Kapitel 11: Ungeahnte Konsequenzen

Pipers Gedanken rasten, als sie die Treppe zum ersten Stock hinauf lief. Was hatte sie getan? Sie wusste doch, dass man vorsichtig mit seiner Wortwahl sein musste, wenn ein Dschin in der Nähe war und doch hatte sie soeben aus Versehen einen Wunsch ausgesprochen.

Sie konnte nur hoffen, dass Chris jetzt nicht für ihre Dummheit büßen musste, obwohl ihr klar war, dass dafür kaum Hoffnung bestand. Phoebe hatte ihren Wunsch erfüllt und jetzt blieb nur noch die Frage, wie schlimm die Auswirkungen sein würden.

Sobald sie im ersten Stock angekommen war, blieb Piper abrupt stehen, so dass Phoebe, die ihr gefolgt war, beinahe in sie hinein gelaufen wäre. Wo war Chris hingegangen? War er auf dem Dachboden um vielleicht etwas im Buch der Schatten nachzuschlagen?

Die Hexe wollte gerade nach dem Wächter des Lichts rufen, als sie leise Geräusche aus Wyatts Zimmer hören konnte. Sie wusste, dass ihre beiden Söhne dort drin sein mussten, aber nun, da sie Gewissheit über Chris' Aufenthaltsort hatte, waren ihre Schritte plötzlich sehr zögerlich.

Was würde sie in dem Raum vorfinden? War Chris noch er selbst? Piper konnte sich nur zu gut an die Wochen erinnern, nachdem Leo ihr den Schmerz ihrer Trennung genommen hatte und sie die Fröhlichkeit in Person gewesen war. Hatte sie das jetzt auch ihrem Sohn angetan?

Als sie endlich, immer noch mit Phoebe im Schlepptau, vor Wyatts Kinderzimmer angekommen war, brachte Piper es letztendlich nicht über sich, die Tür zu öffnen. Ihre Hand näherte sich zwar zitternd dem Türgriff, wurde dabei aber immer langsamer, bis sie schließlich ganz inne hielt. Sie konnte einfach nicht.

Einige Sekunden blieb sie so bewegungslos stehen, bis schließlich hinter ihr ein ungeduldiges Schnauben erklang und Piper unsanft ein Stück zur Seite geschoben wurde, so dass Phoebe den Türgriff erreichen konnte.

„Dann mach ich es eben." Mit diesen Worten stieß sie die Tür offen und ermöglichte sich selbst und ihrer Schwester so den Blick ins Zimmer.

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Als Phoebe endlich sehen konnte, was sich in dem Zimmer vor ihr abspielte, ließ sie erleichtert den Atem entweichen, den sie, ohne es zu bemerken angehalten hatte. Sie wusste nicht, was genau sie erwartet hatte in Wyatts Zimmer vorzufinden, aber auf den ersten Blick schien alles normal zu sein.

Chris saß auf einem Stuhl, Wyatt auf dem Schoß und sah nun lächelnd auf, als er die beiden Schwestern herein kommen hörte. Trotzdem noch immer beunruhig fragte Phoebe schließlich zögerlich:

„Ist alles in Ordnung bei dir?", wofür sie allerdings einen äußerst verwirrten Blick von ihrem Wächter des Lichts erntete.

„Ich bin doch erst vor zwanzig Sekunden hier hoch gegangen, Phoebe. Was soll denn schon sein?" Und an die bis jetzt stille ältere Hexe gewandt fügte er noch hinzu: „Piper, ist irgendetwas passiert, dass ich wissen sollte? Oder liegt das nur an Phoebes neuem Outfit, dass sie so komisch ist?"

Ohne ihm zu antworten starrte Piper ihren Sohn weiterhin stumm an, auf der Suche nach einem Hinweis darauf, ob er verändert war, oder nicht. Er war gut gelaunt, soviel war offensichtlich, aber ansonsten schien er immer noch derselbe zu sein wie zuvor.

Konnte es tatsächlich sein, dass dieser Wunsch zur Abwechslung mal nicht nach hinten losgegangen war? Dass Chris einfach nur seine schlimme Vergangenheit überwunden hatte, und in Zukunft glücklicher sein würde? Das klang fast schon zu schön um wahr zu sein.

„Piper? Piper! Hörst du mich?" Da die Hexe ihm immer noch nicht geantwortet hatte, ihn aber unverwandt ansah, wurde Chris langsam beunruhigt und fuhr mit der Hand mehrfach durch ihr Blickfeld, um ihre Aufmerksamkeit zurück zu erlangen, da sie eindeutig mit ihren Gedanken ganz woanders war.

„Was? Oh, ja, endschuldige. Ich war in Gedanken, tut mir leid." Sie warf noch einen letzten intensiven Blick auf Chris, der dort immer noch friedlich mit Wyatt auf dem Schoß saß, bevor sie sich halb zu ihrer Schwester umdrehte.

„Pheebs, ich denke, es ist alles in Ordnung, wir sollten…" Aber Phoebe erfuhr nie, was sie sollten, da Piper in diesem Moment ein Gedanke kam, und sie sich augenblicklich wieder umdrehte.

Ohne, dass sie es hätte erklären können, war ihr die ganze Zeit etwas an der Situation merkwürdig vorgekommen, und nun wusste sie endlich, was es war. Wyatt war bei Chris noch nie so ruhig gewesen. Es war immer, als würde er die Unruhe des jungen Mannes spüren und war deshalb stets quengelig, wenn dieser ihn auf dem Arm trug. Aber jetzt war er völlig ruhig und friedlich, was Piper mehr als alles andere beunruhigte. Und dazu kam noch etwas anderes, etwas, das Chris gesagt, bzw. nicht gesagt hatte.

„Warte, wie hast du mich gerade genannt?" Wenn Chris bisher nur verwundert über das merkwürdige Verhalten der beiden Hexen gewesen war, so war er nun absolut verwirrt. Wie sollte er sie denn schon genannt haben? „'Piper' natürlich." Und mit einem schiefen Grinsen fügte er noch hinzu, „Das ist doch dein Name, oder nicht?", obwohl er beim besten Willen nicht erkennen konnte, was der Witz an der ganzen Sache sein sollte. Hatte etwa wieder jemand mit Pipers Gedächtnis rumgepfuscht; es wäre schließlich nicht das erste Mal.

Bevor diese allerdings antworten konnte, wurde sie von Phoebe unterbrochen, die sich neben sie geschoben hatte und Chris jetzt vorwurfsvoll ansah.

„Was ist denn aus… Au!" Der letzte Teil des Satzes hatte ihrer Schwester gegolten, die die Genie mit einem gezielten Ellbogenstoß in die Seite zum Schweigen gebracht hatte.

„Hey, was sollte das denn?" Schmollend rieb sich die Blondine die schmerzenden Rippen, wobei sie allerdings von Pipers Seite keinerlei Mitgefühl erwarten konnte. Stattdessen wurde sie von dieser am Arm gepackt und hinaus auf den Flur gezerrt.

„Entschuldige uns bitte für einen Moment", war alles, was Piper zu ihrem Sohn sagte, bevor sie die Tür zu Wyatts Zimmer schloss um zu verhindern, dass er etwas von dem mitbekam, was sie nun mit ihrer Schwester besprechen wollte.

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„Er weiß nicht, wer ich bin." Das war die einzige Aussage, die Piper im Moment zu machen scheinen wollte, wobei Phoebe ihrer Schlussfolgerung offensichtlich nicht wirklich folgen konnte. Völlig perplex sah sie daher ihre Schwester an, bevor sie ihr antwortete.

„Was redest du da? Natürlich weiß er, wer du bist, er hat dich doch gerade Piper genannt. Und ich hatte nicht den Eindruck, als ob er uns nicht kennen würde."

„Nein, du verstehst nicht. Er kennt zwar meinen Namen, weiß, dass ich eine Hexe bin, usw., aber er weiß nicht, dass ich seine Mutter bin." Unschlüssig fuhr sie sich mit der Hand übers Gesicht, bevor sie fort fuhr. „Also, entweder das, oder er hat nur vergessen, dass wir auch darüber Bescheid wissen. Aber das glaube ich nicht."

„Aber… wieso? Das versteh ich nicht. Du wünschst dir, dass er glücklich ist, und er vergisst, dass du seine Mutter bist? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn." Da ihr auch keine Antwort auf diese Frage einfiel, zuckte Piper lediglich erschöpft die Achseln.

„Ich weiß es doch auch nicht Phoebe. Du hast doch den Wusch erfüllt. Du musst doch wissen, was du mit ihm gemacht hast." Die Genie schien einige Augenblicke lang ernsthaft nachzudenken, bevor sie zögerlich antwortete.

„Ich.. also… ich weiß es nicht genau, aber ich glaube ich habe seinen Schmerz… und die Ursachen dafür, aus seiner Erinnerung verschwinden lassen." Es dauerte eine Weile, bis Piper etwas dazu sagen konnte, da sie mit den Tränen zu kämpfen hatte, die ihr in die Augen stiegen. Als sie endlich sprach, zitterte ihre Stimme und hörte sich seltsam erstickt an.

„Und scheinbar gehört der Umstand, dass er Teil dieser Familie ist zu den Dingen, die ihm so viel Schmerz bereiten."

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Immer noch leicht verblüfft starrte Chris auf die geschlossene Tür, wo gerade noch zwei Vertreter der Mächtigen Drei gestanden hatten. Seltsames Verhalten der Bewohner war in diesem Haus bei weitem nichts Ungewöhnliches, und die Tatsache, dass Phoebe zur Zeit eine Genie war, bestätigte das nur, aber irgendetwas an Pipers Verhalten irritierte ihn auf eine Weise, die er sich nicht erklären konnte.

Er hatte sie doch nur ‚Piper' genannt, was konnte denn daran falsch sein? Und dazu kam noch Phoebes unerklärliche Besorgnis, als die beiden den Raum betreten hatten. Irgendetwas ging hier vor sich, von dem er noch nichts wusste; aber Chris wäre nicht soweit gekommen, wenn er je dazu geneigt hätte, leicht aufzugeben.

Bei diesem Gedanken sah er auf den kleinen Jungen auf seinem Schoß und lächelte unbewusst. Wie erstaunlich war es doch, dass der Mann, der in der Zukunft sein schlimmster Feind war, ihm hier als Kleinkind so absolut zu vertrauen schien.

Wie leicht wäre es gewesen, Wyatt einfach zu töten und somit die Bedrohung, die er für die ganze Welt darstellte, ein für alle mal zu vernichten. Aber obwohl Chris in seinem Leben schon oft getötet hatte, und zu seinem Leidwesen nicht immer nur Dämonen, war er kein skrupelloser Killer.

Ein, zu diesem Zeitpunkt noch völlig unschuldiges, Kind zu töten lag nicht in seiner Natur, und er würde es nur tun, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gäbe. Dann würde er auch gegen die Halliwells kämpfen müssen, aber vermutlich würde er es schaffen sie zu überrumpeln, da sie ihm momentan vertrauten.

Aber noch war seine Situation nicht so verzweifelt und der junge Mann hoffte inständig, dass es auch nie so weit kommen würde. In den vergangenen Monaten, die er als ihr Wächter des Lichts verbracht hatte, waren ihm die Schwestern richtig ans Herz gewachsen, und er wollte sie unter keinen Umständen verletzen oder sie leiden sehen.

Und dazu gehörte auch, sie von möglichen Zaubern, mit denen sie belegt wurden zu befreien, was ihn wieder zurück zu der aktuellen Frage brachte, was mit den Hexen los war.

Er setzte Wyatt zurück in sein Bettchen und stand auf um Piper und Phoebe nach zu gehen. Dabei fiel ihm auf, dass, wenn er die momentane Situation bedachte, vermutlich kein Zauber dieses merkwürdige Verhalten ausgelöst hatte, sondern, viel eher wahrscheinlich, ein unbedachter Wunsch.

Piper musste sich, vermutlich aus Versehen, etwas gewünscht haben, dass sie und Phoebe, und somit wahrscheinlich auch Paige, völlig durcheinander gebracht hatte. Wenn sie sich schon nicht mehr an ihren eigenen Namen erinnerte….

Entweder das, oder…

Chris blieb auf halbem Weg zur Tür stehen, als ihm plötzlich ein Gedanke kam. Ein nicht sehr beruhigender Gedanke, gelinde gesagt. Was, wenn nicht die Schwestern von dem Wunsch betroffen waren, ...sondern er?

Die beiden waren hier hoch gekommen, weil sie sich Sorgen um ihn gemacht hatten. Irgendetwas an seinem Verhalten hatte Piper irritiert, woraufhin sie hinausgegangen war, um mit Phoebe unter vier Augen zu sprechen.

Irgendetwas stimmte mit ihm nicht, irgendetwas war falsch, aber was?

Der junge Mann dachte angestrengt nach, zermaterte sich regelrecht den Kopf darüber, aber natürlich war das völlig sinnlos. Was immer auch an ihm … verändert war, er würde sich vermutlich nicht daran erinnern. Also blieb nur, jemand anderes danach zu fragen.

Mit zwei Schritten brachte er den Rest des Weges zur Tür hinter sich und riss diese schwungvoll auf, um hinaus auf den Flur zu stürmen, stoppte aber abrupt, als er Piper und Phoebe immer noch an Ort und Stelle antraf.

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Die Genie und ihr momentaner Meister standen immer noch im Flur, in Schweigen gehüllt, beide sichtlich bewegt von der Entdeckung die sie gerade gemacht hatten. Seitdem sie Hexen waren, hatten sie mehrfach am eigenen Leibe schmerzlich erfahren müssen, dass es nicht immer leicht war, eine Halliwell zu sein; aber gleichzeitig war es stets die Familie gewesen, die ihnen in diesen schwierigen Zeiten Halt gegeben hatte.

Piper selbst hatte sich nicht nur einmal gewünscht, ein Leben ohne Magie führen zu können, aber dafür ihren Schwestern, ihrer Familie den Rücken zu kehren? Das wäre für sie niemals in Frage gekommen.

Aber Chris' Leben sieht anders aus als meins. Dieser Gedanke brannte sich in Pipers Bewusstsein und versetzte ihr einen Stich ins Herz als sie nun wie gebannt auf die Tür neben ihr starrte, so als könnte sie durch das Holz hindurch ihren Sohn wahrnehmen und so zumindest erahnen, was er in seiner Welt alles durchgemacht hatte.

Sie selbst hatte Phoebe und Paige an ihrer Seite, und früher mit Prue eine große Schwester, zu der sie immer hatte aufsehen können, aber Chris fehlte diese Verbundenheit unter Geschwistern. Derjenige, der ihn beschützen und auf ihn hätte aufpassen sollen, hatte ihn verraten, hatte sie alle verraten und war selbst zu einer Bedrohung geworden.

Wyatt hatte all das, wofür der Name Halliwell stand mit Füssen getreten und erst jetzt fing Piper langsam an zu begreifen, wie sehr sein Bruder unter ihm gelitten haben musste.

So sehr, dass der Schmerz ihn beinahe von innen aufgefressen hatte. Trotz seiner Zeit hier und der Distanz die er damit zwischen sich und Wyatt gebracht hatte, hatte sie stets eine Art dunklen Schatten in ihm wahrgenommen. Anfangs, bevor sie wusste wer er war, hatte sie es nicht einordnen können und befürchtet, dass er eine Bedrohung darstellen könnte, aber nun wusste die Hexe es besser.

Es war all das Leid, der Schmerz, die Schuld und die Verantwortung, die er stets mit sich herumtrug, immer bemüht es zu verbergen, da es in dieser Zeit niemanden gab dem er sich hätte anvertrauen können.

Piper selbst machte sich schon schwere Vorwürfe, dass sie nicht würde verhindern können, dass ihr Sohn zu einem Tyrannen werden würde, aber sie wusste ja nicht einmal genau, was geschehen war. Sie war noch nicht dabei gewesen.

Im Gegensatz zu Chris. Der junge Wächter des Lichts hatte es mit eigenen Augen gesehen, hatte erlebt, wie sein eigener Bruder böse wurde, ohne, dass er etwas dagegen tun konnte. Und nach seinen eigenen Worten zu urteilen, hatte noch nicht einmal der Rest der Familie Verdacht geschöpft, bis es zu spät war.

Piper atmete tief durch um sich zu beruhigen und ihre Gedanken zu ordnen. Noch vor einigen Augenblicken war sie wütend und verletzt gewesen – wütend auf sich selbst und Phoebe, dass sie so unvorsichtig gewesen war, diesen Wunsch auszusprechen, und dass ihre Schwester ihn erfüllt hatte und verletzt darüber, dass Chris sie nicht mehr als seine Mutter erkannte, sich nicht mehr als Teil ihrer Familie sah.

Und auch jetzt waren diese Empfindungen noch da, aber etwas anderes kam langsam dazu, etwas, das immer stärker wurde und ihre Sicht der Dinge grundlegend veränderte.

Mitgefühl. Verständnis.

Was, wenn es so besser war? Wenn Vergessen tatsächlich die einzige Möglichkeit war, dass Chris jemals Frieden finden würde?

Er konnte sich noch an viele Dinge erinnern, ihre Namen, wo er war, was gerade im Haus vor sich ging, vermutlich würde er dann auch noch wissen, dass er hier war um Wyatt zu retten. Was spielte es da für eine Rolle, ob er noch den wahren Grund für sein hier sein kannte?

Wenn es für ihn weniger schmerzhaft war, einen Fremden vor dem Bösen zu retten, als seinen eigenen Bruder, dann würde Piper das akzeptieren. Und noch viel wichtiger, sie würde dafür sorgen, dass auch alle anderen das akzeptierten.

Alle Traurigkeit und Zweifel wichen aus ihren Gesichtszügen und machten einer Entschlossenheit Platz, die sie immer dann ausstrahlte, wenn es um das Wohl ihrer Familie ging. Auch wenn das in diesem Fall darin bestand, dass sie Chris eben nicht mehr zu ihrer Familie zählen durfte.

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Unsicher betrachtete Phoebe ihre Gegenüber. Dank des Tranks, den Chris ihnen vor Monaten besorgt hatte, konnte sie von ihren Schwestern keine Emotionen empfangen, wobei sie bezweifelte, dass das jetzt als Genie überhaupt funktionieren würde, und doch hatte sie noch nie so sehr wie jetzt gewünscht, ihre empathische Fähigkeit einsetzen zu können wie in diesem Moment.

Sie konnte sehen, wie mitgenommen Piper von der neuen Situation war, aber welche Mutter würde es schon leicht nehmen, wenn der eigene Sohn sie vergessen hatte. Allerdings schien irgendetwas in ihr vorzugehen, die Hexe dachte über etwas nach, plante vermutlich schon ihre nächsten Schritte.

Phoebe hoffte, dass sich ihre Schwester schon ihren nächsten Wunsch überlegte, um Chris' Gedächtnisverlust wieder umzukehren und nur noch an der Formulierung arbeitete, um nicht alles aus Versehen noch schlimmer zu machen.

Die Genie wollte etwas sagen, irgendetwas um Pipers Kummer zu lindern und zu verhindern, dass sie sich selbst die Schuld an Chris' schlimmer Vergangenheit gab, aber ihr fiel zur Abwechslung mal nichts ein, was sie hätte sagen können.

Außerdem wusste sie zu wenig über das, was in der Zukunft vorgefallen war, um tatsächlich ausschließen zu können, dass Piper oder auch sie selbst und Paige irgendwie dazu beigetragen hatten, dass Wyatt sich von ihnen abwandte und zu einer Gefahr für die Menschheit wurde.

Chris zufolge hatte er schon als Kind zu Grausamkeit geneigt, aber sie alle waren wohl zu blind gewesen, zu sehr eingenommen von der offensichtlichen Macht des zweifach Gesegneten um das zu erkennen.

„Wir werden ihm nichts sagen." Pipers entschlossen klingende Stimme war es, was Phoebe wieder aus ihren eigenen Überlegungen riss.

„Was?" Verwirrt sah sie ihre Schwester an, überzeugt, dass diese nicht das gemeint haben konnte, wonach es sich angehört hatte. Die Hexe konnte doch unmöglich auch nur in Betracht ziehen, den Wunsch nicht rückgängig zu machen, und Chris so weiterhin im Unklaren über seine wahre Identität zu belassen.

Piper wischte sich energisch die letzten Tränen aus den Augen, bevor sie fort fuhr.

„Wenn die Erinnerung an seine Familie so schmerzhaft für ihn ist, dann, finde ich, sollten wir sie ihm nicht zurückgeben. Er hat schon so viel durchgemacht, Phoebe, und das belastet ihn noch immer. Er hat das Recht auf eine zweite Chance, auf etwas Seelenfrieden und ich werde ihm das nicht zerstören, indem ich ihn wieder daran erinnere, dass Wyatt sein eigener Bruder ist. Wenn es so einfacher für Chris ist, meinetwegen."

Sie hob in einer abwehrenden Geste die Hände, um zu signalisieren, dass das Thema damit für sie erledigt war, aber die Genie war nicht gewillt so schnell aufzugeben.

„Aber Piper, du redest hier über uns, über dich. Chris kann doch nicht einfach seine Familie, sogar seine Mutter vergessen und dann hier ganz normal weiterleben." Piper seufzte schwer, bevor sie ihrer Schwester darauf antwortete.

„Oh doch, Phoebe. Du hast dafür gesorgt, dass er das kann." Die Genie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte, aber sie bekam auch keine Gelegenheit, da in diesem Moment die Tür von Wyatts Zimmer aufgerissen wurde und Chris abrupt neben ihnen zum Stehen kam.

Er hatte wohl nicht erwartet sie noch immer hier vorzufinden und sah die beiden Frauen nun nicht weniger überrascht an, als sie ihn.

Phoebe öffnete den Mund um etwas zu sagen, irgendetwas um Pipers verrückte Idee zunichte zumachen, aber wieder kam sie nicht dazu.

„Pheebs, nach unten in die Flasche mit dir!"

„Was? Also das kannst du gleich wieder ver…. Ja, Meister!" Gegen ihren Willen brach die Genie mitten im Satz ab und sah ihre Schwester noch einmal beleidigt an, bevor sie die Arme vor der Brust verschränkte und in einem Wirbel aus blauem Rauch die Treppe hinunter in Richtung ihrer Flasche verschwand.

Im Gegensatz zu Phoebe schien Chris allerdings kein Problem damit zu haben, wie Piper ihre Kontrolle über ihre Schwester missbrauchte und statt eines beleidigten Blickes erntete sie von ihm daher ein anerkennendes Grinsen.

„Das war cool."

Für einen Moment standen die beiden einfach nur so da, bis sich Chris' Gesichtausdruck schlagartig wieder verdunkelte. Besorgt musterte er die deutlich kleinere Hexe vor sich.

„Ist alles in Ordnung, Piper? Du siehst… mitgenommen aus und ihr, du und Phoebe, wart gerade so merkwürdig. Ist etwas vorgefallen, wie z.B. ein… unbedachter Wunsch oder so etwas?"

Piper konnte seine Besorgnis deutlich spüren und fuhr sich unsicher durch die Haare, wobei sie sich die größte Mühe gab, ihre Nervosität zu verbergen. Chris hatte sich schneller zusammengereimt was los war, als sie gedacht hatte, aber andererseits war er ja auch ein Halliwell, ob er es nun wusste oder nicht. Jetzt musste sie sich nur schnell eine plausible Erklärung ausdenken, bevor er noch Verdacht schöpfte.

„Ach, nein, mach dir keine Sorgen. Phoebe hatte nur so ein merkwürdiges Gefühl, aber ich denke, dass ihre empathischen Fähigkeiten, jetzt da sie eine Genie ist, einfach verrückt spielen. Dir geht's doch gut oder?" Sie wartet, bis er zur Bestätigung nickte. „Na, dann ist doch alles in Ordnung. Mach dir keine Gedanken mehr darüber."

Mit diesen Worten wandte sie sich von dem jungen Wächter des Lichts ab und machte sich auf den Weg nach unten, wobei sie verzweifelt über eine Möglichkeit nachdachte, mit der sie ihre Schwestern am besten von ihrer Idee überzeugen konnte. Phoebe war ja offensichtlich nicht gerade begeistert gewesen, aber hoffentlich würde sie ihre Meinung noch ändern, schließlich war es ja nur zu Chris' Bestem. Obwohl der junge Mann, der sie gerade misstrauisch betrachtete, während sie die Treppe hinunterging, nicht wirklich überzeugt von ihrer Erklärung, davon natürlich nichts ahnte.

tbc