Am nächsten Morgen kehrte Hermine zurück. Sie hatte Augenringe und war noch ein wenig blasser als sonst, aber ansonsten war sie wie immer. Minerva ging am Gryffindortisch hinunter und verteilte Stundenpläne. Als sie bei ihnen ankam schenkte sie Hermine ein selten liebevolles Lächeln, bevor sie weiter ging.

„Du und McGonagall", sagte Harry grinsend „ihr seit jetzt beste Freundinnen, wie?" Neville kicherte, verstummte aber, als Hermine ihnen einen unheilvollen Blick zuwarf.

Professor McGonagall hat mir sehr geholfen", sagte sie ein wenig hochnäsig und nahm sich ein Brötchen „und wenn ihr beiden noch einmal meine Aufzeichnungen für Geschichte wollt, dann seit besser still."

„Oh, ist da heute Jemand mit dem falschen Fuß aufgestanden?", sagte Harry, aber er achtete darauf, dass sie ihn nicht hörte.

„Super, den ganzen Vormittag draußen", freute sich Nev, als er den Stundenplan überflog. „Erst Pflege magischer Geschöpfe und dann Kräuterkunde. Tante Pom hat mir gestern erzählt, was wir dieses Jahr alles dran nehmen. Ich kann kaum erwarten den portugiesischen Flammenbusch zu sehen."

„Ja, aber guck mal auf heute Nachmittag", seufzte Harry und tippte mit dem Finger nach ganz unten. „Doppelstunde Verteidigung. Erinnere mich dran eine Fliegenklatsche mit zu nehmen."

Bei dem Kommentar musste sogar Hermine lächeln. Alle drei wandte die Köpfe zum Lehrertisch, wo Umbridge neben Aurora saß, die sie allerdings gekonnt ignorierte.

„Wo ist eigentlich Albus?", fragte Harry, als er den Blick weiter nach links schweifen ließ „Beim ersten Frühstück ist er doch sonst immer da."

„Ich habe heute morgen etwas aufgeschnappt. Minerva hat..."

„Oh, jetzt ist es schon Minerva", grinste Neville spöttisch. Hermine verdrehte die Augen und fuhr fort, als wenn nichts gewesen wäre.

„Sie hat mit Flitwick darüber gesprochen, dass Dumbledore ins Ministerium zitiert wurde. Hörte sich nicht sehr gut an."

„Bekommt wohl seinen Anschiss wegen gestern Abend" Harry konnte nicht anders, als sich Sorgen zu machen. Der Schulleiter hatte sich weit aus dem Fenster gelehnt, vor allem da keine zwölf Stunden zuvor noch groß etwas anderes im Tagespropheten gestanden hatte. Hermine, die seine Stimmung spürte, klopfte ihm auf die Schulter.

„Dumbledore ist alt genug um auf sich auf zu passen. Komm, Hagrid wartet bestimmt schon auf uns."

Gemeinsam verließen sie den Tisch und machten sich auf den Weg hinunter zu Hagrids Hütte. Erst als sie fast da waren, sahen sie die Gruppe Slytherings, die bereits auf die Nachzügler warteten.

„Herrlich", stöhnte Neville „Wieso können wir nicht wieder mit den Huffelpuffs haben?"

„Narbengesicht, Flasche", nickte Malfoy in ihre Richtung und ein paar seiner Kumpanen fingen an zu lachen.

„Echt einfallsreich, Malfoy", gab Hermine nur verächtlich zurück „fällt dir nichts besseres ein?"

Der blonde Junge kam einen Schritt auf sie zu und zischte mit gefährlich glitzernden Augen:

„Was mischt du dich eigentlich ein, Schlammblut?"

Hermine wurde blass und ein erschrockener Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. Es war nicht das erste Mal, dass Malfoy sie so nannte, aber jetzt, mit Blacks Worten noch so frisch im Gedächtnis, war es nicht so leicht es zu ignorieren. Neville zögerte keine Sekunde und wollte sich auf den Slythering stürzen, aber Harry hielt ihn hinten am Umhang fest.

„Was willst du Malfoy?", zischte er zurück, während er mit aller Kraft Neville im Zaun hielt. Hagrid war noch nicht eingetroffen, aber zum Glück packte jetzt Seamus mit an. Während Dean Ron zurück hielt, der ebenfalls hoch rot im Gesicht war.

„Was ich will, Potter?", höhnte Malfoy „viele Dinge. Aber vor allem, dass der alte Mann verschwindet und mit ihm alle Schlammblüter, die diese Schule verpesten."

„Hermine ist tausend Mal mehr wert als du!", schrie Neville jetzt. Der waren mittlerweile Tränen in die Augen gestiegen und sie wich immer weiter zurück. Parvati legte ihr einen Arm um die Schulter, während sie und Lavender den Slytherings böse Blicke zuwarfen, die bei Malfoys Worten lachten.

„Das bezweifle ich stark, Longbottom", gab der Blonde nur hochnäsig zurück, während Crabbe und Goyle sich vor ihn stellten, falls es zu einem Kampf kam.

„Meine Familie ist seit Jahrhunderten reinrassig. Aber keine Sorge, wenn Black es geschafft hat, Gryffindorabschaum wie euch zu beseitigen, dann kann ich ein paar Sklaven gebrauchen."

Ehe Harry wusste was er tat, hatte er Neville losgelassen und hob seinen Zauberstab.

„Sag das noch einmal, Malfoy und ich zeige dir zu was Gryffindors in der Lage sind", knurrte er.

„Oh, jetzt hab ich aber Angst, Potter", grinste der Slythering. „Glaub mir, mein Vater hat von der Rede des alten Trottels gestern Abend erfahren und er wird..."

„Fulmos", schrie Harry wutentbrannt.

Malfoy wurde von seinem Zauber fast zwei Meter nach hinten geschleudert. Neville hatte sich gleichzeitig von Seamus gelöst und stürmte auf den Blonden zu, der im Gras lag. Harry und Ron folgten ebenfalls, wurden allerdings von Crabbe und Goyle gestoppt. Theodore Nott krachte gegen Harry und sein Zauberstab fiel ihm aus der Hand, doch das war ihm egal. Bevor er jedoch einen guten Schlag austeilen konnte, donnerte Hagrids laute Stimme über sie.

„Was zum Henker tut ihr da?"

Sie froren alle in der Bewegung ein und starrten auf den Halbriesen, der gerade aus seiner Hütte gekommen war. Harry war Hagrids Freund und er liebte den sanften Riesen, der ihm damals die Nachricht von Hogwarts gebracht hatte. Aber noch nie hatte er so beängstigend ausgesehen.

„Neville lass Malfoy los! Habt ihr nich gehört was Professor Dumbledore gestern g´sagt hat? Ihr sollt einig sein, nich euch schlagen."

„Eher sterbe ich als mit mich mit Slytherings einig zu sein", gab Harry immer noch wütend zurück, ließ seine zum Schlag erhobene Faust allerdings sinken.

„Keine Sorge, Potter, ich will nichts mit euch zu tun haben", schnarrte Malfoy zurück, als er sich aufrappelte.

„Ruhe!", bellte Hagrid. „Zwanzig Punkte von Slythering und Gryffindor!"

Sie japsten und sahen ihn schockiert an. Noch nie hatte Hagrid irgendeinem Haus Punkte abgezogen.

„Und wenn ich noch ein Wort von irgendwen höre werden es Fünfzig!"

Murrend teilte die Klasse sich. Die Slytherings standen rechts von Hagrid, die Gryffindors links. Hermine war immer noch den Tränen nahe.

„Alles in Ordnung, Hermine?", fragte der Riese sanft. Sie schluckte einmal und nickte dann zaghaft.

Den Rest der Stunde mussten sie Nahrung für Riesenschnecken herstellen. Da die nur verdorbenes aßen, hatte es einen Hauch von Nachsitzen, während sie stinkende Eier schälten und matschige Wassermelonen zerdrückten. Die ganze Zeit warfen sie sich giftige Blicke zu, aber Niemand schien es auf einen weiteren Kampf anlegen zu wollen. Am Ende der Stunde hielt Hagrid Harry auf, der hinter seinen Freunden zum Gewächshaus wollte. Die Slytherings waren schon im Schloss verschwunden.

„Was war´n das vorhin?", fragte Hagrid und blinkte ihn mit seinen Käferschwarzen Augen an.

„Die Slytherings gehören einfach nicht hier her"; schnauzte Harry, immer noch sauer und trat gegen einen großen Sandsack, den Hagrid für die Ställe benutzte. „Sie treten alles mit Füßen und Malfoy ist der Schlimmste."

„Nu er weiß nich was er redet", brummte Hagrid.

„Bist du jetzt auf seiner Seite?", bellte Harry ihn an. Hagrid schüttelte nur mit dem Kopf.

„Bin auf Niemandes Seite, `arry. Aba die Slytherings sind nich die Feinde. Sie `ören was i`re Eltern sagen und plappern es nach. Ist man besser nur weil man in Slythering oder Gryffindor ist? Du von allen müsstest es wissen."

Es war selten das Hagrid so ernst mit ihm sprach und seine Wut verrauchte langsam. Niemand außer Hagrid wusste, dass der sprechende Hut ihn fast nach Slythering gesteckt hatte. Wenn er damals anders gewählt hätte... Immerhin hatte er Lucius Malfoy einmal getroffen und wusste, wie einnehmend und autoritär er war. Wenn er einen Vater gehabt hätte, der ihm solche Lügen eintrichterte...wäre er dann heute genauso wie Malfoy? Verwirrt und wütend auf sich selbst, weil er auf einmal Mitleid mit den Slytherings bekam, steckte er seine Hände in die Hosentaschen und sah weg.

„Bist ein guter Junge `arry", sagte Hagrid und stampfte ihn fast in den Boden, als er ihm einen liebevollen Schulterklopfer gab „und grade du musst auf Dumbledore hörn, okey?"

Harry nickte und verabschiedete sich dann. Er erreichte das Gewächshaus gerade noch kurz vor Pomona, die ihn lächelnd herein winkte.

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Zum Glück begegneten sich die Viertklässler aus Gryffindor und Slythering an diesem Tag nur noch beim Mittagessen in der großen Halle. Die war zu voll mit wachsamen Augen, als das etwas passieren konnte. Harry fühlte sich nach der Auseinandersetzung merkwürdig müde. Was Malfoy gesagt hatte war grauenvoll gewesen und er versuchte ihn zu hassen und böse Blicke zu zu werfen, genauso wie Neville und Ron. Aber irgendetwas an dem was Hagrid gesagt hatte, ließ ihn stoppen. Er konnte keinen Finger darauf legen, was genau er fühlte oder dachte. Sein Gehirn schien zu arbeiten, ohne ihn davon in Kenntnis zu setzen worum es ging.

Vor den Verteidigungsräumen trafen sie auf die Ravenclaws. Umbridge machte die Tür auf und still verteilten sie sich auf die Plätze. Sie war noch eine unbekannte Größe und deswegen traute sich Niemand unnötigen Lärm zu machen. Als alle saßen und sie ansahen, faltete Umbridge die Hände zusammen und lächelte.

„Guten Tag, Klasse. Ich bin Professor Umbridge und vom Ministerium damit beauftragt worden ihren Verteidigungsunterricht zu übernehmen."

Sie sprach in einer sanften, lieblichen Stimme. Harry wurde schlecht.

„Wie ich festgestellt habe, war ihre bisherige Ausbildung in diesem Fach wahrlich unterdurchschnittlich. Natürlich will ich die Führung der Schule nicht kritisieren", hier ließ sie ein kleines, spitzes Lachen hören „aber die Ausbildung unserer Kinder ist doch viel zu wichtig um eine so wichtige Position mit einem Autor zu besetzten."

Harry gab ihr in diesem Punkt recht, aber er wusste auch, dass es nicht Albus Schuld gewesen war, dass sie Lockhardt am Hals hatten. Die Stelle für Verteidigung hatte den Ruf verflucht zu sein. Das war sie zwar tatsächlich mal gewesen, aber immerhin war der Fluch nach Voldemorts Tod gebrochen worden. Scheinbar hatte sich das aber noch nicht in den Reihen der kompetenten Lehrer herumgesprochen.

„Natürlich war Professor Quirrel in ihrem ersten Jahr eine gute Wahl. Wir werden auf das Wissen, dass sie bei ihm erlangt haben, zumindest aufbauen können."

„Oh ja, Quirrel war ein toller Lehrer", murmelte Seamus, da jedoch sonst Niemand etwas sagte, hörte die ganze Klasse ihn. „Außer das er uns alle umbringen wollte."

Die Klasse fing an zu giggeln und Umbridge wandte ihren Krötenkopf in seine Richtung.

„Ihr Name?"

„Finnigan", antwortete Seamus und wurde etwas rot.

„Nun, Mr Finnigan, haben sie eine Frage?"

„Nein, Professor"

„Gut. Ich erwarte von meinen Klassen größte Disziplin und Aufmerksamkeit. Auch wenn Sie dies wahrscheinlich nicht gewohnt sind, werden Sie bei mir sehr hart arbeiten müssen. Deswegen dulde ich keine Aufsässigkeit. Schüler die etwas zu sagen haben, melden sich. Nicht wahr, Mr Finnigan?"

„Ja, Professor", murmelte der und wurde noch röter.

„Bei mir wird außerdem nicht mit dem Zauberstab herumgespielt", fuhr Umbridge fort und sah auf die Stäbe, die bei den meisten auf den Tischen lagen. „Also Zauberstäbe weg, holen Sie das Buch heraus und lesen Sie Kapitel eins: Grundfragen defensiver Verteidigung."

Leichtes Murren erhob sich. Noch nie war nach dem Satz „Zauberstäbe weg", eine interessante Stunde heraus gekommen. Umbridge sah sie aus ihren Krötenaugen an und sie verfielen wieder in Schweigen. Seufzend beugte Harry sich über das Buch Theorie magischer Verteidigung. Schon nach dem ersten Absatz wurden seine Augen glasig, so langweilig war es. Im Endeffekt ging es nicht um Zauber oder Verteidigung, sondern nur darum, dass man keine Flüche einsetzten soll. Verärgert blätterte er zum Inhaltsverzeichnis. Es schien, als wäre das ganze Buch nur ein endloser Vortrag über die Gefahren des Zauberns. Was sollte das?

Er wollte gerade Neville danach fragen, als Hermine seinen Blick einfing. Noch nie hatte die ein Buch nicht gelesen, wenn es von ihr verlangt wurde. Doch jetzt saß sie da, die Augen auf Umbridge fixiert und mit erhobenem Arm. Die Lehrerin ignorierte sie komplett, doch Hermine gab nicht auf. Harry befand, dass es spannender war ihren Versuchen um Aufmerksamkeit zuzugucken, als das Buch zu lesen. Als mehr als die Hälfte der Klasse ihm dabei Gesellschaft leistete, war Umbridge schließlich doch gezwungen etwas zu unternehmen.

„Ja Miss..."

„Granger, Professor", sagte Hermine und nahm den Arm herunter.

„Miss Granger. Haben Sie eine Frage zu dem Kapitel?"

„Nein, Professor."

„Das ist sehr schade, denn wir lesen es gerade", sagte Umbridge honigsüß und wollte sich wieder abwenden.

„Um genau zu sein, habe ich eine Frage zu dem gesamten Buch", ließ Hermine sich nicht abschütteln.

„Dann sollten sie es vorher vielleicht lesen, Miss Granger."

„Das habe ich bereits, Professor."

Umbridge hob eine Augenbraue, aber das war auch das einzige Zeichen, dass sie überrascht war. Harry und Neville grinsten sich hinter Hermines Rücken an.

„Und was ist dann Ihre Frage?"

„Ich frage mich, ob wir überhaupt praktische Zauber einsetzten", sagte Hermine „im gesamten Buch ist nur beschrieben, dass wir das nicht tun sollen."

Verwirrt sahen manche jetzt ebenfalls im Inhaltsverzeichnis nach. Umbridge hob jetzt auch die zweite Augenbraue.

„Und wieso wollen Sie praktische Zauber hier im Klassenraum einsetzten, Miss Granger? Ich sehe keinerlei Veranlassung dafür."

„Was?", fragte jetzt Terry Boot, ein Ravenclaw „wir setzten keine Zauber ein?"

„Ich dachte wir hatten uns darauf geeinigt, dass wir uns melden, Mr..."

„Boot, Professor. Ja, aber wieso sollen wir nicht zaubern?"

„Nun, Mr Boot", flötete Umbridge und ihr Lächeln wurde breiter „ich sehe hier keine Gefahr für Sie oder Ihre Mitschüler, also wäre zaubern reine..."

„Heißt das wir zaubern gar nicht?", unterbrach Seamus sie.

„Ja, Mr Finnigan, genau das bedeutet es." Lautes Murmeln setzte ein und Umbridges Augen wurden eine Spur härter.

„Aber wie sollen wir uns denn verteidigen, wenn wir nicht lernen wie?", fragte Harry jetzt laut und funkelte sie an. Ihr Lächeln erstarb, als sie sich langsam zu ihm umwandte.

„Melden, Mr Potter. Ich sehe keinen Grund dafür, dass Sie sich in diesem Klassenraum gegen etwas verteidigen müssen. Wenn sie das Buch aufmerksam lesen und konzentriert an ihren theoretischen Kenntnissen arbeiten, werden Sie nächstes Jahr in ihren ZAGs mit sicherlich guten Leistungen abschneiden."

Sofort schossen einige Hände in die Höhe. Umbridge setzte wieder ihr künstliches Lächeln auf und deutete auf Lavender.

„Ihr Name?"

„Brown. Aber gibt es nicht auch einen praktischen Teil in den ZAGs?"

„Wie gesagt, Miss Brown. Wenn Sie die Theorie verstanden haben, werden Sie auch in der Praxis..."

„Was bringt uns die Theorie in der wirklichen Welt?", unterbrach Harry sie.

„Die wirkliche Welt, Mr Potter? Sie sind hier in einem Klassenraum."

„Longbottom", sagte Neville, mit der Hand noch in der Luft und obwohl sie ihn nicht dran nahm, fuhr er fort. „Harry hat recht. Wenn wir hier nicht lernen uns zu verteidigen..."

„Ich wiederhole mich noch einmal. Wogegen sollen Sie sich verteidigen?"

„hmm, mal überlegen", sagte Harry sarkastisch „vielleicht gegen Sirius Black?"

Die ganze Klasse wurde totenstill und wartete auf Umbridges Reaktion. Sie richtete sich ein wenig auf und ließ ihren Blick über die auf sie gerichteten Gesichter schweifen.

„Zehn Punkte Abzug für Gryffindor, Mr Potter", sagte sie sanft. „Lassen Sie mich eines klar stellen. Die Gerüchte, dass Sirius Black den Platz von dem ehemals dunklen Lord eingenommen hat, sind falsch! Das Ministerium hat klar dazu Stellung bezogen und..."

„Es ist wahr! Ich war in der Winkelgasse! Ich habe ihn gesehen! Und wenn das Ministerium etwas anderes behauptet, besteht es nur aus einem Haufen von Dummköpfen!", entgegnete Harry hitzig. Er konnte nicht glauben, was hier geschah. Einen inkompetenten Lockhardt konnte er ertragen, aber das sie nicht zaubern durften, gerade jetzt, war eine Katastrophe.

„Nachsitzen, Mr Potter", flötete Umbridge triumphierend. „Ich wiederhole: Das ist eine Lüge! Der Minister versichert Ihnen persönlich, dass Sie von keinem schwarzen Magier bedroht sind. Wenn Sie sich deshalb trotzdem sorgen machen, oder Jemand Sie mit Flunkereien über diesen Unsinn belästigt, dann kommen Sie bitte direkt zu mir. Ich will nur Ihr Bestes. Und jetzt fahren Sie bitte mit ihrer Lektüre fort. Kapitel eins, Grundfragen defensiver Magie."

Umbridge setzt sich hinter ihr Pult und schien die Angelegenheit für abgeschlossen zu halten. Harry jedoch stand auf. Alle starrten ihn an, manche ungläubig, aber eindeutig fasziniert.

„Harry, nein", flüsterten Neville und Hermine gleichzeitig und versuchten ihn auf seinen Platz zurück zu ziehen. Er riss sich los und ignorierte sie.

„Nun, Ihnen zufolge sind die neun Zauberer, die vorgestern gestorben sind, einfach tot umgefallen?", fragte er bebend vor Wut. Professor Umbridge hob den Kopf und sah ihn ohne die Spur eines falschen Lächelns an.

„Der Tod dieser armen Menschen war ein tragischer Unfall", sagte sie kalt.

„Es war Mord", rief Harry. Er spürte, dass er zitterte. Die Ereignisse waren noch zu frisch, die Schreie der Verwundeten zu laut. Und da saß Umbridge und trat das Andenken der Opfer mit Füßen.

„Black und die Todesser haben sie umgebracht. Und Sie wissen das!"

Umbridge sah ihn völlig ausdruckslos an. Einen Moment lang glaubte er, sie würde ihn gleich schlagen. Doch dann lächelte sie wieder und trillerte mit ihrer sanftesten, süßlichsten Mädchenstimme.

„Kommen Sir her, Mr Potter, mein Lieber."

Die Klasse hielt den Atem an, als er ohne zu zögern um den Tisch herum ging und nach vorne marschierte. Er war so zornig, dass ihm egal war, was Umbridge vor hatte. Die war jetzt über ein Pergament gebeugt, auf dem sie irgendetwas kritzelte. Kaum stand er vor dem Pult reichte sie ihm die kleine Pergamentrolle.

„Tun Sie mir einen Gefallen, mein Lieber und bringen Sie die zu Professor McGonagall", sagte sie sanft. Harry riss ihr die Nachricht aus den Händen und ohne noch irgendjemanden anzusehen, stampfte er hinaus. Es war noch mitten in der Stunde, dementsprechend waren die Gänge menschenleer. Immer wieder öffnete und schloss er die Faust, brauchte ein Ventil für seine Wut. Als er um eine Ecke bog, prallte er fast gegen Malfoy, der dort herum lungerte.

„Potter", rief er verächtlich „Was machst du hier?"

„Was geht dich das an, Malfoy?", knurrte Harry zurück und setzte ohne einen Blick zurück zu werfen seinen Weg fort.

„Warum bist du nicht im Unterricht?"

Harry wirbelte herum. Der blonde Malfoyerbe war ihm tatsächlich gefolgt. „Warum bist du nicht im Unterricht?", blaffte er ihn an und hatte nicht übel Lust seinen Zorn an ihm aus zu lassen. Zu seinem Erstaunen wurde Malfoy etwas rot und sah plötzlich gar nicht mehr so selbstsicher aus.

„Ich hab...", begann er stotternd, bevor er ihn wieder wie üblich hochmütig ansah „das geht dich gar nichts an, Potter."

„Schön", schnauzte Harry zurück und lief wieder den Gang entlang.

„Bleib stehen, ich rede mit dir!"

„Ich aber nicht mit dir!"

„Potter!"

„HALT´s MAUL, Malfoy!", brüllte Harry über die Schulter. Eine Tür zu seiner rechten ging auf und heraus kam Minerva, die etwas belämmert aussah. Harry warf einen Blick zur Seite und sah, dass Malfoy verschwunden war.

„Was gibt es hier zu schreien, Harry? Hast du keinen Unterricht?"

Immer noch vor Wut schnaubend hielt er ihr die Pergamentrolle unter die Nase. „Ich wurde geschickt, dass zu überbringen."

Misstrauisch nahm sie die Nachricht und las sie stirnrunzelnd. Je weiter sie nach unten kam, desto verschlossener wurde ihre Miene.

„Rein da", sagte sie barsch und zeigte hinter sich auf ihr Büro. Harry marschierte an ihr vorbei und sie schloss die Tür hinter sich.

„Du hast Professor Umbridges Unterricht wiederholt unterbrochen?", fragte sie dann spitz und sah ihn missmutig an.

„Ja", gab er barsch zurück.

„Du hast das Ministerium beleidigt und Professor Umbridge eine Lügnerin genannt?"

„Ja"

„Und du hast behauptet Sirius Black wäre entkommen und hätte den Angriff auf die Winkelgasse geleitet?"

„Ja"

Sie schloss kurz die Augen und rieb sich den Nasenrücken. „So geht das nicht, Harry", sagte sie sanfter als zuvor. Er blitzte sie an.

„Aber es ist wahr! Du weißt es, Albus weiß es...jeder verdammte Mensch in der Winkelgasse weiß es!", brach es aus ihm heraus.

„Und soweit ich weiß hat Albus mit euch gestern erst darüber gesprochen. Solange das Ministerium diese Haltung einnimmt, können wir nichts gegen Umbridge tun. Du solltest dich bedeckt halten und keinen Aufruhr anzetteln."

„Aber sie verbreitet Lügen und will sogar, dass wir uns gegenseitig anschwärzen, wenn Jemand etwas falsches sagt", brauste Harry auf „Und sie verbietet uns zu zaubern! Wie sollen wir uns wehren, wenn uns Jemand angreift?"

„Potter", schnappte Minerva und sah ihn durchdringend an. Sie hatte ihn sehr lange nicht mehr so genannt und das schlug ihn ein wenig zurück. Sie hob Umbridges Nachricht hoch.

„Hier steht, dass sie dir für die ganze Woche Nachsitzen gegeben hat. Du wirst dort hingehen, höflich sein und dein Temperament in Dolores Umbridges Unterricht unter Kontrolle halten, haben wir uns verstanden?"

Das war alles so verdammt unfair, dass Harry sie am liebsten angeschrien hätte. Stattdessen nickte er. Minervas Züge wurden sanfter und sie legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Ich weiß, dass es schwer ist, Harry. Am liebsten würde ich diese Frau eigenhändig aus dem Schloss jagen", ihre Lippen zuckten verdächtig und Harrys Wut verrauchte. Minerva konnte nichts dafür und versuchte nur ihm zu helfen.

„Dies sind schwierige Zeiten, aber wir werden sie bewältigen, in Ordnung?"

Wieder nickte er.

„Gut, wie wäre es, wenn du für den Rest des Unterrichts in dein Zimmer verschwindest? Wenn dich Jemand fragt, habe ich dich den ganzen Nachmittag angeschrien!"

Als sie ihn zum Gemälde des großen Löwen schob, der zu seinem Zimmer führte, musste er sich ein Lächeln verkneifen.

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Das Abendessen wurde zu einem Spießrutenlauf. Scheinbar hatte sich seine Auseinandersetzung mit Umbridge schon in der ganzen Schule verbreitet. Die meisten starrten ihn nur unverhohlen an, aber er konnte das Geflüster hören, sobald er ihnen den Rücke zu wandte. Andere waren nicht so sensibel und sprachen lauter, sobald er vorbeikam.

„Er will in der Winkelgasse gewesen sein und Black gesehen haben...so ein Quatsch, der will sich doch nur wichtig tun...meine mum sagt, Dumbledore hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank, wahrscheinlich hat das auf Potter abgefärbt..."

Mit den Zähnen knirschend setzte er sich an den Gryffindortisch, zwischen Neville und Hermine und versuchte das offene Gestarre zu ignorieren.

„Haben die denn alle kein Funken Gehirnmasse in ihren Köpfen?", knurrte Neville irgendwann und blickte finster eine Horde Zweitklässler an, die um Harry herumgingen, als wäre er irgendein gefährliches Tier.

„Du kannst es ihnen kaum verübeln, Nev", seufzte Hermine und tat ihnen allen Gemüse auf. „Sie wollen einfach nicht wahr haben, dass die ruhigen Zeiten vorbei sind."

„Trotzdem ist das einfach nur dumm. Ignoriere die Idioten einfach, Harry!"

Das war leichter gesagt, als getan, vor allem da er die ganze Zeit Umbridges Blick, vom Lehrertisch, auf sich spürte. Der Tag bis jetzt war grauenvoll gewesen. Albus war nirgendwo in Sicht, der Streit mit Malfoy und Umbridges dumme Einstellung...das alles vermieste ihm Hogwarts gründlich. Seufzend erhob er sich.

„Ich muss zum Nachsitzen."

„Sollen wir auf dich warten?", fragte Hermine leicht besorgt.

„Nein. Keine Ahnung, wie lange sie mich dabehält."

Er verließ den Gryffindortisch und ging schnell aus der großen Halle. Die meisten Köpfe wandten sich in seine Richtung, als er an ihnen vorbei ging. Dumm! Schossen ihn Nevilles Worte in den Kopf. Sie sind alle dumm! Wie die Lämmer, die ein Büschel Gras gesehen haben...

„Harry?", rief ihm Jemand nach. Die Augen verdrehend drehte er sich um. Vor ihm stand Cho Chang, eine Ravenclaw aus seinem Jahrgang. Er hatte noch nie mehr als zwei Wörter mit ihr gewechselt, deswegen sah er sie fragend an, als sie ihn jetzt einholte. Sie war ausgesprochen hübsch, mit langen schwarzen Haaren und ihre Wangen leicht gerötet, weil sie hinter ihm her gerannt war.

„Ja?", fragte er halb misstrauisch.

„Ich...ich wollte dir nur sagen, wie mutig ich dich fand. Vorhin im Unterricht, meine ich. Mein Vater war einer der Ermittler...und...ich weiß, dass du die Wahrheit sagst."

Überrascht sah er sie an.

„Danke, äh...Cho", stammelte er ein wenig. Sie nickte und schenkte ihn dann ein breites Lächeln, dass bis in ihre braunen Augen ausstrahlten.

„Gut, dann bis morgen", sie winkte und ging dann wieder in Richtung große Halle. Bedröppelt stand er noch einen Moment im Gang, bevor er einmal den Kopf schüttelte. Dann fing er an zu grinsen und ging mit leichten Schritten in Richtung Verteidigungskorridor. Seine kurzzeitig gehobene Laune fiel, kaum dass er an der Tür klopfte.

„Herein", ertönte Umbridges honigsüße Stimme. Als er eintrat, wäre er fast rückwärts wieder raus gegangen. Er kannte das Büro aus Lockhardts Zeiten. Doch anstatt den vielen Eigenportraits des eingebildeten Mannes, hingen überall Bilder von Katzen auf ekligen rosa Wänden. Sogar die Möbel waren rosa und die einzige andere Farbe war weiß, in Form von Spitzendeckchen. Merlin litt die Frau an Geschmacksverirrung. Zwischen all dem rosa hätte er Umbridge fast übersehen, die hinter ihrem Schreibtisch saß, mit einer Schleife auf dem Kopf, die aussah als hätte sie die einem ihrer gehäkelten Kissen entrissen.

„Guten Abend, Mr Potter", schnurrte die Lehrerin. Harry fühlte sich unter ihrem Blick ein wenig wie eine Fliege vor einem hungrigen Frosch.

„N`abend, Professor", nuschelte, in einem Ton den man mit viel Mühe als respektvoll bezeichnen konnte.

„Sehr schön. Setzten Sie sich, Mr Potter."

Sie deutete auf einen kleinen Tisch am Fenster. Harry warf sich darauf und sah auf den Pergamentstück und die Feder, die darauf lagen.

„Sie werden mir ein paar Sätze schreiben, Mr Potter. Ich soll keine Lüge erzählen!"

Er sah auf und begegnete ihrem lauernden Blick. Alles in ihm schrie danach aufzuspringen und ihr das Teeservice vor ihr mitten auf die Nase zu donnern. Er atmete tief durch und schloss die Augen.

„Wie häufig?", fragte er so höflich wie möglich. Ihr Lächeln wurde breiter.

„Wie ich sehe haben wir unser Temperament bereits besser im Griff, nicht wahr?", sagte sie sanft und er knirschte mit den Zähnen. „Sie werden den Satz so häufig schreiben, bis er sich eingeprägt hat, Mr Potter."

Irgendwie wünschte er sich, sie würde aufhören seinen Namen ständig zu sagen. Er klang so falsch aus ihrem Mund. Er nickte und beugte sich über das Pergament. Dann fiel ihm auf, was fehlte.

„Ich hab keine Tinte...Professor"

„Oh, Sie brauchen keine, Mr Potter."

Etwas verwirrt sah er sie an, zuckte dann mit den Schultern und schrieb: Ich soll keine Lügen erzählen. Tatsächlich kam aus der Spitze der schwarzen Feder rote Tinte heraus. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er auf den Satz, dann sog er scharf die Luft ein. Ein durchgehender Schmerz breitete sich auf seinem Handrücken aus. Mit Grauen beobachtete er, wie die selben Wörter die er gerade geschrieben hatte, dort erschienen, als hätte er sie mit seiner eigenen Handschrift hinein geritzt. Der Schmerz verschwand und mit ihm die Wörter. Harry sah auf und blickte in die grausamen Augen der Lehrerin, die ihn erwartungsvoll ansah.

„Ist irgendetwas, Mr Potter?"

Fast eine Minute starrten sie sich an. Dann sagte er sehr leise.

„Nein, es ist nichts."

Sie nickte zustimmend. „Dann fahren sie fort."

Bis weit nach Mitternacht saß er auf dem Stuhl und schrieb immer wieder: ich soll keine Lügen erzählen. Jedes Mal ritzen sich die Wörter in seine Hand. Er spürte, dass Umbridge ihn beobachtete, aber er sah nicht ein einziges Mal auf, verzog nicht das Gesicht oder gab sonst eine Regung von sich. Immer wieder explodierte der unbändige Schmerz, bis seine Hand taub war und auch wummerte, wenn er nicht schrieb.

„Ich denke, dass ist für heute genug. Morgen um die selbe Zeit wieder, Mr Potter.", kam endlich die seidige Stimme neben ihm. Er nickte und stand auf. Keiner von ihnen sagte etwas, als er hinaus ging und vorsichtig die Tür schloss. Kaum jedoch stand er in dem kühlen Gang, fing er an zu rennen.

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Der Gemeinschaftsraum lag verlassen da. Im Kamin brannte nur noch ein wenig Glut. Harry war müde und ausgelaugt nach dem scheinbar endlos langen Tag, aber als er die erste Treppenstufe zum Schlafsaal erreichte, stockte er. Zögernd sah er die Treppe hinauf, dann wandte er sich wieder um und setzte sich in einen der Sessel direkt am niedergebrannten Feuer. Im Dämmerlicht sah er auf seine rechte Hand hinab. Keine Spur war von seiner Folter nur wenige Minuten zuvor zu sehen. Auch der Schmerz hatte nachgelassen. Aber die Erinnerungen daran waren noch zu frisch.

Vor drei Tagen war die Welt noch in Ordnung gewesen, doch jetzt bröckelte der Frieden, an den er sich in den letzten Monaten so gewöhnt hatte. Hogwarts war immer sicher gewesen, ein Zuhause, schon bevor er vom Kollegium aufgenommen worden war. Doch mit Umbridge war die Gefahr und Unsicherheit die er nur vom Ligusterweg kannte, ins Schloss eingezogen.

Umbridge. Sein Magen krampfte sich vor Wut zusammen, als er an ihr krötenhaftes Gesicht dachte. Wie konnte Fudge es wagen, diese Frau hier her zu bringen? Zum ersten Mal in seinem Leben war er glücklich, nur um Jemanden vorgesetzt zu bekommen, der ihn des Lügens bezichtigte und ihn hasste, einfach nur weil er existierte. Es war als wäre Vernon ihn in die Zaubererwelt gefolgt.

„Harry?", kam eine verschlafene Stimme von der Treppe. Er fuhr herum und sah Neville, in seinen zu kleinen Pyjamas, der sich die Augen rieb.

„Hat sie dich so lange da behalten?"

„Hmm", brummte Harry.

„Was musstest du machen?"

Er zögerte, dann sah Harry wieder auf seinen Handrücken hinab. „Sätze schreiben", murmelte er.

„Ach so... naja könnte schlimmer sein, oder?", fragte Neville und gähnte herzhaft. „Kommst du?"

Harry wusste selber nicht, warum er Neville nicht von der Feder erzählte. Als er sich in sein Bett legte und den Anderen beim Schnarchen zu hörte, überlegte er, ob er nicht zu Minerva oder Albus gehen sollte.

Nein; dachte er entschlossen. Sie würden ein Fass aufmachen und das war genau das, was das Ministerium wollte. Er würde nicht dafür verantwortlich sein, dass Fudge noch mehr Macht über Hogwarts bekam. Das war eine Sache zwischen ihm und Umbridge. Er hatte zehn Jahre Vernon überlebt, er würde auch das schaffen!

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