11.

„Guten Morgen, George!"

„Hallo."
Hermine stutzte. George hatte sich nicht einmal zu ihr gedreht. Seltsam.

„Wie geht's dir?", fragte sie weiter.

„Gut.", kam erneut eine äußerst knappe Antwort. George packte sich ohne sie eines Blickes zu würdigen eine Packung Knallbonbons und verschwand in der oberen Etage des Ladens.

Hermine stöhnte. Sie hatte sich nach ihren Ausbrüchen am Samstag wieder einigermaßen gefangen und sich fest vorgenommen, einfach so weiterzumachen wie bisher. So weit sie wusste, hatte George keine Ahnung, dass Teddy nicht der einzige Grund für ihr durchaus merkwürdiges Verhalten gewesen war. Am Sonntag hatten sie sich nicht gesehen und jetzt war es Montagmorgen. Wieso war George also so komisch? Auch nach einigen Momenten der reiflichen Überlegung viel ihr keine plausible Antwort ein. Vielleicht hatte es auch nichts mit ihr zu tun, sondern damit, dass Lee wieder in Irland was? Ja, das musste es sein!

„George?", versuchte Hermine es deshalb erneut, bekam aber nur ein „Hm?" zurück. „Ist Lee eigentlich wieder gut in Irland angekommen? Schade, dass ihr euch nicht mehr jeden Tag seht."

„Scheint so, aber du bist da bestimmt besser informiert als ich. Ich bin sicher ihr beiden habt genug Gelegenheit, euch in deiner Freizeit zu sehen."
Hermine verstand nicht, was er meinte, sie entschied, den Kommentar schlichtweg zu ignorieren.

„Ähm, okay? Aber ich bin auch froh, dass ich nicht ständig nach ihm sehen muss, um zu gucken, welchen Streich er mir als Nächstes spielen will.", startete Hermine einen weiteren Versuch das Ganze ein bisschen aufzulockern.

Nach einem weiteren wahrlich wenig kommunikativen „Hm." seinerseits gab sie auf. Hatte sie etwas falsch gemacht? Oder Lee? Merlin! Dieser Weasley machte sie wahnsinnig.

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Lee langweilte sich. Er vermisste seine Freunde und den Laden in der Winkelgasse schon nach einem Tag. Cian, der heute seinen ersten Tag hatte, machte sich nach anfänglichen Schwierigkeiten, erstaunlich gut darin, die Kasse zu bedienen. Alles, was Lee im Moment zu tun hatte, war die wenigen Kunden zu beobachten, die durch den Laden streiften, was ziemlich einfach war, da der Laden nur eine Etage hatte und recht übersichtlich war.

Er vermisste seine Freunde. Naja, seinen besten Freund und Hermine. Er war sich nicht sicher, ob Hermine ihn nach dieser Woche als einen Freund bezeichnete, deshalb wollte er nicht zu voreilig sein.

Gerade als er darüber nachdenken wollte, wie er das Hermine-George-Problem in Zukunft am Besten angehen sollte, bemerkte er Cian, der augenscheinlich doch noch nicht so gut mit der Kasse klarzukommen schien.

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„Hermine, wo bist du? Ich brauche dich an der Kasse!", seine Stimme erinnerte sie an Percy.

Sie eilte aus dem Hinterzimmer zur Kasse. „Ich bin hier, tut mir leid, ich habe hinten etwas gesucht."

„Naja, wenigstens bist du jetzt hier.", damit drehte er sich um, und bediente eine Kundin.

Hermine konnte über sein Verhalten nur den Kopf schütteln. Sie setzte ihr strahlendes Lächeln auf und wandte sich an den ersten Kunden in der Schlange. „Haben sie etwas passendes gefunden?"

Als Lee den Laden hinter Cian, der seine Mittagspause lieber in einem nahegelegenen Café verbringen wollte, schloss und ins Hinterzimmer verschwand, wartete eine kleine Eule auf ihn. Er gab ihr ein paar Krümel von seinem Sandwich und band ihr den Zettel vom Bein.

„Weißt du warum George so seltsam ist? Er ihr kurz angebunden und unfreundlich, hat noch nicht einen einzigen Witz gemacht. Und mich hat er heute nicht mal wirklich angesehen. Ich mach mir Sorgen. Hermine."

George unfreundlich? Im Laden? Das konnte Lee sich nicht vorstellen. Ihm fiel wirklich kein Grund für ein solches Verhalten seines besten Freundes ein.

„Nein," kritzelte er auf die Rückseite des Papiers. „Aber ich halte Augen und Ohren offen. Sag Bescheid, wenn es noch irgendwelche größeren Vorfälle gibt. Lee."

Er band der Eule den Zettel um, entließ sie durch das Fenster und widmete sich nachdenklich seinem Mittagessen.

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George hatte ungewöhnlich lange an der Ladentür rumhantiert, um sie für heute zu schließen, als er zurückkam, trat Hermine in seinen weg.
Er wich vor ihr zurück als wäre sie giftig. Wollte sich an der Wand an ihr vorbei drücken, doch Hermine war schneller. Sie schnitt ihm den Weg ab.

„Jetzt mal ehrlich George, was ist los?", fauchte sie.

45 Mal! 45 Mal war er heute ihrem Blick ausgewichen oder hatte ihr nur mit einem „Hm." geantwortet. Es reichte.

„Was?", noch immer mied er ihren Blick.

„Genau das!", gestikulierte sie wild. „Das meine ich! Du gehst mir aus dem Weg und vermeidest jeglichen Augenkontakt. Du antwortest, wenn überhaupt, nur knapp und den ganzen Tag hast du nicht einen einzigen lustigen Spruch von dir gegeben. Im Gegenteil! Du sahst aus als hättest du in eine Zitrone gebissen! Hab ich dir irgendwas getan?", fragte sie schließlich verzweifelt.

„Was?", fragte er erneut und sah sie zum ersten Mal an diesem Tag an. Sein Blick war sorgenvoll und verwirrt.

„Hab ich dir wehgetan? Oder dich beleidigt? Was habe ich getan? Sag es mir! Ich will es wissen und danach aus der Welt schaffen! Ein Percy reicht!"

„Ich bin nicht Per-"

„Doch, heute warst du es.", Hermine redete sich weiter in Rage. „Ich meine, wo ist dein Lachen geblieben? Und die Witze? Du hast mir ja nicht mal die Frisur versaut!"

„Ich dachte nicht, dass das noch angebracht ist, weil du-"

„Weil ich was, George? Sag mir doch einfach, was ich falsch gemacht habe, dann kann ich das aus der Welt räumen!"

„Ach Hermine, es ist doch nicht deine Schuld. Du hast wirklich nichts getan. Es ist nur..."

Hermine wartete, aber George brachte den Satz einfach nicht zu Ende. Mit Mühe hielt sie die Tränen zurück. Wann war sie eines dieser emotionalen Mädchen geworden, die sie immer nur belächelt hatte?

„Es ist nur was?", fragte sie leise.

„Als ob du das nicht selbst, am besten wüsstest. Ich meine, es ist im Grunde genommen nichts. Ich freue mich sogar für euch beide.", brummte George.

„Wer? Für mich und wen freust du dich, und warum? Wovon sprichst du gerade, George?"

Wütend und verletzt, aber auch verwirrt sah er sie an und schüttete den Kopf: „Ich dachte wirklich wir wären Freunde, Hermine. Gute Freunde. Ich dachte-"

„Wir SIND Freund-"

„ Und ich dachte du hättest wenigstens den Mut mir Bescheid zu geben."

„Bescheid worüber?"

„Ich meine, er ist mein bester Freund, Hermine! Und du erwähnst es nicht mit einer Silbe! Und er hat auch nichts gesagt!"

„Zum Teufel noch mal! Was meinst du?"

„Weißt du was? Eigentlich will ich gar nicht mehr darüber reden!" Er wollte sich an der Wand an ihr vorbei zu drücken, doch Hermine stellte sich ihm wütend in den Weg.

„Wir SIND Freunde. George wüsste das. Du kennst doch George? George Weasley, ein Rotschopf, voll von guten Ideen, immer einen guten Spruch auf der Zunge und ein Lächeln auf den Lippen? Ich weiß nicht, wohin du ihn verschleppt hast und auch nicht, wer da gerade vor mir steht. Aber du benimmst dich, wie der letzte Hinterwälder. Der richtige George redet keinen Unsinn und er kann mir sagen, was sein Problem ist, wenn es denn eins gibt! Aber weißt du was? Du musst gar nicht mehr mit mir darüber reden, weil ich nicht mehr mit dir rede. Fahr zu Hölle, George!"

Sie funkelte ihn mit Tränen in den Augen an. Er starrte sie mit offenem Mund an. Als er keine Reaktion zeigte, rauschte sie mit einem wütenden Schrei ins Hinterzimmer und verschwand im Kamin.

George starrte eine Weile auf die Stelle, an der Hermine noch vor Kurzem gestanden hatte, ehe auch er im Kamin verschwand.

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„Lee!", wütend trat er aus den Flammen, und eilte in den bereits abgedunkelten Verkaufsraum.

Lee und ein Junge, den George nicht kannte, standen an der Tür und blickten ihm erstaunt entgegen.

„Ich muss mit dir reden!", fuhr George Lee an.

„Beim Merlin! Sind Sie George Weasley?", staunte der Junge.

„Cian, dass ist kein guter Augenblick!"

„Ich bin ein großer Fan, Mr. Weasley!"

„Cian! Ich sagte bereits, dass das-"

George betrachtete den Jungen und bemerkte das pinke Namensschild an seinem Pullover. „Cian, richtig? Ich muss mit Lee sprechen, ich bin sicher, wir sehen uns ein anderes Mal. Wenn du uns also bitte allein lassen würdest?"

Cian strahlte übers ganze Gesicht und verschwand aus dem Laden.

„Ich kann das einfach nicht glauben, Jordan!"

„Was?"

„Ich kann nicht glauben, dass du das getan hast, und ich kann nicht glauben, dass du nichts gesagt hast. Du bist einfach verschwunden."

„Verdammt noch mal George, wer hat dir denn seinen Zauberstab in den Hintern geschoben? Was zur Hölle meinst du?"

Wütend fuhr sich George durch das Haar. „Was ist das mit euch beiden? Warum seid ihr nicht ehrlich zu mir? Du bist mein bester Freund, verdammt! Und dann tust du hinter meinem Rücken SOWAS!"

„Was habe ich deiner Meinung nach getan?"

„Hermine! Verdammt.", fauchte George. „Sie ist meine beste Freundin, Lee. Ich dachte es wäre klar, dass sie aus dem Spiel ist. So hat er bei uns doch immer funktioniert, oder war das für dich nur während der Schulzeit? Verdammt, du hast Fred damals, fast umgebracht, als er mit Angelina zu diesem Ball gegangen ist und dann hintergehst du mich genauso? Mal ehrlich, ich würde ja irgendwie damit klarkommen, aber ich fasse es einfach nicht, dass keiner von euch auch nur einen Ton sagt! Was soll das? Ich dachte, wir sind wie Brüder, Lee! Warum hast du das getan?"

Lee stand ihm gegenüber, die Fäuste wütend in die Seiten gestemmt, und sah ihn an als ob George, von einem anderen Stern käme. Zwischenzeitlich hatte er ein leises 'aaaaaaaah!' vernehmen lassen, als er verstanden hatte, was genau George meinte.

„Moment, moment! Du denkst ich habe etwas mit Hermine?"

George starrte ihn stumm an, und blinzelte ein paar Mal. „Hast du nicht?", fragte er schließlich erstaunlich kleinlaut.

„Nein.", stellte Lee mit einem Grinsen klar. „Aber wie kommst du darauf?"

George verzog das Gesicht. „Ich hab euch beide vor dem Pub gesehen. Sie ist gegangen, du bist ihr hinterher und ich wusste einfach nicht was los war. Dann hab ich euch beide gesehen."

„Was genau hast du gesehen?" Lee verzog das Gesicht. Er hatte eine böse Vorahnung.
„Ich hab gesehen, wie ihr euch gekü – Mensch, jetzt mach doch nicht so ein Gesicht!"

„Weißt du, es gibt einen Grund, warum ich so ein Gesicht mache. Ich kann nämlich nicht glauben, was für ein Trottel du bist!"

„Wa-"

„Hermine und ich haben uns nicht geküsst, !"
„Ich bin nicht nei-"

„Sie ist gegangen und hat geweint. Ich bin nur hinterher, um nach ihr zu sehen."

„Wies- Warum hat sie geweint?" All sein Ärger und seine Wut, waren mit einem Mal verschwunden.

Lee seuftze frustriert. „Kann ich dir nicht sagen."-"Wa-" „Ich hab' ihr versprochen, mit niemandem darüber zu sprechen. Und ich werd bestimmt nicht mit dir darüber reden, wir hatten erst einen Streit – und um ehrlich zu sein, hat mir das gereicht!"

„Wann habt ihr gestritten? Ich hab nichts davon mitbekommen."

„Ach, du bist gerade von dem Meeting mit Zonko zurück gewesen. Du weißt schon, als sie festgestellt hat, dass ihr Gesicht rot ist. Du bist gegangen und dann ist sie auf mich losgegangen. - Wie eine Furie ist sie auf mich los, sie hat mir fast die Nase gebrochen. Dann hat sie geschrien und ich habe sie zurück geschien, und dann haben wir beide, ähm -"

„Wenn du mir jetzt sagst, dass ihr euch geküsst habe, dann schwöre ich bei Merlin, dass ich dir so eine verpasse, dass seine Nase dein geringstes Problem ist!", er trat einen Schritt auf Lee zu.

„NEIN! Verdammt noch mal!", rief Lee und trat einen Schritt zurück. „Wir sind beide irgendwie explodiert, sie hat geweint und ich hab versucht sie ein bisschen zu trösten, dann ist sie gegangen. Und naja, am Abend gings ihr einfach immer noch nicht wirklich besser."

„Aber sie hat auf mich, den Eindruck gemacht, als wäre alles in Ordnung."

„Das solltest du auch denken. Verdammt George, du bist das Problem!"

„Wie meinst du das?", George schluckte. „Hat sie wegen mir geweint? Ist sie wegen mir gegangen?"

„Ja! Nein! Argh! Ich kanns dir nicht sagen!" nervös knetete Lee seine Finger. „Sieh mal, sie hat sich geschämt, weil ich das Produkt an ihr getestet habe und war natürlich ziemlich wütend auf mich. Dann kamen noch ein paar andere Dinge dazu, die ich dir nicht sagen darf. Du hast etwas gesagt, was sie ziemlich getroffen hat, und sie ist gegangen, weil sie nicht wollte, dass jemand sieht wie sie weint. Ich bin hinterher und hab sie in den Arm genommen. Das ist, was passiert ist, und ich weiß wirklich nicht, wie du aus einer Umarmung schließt, dass wir uns geküsst haben und auf einmal hinter deinem Rücken ein Paar sind, aber du hast da wirklich zu viel und falsch interpretiert, Kumpel."

„Scheiße!", war das Einzige, was George von sich geben konnte.

„Geht's dir gut? Du siehst aus, als wärst du nem Dementor begegnet."

„Hermine...", murmelte George und Lee begriff.

„Lass mich raten: Ich bin nicht die erste Person, die du mit deinen wirren Gedanken konfrontiert hast, oder?"

George schüttelte den Kopf. Wie konnte er nur so blöd sein? Er hatte sich Hermine gegenüber grauenvoll verhalten. Er hatte seine besten Freunde dumm angemacht, wegen etwas, was er sich offensichtlich falsch in seinem Hirn zusammen gesponnen hatte. Er fühlte sich schuldig. Er schämte sich. Er bereute, was er heute alles von sich gegeben hatte. Die beiden mussten ihn hassen.

„Ich hasse dich nicht, George." Lee kannte George einfach viel zu gut, um nicht zu wissen, was er gerade dachte. „Du hast das einfach nur falsch verstanden, aber was Hermine angeht-"

„Ich muss mit ihr reden!", George sprang auf. Und eilte ins Hinterzimmer.

Lee folgte ihm. „Viel Glück, Kumpel! Aber vielleicht, legst du besser einen Schildzauber auf dich, ich will sich nachher nicht zusammen puzzeln."

Vielleicht gar keine schlechte Idee, dachte George. Er winkte zum Abschied und griff nach dem Flohpulver auf dem Sims.

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