Hallo an alle! Hier ist die nächste Folge meiner Übersetzung der französischen FF von Alixe: Le choix de Lord Voldemort. Ich hoffe, sie wird euch genau so gut gefallen wie mir.
Disclaimer: Wie immer gehören die Zaubererwelt und ihre Charaktere und Orte nur zu J.K. Rowling. Das Konzept von mehreren Harrys, die sich treffen, kommt aus der Schreibgemeinschaft lesneufmondes. Natürlich verdienen Alixe und ich nichts damit.
Spoilers: Die ersten sechs Bände von Harry Potter.
Anmerkung von Alixe: Jene, die meine FF Der Andere schon gelesen haben, werden bemerken, dass es die gleiche Idee ist. Selbst, wenn einige Dinge gleich sind – wie zum Beispiel meine Sicht der Welt des anderen Harrys –, sind beide Geschichten voneinander unabhängig. Die Geschichte beginnt am 2. August 1997, zwei Tage nach Harrys siebzehntem Geburtstag.
Die Entscheidung von Lord Voldemort:
Kapitel 8: Gespräch bei Mondlicht:
Am nächsten Abend kam Harry vom Haus seines Freundes Neville zurück. Er hatte sich besonders gut amüsiert und erzählte während des Abendessens von den Ausflügen, die er mit seinem Mitschüler gemacht hatte, oder zumindest von jenen, die vor seinen Eltern erzählbar waren. Als er ihn sah, wie er die unschuldigen Streiche, die er mit seinem Mitschuldigen ausgeübt hatte, schwunghaft und humorvoll erzählte, verstand Harry, warum sein Doppelgänger bei den Mädchen von Hogwarts so beliebt war. Er war lustig, unverschämt und sein Lachen war ansteckend.
Es strahlte nicht diese liebevolle Wärme aus ihm, die man bei Lily und Rose wiederfand, aber seine strahlende Lebensfreude ließ seine Zuhörer lächeln, ohne dass sie wussten, warum, genauso wie es James tun konnte. Harry dachte, dass Remus und Sirius nicht übertrieben hatten, wenn sie ihm sagten, dass sein Vater trotz der verabscheuenswerten Dummheiten, die er manchmal begangen hatte, bei allen beliebt gewesen war.
Während sich die ganze Familie wegen der wahnsinnig lustigen Nachahmung einer Nachbarin der Longbottoms tot lachte, fragte sich Harry, ob er auch, wenn das Ganze vorbei sein würde, diese Fröhlichkeit würde zeigen können, durch die sich die Potters auszeichneten. Er stellte sich nicht vor, er würde das Charisma des Vaters und des Sohnes je erreichen können, aber er dachte, dass es gut wäre, endlich mit etwas anderem in Verbindung gebracht zu werden als mit plötzlichen Todesfällen, Parsel sprechenden Basilisken und katastrophalen Nachrichten.
Bald hatten sie eine Art Routine gefunden, während der Juli verging. Morgens ging Lily mit Snape arbeiten und Harry trainierte die Verteidigung gegen die dunklen Künste auf der Lichtung. Rose und ihr Bruder blieben zu Hause oder besuchten ihre Freunde. Aber sie waren garantiert immer da, wenn Harry gegen vier Uhr nachmittags erschöpft zurückkehrte. Sie blieben bei ihm, während er ein festes Essen einnahm und dann spielten die drei Jugendlichen Quidditch, wenn Harry noch Kraft dazu hatte, oder spielten Tarot oder Monopoly zusammen.
Eines Nachmittags war er früher nach Hause zurückgekehrt und lernte im Wohnzimmer mit James aus einem Buch über fortgeschrittene Verteidigung, als Sirius' Kopf im Kamin erschien.
„Hallo Leute! Wer möchte seinen wunderbaren Pate empfangen?"
Harry, der wegen des Schocks wie vom Blitz getroffen war, konnte nicht antworten und sah bloß die Erscheinung mit weit aufgerissenen Augen an. James ging schnell an ihm vorbei, was ihn vor den Augen seines Freundes versteckte, und sagte:
„Hallo Sirius. Welch ein glücklicher Zufall führt dich hierher?"
„Ich habe meinen Patensohn nur einmal gesehen, seit er von Hogwarts zurück ist. Da er nicht zu mir gekommen ist, so besuche ich ihn. Na, lässt du mich in meinem Kamin knien oder machst du mir deinen auf?"
Da er Sirius' Bitte nicht ablehnen konnte, ohne dass es verdächtig erscheinen würde, sperrte James seinen Kamin auf und der unerwartete Gast stürzte in den Raum herein. Er grüßte James und eilte zu Harry, der versuchte, sich von seiner Überraschung wieder zu fassen. Bevor er sich irgendwie bewegen konnte, wurde der jüngere Mann vom älteren umarmt.
„Na, was gibt's denn Neues, Junge?", fragte ihn der Doppelgänger seines Paten.
„Hm", stotterte Harry, bevor er die erste Ausrede sprach, die ihm durch den Kopf ging: „Ich muss auf die Toilette!"
Hierauf befreite er sich von der warmen Umarmung und stürzte aus dem Zimmer hinaus. In der Eingangshalle zögerte er einen Augenblick lang etwas verlegen und erinnerte sich dann daran, dass sein Doppelgänger in seinem Zimmer saß und gerade an seine feste Freundin, Hannah Abbot, schrieb. Er lief die Treppe eiligst hinauf.
„Harry!", keuchte er, da er die Tür des Zimmers aufmachte, ohne zu klopfen.
„Was? Du machst ein Gesicht, dass man glauben könnte, du wärst gerade durch einen Geist gegangen."
„Si... Si... Sirius steht unten. Er hat mich gesehen."
„Verflixt! Hast du mit ihm geredet? Hat er verstanden, dass du nicht ich bist?"
„Ich... Ich glaube nicht. Ich habe ihm gesagt, dass ich auf die Toilette muss und ich habe ihn da stehen lassen. Er steht im Wohnzimmer mit deinem Dad."
„Alles klar, ich gehe nach unten."
„Warte, dein Umhang!"
Der andere Harry sah seinen eigenen, der leuchtend rot war, und jenen, den sein Gast trug und hellgrau war.
„Wir tauschen", entschloss er.
Beide Junge lösten eiligst die Knöpfen und zogen ihre Kleidung aus. Während sie einander ihre Umhänge zuwarfen, betrat Rose das Zimmer.
„Harry! Ich habe Sirius' Stimme gehört... Was macht ihr denn bloß?", fragte sie, da sie sah, dass die beiden Jungen nur ihre Unterwäsche anhatten.
„Wir bekommen die Lage in den Griff", sprach ihr Bruder ruhig, indem er den grauen Umhang anzog, während Harry heftig errötete und sich beeilte, sich anzuziehen.
Sirius' Patensohn prüfte sein Aussehen im Spiegel, der hinter seiner Tür hing, und stürzte sich zur Treppe, von Rose und Harry gefolgt. Unter ihrem Blick lief er geräuschlos herunter und, ehe er zum Wohnzimmer ging, in dem sich James bestimmt darum bemühte, Sirius im Zaum zu halten, dachte er sogar daran, die Wasserspülung der Toilette des Erdgeschosses zu betätigen. Nachdem er zu seinen beiden Mittätern blinzelte, die ihn oben anstarrten, betrat er das Wohnzimmer und rief aus:
„Das ist wohl das letzte Mal, dass ich so viel Du-Pisst-Nie-Mehr mit Pflaumengeschmack esse!"
Die Tür schloss sich hinter ihm und sie hörten Sirius' Antwort nicht. Neben Harry lachte Rose still.
„Ich lobe meinen Bruder nicht gerne", bemerkte sie, „aber da muss man doch gestehen, dass es seine Sache ist. Er wird die Lage sehr gut in den Griff bekommen."
Harry, der sich wie aller Kräfte beraubt fühlte, setzte sich auf die oberste Stufe.
„Alles in Ordnung?", sorgte sich Rose.
„Ja, es ist nur... Ich habe Sirius nie so gesehen. Bei mir zu Hause scheint er, zwanzig Jahre älter zu sein! Hier ist er fast wie auf den Hochzeitsfotos meiner Eltern."
Zuerst sagte Rose nichts und setzte sich einfach dicht neben ihn. Nach einem Augenblick der Überlegung sagte sie:
„Es wird für dich eine gute Erinnerung sein, oder?"
„Ja", gestand Harry, bevor er mit gezwungen fröhlicher Stimme hinzufügte: „Wenn ich zurück bin, muss ich mir ein Denkarium kaufen."
„Füge lieber nicht den Moment hinzu, als mich der Klatscher ins Auge getroffen hat", bat ihn Rose. „Aber vergiss das Mal nicht, als ich meinen Bruder beinahe von seinem Besen hätte fallen lassen. Hast du bemerkt, wie gekränkt er war?"
„Ja, und ich höre gerne, wenn er dich einen haarigen Ghul nennt", stichelte Harry.
In genau jenem Augenblick wurde die Tür des Wohnzimmers aufgemacht. Harry und Rose sprangen auf ihre Füße und schritten nach hinten in den Schatten. Harry konnte sich nicht davon abhalten, sich nach vorne zu beugen, um den Doppelgänger seines Paten noch ein Mal zu sehen. Rose war so nett, ihm nicht zu sagen, dass es gefährlich war, und er dachte, dass sie es sicher getan hätte, wenn er ihr richtiger Bruder gewesen wäre. Er sah, wie Sirius und der andere Harry scherzend mit einem Glas in der Hand zur Veranda gingen. Als sie sich gemütlich auf die Gartenstühle gesetzt hatten, ging Rose leise die Treppe herunter, ging zum Wohnzimmer und kam mit dem Schachbrett unterm Arm zurück.
„Komm, Harry", sagte sie und zog ihn zu ihrem Schlafzimmer, „ich gebe dir Strategieunterricht."
Sirius ging kurz vor dem Abendessen weg und Harry konnte aus Roses Zimmer gehen, in dem er sich versteckt hatte, um mit dem Rest der Familie zu essen. Lily, die dem Freund ihres Mannes begegnet war, machte sich Sorgen, wurde aber beruhigt und erzählte von ihrem Tag:
„Mir ist auch ein kleines Problem geschehen. Ich war mit Severus in einer Bibliothek und wir sind auf diese Vipernzunge, Rita Kimmkorn gestoßen. Außerdem standen wir gerade vor dem Regal über schwarze Magie. Wer weiß, was sie daraus schließen wird!"
„Das stimmt, dass es kein Glück ist", schätzte James mit gerunzelter Stirn.
„Ich habe einen Knüller über diese liebe Rita", sagte Harry.
„Tatsächlich?", antwortete Lily höflich, obwohl sie an etwas Anderes zu denken schien.
„Rita Kimmkorn ist eine nicht registrierte Animagus."
Alle hörten auf zu essen und starrten Harry an.
„Bist du dir sicher?", fragte James, der dachte, es wäre zu schön, dass es wahr sein könnte.
„Sie ist ja nicht die einzige!", bemerkte der andere Harry.
„Dein Dad ist seit langen Jahren registriert", erwiderte Lily. „Welches Tier?", fragte sie ihren Schützling.
„Ein Käfer", präzisierte Harry. „Sie benutzt es, um zu spionieren. Darum scheint sie immer zu wissen, was sie nie hätte hören sollen. Hermine konnte sie eines Tages fangen und sie hat sie eine Woche lang in einem Glasgefäß behalten und sie die ganze Zeit mit Salat ernährt."
„Hermine Granger?", wiederholte sein Doppelgänger. „Ich muss gestehen, dass ich sie jetzt höher schätze."
„Hermine konnte ihr sogar verbieten, ein ganzes Jahr lang für den Tagespropheten zu schreiben."
„Danke für die Info, Harry", sprach Lily. „Ich freue mich schon auf mein nächstes Treffen mit diesem verfluchten Käfer."
„Wir müssen ein anderes Problem lösen", sagte James.
„Welches?", fragte Lily und runzelte die Stirn.
„Sirius!", antwortete ihr Mann.
„Aber ich glaubte..."
„Schatz, er ist nicht dumm und er hat bemerkt, dass wir ihn hier weniger oft einladen als sonst. Und du kennst ihn ja, er ist dazu fähig, alle zu einer Feier hier einzuladen, wenn er denkt, dass wir das Leben zu ernst nehmen. Ich habe also seine Einladung für morgen Abend angenommen. Wir gehen alle vier zusammen hin. Es tut mir Leid, Harry."
„Ich verstehe schon", versicherte ihm sein Gast, der es für traurige Ironie hielt, dass er sich hier in der gleichen Lage befand wie bei den Dursleys.
„Ich kann sagen, dass ich mich nicht gut fühle", fing Lily an, „und..."
„Lily, Harry ist siebzehn Jahre alt, er kann einen Abend lang allein bleiben", erwiderte ihr Mann. „Er weiß sehr wohl, dass es keine Strafe ist sondern eine Vorsichtsmaßnahme, nicht wahr?"
„Es gibt kein Problem, Lily", stimmte ihm Harry zu.
„Gut, das ist also ausgemacht. Noch ein weiterer Punkt. Heute in zehn Tagen hat unser Harry seinen siebzehnten Geburtstag. Ich habe noch einmal daran gedacht und ich habe daraus geschlossen, dass wir eine Feier organisieren sollten wie es jeder von uns erwartet."
„Aber...", fing Lily an.
„Harry kann ja den Abend in Hogwarts verbringen", brach ihr James das Wort ab. „Wenn er es lieber will, kann er auch in deinem Arbeitszimmer bleiben. Ich weiß, dass es nicht lustig ist, aber noch einmal, stelle dir vor: Was, wenn meine Freunde mit dem Gedanken, dass es unserem Sohn gefallen würde, unerwartet ankommen würden."
„Warum können wir Harry nicht verkleiden?", fragte Rose. „Wir könnten sagen, dass er ein Vetter ist, der im Ausland lebt und eine Zeit lang bei uns zu Hause wohnt."
„Ich denke nicht, dass das eine gute Idee wäre", setzte ihr Vater entgegen. „Es werden Leute da sein, denen Harry nicht begegnen möchte."
Er dachte offenbar an Peter. Harry musste sich davon abhalten, das Gesicht zu verziehen, als er daran dachte, er könnte auf ihn stoßen. Er dachte plötzlich, dass Ginny wahrscheinlich zu den Gästen gehören würde, und er zeigte, dass er auf keinen Fall daran teilnehmen wollte.
„Wir werden morgen die Leute einladen", sagte James schließlich.
Als er im Bett lag, konnte Harry nicht einschlafen. Während er von Rose und vom Rest seiner Familie umgeben gewesen war, hatte er es geschafft, seine düsteren Gedanken von sich fern zu halten, aber jetzt, allein im Bett, verspürte er Lust zu weinen, wenn er das Bild eines glücklichen Sirius' wieder sah, der in Hochform war und ihm zulächelte. Wenn nur... wenn er nur seine Okklumentikstunden weiter besucht hätte... wenn er nur auf Hermine gehört hätte... wenn er Kreacher nur nicht geglaubt hätte... Dann hätte sein Pate nach dem Tod des Dunklen Lords eine Chance gehabt, rehabilitiert zu werden, und der Sirius, den er am Nachmittag gesehen hatte, hätte in seiner eigenen Welt existieren können.
Das ist seltsam, dachte er. Ich akzeptiere die Idee, meine Eltern, den anderen Harry und Rose zu verlieren, wenn ich zurück bin, aber Sirius... Er wurde sich dessen bewusst, dass er noch nicht über den Tod seines Paten hinweg gekommen war. Bei Dumbledore war es anders. Er fühlte sich nicht schuldig für seinen Tod. Er bereute ihn, das stimmte, aber er hatte sein Abscheiden akzeptiert. Zweifellos, weil ihm der alte Magier immer gesagt hatte, dass er sich vor den Tod nicht fürchtete. Was Sirius betraf... Er hätte noch so viele Dinge erleben können. Reisen, sich um Harry kümmern und – warum nicht – heiraten, wie er es hier getan hatte und ein Kind zeugen.
Rose war es, die ihm vom Leben der Rumtreiber in ihrer Welt erzählt hatte. Sirius hatte eine Muggelgeborene geheiratet. Es hatte seinen Eltern natürlich nicht gefallen, aber Sirius war es ja völlig egal. Seitdem er das Familienhaus mit sechzehn Jahren verlassen und bei den Potters Schutz gefunden hatte, war er nie wieder dahin gegangen. Er hatte nun eine junge Tochter, die er sehr liebte und die, laut Rose, ziemlich nett aber etwas verwöhnt war. Dank seines Erbes hatte Sirius ein Unternehmen gegründet, in dem fliegende Gegenstände für Sport oder Zeitvertreib hergestellt wurden. Er verkaufte fliegende Motorräder für Zaubercross und Luftzüge, die es Familien erlaubten, die Empfindungen eines Besenflugs zu erleben. Etwa wie die Muggel-Achterbahnen, hatte Rose für Harry präzisiert, der sich nur mit Schwierigkeiten vorstellte, wozu ein fliegender Zug wohl dienen könnte.
Remus arbeitete bei der Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe und war nicht verheiratet – er behauptete, die Ehe sei wegen seines Wesens nichts für ihn. Es machte James und Lily traurig,doch sie hatten es nie geschafft, ihren Freund davon zu überzeugen, dass ihn eines Tages eine Frau genug lieben könnte, dass sie sein Werwolfsein akzeptieren würde. Als Harry Tonks genannt hatte, hatte ihn Rose überrascht angestarrt und sie hatte ihm versichert, sie würde alles tun, dass sich die beiden treffen. Harry wettete darauf, dass der Werwolf nicht mehr lange allein bleiben würde.
Als Rose Peter genannt hatte, hatte Harry sie unterbrochen. Er wollte nicht wissen, er wollte nicht hören, wie Peter dort ein glückliches Leben hatte. Er wollte sich lieber vorstellen, wie er Jahre lang in Gestalt einer Ratte gelebt hatte und dabei nur dazu gut war, einem Voldemort, der ihn gering schätzte, eine Hand zu opfern. Rose war von dem entsetzt gewesen, was ihr Harry vom Peter seiner Eltern erzählt hatte. Als er die Traurigkeit in ihren Augen gesehen hatte, hatte er fast bedauert, ihr Bescheid gesagt zu haben.
Da er spürte, dass er nicht würde schlafen können, stand Harry auf und ging die Treppe herunter. Er machte die Haustür leise auf und setzte sich auf die Veranda. Während er auf dem Gartensessel saß, schaute er das Himmelgewölbe an und versuchte, sich an alles zu erinnern, was er über die Sterne wusste, die er sehen konnte. Ein Rauschen warnte ihn und er sprang mit gezogenem Zauberstab auf seine Füße.
„Hey, ich bin's! Ruhe!", sprach die Stimme des anderen Harrys.
„Tut mir Leid. Was machst du hier?"
„Weißt du, du sahst echt mies aus, als du heute Nachmittag mein Zimmer betreten hast. Und wenn du so bist wie ich, ist es so, dass du dann nachdenkst, wenn du allein im Bett liegst, oder? Also habe ich verstanden, dass du nicht schlafen konntest, als ich ein Geräusch gehört habe."
Harry wusste nicht, was er sagen sollte. Er hätte solch eine Fürsorge nich von seinem Doppelgänger erwartet. Bis dann hatte er nach der ersten Zeit der Feindseligkeit eher die Rolle eines Clowns gespielt, der nichts für ernsthaft hält. Doch nun, Harry spürte es, machte er sich wirklich Sorge um ihn. Übrigens, erinnerte sich Harry, war sein Doppelgänger seltsamerweise still geblieben, als am Tisch über seinen Geburtstag gesprochen worden war. Hatte er sich davor gefürchtet, ihn zu kränken, wenn er Freude beim Gedanken an die Feier zeigte, die man für ihn vorbereiten würde?
Ohne zu antworten, steckte Harry seinen Zauberstab wieder in seine Tasche und setzte sich wieder. Der andere setzte sich in den Sessel daneben. Sie blieben eine Weile still und bewunderten die Milchstraße, dann bemerkte der hiesige Harry:
„Unsere beiden Leben sind ganz unterschiedlich, was? Bei dir zu Hause würde ich nicht mal eine Woche überleben."
„Du wärst nicht allein. Viele Leute helfen mir, schützen und beraten mich."
Übrigens immer weniger, dachte Harry traurig.
„Ja, aber... ich sehe wirklich nicht, wie ich Du-Weißt-Schon-Wen töten könnte..."
„Denn du glaubst, ich wüsste, wie ich es tun werde?", fragte Harry bitter.
„Ach... ich..."
Der andere Harry schlug sich selber auf die Stirn, als wollte er sich bestrafen.
„Ich trete in jedes Fettnäpfchen, was? Ich wette, das war gerade das Ding, das ich nicht sagen sollte. Tut mir Leid. Ich glaubte, dass es das war, was du mit meinen Eltern, Snape und Dumbledore vorbereitest."
Harry erinnerte sich daran, dass sein Doppelgänger und Rose von den Horkruxen nichts wussten.
„Sie helfen mir, den Weg vorzubereiten, damit ich damit fertig werden kann", fasste Harry zusammen und nach der Kopfbewegung des anderen verstand er, dass sein Doppelgänger vermutete, dass man ihm nicht alles sagte. „Wie auch immer", fuhr er fort, „wird es nicht gemäß der Tradition geschehen. Du warst dabei, als ich die Sache mit dem Priori Incantatem erzählt habe. Und Dumbledore hat mir erklärt, dass die Prophezeiung nur erfüllt werden wird, wenn wir so handeln, dass sie erfüllt werden muss. Ich vermute also, dass Voldemort selber handeln wird, dass ich der Einzige sein werde, der ihn töten könnte. Und ich will ihn dann auf keinen Fall verfehlen."
Der andere Harry überlegte und fragte:
„Warum übst du also Verteidigung mit meinem Dad?"
„Ich lerne nicht nur das Duellieren mit Zauberstäben. Ich lerne, wie man sich schnell bewegt, wie man ausweicht, wie man spürt, wann der andere angreifen wird. Und Voldemort ist ja nicht allein. Er hat treue Anhänger, die mich auch töten wollen."
„Aber", sprach der andere mit gerunzelter Stirn, „du gehst auch in die Richtung der Prophezeiung, wenn du lernst, wie du von den Todessern nicht getötet werden könntest, oder?"
„Du meinst, dass ich meinen Tod für Voldemort vorbehalte? Tja, ja, ich vermute schon. Aber ich habe keine Wahl. Ich werde Malfoy oder Bellatrix Lestrange ja nicht mich töten lassen, bloß um meinen Gegner zu ärgern!"
„Nein, natürlich nicht!"
„Aber du hast dennoch völlig Recht. Mein Dumbledore hatte es auch betont. Als er meine Eltern ermordet hat, hat mir Voldemort den Willen gegeben ihn zu töten und hat also die Prophezeiung in Erfüllung gebracht."
Der andere Harry blieb einen Augenblick lang still und dachte offensichtlich über eine Frage nach:
„Glaubst du, dass wir gleich sind?", fragte er schließlich. „Dass ich an deiner Stelle genauso gehandelt hätte?"
„Ach, auch du stellst dir die Frage!", lächelte Harry. „Dieses Gespräch habe ich ein oder zwei Male mit deiner Mum geführt. Nun, laut ihr sind wir frei, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen und du hättest trotz unserer Zwillingsschaft anders wählen können als ich. Wenn man aber dumm genug ist, dass man mit gebrochenem Arm nach London auf einem Besen fliegt, bleibt man nicht da stehen, wenn Voldemort zum Stein der Weisen greifen will oder wenn die Schwester seines Freundes ein nettes Pläuschchen mit einem Basilisken hält.
„Also denkst du, dass ich das gleiche getan hätte?"
„Ich bin mir sicher."
„Dann freue ich mich darüber, an meiner Stelle zu sein..."
Der junge Mann stoppte und schlug seine Faust wieder auf seine Stirn.
„Ich bin dumm, so was zu sagen. Tut mir Leid."
„Macht nichts. Ich bin an meinem Leben gewöhnt und hänge trotzdem daran."
„Hast du es eilig, nach Hause zurückzukehren?"
„Jein. Ich mag das, was ihr mir gebt. Es ist erholsam, nicht die ganze Zeit um euch und um mein Leben fürchten zu müssen. Aber ich vermisse meine Freunde. Ich vermisse sie sehr. Und ich fürchte mich davor, nicht rechtzeitig zurück zu sein oder sogar gar nicht zurückzukehren. Das Schlimmste wäre, dass ich zurückkehre und dass sie schon tot wären. Ich versuche, nicht daran zu denken, Hogwarts zu vertrauen, aber das ist für mich beängstigend, diese Seite der Dinge nicht zu beherrschen."
„Warum gehst du nicht nach Hogwarts, um zu versuchen, das Schloss davon zu überzeugen, dass es dich sofort nach Hause zurückschicken soll?"
„Weil ich das, wonach Dumbledore, deine Mum und Snape suchen, wirklich brauche. Und weil es eine schreckliche Verschwendung wäre, wenn ich nach Hause zurückkehren würde und den Kampf verlieren würde, weil ich von meinem Aufenthalt hier nicht profitiert hätte. Ich denke, dass es die weiseste Entscheidung ist, hier zu bleiben, bis man mir Lösungen gegeben hat. Ich hoffe, dass ich mich nicht irre. Das ist alles, was ich tun kann."
Es herrschte eine lange Stille, als wüsste der andere Harry nicht, was er auf diesen Zweifel antworten könnte, den sein Doppelgänger empfand. Schließlich änderte er das Thema:
„Ich habe aber große Schwierigkeiten zu glauben, dass dir Granger überallhin folgt."
„Beruhige dich, sie präzisiert mir immer, welche Regel ich gerade übertrete", antwortete Harry und lächelte gerührt wegen dieser Erinnerung. „Ron und mir erzählt sie auch Passagen aus Eine Geschichte von Hogwarts. Ich bin sicher, dass ich den Eindruck hätte, dieses Buch auswendig zu kennen, wenn ich es je lesen würde."
„Dabei sind wir gleich. Zwischen Rose und Mum habe ich es nie für nötig gehalten, es mir aus der Bibliothek auszuleihen."
Die beiden Jungen lachten leise.
„Was Ron betrifft", fuhr Harrys Doppelgänger fort, „ist er immer übel gelaunt und interessiert sich nicht für vieles."
„Du solltest dir vorstellen, wie es dir an seiner Stelle ginge", verteidigte ihn Harry loyal. „Seine Brüder sind vor ihm da gewesen und er hat den Eindruck, dass er immer der letzte sein wird, egal was er tut. Stellst du dir vor, wie das ist, den Bruder von Percy und den Zwillingen zu sein? Ich liebe die Zwillinge aber das ist doch bestimmt nicht jeden Tag einfach, Mitglied ihrer Familie zu sein."
„Das stimmt. Und auch Ginny stichelt ihn sehr."
Harry spürte das gewöhnliche Herzklemmen, als er den Namen des Mädchens hörte, und er antwortete nicht. Der andere erhob sich ein bisschen, um Harry Auge in Auge unter dem schwachen Licht des Monds anzustarren.
„Ginny?", fragte er amüsiert. „Du bist in Ginny verknallt, stimmt das? Gehst du mit ihr zusammen?"
„Nein", antwortete Harry scharf.
„Hattest Angst, sie auszufragen?", fragte der andere mit herablassender Stimme.
„Nein, ich hatte Angst, dass jemand sie meinetwegen töten würde", antwortete Harry barsch.
Sein Doppelgänger blieb einen Augenblick lang still und unbeweglich und starrte Harry nur an, der die Augen geschlossen hatte, um den Blick des anderen nicht zu sehen. Langsam setzte er sich wieder in seinen Sessel und stellte bloß fest:
„Ich bin ein echter Dummkopf. Ich hätte besser in meinem Zimmer bleiben sollen."
„Du bist an deine Welt gewöhnt wie ich an die Meinige", seufzte Harry, der es bedauerte, so offen gewesen zu sein. „Und ich danke dir, dass du gekommen bist. Es hat mir gutgetan, das alles zu erklären."
„Hm... gern geschehen!", antwortete Roses Bruder, der offensichtlich nicht überzeugt war, dass er gut genug gewesen war.
Sie blieben wortlos und sahen zu, wie der Mond langsam hinter die Bäume des Waldes herab sank. Allmählich verlangsamte sich ihr Atem und sie schliefen in der lauwarmen Julinacht ein.
Und nächste Woche kommen ein beängstigendes Erlebnis, Gewissensbissen und eine richtig schlechte Nachricht.
