Kapitel 8: Abschied

Phoebe hatte sich an die Wand des Dachbodens gelehnt und beobachtete den Wächter des Lichts, der immer noch bewusstlos auf dem Sofa lag. Sie war bis eben in der Redaktion gewesen um ihre Kolumne noch rechtzeitig fertig zu bekommen und hatte erst jetzt erfahren, was geschehen war.

Unbewusst schüttelte sie den Kopf über die Ungestümtheit des jungen Mannes. Hatten sie ihn nicht in die Zauberschule gebracht, damit er in Sicherheit war? Und nun lag er hier und niemand wusste, ob er den nächsten Tag noch erleben würde.

Was hatte er sich bloß dabei gedacht, allein hierher zu teleportieren, blind und obwohl er wusste, dass sich ein Wächter der Finsternis hier befand. Er hätte wohl kaum etwas Dümmeres tun können. Oder etwas Selbstloseres.

Die Empathin wischte sich mit der Hand übers Gesicht, da ihr, ohne dass sie es verhindern konnte, die Tränen über die Wangen liefen. Hätte Chris sich nicht im entscheidenden Moment hier materialisiert, wäre Leo von dem Pfeil getroffen worden und das hätte sein Ende bedeutet.

Paige hatte ihr erzählt, dass die Wächter der Finsternis ein neues Gift benutzten, welches bei Wächtern des Lichts absolut tödlich wirkte. Der junge Mann aus der Zukunft war nur deshalb nicht tot, weil er zur Hälfte Hexe war.

„Noch immer keine Veränderung?" Phoebe erschrak leicht, als plötzlich Piper den Dachboden betrat und ebenfalls zu Chris hinüber sah.

Der junge Mann schien eine Gewohnheit daraus machen zu wollen, sich nicht-heilbare Verletzungen zuzuziehen und diese dann hier oben auszukurieren. Wenn sie wenigstens böse auf ihn deswegen sein könnte. Aber seine zweite Gewohnheit, nämlich ihr und ihrer Familie das Leben zu retten, machte dies unmöglich.

Ohne Chris wären sowohl Leo, als auch Paige heute gestorben, denn auch sie war von einem Wächter der Finsternis angegriffen worden, aber Gideons Auftauchen hatte ihn so sehr abgelenkt, dass dieser ihn ohne Schwierigkeiten hatte vernichten können.

Piper sah hinüber zu Phoebe und bemerkte, dass ihre Schwester sich die größte Mühe gab zu verbergen, dass sie weinte. Gerührt von diesem Anblick ging sie zu ihr hinüber und umarmte die zierliche Hexe fest.

"Er wird wieder gesund, da bin ich sicher. Schließlich ist er zur Hälfte Hexe und du weißt doch, uns Hexen kann so leicht nichts klein kriegen."

Phoebe unterbrach die Umarmung kurz und hielt ihre Schwester auf Armlänge.

„Was ist denn mit dir los? Seit wann bist du denn wieder so optimistisch?" Piper lächelte verlegen und versuchte Phoebes Blick auszuweichen, als sie nun antwortete.

„Mir ist einfach klar geworden, dass man niemals die Hoffnung aufgeben darf, auch wenn man denkt, es ist schon alles vorbei. Es kann immer noch ein Wunder geschehen."

Ein helles Klingeln ertönte und zog die Aufmerksamkeit der Schwestern auf sich, als Leo sich ins Zimmer teleportierte. Er war zusammen mit Gideon bei den anderen Ältesten gewesen, um ihnen von der neuen Gefahr zu berichten. Er erwiderte Pipers Blick und lächelte sie an, was Phoebe dazu veranlasste, ihn schockiert anzustarren.

„Oh oh oh, ich kann hier aber einige ziemlich starke Gefühle empfangen. Jetzt versteh ich, man darf die Hoffnung nie aufgeben, nicht wahr?" Sie sah Piper wissend an und zwinkerte ihr zu allem Überfluss auch noch zu, was der älteren Hexe sichtlich peinlich war.

„Ist ja gut, Phoebe. Sag mal, wolltest du Paige nicht in der Küche helfen, du weißt schon, bei dieser Sache…" „Bei welcher Sache?"

„Na, bei dieser Sache!" Manchmal wunderte sich Piper wirklich, wie ihre Schwester nur so schwer von Begriff sein konnte. Aber schließlich schien der Groschen doch noch gefallen zu sein.

„Ach, du meinst diese Sache. Ja, stimmt, da hatte ich ihr noch helfen wollen. Ich bin dann erst mal unten. Wenn also irgendetwas sein sollte, oder ihr mich braucht…" Während sie zur Tür ging, drehte sich die Hexe noch einige Male zu Leo und ihrer Schwester um, die ihr mit einem Augendrehen zu verstehen gab, sie solle endlich verschwinden.

In dem Moment als Phoebe den Raum verlassen hatte, wollte Piper ihrem Ex-Mann in die Arme fallen, aber dieser wirkte seltsam verschlossen.

„Piper, ich…"

„Später.", flüsterte sie, bevor sie ihn mit einem Kuss zum Schweigen brachte und ihre Arme um seinen Nacken schlang. Er erwiderte den Kuss einen Augenblick lang, bevor er jedoch die Umarmung wieder unterbrach und die Hexe ein Stück von sich weg drückte.

„Piper, bitte, es ist wichtig."

„Na gut, schieß los."

„Gideon und ich haben den anderen Ältesten von dem neuen Gift berichtet, das die Wächter der Finsternis verwenden und es wurde entschieden, dass alle Wächter des Lichts und vor allem sämtliche Ältesten fürs erste oben bleiben, bis wir wissen, was wir dagegen unternehmen können." Und nach einer Sekunde des Zögerns fügte er hinzu: „Ich bin nur hier um mich zu verabschieden."

Überrumpelt von dieser Ankündigung löste Piper sich vollständig aus seinen Armen und entfernte sich ein Stück von Leo.

„Soll das heißen, du verlässt uns schon wieder? Und ich dachte, wir würden uns gerade wieder näher kommen, oder hab ich mir das etwa nur eingebildet?"

„Nein, das hast du nicht, aber ich denke, dass die Sorge der anderen durchaus berechtigt ist. Außerdem war es möglicherweise kein Zufall, dass die Wächter der Finsternis als erstes mich mit ihren neuen Pfeilen töten wollten. Vielleicht waren sie auch wegen der Prophezeiung hier und wissen, oder vermuten zumindest, dass ich der Vater dieses Kindes sein werde. Wenn ich hier bleibe, bringe ich euch nur alle unnötig in Gefahr, du siehst ja, was passieren kann." Dabei deutete er mit einer Hand in Chris' Richtung, der sich schon seit einer Weile unruhig im Schlaf bewegte, so als hätte er einen schlimmen Traum.

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Er war wieder in dieser Seitengasse. Nachdem die Schwestern vergeblich versucht hatten, Kontakt mit Leo aufzunehmen, hatte er ihnen sagen müssen, dass dieser seit einiger Zeit vermisst wurde.

Nun, er wurde von allen vermisst, außer von ihm. Zum einen war Chris es ja selbst gewesen, der ihn nach Walhalla verbannt hatte und zum anderen war er auch nicht besonders traurig über Leos Abwesenheit.

In der Zukunft hatte sich der Älteste immer aufgespielt, als wäre er allwissend und der junge Wächter des Lichts genoss es regelrecht, ihn hier so ahnungslos zu erleben. Er würde sicher ihn verdächtigen, ihn nach Walhalla geschickt zu haben, aber im Grunde war es egal, was Leo von ihm hielt.

Jedoch würden die Hexen keine Ruhe geben, bis sie ihn gefunden hatten und dadurch wurde Chris' ganzer Plan gefährdet. Jetzt mussten sie den Ältesten schnellstmöglich finden, damit sie sich wieder der Suche nach dem Dämon widmen konnten, der für Wyatts Veränderung verantwortlich war.

Chris konnte sich noch gut an seine eigenen Worte erinnern, damals, nach seinem fehlgeschlagenen Versuch, Wyatt aufzuhalten. Er hatte Bianca versprochen, dass er nicht wieder zögern würde, dass er seinen eigenen Bruder rücksichtslos töten würde, um den Rest der Welt zu retten. Aber er hätte nicht geglaubt, dass er jemals eine Unschuldige für dieses Ziel opfern würde. Nicht im Traum hätte er das für möglich gehalten und trotzdem hatte er genau das gerade getan.

Langsam ging er auf die am Boden liegende Walküre zu, kniete sich neben sie und griff nach dem Anhänger, den sie um den Hals trug

Vergib mir." Es war nicht annähernd genug um zu beschreiben wie er sich jetzt fühlte und doch wusste er nicht, was er sonst hätte sagen sollen.

Schweren Herzens riss er die Kette ab, für die er soeben einen Mord begangen hatte und Leysa – Leysa, ein Name den er nie vergessen würde – verschwand augenblicklich. Sie waren nicht gerade Freunde gewesen, aber sie hatte seinen Verrat nicht kommen sehen.

Chris hatte sich nur konzentrieren müssen und eine einzige Geste seiner Hand hatte ausgereicht um das Herz der Walküre still stehen zu lassen und sie zu töten.

Der junge Wächter des Lichts versuchte sich selbst daran zu erinnern, dass der Anhänger der einzige Weg für die Schwestern war nach Valhalla zu gelangen, und es keine andere Möglichkeit gegeben hatte an einen zu gelangen, aber das linderte seine Schuldgefühle nicht im Geringsten.

Er war hierher gekommen, um die Gräueltaten seines Bruders zu verhindern und dafür war er nun selbst zum Mörder geworden. Alles was er jetzt noch tun konnte, war Hilfe für den verletzten Polizisten zu rufen, für den die Walküre erschienen war, und nachdem er das getan hatte warf er noch einen letzten Blick auf die Stelle wo sein Opfer kurz zuvor verschwunden war, bevor er die Gegend endgültig verließ.

Aber soweit er sich auch von hier entfernte, die Erinnerung an seine Tat würde ihn niemals loslassen und vermutlich würde ihn das schlechte Karma, das er dadurch erzeugt hatte, eines Tages wieder einholen. Irgendwie hoffte Chris das sogar.

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Piper stand in Wyatts Zimmer neben dem Bettchen ihres Sohnes und beobachtete ihn beim Schlafen, als Leo herein kam. Er klopfte leise an die offene Tür um sie auf seine Anwesenheit aufmerksam zu machen, aber die Hexe wandte im weiter den Rücken zu.

Sie wusste, er war hier um sich zu verabschieden und sie hatte keine Ahnung, wann sie ihn das nächste Mal sehen würde. Bis die Ältesten zu einer Entscheidung kamen, das wusste sie aus eigener Erfahrung, konnte eine kleine Ewigkeit vergehen.

Leo seufzte über sie starrsinnige Haltung seiner Ex-Frau, aber dann ging er langsam auf sie zu und legte von hinten seine Arme um sie. Ihm war klar, dass sie sauer auf ihn war, weil er schon wieder verschwinden würde, aber er wollte sich trotzdem, oder gerade deswegen, ordentlich bei ihr verabschieden. Der Älteste konnte spüren, wie sich Pipers Körper zuerst in seinen Armen anspannte, aber dann schließlich doch nachgab.

Ohne sich aus seiner Umarmung zu lösen, drehte sich die Hexe um und schlag ihre Arme nun ihrerseits um Leo.

Für eine Weile standen die beiden so zusammen, bis schließlich Piper die Stille unterbrach.

„Ich verstehe, warum du gehen musst, aber…"

„Ich weiß. Am liebsten würde ich auch hier bleiben, aber im Moment ist es einfach zu gefährlich. Ich habe bereits mit deinen Schwestern gesprochen und sie waren auch nicht sehr begeistert, aber ich bin ja nicht für immer weg, nur so lange, bis wir einen Weg gefunden haben, uns gegen diese neue Gefahr zu schützen. Allerdings musst du mir eines versprechen." Bei diesen Worten griff er mit einer Hand unter Pipers Kinn und hob ihren Kopf sanft an, bis ihre Blicke sich trafen.

„Wenn einer von euch in Gefahr ist, auch wenn ein Wächter der Finsternis dabei im Spiel ist, darfst du keinen Moment zögern mich zu rufen. Versprich es." Piper sah Leo einen Moment lang durchdringend an, wobei sie seine Entschlossenheit erkannte und nickte schließlich leicht.

„Ich verspreche es."

Wie um dieses Versprechen zu besiegeln, verstärkte der Älteste seine Umarmung noch und zog die älteste der drei Schwestern in einen leidenschaftlichen Kuss. Nicht gewillt, sich wieder von einander zu trennen, vergaßen die Beiden alles um sich herum und verließen das kleine Zimmer in Richtung Pipers Raum.

Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, wachte der kleine Wyatt für eine Sekunde aus seinen Träumen auf, aber die gedämpften Geräusche, die von der anderen Seite des Flurs in sein Zimmer drangen störten ihn nicht weiter. Also drehte er sich einfach auf die Seite und war innerhalb weniger Augenblicke wieder eingeschlummert.

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Gideon saß mit gefalteten Händen an seinem Schreibtisch in der Zauberschule und starrte Gedanken versunken ins Leere. Die letzten Tage hatten sich als äußerst aufschlussreich erwiesen.

Bereits seit Wyatts Geburt war er der Ansicht gewesen, dass ein solch mächtiges Wesen nicht existieren sollte und die Prophezeiung der Seherin hatte noch weitere Befürchtungen in ihm geweckt.

Er konnte die Bemühungen der Dämonen, die Geburt des angekündigten Kindes zu verhindern nur allzu gut verstehen, aber im Gegensatz zu ihnen, wusste Gideon um die möglicherweise verheerenden Konsequenzen, sollte es ihnen gelingen. Immerhin war Chris dieses Kind und er war in diese Zeit gekommen, um zu verhindern, dass die Zukunft ein Ort des Bösen werden würde. Ihn noch vor seiner Geburt zu töten, könnte das gesamte Zeitgefüge durcheinander bringen und das konnte er als Ältester nicht zulassen.

Allerdings, was den erwachsenen Chris anging, da sah die Sache bereits ganz anders aus. Noch war er eindeutig nicht so mächtig, wie die Seherin es voraus gesagt hatte, aber es war sicher nur eine Frage der Zeit, bis sich seine Kräfte entsprechend weiter entwickeln würden.

Ein kaltes Lächeln legte sich auf Gideons Gesicht, als er daran dachte, dass sich dieses Problem möglicherweise bald von selbst erledigt hatte. Immerhin war der junge Mann von einem Wächter der Finsternis schwer verletzt worden und nicht einmal sein Vater war in der Lage gewesen ihn zu heilen. Welch ein Jammer.

Sollte er sich aber wider Erwarten doch noch erholen, würde Gideon schon dafür Sorge tragen, dass das Gleichgewicht gewahrt wurde. Aber er musste vorsichtig vorgehen, die Schwestern und Leo durften keinesfalls von seinen Absichten erfahren.

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Leo saß schon seit ein paar Minuten neben Chris und beobachtete ihn beim Schlafen. Eigentlich hatte er nur noch kurz nach ihm sehen wollen bevor er endgültig ging, aber dann hatte er sich doch einen Stuhl neben die Couch gerückt und jetzt war er immer noch hier.

Er legte dem jungen Mann nun zum wiederholten Male eine Hand auf die Stirn um seine Temperatur zu fühlen. Sein Gesicht war glühend heiß.

Der Älteste nahm einen nassen Lappen aus der Wasserschüssel neben der Couch und nachdem er ihn ausgewrungen hatte, fuhr er Chris damit sanft über die Stirn um ihm etwas Abkühlung zu verschaffen. Die kalte Berührung schien den jungen Mann aufgeschreckt zu haben, denn er legte die Stirn in Falten und öffnete nach einigen Sekunden vorsichtig die Augen.

Das Fieber, das momentan in seinem Körper die Reste des Giftes bekämpfte, hatte ihn ziemlich ausgelaugt und machte es Chris unmöglich einen klaren Gedanken zu fassen. Daher begriff er nicht, warum er seine Umgebung nicht erkennen konnte und tastete unsicher mit einer Hand umher, während er versuchte sich aufzurichten, auf der Suche nach einer Lampe, um etwas Licht zu bekommen.

Der Wächter des Lichts erschrak leicht, als plötzlich jemand seine Hand ergriff und ihn sanft aber bestimmt zurück aufs Sofa drückte.

„Ist ja gut, Chris, ich bin es nur, Leo. Du hast hohes Fieber, es ist besser, wenn du liegen bleibst und dich ausruhst."

Der junge Mann hatte das Gefühl, dass sein Kopf in Watte gepackt war; alles um ihn herum hörte sich seltsam gedämpft an und jedes Mal, wenn er versuchte sich auf etwas zu konzentrieren, entglitt ihm dieser Gedanke augenblicklich wieder. Er war schon fast wieder eingeschlafen, als er nun seinen Kopf in die Richtung von Leos Stimme drehte.

„Dad? Was machst du hier?"

Der Älteste war zu überrascht, um diese Frage sofort zu beantworten. Hatte Chris ihn wirklich gerade ‚Dad' genannt? Sprachlos sah er für einige Augenblicke in das Gesicht des jungen Mannes und überlegte, was er sagen sollte, bis ihn schließlich eine Erkenntnis traf.

Er hatte es doch gerade selbst noch gesagt, Chris hatte hohes Fieber, lag vermutlich schon fast im Delirium. Das war die logischste Erklärung, der Junge musste fantasieren. Aber aus reiner Neugier beschloss Leo, fürs erste darauf einzugehen.

„Ich wollte sehen, wie es dir geht. Warum wundert dich das?"

Obwohl Chris immer weiter abdriftete und sich kaum noch bewusst war, was er sagte, war seine Stimme immer noch klar und deutlich zu verstehen.

„Du warst doch sonst auch nie da. Was kümmert es dich jetzt, ob ich krank bin?"

Überrascht über diese Offenbarungen des jungen Mannes, zog Leo nachdenklich die Stirn in Falten. Welchen Vater würde es denn nicht kümmern, wie es seinem Sohn ging? Er konnte da schließlich aus eigener Erfahrung sprechen, denn seit Wyatts Geburt war das Wohlbefinden seines Sohnes das Wichtigste für ihn.

Obwohl er ja selbst nichts für Chris' Erlebnisse konnte, hatte der Älteste plötzlich das Gefühl, dass der junge Mann etwas Anteilnahme gebrauchen konnte.

„Weil du mir nicht egal bist, Chris, glaub das nicht. Wäre ich sonst hier?" Leo wartete gespannt auf die Reaktion des jungen Mannes und gerade, als er schon dachte, dieser wäre bereits wieder eingeschlafen, erhielt er sie doch noch. Jedoch war es nicht gerade das, was er erwartet hatte.

„Als Wyatt mich sterben lassen wollte, hat es dich jedenfalls nicht interessiert." Noch während er sprach, wurde Chris' Stimme immer leiser und verstummte schließlich ganz, als er wieder in einen tiefen, diesmal traumlosen, Schlaf fiel.

Leo wusste nicht so recht, was er von dieser letzten Äußerung halten sollte, aber bevor er noch länger darüber nachdenken konnte, hörte er das nur allzu vertraute Klingeln; die anderen Ältesten riefen ihn nach oben.

Er seufzte schwer und fuhr Chris noch einmal zum Abschied durch die Haare, bevor er endgültig verschwand.

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Piper versuchte sich abzulenken. Sie hatte es bereits mit Kochen und Putzen versucht, aber was immer sie auch tat, ihre Gedanken kehrten immer wieder entweder zu Leo oder zu Chris zurück. Der Älteste hatte sich erst vor wenigen Stunden nach oben teleportiert und sie vermisste ihn jetzt schon. Das mit ihnen war plötzlich so schnell gegangen und bevor ihr richtig klar wurde, dass sie wieder zusammen kamen, musste er auch schon wieder gehen. Das war einfach nicht fair.

Und was Chris anging, so betete sie dafür, dass es ihm bald wieder besser ging, aber mit ihm auf dem Dachboden zu sein und ihn dort liegen zu sehen, war mehr als sie momentan ertragen konnte. Um ein Haar hätten sie ihn verloren und noch war nicht einmal sicher, dass er es tatsächlich überstanden hatte.

Nachdem also weder Kochen noch Putzen geholfen hatte, war Piper zum Wäsche sortieren übergegangen und damit war sie auch immer noch beschäftigt, als Paige nach einiger Zeit durch die Tür kam.

„Ach, hier steckt du. Ich hab dich schon überall gesucht." Die junge Hexe sah ihre Schwester einige Sekunden lang verblüfft an, bis sie sich schließlich doch dazu durchrang zu fragen.

„Was machst du da?"

„Na, das sieht man doch, ich sortiere dreckige Wäsche. In den letzten Tagen war es hier so stressig, dass ich überhaupt nicht dazu gekommen bin."

Obwohl ihre Schwester einen durchaus glücklichen Eindruck machte, traute Paige der Sache nicht so ganz. „Piper, es ist mitten in der Nacht. Du hast Recht, die letzten Tage waren stressig, deshalb solltest du dich jetzt endlich schlafen legen."

„Und was ist mit dir? Warum bist du nicht bei Richard?" Paige sah bei dieser Frage etwas verlegen zu Boden. Sie hatte sich mit ihm gestritten, weil er wieder angefangen hatte, Magie zu benutzen, aber jetzt war sicher nicht der richtige Augenblick, Piper auch noch mit ihren Problemen zu belasten.

„Ich schlafe heute Nacht hier auf der Couch, denn ich denke, es ist besser, wenn die Macht der Drei fürs erste zusammen bleibt. Bei den vielen Dämonen, die momentan hier auftauchen." Die jüngste der drei Schwestern sah zu Piper hinüber, die im Moment die Taschen einiger Hosen nach vergessenen Sachen durchsuchte und erwartete bereits heftigen Widerspruch, der zu ihrer großen Überraschung aber nicht kam.

„Ja, ich denke du hast Recht. Es ist einfach zu gefährlich, als dass wir uns trennen sollten, gerade jetzt, da wir erstmal auf uns gestellt sind."

„‚Auf uns gestellt', wie meinst du das?"

„Nun, Leo ist weg und Chris… wer weiß, wie lange es dauert, bis er sich wieder erholt." Mehr zu sich selbst, als zu ihrer Schwester, fügte sich noch leise hinzu: „Falls er sich wieder erholt."

Erstaunt sah die recht blasse Hexe ihre Schwester an.

„Und Phoebe hat gesagt, du wärst, was ihn angeht, sehr zuversichtlich gewesen. Was ist denn mit dieser Einstellung passiert?" Piper nahm eine weitere Hose aus dem Korb neben sich, bevor sie Paige antwortete.

„Na ja, das war, bevor ich wusste, dass Leo mal wieder ver…"

Paige sah sie erwartungsvoll an, aber Piper machte nicht den Eindruck, als wolle sie ihren Satz noch vollenden. Sie starrte vielmehr auf einen unscheinbaren Zettel, den sie soeben aus einer der Hosentaschen gezogen und auseinander gefaltet hatte.

„Piper? Ist alles okay? Was ist das?" Die Jüngste der Mächtigen Drei fing langsam an, beunruhigt zu werden, aber schließlich gab ihre Schwester ihr den Zettel wortlos in die Hand und ließ sich dann selbst auf den Stuhl neben sich sinken.

Paige erkannte den Text auf dem Zettel augenblicklich als Zauberspruch, aber es dauerte einen Moment, bis sie etwas damit anfangen konnte. Chris! Das war seine Hose gewesen, die die sie selbst aus der Zauberschule hierher gebracht hatte. Und das war der Spruch, den er benutzt hatte um in die Zukunft zu sehen, der Spruch, der für seine Blindheit verantwortlich war und zwar nicht in der Form, wie er im Buch stand, sondern so wie er ihn verändert hatte.

Ebenso sprachlos wie Piper starrte die junge Hexe immer noch auf das Stück Papier in ihrer Hand. Warum hatte Chris sie angelogen? Er hatte doch gesagt, er könne sich nicht mehr genau an den Spruch erinnern, aber er hatte ihn doch aufgeschrieben. Wieso war er eher bereit, damit zu leben, nichts mehr sehen zu können, als ihnen die Wahrheit zu sagen?

Paige wusste keine Antwort auf diese Frage, bis ihr plötzlich die erste Zeile des Textes ins Auge fiel.

„Ich rufe an, die Macht der Halliwells." Unbewusst hatte sie es laut vorgelesen und das war es, was Piper nun aus ihrer Starre löste.

Ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen, rauschte sie an ihrer Schwester vorbei, die Treppe hoch, in Richtung Dachboden. Paige sah ihr verwirrt nach; was hatte sie nur vor? Wenn Piper wütend war, konnte man ihr fast alles zutrauen und da Paige sich nicht sicher war, was den Gemütszustand ihrer Schwester anging, teleportierte sie sich vorsichtshalber zu Chris nach oben.

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Als Chris diesmal aufwachte, fühlte er sich schon viel besser, als das letzte Mal. Sein Verstand war nicht mehr so benebelt, aber trotzdem dauerte es einen Moment, bis ihm klar wurde, was ihn aufgeweckt hatte. Jemand hatte sich ins Zimmer teleportiert. Er konnte nun Schritte und Paiges Stimme hören, die immer näher kam, was seine erste Vermutung bestätigte.

„Chris, bist du wach?" Sie sprach ziemlich leise, wohl um ihn nicht zu wecken, falls nicht, aber der Person, die nun die Treppe hinauf kam, war das eindeutig ziemlich egal. Wer immer es war, lief sehr schnell und war daher auch schon im Raum, als er Paige mit einem relativ schwachen

„Ja, bin ich.", antwortete.

Mühsam begann Chris sich aufzusetzen und diesmal hielt ihn niemand der Anwesenden auf. Er versuchte sich selbst etwas wacher zu bekommen, indem er sich mit den Händen übers Gesicht fuhr, aber es brachte nicht allzu viel.

Eine der beiden Personen kam nun langsam näher und Paige verriet ihm schließlich, um wen es sich handelte. „Piper, was hast du vor? Tu nichts Überstürztes, okay?" Die Anspannung in ihrer Stimme überraschte Chris und so drehte er den Kopf erwartungsvoll in die Richtung, aus der Piper auf ihn zukam. Er wusste nicht so recht, was er zu erwarten hatte, aber was sie nun tat, damit hatte er sicher nicht gerechnet.

Die Älteste der Mächtigen Drei setzte sich neben ihn auf die Couch und legte dann vorsichtig ihre Hände um sein Gesicht. Am meisten überraschte ihn aber der Tonfall, in dem sie daraufhin mit ihm sprach, denn obwohl er sehr sanft war, gab er deutlich zu verstehen, dass die Hexe keine Ausflüchte duldete.

„Ich habe den Zettel mit dem Zauberspruch, den du benutzt hast, in deiner Hosentasche gefunden. Du hast uns angelogen, denn er beruft sich immer noch auf unsere Familie. Ich frage dich jetzt also nur einmal und ich rate dir, überleg dir gut, was du sagst. Wenn ich denke, du lügst, werde ich einen Wahrheitszauber bei dir anwenden, das verspreche ich dir. Also, gehörst du zu unserer Familie?"

Paige, die ihrer Schwester bei dieser Angelegenheit freie Bahn ließ, hielt den Atem an, während die Sekunden verstrichen.

Chris hatte das Gefühl, dass sich ihm die Kehle zuschnürte, aber da Piper ihn noch immer festhielt, konnte er nicht einfach mit einer Geste antworten. Er musste es aussprechen.

„Ja." Es war kaum mehr als ein Flüstern und doch hatte es den jungen Mann unendlich viel Kraft gekostet zu antworten. Aber die Hexe wollte ihn so leicht nicht davon kommen lassen.

„Wer bist du?" Wieder folgte Stille ihrer Frage, aber diesmal schien Chris nicht bereit zu antworten. Einige Augenblicke vergingen, bis Piper ihre Frage wiederholte, diesmal noch eindringlicher.

Wer bist du?"

Dem jungen Wächter des Lichts versagte beinahe die Stimme, als er verzweifelt versuchte, dieses Verhör zu beenden.

„Ich kann nicht…" Allerdings war die zierliche Hexe nicht bereit jetzt schon aufzugeben. Einer inneren Eingebung folgend stellte sie nun eine Frage, die sie noch vor fünf Minuten niemals in Betracht gezogen hätte. Aber irgendwie fühlte sie, dass sie sie einfach stellen musste.

„Bist du mein Sohn?" Piper wusste nicht, was für eine Reaktion sie erwartet hatte, aber geschockt musste sie feststellen, dass Chris bei dieser Frage Tränen in die Augen stiegen und zumindest teilweise über seine Wangen hinab liefen. Die Stille die dieses Mal aufkam, schien undurchdringlich zu sein, bis schließlich ein sehr leises „Ja" erklang.

tbc