Kapitel 3: Die Seherin
„Und ihr seid sicher, dass ich euch nicht begleiten soll?" Chris beobachtete besorgt, wie die Mächtigen Drei sich darauf vorbereiteten, in die Unterwelt zu teleportieren. Es hatte ihn einige Wochen Zeit und einiges an Überredungskraft gekostet den Aufenthaltsort der Seherin ausfindig zu machen und nach allem was er gehört hatte, war sie ein nicht zu unterschätzender Gegner. Seine Sorge um die Schwestern war einer der beiden Gründe warum es ihm gar nicht behagte sie jetzt alleine zu ihr gehen zu lassen.
„Mach dir keine Sorgen, Chris, was immer wir herausfinden, du erfährst es als erstes." Paige schenkte dem jungen Mann ein aufmunterndes Lächeln und legte ihm noch kurz die Hand auf die Schulter, bevor sie hinüber zu ihren Schwestern ging.
In der letzten Zeit hatte es für Chris nichts Wichtigeres gegeben, als die Seherin ausfindig zu machen, er war geradezu besessen davon gewesen. Sogar die Jagd auf Dämonen die eine potenzielle Bedrohung für Wyatt waren, hatte er vernachlässigt. Und nun, da es endlich soweit war und sie ihr einen Besuch abstatteten, hatte Piper ihn dazu verdonnert den Babysitter für ihren kleinen Sohn zu spielen. Kein Wunder, dass er nicht gerade begeistert war.
Paige sah kurz zu ihren beiden Schwestern, die links und rechts neben ihr standen und bemerkte den besorgten Gesichtsausdruck, mit dem Piper ihren Wächter des Lichts bedachte. Sie alle, aber besonders die älteste der drei, hatten sich Sorgen gemacht, dass Chris es mit seiner Verbissenheit übertreiben würde. Das war auch der Grund für ihre Entscheidung gewesen, ihn nicht mit ihnen kommen zu lassen.
Paige nickte dem jungen Mann noch einmal zu, bevor sie die Hände ihrer Schwestern ergriff und sie alle in die Unterwelt teleportierte.
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Die Höhle in der die Mächtigen Drei sich materialisierten war nicht besonders groß und nur spärlich von einigen Fackeln an den Wänden erleuchtet. Die Schwestern sahen sich neugierig um, aber der Raum war leer, abgesehen von einem seltsamen Teich direkt in der Mitte. Zuerst sah so aus, als sei nur das Becken silbern, aber bei näherem Hinsehen fiel auf, dass der Inhalt nicht aus Wasser, sondern einer merkwürdigen silber-grauen Flüssigkeit bestand.
Piper, Paige und Phoebe näherten sich dem Teich und ihnen fiel auf, dass obwohl es keinerlei Auslöser dafür zu geben schien, die Oberfläche immer wieder von sich ausbreitenden Kreisen durchzogen wurde.
„Interessant, nicht wahr?" Erschrocken über diese plötzliche Unterbrechung drehten sich die drei Schwestern blitzartig zu dem Neuankömmling um.
Vor ihnen stand nun eine bildschöne, recht spärlich bekleidete Frau und lächelte sie freundlich an. Außer ihrer schwarzen Kleidung wies nichts an ihrem Äußeren darauf hin, dass sie eine Dämonin war und doch verriet ihre starke Aura, dass es sich bei ihr nur um die Seherin handeln konnte.
Sie machte nicht den Eindruck, als plane sie einen Angriff, aber bei Dämonen konnte man nie wissen. Die Hexen hatten genug schlechte Erfahrungen gesammelt, um zu wissen, dass man immer wachsam sein musste.
„Du musst die Seherin sein." Piper sah ihre Gegenüber ruhig an, aber sie konnte eine gewisse Anspannung nicht aus ihrer Stimme heraushalten. Die Dämonin nickte leicht und antwortete, immer noch mit einem Lächeln, wobei sie völlig gelassen klang.
„Und ihr müsst die Mächtigen Drei sein. Man hört eine Menge über euch hier unten."
„Nun, das kann man von dir nicht gerade behaupten." Phoebe hatte nun ebenfalls ein strahlendes Lächeln aufgesetzt und sah die Seherin herausfordernd an. Wenn sie Spielchen spielen wollte, na gut, das konnte sie haben.
„Oh, ich ziehe nun mal eine gewisse Privatsphäre vor. Wenn jeder über mich Bescheid wüsste, hätte ich bald die gesamte Unterwelt auf der Matte stehen. Jeder will doch zumindest ein wenig über seine Zukunft wissen, nicht wahr? Sogar ihr seid deswegen zu mir gekommen."
Das freundliche Lächeln hatte dass Gesicht der Seherin keine Sekunde verlassen und doch war Phoebe sich sicher eine Spur unterschwelligen Triumphs bei ihr zu spüren.
Die Empathin war nicht sicher, ob Piper es auch gespürt hatte, aber auf jeden Fall hatte ihre ältere Schwester die Nase voll von dieser Unterhaltung. Es behagte ihr nicht, wenn Dämonen freundlich waren, denn dann wusste man nie woran man war. Vielleicht war es echt, vielleicht aber auch nur Tarnung um in einem günstigen Moment losschlagen zu können.
Offene Feindseligkeit war ihr da lieber, in dem Fall war wenigstens klar, wie sie zu reagieren hatte. Am liebsten hätte Piper die Dämonin und ihr verfluchtes Lächeln auf der Stelle gesprengt, aber schließlich wollten sie noch Informationen von ihr.
„Nun, mich würde ehrlich gesagt mehr die Gegenwart interessieren. Vor allem, warum es seit einigen Wochen scheinbar alle Dämonen der Unterwelt auf mich abgesehen haben. Es heißt, dass du der Grund dafür bist."
„Oh, der Grund dafür bin ich sicherlich nicht. Vielmehr war eine meiner Prophezeiungen der Auslöser für diese Serie von Angriffen. Der Grund ist letztendlich doch in deiner Zukunft zu suchen, aber ich denke, es ist nur fair, wenn du und deine Schwestern erfahrt, wieso euch die Dämonen keine ruhige Minute mehr lassen…"
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Chris saß auf einem Stuhl in Wyatts Zimmer und beobachtete, wie sein Bruder friedlich schlief. Immer wieder kehrten seine Gedanken zu den Schwestern und der Sehrein zurück und mit wachsender Furcht überlegte er, was sie dort wohl erfahren würden.
Die Dämonen, die sie in letzter Zeit vermehrt angegriffen hatten, hatten wenig Kenntnis über die Prophezeiung gehabt, oder waren tot gewesen, bevor sie etwas hätten sagen können. Die einzige Information, die Chris und die Mächtigen Drei hatten war, dass es um Piper und ein Kind ging und der Wächter des Lichts konnte sich nur allzu gut denken, um wen es sich dabei handelte. Würde die Seherin seine Identität preisgeben?
Er hatte die letzten Wochen damit verbracht sie aufzuspüren und nun war er nicht dabei und konnte somit nicht eingreifen, bevor die Dämonin etwas sagte, das besser geheim bleiben sollte.
Seufzend fuhr sich Chris mit den Händen übers Gesicht. Es brachte nichts, sich deswegen verrückt zu machen, er konnte ohnehin nichts mehr unternehmen. Um sich etwas abzulenken wandte er sich wieder seinem kleinen Schützling zu, der mittlerweile aufgewacht war und ihn mit großen Augen ansah.
Wyatt hier als unschuldigen kleinen Jungen zu sehen, würde zwar niemals die Erinnerungen an den unmenschlichen Tyrannen auslöschen, der er in der Zukunft war, aber es erinnerte Chris jedes Mal daran, dass im Hier und Jetzt noch nichts entschieden war. Wenn er seine Sache richtig machte und gut auf seinen Bruder Acht gab, würden sich die Dinge völlig anders entwickeln und die Zukunft konnte gerettet werden.
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Leo hatte sich in den Flur des Halliwell Manors teleportiert und war auf dem Weg in Wyatts Zimmer gewesen, als er Chris dort bemerkt hatte.
Er war stehen geblieben und lehnte nun am Türrahmen während er seinen Sohn und den jungen Wächter des Lichts beobachtete, der ihn offensichtlich noch nicht bemerkt hatte. Chris versuchte gerade Wyatt, der wohl nicht mehr in seinem Bettchen bleiben wollte, mit dessen Teddybären zu beruhigen, was ihm allerdings nicht besonders gut gelang.
„Die Schwestern sind noch nicht wieder hier?"
Komplett überrascht von Leos unerwartetem Auftauchen drehte Chris sich zu ihm um, schaffte es jedoch einen völlig gelassenen Eindruck zu machen. Er konnte kaum glauben, dass er das Eintreffen des Ältesten nicht bemerkt hatte. Was, wenn er etwas zu Wyatt gesagt hätte, das ihn verraten hätte? In Zukunft musste er besser darauf achten, ob er wirklich alleine war.
„Nein, sie sind noch immer bei der Seherin, aber es sollte nicht mehr lange dauern, bis sie zurück sind." Damit wandte Chris sich wieder seinem Bruder zu, in der vagen Hoffnung, dass Leo nach dieser Auskunft verschwinden würde.
Auch wenn sich ihre Beziehung seit dem Angriff auf Piper deutlich gebessert hatte, fühlte sich der junge Mann immer noch unwohl in Gesellschaft des Ältesten. Er wusste zwar, dass es unfair war, dem Leo aus dieser Zeit seine Fehler aus der Zukunft vorzuwerfen, aber all die angestaute Wut ließ sich nur schwer ablegen.
Und auch, wenn Leo ihm jetzt sicherlich mehr vertraute als früher, so konnte Chris doch noch oft genug Zweifel an seiner Person bei ihm erkennen.
„Hör mal, Chris, vielleicht ist es ganz gut, wenn wir mal unter uns sind. Ich wollte schon seit einer Weile mit dir unter vier Augen sprechen, aber in letzter Zeit war soviel los, dass sich dazu einfach keine Gelegenheit ergab."
Leo machte eine kurze Pause, um dem Wächter des Lichts die Möglichkeit zu einer Reaktion zu geben, aber Chris zog es vor ihn zu ignorieren. Stattdessen hatte er es aufgegeben Wyatt wieder zum Schlafen zu bringen und hob ihn nun aus seinem Bettchen.
„Ich habe mit den Schwestern geredet und sie sagten, dass du auch mit ihnen niemals über das gesprochen hast, was vor ein paar Wochen vorgefallen ist." Immer noch kam keine Reaktion von Chris, also fuhr Leo mit einem Seufzer fort.
„Ich meine, als Piper angegriffen und fast getötet wurde. Als ich dort auftauchte, warst du kaum noch ansprechbar. Du standest offenbar völlig unter Schock und du…" Nun endlich drehte sich Chris, Wyatt auf dem Arm, zu Leo um. An seinem Gesichtsausdruck war deutlich zu erkennen, dass er dieses Gespräch lieber nicht führen würde.
„Ich weiß was du meinst, Leo, glaub mir, ich habe es nicht vergessen. Aber ist dir vielleicht schon mal in den Sinn gekommen, dass der Grund, warum ich mit niemandem darüber gesprochen habe der ist, dass ich nicht darüber sprechen will? Dass allein der Gedanke an diesen Abend schmerzhafte Erinnerungen weckt, an die ich lieber nicht mehr denken möchte? Glaubst du, ich habe gern mit angesehen wie meine…, wie Piper von einer Klinge durchbohrt wurde und in meinen Armen fast gestorben wäre?"
Der Älteste hatte befürchtet, dass dieses Gespräch nicht einfach werden würde, aber mit so einer Reaktion hätte er niemals gerechnet. Völlig überrumpelt stand er da, konnte den jungen Mann vor sich nur anstarren, nicht in der Lage darauf etwas zu erwidern.
Dafür wanderte sein Blick nun zu Wyatt, der während Chris' emotionaler Antwort langsam quengelich geworden war und nun unruhig hin und her zappelte. Chris hatte offensichtlich Probleme ihn festzuhalten, weswegen Leo nun zu ihm hinüber ging und die Arme nach seinem Sohn ausstreckte.
„Warte, ich nehme ihn."
Ohne ein Wort ließ sich Chris den kleinen Jungen aus den Armen nehmen und drehte sich dann von Leo weg, wobei er sich unauffällig mit der Hand über die Augen fuhr. Der Älteste hatte zwar bereits bemerkt, dass seinem Gegenüber die Tränen in die Augen gestiegen waren - ob aus Wut oder Trauer wusste er nicht – aber es war wohl besser nicht darauf einzugehen. Chris fühlte sich auch so schon unwohl genug.
„Was hattest du gerade sagen wollen? Mit angesehen, wie deine… was?"
Chris hatte sagen wollen „meine Mutter", sich aber noch rechtzeitig verbessert. Bevor er sich aber für seinen Versprecher rechtfertigen konnte, wurden sie von einem Geräusch aus dem Erdgeschoss unterbrochen. Erleichtert ging der junge Mann an Leo vorbei, auf dem Weg nach unten.
„Das müssen die Schwestern sein. Ich hoffe nur, die Seherin hat ihnen alles über die Prophezeiung gesagt. Sonst war der ganze Aufwand sie zu finden umsonst."
Er war bereits auf der Treppe, als Leo zu Wyatts Kinderbett hinüber ging, seinen Sohn dort hineinsetzte und Chris dann nach unten folgte. Auch er war gespannt, was Piper, Paige und Phoebe zu berichten hatten.
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„Ihr habt euch aber ganz schön Zeit gelassen, langsam hab ich mir schon Sorgen…" Chris war gerade im Wohnzimmer angekommen, in der Erwartung die Mächtigen Drei dort vorzufinden und war dementsprechend überrascht, als ihm, statt dreier zierlicher Hexen, vier, etwa 2 Meter große, hässliche Dämonen gegenüber standen.
Er konnte gerade noch reagieren und einen von ihnen mit einem Schwenk seines Arms zu Boden werfen, als ihn ein anderer auch schon an der Kehle gepackt hatte und ihn hart mit dem Hinterkopf gegen die Wand schmetterte. Die Geräusche im Raum verstummten schlagartig und wichen einem lauten Rauschen in seinen Ohren, während alles um ihn herum dunkler zu werden schien. Nur am Rande nahm Chris noch wahr, dass Leo nun ebenfalls den Raum betrat, durch einen äußerst harten Schlag ins Gesicht aber einige Meter zurück geworfen wurde und dort regungslos liegen blieb.
Das Einzige, was er noch deutlich spürten konnte war, wie etwas warmes langsam seinen Hinterkopf und den Nacken hinunter lief und die klauenartige Hand, die sich um seinen Hals immer stärker zudrückte, wodurch es Chris nahezu unmöglich wurde zu atmen. Er merkte, dass die Bewusstlosigkeit ihn zu übermannen drohte und er versuchte dagegen anzukämpfen, aber das war alles andere als leicht.
Der junge Wächter des Lichts versuchte sich zu konzentrieren um wieder klarer sehen zu können, aber es gelang ihm kaum und das seltsam taube Gefühl, das sich von seinem Hinterkopf aus auszubreiten schien war nicht gerade hilfreich.
Heißer, stinkender Atem schlug ihm entgegen, als sich die hässliche Fratze des Dämons nun direkt vor sein Gesicht schob und dieser drohend zischte:
„Sag mir, wo die Hexen sind! Ich reiße dir den Kopf von den Schultern, wenn du nicht antwortest. Sag es mir!"
Chris hörte die Worte zwar, aber sie ergaben in seinem verletzten Gehirn einfach keinen Sinn mehr. Auch wenn er es gewollt hätte, er hätte keine vernünftige Antwort mehr geben können.
Ohne, dass er es verhindern konnte, stiegen nun Bilder vor seinem inneren Auge auf. Wyatt, der ihn als Schwächling beschimpfte; sein Vater, der sich von ihm abwandte; Tante Phoebe, die ihn lachend in die Arme schloss; Penny Halliwell, die erklärte, dass er als Wächter des Lichts nichts tauge; Leo, der sagte, dass er nun zur Familie gehörte; seine mum, die tot am Boden lag und als letztes Paige, die ihren Neffen mit letzter Kraft in Sicherheit teleportierte.
Chris' tatsächliche Umgebung verschwamm immer mehr aber dieses Bild blieb in seinem Kopf hängen, während er weiter abdriftete. Da er keine Luft mehr bekam, war es kaum mehr als ein Röcheln, das sich nun seiner Kehle entrang.
„Paige." Das war das einzige, wozu er noch in der Lage war, bevor er völlig das Bewusstsein verlor.
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„Wow." Das war momentan das einzige, was Phoebe zu dieser Neuigkeit einfiel. Sie sah zu Piper hinüber, die die Seherin ebenso ungläubig anstarrte, wie sie selbst gerade noch.
„Ist das dein Ernst?" Die Dämonin sah nicht aus, als würde sie spaßen, aber die älteste der drei Hexen konnte es einfach nicht fassen. War so etwas wirklich noch einmal möglich?
Pipers Blick wanderte von der Seherin, die als Antwort nur kurz nickte, über Phoebe, die ebenfalls erstaunt aussah, zu Paige, die irgendwie abwesend wirkte. Sie legte ihrer Schwester vorsichtig die Hand auf die Schulter, wodurch diese erschrocken zusammenzuckte.
„Ist alles in Ordnung?" Paige schien einen Augenblick lang einfach durch ihre Schwester hindurch zu sehen, bis sie schließlich entschlossen den Kopf schüttelte.
„Nein. Es ist Chris. Ich glaube, er braucht uns." Ohne länger zu zögern ergriff die junge Hexe die Hände ihrer Schwestern und brachte sie alle zurück ins Halliwell Manor.
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Die Mächtigen Drei materialisierten sich vor der Treppe im Erdgeschoss, nur wenige Schritte von der Stelle entfernt, wo Leo zu Boden gegangen war. Bevor sie jedoch nach ihm sehen konnten, hatten die Dämonen sie auch schon bemerkt und griffen nun an.
Derjenige von ihnen, der noch immer Chris gegen die Wand gedrückt hatte, ließ diesen los und wandte sich ebenfalls den Schwestern zu. Seiner aufwändigeren Kleidung nach zu urteilen war er vermutlich der Anführer.
Ohne die Stärke des Dämons, die ihn aufrecht gehalten hatte, sackte hinter ihm Chris leblos zu Boden; die Wand an dieser Stelle war rot vom Blut und offenbarte deutlich die Schwere seiner Verletzung.
Einer der Dämonen stürzte auf Phoebe zu, aber sie hatte zur Sicherheit ein starkes Vernichtungselixier mit zur Seherin genommen und war nun sehr erleichtert, dass sie es nicht hatte benutzen müssen. Sie warf es auf den Dämon, wodurch dieser schreiend in Flammen aufging und nach wenigen Augenblicken verschwunden war.
Ein weiterer Angreifer hatte es mit einem Feuerball auf Paige abgesehen, aber sie konnte sich noch rechtzeitig aus dem Weg teleportieren.
Auf Grund der vielen Dämonenangriffe der letzten Zeit hatten die Schwestern an vielen Stellen im ganzen Haus Vernichtungselixiere wie das von Phoebe deponiert, was sich auch schon des Öfteren als sehr gute Idee erwiesen hatte. Und auch jetzt konnte Paige ihren Angreifer mit einem solchen Elixier ohne Probleme vernichten.
Der dritte Dämon hatte es auf Piper abgesehen, aber er kam keine zwei Meter weit, bis diese ihn auch schon gesprengt hatte. Als letztes blieb nur noch der Anführer übrig, aber er war nicht ganz so leicht zu besiegen wie seine Leute.
Piper versuchte mehrere Male ihn explodieren zu lassen und obwohl es ihn jedes Mal in der Bewegung inne halten ließ, zeigte der Angriff nicht die gewünschte Wirkung. Er grinste breit und schleuderte einen Feuerball auf die Hexe, aber er hatte dabei nicht mit Paige gerechnet.
„Feuerball!" Die junge Halb-Hexe/ Halb-Wächterin des Lichts streckte die Hand aus und schickte den Angriff zu seinem Urheber zurück. Dieser wurde sofort von Flammen eingehüllt und schrie vor Schmerzen, aber mehrere Sekunden vergingen und nichts weiter geschah.
Fast schien es so, als würde er es überleben, bis Phoebe eine Idee kam.
„Piper, versuch noch mal ihn zu sprengen." Die Angesprochene reagierte sofort und dieses Mal klappte es. Der Dämon löste sich in einer eindrucksvollen Explosion auf.
Einige Augenblicke lang war alles still und niemand bewegte sich, bis die Situation sie wieder eingeholt hatte.
In dem Wissen, dass Leo von den Dämonen nicht ernsthaft verletzt worden sein konnte eilte Piper stattdessen an Chris' Seite, entsetzt von seinem Zustand. Innerhalb einer Sekunde kniete sie neben ihm auf dem Boden und versuchte festzustellen, wie schlimm seine Verletzung wirklich war.
„Er braucht Leo, schnell!" Damit wandte sie sich an ihre Schwestern, die beide neben dem Ältesten knieten und versuchten ihn aufzuwecken. Nachdem Phoebe einige Male an seiner Schulter gerüttelt hatte kam er langsam wieder zu Bewusstsein und wurde von den Schwestern auch sogleich in eine sitzende Position gezogen. Während er noch versuchte sich daran zu erinnern, was passiert war, fiel sein Blick auf Paige, die ihn Hilfe suchend ansah.
„Chris ist verletzt, er braucht dich. Jetzt sofort!"
Gestützt von Phoebe und Paige rappelte er sich augenblicklich auf und lief hinüber zu Chris, wo er sich Piper gegenüber auf die Knie sinken ließ. Erschrocken musste er feststellen, dass sich unter dem Kopf des jungen Wächters des Lichts bereits eine Blutlache gebildet hatte, die langsam immer größer wurde. Aus den Augenwinkeln konnte er auch eine Menge rot an der Wand erkennen, aber er gab sich Mühe nicht allzu genau hinzusehen. Stattdessen hielt er nun seine Hände über Chris' Kopf und konzentrierte sich darauf ihn zu heilen. Warmes, goldenes Licht ging von ihm aus und innerhalb weniger Sekunden verschwand die Blutlache und die Wunde verheilte.
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Dunkelheit umgab Chris und obwohl sie zuerst bedrohlich erschienen war, hatte sie nun etwas Beruhigendes an sich. Er war sich sicher gewesen, dass er nicht hier sein sollte, dass er gegen das ankämpfen musste, was mit ihm geschah, aber nach und nach waren diese Gedanken verschwunden.
Tief in ihm war immer noch etwas, das zurück wollte, wohin auch immer – er konnte sich nicht mehr erinnern – aber im Grunde hatte er sich mit seinem Schicksal abgefunden. Hier war es ruhig, angenehm, er konnte einfach loslassen und irgendetwas sagte ihm, dass er das lange nicht mehr getan hatte.
Undeutlich konnte er manchmal noch Bilder von Personen und Orten sehen, aber sie hatten längst an Bedeutung verloren. Jetzt sah er gerade einen kleinen blonden Jungen, fast noch ein Baby. Irgendetwas war wichtig an ihm, sogar sehr wichtig, aber Chris konnte sich nicht mehr erinnern.
Er überlegte noch angestrengt, was es wohl sein könnte, als plötzlich ein helles, freundliches Licht die Dunkelheit durchbrach. Es erfasste seine ganze Umgebung, durchdrang sein Bewusstsein und mit dem Licht kam auch die Erinnerung wieder.
Wyatt. Wie hatte er nur seinen eigenen Bruder vergessen können?
Alles war wieder da und so wusste er auch, was das Licht zu bedeuten hatte. Er war verletzt worden und Leo war dabei ihn zu heilen. Der Wächter des Lichts konnte jetzt seinen Körper wieder spüren und genoss das Gefühl, als sich seine Lungen endlich wieder mit Luft füllten.
Ihm war, als könnte er immer noch die Klauen des Dämons der ihn angegriffen hatte an seinem Hals spüren, aber als er nun langsam die Augen aufschlug konnte er nur die erleichterten Gesichter seiner Eltern über sich sehen. Nun, sie waren zumindest beinahe seine Eltern.
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Piper wollte kurz nach Wyatt sehen und Paige und Phoebe hatten damit begonnen, das Chaos im Wohnzimmer zu beseitigen. Zwar wollte Chris immer noch wissen, was sie bei der Seherin erfahren hatten, aber er nutzte die Unterbrechung erst einmal um im Buch der Schatten nach den Dämonen zu suchen, die ihn fast getötet hätten.
Er hatte sie gerade gefunden und gelesen, dass sie immer nur in kleineren Gruppen zusammenarbeiteten, weshalb wohl von dieser Seite erstmal keine Gefahr mehr drohte, als Leo den Dachboden betrat.
Chris gab vor, immer noch vertieft in das Buch zu sein, während der Älteste langsam an ihm vorbei zur anderen Seite des Raums ging.
Innerlich kämpfte Chris mit sich selbst, denn er befürchtete, dass Leo das Gespräch von vorhin fortsetzen wollte. Einerseits wollte er um keinen Preis der Welt mehr darüber reden, aber andererseits hatte er die Fragen satt.
Früher oder später würden ihn sicher auch noch die Schwestern auf sein Verhalten nach dem Angriff auf Piper ansprechen und er wollte die Angelegenheit endlich hinter sich lassen.
Mit einem Seufzer schlug er das Buch zu und sah Leo auffordernd an.
„Also gut."
„Was?" Ehrlich überrascht sah Leo den jungen Mann an. Er war eigentlich nur hier oben um die Schwestern nicht schon mit Fragen zu löchern bevor sie soweit waren und hatte nicht die leiseste Ahnung worauf der junge Mann nun hinaus wollte.
„Der Abend als Piper angegriffen wurde. Ich sage dir, warum ich so reagiert habe und dann sprechen wir nie wieder davon, verstanden? Meinetwegen erzähl es auch den Schwestern, aber ich will wirklich nicht mehr darüber reden, auch nicht mit ihnen."
Mit starrem Gesichtsausdruck wartete er auf Leos Reaktion, bis dieser schließlich leicht nickte.
„Okay, wir werden es nie wieder erwähnen.
Chris fuhr sich mit den Händen übers Gesicht und drehte sich zum Fenster hinter sich um. Er konnte Leo in diesem Moment einfach nicht in die Augen sehen.
„Meine Mum", Er geriet ins Stocken und sah aus dem Fenster, versuchte irgendetwas zu finden, das ihm mental Halt geben konnte. Reiß dich zusammen, okay? Bring es einfach hinter dich, dann kannst du wieder versuchen es zu vergessen. Chris legte eine Hand aufs Fensterbrett und versuchte einen neuen Anfang.
„Piper ähnelt meiner Mutter sehr. Dieselbe Größe und sie hatte auch solche langen braunen Haare. Aber meine Mum ist tot." Er konnte hören, wie Leo hinter ihm Luft holte, vielleicht sogar etwas sagen wollte, aber er ließ ihn nicht zu Wort kommen.
„Sie wurde vor vielen Jahren von einem Dämon ermordet, auf dieselbe Weise, wie Piper fast getötet worden wäre. Sie wurde von hinten erstochen." Chris musste tief durchatmen, bevor er weiter sprechen konnte. Er hatte jetzt beide Hände aufs Fensterbrett gestützt und spürte wie er anfing zu zittern.
„Es geschah direkt vor meinen Augen, aber ich hab ihr nicht helfen können. Ich war zwar noch fast ein Kind, aber ich hätte etwas tun müssen, ich…"
Seine Stimme versagte ihm den Dienst, er konnte einfach nicht weiter sprechen. Chris wusste, dass sein ganzer Körper bebte, aber er konnte nichts dagegen tun.
Er konnte einfach nicht an diesen Moment und seine eigene Unfähigkeit denken ohne von seinen Schuldgefühlen übermannt zu werden. Wenn er doch nur etwas getan hätte, irgendetwas…
Der Wächter des Lichts erstarrte, als er spürte, wie Leo ihm eine Hand auf die Schulter legte. Er hatte Angst sich umzudrehen. Was, wenn er den gleichen Vorwurf wie damals bei seinem Vater auch jetzt in Leos Augen sehen würde? Das könnte er nicht ertragen.
Aber niemals hätte Chris mit dem gerechnet was er als nächstes hörte.
„Es war sicher nicht deine Schuld. Du hast deine Mutter doch geliebt, nicht wahr?" Bei dieser Frage fuhr Chris augenblicklich herum und starrte den Ältesten so schockiert an, als habe dieser ihm soeben eine Ohrfeige verpasst.
„Natürlich!" Leo sah ihn verständnisvoll an; kein Wunder, dass der junge Mann immer so verschlossen war, wenn er all die Jahre die Schuld am Tod seiner Mutter mit sich herum getragen hatte.
„Dann bin ich sicher, dass dir kein vernünftiger Mensch die Schuld für ihren Tod geben würde, besonders wenn du noch so jung warst. Ich war zwar nicht dabei, aber ich wette, deine Mutter hätte das auch nicht so gesehen. Schließlich hat sie ein Dämon getötet, nicht du."
Unwillkürlich musste Chris bei Leos Wortwahl lächeln. ‚Kein vernünftiger Mensch'. Wenn er wüsste…
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Nachdem Chris sich wieder beruhigt hatte, waren er und Leo wieder nach unten gegangen, wo sie nun mit den Schwestern zusammen im Wohnzimmer saßen und diese von ihrem Besuch bei der Seherin berichteten.
Phoebe hatte ihnen allen Kaffee gemacht und so saß nun auch Chris mit seiner Tasse auf der Couch und hörte zu, als Paige erzählte, wie sie die Dämonin getroffen hatten. Piper fasste dann eher kurz zusammen, was die Seherin in langen, ausschweifenden Sätzen erklärt hatte.
„Also, im Grunde lautet die Prophezeiung, dass ich noch ein Kind bekommen werde." Soweit, so gut. Das hatte Chris ja bereits erwartet und außerdem schien Piper nicht besonders überzeugt von der ganzen Sache zu sein. Das sollte also kein wirkliches Problem darstellen.
„Und…dass dieses Kind noch stärker werden wird als Wyatt."
Heißer Kaffee und Scherben verteilten sich über den Boden und alle Blicke ruhten auf Chris, dem kaum bewusst zu sein schien, dass er soeben seine Tasse fallen gelassen hatte.
Aus seinem Gesicht war jegliche Farbe gewichen und er sah aus, als hätte er soeben den sprichwörtlichen Geist gesehen, während er starr geradeaus sah, die Blicke der anderen meidend.
„Das… das ist nicht möglich."
tbc
