„Wow, Sirius Black ist also tatsächlich hinter dir hier?", fragte Neville fast beeindruckt. „Erst du-weißt-schon-wer, jetzt Black...du schaffst sie wirklich alle Kumpel."
Hermine warf ihm einen bitterbösen Blick zu. „Das ist kein Wettbewerb, wer die meisten bösen Zauberer sammelt, Neville."
„Ja, aber wenn, dann würde ich gewinnen. Haushoch!", sagte Harry, der sich jetzt auf den Rücken legte und sich vom sanften Wellengang treiben ließ. Es tat gut im Wasser zu sein. Den ganzen gestrigen Tag durfte er nicht das Haus verlassen und war eigentlich die ganze Zeit im Bett geblieben. Hermine und Neville wollten ihm Gesellschaft leisten, aber Snape schickte sie nach draußen. Er meinte, Harry sollte noch ein wenig nachdenken. Das hatte er auch getan, aber wohl nicht über das, was Snape wollte. Es war jetzt vierundzwanzig Stunden her, dass Snape ihn vertrimmt hatte und abgesehen davon, dass sein Hintern immer noch dunkelrot war, konnte er nicht sitzen oder laufen, ohne daran erinnert zu werden. Doch das kühle Wasser tat gut und für einen Moment vergaß er seine wunde Rückseite.
„Das ist sehr ernst, Harry."
Er verdrehte die Augen. „Ich hab Voldemort besiegt, als ich eins war. Wie viel Schlimmer kann Black schon sein? Immerhin bin ich dreizehn Jahre älter. Das sollte ein Kinderspiel werden."
„Harry", protestierte Hermine „bitte höre ein einziges Mal in deinem Leben auf mich! Dumbledore ist besorgt, genauso wie Snape. Bitte mache nicht Dummes!"
Sie klang aufrichtig besorgt. „Ist schon okey, Hermine. Ich werde ein braver, kleiner Junge sein und im Schloss bleiben, in Ordnung?"
Einen Moment starrte sie ihn an, als würde sie seine Ehrlichkeit überprüfen. Doch als er sie ignorierte und weiter im Wasser dümpelte, seufzte sie und schüttelte den Kopf.
„Welchen Orden meinten sie eigentlich?", fragte Neville irgendwann. Das war etwas, an dem Harry ebenfalls zu knacken hatte.
„Keine Ahnung. Ich kenne keine Orden in der magischen Welt. Aber es scheint was wichtiges zu sein, wenn sie es geheim halten wollen."
„Frag Dumbledore doch einfach", schlug Hermine vor.
„Oh ja, was für eine blendende Idee", schnappte Harry sarkastisch „ey, Albus ich hab gehört ihr hättet einen geheimen Orden. Ich weiß, ihr erzählt mir nicht einmal, dass ein verrückter Massenmörder hinter mir her ist, aber kann ich vielleicht mitmachen?"
Neville lachte und selbst Hermine musste grinsen. Doch dann weiteten sich ihre Augen.
„Wartet mal...ich glaube ich hab mal etwas gelesen...", sie machte ein nachdenkliches Gesicht. „Verdammt, ich kann mich nicht erinnern. Wenn wir doch nur in Hogwarts wären...ich bin mir sicher, mal etwas in der Bibliothek gesehen zu haben."
„Was genau?", fragte Harry aufgeregt. Es war, wie in ihrem ersten Jahr, als sie Quirrel hinterher spioniert hatten. Wieder einmal spürte er das aufgeregte Kribbeln im Bauch, in Angesicht von Geheimnissen.
„Ich weiß es nicht mehr, aber ich bin mir sicher, etwas über einen Orden gelesen zu haben, der gegen du-weißt-schon-wen gekämpft hat."
„Glaubst du es ist der Selbe?"
Sie zuckte mit den Achseln und schwamm ein paar Züge zu Harry und Neville, die beide weiter raus getrieben waren. „Ich müsste es nachlesen. Wenn ich mich doch nur an das Buch erinnern würde...Jungs, mir ist kalt", damit schwamm sie ans Ufer und begann sich abzutrocknen.
„Streich dir das rot in deinen Kalender, Kumpel", raunte Neville leise genug, damit Hermine sie am Strand nicht hörte. „Hermine Granger erinnert sich nicht an ein Buch."
Harry grinste, seine Augen beobachteten aber noch immer Hermine, die sich jetzt in ihrem Bikini auf das Handtuch setzt und sich mit Sonnencreme einrieb. Der Bikini war Gryffindorrot und stand ihr ausgezeichnet. Plötzlich wurde er am Bein gepackt und unter Wasser gezogen.
„Ey", prustete er, kaum das er wieder oben war und schwamm hinter Neville her.
An diesem Abend saß Snape wie immer mit seinem Buch und dem üblichen starken Tee in seinem Lieblingssessel. Der Tag war erstaunlich ruhig gewesen. Hermine hatte sich bereits in ihr Zimmer verzogen, aber Harry und Neville saßen auf der Couch und lasen ebenfalls. Harry rutschte ein wenig hin und her, aber Snape schenkte dem keine Aufmerksamkeit. Als er sie jedoch zum fünften Mal dabei erwischte, wie sie ihn heimlich anstarrten, knurrte er.
„Was ist los mit euch?"
„Nichts", sagten sie unisono und verschwanden wieder hinter ihren Büchern. Misstrauisch hob er die Augenbrauen. Die Jungen sahen nach Unfug aus, aber er konnte nichts Beunruhigendes in der Nähe entdecken. Kopfschüttelnd tat er drei Löffel Zucker in seine Tasse. Auch wenn es Niemand erwartete, mochte er Süßes genauso gern wie jeder Andere. Allerdings beschränkte er sich auf Zucker in seinem Tee. Er hob die Teetasse an die Lippen und nahm genüsslich einen großen Schluck. Sofort verzog er angeekelt das Gesicht.
„Wer hat Salz in die Zuckerdose getan?", fragte er streng. Beide Jungen hoben die Köpfe und warfen ihm beste Unschuldsblicke zu.
„Salz? Was für ein Salz?", fragte Harry, bevor er sich an Neville wandte. „Weißt du etwas von Salz?"
„Ich habe ewig kein Salz mehr gesehen", stimmte Neville zu und beide sahen wieder ihn an. Er warf ihnen einen finsteren Blick zu.
„Bett. Sofort!", grollte er.
Ohne Proteste erhoben sie sich und rannten die Treppe hinauf. Bevor sie die Tür zu schlugen, konnte Snape ihr schallendes Gelächter hören. Wieder schüttelte er den Kopf und da keiner da war um ihn zu sehen, erlaubte er sich ein kleines Lächeln.
Als er eine halbe Stunde später in ihr Zimmer kam, lagen sie beide schon im Bett. Abermals misstrauisch kniff er die Augen zusammen.
„Kein Gezeter? Kein Geschrei? Seit ihr krank?"
Beide schüttelten den Kopf. Er ging zu Neville und führte das übliche Abendritual durch. Dann drehte er sich um und sah, dass Harry mit dem Rücken zu ihnen gedreht da lag. Snape ging auf zu ihm und hob die Decke ein kleines Stück höher, bevor er ihm einen sanften Klaps auf die Schulter gab.
„Gute Nacht, Jungs", sagte er und machte das Licht aus. Ihm entging Harrys geschocktes Gesicht, als er die Tür zu machte.
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„Ihr bleibt die ganze Zeit bei mir! Keine Widerrede, keine Ausflüge, vor allem nicht in die Nokturngasse! Wenn ich euch dabei erwische, verwandle ich euch in Kröten und setzte euch in den übelriechenden Tümpel, den ich finde! Ihr redet nicht..."
„...bewegt euch nicht und tut rein gar nichts ohne dass ich es euch erlaube", beendeten Harry, Neville und Hermine im Chor. Snape sah sie streng an und nickte dann zustimmend.
„Exakt! Wir gehen in die Winkelgasse, besorgen eure Schulbücher und gehen zurück. Fertig. Ich weiß sowieso nicht, warum ihr unbedingt dort hin müsst. Am liebsten würde ich die Sachen selber besorgen oder noch besser...per Eule. Wozu haben wir die Viecher eigentlich?"
Er grummelte noch eine ganze Weile vor sich hin, aber das tat er schon seit ihre Bücherliste aus Hogwarts eingetroffen war. Also seit drei Tagen. Es war der Freitag vor Schuljahresbeginn und die letzte Möglichkeit einkaufen zu gehen.
„In Ordnung, Potter, komm her", befahl er schließlich.
„Harry"
„Was?"
„Mein Name ist Harry", wiederholte Harry und ging zu Snapes Seite. Der zog die Augenbrauen hoch und klopfte ihm zwei Mal mit dem Zauberstab auf den Kopf.
„Ja, aber Potter lässt sich besser schreien", gab er zurück. Harry rieb sich über die getroffene Stelle und sah missmutig zum Tränkemeister hoch, der ein winziges Lächeln sehen ließ. Hermine fing an zu kichern und fragend sah er sie an.
„Dad, das ist gemein", schnaubte Neville, aber auch er musste sich ein Lachen verkneifen. Harry drehte sich um und sah in den Spiegel, der im Eingangbereich hing. Die einzige Möglichkeit für ihn in die Winkelgasse zu dürfen, war das sein Aussehen verändert würde. Er hatte dem zugestimmt, auch wenn er sich deswegen reichlich unwohl fühlte. Doch was er jetzt sah...
„Ich sehe aus wie zehn", rief er und fuhr ärgerlich zum Tränkemeister herum. Er war noch gleich groß, hatte aber glatte, schulterlange, braune Haare, Sommersprossen auf der Nase und hellblaue Augen. Bei genauerem Hinsehen erkannte man noch seine Gesichtszüge, aber er sah eher wie der Ur-ur-ur-urenkel von Albus aus, als wie er selbst.
„Das erste Mal entspricht das Aussehen dem Verhalten", schnarrte Snape und reichte ihm etwas Flohpulver. Harry musste stark gegen den Drang ankämpfen mit dem Fuß zu stampfen, aber das hätte ihn noch kindischer wirken lassen. Einer nach dem Anderen stiegen sie in den Kamin zum tropfenden Kessel.
Der Pup war wie immer dunkel und Tom grinste sie mit den vielen fehlenden Zähnen an, während sie an ihm vorbei in den Hinterhof gingen. Nachdem Snape sich vergewissert hatte, dass alle seine Schützlinge in greifbarer Nähe waren (Harry mit einem ausgesprochen sauren Gesichtsausdruck) öffnete er das Tor zum wohl besten Ort in ganz London. Harry vergaß sein Erscheinungsbild, als er die vielen Menschen und bunten Läden sah. Er liebte die Winkelgasse, mit all ihren bunten Geschäften und kuriosen Besuchern. Nach Gringotts mussten sie zum Glück nicht, da Snape bereits ausreichend Geld abgeholt hatte.
Nach einer Stunde bei Madame Malkins (in dem Harry erfreut feststellte, dass auch er ein paar Zentimeter gewachsen war), zwei Stunden bei Flourish und Blotts (wobei sie Hermine fast hinaus tragen mussten), einem kurzen Abstecher in die magische Menagerie (Eulenkekse für alle!) und einem sehr langen Abstecher in die Apotheke (hier mussten sie Snape heraustragen), ließen sie sich erschöpft bei Florean Fortescues von Snape zu einem Eis einladen. Der hatte sich den Besuch in der Winkelgasse wohl eindeutig kürzer erhofft und grummelte durchgehend vor sich hin. Aber ganz konnte er nicht verbergen, dass er sich ebenfalls gut amüsierte.
„Oh bitte dad. Wir wollen doch nichts kaufen, nur gucken!"
„Ganz bestimmt nicht. Ich kenne euch. Nur gucken bedeutet, dass ihr dort heraus kommt mit den Taschen voller Unsinn. Wir gehen jetzt heim. Fertig."
„Ach komm schon. Es ist doch nur ein kleiner Abstecher", flehte Nev und sah zu dem Scherzartikelladen hinüber. Snape schüttelte den Kopf.
„Oh nein. Ich habe noch eine Nacht mit euch und ich will weder pinke Haare, noch..."
Das etwas nicht stimmte, spürte Harry schon bevor Snape mitten im Satz abbrach. Es war, als hätte sich ein dunkler Schatten über die belebte Straße gelegt. Alarmiert sprang Snape auf und zog seinen Zauberstab.
„Was ist los?", fragte Hermine verängstigt.
Dann brach das Chaos los. Eine laute Explosion ließ alle Fenster in der Nähe zerspringen und sie wurden von ihren Sitzen gerissen. Harry flog fast zwei Meter durch die Luft, bevor er mit dem Rücken gegen eine Mauer knallte. Alle Luft wurde aus seinen Lungen gepresst und japsend kämpfte er gegen die Ohnmacht an.
Überall schrien Leute und als seine Sicht sich wieder verschärfte, sah er dunkle Gestalten herum laufen und irgendetwas brüllen. Snape lag neben ihm und blutete aus einer Kopfwunde. Doch er erholte sich schnell und stand schon wieder auf den Beinen. Panisch sah Harry sich um, auf der Suche nach seinen Freunden.
„Bleib hinter mir", befahl Snape und blickte sich ebenfalls suchend um. Er war die Ruhe selbst, aber Harry erkannte die Angst in seinen Augen. Es war unmöglich etwas zu sehen. Aus kleinen Feuern drang Qualm über die ganze Straße und eine feine Staubschicht legte sich langsam über alles. Harry hustete gegen den Qualm an, dann sah er Jemanden auf sich zu wanken.
Neville. Er torkelte etwas, sah aber ansonsten unversehrt aus. Snape packte ihn schnell an den Schultern und vergewisserte sich, dass sein Sohn unverletzt war, bevor er ihn zu Harry schob.
„Wo ist Hermine?", fragte der und zog jetzt ebenfalls seinen Zauberstab. Neville schüttelte einmal den Kopf, um wieder klar zu kommen.
„Ich weiß nicht. Sie lag neben mir und dann war sie auf einmal...weg."
Bevor einer von ihnen noch etwas sagen konnte, dröhnte eine grausame Stimme so laut durch die Gasse, dass sie sich die Ohren zuhalten mussten.
„RUHE!"
Plötzlich war der Qualm verschwunden. Die halbe Winkelgasse war zerstört. Aus der Menagerie gegenüber strömten Tiere, überall lagen Holzbalken und Trümmer. Um sie herum lagen verletzte Zauberer und Hexen, manche rollten sich gequält herum, andere lagen vollkommen reglos. Es sah aus, wie nach einem schweren Erdbeben, aber es war keines gewesen.
Ihnen direkt gegenüber standen fast zwanzig Menschen. Alle in dunkle Umhänge gehüllt und mit silbernen Masken vor den Gesichtern. Drei von ihnen hielten kleine zappelnde Gestalten vor sich, mit den Zauberstäben an ihren Kehlen. Harrys Herz setzte einen Moment aus, als er einen buschigen Haarschopf sah.
„Hermine", keuchte er.
„RUHE", donnerte es wieder und diesmal legte sich eine gespenstische Stille über das Schlachtfeld. Ein großer Mann trat nach vorne. Er hatte keine Maske auf, doch sein Gesicht war viel Schlimmer als jede Maske. Seine Züge waren elegant und sein schwarzes Haar umrahmte ein wirklich gut aussehendes Gesicht. Doch seine stahlgrauen Augen brannten vor Wahnsinn und eine dunkle Aura umgab ihn wie eine Decke. Ohne ihn je gesehen zu haben wusste Harry wer da vor ihm stand.
Sirius Black, rechte Hand von Voldemort und grausamer Massenmörder.
Harry hatte gegen Quirrel gekämpft, war riesigen Spinnen entkommen und hatte Angesicht zu Angesicht vor einem Basilisken gestanden. Aber noch nie in seinem Leben hatte er solche Angst gehabt, wie in diesem Moment, als er in das grausame Gesicht von Black sah.
Der ließ seinen Blick jetzt über die stumme Menge vor ihm gleiten, die sich langsam gebildet hatte. Harry konnte es den Menschen nicht verübeln. Jede Faser seines Körpers schrie danach weg zu laufen und gleichzeitig konnte er sich keinen Millimeter bewegen, so stark war die Anziehungskraft des Mannes.
„Ihr dachtet ihr wärt in Sicherheit?", begann Black mit einer dunklen Stimme zu reden, die jeden in Bann schlug der sie hörte. „Ihr dachtet es wäre vorbei? Lord Voldemort ist tot. Aber seine Ideale leben weiter! Askaban konnte mich nicht halten und heute gebe ich euch eine letzte Warnung: Niemand wird der Säuberung der Zaubererwelt entgehen! Folgt mir und ich werde euch in eine große Zukunft führen. Folgt mir und wir werden eine neue Welt erschaffen, in der jeder Zauberer frei sein kann! Sich nicht verstecken muss vor Muggelabschaum! Nicht eingegrenzt wird von Ministeriumsregeln. Wir werden frei sein!"
Black hob ein wenig die Arme und ließ ein strahlendes Lächeln sehen.
„Diejenigen die sich wehren wollen: Dreht euch um und lauft! Flieht um euer erbärmliches Leben, aber am Ende werdet ihr vernichtet! Wir werden siegen und den reinrassigen Zauberern endlich geben was sie verdienen! Schlammblüter und Muggelliebhaber werden auf ihren Platz verwiesen! Kniet vor mir nieder! Kniet nieder und ich werde euch in eine Zukunft führen, die ihr euch nicht einmal vorstellen könnt!"
Niemand sprach oder bewegte sich. Alle starrten Black an, völlig eingenommen von seiner Rede. Dann bewegte sich Harry. Langsam, als würde er an Fäden gezogen, nach Vorne. Snape bemerkte es erst, als es zu spät war und er ihn nicht mehr aufhalten konnte. Harry fühlte die Blicke aller auf sich, als er sich langsam seinen Weg nach Vorne bahnte. Doch für ihn zählten nur die grauen Augen, die ihn anstarrten. Er war jetzt nur noch Meter von Black entfernt. Direkt hinter ihm sah Hermine ihn mit weit aufgerissenen, ängstlichen Augen an. Sie wollte mit dem Kopf schütteln, aber der Todesser, der sie hielt festigte seinen Griff.
„Ich bin noch jung", sagte Harry mit zitternder Stimme. Black lächelte, hielt ihm aber auffordernd eine Hand hin.
„Du magst noch jung sein. Aber du warst mutig genug, als Erster vorzutreten. Die Jugend ist unsere Zukunft und du wirst in unseren Reihen wachsen."
„Ich bin noch jung", wiederholte Harry wieder, diesmal etwas lauter. „Aber das ist der größte Blödsinn den ich je gehört habe!"
Black war wie zurück geschlagen bei diesen Worten. Seine Hand senkte sich ein kleines Stück und als hätten Harrys Worte den Zauber gebrochen, spürte er, dass die Menschen hinter ihm langsam aufwachten. Leises Murmeln war zu hören und manche bewegten sich jetzt mit ihm nach Vorne.
„Niemand wird vor dir knien, Black", rief Harry noch lauter und hob seinen Zauberstab um Zentimeter. Bevor irgendjemand reagieren konnte zielte er und traf den großen Todesser, der Hermine hielt mit einem Blendzauber direkt in die Augen. Er schrie auf und lockerte seinen Griff. Im selben Moment sprang Snape hinter ihn über einen Tisch und brüllte:
„ANGRIFF!"
Als hätten sie auf den Befehl gewartet begannen mehrere Zauberer auf die vermummten Gestalten Flüche abzufeuern. Die waren so überrascht, dass sie kurz wie geschockt da standen, bevor sie ebenfalls zum Angriff übergingen. Harry duckte sich unter einem Fluch hinweg und sah noch einmal Black, der ihn hasserfüllt ansah, bevor er sich der Menge hinter Harry zuwandte.
Hermine hatte sich geistesgegenwärtig aus der Umklammerung des Todessers befreit. Harry kroch zu ihr und als er ihre Hand ergriff rannten sie so schnell wie möglich davon. Immer wieder schossen Flüche nur Zentimeter über ihre Köpfe. Sie schlugen Hacken und wollten nur zurück zu Neville. Snape war mitten im Gefecht, umgeben von einigen Anderen Besuchern der Winkelgasse. Doch Harry sah auch, wie sich manche von ihnen auf die Seite der Todesser schlugen. Sie erreichten das zerstörte Eiskaffee, in dem Moment, als ein Zauber das halbe Dach wegriss. Ein Steinbrocken traf Harry an der Schulter und er stürzte der Länge nach hin. Das war sein Glück, denn einer der Todesser war vor ihnen aufgetaucht und hatte mit seinem Stab genau auf Harrys Herz gezielt. Der grüne Lichtblitz, der ihn verfehlte, kam ihm unheimlich bekannt vor. Mit Horror sah er zu der silbrigen Maske auf und wartete darauf, dass er es beendete. Dann sackte der Todesser plötzlich weg und knallte auf den Boden. Hinter ihm stand Neville, mit großen Augen und einem Stein in der Hand, an dem Blut klebte.
„Weg hier!", schrie Harry und kam strauchelnd wieder auf die Beine.
„Aber Dad", rief Neville panisch zurück.
„Der kommt alleine klar, wir müssen hier weg, Neville!", brüllte Harry zurück und riss ihn mit sich. Wie bei einem Quidditchspiel rauschte das Adrenalin ihm durch die Adern und ließ seinen Kopf klar werden. Sie hatten keine Chance gegen die Todesser, also mussten sie sich in Sicherheit bringen.
Ein Haus weiter, gab es eine kleine Nebenstraße und Harry packte Neville und Hermine und zerrte sie dorthin. Es herrschte reines Chaos. Bunte Lichtblitze flogen überall herum, noch mehr Feuer waren ausgebrochen und die Schreie der Getroffenen klang ihnen in den Ohren. Plötzlich waren sie mitten im Geschehen. Der Kampf hatte sich verlagert und es gab kein durchkommen mehr. Etwas packte Harry hinten am Umhang und er wirbelte herum, um den Angreifer zu treten. Er erwischte ein Schienbein und ein schmerzhaftes Jaulen gab ihm Genugtuung.
„Stupor", schrie er und der Todesser wurde von den Beinen gerissen. Fast hätte Harry gegrinst, aber dann sah er ein paar graue Augen, die direkt vor ihm auftauchten. Black. Harry wich einen Schritt zurück und wäre fast über eine Tür gefallen, die dort hin gesprengt worden war. Hermine hatte ihn nicht losgelassen und klammerte sich jetzt noch stärker an ihn. Gleichzeitig hoben sie alle drei die Zauberstäbe und richtete sie auf Black. Der grinste jedoch höhnisch.
Mehrere laute Knalle ließen sie aufschrecken. Silbriges Licht erschien um sie herum und dann war Black von ihren Blicken abgeschnitten. Stattdessen sahen sie auf den Rücken eines großen Mannes im blauen Umhang und silbernen Haaren. Der Kampf war wie erstarrt. Überall waren neue Kämpfer aufgetaucht und umkreisten die Todesser. Harry versuchte zu erkennen wer es war, aber immer wenn er in eines ihrer Gesichter sah, wurde alles verschwommen. Sie mussten Unerkennbar Zauber auf sich gelegt haben.
Wieder legte sich Stille über den Platz. Die fünfzehn Neuankömmlinge und die Todesser beäugten sich mit gezogenen Stäben, aber Niemand machte den ersten Schritt. Harry spürte eine unendliche Erleichterung als er Albus vor sich sah, wie immer mit ruhigem Gesichtsausdruck, als wäre er zu einem Kaffee vorbei gekommen. Doch dann überwog die Angst. Albus hatte nicht einmal seinen Zauberstab bereit. Black würde ihn im Bruchteil einer Sekunde vernichten. Er wollte etwas rufen, sich vor Albus stellen, aber der warf nur einen kurzen Blick nach hinten und ihre Augen trafen sich. Und plötzlich verstand Harry warum Albus als der mächtigste Zauberer des Jahrhunderts galt.
Seine sonst schon intensiven Augen sprühten vor Energie und eine Aura der Macht umgab ihn, genauso wie Black. Nur war seine in gewisser Weise noch viel beängstigender. Gleichzeitig sah er den unausgesprochenen Befehl und ohne darüber nachzudenken, blieb er wo er war. Albus richtete seine Aufmerksamkeit wieder nach Vorne. Die ganze Straße schien zu erstarren und die beiden Zauberer anzusehen. Es war ein wenig wie in den Muggel Western, in denen die Luft zwischen den Kontrahenten anfing zu knistern und jeden Moment eine Kugel los gehen konnte. Albus hob sehr langsam seinen rechten Arm, in dem er irgendetwas hielt. Black hob sofort seinen Zauberstab und richtete ihn auf Albus Herz, doch der schien das gar nicht zu bemerken. Harry hielt die Luft an und dann...
„Zitronenbombom?", fragte Albus freundlich und hielt Black eine offene Tüte voll mit seinen Lieblingssüßigkeiten hin. Der starrte Albus nur voller Hass und Verachtung an.
„Auch deine Zeit wird kommen, alter Mann", zischte er und war verschwunden. Seine Gefolgsleute taten es ihm nach, doch sie packten noch mindestens zwölf weitere Männer und Frauen, die sich auf ihre Seite geschlagen hatten. Einen Moment herrscht vollkommene Stille, dann setzte wieder das Wehklagen der Verwundeten ein. Harry sah immer noch auf die Stelle, an der einen Moment zuvor Black gestanden hatte.
Dann tauchte Snape vor ihnen auf. Er hatte mehrere Schnittwunden, aber sein gehetzter Blick wurde ruhiger, als er die drei Gryffindors auf den Boden kauern sah. Ohne etwas zu sagen, schnappte er sie und drückte sie an sich. Neville und Hermine klammerten sich an ihn, aber Harry saß nur starr da. Das also war Black gewesen, der Mann der ihn tot sehen wollte. Das Adrenalin verließ ihn und er fing unaufhaltsam an zu zittern. Albus drehte sich zu ihnen um und musterte sie kurz. Sein Blick war immer noch hart, auch als er sah in welchem Zustand sich Harry befand.
„Bring sie nach Hogwarts, Severus. Poppy wartet bereits, die Schilde sind gesenkt", befahl er und ohne ein weiteres Wort verschwand er in der Masse. Harry spürte ein Ziehen im Bauchnabel und drückte sein Gesicht in Snapes schwarze Robe. Das Gefühl durch einen Gartenschlauch gepresst zu werden, verschwand zum Glück schnell. Dann spürte er, wie starke Hände ihn packten und von Snape weg zogen.
„Nein! Ich bin nicht verletzt. Kümmert euch um Hermine und Nev", sagte er gehetzt, doch er wurde weiter zu einem Bett gedrängt.
„Ruhig, Harry", brummte eine Stimme in seinem Ohr. Als er aufblickte sah er einen unbekannten Mann vor sich. Er hatte braune Haare, wie Neville, aber sein Gesicht war von vier großen Narben entstellt. Der Mann sah aus, als wäre er schon in vielen Kämpfen gewesen oder wäre einem sehr großen Tier begegnet.
„Poppy kümmert sich um deine Freunde", fuhr der Mann fort beruhigend auf ihn einzureden. Harry wusste nicht wer er war, aber er schien ihm merkwürdig vertraut, wie aus einem sehr lange zurück liegenden Traum.
„Mein Name ist Remus Lupin", sagte der Mann jetzt lächelnd „aber nenn mich Remus. Darf ich mir dein Bein ansehen?"
Fragend sah Harry ihn an, dann schweifte sein Blick nach unten. An seinem rechten Bein war ein großer Schnitt, der stark blutete. Harry nickte und Remus setzte ihn vorsichtig auf das Bett. Sein Zauberstab ruhte kurz an Harrys Stirn und der wusste, dass der Verwandlungszauber aufgehoben worden war. Während Remus Harrys Hose bis zum Schritt aufschnitt, sah der, dass Minerva Hermine im Arm hielt, die furchtbar schluchzte, während Snape die Hand eines sehr blassen Nevilles hielt. Poppy stand über ihm gebeugt und wedelte mit dem Zauberstab. Dann wandte sie sich an Snape, aber der fuchtelte nur abwehrend mit den Händen. Fast hätte Harry gelächelt, als Poppy Snape rigoros auf ein Bett zauberte und sich um seine Wunden kümmerte. Aber die ganze Situation kam ihm völlig surreal vor, als würde das alles nicht wirklich geschehen.
„Hast du Schmerzen?", fragte Remus und drückte auf einem Punkt nahe der Wunde. Harry schüttelte den Kopf.
„Wer bist du?"
„Ein Freund", antwortete Remus sanft und schloss die Wunde mit seinem Zauberstab. Zurück blieb nur ein roter Strich. Doch Harry wusste aus Erfahrung, dass dieser auch bald verschwinden würde.
„Bist du ein Heiler?", fragte er weiter. Harry spürte keine Neugier, aber die Stimme des Mannes half ihm hier zu bleiben und sich nicht geistig auszuklinken. Er verstand selbst nicht, wieso er so ruhig war, aber wahrscheinlich blieb ihm nur das oder wie ein Irrer herum zu schreien.
„Nein", sagte Remus lächelnd und verarztete jetzt seine Schulter, die ein übles Brandloch aufwies. „Aber ich habe im Laufe der Zeit viel mit Verletzungen zu tun gehabt."
„Wieso wird Heilmagie eigentlich nicht in Hogwarts unterrichtet?", wunderte Harry sich „das wäre viel nützlicher, als Geschichte."
Poppy kam zu ihm herüber. Sie war im vollen Heilermodus und sprach schon einen Meter bevor sie Harry erreichte einen Diagnosezauber.
„Wie geht es ihnen?", fragte Harry und zeigte mit dem Kopf auf Neville, Hermine und Snape.
„Sie stehen unter Schock und haben ein paar kleine Verletzungen. Nichts ernstes, Harry", sagte sie ruhig und sah dann Remus an.
„Gute Arbeit, Remus, ich hab..."
Sie stockte, als noch mehr Leute im Krankenflügel erschienen. Harry erkannte Mr Weasley, aber die anderen waren ihm fremd. Ein großer Mann mit dunkler Hautfarbe stützte einen älteren, mit einem gruseligen magischen Auge, dass wie wild herum wirbelte.
„Lass mich los, Kingsley", wütete der Mann und stand offenbar auf einem Holzbein „ich bin zu alt um von euch Jungspunden herum geschubst zu werden."
„Alastor, hör auf dich so anzustellen", schnappte Poppy, mit der selben Stimme mit der sie sonst Harry anredete, und wuselte zu ihm. „Leg ihn hier hin, Kingsley."
Mr Weasley schien unverletzt, aber eine junge Frau mit knall lila hatte das ganze Gesicht voller Blut. Remus sah das und stand auf.
„Kann ich dich kurz alleine lassen, Harry?", fragte er, offenbar hin und her gerissen zwischen Harry und dem Wunsch zu helfen.
„Kein Ding, geh ruhig", sagte Harry tonlos.
In der nächsten Stunde apparierten noch mehr Leute in den Krankenflügel. Niemand war ihm vertraut, aber trotzdem war Harry froh, dass die meisten unverletzt waren oder nur kleinere Schnitte hatten. Er beobachtete die Leute und fragte sich wer sie waren. Sie schienen sich alle zu kennen und nachdem sie sich vergewissert hatten, dass es den anderen gut ging, verschwanden sie alle nach einander.
Langsam kehrte etwas ruhe ein. Minerva levitierte eine schlafende Hermine hinaus und auch Nev verschwand, in den Armen eines erschöpft aussehenden Snapes. Bevor er ging kam er noch zu Harry hinüber und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Ich sollte dich anschreien, dafür das du dein Leben riskiert hast", seufzte er und sah viel älter aus, als er war „aber du hast das beste aus der Situation gemacht. Denk nicht zu viel darüber nach, in Ordnung?"
Harry hatte genickt, aber das war leichter gesagt, als getan. Nun war er also Sirius Black begegnet. Der hatte nicht gewusst, wer vor ihm stand und Harry bezweifelte keine Sekunde, dass er in dem Fall längst tot gewesen wäre. Er fühlte sich weder besonders mutig, noch heldenhaft. In dem Moment, als er vortrat, war er nur seinem Instinkt gefolgt. Er hätte Hermine nicht dort lassen können. Auch danach hatte er nur reagiert, nicht agiert. Nur mit viel Glück war er dort heraus gekommen. Er war einfach zu schwach um es mit so mächtigen Magiern aufzunehmen. Wie sollte er sich je verteidigen, wenn er nicht wusste wie?
Ein Schatten fiel auf ihn und er sah auf. Albus stand vor ihm und einen Moment sahen sie sich nur an. Ihm Umgab immer noch prickelnde Magie, doch Harry fühlte sich davon nicht bedroht. Langsam ließ er seinen Kopf nach vorne, gegen Albus Bauch fallen. Der breitete seine Arme aus und sein langer Umhang umschlang Harry wie eine Decke. Erst begannen Harrys Hände an zu zittern, dann seine Schultern und schließlich bebte er, während heiße Tränen ihm das Gesicht hinabliefen.
„Ich hatte solche Angst", schluchzte er.
Albus sagte nichts, hielt ihn nur weiter fest und seine beruhigende Aura sank in Harry ein. In diesem Moment wusste Harry, dass ihm nichts passieren konnte, solange Albus da war, um ihn zu beschützen. Er fühlte sich so sicher und geborgen wie nie. Als der Schulleiter sich löste, klammerte Harry sich verzweifelt fest.
„Bitte lass mich nicht allein", flehte er. Sein Verstand sagte ihm, dass der Schulleiter besseres zu tun hatte, als einen heulenden Schüler zu trösten. Aber er ertrug den Gedanken nicht, hier allein zurück zu bleiben. Er war stark gewesen, solange er konnte, aber jetzt hatte er einfach keine Kraft mehr.
„Ich lass dich nicht allein, mein Sohn", brummte Albus und hob ihn sanft in seine Arme. Harry nickte langsam und schloss die Augen, während der Schulleiter ihn durch die stillen Gänge trug. Als er sie das nächste Mal öffnete, erkannte er Albus Schlafzimmer. Er war erst einmal hier gewesen, nach einem besonders intensiven Gespräch, aber er fühlte sich sofort besser. Albus legte ihn auf eine Seite des riesigen Bettes und verzauberte seine zerrissenen Sachen in einen Pyjama.
„Hier trink das"
Ohne zu protestieren würgte Harry den Trank hinunter und war nur eine Sekunde später eingeschlafen.
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