Hallo an alle! Hier ist die nächste Folge meiner Übersetzung der französischen FF von Alixe: Le choix de Lord Voldemort. Ich hoffe, sie wird euch genau so gut gefallen wie mir.

Disclaimer: Wie immer gehören die Zaubererwelt und ihre Charaktere und Orte nur zu J.K. Rowling. Das Konzept von mehreren Harrys, die sich treffen, kommt aus der Schreibgemeinschaft lesneufmondes. Natürlich verdienen Alixe und ich nichts damit.

Spoilers: Die ersten sechs Bände von Harry Potter.

Anmerkung von Alixe: Jene, die meine FF Der Andere schon gelesen haben, werden bemerken, dass es sich um die gleiche Idee handelt. Selbst, wenn einige Dinge gleich sind – wie zum Beispiel meine Sicht der Welt des anderen Harrys –, sind beide Geschichten von einander unabhängig. Die Geschichte fängt am 2. August 1997, zwei Tage nach Harrys siebzehntem Geburtstag an.


Die Entscheidung von Lord Voldemort:

Kapitel 4: Zwei Söhne sind einer zu viel:

Das peinliche Abendessen kam schließlich zu einem Ende. Die ganze Familie ging ins Wohnzimmer und Harry bereitete sich darauf vor, James und Lily alles zu erzählen. Er ließ sie sich setzen, wechselte einen Blick mit Rose, um sich zu ermutigen und wollte gerade das Wort ergreifen, als an der Haustür geklingelt wurde. Harry musste sich ein Ächzen verkneifen. Er würde es nie schaffen!

Der Hausherr stand auf und ging nachschauen, wer so spät kam.

„Professor Dumbledore, was für eine Überraschung!", hörten sie ihn sagen. „Was..."

Er schwieg plötzlich und schritt nach hinten, um durch die Öffnung zum Wohnzimmer zu schauen. Er schenkte dem fragenden Blick der anderen keine Aufmerksamkeit und sein Blick starrte den jungen Mann an, den er für seinen Sohn hielt. Er sah wieder zur Haustür, dann ins Wohnzimmer. Harry verstand, dass gerade etwas Neues geschehen war und fragte sich, ob es sich für ihn als eine gute Sache erweisen würde.

Die schwere Stille, die jetzt im Raum herrschte, wurde von Titus dem Hund durchbrochen, der laut bellend zur Haustür lief und den man vor Freude kläffen hörte.

Das riss James aus seiner Unentschlossenheit. Er ergriff seinen Zauberstab, richtete ihn auf Harry und rief aus, wobei er den verdutzten Ausruf seiner Frau ignorierte:

„Lily, Rose, kommt hinter mich!"

„Aber...", sagte Lily.

„Nicht jetzt. Tut, was ich euch sage!"

Vom Ton ihres Gatten bezwungen gehorchte ihm Lily und streckte ihre Hand aus, um Rose mit sich zu ziehen. Doch sie näherte sich Harry, anstatt ihrer Mutter zu folgen.

„Rose!", sprach James gebieterisch.

Als Antwort legte Rose ihre Hand auf den Arm des jungen Mannes, der ihr gegenüber eine unendliche Dankbarkeit empfand.

„Dad, er versucht, seit dem Anfang des Abends mit euch darüber zu sprechen", sagte sie.

„Mit uns worüber zu sprechen?", fragte Lily, die jetzt nicht mehr wusste, ob sie bei ihrer Tochter bleiben oder zu ihrem Mann gehen sollte.

Als wollte er darauf antworten, erschien ein anderer Harry neben James. Lily schrie verblüfft auf und ihr Blick, wie der ihres Mannes kurz vorher, flog mehrmals hin und zurück zwischen den beiden Jungen.

„Bei Merlin, was ist denn hier los? Welcher von euch ist mein Sohn?"

„Ich", behauptete jener, der gerade angekommen war.

„Er", gestand Harry im gleichen Augenblick.

Dumbledore, der gerade hinter dem zweiten Harry erschienen war, warf einen scharfen Blick zu dem, der eben gesprochen hatte, als wäre er von dieser Antwort überrascht.

„Wer bist du also?", fragte ihn Lily.

„Das ist schwierig", seufzte er.

„Wir werden uns die Zeit nehmen, Ihren Erklärungen zuzuhören", sagte der Schulleiter. „James, senken Sie schon Ihren Zauberstab. Unser geheimnisvoller Gast scheint mir keine kriegerische Absicht zu haben."

„Dann muss er seinen zuerst abgeben!", murrte James, den die Ruhe des Schulleiters überhaupt nicht beruhigte.

„Junger Mann, hätten Sie bitte die Freundlichkeit, Miss Potter Ihren Zauberstab anzuvertrauen?", fragte der alte Mann, zweifellos, um die Lage zu entspannen.

Langsam, da er sich darum bemühte, Roses Vater, der immer noch auf ihn zielte, nicht weiter zu beunruhigen, stand Harry auf und gehorchte.

„Tut mir Leid", murmelte das Mädchen, ergriff den Zauberstab und gab ihn weiter an den Schulleiter.

Dumbledore schaute sich den Gegenstand an, hob eine Augenbraue und drehte sich zu Harrys Doppelgänger um:

„Mr Potter, darf ich mir Ihren anschauen?", fragte er.

Der andere Harry gab ihm auch seinen Zauberstab und jeder konnte sehen, als die beiden in der selben Hand lagen, dass sie weder aus dem gleichen Material noch gleich lang waren.

„James, entspannen Sie sich. Unser Unbekannter wird uns erklären, was er hier tut", fuhr Dumbledore fort und legte die Zauberstäbe auf den niedrigen Tisch des Wohnzimmers.

Widerwillig senkte der Mann seinen Arm. Eine Weile lang bewegte sich keiner und die beiden Harrys sahen einander gleich fasziniert an.

„Wie wäre es, wenn wir uns setzen würden?", schlug der Schulleiter schließlich vor.

Rose ging wieder zu dem, mit dem sie den Tag verbracht hatte und ignorierte dabei den verdrossenen Blick ihres Vaters. Lily ergriff den Arm ihres Sohnes und zog ihn zum Sofa, auf das sie sich beide setzten. Da er sah, dass James stehen blieb, setzte sich Dumbledore in den Sessel des Hausherrn.

Harry bemerkte, dass jeder darauf wartete, dass er anfing und enthüllte schließlich das, was er den ganzen Abend lang versucht hatte zu sagen:

„Auch ich heiße Harry Potter. Ich bin der Sohn von James Potter und Lily Evans. Aber ich komme von woanders her. Von einer anderen Möglichkeit im Verlauf der Geschichte, denke ich. Bei mir zu Hause wurden meine Eltern von Voldemort ermordet, als ich ein Jahr alt war."

Er schenkte den Ausrufen, die seine Behauptungen verursachten, keine Aufmerksamkeit und fuhr fort:

„Ich wurde bei den Muggeln von meinem Onkel und meiner Tante großgezogen. Mit elf Jahren habe ich meinen Brief von Hogwarts bekommen. Als ich hier gelandet bin, sollte mein siebtes Schuljahr einen Monat später anfangen."

„Wie sind Sie hier gelandet?", fragte Dumbledore.

„Ich bin im Schloss durch einen Raum gegangen, den ich nicht kannte. Als ich erwachte, bin ich auf Lily statt meiner Freunde in der Bibliothek gestoßen. Ich habe geglaubt, dass mir der Schloss einen Traum schickte und ich habe versucht zu verstehen, was er mir sagen wollte. Ich habe also allen gehorcht und suchte nach dem Indiz, das ich finden sollte. Aber die Zeit ist vergangen und ich habe schließlich verstanden, dass es die Realität war. Tja, eine andere Realität. Und dann wusste ich nicht mehr, was ich tun sollte!"

„Warum nicht ganz einfach die Wahrheit erzählen?", murrte James.

„Ich habe es versucht, aber Sie haben mich stets unterbrochen!", verteidigte sich Harry und ließ seinem Ärger freien Lauf.

„Das stimmt, Dad", unterstützte ihn Rose.

„Er hat jedoch die Zeit gefunden, Ihnen davon zu erzählen", sagte Dumbledore an das Mädchen gewandt.

„Und er hatte viele Schwierigkeiten, mich zu überzeugen", präzisierte sie. „Darum haben wir seit dem Anfang des Abends auf den richtigen Moment gewartet, um alles zu erzählen."

Plötzlich wurde sich Lily dessen bewusst, was all diese Enthüllungen bedeuteten.

„Oh, mein Schatz, wo warst du während dieser ganzen Zeit?", fragte sie und umarmte ihren Sohn, der neben ihr saß.

„Nirgendwo", antwortete er. „Auch ich bin durch einen unbekannten Raum gegangen und ich bin gerade erst erwacht. Es hat mich erstaunt, dass du nicht in der Bibliothek warst und ich bin auf Professor Dumbledore gestoßen. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass inzwischen ein ganzer Tag vergangen ist!"

„Da Sie mir nicht gesagt haben, dass er verschwunden sei und da ich selber unserem neuen Harry gestern gegen Ende des Nachmittags begegnet war", fuhr der Schulleiter fort, „so habe ich gedacht, dass jener Raum wie ein Zeitumkehrer funktioniert hatte. Ihr Sohn wäre auf eine normale Weise zu Ihnen nach Hause zurück gereist und gleichzeitig in die Zukunft geschickt worden. Doch scheint es, dass ich mich geirrt habe und dass unsere beiden jungen Leute zwei und nicht nur einer sind."

Der alte Zauberer betrachtete den Betrüger einen Augenblick lang, ehe er weiter sprach:

„Darf ich Sie fragen, wo diese erstaunliche Narbe herkommt?"

„Das war Voldemort. Meine Mum hat mich geschützt und der Fluch ist also gegen ihn zurückgeprallt, als er mich töten wollte. Aber ich wurde verletzt. Sie, tja, mein eigener Dumbledore hat mir gesagt, dass es eine magische Narbe sei."

„Wunderbar", murmelte der ehrwürdige Zauberer.

„Du hast Du-Weißt-Schon-Wen getötet?", fragte James ungläubig.

„Nein. Das war meine Mum, die mich geschützt hat. Allerdings ist er nicht gestorben. Er war Jahre lang verschwunden, ist aber vor einem Jahr zurückgekehrt."

„Wie wäre es, wenn Sie uns alles im Detail erzählen würden?", schlug Dumbledore vor.

„Rose, geh ins Bett", griff Lily ein.

„Aber Mum..."

„Es ist spät. Ich werde dir morgen alles erzählen. Jetzt, schnell los!", gebot Lily mit schneidender Stimme.

Da sie verstand, dass sie es nicht schaffen würde zu bleiben, stand die Jüngere murrend auf. Als Provokation ergriff sie den Doppelgänger ihres Bruders und küsste ihn auf beide Wangen. Dann grüßte sie den Schulleiter mit einem Kopfnicken und ging weg, ohne ein Wort zum Rest ihrer Familie zu sagen.

Harry fing an, sobald sie weg war:

„Bevor ich geboren wurde, wurde eine Prophezeiung gemacht."

Die drei Erwachsenen sprangen auf:

„Für dich auch!", rief Lily aus.

„Ja", bestätigte Harry und sprach deren Worte.

„Sie gleicht unserer sehr", bemerkte Dumbledore. „Sie unterscheiden sich kaum, aber die Unterschiede sind sehr aufschlussreich."

„Sie meinen, dass es eine gab, die mich betraf?", fragte der rechtliche Harry.

„Das ist eine alte Geschichte, mein Schatz", seufzte seine Mutter. „Und wir haben sie schließlich als nichtig betrachtet, als Du-Weißt-Schon-Wer endgültig verschwunden ist."

„Ich vermute, dass diese Prophezeiung bei Ihnen zu Hause durch Ihre Narbe in Erfüllung gebracht wurde", überlegte Dumbledore.

„Ja", bestätigte Harry. „Das hat mir Dumbledore zumindest erklärt."

„Sie müssen also Voldemort töten oder von ihm getötet werden", erklärte der alte Mann traurig.

„So scheint es", sagte Harry in einem erbärmlichen Ton.

„Und wissen Sie, auf welche Weise Sie ihn angreifen sollen?"

Harry schüttelte verneinend den Kopf.

„Oh, Merlin", flüsterte Lily, als sie verstand, was der Schulleiter meinte.

Sie umarmte ihren Sohn enger, als wollte sie ihn vor dem Schicksal schützen, dem er entkommen war.

Harry fuhr seine Erzählung fort und erklärte, wie er nach der Tragödie den Dursleys anvertraut worden war. Er schwieg absichtlich über den Verrat, dessen Opfer seine Eltern gewesen waren, doch James ließ ihn nicht weiter sprechen:

„Haben Ihre Eltern nicht versucht, sich zu verstecken, als sie wussten, dass sie gesucht wurden?"

„Doch, sie hatten einen Geheimniswahrer", gestand Harry, der verstand, dass er auch das enthüllen musste.

„Wen hatten sie ernannt?"

„Sirius, aber er hat heimlich Pettigrew darum gebeten, seine Stelle zu übernehmen. Das ist es, was meinen Eltern ihren Tod beschert hat."

„Du deutest an, dass uns Peter hätte verraten können?", fragte James mit drohender Stimme.

„Ich deute nichts an, er hat es vor mir gestanden!", erwiderte Harry, den James' Misstrauen tief verletzte, aggressiv.

„Dieser Knabe ist durch und durch ein Lügner!", entschied der Mann.

„James, er spricht nicht von unseren Freunden, sondern von denen seiner Eltern", sagte Lily, um zu versuchen, ihn zu beruhigen.

„Niemand wird je in meinem Haus schlecht von Peter reden", sagte ihr Mann stur.

Lily seufzte, da sie wusste, dass es Themen gab, bei denen James nicht zu ändern war.

„Reden Sie weiter, junger Mann", griff Dumbledore ein.

Harry sprach ganz flüchtig von seiner Kindheit. Dennoch erzählte er genau von der Geschichte des Steins der Weisen und seiner ersten Begegnung mit Voldemort. Er sprach weiter über die Kammer des Schreckens und erzählte dann die Umstände seiner Begegnung mit Sirius.

Während der ganzen Erzählung hatte James seinen Verdacht mit zweifelnden Ausrufen ausgedrückt. Er konnte es nicht mehr halten, als Harry von den Ereignissen erzählte, die in der Heulenden Hütte vorgefallen waren:

„Bitte erlauben Sie diesem Jungen nicht so weiter zu lügen! Seine Geschichte ist vom Anfang zum Ende völlig unglaubwürdig!"

„Er spricht ganz im Gegenteil von vielen bestürzenden Tatsachen", entgegnete Dumbledore. „Um manche darunter sollte normalerweise ich und ich allein wissen. Weiter, mein Junge."

Harry erzählte, wie Peter geflohen war und Sirius gerettet wurde. Dann sprach er über das Trimagische Turnier. Als er zum Moment kam, als Cedric von dem Verräter getötet worden war, stieß James einen unterdrückten Ausruf aus, doch ein Blick von Dumbledore ließ ihn schweigen. Alle waren tief beeindruckt zu hören, wie es weiterging, insbesondere wie Voldemort wieder geboren wurde und Harry den Echos seiner Eltern begegnete. Lilys Augen wurden sogar mit Tränen überfüllt und sie wischte sie weg, während sie Harrys Erklärungen zuhörte, wie Voldemorts Rückkehr von der Zauberergemeinschaft verleugnet worden war.

Dann fing Harry mit der Erzählung seines fünften Schuljahrs an. Er verschwieg Umbridge und die DA, weil er das als nicht sehr wichtig betrachtete, und sprach nur von der Verbindung mit Voldemort, die er in sich entdeckt hatte. Zu schnell seiner Meinung nach kam er zur Nacht im Ministerium. Er hatte große Schwierigkeiten, deren Verlauf zu erzählen. Er schloss, indem er sagte:

„Dumbledore und die Mitglieder des Ordens sind angekommen. Jeder hat gekämpft und dann... ist Sirius von seiner Cousine Bellatrix getötet worden."

James ließ einen unterdrückten Knurren vernehmen und Lily ächzte. Der andere Harry war schon längst erstarrt. Dumbledores Blick hatte den gleichen traurigen und ernsten Glanz wie der seines Doppelgängers am Abend dieser Tragödie.

„Während des nächsten Jahres hat mir Dumbledore erklärt, wie Voldemort dank Horkruxen überlebt hat."

„Mehrere Horkruxe?", bemerkte der Schulleiter.

„Ja, fünf oder sechs", präzisierte er, was Lily vor Abscheu laut ausrufen ließ. „Dumbledore hatte schon einen beschafft. Wir haben sogar zusammen nach einem anderen gesucht. Und als wir nach Hogwarts zurückkehrten, war das Schloss von den Todessern überfallen worden. Und Snape hat Dumbledore getötet."

Diesmal reagierte keiner. Alle waren so bestürzt, dass sie nicht mehr vor Abscheu oder Verleugnung ausrufen konnten.

„Das ist das Einzige, was mir dabei als glaubwürdig erscheint!", murrte schließlich James.

Keiner schenkte ihm Aufmerksamkeit. Harry schloss seine Erzählung:

„Dann habe ich gedacht, dass ich hier nachschauen sollte. Ich meine im Haus meiner Eltern, das zerstört wurde. Kurz vorher reiste ich nach Hogwarts mit meinen Freunden Ron und Hermine und... Sie wissen ja, wie es weiter gegangen ist."

Einen Augenblick lang waren alle still und überlegten, während Harry es nicht wagte, jemanden anzusehen.

„Nun", sagte schließlich der Schulleiter, „das alles ist wert, dass wir darüber nachdenken. Ich glaube, dass wir alle ins Bett gehen und uns morgen wiedersehen sollten, um die Ursachen und Wirkungen dieser Geschichte gemeinsam zu betrachten."

Er stand auf und schlug Harry vor:

„Darf ich Ihnen Gastfreundschaft in Hogwarts bieten?"

„Nein", antwortete Lily an seiner Stelle. „Er kann hier bleiben."

„Aber...", protestierte James.

„Schatz, auch ich bin von all dem bestürzt und schäme mich dafür, dass ich nicht bemerkt habe, dass ein Unbekannter die Stelle unseres Sohnes übernommen hat. Aber es ist nicht seine Schuld. Und irgendwie ist er auch unser Kind."

„Wenn überhaupt alles stimmt, was er erzählt hat! Was sagt dir, dass er nicht jemand ist, der uns mit Vielsafttrank schaden möchte?"

Lily überlegte einen Augenblick lang und erwiderte:

„Das kann nicht sein, er hat seit mehr als zwei Stunden nichts eingenommen."

„Was, wenn er wie Sirius' Cousine ein Metamorphmagus wäre?", fügte James stur hinzu

„Warum hätte er eine Narbe erscheinen lassen, über die wir uns alle Fragen gestellt haben?"

„Es kann sein, dass solche Verletzungen einer Verwandlung widerstehen", bemerkte Dumbledore. „James, würden Sie sich überzeugen lassen, wenn ich Legilimentik über diesen jungen Mann ausüben und prüfen würde, ob seine Erinnerungen dem entsprechen, was er uns erzählt hat?"

„Einen Legilimens kann man ja schon überlisten", erwiderte James.

„Ich rühme mich zu denken, dass ich mich in diesem Gebiet nicht schlecht anstelle, und dass es nicht einfach ist, mich zu überlisten", antwortete Dumbledore.

Sein Ton blieb ruhig, doch die Autorität und Selbstsicherheit, die in seiner Stimme hörbar wurden, überzeugten James, der nickte um zu zeigen, dass er ihm vertraute.

„Harry, weißt du, was Legilimentik ist?", fragte der Schulleiter den jungen Mann.

„Ja, mein Dumbledore hat mich Okklumentik lernen lassen, damit ich meine Gedanken vor Voldemort verschließe."

„Erlaubst du mir, in deinen Geist einzutreten, ohne dich mir entgegenzusetzen?"

„Ich habe sowieso nie ein großes Talent in diesem Gebiet bewiesen", meinte Harry resigniert.

„Sehr gut! Legilimens!", sprach der alte Mann, nachdem er seinen Zauberstab herausgenommen hatte.

Harry sah zahlreiche Erinnerungen an die vergangenen Wochen wieder. Er bemühte sich, entspannt zu bleiben, zu versuchen, nichts zu verstecken, um jenen, den er immer als seinen Mentor betrachtet hatte, von seiner Ehrlichkeit zu überzeugen. Dann interessierte sich der Schulleiter sehr für die Zeit seiner Ankunft zu jenem Ort und für seine Abreise von seiner eigenen Welt. Schließlich erlebte er all seine Abenteuer wieder.

Er bemerkte, dass Dumbledore vor allem lange die schlimmsten Momente seines Lebens betrachtete, die er während seiner Erzählung nicht erwähnt hatte: Dolores Umbridges Sadismus; wie ihn seine Mitschüler verdächtigt hatten; seinen Kampf gegen Voldemort; wie ihn die Dursleys misshandelt hatten. Harry sah sogar peinliche Ereignisse aus seiner Kindheit wieder, die er völlig vergessen hatte. Schließlich beobachtete der Magier sehr genau die undeutlichen Erinnerungen an den Abend, an dem seine Eltern gestorben waren, was Harry den Eindruck gab, dass er gerade einem Dementor begegnet war. Dann hörte alles auf.

„Verzeihe mir, dass ich dich all das wieder erleben ließ", murmelte der Mann, der nun so alt aussah wie er war.

Harry wollte antworten, dass es nicht schlimm sei, aber er musste feststellen, dass er es nicht konnte. Lily kniete sich neben seinen Stuhl und reichte ihm ein Taschentuch. Beschämt spürte er, dass seine Wangen nass waren. Er ergriff das Taschentuch, wischte sich die Augen, putzte sich die Nase und senkte den Blick zu seinen Knien, verstört, dass er so schlecht aussah.

Er erstarrte, als ihn zwei Arme umarmten, aber er widerstand nicht lange und kostete den Genuss, gegen die liebende Brust jener zärtlich gedrückt zu werden, die die Stimme seiner Mutter hatte, die er gerade hatte sterben hören. Als die Umarmung zu Ende ging, stand James vor der Haustür und verabschiedete sich von Dumbledore.

„Gehen wir ins Bett", sagte er plötzlich, als er ins Wohnzimmer zurück kam, als hätte er es eilig, sich nicht mehr im gleichen Raum zu befinden wie der, der seine Gastfreundschaft ausgenutzt hatte.

Lily schien zu zögern, aber Harry entschied für sie:

„Ich kann auf dem Sofa schlafen. Es ist normal, dass hm... dass er sein Bett wieder bekommt."

„Ich werde dir in meinem Büro ein Bett bereiten", schlug Lily vor.

Sie zog ihn aus dem Raum. Als er an ihnen vorbeiging, blickte Harry weg, um den Blick des anderen Harrys zu vermeiden, und traf auf James' feindliches Gesicht. Sobald seine Gastgeberin das Büro verließ, nachdem sie das Sofa in ein Bett verwandelt hatte, ließ er sich darauf fallen und schlief tief ein.

OoOoO

Am nächsten Morgen erwachte er sehr früh. Eine zuvorkommende Person hatte saubere Kleidung in sein Zimmer gelegt. Auf dem Stapel fand er auch seinen Zauberstab. In seinem Herzen empfand er Dankbarkeit und er fragte sich, wie lange Lily gebraucht hatte, um James zu überzeugen. Oder hatte sie das getan, ohne mit ihrem Mann darüber zu reden?

Nachdem er geduscht hatte, ging er zum Speisesaal herunter, wo der Hauself das Frühstück zubereitet hatte. Er erwärmte seinen Tee mit einer Bewegung seines Zauberstabs und trank langsam, während er vor dem Fenster stand und den Garten bewundernd betrachtete.

„Hallo", sprach eine weibliche Stimme.

„Hallo Rose", antwortete er, ohne sich umzudrehen.

„Es freut mich, dass du immer noch da bist."

„Woher weißt du, wer ich bin?", fragte er verdutzt und drehte sich zu ihr um.

„Mein Bruder nennt mich immer 'Grindeloh' oder 'blöder Wildfang'", antwortete sie. „Und du hast einen Umhang an, den er nicht besonders mag. Erzählst du es mir?"

„Was soll ich dir erzählen?"

„Tja, was geschehen ist, nachdem mich Mum ins Bett geschickt hat. Ich bin herunter gegangen, um zuzuhören, aber sie hatte die Tür mit einem Imperturbatio-Zauber belegt."

„Ich habe nicht viel mehr erzählt als das, was ich dir schon gesagt habe", antwortete Harry.

Er sah, dass sie ihm nicht glaubte, aber sie drängte nicht.

„Wirst du zurück nach Hause gehen?", fragte Rose einfach.

„Ich weiß nicht. Ich weiß ja nicht mal, ob es möglich ist. Ich muss das mit Professor Dumbledore besprechen."

„Warum würdest du nicht hier bleiben?"

„Weil meine Freunde dort sind und auf mich zählen. Ich habe dir von der Prophezeiung erzählt."

„Ich verstehe", sagte sie und senkte den Kopf.

Harry konnte sehen, dass sie sehr enttäuscht zu sein schien und dachte wieder daran, wie sie sich am vorigen Tag verhalten hatte.

„Ich wollte dir für gestern danken. Du bist wunderbar gewesen. Du hast eine sehr geniale Idee gehabt, damit ich dir beweisen konnte, dass ich die Wahrheit sage und ich habe mich gefreut, als du mich unterstützt hast, während mir jeder misstraute. Du hast mir sehr geholfen."

Rose lächelte ihm zu. Wie sehr ähnelt sie Lily, dachte Harry. Er fühlte sich gleichzeitig glücklich, diese Schwester zu entdecken, die er hätte haben sollen und bestürzt, da er dachte, dass er sie schließlich verlieren musste. Sie fing an mit einem großen Appetit zu frühstücken und er wurde sich selber dessen bewusst, dass er verhungerte, da er während des Abendessens am vorigen Tag so sehr davon besorgt war, was er enthüllen musste, dass er kaum etwas zu sich genommen hatte.

Als der andere Harry den Speisesaal betrat, sah er sie beide an und setzte sich, ohne ein Wort zu sprechen.

„Morgen Flubberwurm!", grüßte ihn Rose.

„Hallo Grindeloh", erwiderte ihren Bruder.

„Morgen", sagte Harry möglichst neutral.

Der andere antwortete mit einem Murren, das nichts hieß. Daraufhin traten James und Lily ein.

„Morgen", sagte James.

„Morgen, meine Lieben", ließ Lily mit einem Enthusiasmus vernehmen, der zum Trübsinn ihres Mannes gar nicht passte. „Hat jeder gut geschlafen?"

„Ja, Madam", sagte Harry höflich.

„Nun, Harry, du willst uns doch nicht 'Sir' und 'Madam' nennen!", rief Lily aus. „Wir sind fast deine Eltern."

„Ähm, ja Lily", antwortete Harry eilig und hoffte dabei, sie würde ihn nicht dazu zwingen, sie 'Mum' zu nennen oder sie zu duzen.

„Es ist nicht sehr praktisch, zwei Harrys zu haben", meinte James.

„Einer heißt ja auch Flubberwurm", benachrichtigte ihn Rose freundlich.

„Rose, nicht jetzt!", tadelte sie ihr Vater heftig. „Hast du nicht einen zweiten Vornamen oder einen Spitznamen?", fragte er den, der nicht sein Sohn war.

„Ich vermute, dass sein zweiter Vorname James ist", erriet Lily. „Irre ich mich?"

„Nein", gab Harry zu. „Und ich habe auch keinen Spitznamen außer 'der Junge, der lebt' oder 'der Auserwählte'. Aber ich vermute, dass man bessere Spitznamen finden kann", fügte er eilig hinzu, als er sah, wie sein Doppelgänger vor Spott grinste.

„Das drängt nicht", sagte Lily abwartend. „Als wir James Liebster eingeladen haben, habe ich es immer geschafft, verstehen zu lassen, wen ich ansprach."

Keiner erwiderte etwas und sie frühstückten weiter. Lily bemühte sich, dass es ein Gespräch gab, aber nur Rose machte mit und die Atmosphäre wurde schnell ziemlich schwer. Jeder war erleichtert, als Professor Dumbledore ankam. Er lehnte eine Tasse Tee ab und ging mit Harry, James und Lily ins Wohnzimmer.


So, das war's für heute! Was kommt nächste Woche? Weitere unangenehme Gespräche und eine richtige Herausforderung. Schöne Woche an alle!