Als Harry erwachte war es dunkel, aber durch das Fenster konnte er bereits die Morgenröte sehen. Es musste fünf Uhr sein. Langsam schwang er die Beine aus dem Bett und wäre fast hingefallen. Alles drehte sich und ihm war furchtbar schlecht. Vorsichtig hielt er sich an der Wand fest, doch das Bad war auf der anderen Seite und es gab nichts, auf das er sich stützen könnte. Langsam ging er in die Hocke, bis er auf allen Vieren über den Flur rutschte.

Er hatte das Gefühl jeden Moment auf den Teppich zu kotzen, also stoppte er und atmete tief durch. Die Treppe war näher als das Bad und so krabbelte er hinüber und setzt sich auf die oberste Stufe und schloss die Augen. Er wusste nicht wie lange er da saß, bis er begriff, dass aus dem Wohnzimmer stimmen zu hören waren. Solange er saß, ging es einigermaßen, also beschloss er erst einmal hier zu bleiben, bis die Welt aufhörte zu schwanken.

„...Brief erhalten. Scheinbar hat er einen besser bezahlten Job im Süden Englands."

Harry kannte die tiefe Stimme, aber er brauchte einen Moment, bis er Albus erkannte.

„Wie überraschend. Und das zwei Stunden nach der Abstimmung" Das war eindeutig Snape. Aber was machte der Schulleiter hier und auch noch zu dieser unmenschlichen Zeit? Albus brummte zustimmend und seine Stimme klang verärgert.

„Wie dem auch sei, ich habe keine andere Wahl als ihre Entscheidung zu akzeptieren. Die zwei anderen Kandidaten sind ebenfalls abgesprungen und durch die neuen Richtlinien hat das Ministerium das Recht einen Lehrer zu bestimmen, wenn ich keinen finde."

„Sie wird nur Ärger machen." Harry hörte, wie Snape auf und ab lief.

„Das wird sie, deshalb müssen wir mit allem besonders vorsichtig sein. Zum Glück konnte ich verhindern, dass sie ebenfalls die Vormundschaft von Harry bekommt. Aber sie darf auf keinen Fall vom Orden erfahren."

Langsam wurde seine Sicht wieder klarer und er spitzte die Ohren, als er seinen Namen hörte. Snape murmelte etwas, das er nicht verstand und leise ließ Harry sich noch zwei Treppenstufen hinunter gleiten. Weiter konnte er nicht, ohne dass sie ihn sehen konnten.

„Was ist mit Black? Haben sie irgendwann auch einmal vor, dass öffentlich zu machen?"

„Laut Fudge wollen sie keine Panik in der Bevölkerung und solange er sich versteckt hält, wird es Niemand bemerken."

„Aber das ist Irrsinn. Er könnte offen durch London laufen, ohne das es Jemand bemerkt."

„Das selbe habe ich Fudge auch gesagt. Er meinte nur ich solle aufhören Unruhe zu verbreiten."

„Unruhe?" Oh, wie sehr Harry es liebte, wenn Snape aufgebracht war. Er war jetzt klar und deutlich zu verstehen.

„Was ist mit Potter? Sollte er nicht zurück nach Hogwarts?"

„Nein. Das Ministerium ist zu einer Zentrale öffentlichen Klatsches geworden. Wenn Black auch nur halb so intelligent ist, wie ich vermute, weiß er, dass Harry dort ist. Im Moment ist er sicherer hier."

„Zumindest bis morgen früh", schnarrte Snape.

„Was soll das bedeuten?" Ja, Snape...was soll das bedeuten?

„Die Kinder waren gestern Abend auf einer Party im Dorf. Sagen wir es mal so, dein Goldjunge hat kein Maß was Alkohol angeht."

„Er hat WAS?", donnerte Albus und Harry zuckte zusammen. Olle Petzte... „Ich hoffe du hast ihm einen ordentlichen Einlauf verpasst."

„Nein, ich habe so getan, als hätte ich nichts bemerkt."

„Aber..."

„Beruhige dich Albus. Der Bengel ist vierzehn. Kannst du dich noch daran erinnern, wie ich mit vierzehn war?"

„Bildhaft."

„Genau. Und glaube mir, nach morgen wird er so schnell keinen Alkohol mehr anfassen. In seinem Zustand hätte ich mir die Seele aus dem Leib brüllen können und er wäre doch nur eingeschlafen. Mach dir keine Gedanken, ich werde mich schon darum kümmern."

Ihre Stimmen wurde leiser und egal, wie Harry die Ohren spitzte, er verstand nur noch Gemurmel. Also beschloss er, dass es Zeit war sich wieder in Richtung Bad zu begeben. Langsam stand er auf und ging eine Stufe nach oben. Doch auf dem Weg verhedderten sich irgendwie seine Beine und bevor er wusste was geschah, saß er wieder. Er wollte fluchen, aber es war wohl im Moment keine so gute Idee den Mund auf zu machen. Allerdings schien er sich nicht so leise verhalten zu haben, wie er glaubte.

„Potter!"

Snapes Gesicht erschien am Ende der Treppe und Harry wollte sich wieder hoch rappeln, aber es ging nicht. Miserabel sah er seinen Lehrer an, der jetzt stinkwütend zu ihm hoch stampfte.

„Du bist eindeutig schon genug in Schwierigkeiten, Potter, ohne dass ich dich beim Lauschen erwische!"

Zu allem Unglück erschien in diesem Moment auch Albus, einen missbilligenden Ausdruck auf dem Gesicht. Snape packte ihn beim Oberarm und zog ihn auf die Füße. Der plötzliche Höhenunterschied brachte die Welt wieder entsetzlich ins Wanken.

„Was hast du gehört, Bengel? Sag es, oder ich schwöre dir..."

Harry schlug noch die Hand vor dem Mund, aber es war zu spät. Völlig grün im Gesicht erbrach er sich über seinen Lehrer.

OoOooOooOooOooOooOooOooOooOooOooOooOooOooOoo

„Ich trinke nie wieder Alkohol", stöhnte Harry, als Albus ihn auf das Sofa drückte.

„Schön zu hören", sagte der Schulleiter und wickelte ihn in eine Decke. Snape war verschwunden um sich um zu ziehen. Zwar hatte er Harrys Erbrochenes im Bruchteil einer Sekunde verschwinden lassen, aber trotzdem wollte er wohl nicht den ganzen Tag in den Sachen herumlaufen. Harry musste zugeben, dass der Tränkemeister eigentlich relativ cool reagiert hatte. Er hatte ihn ins Badezimmer gebracht und nachdem auch rein gar nichts mehr in seinem Magen war, unter die Dusche gestellt. Harry war viel zu schwindelig, um darüber nach zu denken, dass er vor den beiden Männern nackt war.

Die Dusche hatte gut getan und nachdem Albus ihn gezwungen hatte einen ganzen Liter Wasser zu trinken, fühlte er sich zumindest wieder wie ein lebendiges Wesen. Allerdings eines mit sehr wummerndem Schädel.

„Ich hab Kopfschmerzen", jammerte er und versuchte sich unter der Decke zu verstecken.

„Hör auf zu heulen, Potter und schlafe noch eine Weile", sagte der Tränkemeister, der gerade wieder die Treppe herunter kam und an den obersten Knöpfen seines Hemdes fummelte.

„Wenn du schön brav und lieb dort liegenbleibst, bekommst du danach vielleicht einen Hangover Trank."

„Warum nicht jetzt?", beschwerte sich Harry. Snape warf ihm einen amüsierten Blick zu.

„Weil du ruhig noch ein paar Stunden leiden sollst."

„Schmieriger Idiot", grummelte Harry und fing sich dafür einen Klaps auf die Schulter von Albus ein. Etwas betreten sah er zu dem Mann auf und sah, die dunklen Ringe unter dessen Augen. Sofort überkam ihm ein schlechtes Gewissen. Albus schien von den letzten Wochen völlig ausgelaugt zu sein und jetzt musste er sich auch noch um seinen ungehorsamen und Ärger verursachenden Schützling kümmern.

„Du musst ins Bett", sagte er und glänzte zu dem Schuleiter hoch. Albus Augen lächelten, als er auf ihn herab sah.

„Ich meine es ernst, Albus. Du sieht´s müde aus! Geh ins Bett!"

„Ja, Albus. Mummi sagt du sollst ins Bett gehen", kam es höhnisch aus der Küche. Harry verdrehte die Augen, bekam davon aber noch mehr Kopfschmerzen. Albus strich ihm einmal liebevoll über die Wange.

„Versprichst du mir, dass du auf Severus hören wirst, egal was er von dir verlangt?", sagte der Schulleiter dann ungewohnt ernst. Harry runzelte die Stirn, wollte aber nur schlafen und das der andere auch schlief.

„Ja, Sir"

„Guter Junge. Dann ruhe dich aus."

Damit erhob er sich und nach ein paar Worten mit Snape, apparierte er. Harry seufzte und wollte die Augen schließen, sah aus dem Augenwinkeln aber eine Bewegung. Snape stand an den Türrahmen gelehnt, in der Hand eine dampfende Tasse Kaffee.

„Jetzt gehörst du mir!", sagte er böse und Harry drückte ächzend den Kopf ins Kissen.

OoOooOooOooOooOooOooOooOooOooOooOooOooOooOoo

„Hier, trink das, Potter", schnarrte Snape und hielt ihm eine Flasche hin. Es sah aus wie Schlamm, es schmeckte auch so. Die Kopfschmerzen verschwanden fast augenblicklich und auch sein Magen kam zur Ruhe.

„Yuck... wenn das gegen Erbrechen ist, warum wird mir davon übel?", fragte er und Snape nahm ihm die Flasche mit einem finsteren Blick wieder ab.

„Normalerweise wäre es mir egal, wenn du noch zwei Tage Kopfschmerzen hättest, aber ich will das du genau mitbekommst was ich dir zu sagen habe!"

Harry nickte, wickelte sich aber wieder in die Decke ein. Es war bereits nach Mittag. Neville und Hermine saßen neben ihm, eine Mischung aus Angst und Wut im Gesicht. Wut, weil Harry sich hatte erwischen lassen und Angst vor dem was Snape mit ihnen machen würde. Es ging genauso los, wie sie es erwarteten. Eine Stunde lang belehrte Snape sie über die Gefahren des Alkohols, wobei er im Besonderes auf die besonders kleinen Hirne von Gryffindor Jungen einging. Nach und nach schrumpften sie in sich zusammen und wären am liebsten in der Couch versunken.

„Habt ihr ebenfalls getrunken?", fuhr Snape die beiden anderen an, nachdem Harry dachte ihm würden gleich die Ohren abfallen. Sie schüttelten unisono den Kopf.

„Hast du mitbekommen, dass Harry getrunken hat?", wandte er sich an Neville, der wieder den Kopf schüttelte.

„Miss Granger?"

„Ja, Sir", sagte sie leise.

„Warum hast du ihn nicht aufgehalten?"

„Sie hat es versucht", schritt Harry ein. Es war seine Blödheit gewesen, die sie in diese Situation gebracht hatten, er wollte nicht, dass Hermine mit ihm unterging. Snape sah ihn nur kalt an.

„Ich habe dich nicht nach deiner Meinung gefragt, Mr Potter. Nun, Miss Granger?"

„I-Ich habe mitbekommen wie er die ersten drei Flaschen getrunken hat...aber dann war er weg und ich hab erst gemerkt, dass etwas nicht stimmte, als wir gegangen sind."

Snape schnaubte und starrte sie eine Weile an.

„Nun gut. Wenn ich einen von euch noch einmal erwische, wie er einen Tropfen von egal was anrührt, bevor er volljährig ist...dann helfe euch Merlin, denn ich werde es nicht tun. Ihr zwei habt Glück gehabt und ich hoffe das ihr von Potters schlechtem Beispiel lernt. Potter aufs Zimmer. Sofort."

Harry wusste was kam, aber das machte den Gang nach oben nicht leichter. Immerhin ersparte Snape ihm die Schande, dass seine Freunde dabei zuguckten. Diese warfen ihm mitleidige Blicke zu. Scheinbar war ihre Wut verflogen, bei dem Gedanke daran, was Harry jetzt blühte. In dem Zimmer, dass er sich mit Neville teilte, brauchte er nur ein paar Sekunden warten, bis Snape ebenfalls auftauchte und die Tür zu machte.

„Setz dich", befahl er und schnell folgte Harry. Immerhin hieß das noch einen kleinen Aufschub. Als Snape sich ihm allerdings gegenüber niederließ und ihn mit seinen schwarzen Augen fixierte, wünschte er sich, dass sie es einfach hinter sich bringen würden.

„Was? Keine Ausreden? Kein Herauswinden aus der Strafe?"

„Wieso? Es macht doch eh keinen Unterschied was ich sage", murrte Harry.

„Vielleicht doch", gab Snape ungerührt zurück. Harry sah ihn prüfend an, dann seufzte er.

„Ich dachte nicht das Bier mich so schnell betrunken macht. Ich dachte es wär wie Butterbier..."

„Merlin, Potter. Genau das ist dein Problem. Du denkst nie! Du bist zwölf Jahre bei Muggeln groß geworden und kennst nicht den Unterschied zwischen Bier und Butterbier? Das glaubst du doch selber nicht."

Frustriert warf Harry die Hände in die Luft. „Genau, das meine ich. Egal was ich sage, du drehst es dann doch wieder so, dass ich unrecht hab."

Snape ließ den Hauch eines Lächelns sehen, doch es verschwand schnell.

„Wieso hast du heute morgen gelauscht?"

„Ich habe nicht gelauscht...zuerst", hängte Harry dran, als Snape nur ungläubig eine Augenbraue hob. „Das Badezimmer war soweit weg und ich habe mich kurz ausgeruht. Ich wusste nicht, dass ihr unten redet."

„Und als du es bemerkt hast, bist du sofort ins Bad gegangen oder hast dich bemerkbar gemacht?", fragte Snape sarkastisch. Harry unterdrückte den Drang die Augen zu verdrehen.

„Nein, Sir, das habe ich nicht."

„Aha. Kannst du dir vielleicht vorstellen, dass es Dinge gibt, die dich nichts angehen?", sagte Snape scharf.

„Aber sie gehen mich etwas an. All dieses Gerede über Black und das er mich suchen wird...das betrifft mich direkt. Wieso glaubt ihr eigentlich, dass es fair wäre, dass vor mir geheim zu halten?"

„Niemand sagt, dass es fair ist", gab Snape ruhig zurück. Harry sah ihn nur aufgebracht an. „Es gibt Dinge, Potter, von denen du nichts weist und das ist auch besser so. Denn dann würdest du nicht ruhig mit deinen Freunden am Strand liegen können, sondern säßest zitternd in einer Ecke. Wir verheimlichen diese Dinge nicht um dich zu ärgern, sondern zu beschützen. Genieße die wenigen Jahre die dir in dieser Unschuld bleiben."

Snape machte Sinn, aber das wollte Harry nicht wahr haben. Er fühlte sich wie ein kleiner Junge, der zum spielen geschickt wird, während die Erwachsenen die Entscheidungen trafen.

„Was hast du alles gehört?"

„Nicht viel. Scheinbar will das Ministerium Hogwarts übernehmen und Black ist hinter mir her. Deswegen soll ich hier bleiben, weil Albus dein Haus mit Schutzzaubern gesichert hat und Black aus irgendwelchen Gründen hier nicht sucht."

Snape rieb sich den Nasenrücken, als Harry das erstaunlich emotionslos herunter ratterte. Dann pinnte er ihn mit seinem Blick auf dem Bett fest.

„Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Albus seine Schutzzauber erwähnt hat."

„Wirklich?", sagte Harry langsam „muss er wohl. Woher sonst sollte ich davon wissen?"

„Ja, woher sonst? Wie häufig hast du Albus schon belauscht?"

„Ich hab nie..."

„Potter."

„Ein Mal", gab Harry kleinlaut zu „kurz bevor ich hier her kam."

Snape nickte. „Du weißt mehr, als wir je wollten das du es erfährst. Aber da der Schaden angerichtet ist, können wir daran nichts mehr ändern. Was zwischen dem Ministerium und der Schule vorgeht, geht dich nichts an, aber..."

„Es geht mich wohl etwas an", unterbrach Harry ihn leise „Hogwarts ist mein Zuhause."

Snapes dunkle Augen wurden eine Spur weicher. „Ich weiß. Aber es ist nicht meine Aufgabe, es dir zu erzählen."

„Welche dann?"

„Albus. Ich werde mit ihm reden. Aber was er dir erzählt und was nicht, ist allein seine Entscheidung. Was ich dir allerdings sagen kann ist dies: Du bist in sehr großer Gefahr. Du weißt wer Sirius Black ist und was er getan hat?"

„Nev hat es mir erzählt."

„Gut. Dann weißt du, dass er ein sehr kranker, sehr irrer Mann ist. Leider ist er aber genauso brillant und gefährlich. Vor zwei Wochen ist er aus Askaban entkommen, wie wissen wir nicht. Das Ministerium hält sich bedeckt, aber wir wissen das er nicht sehr lange ruhig bleiben wird. Und wir wissen, dass es einer seiner Hauptziele ist, dich zu töten."

Harry holte tief Luft. Also war Sirius Black, ein Massenmörder, tatsächlich hinter ihm her. Sollte er jetzt nicht Angst haben?

„Woher wisst ihr das?"

„Weil er es schon vor zwölf Jahren versucht hat, als du noch ein Baby warst. Deshalb ist es sehr wichtig, dass du in nächster Zeit bei uns bleibst. Egal was geschieht, du darfst keinen deiner üblichen Stunts abziehen und Hogwarts nicht verlassen. Black wird niemals damit rechnen das du im Moment bei mir bist. Aber ab dem ersten September kennt er deinen Aufenthaltsort. Hast du das verstanden?"

Harry nickte ein wenig betäubt. Die Angst hatte immer noch nicht eingesetzt, eher ein wachsendes Unbehagen, bei dem Gedanken in den nächsten Monaten auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden.

Snape beobachtete den Bengel genau. Zumindest dieses eine Mal schien er ihm zugehört zu haben. Hoffentlich blieb das auch so. Er war gestern ein großes Risiko eingegangen, als er Potter ins Dorf gelassen hatte. Doch er wusste, wie viel dem Bengel an seiner Freiheit lag und hier war wahrscheinlich die letzte Möglichkeit sie auszuleben. Zumindest bis sie Black gefasst hatten. Er erhob sich und öffnete seine Gürtelschnalle.

„In Ordnung. Um zu dem Grund zurück zu kommen, weswegen wir hier sind. Ich habe dir unten bereits alles dazu gesagt. Noch irgendwelche Anmerkungen?"

Während er sprach zog er sich den Gürtel aus den Schlaufen und faltete ihn einmal in der Mitte. Der Bengel sah ihn verängstigt an und schüttelte dann stumm den Kopf. Wie er so da saß, bekam Snape fast Mitleid mit ihm, aber er behielt seine ausdruckslose Miene bei. In den Monaten nachdem Potter sein Mal entfernt hatte, hatte sich vieles verändert.

Wenn er den Jungen ansah, blickte er nicht mehr auf das Ebenbild von James und sah auch nicht Lily in den grünen Augen. Während Neville immer mehr zu einer Mischung aus Alice und Frank wurde, hatte Snape langsam begriffen, dass Potter ein völlig anderer Mensch als seine Eltern war. Und mit dieser Erkenntnis war auch sein Hass verschwunden. Und obwohl sie nicht so eng miteinander waren, wie Potter mit der übrigen Lehrerschaft, kam Snape doch nicht umhin, ihn im Auge zu behalten.

Als er selber vierzehn gewesen war, hatte Albus ihn eines Abends betrunken in Hogsmeade gefunden. Der Schulleiter hatte ihn zu sich genommen, sich um ihn gekümmert und am nächsten morgen hatte Snape die Predigt seines Lebens bekommen. Danach hatte er drei Tage nur mit Schmerzen sitzen können. Es war das erste Mal, dass sich tatsächlich Jemand um sein Wohlergehen sorgte und Albus hatte ihn danach nie wieder ganz los gelassen. Immerhin war er seitdem sehr vorsichtig mit Alkohol und Potter würde jetzt das selbe erleben.

„Leg dich auf das Bett", befahl Snape streng. Der Bengel zögerte, dann folgte er. Snape hob den Gürtel über den Kopf, zögerte und senkte ihn wieder ein Stück.

Smack. Der laute Hieb schallte durch den Raum und beide zuckten kurz zusammen. Nach drei weiteren sah Snape stirnrunzelnd auf Potter hinab. Der Bengel lag vollkommen reglos da, gab keinen Laut von sich und starrte auf einen Punkt vor sich, als wäre er nicht da. Zwei Mal hatte er ihn jetzt schon über dem Knie gehabt und das war nicht seine übliche Reaktion. Zwar versuchte Potter immer ruhig zu bleiben und die Strafe stoisch über sich ergehen zu lassen, aber zumindest die Tränen kamen immer fast sofort. Am Anfang hatte Snape gedacht es würde mit Potter, wegen seiner hohen Schmerzgrenze schwierig werden, aber scheinbar verstand der den Unterschied zwischen ihnen und seinem Onkel. Als nach einem weiteren Schlag immer noch keine Reaktion kam, ließ Snape den Gürtel sinken.

„Was ist los, Potter?", knurrte er. Der Junge zuckte zusammen, sah ihn aber nicht an, als er mit tonloser Stimme antwortete:

„Nichts, Onkel"

Onkel?, dachte Snape alarmiert. Bis auf das eine Mal, nach der Auflösung des Mals, hatte Potter ihn nie so genannt. Er sah von dem Gürtel zu Potter und wieder zurück. Dann kniete er sich neben das Bett und legte dem Jungen eine Hand auf den Rücken. Wieder zuckte der bei der Berührung zusammen, als würde er verbrennen.

„Potter..., sie mich an", sagte er so ruhig wie möglich. Ganz langsam wandte der den Kopf, immer noch mit einer steinernen Miene.

„Ich bin nicht dein Onkel, Potter...Harry."

Bei der Erwähnung seines Vornamens, blinzelte Potter ein paar Mal.

„H-Harry, wie hat dein Onkel dich immer bestraft?"

Der Junge zögerte einen Moment zu lange, als wäre er nicht richtig hier. „Ich bin ein Freak, Niemand fasst einen Freak an...", murmelte er dann tonlos. Snape starrte ihn an, dann zählte er eins und eins zusammen. In einer fließenden Bewegung setzte er sich aufs Bett und zog den Jungen über seinen Schoß. Als hätte der rasche Positionswechsel ihn aus seiner Erinnerung geholt, strampelte er ein bisschen.

„Snape?", fragte er unsicher, aber seine Stimme war wieder normal. Snape klaubte abermals den Gürtel auf und ließ ihn auf Harrys Hintern krachen. Normalerweise redete er nicht viel bei einer Bestrafung, aber diesmal sagte er streng:

„Ich bin sehr enttäuscht von dir. Du wirst nie wieder trinken, bis du alt genug bist, um die Konsequenzen einzuschätzen. . ?"

Jedes Wort untermauerte er mit einem Schlag. Potter krallte sich in sein Hosenbein und die Tränen flossen nach dem ersten Satz. Merlin, der Junge war ja eine Katastrophe. Er tat Verletzungen mit einem Wimpernschlag ab, aber konnte nicht ertragen, wenn Jemand sauer auf ihn war.

„Au...bitte Snape, ich tu es nie wieder!"

Ohne das der Junge es mitbekam, verdrehte Snape die Augen. Wer´s glaubt... Aber er war froh, dass Potter scheinbar aus der Erinnerung an seinen Onkel wieder heraus gekommen war. Nach dem fünfzehnten Schlag stockte er und war in Versuchung den Gürtel beiseite zu legen. Aber irgendwie fühlte er, dass er jetzt nicht aus Mitleid weich sein durfte. Potter würde es auf die eine oder andere Art bemerken und das half ihm nicht. Also stählte er sich, verstärkte seinen Griff um Harrys Hüfte und brannte ihm noch zehn weitere Hiebe auf. Potter jaulte bei jedem Schlag, bis er am Ende nur noch heulend über seinen Knien hing.

Schnell warf Snape den Gürtel von sich und fuhr beruhigende Kreise über Potters Rücken. Er hatte das durchziehen müssen, um dem Jungen zu zeigen, dass es auch anders ging, aber bei Merlin, nie wieder mit dem Gürtel!

Langsam beruhigte sich der Bengel wieder und schnüffelte jetzt vor sich hin. Snape half ihm auf und stellte ihn zwischen seine Beine. Erst jetzt, als er die roten Augen sah, bemerkte er, dass er ebenso mitgenommen war wie Potter.

„Ich bin nicht dein Onkel, Potter", wiederholte er wieder. Verwirrung glänzte in den grünen Augen.

„Was?...Ich weiß...oh", er biss sich auf die Unterlippe und wurde ein bisschen blass „Ich war weg, oder?", fragte er leise.

„Du hast es nicht bemerkt?", fragte Snape alarmiert.

„I-Ich weiß nicht genau...", er sah ehrlich verwirrt und ein wenig verängstigt aus. Mit den Jahren hatte er gelernt sich geistig weit weg zu flüchten, wenn Vernon auf ihn los ging. Er wusste das Schreien und weinen es nur noch schlimmer machte. Häufig war er danach aufgewacht und spürte zwar die Schmerzen, konnte sich aber kaum noch an das Geschehene erinnern. Hatte er sich wieder ausgeklinkt?

„Du hast mich auf deinen Schoß gezogen und danach war...naja"

„Und davor?"

„Davor? Ich hab...", er stockte. Es stimmte, Snape hatte ihm gesagt er solle sich aufs Bett legen und das hatte er getan. Er hatte sich an Vernon erinnert, der ihn immer mit der Gürtelschnalle so fest wie möglich verprügelt hatte und danach lag er auf Snapes Schoß.

„Harry, hast du mit Albus darüber gesprochen?", fragte Snape jetzt sanft. Er errötete ein wenig und schüttelte den Kopf.

„Okey, komm her"

Ohne darüber nachzudenken, zog er den Jungen an sich. Der erstarrte und wusste mit der direkten Nähe erst nichts anzufangen. Ganz langsam entspannte er sich und ließ seinen Kopf gegen Snapes Schulter sinken. Der wusste selber nicht, wo das plötzliche Bedürfnis herkam, Potter zu umarmen. Er wusste nur, dass er es nicht ertragen konnte, wenn der ihn als ein Ebenbild seines Onkels sah.

„Du hast deine Strafe bekommen und alles ist vergeben", murmelte er ihm ins Ohr. „Ich würde dich niemals verletzten."

„Ich weiß", kam die leise Antwort unter dem wirren Haarschopf hervor. Snape erstarrte. Die Antwort war so schnell gekommen, als würde Potter ihm tatsächlich vertrauen. War das noch der selbe Junge, der sich vor einem halben Jahr geweigert hatte mit ihm zu reden, obwohl er offensichtlich Jemanden zum zuhören brauchte? Ein paar Minuten saßen sie so da, bis Harry sich vorsichtig von ihm löste.

„Du hast mich Harry genannt", sagte er sanft. Snape hob eine Augenbraue.

„Das ist dein Name."

„Du nennst mich nie Harry."

„Nun, wenn dir Potter lieber ist..."

„Nein! Nein, ich finde das besser."

Snape nickte und half ihm dann sich bäuchlings aufs Bett zu legen. Der Bengel winselte einmal kurz, als sein wunder Hintern die Matratze berührte und drehte sich schnell um. Snape musste sich ein Lächeln verkneifen.

„Schlaf ein wenig. Ich hole dich, wenn es Zeit zum Essen ist."

Mit halb geschlossenen Liedern nickte Potter...Harry, sein Atem wurde bereits tiefer.