahm Bellatrix und drückte sie an sich.

Als Rabastan sich erhob, hatte er kein Gefühl mehr für seinen Körper. Er kam sich vor, als wäre er innerlich leer. Alles schien so unbedeutend und nebensächlich zu sein. Es war ihm gleichgültig, dass um ihn herum, der Orden des Phönix war oder die Auroren vom Ministerium, die die verbliebenen Todesser festnahmen.

Er erblickte Hermine, die auf ihn zukam. Er spürte kaum, wie sie ihn umarmte. Er konnte ihre Geste nicht erwidern, er war zu gelähmt dafür.

„Es tut mir so Leid", sagte sie, ihr Kopf an seine Brust gelehnt. „So, so Leid, Rabastan."

Er schüttelte nur teilnahmslos den Kopf.

„Ich hab gehört, was du zu ihr gesagt hast", raunte Hermine. „Du hast sie angelogen, weil du sie nicht verletzen wolltest, oder?"

„Es war besser so", antwortete Rabastan und es kostete ihn große Kraft, zu sprechen. „Alles andere hätte sie… nur zerstört. Sie hätte es nicht verkraftet. So war sie glücklich, als sie ging."

„Lestrange…"

Hermine und Rabastan lösten sich voneinander. Ein Gruppe Auroren aus dem Ministerium umringten sie. Hermine geriet in Panik, als die Männer ihre Zauberstäbe erhoben.

„Wir müssen Sie festnehmen, Mr. Lestrange", sagte er der Auroren ernst. „Sie waren ein Todesser und haben Verbrechen im Namen von Du-weißt-schon-wem begangen. Sie müssen mit uns mitkommen. Wenn Sie das nicht freiwillig tun, werden wir zu drastischeren Methoden greifen müssen. Machen Sie es nicht schwerer, als es sein muss."

Rabastan schnaubte nur desinteressiert. „Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Aber ich werde nicht nach Askaban zurückgehen. Da werden Sie mich schon töten müssen."

„Nein!", schrie Hermine dazwischen und stellte sich schützend vor ihn. „Rabastan ist nicht böse, er hat uns geholfen! Er ist schon lange kein Todesser mehr!"

„Das mag sein, doch in der Vergangenheit war er einer der loyalsten Anhänger des Dunklen Lords. Noch dazu ist er ein flüchtiger Todesser aus Askaban. Wir müssen ihn festnehmen und ins Ministerium bringen, dann wird entschieden, was mit ihm passieren wird."

„Nein, das lasse ich nicht zu!", protestierte Hermine und Tränen rannen ihre Wangen hinab.

„Lassen Sie bitte", sagte Harry Potter. „Rabastan hat uns geholfen, ohne ihn hätten wir es nicht geschafft. Sie haben gesehen, was die anderen Todesser mit ihm gemacht haben."

„Schon, aber…"

Während sie diskutierten, bemerkte niemand, dass ein am Boden liegender, verwundeter Todesser sich vorsichtig aufrappelte.

„Ich werde mit Rabastan gehen!", sagte Hermine entschieden. „Sie werden ihn nicht nach Askaban schicken!"

Rabastan beachtete die Auroren nicht mehr. Sein Blick glitt über die Menge an Menschen, die sich in der Großen Halle aufhielten.

Er sah die Malfoys, die immer noch neben Bellatrix´ Leiche standen, er sah die Weasleys, die ihre Kinder erleichtert in die Arme schlossen und ihren verstorbenen Sohn betrauerten, er sah die zahlreichen Helfer, die sich um die Verwundeten aus der Schlacht kümmerten. Überall waren Schüler, Lehrer, Hauselfen, Zentauren, sie alle, die in der Schlacht gegen den Dunklen Lord gekämpft hatten.

Doch dann traf sein Blick den eines Mannes im schwarzen Umhang, der am Boden lag, und alles schien plötzlich in Zeitlupe zu laufen. Der Mann grinste ihn höhnisch an, schwang seinen Zauberstab und zielte genau auf Hermines Rücken. Ein blauer Lichtblitz surrte durch die Luft.

Im Bruchteil einer Sekunde reagierte Rabastan. Er packte Hermine wirbelte sie herum und stellte sich schützend zwischen sie und den Zauber. Etwas Heißes traf ihn genau in den Rücken, dann spürte er den Schmerz. Er schrie auf und taumelte nach vorne. Es stank nach verbranntem Fleisch, nach seinem eigenen verbranntem Fleisch.

Harry und die Auroren wussten nicht, was passiert war und sahen sich entgeistert um, auf der Suche nach der Quelle des Angriffs. Hermine starrte ihn entsetzt mit weit aufgerissenen Augen an und schlug vor Schreck die Hände vor den Mund.

„Rabastan, du hast… mich gerettet…"

Die Geschehnisse um ihn herum verschwammen plötzlich, er hörte dumpfe Schreie aus weiter Ferne. Das Letzte, was er sah, bevor ihn die Dunkelheit verschlang, war Hermine.