Hallo an alle! Hier ist die Folge meiner Übersetzung der französischen FF von Alixe: Le choix de Lord Voldemort. Ich hoffe, sie wird euch genau so gut gefallen wie mir.
Disclaimer: Wie immer gehören die Zaubererwelt und ihre Charaktere und Orte nur zu J.K. Rowling. Das Konzept von mehreren Harrys, die sich treffen, kommt aus der Schreibgemeinschaft lesneufmondes. Natürlich verdienen Alixe und ich nichts damit.
Spoilers: Die ersten sechs Bände von Harry Potter.
Anmerkung von Alixe: Jene, die meine FF Der Andere schon gelesen haben, werden bemerken, dass es die gleiche Idee ist. Selbst, wenn einige Dinge gleich sind – wie zum Beispiel meine Sicht der Welt des anderen Harrys –, sind beide Geschichten voneinander unabhängig. Die Geschichte fängt am 2. August 1997 an, zwei Tage nach Harrys siebzehntem Geburtstag.
Die Entscheidung von Lord Voldemort:
Kapitel 10: Das nennt man Familie:
Er geht den Gang des Ministeriums entlang. Nein, er geht nicht. Er gleitet, er kräuselt über die Ebene des Bodens. Er fühlt, wie der ungleiche Überzug gegen seinen Bauch reibt. Mit der Spitze seiner Zunge spürt er seinen Weg. Er riecht den Mann. Er sieht, wie er am Boden sitzt. Er verspürt die Lust, ihn zu beißen, ihn zu zerreißen, das Blut strömen zu lassen. Ohne sich orten zu lassen, richtet er sich auf, wirft den Kopf nach hinten, um Aufschwung zu gewinnen, und trifft.
Sein eigener Schrei weckte ihn. Im nächsten Moment saß Harry im Bett, das die Potters für ihn in Lilys Arbeitszimmer gestellt hatten. Er schwitzte, sein Herz schlug rasend schnell und ihm wurde übel. Die Tür wurde plötzlich aufgemacht und Lily, die ein Nachthemd anhatte und den Zauberstab in der Hand hielt, betrat den Raum. Sie stürzte sich zu ihm und nahm ihn in ihre Armen.
„Es war ein Albtraum, Harry, es ist vorbei!", versicherte sie ihm.
Harry, der sich gerade daran erinnert hatte, was ihm Dumbledore gesagt hatte, zweifelte daran. Aber in den Armen der Doppelgängerin seiner Mutter, beruhigte sich sein Herz, die Übelkeit verschwand allmählich und er konnte wieder normal atmen. Als er die Frau sanft zurück schob, ließ sie einen silbernen Becher neben Harry erscheinen.
„Du solltest noch ein bisschen daraus trinken", schlug sie ihm vor.
„Nein, das wird nichts lösen, wenn ich mich mit Schlaftrank betäube. Es wird nichts an dem ändern, was ich bin."
Lily ergriff den Becher, der über Harrys Kopf schwebte, und stellte ihn auf den Boden. Sie zauberte dann den Stuhl hinter dem Arbeitstisch her und verwandelte ihn in einen Schaukelstuhl, auf den sie sich setzte. Dann löschte sie die Nachtlampe aus, die neben dem Junge stand, und fing an zu schaukeln. Schließlich legte sie ihren Zauberstab, dessen Spitze sie beleuchtet hatte, auf ihren Schoß. Das Licht tanzte fast hypnotisierend auf den Wänden mit dem Rhythmus des Sessels. Harry fand das wunderbar beruhigend. Er legte sich wieder ins Bett.
„Und wer bist du, deiner Meinung nach?", fragte Lily sanft.
„Wer ich bin?"
„Ja, wer bist du, Harry Potter, junger siebzehnjähriger Mann, Opfer des Fluchs eines mörderischen schwarzen Magiers?"
„Ich verstehe nicht."
„Alles klar, ich stelle dir die Frage anders. Kam es dir wirklich wichtig vor, das idiotische Rennen zu gewinnen, als du letztens mit meinem Sohn geflogen bist?"
„Hm, ja", antwortete Harry, den der Themenwechsel verdutzte. „Aber..."
„Spielst du gerne Monopoly und Schach mit meinen Kindern? Auch wenn du verlierst?"
„Natürlich, aber..."
„Welches Mädchen von denen, die du kennst, kommt dir am hübschesten vor?"
„Ginny Weasley, aber was hat das mit diesem verdammten Horkrux zu tun?"
„Das hat nichts damit zu tun, Harry. Eben."
Harry, der immer noch lag, drehte den Kopf der Frau zu und betrachtete ihre Züge, die vom gedämpften Licht auf ihrem Schoß sanfter gemacht wurden.
„Du bist ein Junge wie die anderen, Harry. Du bist nicht mehr von Bosheit und Grausamkeit angezogen als die meisten von uns. Du nimmst idiotische Herausforderungen an, du spielst nutzlose Spiele, du verlierst ohne Bitterkeit und es scheint, dass du den Reizen der Fräulein nicht gleichgültig bist. Glaubst du, dass Tom Riddle je so gewesen ist?"
„Nein", antwortete Harry und sah wieder, wie der Dunkle Lord sich schon damals beherrschte und ernsthaft war, als er mit Dumbledore im erbärmlichen Waisenhaus gesprochen hatte.
„Dieser Horkrux wird nur die Macht über dich haben, die du ihm gibst. Bleibe du selbst und es wird nichts geschehen."
„Ich bin aber die Schlange gewesen, als sie Mr Weasley angegriffen hat. Manchmal habe ich seinen Ärger verspürt..."
„Aber du wusstest, dass es nicht deinen war. Und du hast diesen Ärger verabscheut. Es ist spürbar, wenn du uns davon erzählst, Harry. Dein Mund verzieht sich und deine Augen sind kalt. Du verwirfst ihn, du schiebst ihn mit deiner ganzen Seele zurück. DEINE Seele, Harry, hörst du mich? Nicht das erbärmliche Stückchen, mit dem er versucht, dein Leben zu verderben."
„Als ich aber Mr Weasley verletzt habe..."
„Was hast du getan, als du aufgewacht bist? Du hast gedrängt, dass du mit Professor Dumbledore reden musstest, und du hast diesen Mann gerettet. Aber lassen wir das Thema. Erzähl mir von deinen Freunden."
„Ron und Hermine?"
„Ja. Sag mir, was Ron dir bedeutet."
„Er ist mein bester Freund. Ich kann mit ihm von meinen Problemen erzählen, ich weiß, dass ich auf ihn zählen kann. Er kann mich zum Lachen bringen, auch wenn nichts mehr geht. Er sieht mich nie mit Angst oder Abscheu an. Er hilft mir so viel wie er es kann."
„Und Hermine?"
„Manchmal ärgert sie mich, aber sie versucht immer, für meinen Wohl zu handeln. Sie recherchiert für mich, versucht, Lösungen zu finden, auch wenn sie nicht mit dem einverstanden ist, was ich gerade tue. Ich weiß, dass sie an meiner Seite stehen wird, solange sie es kann."
„Und Ginny? Hast du ihr gesagt, dass du sie hübsch findest?"
„Ja, aber ich habe ihr sagen müssen, dass es vorbei ist. Es war zu gefährlich für sie", erklärte er seufzend.
Das Schaukeln des Sessels stoppte.
„Liebst du sie sehr, Harry?"
„Oh, ja!", antwortete er mit einer Stimme voller Pein.
Er schloss die Augen und bekämpfte die Emotion, spürte, wie sehr er sie vermisste, seitdem er ihr hatte sagen müssen, dass ihre Geschichte zu Ende war. Was es ihn gekostet hatte, auf ihr Lächeln, ihr Spotten, ihre sanften Küsse, den Geruch ihres Haars zu verzichten.
„Also gehe sofort zu ihr, wenn du zurück bist, und sag ihr, dass du dich geirrt hast. Dass du sie brauchst, um zu siegen. Schiebe nicht jene zurück, die du liebst, Harry, sie sind es, die dir Stärke geben werden."
„Ich kann die Idee nicht ertragen, dass sie meinetwegen sterben könnte."
„Deine Eltern sind nicht deinetwegen gestorben, Harry. Sie wurden ermordet, weil sie dem Dunklen Lord drei Mal die Stirn geboten haben. Sirius ist gestorben, weil ihn seine Kusine hat töten wollen. Sie verabscheute ihn schon vor deiner Geburt. Dein Dumbledore ist gestorben, weil er die Tatsache sühnen wollte, dass er einem gewissen Tom Riddle ermöglicht hat, so viel Macht zu gewinnen. Weißt du nicht, dass er sein Leben riskiert hat, um Grindelwald zu besiegen, bevor wir beide geboren wurden? Glaubst du, dass er auf dich gewartet hat, um soche Entscheidungen zu treffen? Du bist es nicht, der über den Lauf der Welt entscheidet, Harry, und jeder stirbt schließlich eines Tages."
„Darf man aber die nicht schützen, die man liebt?", protestierte Harry.
„Deine Ginny war von Voldemort besessen, oder? Sie weiß, welche Gefahren ihr Bruder mit dir überwunden hat. Sie ist dir zum Ministerium gefolgt, um Sirius zu retten. Sie hat ihre Entscheidung getroffen, Harry. Das ist kein Liebesbeweis, wenn du sie entfernst, ohne dich darum zu kümmern, was sie denkt."
„Und wenn sie schließlich stirbt? Wird es genug sein zu sagen, dass ich nicht dafür verantwortlich bin? Werde ich es danach vergessen können?"
„Nein, du wirst dafür nur entschlossener sein, sie zu rächen. Es tut mir Leid, dass ich das sagen muss, Harry, aber egal, ob sie lebt oder stirbt, deine Liebe zu ihr wird dich stärker machen. Was wirst du deiner Meinung nach empfinden, wenn sie trotzdem stirbt und wenn du weißt, dass du sie während der letzten Monate ihres Lebens traurig gemacht hast, indem du sie zurückgestoßen hast?"
„Ich habe sie nicht zurückgestoßen. Sie hat sehr gut verstanden. Sie hat mir gesagt, dass sie das erwartet hatte."
„Es zeigt nur, dass sie dich verdient. Und du hast trotzdem Unrecht. Denn sie leidet genauso sehr unter eurer Trennung wie du, wenn sie dich genug liebt, dass sie das verstehen kann."
„Sie verstehen nicht!"
„Nein? Was habe ich deiner Meinung nach empfunden, als man mir gesagt hat, dass mein zukünftiges Kind wegen meines Engagements gefährdet war? Ein Kind, das nicht die Gelegenheit gehabt hatte zu wählen. Alle Fragen, die du dir stellst, habe ich mir bereits vorher gestellt. Kannst du dir vorstellen, wie viele schlaflose Nächte es bedeutet? Ich habe über alle Möglichkeiten nachgedacht. Aber ich hatte kein Mittel zu wissen, wie die Dinge verlaufen würden, oder ob meine Entscheidung die richtige sei. Sollte ich versuchen zu fliehen? Würde es genug sein, ins Ausland zu ziehen, damit dich Voldemort in Ruhe lässt? Sollte ich versuchen, mich bei den Muggeln zu verstecken, oder im Gegenteil mich unter den Schutz der mächtigeren Zauberer stellen? War es gut, dich zu gebären, wenn ich wusste, dass du diese Abscheulichkeit würdest bekämpfen müssen? Glaubst du, dass ich nicht verstanden habe, was für Leiden du haben würdest? Ich habe eine Entscheidung getroffen, Harry. Eine Entscheidung, die ich jeden Tag neu in Frage stellte. Eine Entscheidung, die ich heute, da ich dich so unglücklich sehe, da ich nun weiß, was für eine Kindheit und was für schreckliche Erlebnisse du durchmachen musstest, umso mehr in Frage stelle. Doch nichts versichert mir, dass eine andere Entscheidung nicht schlimmer gewesen wäre. Also werden wir es gut sein lassen und kämpfen, um zu siegen!"
Harry starrte sie überrascht an. Er betrachtete seine Mutter, wie sie kerzengerade in ihrem Sessel saß, mit den Schultern nach hinten und einem wild glänzenden Blick. In jenem Augenblick sah er deutlich den Willen, der seine Mutter dazu geführt hatte, Voldemort die Stirn zu bieten und ihr Leben für ihn aufzuopfern.
„Aber Sie haben die richtige Entscheidung getroffen", bemerkte er. „Ihr Sohn ist glücklich."
„Nicht meinetwegen. Es gibt so viele Elemente, die Voldemort zu deiner Mutter geführt und ihn von meinem Weg entfernt haben."
„Sie... Wissen Sie, ob Sirius bis zum Ende Ihr Geheimniswahrer geblieben ist?"
Lily starrte ihn an, bevor sie sich wieder gegen die Lehne fallen ließ und wieder schaukelte.
„Ja", antwortete sie, „ich weiß, dass er bis zum Ende unser Geheimniswahrer geblieben ist. Und deine Eltern wussten, dass er seine Meinung geändert hatte."
„Was?"
„Deine Eltern mussten doch wissen, dass Peter ihr Geheimniswahrer war, Harry. Um einen Fidelius zu wirken, muss man vor Ort sein. Der Peter deiner Eltern musste dafür zu ihnen nach Hause gehen. Sie haben das sicher alle vier zusammen beschlossen."
„Sie meinen, dass meine Eltern Peter an Sirius' Stelle gewählt haben?"
„Ja, wie es James und ich getan hätten, wenn Sirius es uns als das sicherste Mittel dargestellt hätte."
„Also sind Sie ihm knapp entkommen!"
„Das habe ich dir bereits gesagt, Harry. Wenn Sirius seine Meinung geändert hat, so hätte auch Peter anders handeln können."
„Das bezweifle ich!", empörte sich Harry.
„Das darfst du", antwortete Lily ruhig und schaukelte weiter. „Aber ich versichere dir, dass ich viele Unterschiede zwischen den Leuten spüre, von denen du uns erzählt hast, und denen, die wir kennen."
„Snape ist noch der selbe", setzte Harry bissig entgegen.
„Nein, Harry. Ich habe geglaubt zu verstehen, dass der, den du kennst, sich ungerecht und verletzend dir gegenüber zeigte. Was Severus betrifft, so hat er sein Bestes getan, um uns zu helfen. Und er hat dich nie böse angesprochen."
„Das dachten Sie soeben doch nicht", setzte Harry entgegen und erinnerte sich mit Freude an die schallende Ohrfeige, die sie ihm verpasst hatte.
„Oh", sagte Lily mit verzogenem Gesicht. „Ich werde mich bei ihm entschuldigen. Ich war so erschüttert, dass ich seine Worte schlecht interpretiert habe und dass ich glaubte, dass er uns verspottete. Eigentlich meinte er bloß, dass meine Bemerkung dumm war, und er hatte völlig Recht."
„Er hätte es anders ausdrücken können", empörte sich Harry.
„Ja, natürlich ist Feinfühligkeit nie seine Stärke gewesen. Aber es ist nicht sein Fehler und jetzt kenne ich ihn gut genug, dass ich es nicht mehr merke. Weißt du, er hat keine Kinder und er konnte nicht verstehen, was ich empfand. Ich hätte ihn nicht schlagen sollen. Ich schicke ihm morgen eine Eule."
Harry beließ es beim Thema, weil er davon überzeugt war, er könnte ihre Meinung nicht ändern. Sie war manchmal genau so eigensinnig wie Hermine, wenn seine Freundin von den Elfen sprach.
„Haben Sie nie daran gedacht, die Hauselfen zu verteidigen?", fragte er – er änderte nämlich lieber das Thema, bevor sie Snape loben würde.
„Oh, dich schockiert es auch!", rief Lily aus. „Ich bin stolz auf dich, mein Sohn hat nicht so viel Mitleid den anderen gegenüber. Nun, du sollst wissen, dass ich zahlreiche Mitglieder des Zaubergamots getroffen habe und dass ich sie überzeugt habe, ein Gesetz zu verabschieden, laut dem die Herren, die ihre Hauselfen misshandeln, hohe Geldstrafen bezahlen oder sogar ihre Opfer abgeben müssen. Ich hoffe, dass ich es schaffen werde, dass unsere Gemeinschaft den ungerechten Status der Elfen völlig ablegen wird, aber ich weiß, dass ich lange Jahre dafür brauchen werde. Dennoch will ich nicht aufgeben und ich versuche weiter, alle Zauberer zu sensibilisieren, die ich kenne, bis der Skandal sein endgültiges Ende findet. Ich brauche dir ja nicht zu sagen, dass wir Totsy bezahlen. Er will es nicht, aber wir sparen Geld für die Zeit, wenn er älter sein wird. Und wir versuchen, ihn sonntags nicht um zu viele Dinge zu bitten."
Harry lächelte und sah vor seinem inneren Auge, wie Hermine ihre Überzeugungen verteidigte. Er würde ihr Lilys Methode erzählen müssen. Er spürte, wie seine Augenlider schwerer wurden. Als er schon halb schlief, hörte er, wie eine Stimme sang:
On the first day of Christmas,
My true love sent to me
A partridge in a pear tree
Die Melodie kam ihm bekannt vor. Er fragte sich, ob seine Mutter sie ihm vorgesungen hatte, als er ein Kleinkind war.
On the second day of Christmas
My true love sent to me
Two turtle doves,
And a partridge in a pear tree
Am zwölften Weihnachtstag schlief er tief.
OoOoO
Als er erwachte, war es schon hell und James saß auf Lilys Sessel und las.
„Hallo", sagte James fröhlich, als Harry sich auf im Bett aufsetzte.
„Hallo!", antwortete der junge Mann.
„Wie fühlst du dich?"
„Es geht", antwortete Harry und war erstaunt, dass es stimmte.
„Deine Mum hat beschlossen, dass heute kein Training stattfindet. Aber ich denke, dass du die Entscheidung treffen solltest."
Seine Mum... Harry lächelte, als er sich bewusst wurde, dass er in seinem Geist immer öfters diesen Versprecher machte.
„Ich lerne lieber weiter als über all das hier nachzudenken", entschied er.
„Rose und mein Sohn würden gerne den ganzen Tag mit dir verbringen, weißt du?", bemerkte James freundlich.
„Haben Sie es ihnen gesagt?", fragte Harry besorgt.
„Nein, sie wissen nichts von den Horkruxen."
„Ich denke, dass ich weiter trainieren muss", sagte Harry wieder. „Jeder Tag zählt, das spüre ich."
„Also geh duschen und iss etwas", empfahl ihm James und stand auf.
Als er die Tür erreicht hatte, drehte er sich um und fragte:
„Harry, hast du schon versucht, einen Unverzeihlichen Fluch zu wirken?"
Harry errötete verlegen und nickte.
„Tue es nie wieder", sagte ihm James mit einer ernsthaften Stimme. „Sie zu wirken, benötigt eine Geisteswendung, die die Abwehr gegen deinen Horkrux mindern wird. Dein Hass zu denen, die dich und deine Freunde angreifen, ist gesund, solange er dir den Mut zu kämpfen und den Entschluss gibt, dich immer wieder gegen die zu stellen, die die magische Welt gefährden. Wenn du aber den Ärger und den Groll dein Herz mit dem Wunsch nach Töten, Leidenlassen und Imponieren deines Willens erfüllen lässt, dann bist du nicht mehr wert als jene, gegen die du kämpfst. Sobald du Grausamkeit und Schadenswillen dein Tun leiten lässt, ist nichts mehr je gleich. Das ist ein Risiko, das du nicht eingehen darfst."
Harry nickte. James lächelte ihm zu und präzisierte:
„Mach dir keine Sorgen. Du wirst nicht wehrlos sein. Wir Potters lassen sie vor Lachen sterben!"
Und Harry ging tatsächlich laut lachend zur Dusche.
OoOoO
Um vier Uhr nachmittags warteten Severus Snape und Albus Dumbledore schon mit Lily auf sie, als Harry und James von der Kampflichtung zurückkamen. Man ließ beide Kämpfer sich ernähren und dann gingen alle zum Wohnzimmer. Lily ließ Harry sich auf das Sofa setzen und setzte sich zu seiner Rechte, während sich James links von ihm setzte.
„Ich denke, dass Sie verstanden haben", fing Dumbledore langsam an, „dass in Ihrer Welt ein Horkrux bleiben wird, solange Sie leben werden. Nur Ihr Tod oder die Zerstörung Ihrer Seele durch einen Dementor wird Voldemort endgültig daran hindern können, wieder einen Körper zu finden."
Harry hatte das am vorigen Tag verstanden und den ganzen Tag darüber nachgedacht, doch er erstarrte, als er das aus dem Mund des gelehrtesten Zauberers hörte, den er kannte, und er musste sich stark kontrollieren, um nicht zusammenzubrechen. Er sorgte dafür, dass sich kein Muskel seines Gesichts bewegte, hielt seine Hände auf seinen Knien, damit man sie nicht zittern sehen konnte. Doch er konnte seine Rührung denen nicht verhüllen, die ganz dicht bei ihm saßen.
Er spürte, wie der Arm seiner Mutter hinter seinen Rücken fuhr und ihn sanft umarmte, während sein Vater eine Hand auf seine Knie legte. Er fühlte völlig Lilys liebevolle Zartheit so wie James' zurückhaltende Unterstützung. Er mochte beides umso mehr, da er spürte, dass er in seinem Status als junger Erwachsener respektiert wurde. Keiner von den beiden versuchte, ihn zurückzuhalten noch ihm Dinge zu verschweigen. Sie halfen ihm aber dem gegenüberzutreten und versicherten ihm ihr Dabeisein und ihr endloses Vertrauen.
Zwischen ihnen auf diesem Sofa sitzend fühlte er sich schließlich dazu bereit, das Schandmal zu bekämpfen, das er in sich behielt, und dessen Folge auf sich zu nehmen.
„Wie ich es Ihnen gestern gesagt habe", fuhr der alte Zauberer fort, „kann Tom Riddle ohne Ihre Zustimmung das Seelenstück, das er Ihnen gegen seinen Willen gegeben hat, nicht benutzen. Er kann ohne Schwierigkeiten die Stücke seiner Seele beanspruchen, die in leblosen Gegenständen oder gewissenlosen Tiere liegen, die er beherrscht. Es ist bei Weitem nicht der Fall, wenn der Teil, den er braucht, sich in einer selbstbewussten Seele befindet, die von Gefühlen erfüllt ist, die ihm unerträglich sind."
„Was heißt das konkret?", fragte James.
„Dass die Seele des Dunklen Lords nicht ins Jenseits gehen wird, solange ein Teil in der Welt der Lebenden bleiben wird", antwortete Severus Snape. „Dennoch wird er nicht genug von sich herausnehmen können, um seine Kräfte zu benutzen. Er wird eine herumirrende Seele sein und bleiben, die weder Stärke noch die Möglichkeit besitzen wird, Magie zu benutzen. Es sei denn, dieses unvermeidliche Stück von ihm selbst wird ihm geschenkt."
„Wenn Sie Hass und Missachtung Ihr Herz erfüllen lassen", vervollständigte der Schulleiter, „wird seine Seele dahin herbeigerufen werden und das nötige Ritual wird genug sein, damit er seine Kräfte wieder findet. Vergessen Sie aber nie, dass Sie nur glücklich zu sein brauchen, um ihn von Ihnen fernzuhalten."
„Außerdem", fuhr Snape fort, „ist es umso nötiger, alle anderen Horkruxe zu finden und zu zerstören, selbst wenn der Lord geküsst wird."
„Warum?", konnte Harry mit einer fast normalen Stimme fragen.
„Weil das Seelenstück, das in Ihnen liegt, auch mit den anderen Horkruxen verbunden ist", trug Snape mit seiner klaren Stimme vor. „Das heißt, dass Ihre Seele durch den Teil, der Ihnen nicht gehört und Voldemort entspricht, an den Horkruxen hängen bleiben wird, wenn Sie sterben. Wir wissen nicht genau, was das impliziert, aber logischerweise würden Sie wie eine einsame Seele herumirren, ohne weder eine richtige Existenz noch magische Kräfte wieder finden zu können, solange einer der Gegenstände verbleiben würde."
Harry konnte das nicht wirklich fassen. Aber wenn er den erschütterten Ausdruck seiner Eltern sah, verstand er, dass es schlimm war und dass sie an seiner Stelle darunter litten.
„Es war immer vorgesehen, die Horkruxe zu zerstören", prahlte er.
Snape starrte ihn an, aber er spottete nicht über ihn, wie es Harry wegen seines kalten Blicks befürchtet hatte. Er erkannte nur den Entschluss des jungen Mannes und stimmte nickend zu.
„Wenn man überlegt", sagte Dumbledore, „ändert es nicht viel an dem, was schon von Anfang an vorgesehen war. Im besten Fall wird Ihr Voldemort geküsst und Sie können in Frieden leben, sobald die Horkruxe zerstört sind. Wenn Sie daran scheitern, ihm Dementoren begegnen zu lassen, und wenn er auf eine normale Weise stirbt, so sollen Sie nur das Leben so weiterleben, das Sie vorgesehen hatten, ohne dass er irgendwas gegen Sie tun kann. Sie sind ein sehr starker junger Mann, Harry. Das Leben, das Sie gelebt haben, ist zwar sehr traurig, hat Sie aber gegen die Schicksalsschläge gestärkt, ohne Ihre Liebe zum Leben selbst zu vermindern. Ich zweifle gar nicht an Ihrer Fähigkeit, ihn fernzuhalten."
„Im schlimmsten Fall...", fing Snape an, bevor er von selbst stoppte und Lily ansah. „Du darfst mir eine Ohrfeige verpassen", rechtfertigte er sich selbst zuerst, „aber man muss es ihm doch sagen."
„Ist schon in Ordnung", griff Harry ein. „Ich habe verstanden: Wenn mir ein Horkrux fehlt, so kann ich es immer noch beenden, indem ich einem Dementor meine Seele schenke."
Es entstand eine schwere Stille, die Dumbledore mit einem Ton brach, den er ermutigend wollte klingen lassen:
„Mit allen Anweisungen, die wir Ihnen gegeben haben, wird das nicht geschehen. Hogwarts hat dafür gesorgt. Dank Ihrem Aufenthalt bei uns kennen Sie die Gegenstände, Sie wissen, wo sie liegen und wie Sie sie deaktivieren können. Ich vertraue Ihnen."
„Ich auch", sagte James fest und betonte seine Worte, indem er Harrys Bein fester drückte.
„Sie haben Recht", sagte auch Lily. „Du wirst es schaffen, Harry."
Harry hätte ihnen allen für ihr Vertrauen zu ihm danken wollen, aber dummerweise blieben die Worte in seinem Hals stecken. Er fürchtete sogar, er würde von seiner Rührung überschwemmt, aber dann stellte James eine Frage:
„Weiß Voldemort von dieser Geschichte mit den Dementoren?"
„Wir müssen davon ausgehen, dass er es weiß", antwortete Dumbledore. „Das ist der wahrscheinlichste Fall."
„Warum hat er sich also fangen lassen?", erstaunte sich sein Gastgeber. „Er musste ja erraten, was ihn erwartete, oder?"
Snape und Dumbledore sahen einander an.
„Professor Dumbledore konnte ihn unbeweglich machen, bevor er sich dessen bewusst wurde, was los war", erklärte Snape.
„Severus hatte ihn in ein Haus geschickt, das Sie bewohnen sollten, und ich war es, der ihm die Tür geöffnet hat", präzisierte der alte Zauberer. „Ich habe ihn sofort unbeweglich gemacht und die Auroren haben ihn mit Stuporflüchen bestürmt, was es mir erlaubte, ihn in ein magisches Koma zu versetzen. Drei Tage später wurde er nach Askaban gebracht und der Urteil wurde ausgeführt."
„Zu dieser Zeit hatte es die magische Justiz sehr eilig", erklärte Lily mit einem Ton, der deutlich zeigte, dass sie dieser Sache nicht mochte.
„In diesem Fall war es etwas Gutes", erwiderte James.
„Um den Preis wie vieler Unschuldigen, die nach Askaban geschickt wurden?", fragte Lily, ohne die Fassung zu verlieren. „Und dazu all die, die bezahlt haben, um nicht verurteilt zu werden, während jeder wusste, dass Sie mit Voldemort unter einer Decke steckten."
„Wir hätten es zweifellos besser schaffen können", gestand Dumbledore neutral zu und Harry bewunderte seine Fähigkeit, Polemiken zu beenden. „Was Sie betrifft, Harry, ist es nötig, dass Sie die Hilfe vieler Auroren bekommen, deren Direktiven es sein werden, dass sie Voldemort unbeweglich machen und ihn bis zu seinem Urteil in einem Antimagiekokon behalten müssen. Machen Sie sich keine Sorgen darum", präzisierte er, als er sah, dass Harry die Augen weit öffnete. „Sie wissen, was das ist."
„Aber", setzte Harry entgegen, „wie wollen Sie, dass ich irgendjemandem Direktiven gebe?"
„Ihr Minister kann es bestimmt. Ich weiß, dass es Ihnen nicht gefällt, aber Sie werden Ihren Feind nicht fertig machen können, ohne sich mit dem Ministerium zu alliieren und sich seine Mitarbeit zu versichern."
„Sie haben es nie getan", erwiderte Harry, dem die Idee nicht besonders gefiel.
„Ich weiß, aber ich fürchte, dass Sie keine Wahl haben. Sie sind ein guter Zauberer und Mr Potter hat mir das Beste über Ihr Niveau in Verteidigung gesagt, aber allein können Sie Voldemort nicht ausfindig machen und ihn einer Technik unterwerfen, die Sie nicht zu kennen scheinen."
„Der Antimagiekokon ist ein sehr fortgeschrittenes Niveau", rechtfertigte sich James. „Ich gebe zu, dass ich es selber nicht tun kann. Aber die gute Seite der Dinge ist doch, dass die Auroren laut der Prophezeiung Du-Weißt-Schon-Wen nicht selber werden töten können, und dass wir also viele Chancen haben, dass er tatsächlich in den Armen der Dementoren endet."
„Ich bin mir dessen nicht so sicher", setzte Dumbledore entgegen. „Voldemort kann getötet werden, ohne wirklich zu sterben, da seine Seele die Welt der Lebenden nur verlassen wird, wenn Harrys Seele es auch tun wird. Auf die gleiche Weise kann Harry nicht völlig sterben, solange ein Teil seines Feindes bei uns bleibt. So interpretiere ich jetzt der Eine muss von der Hand des Anderen sterben."
„Und die Tatsache, dass keiner leben kann, wenn der Andere überlebt?", fragte Lily.
„Dieser Teil ist schon erfüllt", sagte ihr der Schulleiter. „Ihr gegenseitiger Willen, dem Leben des anderen ein Ende zu bereiten, ist stark gegenwärtig. Machen Sie sich keine Sorge", sagte der alte Mann zu Harry, „Sie werden sich nur öffentlich für Ihren Minister aussprechen und ihm den Verdienst an der Gefangennahme Ihres Feindes überlassen müssen, und er wird Ihre Bitten erfüllen."
Harry antwortete nicht und seufzte nur. Nach dem doppelten Druck seiner Eltern auf seine Schulter und seine Knie zu schätzen, fühlte er sich verstanden.
Es wurde nichts Neues während der übrigen Zeit der Stunde gesagt. Harry hatte den Eindruck, dass jeder sich bewusst war, den eigenen Auftrag erfüllt zu haben, und den Endbericht vortrug. Er hörte sie, aber hörte nicht wirklich zu und fragte sich, was geschehen würde, wenn er nicht schnell zurück nach Hause kehren würde. Würde man ihm gegenüber höflich bleiben wie man es mit einem Gast tut, der am Abend zu lange bleibt, und dabei wünscht, er würde bald endlich weggehen?
Alle standen auf und James und Lily fingen an, über eine Angelegenheit im Ministerium mit Snape und Dumbledore besprachen, die gerade den Kamin benutzen wollten, um nach Hause zurückzukehren. Harry verließ sie und ging hinaus, um frische Luft zu atmen. Titus der Hund empfing ihn überschwänglich und hob Harrys Hand mit dem Maul, um ihn um Streicheleinheiten zu bitten, bevor er sich auf den Rücken legte. Harry setzte sich auf die Stufen der Veranda, um seine Bitte zu erfüllen, und fing an, die Brust fachlich zu kratzen.
Ein paar Minuten später erschienen plötzlich schlanke Fußgelenke, die von den leichten Lederschuhen überzogen waren, die Zauberer und Hexen für den Sport anzogen, neben dem jungen Mann. Bevor er die Zeit hatte, den Blick zu heben, spürte er, wie sich eine Hand an seinen Arm stützte und wie sich ein liebevoller Kuss auf seine Wange legte.
„Aus welchem besonderen Anlass?", fragte er Rose.
„Wegen der schlechten Nachricht, die du gestern bekommen hast", antwortete sie, indem sie sich neben ihn setzte und auch anfing, den Hund zu streicheln.
Harry sah sie verdutzt an, aber sie beruhigte ihn:
„Weder Dad noch Mum wollten uns sagen, was es war, aber es klang schlimm."
Sie schwieg und Harry vermutete, dass ihr ihre Eltern ausdrücklich verboten hatten, ihn um Details zu bitten, weil die Neugier beim Mädchen ein sehr gegenwärtiger Charakterzug war. Da er von ihrer Fürsorge um ihn gerührt war, versuchte er, sie zu beruhigen:
„Es ist schlimm, aber nicht unüberwindlich", behauptete er.
„Das ist schon was", kommentierte Rose und still streichelten sie Titus weiter, bis der andere Harry ihnen vorschlug, Tarot zu spielen.
Und nächste Woche kommen: Eine Rückreise, die Erklärung zu einem unverständlichen Spruch, Erzählungen und Misstrauen.
