A/N: Da ich diesen Teil der Geschichte bereits vor Jahren geschrieben habe, bevor die 7. Staffel von Charmed in Deutschland im Fernsehen lief, ist alles was die Hintergrundgeschichte der Zauberschule angeht allein auf meinem Mist gewachsen und widerspricht dem, was später in der Sendung gesagt wurde. Nur als Anmerkung, falls sich jemand wundern sollte. :)

Kapitel 7: Machtlos

„Ich geb's auf! Im Buch steht nichts mit dem wir ihn heilen könnten." Mit einem lauten Knall schlug Piper das Buch der Schatten zu und fuhr sich dann erschöpft mit den Händen übers Gesicht.

„Ich kann einfach nicht mehr, ich habe das Gefühl, als wäre ich völlig machtlos." Leo kam zu ihr herüber und legte seine Hände sanft auf die Schultern seiner Ex-Frau.

„Das ist nicht wahr und das weißt du. Ich kenne niemanden, der weniger machtlos wäre als du, Piper. Dann steht im Buch halt einmal nichts brauchbares, na und? Das heißt noch lange nicht, dass auch nur einer von uns aufgeben müsste."

Piper genoss das Gefühl von Leos starken Händen auf ihren Schultern und begann tatsächlich sich zu entspannen. Wie sehr sie das vermisst hatte…

Doch plötzlich straffte sie sich wieder. Es gab jetzt wichtigeres zu erledigen.

„Du hast Recht. Ich werde versuchen einen Gegenzauber zu dem Spruch im Buch zu schreiben."

„Aber Chris hat ihn doch verändert." Gab nun Leo zu bedenken. Genervt drehte sich Piper zu ihm um und sah ihm anklagend in die Augen.

„Das weiß ich auch, okay? Aber hast du eine bessere Idee? Wenn ja, dann lass hören, ich bin für jeden Vorschlag offen." Piper stand nur noch wenige Zentimeter von Leo entfernt und starrte ihn nun wütend an. Der Älteste wusste nicht, was er sagen sollte, bis ein erneuter Stimmungswechsel von Piper ihn noch weiter aus dem Konzept brachte.

Sie fing an zu weinen.

Die Hexe versuchte die ausbrechenden Tränen mit den Händen zu verdecken, aber es gelang ihr nicht. Sie weinte einige Sekunden mit bebenden Schultern still in sich hinein, bis Leo sie plötzlich in seine Arme zog. Er drückte sie fest an sich, während er mit einer Hand sanft über ihr Haar strich und sie so zu beruhigen versuchte.

„Sch, es wird alles wieder gut. Ich verspreche es."

„Wie kannst du so etwas versprechen?" Piper sah ihn mit verheulten Augen zweifelnd an. Wie konnte er nur so sicher sein?

„Weil ich weiß, dass du und deine Schwestern einen Weg finden werdet. Ich habt noch immer eine Lösung gefunden und das wird sich auch dieses Mal nicht ändern."

Die Beiden sahen sich fest in die Augen. Piper hatte seine aufmunternden Worte so sehr vermisst. Und auch die Art wie er sie im Arm hielt…

Der Älteste war zwar auch nach ihrer Trennung noch oft bei ihnen im Haus gewesen, aber es war nicht dasselbe. Und die Hexe konnte an seinem Blick erkennen, dass er ebenso empfand.

Noch während sich die beiden in die Augen sahen, näherten sich ihre Gesichter einander unbewusst an. Als nur noch wenige Zentimeter ihre Lippen von einander trennten, zögerte Piper kurz. Sie hatten sich immerhin getrennt.

Dann entschloss sie sich jedoch alle Zweifel über Bord zu werfen und küsste Leo leidenschaftlich. Die Hexe schlang ihre Arme um den Ältesten und vertiefte den Kuss noch weiter.

Beiden kam es wie eine Ewigkeit vor, dass sie so zusammen standen, bis sie jedoch von Paige unterbrochen wurden, die sich soeben auf dem Dachboden materialisiert hatte, ohne dass Piper oder Leo sie bemerkt hatten.

„Uhm, hi Leute. Stör ich?"

x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x

Chris hielt sich an Sigmunds Arm fest, während sie langsam durch die Gänge der Zauberschule gingen. Da gerade Pause war, kamen ununterbrochen junge Hexen und Zauberer an ihnen vorbei und der Wächter des Lichts wurde den Eindruck nicht los, dass es für sie im Moment kein interessanteres Gesprächsthema gab als ihn.

Überall schienen sie über ihn zu tuscheln. Vermutlich malten sie sich die abenteuerlichsten Geschichten aus, wie er sein Augenlicht verloren haben könnte, denn sicher hatte es ihnen niemand gesagt und so blieb es nun ihrer Fantasie überlassen eine Antwort zu finden.

Sigmund hatte darauf bestanden, dass Chris nicht den ganzen Tag in seinem Zimmer verbrachte, sondern auch etwas unter Menschen kam und ihn daher zu diesem Spaziergang überredet. Allerdings bezweifelte der junge Wächter des Lichts mittlerweile, dass das so eine gute Idee gewesen war.

Zuerst war es noch ganz angenehm gewesen, sich mal wieder die Beine zu vertreten, aber je mehr die Schule zum Leben erwachte, desto mehr zehrte das Ganze an seinen Nerven. Seit er blind war, hatte Chris gelernt sich stärker als sonst auf seine anderen Sinne, wie z.B. das Hören zu verlassen, aber in diesem Gedränge nutzte ihm das kein Bisschen. Vor kurzem hatte ihn sogar ein vorbei eilender Schüler so stark angerempelt, dass er ohne Sigmunds Hilfe sicher zu Boden gestürzt wäre.

Der Zauberer schien zu erkennen, dass sich der junge Mann unwohl fühlte und steuerte daher einen etwas ruhigeren Bereich der Schule an.

„Dies hier ist der Speisesaal für Schüler und Lehrer. Das Mittagessen ist schon vorbei, daher ist hier natürlich nichts los, aber ich werde trotzdem in der Küche nachsehen, ob sie dort nicht doch noch etwas für uns haben. Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich könnte einen Happen vertragen. Um ehrlich zu sein, ich sterbe vor Hunger."

Sigmund führte Chris zu einem der Tische und ließ ihn dort Platz nehmen. Anhand des Widerhalls ihrer Schritte konnte der Wächter des Lichts erkennen, dass die Halle riesig sein musste. Die heutige Schülerzahl füllte sie sicher nicht annähernd aus.

Es dauerte nur ein paar Minuten, bis der Zauberer mit zwei Tellern zurück kam und obwohl Chris mittlerweile wirklich Hunger hatte, dauerte es fast noch einmal so lange, bis er es geschafft hatte etwas davon zu essen.

Mit Messer und Gabel zu arbeiten, ohne sehen zu können was man tat erwies sich als gar nicht so einfach. Er konnte nur hoffen, dass die Schwestern bald hier auftauchen würden und zwar diesmal mit einer Heilung. Wenn er nur daran dachte, dass dieser Zustand möglicherweise dauerhaft sein würde, wurde ihm schon ganz anders.

Sigmund versuchte die etwas merkwürdige Situation durch eine Unterhaltung aufzulockern, aber in dem jungen Mann hatte er momentan nicht gerade den geeignetsten Gesprächspartner gefunden.

„Wusstest du, dass diese Schule schon seit über 1000 Jahren existiert?"

„Nein."

„Ja, doch, allerdings, das tut sie."

„Interessant." Sigmund gehörte eindeutig zu den Menschen, die Sarkasmus auch dann nicht erkannten, wenn er ihnen ins Gesicht sprang.

„Überaus interessant sogar. Und Gideon ist bereits der 61ste Direktor und das nun schon seit mehr als 200 Jahren. Damit ist er bei weitem am längsten von allen im Amt, wobei natürlich zu bedenken ist, dass er auch der einzige Älteste ist, der diese Schule jemals geleitet hat.

Die anderen vor ihm waren allesamt nur gewöhnliche Hexen und Zauberer. Womit ich natürlich nicht sagen will, dass sie als Personen gewöhnlich waren, nein, ganz im Gegenteil, unter ihnen waren einige der bemerkenswertesten Hexen und Zauberer, die je gelebt haben."

Chris' Gedanken begannen zu wandern, während der Zauberer ausführlich die Geschichte der Zauberschule, ihre bedeutendsten Leiter und die verschiedenen magischen Besonderheiten ihrer Architektur erläuterte. Er war so sehr in seinen Vortrag vertieft, dass er seinem Gegenüber kaum noch Beachtung schenkte.

Der junge Wächter des Lichts fragt sich unwillkürlich, wie lange er wohl noch hier bleiben musste. Zwar waren alle sehr freundlich zu ihm und es gab sicher schlimmere Orte, an denen man seine Zeit verbringen konnte, aber er wollte wieder nach Hause. Diese ganze Situation war so ungewohnt für ihn, da wollte er wenigstens an einem Ort sein, der ihm vertraut war.

Plötzlich fielen ihm wieder Leos Worte ein, nachdem Piper angegriffen worden war und er es im Haus nicht mehr ausgehalten hatte.

Sein Vater hatte gesagt, er solle wieder mit nach Hause kommen und dass er jetzt zur Familie gehöre. Es gab keine Worte um auszudrücken wie viel ihm das bedeutet hatte.

Seit Chris in dieser Zeit war, hatte es schon öfters Probleme mit den Schwestern und Leo gegeben, aber nun schien es, als hätten sie ihn endlich akzeptiert und dass sie ihn sogar gern hatten. Es war, als hätte er nach all den Jahren endlich wieder eine richtige Familie.

x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x

Paige hatte Leo und Piper soeben von ihrem Besuch in der Zauberschule berichtet und dabei amüsiert beobachtet, wie die beiden sich immer wieder verstohlene Blicke zuwarfen. Sie hatte immer gehofft, dass sie wieder zusammen finden würden und nun schien ihre gemeinsame Sorge um Chris das zu bewirken.

Es war schon erstaunlich, dass ausgerechnet der junge Mann aus der Zukunft, der ja für ihre Trennung verantwortlich war, sie nun wieder zusammen führte.

„Was grinst du so?" Piper hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah ihre kleine Schwester nun herausfordernd an.

„Ich? Überhaupt nicht. Oder gibt es hier etwa etwas, über das ich grinsen könnte?" Diese Erwiderung hatte die ältere Hexe überrumpelt, aber sie fing sich augenblicklich wieder, wobei ihr allerdings eine leichte Röte ins Gesicht stieg.

„Nein, natürlich nicht!"

„Na, dann ist ja gut." Paige warf den beiden noch ein letztes Lächeln zu, bevor sich ihre Miene wieder verdunkelte und sie zurück zum eigentlichen Thema kam. Chris.

„Ich denke nicht, dass Chris sehr begeistert darüber ist, dass wir ihn in die Zauberschule abgeschoben haben."

„Aber Paige, wir haben ihn doch nicht abgeschoben. Du weißt genauso gut wie wir alle, dass man in diesem Haus jeden Moment mit einem Angriff rechnen kann und so ist es einfach sicherer für ihn."

„Piper hat Recht. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass er jeden Angriff rechtzeitig voraussieht und wir können ihn nicht die ganze Zeit im Auge behalten.", Fügte Leo hinzu , aber die junge Hexe schüttelte widersprechend den Kopf.

„Dir ist schon klar, dass du damit Piper in Gefahr bringst, oder? Schließlich hat er einen Angriff auf sie vorhergesagt und das war mit Sicherheit nicht der letzte, den wir zu erwarten haben."

Leo wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Noch vor wenigen Wochen hätte er sicher nicht gezögert den jungen Wächter des Lichts in Gefahr zu bringen, wenn es Pipers Sicherheit gedient hätte, aber nun lagen die Dinge anders. Chris hatte sich ihnen in der letzten Zeit weit mehr geöffnet als sonst und er hatte seine Sorge um Wyatt, aber vor allem auch um Piper mehr als bewiesen.

Er beschützte die beiden Menschen, die Leo alles bedeuteten und war dadurch auch zu einem Teil seiner Familie geworden. So sehr der Älteste auch um die Liebe seines Lebens besorgt war, er konnte Chris nicht guten Gewissens in Gefahr bringen.

Piper schien es ähnlich zu gehen, denn sie war es, die Paige nun antwortete.

„Du willst mich beschützen, dass ist ja schön und gut, aber es ist okay Chris' Leben dafür aufs Spiel zu setzen?" Nun war es an Paige, rot zu werden.

„Nun ja, ähm… also… nein. Du hast Recht, natürlich ist es nicht okay. Es ist nur so, dass es die Dämonen nie über einen so langen Zeitraum speziell auf eine von uns abgesehen hatten. Irgendwann macht jeder mal einen Fehler, sogar du und ich habe einfach Angst, dass sie dich mit einem ihrer Angriffe überrumpeln könnten."

„Das ist wirklich lieb von dir Paige, aber ich komme zurecht und ich bin doch schließlich nicht auf mich allein gestellt. Ich weiß, dass meine Familie auf mich aufpasst."

Sie blickte überrascht zur Seite, als Leo plötzlich ihre Hand ergriff und sie ermutigend ansah.

„Ja, das tun wir. Und ich verspreche dir, dass wir dich nie im Stich lassen werden."

Noch etwas überrascht von dieser unerwarteten Geste wandte Piper sich nun wieder zu ihrer Schwester.
„Siehst du?"

x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x

Eine Diele im Fußboden knarrte, als der junge Mann darauf trat. Er war schon seit einer Weile hier und schritt nun langsam im Raum auf und ab, während er versuchte seine Gedanken zu ordnen. Er war nervös. Er konnte sich nicht daran erinnern jemals so empfunden zu haben, möglicherweise war es nun das erste Mal.

Die Dinge veränderten sich. Es war nicht nur seine eigene Gefühlslage, die ihm Sorgen bereitete, sondern auch seine Umgebung schien sich zu wandeln.

Er hätte keine einzelnen Veränderungen nennen können, aber er war sicher, dass die Welt anders war, als noch vor ein paar Wochen. Sicherlich hatte es niemand außer ihm bisher bemerkt, aber es hatte auch niemand so ein Gespür für Magie wie er. Niemand.

Hier oben war ihm nichts Außergewöhnliches aufgefallen, daher ging er nun die Treppe hinunter in den ehemals bewohnten Teil des Hauses. Als er im Wohnzimmer angekommen war, blieb er einen Moment vor einem Regal voller Fotos stehen und betrachtete, ohne dabei irgendeine Spur von Emotionen zu zeigen, die lachenden Personen darauf.

Die meisten Bilder zeigten immer wieder die Gesichter dreier junger Frauen, eines blondes Mannes und eines ebenso blonden Jungen.

Er hatte sich gerade abgewandt und wollte seinen Rundgang fortsetzen, als ihn etwas zurückhielt. Er drehte sich erneut zu den Bildern, aber diesmal interessierte ihn nur ein relativ kleines, das weiter hinten stand und fast von den anderen verdeckt wurde.

Er nahm es in die Hand und sein emotionsloser Gesichtsausdruck wich unverhohlenem Zorn. Ein lautes Klirren war zu hören, als er das Foto mit voller Wucht zu Boden warf und sich das Glas in alle Richtungen verteilte.

Bevor er sich weg teleportierte warf er noch einen letzten hasserfüllten Blick auf die lachenden Gesichter, die ihm von dem Foto am Boden entgegen sahen. Die drei Frauen, der Mann und der blonde Junge waren zu sehen, aber außerdem stand neben der Frau mit den langen braunen Haaren ein weiteres Kind. Sie hatte ihre Arme um den etwa zehn Jahre alten, braunhaarigen Jungen geschlungen und lächelte so stolz, wie es nur eine Mutter konnte.

x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x

Chris lag auf seinem Bett im Gästezimmer der Zauberschule und hing seinen Gedanken nach. Er hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen, aber es machte ja ohnehin keinen Unterschied ob er die Augen öffnete oder nicht, um ihn herum herrschte immer Dunkelheit.

Erschöpft fuhr sich der Wächter des Lichts mit den Händen übers Gesicht. In diesem Zustand war er völlig nutzlos. Er war hierher gekommen, um Wyatt zu beschützen, aber wie sollte er das tun, wenn er nicht einmal auf sich selbst aufpassen konnte.

Die Seherin hatte mit ihrer Prophezeiung sicherlich einen Fehler gemacht, es war undenkbar, dass er jemals stärker als sein Bruder werden würde. Ihm wäre ein solch fataler Fehler beim Benutzen eines Zauberspruchs niemals passiert. Doch nicht Wyatt, dem zweifach Gesegneten.

Chris setzte sich auf dem Bett auf und wollte gerade seine Beine im Schneidersitz anwinkeln, als ihm plötzlich furchtbar schwindelig wurde. Er versuchte sich am Rand des Bettes festzuhalten, um sich wieder etwas zu stabilisieren und auch seinen Magen zu beruhigen, aber das Holz schien ihm unter seinen Finger zu entgleiten. Seine Sehkraft war wieder zurückgekehrt, aber die Farben um ihn herum verschwammen zusehends und machten es unmöglich irgendwelche Einzelheiten zu erkennen.

Es dauerte allerdings nur wenige Sekunden, dann hatte sich alles wieder beruhigt. Der junge Mann sah sich um und musste feststellen, dass er sich wieder im Haus seiner Familie befand und zwar in der Küche.

Das letzte Mal hatte ihm der Zeitsprung keinen Dämonenangriff gezeigt, sondern nur verhindert, dass seine Identität enthüllt wurde, daher war sich Chris nicht sicher, was er dieses Mal zu erwarten hatte.

Vorsichtig bewegte er sich durchs Haus, aber zumindest hier unten schien sich niemand aufzuhalten. Paiges Stimme, die nun aus dem Flur zu hören war, erregte schließlich seine Aufmerksamkeit. Er ging zum Fuß der Treppe und sah seiner Tante entgegen, als diese nun die Stufen hinunter kam. Sie unterhielt sich mit jemandem im ersten Stock, vermutlich Piper, aber Chris konnte es nicht mit Gewissheit sagen.

Er hatte erwartet, dass sie ziemlich überrascht sein würde, ihn hier anzutreffen, aber auch als sie die letzten Stufen hinunter ging, machte sie nicht den Eindruck ihn bemerkt zu haben. Er wollte einen Schritt zur Seite gehen, um Paige vorbei zu lassen, aber bevor er dazu kam, war sie schon durch ihn hindurch gelaufen, als bestünde er aus nichts weiter als dünner Luft.

Geschockt sah Chris an sich hinunter, aber sein Körper machte immer noch einen sehr soliden Eindruck. Da er sich ja eigentlich in der Zauberschule aufhielt und nicht, wie bei den letzten Zeitsprüngen, an dem Ort den er in der Zukunft sehen konnte, war dies wohl nur eine Art Astralprojektion, ohne dass jemand ihn wahrnehmen konnte.

Chris drehte sich um, um zu sehen, wohin die jüngste der Mächtigen Drei ging und sah gerade noch, wie sie in der Küche verschwand. Für einen Augenblick blieb er unschlüssig an Ort und Stelle stehen. Wem sollte er nun folgen? Seiner Tante oder seiner Mutter, sie sich vermutlich oben befand?

Nach ein paar Sekunden hatte er sich entschlossen nach oben zu gehen; hier unten war niemand außer Paige und er wollte wissen, wie es seiner Mum und Wyatt ging.

x x x

Als er wenige Augenblicke später Wyatts Zimmer betrat, fand er seinen Bruder friedlich schlafend vor. Es war schon irgendwie seltsam. Seit Monaten war er hier und machte sich Sorgen, wer dem Kleinen wohl etwas antun wollte und nun, da es wirklich ernst wurde, war es seine eigene Existenz die bedroht wurde und nicht Wyatts.

Da hier scheinbar alles in Ordnung war, machte er sich weiter auf die Suche nach Piper und fand sie schließlich auf dem Dachboden zusammen mit Leo. Sie hatte einen Kessel aufgebaut und war wohl gerade dabei ein Elixier zu brauen, während Leo auf der Couch saß und sie beobachtete.

Chris bemerkte überrascht, dass auch Piper immer wieder in seine Richtung sah und dabei einen merkwürdigen Ausdruck im Gesicht hatte. Der junge Wächter des Lichts wusste nicht warum, aber er war sich sicher, dass sich da zwischen seinen Eltern wieder etwas anbahnte. Na endlich! Er war in der Tür stehen geblieben und beobachtete die Beiden nun lächelnd, wobei er sich leicht an den Türrahmen lehnte.

War es etwa das, was er hatte sehen sollen? Wenn Piper und Leo wieder zusammen waren, würde er das schon früh genug erfahren, dafür war kein Zeitsprung nötig. Es musste also etwas anderes sein, weswegen er hier war.

Angespannt beobachtete Chris den Dachboden und ließ seinen Blick dabei durch jede Ecke gleiten. Möglicherweise war bereits ein Dämon im Raum und hielt sich nur noch versteckt, um dann im besten Moment angreifen zu können. Chris hoffte nur, dass der Holzfußboden jeden, der unsichtbar hier herum lief, früh genug verraten würde.

Ein paar Minuten vergingen und der junge Wächter des Lichts begann gerade wieder sich zu entspannen, als er plötzlich ein leises Geräusch in der Stille hören konnte. Es hörte sich an, wie etwas, das gespannt wurde, so als würde eine Sehne stramm gezogen.

Einen Augenblick lang wusste er das Geräusch nicht richtig zuzuordnen, aber dann wurde es ihm schlagartig klar. Eine Armbrust. Ein Wächter der Finsternis musste hier sein.

Obwohl Chris wusste, dass es wohl nichts bringen würde, wollte er gerade eine Warnung rufen, als sich die Ereignisse plötzlich überschlugen.

Weder Piper noch Leo hatten bisher die Gefahr erkannt, in der sie schwebten, aber als nun ein seltsames Knarren ertönte, sahen sie beide verwundert auf und der Älteste erhob sich von seinem Platz. Bevor sie jedoch irgendetwas unternehmen konnten, ertönte von unten ein schmerzerfüllter Schrei und er kam eindeutig von Paige.

Die Blicke aller wandten sich zur Tür und dieser Moment der Ablenkung genügte dem bisher unsichtbaren Attentäter völlig. Der Wächter der Finsternis enttarnte sich und obwohl Chris laut schrie um seine Eltern auf die Gefahr aufmerksam zu machen, reagierte keiner von ihnen, bis es zu spät war.

Die Augen des jungen Mannes weiteten sich vor Grauen, als er mit ansehen musste, wie sein Vater von einem Armbrustbolzen mitten in die Brust getroffen wurde. Sie hatten sich zwar nie besonders nahe gestanden, Chris erstarrte bei dem Gedanken ihn zu verlieren, gerade jetzt da sich ihre Beziehung deutlich verbesserte.

Leo ging augenblicklich zu Boden und innerhalb einer Sekunde war Chris an seiner Seite. Nachdem Piper den Wächter der Finsternis gesprengt hatte, ließ sie sich ebenfalls neben dem Ältesten zu Boden sinken.

Sie hatte Tränen in den Augen und der junge Wächter des Lichts konnte sehen warum. Der Bolzen hatte den Ältesten mitten ins Herz getroffen. Er sah Piper einen Moment lang mit glasigen Augen an, aber noch bevor er auch nur ein Wort sagen konnte, glitt sein Kopf zur Seite. Leo war tot.

Piper hatte ihr Gesicht in den Händen vergraben und schluchzte leise, aber schon nach wenigen Sekunden rappelte sie sich wieder auf. Sie ging zur Tür und die Treppe hinunter und Chris fragte sich unwillkürlich, was es in diesem Moment wichtigeres als Leo geben konnte, aber dann wurde es ihm schlagartig wieder bewusst und er schämte sich, wie er es so schnell hatte vergessen können.

Paige! Sie hatte voller Schmerzen aufgeschrieen und war möglicherweise schwer verletzt, oder sogar schlimmeres. Der Wächter des Lichts folgte seiner Mutter die Treppe hinunter, aber noch bevor sie im Erdgeschoss ankamen, begann die Umgebung um ihn wieder zu verschwimmen.

Nach wenigen Sekunden war er wieder auf dem Bett in der Zauberschule, aber ihm war immer noch etwas schwindlig. Vor seinem Zeitsprung hatte er sich gerade aufsetzen wollen, daher war seine momentane Sitzposition nicht gerade sehr stabil und in der Dunkelheit, die ihn nun wieder umgab, konnte er so schnell nicht die Kante des Bettes finden. Mit einem dumpfen Aufschlag und einigen nicht jugendfreien Ausdrücken landete der junge Mann daher auf dem Boden.

x x x

„Gideon!" Chris lief durch die Gänge der Zauberschule, wobei er immerzu mit einer Hand an der Wand blieb, um nicht völlig die Orientierung zu verlieren. Er musste zurück nach Hause, seinen Vater und die Schwestern warnen, aber er war schließlich immer noch blind. Und dazu kam noch, dass Leo und Paige fast gleichzeitig angegriffen wurden und er konnte nicht überall zur selben Zeit sein.

„Gideon!" Noch einmal, diesmal lauter, rief er den Namen des Ältesten. Wieso hörte er ihn denn nicht? Die Zeit lief ihnen und vor allem seinem Vater davon.

„Gideon!" Es waren bereits ein paar Minuten vergangen, seit seinem Zeitsprung und er fürchtete langsam, zu spät zu kommen. Wenn dieser verdammte Älteste nicht sofort auftauchte, würde er allein gehen.

„Chris, was in aller Welt geht hier vor? Warum schreist du so?"

„Ich habe gerade wieder einen Zeitsprung erlebt. Leo und Paige werden fast gleichzeitig angegriffen, aber sie ist in der Küche und er auf dem Dachboden. Ich kann nicht beide warnen. Sie müssen sich zu Paige teleportieren und sie retten, schnell!"

Gideon sah den jungen Mann verblüfft an, aber noch bevor er irgendetwas erwidern konnte, war Chris bereits in tausenden blauen Funken durch die Decke verschwunden.

x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x

Piper stand auf dem Dachboden ihres Hauses und war dabei ein Elixier für Chris herzustellen. Sie hoffte inständig, dass es ihm helfen würde, allerdings rechnete sie sich keine sehr großen Chancen aus.

Dazu kam noch, dass sie bei der Zubereitung ständig abgelenkt wurde, denn auch wenn sie nicht hinsah wusste sie, dass Leo sie die ganze Zeit beobachtete.

Seit ihrem Kuss hatten sie kaum ein Wort gewechselt und nun lag eine spürbare Spannung in der Luft. Hin und wieder drehte Piper sich zu ihm um und ihre Blicke begegneten sich, aber sie musste sich jetzt konzentrieren. Für so etwas war später immer noch Zeit.

Ein merkwürdiges Geräusch lenkte die Hexe aber erneut ab. Es kam ihr eindeutig bekannt vor, aber es war zu leise gewesen um es richtig einzuordnen. Aber trotzdem versetzte es sie in Alarmbereitschaft. Leo hatte es wohl auch gehört, denn er erhob sich nun von seinem Platz, aber bevor er etwas sagen konnte, überschlugen sich die Ereignisse.

Im gleichen Moment, als von unten ein lauter Schmerzensschrei, eindeutig von einem Mann, ertönte, sah Piper aus dem Augenwinkel ein helles Leuchten direkt neben Leo auftauchen.

x

Als Chris sich wieder materialisierte, war das einzige, worüber er sicher war, dass er sich auf dem Dachboden befand. Hoffentlich war er noch nicht zu spät. Er hatte einen Schrei aus dem Erdgeschoss hören können, aber diesmal stammte er nicht von Paige, sondern von einem Mann und er konnte nur hoffen, dass es der Angreifer und nicht Gideon gewesen war.

Chris hatte sich gerade vollständig materialisiert und wollte seine Eltern vor der drohenden Gefahr warnen, als plötzlich ein unerträglicher Schmerz seinen Rücken durchbohrte. Er musste sich direkt zwischen Leo und den Attentäter teleportiert haben und dieser hatte ihn zu spät bemerkt und die Armbrust trotzdem abgefeuert.

Der jungen Wächter des Lichts versuchte zu schreien, aber nur ein heiseres Keuchen entwich seiner Kehle. Das Geschoss musste sich direkt in seine Lunge gebohrt haben, denn er konnte auf einmal nicht mehr atmen.

Verzweifelt nach Luft ringend stürzte er auf die Knie und nur am Rande seines Bewusstseins hörte er die Explosion und den kurzen Schrei, als Piper den Wächter der Finsternis explodieren ließ.

Chris fühlte sich seltsam benommen, aber er bekam erst seit ein paar Sekunden keine Luft mehr, am Sauerstoffmangel konnte es nicht liegen. Da fiel ihm wieder ein, dass der Pfeil vergiftet gewesen war und sich dieses Gift nun in seinem Körper ausbreitete. Er war schon einmal von einem Wächter der Finsternis verletzt worden, aber er konnte sich nicht erinnern, dass das Gift so schnell wirkte.

Mehrere Hände ergriffen nun seine Schultern und versuchten ihn davor zu bewahren, vollends zu Boden zu stürzen. Chris konnte spüren, wie Piper ihre Hände um sein Gesicht legte und seinen Kopf vorsichtig anhob.

„Chris, hörst du mich?" Nicht in der Lage zu sprechen, nickte der Angesprochene nur.

„Leo wird dich heilen, aber vorher müssen wir den Pfeil rausziehen. Bleib ganz ruhig, okay?" Wieder nickte der junge Mann nur und versuchte sich innerlich für den zu erwartenden Schmerz zu wappnen.

Die Stimmen um ihn herum wurden immer dumpfer und undeutlicher, so als hätte jemand Watte in seine Ohren gestopft, aber Chris konnte hören, wie Leo sich bereit machte, den Pfeil herauszuziehen. Aber bevor er ihn berühren konnte, wurde er von Piper unterbrochen.

„Warte!"

„Was ist?"

„Der Pfeil ist vergiftet, aber es wirkt doch nur bei Wächtern des Lichts und Ältesten, nicht wahr? Ich denke, es ist besser, wenn ich ihn herausziehe." Leo sah die Hexe einen Moment zögerlich an, nickte aber schließlich.

„Na gut, meinetwegen."

Undeutlich nahm Chris wahr, dass seine Eltern ihre Positionen tauschten und nun Leo ihn stützte. Die furchtbaren Schmerzen, die immer noch seinen ganzen Körper durchfuhren und die Benommenheit die sich durch das Gift in seinem Kopf ausbreitete, hatten ihn so sehr erschöpft, dass er ohne Hilfe nicht einmal mehr aufrecht knien konnte.

Sein Vater hatte seine Arme um ihn gelegt, um ihn in einer aufrechten Position zu halten, damit Piper den Pfeil heraus ziehen konnte.

„Halt ihn gut fest und dann zieh so kräftig du kannst." Die Hexe nickte einmal kurz zur Bestätigung und machte sich dann bereit.

„Also gut, auf drei. Eins…zwei."

Damit es möglichst schnell vorbei war, hatte Piper schon bei ‚zwei' gezogen, aber das erleichterte die Situation kein bisschen.

Chris' Schrei, der nun durchs ganze Haus ertönte, war so voller Qual, dass Piper das Gefühl hatte ihr Herz würde zerbrechen. Auch wenn sie ihn nicht angeschossen hatte, so war sie es doch, die ihm nun diese Schmerzen bereitete.

Als Piper den Pfeil heraus zog, hatte sich Chris' gesamter Körper völlig verkrampft und Leo spürte, wie sich die Hände des jungen Mannes in seinen Rücken krallten. Aber so unvorstellbar groß Chris' Schmerzen auch gewesen waren, so schnell waren sie auch wieder vorbei.

Leo konnte sehen, wie Piper den vergifteten Pfeil in der Händen hielt und im selben Moment entspannte sich der Körper in seinen Armen, bis er schließlich völlig erschlaffte. Chris hatte das Bewusstsein verloren und wurde nun nur noch von Leo gehalten, der ihn vorsichtig zu Boden gleiten ließ, um seine Wunde zu heilen.

Der Älteste ließ seine Hände über dem Rücken des jungen Wächters des Lichts schweben, aber es dauerte ungewöhnlich lange, bis die Verletzung anfing sich zu schließen. Er konzentrierte sich stärker und musste fast seine ganze Macht einsetzen, bis er es endlich geschafft hatte, Chris zu heilen.

Piper sah irritiert zu Leo, als dieser sich schwer atmend neben den jungen Mann auf den Boden setzte.

„Was war los?" Der Älteste schüttelte leicht den Kopf und nahm somit seine eigentliche Antwort schon teilweise vorweg.

„Ich weiß nicht warum, aber es war verdammt schwer ihn zu heilen."

„Ich denke, ich werde dieses Rätsel lösen können." Leo und Piper drehten sich überrascht zur Tür, wo nun plötzlich Gideon aufgetaucht war und sie wissend ansah. Hinter ihm stand Paige und versuchte an ihm vorbei in den Raum zu sehen, um zu erkennen, was geschehen war.

x x x

Nachdem die beiden Ältesten Chris auf eines der Sofas getragen hatten, versammelten sie und die beiden anwesenden Hexen sich, wobei sich alle Blicke erwartungsvoll auf Gideon richteten. Der Leiter der Zauberschule seufzte schwer, bevor er schließlich seine Erklärung begann.

„Ich höre bereits seit einiger Zeit Gerüchte darüber, dass die Wächter der Finsternis an einem neuen Gift arbeiten. Dieses soll bei allen Wächter des Lichts und damit natürlich auch Ältesten absolut tödlich wirkt. Einmal injiziert, ist es nicht mehr zu heilen." Gideon wollte noch weiter reden, wurde aber von Paige unterbrochen.

„Nur gut, dass sie es wohl noch nicht fertig gestellt haben."

„Oh, ich fürchte, da irrst du dich."

„Was?" Kam es nun von allen gleichzeitig.

„Soll das etwa heißen, Chris wird…?" Piper sah besorgt zu dem jungen Mann hinüber, der immer noch regungslos da lag.

„Nein, das soll es nicht. Die Tatsache, dass er nur zur Hälfte Wächter des Lichts und zur anderen Hälfte Hexe ist, hat ihm vorerst das Leben gerettet. Allerdings weiß ich nicht, ob das Gift bereits komplett aus seinem Körper verschwunden ist. Das werden wir erst erfahren, wenn er aufwacht."

„Und wenn sich in seinem Blut immer noch etwas von dem Gift befindet? Gibt es keinen Weg, es völlig zu neutralisieren?" Paige sah den Ältesten hoffnungsvoll an, aber sie befürchtete bereits das Schlimmste.

"Ich fürchte, nein. Leo hat ihn soweit geheilt, wie möglich. Es hängt nun völlig von Chris selbst ab, ob er eventuelle Reste des Gifts erfolgreich bekämpfen kann, oder nicht. Und davon, wie stark die Hexe in ihm ist, oder ob der Wächter des Lichts Teil dominiert. Wir können jetzt nichts mehr für ihn tun."

Alle Blicke richteten sich nun auf den jungen Mann, der auf dem Sofa lag und sie mussten mit Schrecken feststellen, dass sich auf seiner Stirn ein dünner Schweißfilm gebildet hatte, während sein Gesicht sich verkrampfte, so als würde er starke Schmerzen leiden.

tbc