Hallo an alle! Hier ist die nächste – und schon letzte – Folge meiner Übersetzung der französischen FF von Alixe: Le choix de Lord Voldemort. Ich hoffe, sie wird euch genau so gut gefallen wie mir.

Disclaimer: Wie immer gehören die Zaubererwelt und ihre Charaktere und Orte nur zu J.K. Rowling. Das Konzept von mehreren Harrys, die sich treffen, kommt aus der Schreibgemeinschaft lesneufmondes. Natürlich verdienen Alixe und ich nichts damit.

Spoilers: Die ersten sechs Bände von Harry Potter.

Anmerkung von Alixe: Jene, die meine FF Der Andere schon gelesen haben, werden bemerken, dass es die gleiche Idee ist. Selbst, wenn einige Dinge gleich sind – wie zum Beispiel meine Sicht der Welt des anderen Harrys –, sind beide Geschichten voneinander unabhängig. Die Geschichte fängt am 2. August 1997, zwei Tage nach Harrys siebzehntem Geburtstag.

Die Entscheidung von Lord Voldemort:

Kapitel 13: Die Entscheidung von Lord Voldemort:

DER AUSERWÄHLTE IST VERSCHWUNDEN

Nach einer gut informierten Quelle soll jener, der sich den Auserwählten nennen lässt, aus dem Versteck verschwunden sein, aus dem er die Befreiung der magischen Welt vorbereiten sollte. „Das hat er aus einer Laune heraus getan", wurde versichert. Am vorigen Tag soll er lange behauptet haben, er wüsste, wo der Beweis läge, dass er in den Ereignissen, die zur Zeit in unserer Gemeinschaft Unruhe stiften, eine sehr wichtige Rolle spielen müsste. „Ich werde es ihnen beweisen", soll er gesagt haben. Soll man in diesem Satz einen Zusammenhang mit dem finden, den er bei seiner Pressekonferenz laut sprach? Sucht er nach jenem vermuteten Beweis seiner Legitimität? Jenem, den seine Eltern behalten haben sollen? Unser Gesprächspartner wollte diese Frage nicht beantworten.

Rita Kimmkorn.

Harry stieg aus dem Fahrenden Ritter aus und ergriff Tonks, die sich den Fuß auf den Stufen verstaucht hatte. Sie mochte Hermine wohl sehr ähnlich sehen, doch sie ging überhaupt nicht wie Letztere. Und es ist nicht nötig, Ron zu sein, um das zu bemerken, seufzte Harry. Sie richtete sich wieder auf und sah sich um.

„Ist es hier?", fragte sie und zeigte auf das Dorf.

„Etwas abseits", antwortete Harry, der den Straßenteil gerührt erkannte, den er mit seinem Doppelgänger überflogen hatte... kurz vorher aber zweifellos ganz weit weg von hier.

Er ging die Straße bis zur Dornenhecke entlang, die nun den von Lily so gut gepflegten weißen Zaun ersetzte. Er schluckte, als er die Ruinen des Hauses sah, die von den Bäumen halb versteckt waren.

„Hier ist es", flüsterte er.

Tonks antwortete nicht und wartete darauf, dass er selber als erster nach vorne schritt. Er tätschelte die Kommunikationsgalleone in seiner Tasche, ergriff seinen Zauberstab und zauberte einen Weg durch die Dornen. Gehorsam trennten sich die spitzen Zweige voneinander und er betrat mit Tonks den ehemaligen Garten der Potters.

Sie gingen vorsichtig etwa fünfzig Meter weiter und ihre Hände hielten ihre Zauberstäbe fest umschlossen. Als eine schwarze Silhouette vor ihnen erschien, wirkten sie beide ohne Vorwarnung einen Stuporfluch. Die Flüche verfehlten ihr Ziel und eine verhasste Stimme sprach spöttisch:

„Ist das alles, was Sie tun können, Potter?"

Der ehemalige Lehrer stand vor ihnen mit dem Zauberstab in der Hand. Obwohl seine Haltung nicht drohend war, stand er zwischen ihnen und dem Haus und er würde sie ohne Zweifel nicht durchkommen lassen. Harry fühlte, wie eine Hasswelle ihn überflutete. Selbst, wenn der andere Dumbledore Recht hatte, selbst, wenn sein Lehrer einen Mord auf die Bitte seines Opfers begangen hatte, so hatte er trotzdem den Tod seiner Eltern verursacht und ihn dieses Familienlebens beraubt, das er einen Monat lang hatte genießen können.

Er hasste diesen Mann für das, was er James und Lily angetan hatte, und für die Art und Weise, wie er ihn während seiner Unterrichtsstunden behandelt hatte.

„Werden Sie auch mich töten?", fragte er mit zusammengebissenen Zähnen.

„Ich vermute, ich muss Sie nicht darauf hinweisen, dass ich es schon längst erledigt hätte, wenn ich es selber hätte tun wollen."

„Was tun Sie also da?"

„Mein Auftrag ist, sicher zu stellen, dass Sie nicht begleitet werden."

„Nicht Sie werden mich daran hindern können, Harry beizustehen", antwortete Tonks unter Hermines Zügen kühl.

„Das würde ich gerne sehen, Miss Granger", antwortete Snape mit so viel Ironie, dass Harry meinte, dass er von der Verwandlung nicht getäuscht worden war.

Er griff an, ohne auf eine Antwort zu warten und Tonks verdankte es allein ihren Reflexen, dass sie vom Fluch nicht getroffen wurde.

„Gehe in Deckung", befahl sie Harry. „Und warte auf mich!"

Harry gehorchte und schritt hinter einen Baum, um der Aurorin freies Feld zu lassen. Er wollte ihr einen Augenblick lang helfen, aber trotz der Bosheit des Menschen war es ihm zuwider, Snape von hinten oder ihn zu zweit gegen einen anzugreifen.

Sind solche Skrupel eine blöde Art und Weise zu zeigen, dass ich ein Gryffindor bin, oder ist es eine Art und Weise, Kompromisse mit der Moral zu vermeiden? fragte er sich.

Da er auf diese Frage keine Antwort hatte, sah er zum Haus und wartete, dass der Kampf zu Ende ging und er seinen Weg fortsetzen konnte. Ein Schatten wurde zwischen den Bäumen sichtbar. Offensichtlich hatten sich alle Verräter hier treffen wollen. Er blickte erneut zu den Kämpfern. Die Stärken schienen wohl ausgeglichen. Die Zauber flogen schnell, das Ausweichen und die Schilder schützten beide.

Harry zögerte noch einen Augenblick lang, bevor er hinter dem Busch aufstand, hinter dem er sich versteckt hatte, und das Kampffeld umging. Er hatte überhaupt nicht vor, den ehemaligen Freund seiner Eltern so einfach davon kommen zu lassen. Außerdem wusste er, dass Voldemort nicht da war. Sonst hätte seine Narbe heftiger gebrannt.

Er schritt vorsichtig weiter, versteckte sich so gut wie möglich im dichten Gebüsch des verlassenen Gartens und war bereit zu disapparieren oder einen Schild heraufzubeschwören, wenn er angegriffen werden sollte. Doch die Ratte bewegte sich nicht, als würde sie auf etwas warten. Harry schritt schließlich auf die ein wenig freiere Stelle vor den Stufen.

„Ich wusste, dass du kommen würdest", freute sich Peter Pettigrew.

„Wie scharfsinnig!", sagte Harry ironisch.

„Das ist dumm von dir", bemerkte der Mann.

„Vielleicht. Nicht jeder kann sich unterwerfen und fliehen, wenn seine Freunde gefährdet werden."

„Du weißt nicht, wovon du redest!", rief Peter aus, der vom unausgesprochenen Vorwurf offenbar beleidigt worden war.

„Ich weiß es besser als Sie denken", erwiderte Harry. „Und zwar dank Ihnen."

„Ich konnte nicht anders!", verteidigte sich der Mann.

„Natürlich doch. Meine Eltern haben es getan. Sirius hätte es getan."

„Und siehe, wozu es geführt hat!"

„Immer noch besser als fünfzehn Jahre lang in Gestalt einer Ratte zu leben", ärgerte sich Harry. „Immer noch besser als einem Monster zu gehorchen, das vom einen Augenblick zum anderen die Entscheidung treffen kann, Sie zu töten oder zu foltern, um sich die Zeit zu vertreiben! Wenn Sie Ihren Freunden treu geblieben wären, so hätten Sie ein Leben gehabt, auf das Sie stolz hätten sein können. Ich selber würde lieber sterben als wie Sie leben!"

„Natürlich weißt du ja alles. Wie dein Dad. Er wusste alles, hatte eine Meinung über alles und richtete scharf und endgültig. Mein Freund? Ist das Freundschaft, wenn man sich ständig fürchtet, Vorwürfe zu kriegen, zu enttäuschen, den Gegenstand seines Spotts zu sein? James hörte nichts und niemandem zu. Er gab wie ein Prinz aus und man musste ihm dankbar sein."

„Er liebte Sie ehrlich. Er liebte Remus, er liebte Sirius. Er betrachtete Sie als seine Freunde. Zweifellos war er nicht perfekt, aber er hat Ihnen vertraut. Und er hat Sie immer verteidigt, wenn über Sie schlecht geredet wurde."

„Das stimmt nicht. Wie kannst du das übrigens sagen? Du hast ihn nicht gekannt."

„Und wer ist daran Schuld? Und übrigens kenne ich ihn besser als Sie es glauben. Ich weiß, dass Sie lügen. Und Sie müssen wissen, dass Sie nie das vergelten werden, was Sie ihm angetan haben, indem Sie sein Andenken beflecken!"

„Wie er bist du dumm. Und wie er wirst du sterben."

„Vielleicht. Aber ich werde nichts bedauern."

Aus dem Augenwinkel sah er eine Bewegung und er disapparierte einen Meter beiseite, wie es ihm James beigebracht hatte. Er sah, dass sein Angreifer die Schlange Nagini war.

Natürlich, dachte er. Sie kann mich töten, sie IST Voldemort. Das war nicht vorgesehen!

Während das Kriechtier die Richtung änderte, um Harrys Bewegung zu berücksichtigen, dachte Letzterer, dass er nicht ewig würde ausweichen können. Er hatte keine Zeit, länger daran zu denken. Die Schlange griff wieder an. Harry apparierte beiseite, aber diesmal sah es sein Angreifer bereits vorher und änderte auch die Richtung, so dass sich das offene Maul zu Harry stürzte. Das Tier spürte zufrieden, wie seine Zähne in menschliche Haut bissen.

Ein Heulen erklang und Naginis Opfer verkrampfte sich unter der Wirkung des Giftes, das nun in seinem Körper floss. Harry apparierte noch einmal und schaute zum Ort, von dem er kam. Wegen der Bewegungen der Kämpfer hatte Peter Pettigrew zwischen ihm und seinem Angreifer gestanden und lag nun zusammengekrümmt auf dem Boden. Doch Harry sah ihn nur einen Augenblick lang an und schaute lieber zur Schlange, die ihn mit ihren moirierten Augen belauerte. Harry wirkte einen Incendio, dem das Tier ausweichen konnte. Einen Moment lang versuchten beide Kämpfer vergeblich, einander zu verletzen.

Ist Voldemort schon da? fragte sich Harry. Soll ich die Auroren herbeirufen?

Glaubssssssssst du, du kannsssssst mir ewiglich ausssssweichen?", zischte die Schlange.

Unsere Leben und Tode sind miteinander verbunden", erwiderte Harry in derselben Sprache. „Sie sind es, die es gewollt haben."

Und du denksssssst wohl, du hättesssssssst eine Chansssssssssssse?", fragte das Tier spöttisch.

Harry hätte beinahe geantwortet, dass Nagini und er eine besonders wichtige Gemeinsamkeit hatten, aber er fürchtete, dass er damit seinem Feind eine Nachricht geben würde, die er noch nicht hatte. Er schwieg und behielt seinen Atem für die Folge des Kampfs.

Offenbar wollte ihm Voldemort nichts mehr sagen, denn die Schlange griff erneut an. Harry wich aus. Er vermied mehrere Angriffe auf gleiche Weise, bis er seine Richtung schlecht schätzte und zu nah an einem Baum apparierte. Die Magiewelle warf ihn nach hinten. Er schritt nach hinten, um sich wieder richtig zu stellen aber eine Wurzel ließ ihn stolpern und er fiel schwer auf den Boden.

Nagini profitierte davon, um sich auf den jungen Mann zu stürzen. Da sie weniger als einen Meter von Harry entfernt war, öffnete sie das Maul und ihr Opfer sah, wie sich die Zähne, aus denen Gift herunter tropfte, ihm so schnell näherten, dass er ihnen nicht würde entweichen können. Harry spannte sich auf und bereitete sich auf den Schmerz vor, aber ein Blitz leuchtete auf:

„Sectumsempra!", rief eine Stimme aus.

Das Kriechtier wurde mit voller Geschwindigkeit getroffen, flog beiseite und biss nur in die Erde. Doch es ließ sich nicht entmutigen und stürzte sich auf den, der es gestört hatte. Harry zögerte nicht und wirkte selber den Zerfetzungsfluch. Wenn er das tat, ging er das Risiko ein, den zu verletzen, der ihm geholfen hatte, aber er war nicht sicher, Letzterem danken zu wollen, denn seine Anwesenheit meinte zweifellos, dass Tonks tot war. Harrys Fluch verlangsamte die Schlange genug, dass ihr Snape einen neuen Sectumsempra zuwarf. Fluch für Fluch machten sie Voldemorts Haustier fertig.

Eine Zeit lang bewegte sich keiner. Schließlich blickte Harry vom Gemengsel aus Schuppen und schlaffem Fleisch auf, das nicht weit von der Leiche des ehemaligen Freunds seiner Eltern im Gras lag. Der sechste Horkrux war endlich zerstört. Harry spürte Erleichterung darüber, aber die Angst vor dem, was er noch zu tun hatte, überfiel ihn.

„Sie behalten mich für Voldemort vor?", fragte er seinen ehemaligen Lehrer. „Ich bin nicht sicher, dass er Ihnen dankbar sein wird."

„Hätten Sie Ihr Leben lieber in Naginis Magen beendet?", fragte der düstere Mensch fälschlicherweise erstaunt.

„Was ändert es für Sie?", sprach Harry mit zusammengebissenen Zähnen. „Ein Toter mehr ändert nichts für Sie."

„Ich hoffte ja nicht, dass Sie verstehen würden."

Harry betrachtete ihn. War es möglich, dass der andere Dumbledore Recht gehabt hätte und dass der Mord, den er bezeugt hatte, nicht das war, was er auf den ersten Blick zu sein schien?

„Was haben Sie T... Hermine angetan?"

„Sie wird Ihnen nicht zu Hilfe kommen", sagte Snape.

„Sie haben sie ermordet?"

„Vielleicht."

Harry hatte keine Zeit mehr, sich um das Schicksal der jungen Aurorin Sorgen zu machen. Seine Narbe fing an, ihm weh zu tun, und er wusste, dass Voldemort angekommen war. Er krümmte sich, als wäre ihm der Schmerz unerträglich – was beinahe richtig gewesen wäre. Diskret richtete er die Spitze seines Zauberstabs auf seine Tasche und aktivierte die Galleone. Als er sich wieder aufrichtete, sah er, dass Snape, dessen Hand um seinen Unterarm verkrampft war, den Blick nicht von ihm abgewandt hatte.

Hat er verstanden? fragte sich Harry. Wird er seinen Herrn warnen?

Doch sagte Snape nichts, sondern schritt bloß nach hinten und kniete auf den Boden, als Voldemort einige Schritte von Harry entfernt apparierte.

„Hast du das gefunden, wonach du suchtest?", fragte der schwarze Magier.

„Nein. Aber ich brauche es nicht, um zu wissen, was ich tun muss", erwiderte Harry.

„Wirst du mich töten?", fragte Voldemort spöttisch. „Ich möchte gerne wissen, wie du das schaffen möchtest!"

Harry antwortete nicht.

„Ich werde dich töten", behauptete Voldemort ruhig.

„Vielleicht", antwortete Harry.

Voldemort hob die Hand und warf Harry einen Zauber zu. So wie er es bei seinen letzten Trainingsstunden mit James erfahren hatte, setzte Harry einen Zauber entgegen, der es einem erlaubte, einen Zauber gegen seinen Absender zurück zu schicken, bevor er ein bisschen beiseite apparierte, um nicht mehr in der Visierlinie zu stehen. Der Fluch sprang zurück und flog zum schwarzen Magier, der ihn nachlässig mit der Hand verschwinden ließ.

Er hat keinen Zauberstab benutzt, analysierte Harry. Ich kann nicht mehr auf das Priori Incantatem zählen, um ihn zu verlangsamen, bis ihn die Auroren fangen. Ich werde nicht lebendig davon kommen.

„Also kannst du nur das gegen mich setzen?", lachte Voldemort spöttisch, der offensichtlich zur gleichen Schlussfolgerung gekommen war. „Ich muss mir keine großen Sorgen machen, wie ich sehe."

Warum hat er mich nicht sofort getötet? fragte sich Harry, bevor er verstand. Er kann mich nicht ohne Zauberstab töten. Er kann keine genügend mächtigen Zauber auf diese Weise wirken. Er wird einfach versuchen, mich zu entwaffnen. Dann wird er mich mit seinem Zauberstab töten, wenn ich mich nicht mehr werde wehren können. Was tun aber bloß die Auroren? fragte er sich und versuchte, nicht in Panik zu geraten.

„Snape, ich sehe, dass du die Entscheidung getroffen hast, ins feindliche Lager überzugehen", sprach der schwarze Magier weiter, indem er auf seine Schlange zeigte. „Es passt nicht zu dir, einem Bengel dein Leben anzuvertrauen. Wünschst du dir, vor ihm zu sterben oder sein Sterben zu beobachten?"

„Wie es Ihnen gefallen wird, mein Herr", antwortete der Mann so, dass der Titel wie eine Beleidigung klang.

„Ich werde dich bedauern, Snape", seufzte Voldemort. „Deine Schlagfertigkeit machte dich zu einem viel interessanteren Diener als jenes Wrack", schätzte er und da lag seine einzige Grabrede für den, der nicht weit davon lag. „Gut, da du hier bist, wirst du mir ein Gefallen tun. Imperio!", sprach er und zielte mit seinem Zauberstab auf Snape.

Überfallen sprang Snape hoch und blieb dann passiv, da er darauf wartete, dass ihm der, den er gerade verraten hatte, einen Befehl gab.

„Entwaffne der Junge", bat ihn Voldemort.

Snape sprach einen Expelliarmus zu Harry. Letzterer versuchte, ihm auszuweichen, indem er disapparierte, aber er konnte sich nicht bewegen. Das Erstaunen ließ ihn einen Augenblick lang die Konzentration verlieren und sein Zauberstab profitierte davon, um seinen Händen zu entgleiten und zu seinem ehemaligen Lehrer für Zaubertränke zu fliegen.

Die Auroren sind da und haben die Antiappariersperre heraufbeschworen, freute sich Harry. Jetzt brauche ich nur noch zu warten, bis sie Voldemort unbeweglich machen. Es wäre gut, wenn sie es schaffen würden, bevor er mich tötet.

Voldemort, der sich nicht bewusst war, von der magischen Polizei umgeben zu sein, hob schließlich seinen Zauberstab zu Harry.

„Es musste so enden", behauptete er. „Avada Kedavra!"

Harry stürzte sich beiseite, während die Eiche, vor der er einen Augenblick vorher gestanden hatte, unter dem Fluch explodierte.

„Du wirst mir nicht ewiglich ausweichen können", meinte Voldemort, bevor er einen neuen Todesfluch sprach, der Harry um einige Zentimeter verpasste.

Der junge Mann wollte hinter die Auroren in Deckung laufen, als Letztere ihre Anwesenheit zeigten, indem sie aus den Bäumen, die sie umgaben, Zauber wirkten.

„Wir sehen uns bald wieder", rief Voldemort aus und versuchte zu apparieren.

Wenn die Sperre nur nicht brechen könnte, hoffte Harry, der nicht wieder von worne anfangen wollte. Offensichtlich brach sie nicht. Indem er die fliegenden Zauber abwehrte, versuchte der schwarze Magier mehrere Formeln, ohne es zu schaffen zu fliehen.

„Man wird mich nicht so einfach los", brüllte Voldemort. „Ihr werdet mich nicht euren Dementoren ausliefern!"

Er drehte sich zu Snape um und schrie zu ihm:

„Versuche, dich zu wehren, wenn du es kannst!"

Ein gelber Blitz kam aus dem Zauberstab des schwarzen Magiers und flog zu Severus Snape. Letzterer hob instinktiv seinen Zauberstab und ließ den Fluch abprallen, der mit höchster Geschwindigkeit zum Absender zurückkehrte. Letzterer bewegte sich nicht und Voldemort wurde unter Harrys und Snapes überraschten Blicken in die Brust getroffen. Es entstand ein weißer Blitz, der sie zwang, die Augen zu schließen. Als sie sie wieder öffneten, so lag nichts mehr an der Stelle ihres Feindes.

Er hat es geschafft zu fliehen, dachte Harry zuerst, bevor er vom unerträglichen Schmerz, der ihn auf den Boden warf, als sich der Horkrux in ihm aktivierte, aus dem Irrtum gerissen wurde. Sein Schrei war herzzerreißend. Ein schrecklicher Schmerz, der aus seiner Stirn kam, verbrannte ihn und zerriss ihn von Innen. Entsetzliche Bilder und Empfindungen kamen durch seinen Geist: Leichen, vom Schmerz gekrümmte Körper, Entsetzensschreie, Schadenfreude bei der Sicht von Gewalttaten, die wehrlosen Opfern auferlegt wurden, Machtgier, Sucht nach Revanche...

Harry brach zusammen. Er spürte, wie ihn die Panik überwältigte. Ich bin es nicht, dachte er fest. Ich bin es nicht und es hat hier nichts zu suchen. Das ist mein Geist und niemand darf ihn ausnutzen. Mutig schob er die schmarotzenden Gedanken weg, kontrollierte wieder sein Herz und seinen Geist. Um den Überfall zu beenden, rief er sich seine glücklichsten Erinnerungen ins Gedächtnis zurück.

Er sah den Garten wieder, in dem er lag, wie er von Lily gut gepflegt wurde. Er erinnerte sich ans Quidditchfeld. Rose und ihre tollen Schwinger, der andere Harry, der den Clown spielte, aber genauso sehr konzentriert und entschlossen war, wenn es darum ging, den Schnatz zu fangen. Er rief sich das Bild von James in Erinnerung, der die beiden Jungen ermutigte, die sich miteinander maßen, Lily, die dem Sieger und dem Besiegten mit der gleichen Wärme applaudierte und beiden gratulierte. Er ließ sich vom Geruch des Hauses überwältigen, das die Potters bewohnten. Das Parfüm der Blumen, die Lily in die Vasen des Wohnzimmers stellte, der so starke Pergamentgeruch in ihrem Büro im zweiten Stock, Gerüche aus der Küche, in der sich der Elf bemühte. Und auch dieser unbestimmbare Geruch, der jedem Haus eigentümlich ist und den Harry jedes Mal tief einatmete, wenn er durch die Haustür ging.

Helft mir, flüsterte er. Helft mir, ihn wegzuschieben! Allmählich wurde es weniger schmerzhaft und Harry wurde sich seiner Umgebung wieder bewusst. Er atmete tief ein und versuchte, seine Enttäuschung zu überwinden: Voldemort war immer noch da, durch einen Teil seiner Seele hing er immer noch an der Welt der Lebenden. Ein einfaches Ritual schwarzer Magie könnte ihn völlig zurückkehren lassen.

Einige Schritte von hier entfernt starrte ihn Snape an, der von Auroren umgeben, entwaffnet und mit magischen Seilen gebunden war. Warum? schien er zu fragen. Warum hat er mich gezwungen, ihn zu töten? Auch Harry stellte sich die Frage, obwohl er mehr Anhaltspunkte hatte, um sie zu beantworten: Hatte es Voldemort absichtlich getan? Hatte er Snape, der immer noch unter dem Imperiusfluch stand, befohlen, sich zu wehren, damit er den Kuss vermeiden und eine winzige Chance behalten konnte, weiter zu leben?

Das fehlte uns gerade noch, dachte er und schaffte es, ironisch zu sein. Dieser Schweinehund hat sich selbst umgebracht, um nicht zu sterben. Noch eine solche Eventualität hatte Dumbledore nicht vorgesehen!

Harry wandte den Blick ab, denn er war dazu unfähig, den Blick jenes, der sich ihm schließlich angeschlossen hatte, länger zu ertragen. Es war vielleicht nicht mehr Hass, den er dem Mann gegenüber empfand, aber er wollte ihn dennoch erwürgen. Sind wir verdammt, dass er das tut, was ich am meisten fürchte, auch wenn er sich entschließt, auf meiner Seite zu stehen? Soll ich ihm enthüllen, dass er daran Schuld ist, dass Voldemort nicht endgültig gestorben ist? Dass ich seinetwegen mein ganzes Leben lang werde fürchten müssen, dass mein Feind das verlangt, was ihm gehört, dass er tief in meinem Herzen liegen bleibt?

Da er spürte, wie die Panik zurückkehrte, schloss er die Augen und versteckte sich wieder in seinen Erinnerungen.

Er sah wieder, wie Lily schaukelte und ihm beim schwachen Licht ihres Zauberstabs erklärte, dass er für die Wünsche seines Feindes ein unüberwindliches Hindernis bleiben würde, wenn er er selbst bleiben würde. Er erinnerte sich auch an James' Lächeln, als er ihm gesagt hatte: „Wir Potters lassen sie vor Lachen sterben!" Er glaubte zu lachen, als er diese Szene wieder sah, doch entwich ihm nur ein Schluchzer. Er hing noch an Roses Zartheit und am geheimen Einverständnis, das er mit dem anderen Harry schließlich entwickelt hatte. „Behalte uns tief in deinem Herzen und du wirst dich nie verirren", hatte ihm seine Mutter gesagt.

„Bleibt bei mir, bleibt mein ganzes Leben lang bei mir", psalmodierte Harry.

„Harry?"

Harry bewegte sich nicht, aber sein Gesprächspartner kniete sich zu ihm, um den jungen Mann in die Augen zu sehen. Es war Kingsley Shacklebolt.

„Alles in Ordnung, Harry?"

„Bringen Sie mich zu meiner Familie zurück", flehte ihn Harry an.

Der Mann nickte und ergriff seinen Schützling wortlos an den Schultern, um ihn zu zwingen aufzustehen. Dann beugte er die Knien und warf Harry wie ein Bündel auf die Schulter. Man hörte einen Ruf aber der Auror ignorierte ihn und disapparierte.

Im Fuchsbau war man auch sehr aufgeregt, aber Harry blieb auf dem Sofa in der Ecke liegen, auf das ihn Shacklebolt gelegt hatte. Er glaubte zu verstehen, dass der Auror versuchte, Molly fernzuhalten, damit er nicht unter ihrer Fürsorge erstickte. Er sah, wie seine Freunde und Ginny besorgte Ausdrücke hatten, aber er war zu erschöpft, dass er ihnen hätte zulächeln können. Shacklebolt disapparierte. Harry hörte Tonks' Stimme. Dann die des Ministers. Letzterer sprach zu ihm, aber er war zu weit in sich gegangen, dass er irgendetwas von dem verstehen konnte, was gesprochen wurde. Remus und Molly stellten sich zwischen ihn und den Minister und es wurde wieder ruhig.

Er hörte den charakteristischen Lärm von Gabeln gegen Teller und vermutete, dass man im Zimmer daneben aß. Er wurde sich schließlich bewusst, dass Ginny neben ihm saß und versuchte, ihn etwas essen zu lassen. Er aß ein wenig, um ihr den Gefallen zu tun, dann schüttelte er den Kopf. Sie drängte nicht.

Dann holten ihn Bill und Ron. Sie begleiteten ihn bis zur letzten Etage und zogen ihm seinen Pyjama an. Harry stürzte auf seinem Bett zusammen, konnte aber trotz seiner Müdigkeit nicht schlafen. Er sah wieder und wieder, wie der tödliche Fluch den fürchterlichen schwarzen Magier traf. Letzterer war lieber gestorben als das Risiko eingegangen, geküsst zu werden. Eines Tages würde er ihn noch einmal bekämpfen müssen...

Trotz James' und Lilys Sicherheit spürte Harry, wie ihn die Verzweiflung überfiel. Eine eisige Welle durchflutete ihn allmählich und floss in seine Glieder hinein. Sein Herz fing an, so heftig zu klopfen, dass es in seinen Ohren tief widerhallte. Mit zugeschnürter Kehle fragte er sich, ob er nicht gerade am Sterben war. Er dachte daran, um Hilfe zu bitten, aber er erinnerte sich daran, dass sein Tod die Welt von Voldemorts Anwesenheit befreien würde, und dachte, dass es ja etwas Gutes wäre.

Er hörte, wie die Tür des Schlafzimmers knarrte. War es Ron, der hinausging, um ihn allein sterben zu lassen? Er spürte, dass man seine Betttücher hob. Also ein Feind, der kam, um ihn fertig zu machen! Ein warmer Körper schmiegte sich an ihn.

„Sag mal Ginny, tu dir meinetwegen keinen Zwang an", murrte die Stimme seines Freundes. „Vielleicht möchtest du, dass ich weggehe!"

„Das möchte ich tatsächlich, aber ich weiß, dass du es nicht tun wirst", antwortete das Mädchen.

Ein warmer Atem an seinem Hals erwärmte den jungen Mann. Er spürte, wie ihn zwei Arme fest umarmten. Er presste sich fest gegen Ginny. Allmählich wurde es ihm weniger kalt und sein Herz beruhigte sich.

„Geht es besser?", fragte sie, als sie spürte, wie Harry weniger zitterte.

Er nickte still und umarmte sie zurück, da er vom Ende seiner Panikattacke erleichtert war. Sie bewegte sich sanft, um eine angenehmere Lage zu finden. Sie steckte ihr Ellbogen in seine Rippe und er bewegte sich ein bisschen. Sie versuchten einen Moment lang vergeblich, eine Lage zu finden, die für beide angenehm wäre, und waren erstaunt zu bemerken, dass es nicht besonders einfach war, im selben Bett zu schlafen. Sie prusteten los, als sie das bemerkten, was Ron knurren ließ.

Harry, der vom Blumengeruch umhüllt war, der von Ginny kam, schlief bald ein.

Als sie Mrs Weasley am nächsten Morgen für den Frühstück weckte, sagte sie nichts, als sie ihr jüngstes Kind in einem Bett sah, das nicht das ihrige war. Die drei jungen Leute zogen ihre Morgenröcke an und gingen ihr nach. Tonks, Remus und Hermine beendeten schon ihre Würstchen. Die Mutter bediente sie und sagte, als wollte sie sie verstehen lassen, dass das normale Leben zurück war:

„Wenn alles richtig geht, so wird nächste Woche die Schule wieder beginnen."

„Super", murrte Ginny.

„Wir werden hart arbeiten müssen, um unsere UTZe mit einem Monat Unterricht weniger zu bekommen", sagte Hermine besorgt.

„Als würde es für dich etwas ändern", murrte Ron.

„Alles in Ordnung, Tonks?", fragte Harry besorgt.

„Ja, ich habe nur ein paar blaue Flecken", beruhigte sie ihn.

„Die ihre ganze Brust und ihre Arme beflecken", präzisierte Remus.

„Dieser Snape bemüht sich ja wie eine Axt im Urwald", murrte Ron. „Sind Sie sicher, dass er auf unserer Seite steht?"

„Denn Sie glauben vielleicht, dass ich sie verfehlt hätte, wenn ich sie hätte töten wollen?", flüsterte eine wohl bekannte Stimme hinter dem jungen Mann.

Der jüngste Sohn der Weasleys sprang auf, drehte sich um und starrte seinen ehemaligen Lehrer entsetzt an.

„Was macht er denn da?", fragte er.

„Also ehrlich, Ron, spricht man so zu einem Gast?", empörte sich seine Mutter. „Professor Snape hat hier übernachtet, weil wir es ihm vorgeschlagen haben."

„Ich danke Ihnen für Ihre Gastfreundschaft", sagte der Betroffene steif, als wäre er nicht daran gewöhnt, seine Dankbarkeit zu erweisen. „Und ich bin wahrscheinlich kein Lehrer mehr. Übrigens muss ich weg. Ich will nicht, dass Sie von Auroren hier gestört werden."

„Wo werden Sie aber hingehen?", fragte Molly.

„Zum Ministerium. Ich sehe nicht, was es nützen würde, Katz' und Maus zu spielen. Am besten ist es, das sofort zu beenden."

„Warten Sie einen Moment, dass ich meinen Tee austrinke", schlug Tonks vor. „Ich begleite Sie."

„Ich brauche Ihre Begleitung nicht", erwiderte Snape. „Ich habe Ihnen gerade gesagt, dass ich der Justiz nicht entkommen will."

„Wir haben Scrimgeour versprochen, dass wir Sie heute Morgen begleiten", sagte Moody scharf.

Harry fragte sich, wie der Zaubertrankmeister dort angekommen war. War er nicht verhaftet worden? Hatten die Weasley aus Gutmütigkeit dem hinterlistigen Charakter eine letzte freie Nacht schenken wollen? Es sei denn, der einäugige Auror hätte gedrängt, dass er als erster sein Zeugnis über das hatte, was am vorigen Tag passiert war. Er fragte sich geistesabwesend, was der Orden gegeben hatte, damit er vom Minister solch eine Gunst gekriegt hatte.

„Und Sie wissen ja nicht, wann Sie nächstes Mal eine richtige Mahlzeit werden einnehmen können", schloss Molly, die wie immer pragmatisch war. „Sie sollten ein bisschen essen."

Ohne auf seine Antwort zu warten, bediente sie diesen weiteren Frühstücksgast. Nachdem er einen Augenblick lang gezögert hatte, setzte sich der Mann, um zu essen, indem er allen vernichtende Blicke zuwarf. Keiner sprach einen Kommentar. Als der jähzornige ehemalige Lehrer seinen Teller aufgegessen und seinen Tee ausgetrunken hatte, küsste Tonks ihren Gefährten und betrat vor Snape den Kamin der Weasleys. Der Verworfene betrat ihn danach und verschwand, ohne sich von irgendjemandem zu verabschieden.

Aus dem Fenster des Gemeinschaftsraums von Gryffindor schaute Harry in den von Schnee bedeckten Park. Er sah, wie Dampf aus dem Kamin von Hagrids Hütte hinaufstieg und wie sich dahinter das Laub des Verbotenen Waldes unter dem schweren Schnee beugte.

Er war glücklich, nach Hogwarts zurückgekehrt zu sein. Glücklich, den störenden Fragen zu entkommen, die ihm der Minister ständig stellte, wenn sie sich trafen. Glücklich, dass er nicht mehr vor den Journalisten fliehen musste, die ihn alle interviewen wollten. Glücklich, dass er nicht mehr die Fragen der Auroren über das beantworten musste, was im Garten des Hauses seiner Eltern geschehen war.

Zuerst hatte er sich gefragt, ob es ihm nach all dem, was passiert war, immer noch leicht fallen würde, wieder ein Schüler zu werden. Doch war er schließlich mit Erleichterung wieder ein gewöhnlicher Schüler geworden – gewöhnlich, wenn man vom ständigen Flüstern auf seinem Weg absah. Er war glücklich gewesen, sich keine Fragen mehr stellen zu müssen, sich einfach den gleichen Regeln wie seine Mitschüler zu unterwerfen und keine größere Sorgen zu haben, als seine Aufgaben zum gefragten Datum zurückzugeben und Zeit zu finden, die er mit Ginny verbringen konnte.

Er schaffte es also während langer Stunden die Gefahr zu vergessen, die die anderen wegen seiner einfachen Existenz drohte. Er erinnerte sich aber jedes Mal daran, wenn er sich in sein Bett legte und die Augen schloss. Es kehrte in seinen Träumen zurück. Er hatte weitere Panikattacken erlebt, bei denen er mit dem ganzen Körper zitterte und den Eindruck hatte, dass er sterben würde – er fürchtete sich davor und wünschte es gleichzeitig. Er brauchte lange Minuten, um sich wieder zu fassen, um sich daran zu erinnern, dass er nicht wehrlos war und trotzdem leben durfte. Er ließ dann hinter seinen geschlossenen Lidern die Gesichter aller Leute vorbeiziehen, die die Wächter seiner Seele waren: Seinen Vater, seine Mutter, den anderen Harry, Rose, Ginny, Ron, Hermine, die Weasleys, Remus... Sein Herz beruhigte sich dann, er konnte wieder atmen und schließlich einschlafen. Er wusste, dass er vielleicht Voldemort in seinen Träumen wieder sehen würde, dass er ihn wieder sterben sehen würde und dass er spüren würde, wie ihn sein Horkrux verbrannte. Doch manchmal war der Schlaf mild und er befand sich dann inmitten einer liebenden Familie in Godric's Hollow.

Es hätte ja immerhin schlimmer sein können. So viele Männer und Frauen hatten sich opfern oder ihre Familie gefährden müssen, um ihre Pflicht zu erfüllen. Er musste sich nur lieben lassen, glücklich sein und seine Werte nicht verraten. Er durfte sich seiner Meinung nach nicht beschweren.

Was hatte Snape immerhin von all seinen Jahren als Spion für den Orden und von der Tatsache verdient, dass er ihm das Leben gerettet hatte, indem er ihm geholfen hatte, Nagini zu töten?

Er war für einen erbarmungslosen Mörder gehalten worden, als sein Prozess, dessen Hauptanklage der Mord am Schulleiter von Hogwarts gewesen war, vor dem Zaubergamot angefangen hatte. Die Sitzung, während der er eine Verhandlung bekommen sollte, war sehr gespannt erwartet worden und hatte eine unerwartete und unglaubliche Wendung genommen. Als die Sitzungspräsidentin, die alte Griselda Marchbank, die Anklagen vorgelesen hatte, war plötzlich ein Phönix erschienen und hatte ein Pergament vor sie gelegt. Sie hatte es gelesen und mit einer zitternden Stimme die Zeilen vorgelesen, die – das konnte sie versichern – von Professor Dumbledore selbst drei Monate vorher geschrieben worden waren.

Er sagte, dass er wegen einer Wunde schwarzer Magie am Sterben war und dass er Professor Snape darum gebeten hatte, seine Stelle als Spion bei Voldemort zu bestätigen, indem er ihn im Notfall vor Todessern töten würde. Er fügte hinzu, dass ihm sein Lehrer für Zaubertränke während langer Jahre eifrig gedient hatte und dass er sich für seine Unschuld und für sein Engagement bei denen bürgte, die die schwarzen Magier bekämpften.

Der düstere Lehrer war schließlich von allen Anklagepunkten gegen ihn freigesprochen und von den Zauberern ausgebuht worden, die im Raum saßen und darüber frustriert waren, dass die unerbittliche Justiz, die sie sich wünschten, nicht hatte angewendet werden können. Er lebte jetzt wie ein Einsiedler und wäre wahrscheinlich in einem erbärmlichen Zustand, wenn Professor Dumbledore nicht vorgehabt hatte, ihm eine Rente aus den Gütern zu bezahlen, die er Hogwarts überlassen hatte.

Harry wusste nicht mehr wirklich, was er für diesen Mann empfand. Ein Teil von sich selbst hasste ihn immer noch, doch hatte er sich ihm gegenüber jedes Mal, wenn man ihm gratuliert hatte, dass er die Welt von Voldemort befreit hatte, schuldig gefühlt. Er fühlte sich auch unwohl, wenn er bemerkte, dass die Auroren trotz ihrer Anwesenheit, als der Kampf verlaufen war, nie Snapes Rolle in Voldemorts Verschwinden bezeugt hatten. Also war er sauer auf Snape, dass er ihm so zweideutige und gegenteilige Gefühle empfinden ließ.

Ein anderer seiner Feinde gab ihm aber mehr Zufriedenheit. Beim Schuljahresbeginn hatte er Malfoy wieder gesehen. Zuerst war er darüber verärgert worden, bis er bemerkt hatte, dass der ehemalige verwöhnte Bengel seine Hochnäsigkeit verloren hatte und dass er den Leuten jetzt nicht mehr in die Augen sah und alles tat, dass ihn die anderen vergaßen.

Ja, es erfreute ihn sehr zu wissen, dass der Vater seines Feindes verhaftet worden war, dass er selber niedergeschlagen und ruiniert war und dass er nun von all seinen Mitschülern wie ein Pestkranker betrachtet wurde. Tonks hatte ihm erklärt, dass er mit seiner Mutter während des Sommers nach Frankreich geschickt worden war. Sie waren zurückgekehrt, als Voldemort verschwunden war, und hofften, sie würden ihren Rang und ihr Vermögen retten können, doch vergeblich. Lucius war verhaftet worden und die Mutter und der Sohn lebten von dem wenigen Geld, das nicht vom Ministerium beschlagnahmt worden war.

Sie hatten nicht genug Geld gehabt, um ins Ausland zu ziehen und Draco hatte nach Hogwarts zurückkehren müssen, was nach Hermine für ihn wahrscheinlich die beste Strafe war. Harry dachte, dass es nicht zu viel war, da er zwei Mordversuche und das Öffnen von Hogwarts für die Todesser auf dem Gewissen hatte, aber die Niedergeschlagenheit von Draco seit dem Schuljahresbeginn war dennoch besonders zufriedenstellend.

Hermine hatte Harry gesagt, dass diese Freude nicht barmherzig war und dass er seine Seele gefährdete, wenn ihn das Unglück der anderen so erfreute. Ron hatte ihn verteidigt, indem er gesagt hatte, dass Harry nett bleiben, aber dafür kein Heiliger werden sollte. Sollte er sogar das Schicksal seiner Feinde beweinen, um sich von Du-Weißt-Schon-Wem zu unterscheiden? Hermine sah nicht überzeugt aus, aber sie hatte es gut sein lassen. Die so sehr erwartete Annäherung zwischen ihr und dem jüngsten Sohn der Weasleys war kurz vor dem Schuljahresbeginn passiert und hatte so gewirkt, dass ihre ständigen Streite zu Ginnys und Harrys großer Erleichterung jetzt viel kürzer geworden waren.

„Würde dir ein romantischer Spaziergang im Schnee gefallen?", flüsterte eine Stimme hinter ihm.

Er lächelte. Die reine Luft zu atmen, zu hören, wie der Schnee unter seinen Stiefeln knirschte. Ginnys lauwarme Hand in der seinigen zu fühlen, die Wärme ihn überfallen zu lassen, wenn er sie küssen würde. Sich von Glück und Lebensfreude füllen zu lassen...

„Immer!", antwortete er.

ENDE