Hallo an alle! Hier ist die nächste Folge meiner Übersetzung einer französischen FF von Alixe: Le choix de Lord Voldemort. Ich hoffe, sie wird euch genau so gut gefallen wie mir.
Disclaimer: Wie immer gehören die Zaubererwelt und ihre Charaktere und Orte nur zu J.K. Rowling. Das Konzept von mehreren Harrys, die sich treffen, kommt aus der Schreibgemeinschaft lesneufmondes. Natürlich verdienen Alixe und ich nichts damit.
Spoilers: Die ersten sechs Bände von Harry Potter.
Anmerkung von Alixe: Jene, die meine FF Der Andere schon gelesen haben, werden bemerken, dass es sich um die gleiche Idee handelt. Doch selbst, wenn einige Dinge gleich sind – wie zum Beispiel meine Sicht der Welt des anderen Harrys –, sind beide Geschichten voneinander unabhängig. Die Geschichte beginnt am 2. August 1997, zwei Tage nach Harrys siebzehntem Geburtstag.
Die Entscheidung von Lord Voldemort:
Kapitel 2: Gartenpflegelektion:
Kaum hatte Harry die Zeit, sich von seinem Staunen wieder zu fassen, als ein Hund aus dem Haus sprang und mit dem Schwanz wedelte. Zuerst schien das Tier glücklich zu sein ihn zu sehen. Dann beschnüffelte er ihn überrascht und nahm eine wehrende Stellung ein. Schließlich bellte er den jungen Mann aggressiv an, der eilig nach hinten schreiten musste und dabei seinen Zauberstab aus seiner Tasche heraus zog, was den Hund im Zaum zu halten schien.
Das ist nicht lustig, wollte er zu dem schreien, der für all das verantwortlich war.
„HARRY!", schrie eine schrille Stimme. „Was hast du ihm jetzt wieder angetan?"
Eine Vierzehnjährige rannte vom hinteren Teil des Hauses herbei. Sie hatte dunkelbraune Haare, die trotz ihrer Haarspangen ungezähmt blieben, und ihre braunen Augen glänzten vor Wut.
„Überhaupt nichts!", erwiderte er und dachte dabei, dass er immer beschuldigt wurde, egal, wo er sich befand.
„Das stimmt, Rose", griff Lily ein. „Nimm lieber Titus zurück, bevor dein Bruder dazu gezwungen wird, sich mit einem Aguamenti zu verteidigen."
Harry, den die Vorstellung reizte, musste sich zwingen, den Hund nicht sofort zu bespritzen. Das Mädchen warf ihm noch einmal einen vernichtenden Blick zu, bevor sie den Hund ergriff, der weiter in seine Richtung knurrte. Schließlich ging sie weg und sagte zierend:
„Armer Titus, ist er wieder böse zu dir gewesen? Erzähle deiner Mama, was dir der böse Junge angetan hat."
Eine junge Mrs Figg! dachte Harry vor sich hin. Das ist nicht lustig! schrie er erneut in seinem Kopf.
Sobald das Mädchen verschwunden war, drehte sich Lily zu ihm um.
„Bist du sicher, dass du diesem armen Tier nichts angetan hast, bevor wir heute Morgen abgereist sind?"
„Natürlich!", rief Harry empört aus.
Zum einen Mal war er ja sicher, dass nicht er daran schuld war!
„Gut, alles klar. Ich werde meine Notizen in meinem Arbeitszimmer studieren. Versuche bitte, deine Schwester bis zum Abendessen nicht zum Wahnsinn zu treiben."
Und darauf betrat sie das Haus. Er zögerte: Wie sollte er sich verhalten? Sie hatte ihn nicht dazu angestiftet, ihr herein zu folgen, aber es entzückte ihn nicht besonders, im Garten zu bleiben, wo die Furie und ihr Hofhund herum spazierten. Er fragte sich, was diese ... Schwester ... meinte. Zwar hätte er eine bekommen können, wenn seine Eltern gelebt hätten. Warum zeigte man es ihm? Was konnte ihm eine hypothetische Schwester beibringen?
Er ging die Stufen der Vortreppe hinauf und betrat das Haus. Drinnen war es geräumig. In diesem Haus spürte man einen gewissen Reichtum, jedoch ohne Eitelkeit, eine Art Gentleman-Farmer-Stil. Schüchtern schritt er nach vorne.
„Harry!", rief Lily, was ihn aufschrecken ließ. „Deine Sachen sollen im Wohnzimmerkamin liegen. Wenn sie immer noch da sind, wenn dein Vater kommt, so schwöre ich dir, dass ich alles verbrenne."
„Okay!", schrie er als Antwort und fragte sich dabei, ob ihn der Erschaffer dieses verrückten Traums davor warnen wollte, ein echtes Familienleben zu idealisieren.
Er schob eine beliebige Tür auf. Es war ein Speisesaal. Ein Hauself mit einem zierlichen gestickten Lappen war beinahe damit fertig, den Tisch aufzudecken.
„Verzeihung", sagte Harry verlegen.
„Es ist bald fertig, junger Herr", sprach das Geschöpf und verbeugte sich tief zum Grüßen.
„Ach, hm, perfekt", stotterte Harry und ging eilig hinaus.
Er versuchte mit etwas mehr Vorsicht die Tür gegenüber. Er sah durch den leicht geöffneten Türspalt: Da entdeckte er ein Sofa, einen niedrigen Tisch und die Ecke eines Kamins. Er trat ein und erblickte sofort darin einen dicken, mit Ruß bedeckten Ballen. Er zog ihn zu sich und fragte sich, was er damit tun sollte. Was, wenn das Indiz, nach dem er verzweifelt suchte, darin versteckt wäre?
Er kniete sich auf den Boden und zog die Stoffteile auseinander, ohne sich um den grünen Staub zu kümmern, der ihn hüsteln ließ. Er blinzelte, als er die verschiedensten Gegenstände sah, die auf seine Knien glitten: Mehr oder weniger gut gefaltete Zaubererumhänge, Unterwäsche, Schokofroschkarten, Briefstapel, ein etwas ausgelaufenes Tintenfass, eine zerknitterte Zeitschrift mit einer anzüglich lächelnden Hexe auf der ersten Seite, Handschuhe aus Drachenleder, ein hm ... sehr schmutziges Ding, umgeknickte Schulbücher, einige Valentinskarten, die an ihn geschrieben waren ...
Neugierig las er sie durch: „An meinen Schnuckiputz" (Hannah); „An den Schönsten von Allen" (Parvati); „Nur, um dir zu sagen, dass du dieses hochmütige Lächeln verschwinden lassen solltest" (Ginny).
Er brach in lautes Gelächter aus.
„So etwas höre ich gerne, wenn ich abends nach Hause zurückkehre!", rief eine fröhliche Stimme aus.
Er drehte sich um. James stand an der Türschwelle und lächelte ihm warm zu. Harry konnte kein Wort herausbringen und starrte ihn einfach an. Sein Vater ... Auch er ist einige Jahre älter geworden, merkte er.
„Weißt du, wo deine Mum ist?", fragte der Mann.
„Hm... Ach ja, sie hat mir gesagt, dass sie in ihr Arbeitszimmer wollte", antwortete Harry eilig, als er sich daran erinnerte, wie er sich verhalten sollte.
„Danke. An deiner Stelle", fügte er mit einem verschwörerischen Ton hinzu, „würde ich all das schnellstens in mein Zimmer legen. Ich vermute, dass es diese vergessenen Sachen sind."
Harry, der wieder nicht mehr reden konnte, nickte einfach.
„Hey, schläfst du?", staunte der Mann.
Mit einer geschickten Bewegung seines Zauberstabs sammelte er alle auf dem Boden zerstreuten Sachen ein.
„Nun, bring das schnell nach oben, während ich deiner Mutter Hallo sage."
Harry nahm den Ballen und folgte James die Treppe hinauf. Als sie den ersten Stock erreicht hatten, schob ihn der Mann freundlich in Richtung seines Zimmers – so hoffte Harry zumindest. Dann ging er die engere Treppe hoch, die zum nächsten Stock führte. Zweifellos lag das Arbeitszimmer da.
„Und zieh dich vor dem Abendessen lieber um", riet ihm James, bevor er aus seinem Sichtfeld verschwand. „Ich fühle mich deprimiert, wenn ich dich in deiner Schuluniform sehe."
„Das war die Einzige, die zu ihm passte", präzisierte seine Mutter über ihnen durch den Dachboden. „Alles andere war in Hogwarts geblieben!"
„Das wissen wir doch bereits", sagte ihr Mann seufzend, bevor er dem Jugendlichen zublinzelte und die Treppe hinauf stieg.
Harry schob irgendeine Tür auf. Es war das Badezimmer. Hinter der nächsten Tür fand er einen Raum, dessen Wände mit belebten Postern von Quidditchspielern bedeckt waren. Der Vorteil davon, Anhänger von Eintracht Pfützensee eher als von den Chudley Canons zu sein, freute er sich, ist, dass man nicht den Eindruck hat, in einem ständigen Sonnenuntergang vertieft zu sein.
Er legte den Ballen auf den Boden und beeilte sich, dem Gebot seines 'Vaters' zu gehorchen. Er ergriff irgendeinen Umhang. Er zog auch seine Schuhe und seine Socken um, weil sie vom Staub des Friedhofs befleckt worden waren und Lily dieses Detail höchstwahrscheinlich bemerken würde.
Als er sich im Spiegel des Schranks ansah, schien ihm, dass er schöner aussah als sonst. Es war schon was, einen gut geschnittenen Umhang anzuhaben, der auch fröhlicher wirkte als der, den er anziehen musste, wenn er im Unterricht war.
Er hörte wie jene, welche die Rolle seiner Eltern spielten, hinunter gingen, und vermutete, dass er auch so handeln sollte.
„Danke, dass du dich für uns etwas schön gemacht hast", lächelte ihm die Frau zu, als er den Flur betrat.
„Und ich sehe, dass du die Socken angezogen hast, die dir Sirius gestern geschenkt hat", bemerkte der Mann in einem amüsierten Ton.
Sirius? Wie viele Tote soll ich denn noch treffen oder getroffen haben? fragte sich Harry, bevor er den unteren Teil seines Zaubererumhangs hinauf zog, um seine Socken zu betrachten. Als er sie angezogen hatte, zeigte jede von den beiden einen schlafenden schwarzen Hund. Er hatte dabei gedacht, dass so ein Motiv ziemlich dumm aussah, aber er war zu faul, wieder vom Bett aufzustehen, nachdem er sich gesetzt hatte.
Jetzt waren beide Hunde wach. Jener, der seinen linken Schienbein schmückte, machte Männchen und blinzelte ihm zu, während sein Schwanz mit so viel Enthusiasmus in die Luft schlug, dass er dabei leicht schwankte. Jener, der rechts saß, schenkte ihm keine Aufmerksamkeit, weil er zu beschäftigt damit war, sich gründlich zu putzen.
„Oh!", sagte Harry einfach und spürte, wie ein nervöses Gelächter zu erklingen drohte. Zumindest das ist lustig, gestand er.
Eines war sicher. Voldemort hatte mit dem, was ihm gerade geschah, nichts zu tun.
Harry blickte erneut zu seinen Beinen. Der linke Hund hatte sich zusammen gerollt und der rechte Hund kratzte sich fleißig am Ohr. „Sirius", hatte James gesagt. Ja, das passte gut zu ihm! Harry ließ den Stoff seines Umhangs – und damit einen züchtigen Schleier auf seine gehende Hundehütte – herunter fallen. Er hörte, wie sein Vater herzlich lachte und sah, wie seine Mutter ihm mild zulächelte.
„Gestern Abend habt ihr euch ja prächtig verstanden!", rief James aus und zerzauste liebevoll das Haar des jungen Mannes.
„Oh, mein Schatz, was hast du auf der Stirn?", fragte Lily und starrte die Stelle an, die wegen James' Hand frei von Haaren war.
Harry fragte sich, wie er auf diese Frage antworten sollte, während er seine Haarlocke instinktiv auf seine Narbe zurücklegte.
„Du bemühst dich ja sehr, sie zu verstecken", ärgerte sich Lily. „Was für eine Dummheit hast du noch angetan? Sieh mich nicht so an. Du glaubtest doch nicht, dass du sie mir bis zum Ende der Ferien würdest verhüllen können!"
„Es sind ja eben Ferien!", griff James ein. „Lass ihn sich ein bisschen erholen. Und lassen wir Minerva die disziplinarischen Probleme in Hogwarts einschätzen. Wenn wir keine Eule bekommen haben, so sollte es ja nicht so ernst sein!"
Roses Ankunft, die mit ihrem Hund vom Garten herkam, lenkte Lilys Aufmerksamkeit ab:
„Nein, Schatz, es kommt überhaupt nicht in Frage, dass er in den Speisesaal geht. Totsy wird ihm sein Fressnapf in der Küche geben", sagte sie streng.
James wandte sich zum Speisesaal und Harry folgte ihm eilig und hoffte dabei, dem inquisitorischen Blick jener 'Mutter' zu entkommen, die in seinem Traum erschienen war.
Der Hauself, dem Harry schon begegnet war, fing an zu bedienen. James sprach von einem Künstler, der Gemälde viel versprechend verzauberte. Nach Lilys Antworten glaubte Harry zu verstehen, dass der Mann junge Unternehmer oder Künstler finanzierte.
Sie selbst meinte, dass ihre Recherchen gut weiter gelaufen seien und dass sie in den Werken, in denen sie in Hogwarts nachgeschlagen hatte, interessante Hinweise gefunden habe. Was Rose betraf, schien sie, mit ihrem dritten Jahr in Hogwarts gerade fertig zu sein. Sie drängte sehr darauf, dass man ihr ein Schlagholz kaufte, damit sie im nächsten Jahr dem Quidditchteam würde beitreten können.
Der junge Mann sprach kein einziges Wort, hörte dem Gespräch zu und hoffte immer noch zu verstehen, warum er da war. Entmutigt vom Mangel an interessanten Sachen in allem, was er gehört hatte, lehnte er den Vorschlag ab, nach dem Abendessen mit seinen Eltern und seiner Schwester ins Wohnzimmer zu gehen. Nach dem, was während des Essens gesagt worden war, schätzte er es als interessanter, das genauer zu betrachten, was er von Hogwarts mitgebracht hatte.
Als er die Treppe hinaufstieg, hörte er, wie Lily ausrief:
„Was hat er denn heute Abend? Er hat kein einziges Wort gesprochen!"
„Du hast ihn seinen ersten Ferientag mit Arbeit verbringen lassen", bemerkte James. „Man kann ja verstehen, dass er ein bisschen schmollt."
„Wir müssen ihn ja dazu bringen, dass er ein bisschen reifer wird!", verteidigte sich Lily.
„Er hat ja noch Zeit dafür", antwortete James.
Ein seltsames Gefühl überkam Harry: Er verspürte gleichzeitig Lust zu lachen und zu weinen. Er war von dieser Art des Mutterseins erstaunt. Zwischen Tante Petunias Gleichgültigkeit und Mrs Weasleys Überschutz hatte er nie eine mütterliche Anwesenheit gekannt, die sich um seine Erziehung sorgte und sich gleichzeitig darum bemühte, ihn nicht als Kind zu betrachten.
Und welch ein Unterschied zwischen Dumbledore, der soviel von ihm erwartete und der liebevollen Milde, die er in James' Stimme gehört hatte. Dies sind die Eltern, die ich hätte haben sollen, begriff er. Wer kannte sie aber gut genug, dass er sie mir zeigen könnte?
OoOoO
In seinem Zimmer betrachtete Harry sehr genau die Sachen, die er dort fand. Sehr schnell legte er die Kleidungsstücke beiseite, die er für uninteressant hielt. Er legte sie in den Schrank und las die Briefe durch. Davon gab es eine ganze Reihe mit der Unterschrift 'Mum', welche Anekdoten erzählten, die während des Schuljahrs passiert waren. So verstand er, dass Sirius in diesem seltsamen Ort verheiratet und Vater einer Tochter war, dass Remus im Ministerium arbeitete und Peter in einem Tiergeschäft in der Winkelgasse.
Außer den Valentinskarten waren auch viele Liebesbriefe da, die mehrere Mädchen der Schule an ihn geschrieben hatten. Er las sie flüchtig durch, da er den Eindruck hatte, die Intimität eines anderen zu entweihen. Er entdeckte auch etwas, was er als Produkte der Weasley-Zwillinge erkannte und daher vorsichtig behandelte.
Um vier Uhr morgens hatte er alle Dokumente gelesen, die er gefunden hatte, alle Schränke durchsucht, alte Sachen aus den Schubladen ausgegraben und er hatte immer noch nicht den Eindruck, dass er irgendeine wesentliche Information gefunden hätte.
Er hatte nichts vor Augen als die Spuren vom Leben eines überglücklichen jungen Mannes: Aufmerksame und liebende Erwachsene in seiner Umgebung, ein Sozial- und Liebesleben, das viel besser gelungen war als das Seinige, eine enge Freundschaft zu Neville Longbottom, dessen zahlreiche lustigen und spöttischen Anmerkungen er auf seinen Büchern und seinen Hausaufgaben gefunden hatte.
Wenn es ist, um mir zu beweisen, dass Liebe wunderbar ist, alles klar, ich habe verstanden, sagte er zu dem, den er sich als jener vorstellte, der all das angestellt hatte. In jenem genauen Augenblick verdächtigte er besonders Dumbledore. Gut, und jetzt? Wie kehre ich nach Hause zurück? Sie kennen mich, Professor, ohne Hermine bin ich dazu unfähig, das zu verstehen, was Sie mir erklären wollen...
Keine Antwort.
Fantastisch, ich rede gerade mit mir selbst. Ich werde schließlich noch in St-Mungo landen!
Er setzte sich erschöpft auf das Bett und gähnte. Da hatte er einen plötzlichen Einfall.
Natürlich! Ich werde einschlafen und in Hogwarts wieder erwachen!
Da er es eilig hatte, aus dieser Illusion zu kommen, die kein Ende fand, legte er sich hin, ohne sich darum zu bemühen, seinen Umhang auszuziehen und ließ sich von Morpheus wegbringen.
OoOoO
Ein Gewicht auf seinem Magen und eine weibliche Stimme, die seinen Namen rief, weckten ihn plötzlich. Er machte die Augen auf und blickte in ein schelmisches Gesicht. Nach einigen Sekunden Verwirrung erinnerte er sich wieder und er begriff:
„Scheiße, ich bin immer noch da!"
„Du wolltest früher aufstehen?", fragte Rose. „Dann hast du's nicht geschafft. Es ist schon zehn Uhr und Mum hat mir gesagt, ich soll dich wecken."
Er richtete sich mit Mühe auf und versuchte zu verstehen, aus welchem Grund diese Halluzination trotzdem weiterlief. Er hatte Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, während das Mädchen weiter schwatzte:
„Bist du voll angezogen eingeschlafen? Mum wird nicht froh sein, wenn sie es erfährt. Beeile dich, dich zu waschen, Totsy deckt das Frühstück gleich ab."
Immer noch schlaftrunken ergriff Harry saubere Kleidungen und ging ins Badezimmer. Während er duschte, fragte er sich, wie er sich verhalten sollte. Sollte er versuchen, nach Hogwarts zurück zu reisen, um den Raum wieder zu finden, der ihn das Bewusstsein hatte verlieren lassen?
Nein, das war dumm. Wenn er träumte, war es egal, wo er in seinem Traum zu sein glaubte, da sein Körper Hogwarts nicht verlassen hatte. Und was, wenn er nicht träumte? Diese Vision machte einen Eindruck der Wirklichkeit, von dem sich keiner seiner Träume je genähert hatte... bis auf jene, wo er in Voldemorts Geist gewesen war.
Warum würde ihm Voldemort die Vision der Familie geben, die er hätte haben sollen? Es stimmte, dass er im Gegensatz zu Dumbledore fest davon überzeugt war, dass Liebe eine Schwäche war. Glaubte er Harry zu schwächen, indem er ihm zeigte, was ihm das Leben verweigert hatte? Es war unverständlich. Und außerdem überzeugte ihn diese Geschichte mit den Hundesocken davon, dass Voldemort darin nicht einbezogen sein konnte.
Socken. Es brachte ihn eher zu Dumbledore zurück. Ich habe es satt, dachte Harry sehr laut. Hören Sie mit dieser Maskerade auf, ich verstehe nichts davon, ich hab's Ihnen schon gesagt!
Sobald er angezogen war, ging er zum Speisesaal herunter in der Hoffnung, dass er dort etwas finden würde, um seinen Magen zu füllen, da er verhungerte. Und tatsächlich war der Tisch noch nicht abgedeckt. Darauf standen Becher, die warme Getränke enthielten und Schüsseln unter Glocken, die nach ihrem Duft zu schließen Eier und Würste enthalten sollten.
Rose saß da und trank Schokolade aus ihrem Becher. Er hob einige Glocken und bediente sich reichlich. Als er anfing, seinen Tee zu trinken, verzog er ein wenig das Gesicht, da er sich dessen bewusst wurde, dass das Getränk kaum lauwarm war.
„Du trinkst ihn kalt?", staunte das Mädchen.
Nach einigen Sekunden Unentschlossenheit zog er seinen Zauberstab aus seiner Tasche und sprach einen Erwärmungszauber. So war es viel besser. Er hatte seine Toaste kaum aufgegessen, als Lily den Kopf durch die Türöffnung steckte.
„Ich gestalte den Garten neu, interessiert es jemand?"
„Dürfen wir dir helfen?", fragte Rose.
„Ja, aber keine Ausschweifung! Ich will nicht, dass das Ministerium über uns herfällt."
Das Mädchen ließ es sich nicht zweimal sagen und sprang von ihrem Stuhl auf.
„Kommst du, Harry?", fragte die Frau.
Ziemlich neugierig folgte ihnen Harry nach draußen. Der Hund Titus empfing sie rasend, was Rose und Lily betraf und vorsichtiger, was Harry betraf. Als er sicher war, dass der Hund auf sein kriegerisches Verhalten verzichtet hatte, nahm sich der junge Mann Zeit, um den Garten vor dem Haus zu betrachten. Er war ziemlich groß und wie ein typischer englischer Garten angeordnet, das heißt üppig und ohne sichtbare Ordnung.
„Ich vermute, dass ihr eine leere Fläche für Quidditch wollt", fing Lily an. „Da, wie letztes Jahr?", fragte sie und zeigte zu einer Ecke.
„Ich würde gerne einen kleinen Gemüsegarten haben", sagte Rose.
„Wenn du willst", nahm ihre Mutter an. „Und du, mein Schatz?", fragte sie Harry.
„Wie gewöhnlich", antwortete er verlegen.
„Quidditch ist für dich genug", drückte Lily es aus. „Gut, jetzt geht's los. Ich werde den Teich und die Stockrosen ein bisschen beiseite legen. Rose, ich lasse dich die Tulpen davon überzeugen, neben das Haus zu gehen. Harry, willst du bitte die Gartenhütte nach hinten gehen lassen, damit sie neben dem Teich bleibt? Und passe gut darauf auf, diesmal die Frösche nicht zu zermalmen!"
Harry fragte sich, wie er das tun sollte. Zum Glück stellte sich Rose vor die Tulpen und sprach die angemessene Zauberformel deutlich aus, während sie mit ihrem Zauberstab eine breite Bewegung machte. Gefällig zogen die Blumen ihre Wurzel aus dem Erdboden und watschelten zum Haus. Sie schüttelten sich, bevor sie sich wieder neben die Mauer in einer Reihe pflanzten.
Harry erblickte eine Hütte und machte den Zauber nach, den er gerade hatte wirken sehen. Die Hütte sprang leicht nach hinten und Titus der Hund fing an, bellend herumzulaufen.
„Sehr gut, mein Schatz", nickte Lily. „Es sieht so aus, als wärst du dieses Jahr etwas genauer geworden. Noch ein bisschen nach Rechts, bitte."
Harry begriff schnell, wie man es tat und amüsierte sich, Lily bei der Gartenpflege zu helfen. Als die Hütte an der richtigen Stelle stand, bewegte er eine Eiche, dann eine ganze Reihe Liguster. Bald stand ihnen am Ende des Gartens ein von Bäumen umgebenes freies Feld zur Verfügung. Was die Bewohnerinnen des Teichs betraf, die von ihrem gezwungenen Almauftrieb aufgeregt waren, quakten sie empört.
Während Rose mit Titus spielte, fing Lily an, ein bisschen zu jäten und Harry half ihr gerne und kriegte dabei ein Lächeln, das ihm das Herz erwärmte. Sie arbeiteten in einer angenehmen Stille, die nur von den Zaubern unterbrochen wurde, die sie wirkten. Harry mochte die Aktivität sehr und schätzte sie als erholsam. Als sie Lily alleine ließ, um sich wieder an ihre Arbeit zu setzen, drehte sich Harry zu Rose um, die jetzt enthusiastisch mit einem Stock nach einem Klatscher schlug.
„Warum verwandelst du ihn nicht in einen Schlagholz?", fragte Harry.
„Du weißt es genau. Mum hat keine Ahnung davon, wie ein richtiger Schlagholz aussehen soll und ich darf während der Ferien keine Verwandlung wirken", murrte sie.
Harry fragte sich, ob das Verbot auch für ihn gültig war. Immerhin war er zwei Tage vorher siebzehn geworden.
„Willst du, dass ich es für dich tue?", schlug er vor.
„Um einen Juxholz zu bekommen, nein, Danke."
„Ich verspreche dir, dass ich dir keinen Streich spiele", antwortete Harry und lächelte, da er sich an die Zauberstäbe erinnerte, die von den Weasley-Zwillingen erschaffen worden waren.
„Wenn du mir einen üblen Streich spielst, dann werde ich es dich bitter bereuen lassen", warnte ihn Rose, die offensichtlich sehr misstrauisch war.
„Alles klar, ich habe verstanden."
Nachdem er den Klatscher verzaubert hatte, damit er ihnen fern blieb, nahm er das Holzstück, konzentrierte sich und gab dem Mädchen den verbesserten Gegenstand zurück. Letztere wog ihn mit der Hand ab und übte in der Luft damit:
„Es sieht gar nicht schlecht aus", gab sie zu, bevor sie weiter trainierte.
Harry fragte sich, wo sie den Klatscher hergenommen hatte, als er einen offenen Kasten voller Quidditchbälle neben der Gartenhütte sah, deren Tür ein bisschen aufgemacht war. Er näherte sich der Hütte und blickte hinein. Man hatte dort vier Besen und ein ganzes Durcheinander geräumt.
Er dachte, dass der Harry, den er verkörperte, zweifellos einen davon nehmen würde, um zu trainieren, den Schnatz zu fangen. Er erstarrte. An diesem Morgen war er zu beschäftigt gewesen, dass er sich Fragen stellen konnte, aber er verstand, dass er an diese Geschichte einer Vision nicht mehr glaubte.
Die Dinge waren zu realistisch. Er erinnerte sich an den Erdgeruch, der in der Luft gelegen hatte, als die Pflanzen bewegt worden waren, ans Saugegeräusch des Teichs, als er sich zu seiner neuen Stelle bewegte, an den frischen Wind, der aufgekommen war, während sie arbeiteten und ihre von der Sonne erwärmten Körper erfrischt hatte.
Er sah die Menge von Pflanzensorten im Garten der Potters, die etwa hundert Briefe wieder, die er während der Nacht entziffert hatte. Er sah in seinem Geist das Verhalten aller Leute wieder, die ihn umgaben: Lily, gleichzeitig fordernd und liebevoll, James, unbeschwert und schnell auflachend und dann sehr ernst über Finanzinvestment während des Abendessens am vorigen Tag sprechend und die junge Rose, die sich darum bemühte, einem Bruder zu imponieren, der sie offenbar öfters stichelte. Und der Hund, der ihn nicht als ein Mitglied der Familie wieder erkannte.
Und er? Er wurde sich dessen bewusst, dass er sich seit seiner Ankunft darum bemühte, im Geiste eines anderen zu handeln und versuchte, seine Umgebung mit einem unangemessenen Verhalten nicht zu schockieren. War er tatsächlich ins Leben von Leuten eingebrochen, die wirklich existierten? Hatte er die Stelle ihres Sohnes übernommen? Existierte ein anderer Harry Potter, der ein anderes Leben gehabt hatte als er? Lebten also seine Eltern in einer anderen Realität?
Oder war es seine Realität, die sich geändert hatte? Hatte sein Leben plötzlich einen anderen Weg genommen und bot sich ihm ein neues Leben?
Nein, er war nicht der Sohn jener Leute. Er hatte immer noch seine Narbe im Gegensatz zu jenem anderen, dessen Stelle er genommen hatte. Er war der, der er immer gewesen war, nur an einem anderen Ort. An einem Ort, an dem dieses Ereignis, das ihm diese Narbe gegeben hatte, nicht geschehen war.
Wo ist also der narbenlose Harry? fragte er sich. Hat er meine Stelle übernommen? Er erstarrte, als er daran dachte. Was er von ihm wusste, beruhigte ihn nicht über sein Schicksal. Dieser Junge mit einem einfachen Leben hatte in seiner Welt keine Chance. Nicht mit Voldemort, der versuchte, ihn um jeden Preis zu töten.
Was sollte er tun? Lily und James davon benachrichtigen, dass ihr Sohn in Gefahr war? Mit ihnen nach Hogwarts zu reisen, um zu tauschen? Er blickte zum Mädchen, die sorgfältig ihren Klatscher schlug. Er stellte sich vor, wie er ihr enthüllen würde, dass er aus einer anderen Realität kam und dass keiner wusste, wo sich ihr Bruder befand.
Sie würde ihn verspotten. Sie würde glauben, dass es ein übler Scherz war, das sah er schon voraus. Und James und Lily würden auf die gleiche Weise reagieren, davon war er überzeugt. Wie konnte er es ihnen erklären? Würde seine Narbe genügen, sie zu überzeugen?
„Was für einen Ausdruck!", meinte Rose, die ihn jetzt betrachtete.
Er sah sie an, ohne zu antworten, da er immer noch zögerte, wie er sich verhalten sollte.
„Heute Morgen bist du seltsam", erklärte sie.
An jenem Moment kam der Klatscher zu ihnen zurück und sie schickte ihn mit einem mächtigen Schwinger wieder zum Haus.
„Du hilfst dir gut heraus", bemerkte Harry.
„Ich will so gut sein, dass du mich nächstes Jahr im Team nicht mehr ablehnen kannst. Peakes fehlt völlig an Präzision in seinen Schlägen."
„Das stimmt", gestand Harry. „Warum trainierst du nicht auf dem Besen? Es wäre effizienter, oder?", fragte er.
„Ich wärme mich zuerst auf", antwortete sie schroff und war nun auf der Hut.
Harry wagte nicht mehr, irgendwas zu sagen. Die Beziehung zwischen der Jugendlichen und ihrem Bruder schien ziemlich konfliktreich zu sein, ein bisschen wie die zwischen Ron und Ginny. Es tat ihm weh, an sie zu denken.
Hatten seine Freunde bemerkt, dass er verschwunden war? Machten sie sich Sorgen um ihn? Er hoffte, dass sie nicht dachten, er hätte sie verlassen. Wie würde er nach Hause zurückkehren können? Er musste unbedingt ein Mittel finden, die Erwachsenen hier davon zu überzeugen, dass er ernst war, wenn er seine wirkliche Identität enthüllen würde.
Rose ging an ihm vorbei und betrat die Hütte. Sie kam davon mit einem Nimbus Zweitausendeins, stieg darauf und fing wieder an, in den tosenden Ball herzlich zu schlagen. Gedankenverloren betrachtete Harry das Mädchen und schrie ihr zu:
„Du musst versuchen, den Weg des Klatschers vorherzusehen! Hier bist du an der falschen Stelle, um ihn zu kriegen."
„Dann zeige es mir, wenn du so begabt bist", erwiderte Rose zu ihm.
Warum nicht, dachte Harry. Fliegen hat mir immer geholfen, klar zu denken.
Er zögerte nur einen Augenblick, als er seinen Besen in der Remise wählen musste. Es blieben zwei Kometen gegen die Wand und ein Nimbus Zweitausend, der offensichtlich viel gedient, aber zumindest nicht in der Peitschenden Weide seinen Dienst beendet hatte. Er seufzte vor Glück, als der Besen dem Impuls seiner Beine gehorchte und zum Himmel stieg.
Und das war's für heute! Was kommt nächste Woche? Ein Denkarium, neue Gespräche und eine Entscheidung. Schöne Woche an alle!
